Impfungen und Infektionen
Impfungen lösen keine MS aus und sind bei MS wichtig – aber manche Therapien verändern, wann und welche Impfungen möglich sind. Dazu Infektionen als Risiko unter Immuntherapie und die Lehren aus COVID-19.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
253 Impfungen und Infektionsprävention
Menschen mit MS sollten grundsätzlich entsprechend nationalen Impfempfehlungen geschützt sein. Die ECTRIMS/EAN-Konsensusarbeit formuliert spezifische Strategien für DMTs, Kinder, Schwangere, ältere Menschen und Reisende.
Totimpfstoffe verursachen keine MS-Schübe im Sinne einer etablierten kausalen Beziehung und können unter vielen DMTs gegeben werden. Die Immunantwort kann unter Anti-CD20-Therapie oder S1P-Modulatoren abgeschwächt sein, weshalb der Zeitpunkt relativ zur DMT wichtig ist.
Lebendimpfstoffe sind unter relevanter Immunsuppression kontraindiziert oder müssen mit ausreichendem Abstand vor Therapiebeginn gegeben werden. Deshalb ist der Impfstatus idealerweise vor Beginn einer hochwirksamen Therapie zu vervollständigen.
Varizellenimmunität ist vor S1P-Modulatoren besonders wichtig. Hepatitis-B-Screening ist vor Anti-CD20 erforderlich. HPV-Impfung ist wegen der allgemeinen Krebsprävention relevant, besonders wenn langfristige Immunsuppression geplant ist.
Bei Kindern ist die Behauptung, Routineimpfungen würden MS verursachen, durch aktuelle Daten nicht gestützt. Impfentscheidungen sollten nicht aus Angst vor MS verzögert werden.
254 Impfungen unter den einzelnen Therapieklassen
Vor immunmodulatorischer Therapie sollte der reguläre Impfstatus überprüft werden. Lebendimpfstoffe benötigen besondere Planung und sind unter relevanter Immunsuppression meist kontraindiziert.
Unter Interferon und Glatirameracetat sind Impfantworten im Allgemeinen relativ gut erhalten. Fumarate und Teriflunomid können Antworten beeinflussen, aber meist weniger dramatisch als B-Zell-Depletion. S1P-Modulatoren können humorale und zelluläre Impfantworten reduzieren.
Anti-CD20-Therapien reduzieren besonders die Bildung neuer Antikörper. Der Zeitpunkt zwischen letzter Infusion und Impfung sowie bis zur nächsten Dosis beeinflusst die Antwort. Bei hoher MS-Aktivität darf eine DMT jedoch nicht monatelang nur zur Optimierung eines Antikörpertiters ausgesetzt werden.
Nach AHSCT wird ein strukturiertes Wiederimpfprogramm benötigt, weil immunologisches Gedächtnis teilweise verloren geht. Impfplanung ist daher Bestandteil des Transplantationspfads.
255 MS und Infektionen
Infektionen können echte Schübe triggern oder alte Symptome als Pseudoschub verstärken. Gleichzeitig erhöhen manche DMTs die Infektionsanfälligkeit.
Herpes zoster: Risiko ist unter einigen immunsuppressiven DMTs erhöht. Impfplanung vor Therapie ist wichtig.
Hepatitis B: Anti-CD20 kann HBV reaktivieren. Deshalb ist Screening obligat; bei positiver Serologie kann hepatologische Mitbetreuung und antivirale Prophylaxe notwendig sein.
Tuberkulose: Besonders vor bestimmten Immunrekonstitutionstherapien wird risikoadaptiert getestet.
Varizellen: Vor S1P-Modulatoren muss Immunität gesichert sein. Seronegative Patienten sollten, wenn möglich, vor Immunsuppression geimpft werden.
COVID-19: Die Pandemie zeigte, dass Anti-CD20-Therapien Antikörperantworten auf Impfungen reduzieren können. T-Zell-Antworten können dennoch vorhanden sein. Zeitpunkt von Impfung und Infusion kann die Immunantwort beeinflussen.
256 COVID-19 als Lehre für MS-Immuntherapie
Die Pandemie lieferte in kurzer Zeit große Real-World-Daten darüber, wie DMTs Infektionsschwere und Impfantwort beeinflussen. Anti-CD20-Therapien waren mit höherem Risiko schwerer COVID-Verläufe in mehreren Kohorten assoziiert, besonders bei älteren oder stärker behinderten Patienten. Gleichzeitig schützte Impfung trotz reduzierter Antikörperantwort vor schweren Verläufen.
S1P-Modulatoren reduzierten ebenfalls Impfantworten. Interferone, Glatirameracetat und viele andere DMTs zeigten weniger ausgeprägte Effekte auf schwere COVID-Risiken. Die Pandemie verdeutlichte, dass „Immunsuppression“ kein einheitlicher Zustand ist und unterschiedliche Immunachsen klinisch verschieden wirken.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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