Warum fortschreitende MS schwerer zu behandeln ist und was sich 2026 ändert: Tolebrutinib als erster BTK-Hemmer für nicht-schubförmige SPMS, Fenebrutinib, Remibrutinib und die Rückschläge der Wirkstoffklasse.

  • Abschnitt 183 bis 195 von 441
  • Stand: 29. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

183 Progressive MS: warum sie schwerer zu behandeln ist

Bei progressiver MS ist ein größerer Anteil der Entzündung innerhalb des ZNS kompartimentiert. Peripher wirksame Medikamente erreichen diese Prozesse möglicherweise nur begrenzt. Gleichzeitig ist bereits mehr axonale Reserve verloren.

Ocrelizumab ist für PPMS zugelassen und zeigte in ORATORIO eine moderate, aber signifikante Verzögerung der Progression. Der Effekt ist bei jüngeren Patienten und entzündlicher Aktivität tendenziell stärker.

Siponimod ist für aktive SPMS relevant. Ein Teil seines Nutzens dürfte aus der Unterdrückung fortbestehender Entzündungsaktivität stammen.

Tolebrutinib erweitert 2026 das Spektrum auf SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Dass ein hirngängiger BTK-Hemmer in HERCULES Progression beeinflusste, unterstützt die Hypothese, dass Mikroglia und chronische ZNS-Entzündung therapeutisch erreichbar sind.

Nicht-medikamentöse Therapie ist bei Progression besonders wichtig: Kraft, Ausdauer, Spastikmanagement, Hilfsmittel, Sturzprävention, Blasenmanagement, Schmerztherapie, Kognition und psychosoziale Unterstützung bestimmen Lebensqualität unmittelbar.

184 Progressive MS: PPMS, SPMS, PIRA und die therapeutische Lücke

Warum Progression schwieriger zu behandeln ist

Die meisten klassischen DMTs wurden entwickelt, um periphere Immunzellen daran zu hindern, neue fokale Entzündungsherde im ZNS zu erzeugen. Diese Strategie ist bei jungen Menschen mit aktiver RRMS sehr erfolgreich. Progressive Behinderung kann jedoch zunehmend durch Prozesse getragen werden, die innerhalb des ZNS fortbestehen: chronisch aktive Läsionen, Mikrogliaaktivierung, meningeale Entzündung, mitochondriale Dysfunktion, axonale Energiedefizite und unzureichende Remyelinisierung.

Deshalb kann ein Patient keine Schübe und keine Gadolinium-anreichernden Läsionen mehr haben und trotzdem langsam schlechter gehen. Dieses Phänomen ist nicht notwendigerweise „therapieresistente Entzündung“ im klassischen Sinn. Es kann eine andere biologische Phase derselben Erkrankung widerspiegeln.

PPMS

Primär progrediente MS beginnt mit schleichender Behinderungszunahme ohne vorausgehende typische RRMS-Phase. Häufig dominieren Gangstörung, spastische Paraparese und Rückenmarkssymptome. Das durchschnittliche Erkrankungsalter ist höher als bei RRMS, und die Geschlechterverteilung ist weniger stark weiblich dominiert.

Ocrelizumab ist durch ORATORIO als etablierte krankheitsmodifizierende Therapie der PPMS hervorgegangen. Der Effekt ist real, aber moderater als die Unterdrückung von Schüben bei hochentzündlicher RRMS. Jüngere Patienten und Menschen mit Zeichen entzündlicher Aktivität scheinen biologisch plausibel stärker zu profitieren. Die Therapie kann bereits entstandene schwere axonale Schäden nicht rückgängig machen.

SPMS

Sekundär progrediente MS entwickelt sich nach einer anfänglich schubförmigen Phase. Der Übergang ist oft schleichend und wird rückblickend erkannt. Ein Patient berichtet beispielsweise, dass er seit zwei Jahren trotz fehlender Schübe immer kürzere Strecken gehen kann. EDSS, Timed 25-Foot Walk, Handfunktion und Anamnese helfen, Progression zu objektivieren.

Siponimod ist für aktive SPMS relevant. EXPAND zeigte eine Reduktion bestätigter Behinderungsprogression. Die Definition „aktiv“ bezieht sich auf Schübe und/oder MRT-Aktivität und ist regulatorisch je nach Region relevant.

Tolebrutinib und nicht-schubförmige SPMS

HERCULES markiert einen wichtigen Wendepunkt. In der Phase-3-Studie wurden 1.131 Menschen mit nicht-schubförmiger SPMS randomisiert. Tolebrutinib reduzierte das Risiko einer mindestens sechs Monate bestätigten Behinderungsprogression gegenüber Placebo; 22,6 Prozent der Behandelten und 30,7 Prozent der Placebogruppe erreichten den , entsprechend einer von 0,69.

Tolebrutinib ist ein hirngängiger BTK-Hemmer, der B-Zell- und myeloide Signalwege einschließlich Mikroglia beeinflussen soll. Die Bedeutung liegt darin, dass die Therapie nicht primär auf häufige akute Schübe zielt, sondern auf eine Population mit schwelender Progression. Die EU erteilte Cenrifki am 19. Juni 2026 eine Zulassung für Erwachsene mit SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren.

Der Nutzen muss gegen Lebertoxizität abgewogen werden. In HERCULES traten ALT-Erhöhungen über das Dreifache der oberen Normgrenze häufiger unter Tolebrutinib auf. Die Fachinformation verlangt deshalb ein strukturiertes Lebermonitoring und enthält Risikominimierungsmaßnahmen.

Warum GEMINI ebenso wichtig ist wie HERCULES

In GEMINI 1 und 2 wurde Tolebrutinib bei schubförmiger MS mit Teriflunomid verglichen. Die Studien zeigten nicht einfach eine universelle Überlegenheit des BTK-Konzepts bei allen MS-Formen. Das ist wissenschaftlich wichtig: Ein Wirkstoff kann für schwelende Progression relevant sein, ohne bei klassischer fokaler Entzündung die beste Option zu sein. HERCULES und GEMINI zusammen unterstützen die Vorstellung, dass unterschiedliche Krankheitsmechanismen unterschiedliche therapeutische Stärken verlangen.

185 Progressive MS: was 2026 neu hinzukommt

Die größte ungelöste therapeutische Herausforderung bleibt die langsame Verschlechterung unabhängig von klassischen Schüben. Dafür werden die Begriffe PIRA und „smoldering MS“ verwendet. PIRA bedeutet „progression independent of relapse activity“, also Behinderungszunahme ohne zeitlichen Zusammenhang mit einem Schub.

Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf Entzündung, die im Gehirn und Rückenmark selbst weiterläuft. Mikroglia, B-Zellen in meningealen Strukturen, chronisch aktive Läsionen und langsam expandierende Läsionen sind dabei wichtige Kandidaten.

Eine 2025 veröffentlichte systematische Literaturübersicht zu chronisch aktiven Läsionen fand in 30 eingeschlossenen Publikationen häufige Zusammenhänge zwischen solchen Läsionen und Behinderungszunahme. Bildgebende Marker sind unter anderem paramagnetische Randsaum-Läsionen, slowly expanding lesions und TSPO-PET-Signale. Diese Marker sind vielversprechend, aber noch kein perfekter individueller „Progressionstest“.

186 Tolebrutinib und die neue Ära bei nicht-schubförmiger SPMS

Tolebrutinib ist ein oral verfügbarer, hirngängiger Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer (BTKi). BTK ist in B-Zellen, Makrophagen und Mikroglia funktionell wichtig. Die Hoffnung hinter hirngängigen BTK-Hemmern besteht darin, nicht nur periphere Entzündung, sondern auch chronische Entzündungsprozesse innerhalb des ZNS zu beeinflussen.

Die Phase-III-Studie HERCULES untersuchte 1.131 Menschen mit nicht-schubförmiger sekundär progredienter MS. 754 erhielten Tolebrutinib, 377 Placebo. Nach median 133 Wochen hatten 22,6 Prozent unter Tolebrutinib gegenüber 30,7 Prozent unter Placebo eine über mindestens sechs Monate bestätigte Behinderungsprogression. Die betrug 0,69, entsprechend einer reduktion von 31 Prozent.

Lebertoxizität ist der wichtigste Sicherheitsaspekt. ALT-Erhöhungen über das Dreifache der oberen Normgrenze traten häufiger auf; medikamenteninduzierte Leberschädigung ist ein identifiziertes Risiko. Deshalb sind Leberkontrollen vor und während der Therapie vorgeschrieben.

Die Europäische Kommission erteilte Cenrifki (Tolebrutinib) am 19. Juni 2026 die EU-weite Zulassung für Erwachsene mit SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Damit änderte sich die therapeutische Landschaft für eine Patientengruppe, für die zuvor kaum krankheitsmodifizierende Optionen bestanden.

Wichtig ist, diese Zulassung nicht zu überinterpretieren. Tolebrutinib ist keine Heilung und stellt die bereits entstandene Behinderung nicht automatisch wieder her. Der klinische Nutzen besteht in einer statistischen Verzögerung weiterer Progression. Langzeitdaten zu Sicherheit, Leberrisiko und realer Versorgung werden in den kommenden Jahren entscheidend sein.

187 Tolebrutinib / Cenrifki

Mechanismus Tolebrutinib ist ein oral verfügbarer, hirngängiger Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer. Anders als Anti-CD20-Antikörper, die periphere B-Zellen depletieren, moduliert Tolebrutinib Signalwege in B-Zellen und myeloischen Zellen einschließlich Mikroglia. Das macht den Wirkstoff besonders relevant für die Hypothese der kompartimentierten, schwelenden ZNS-Entzündung.

HERCULES

HERCULES randomisierte 1131 Teilnehmer mit nicht-schubförmiger SPMS. Über median 133 Wochen trat 6-Monats-bestätigte Behinderungsprogression bei 22,6% unter Tolebrutinib und 30,7% unter Placebo auf (HR 0,69; 0,55-0,88; ). Damit wurde erstmals für diese spezifische Population ein überzeugender Phase-III-Effekt gezeigt.

GEMINI 1/2

Bei relapsender MS war Tolebrutinib Teriflunomid hinsichtlich der nicht überlegen. Das ist mechanistisch lehrreich: Ein Medikament kann bei schubförmiger Entzündung keinen Vorteil gegenüber einem Standard zeigen und dennoch bei nicht-schubförmiger Progression wirksam sein. Dadurch wird die Trennung von peripherer Entzündung und smoldering neuroinflammation klinisch greifbar.

Lebertoxizität Transaminasenerhöhungen traten in HERCULES häufiger auf. Seltene schwere Leberschäden in der Entwicklung führten zu Studienunterbrechungen und verschärftem Monitoring. Die EU-Zulassung ist deshalb mit intensivem Lebermonitoring verbunden.

Regulatorischer Status EU: Zulassung am 19.06.2026 für erwachsene SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Australien: 2026 zugelassen. USA: nicht zugelassen; FDA-Complete-Response-Letter im Dezember 2025. Diese Divergenz ist ein wichtiges Beispiel dafür, dass identische Studiendaten von Regulierungsbehörden unterschiedlich gewichtet werden können.

Pädiatrie und Schwangerschaft Keine etablierte pädiatrische Rolle. Schwangerschaftsdaten sind sehr begrenzt; der Wirkstoff ist nicht als Option für Schwangerschaftsmanagement zu betrachten.

188 HERCULES und Tolebrutinib im Detail

HERCULES ist aus mehreren Gründen außergewöhnlich. Erstens wurden Patienten mit nicht-schubförmiger SPMS untersucht – einer Gruppe, bei der viele klassische antiinflammatorische DMTs wenig Nutzen zeigen. Zweitens ist Tolebrutinib hirngängig und zielt auf BTK in B-Zellen und myeloiden Zellen einschließlich Mikroglia. Drittens war der Behinderungsprogression und nicht Schubrate.

1.131 Patienten wurden 2:1 randomisiert. Nach median 133 Wochen trat sechs Monate bestätigte Progression bei 22,6 Prozent unter Tolebrutinib und 30,7 Prozent unter Placebo auf. 0,69, . Damit wurde das Progressionsrisiko relativ um 31 Prozent reduziert.

Die EMA-Zulassung beschränkt sich auf Erwachsene mit SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Das ist wichtig: „nicht schubförmig“ bedeutet nicht zwingend völlige Abwesenheit jeder MRT-Aktivität. Im HERCULES-Programm hatten kleine Anteile Gadoliniumläsionen zu Studienbeginn. Die genaue Übertragbarkeit auf vollständig radiologisch inaktive Patienten bleibt ein wissenschaftlicher Diskussionspunkt.

Lebertoxizität begrenzt die Therapie. ALT-Erhöhungen über das Dreifache der oberen Normgrenze traten bei 4,0 Prozent unter Tolebrutinib und 1,6 Prozent unter Placebo auf. Die EU-Fachinformation verlangt deshalb striktes Lebermonitoring.

Die Zulassung ist ein Proof-of-Concept für das therapeutische Target „smoldering neuroinflammation“. Ob andere BTK-Hemmer ähnliche oder bessere Effekte bei weniger Lebertoxizität erreichen, ist offen.

189 Progressive MS: warum HERCULES wichtig ist

Nicht-schubförmige SPMS war lange eine therapeutische Lücke. Viele etablierte DMTs wirken am stärksten auf periphere fokale Entzündung und zeigen wenig Effekt, wenn Schübe und Gadolinium-Läsionen verschwunden sind.

HERCULES randomisierte 1.131 Teilnehmer mit nicht-schubförmiger SPMS zu Tolebrutinib oder Placebo. Über einen medianen Follow-up von 133 Wochen trat über mindestens sechs Monate bestätigte Behinderungsprogression bei 22,6 Prozent unter Tolebrutinib und 30,7 Prozent unter Placebo auf; die betrug 0,69. Quelle: PMID 40202696, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40202696/

Die Sicherheitsseite ist relevant: ALT-Erhöhungen über das Dreifache der oberen Normgrenze waren häufiger unter Tolebrutinib. Die EU-Zulassung 2026 macht den Wirkstoff zu einem wichtigen neuen Baustein, aber nicht zu einer Heilung. Die absolute Mehrheit der behandelten Patienten verbessert sich nicht spektakulär; Ziel ist die Verringerung des Progressionsrisikos.

190 BTK-Hemmer als Klasse: Erfolge und Rückschläge

BTK wird in B-Zellen und myeloiden Zellen exprimiert. Hirngängige BTK-Hemmer sollen deshalb sowohl periphere B-Zell-Aktivierung als auch ZNS-nahe Mikroglia-/Makrophagenprozesse beeinflussen. Die Klasse wurde zeitweise als möglicher universeller Durchbruch für RRMS und progressive MS betrachtet. Die klinische Entwicklung zeigt ein differenzierteres Bild.

Evobrutinib wurde in evolutionRMS1 und evolutionRMS2 gegen Teriflunomid geprüft. Die Phase-3-Studien zeigten keine Überlegenheit für den primären Wirksamkeitsansatz; zusätzlich traten relevante Leberenzymanstiege auf, einschließlich Fälle, die biochemische Hy’s-law-Kriterien erfüllten. Die publizierte Interpretation lautete, dass Wirksamkeit und leberbezogene Sicherheit die Anwendung von Evobrutinib bei schubförmiger MS nicht unterstützen.

Tolebrutinib scheiterte damit nicht als Klasse, sondern zeigte ein anderes Profil: kein überzeugender Durchbruch gegenüber Teriflunomid bei RMS, aber positiver Effekt auf Behinderungsprogression bei nicht-schubförmiger SPMS. Das macht die Substanz zu einem Beispiel für mechanismusbasierte Phänotypselektion.

Remibrutinib befindet sich beziehungsweise befand sich in Phase-3-Programmen. Präklinische Arbeiten zeigen Effekte auf B-Zell- und myeloid getriebene Neuroinflammation, beweisen aber keine klinische Wirksamkeit. Solange definitive Phase-3-Ergebnisse fehlen, sollte die Substanz als experimentell beschrieben werden.

Fenebrutinib ist ein weiterer BTK-Hemmer in großen klinischen Programmen. Auch hier gilt: Pressemitteilungen oder Kongressmeldungen dürfen nicht mit vollständig peer-reviewten Endergebnissen gleichgesetzt werden. Eine exhaustive Übersicht muss Studienstatus und Evidenzreife kenntlich machen.

191 BTK-Hemmer als Klasse: Erfolg und Scheitern

BTK-Hemmer sollen B-Zell-Signalwege und myeloide Zellen beeinflussen. Hirngängige Vertreter könnten zusätzlich Mikroglia im ZNS erreichen. Das macht die Klasse theoretisch attraktiv für smoldering MS.

Die Entwicklung zeigt jedoch, dass Klassenmechanismus nicht gleich Klassenerfolg bedeutet. Evobrutinib erreichte in den Phase-3-EvolutionRMS-Studien die erwartete Überlegenheit gegenüber Teriflunomid nicht und war mit relevanten Leberproblemen verbunden. Negative Studien sind wissenschaftlich genauso wichtig wie positive, weil sie zeigen, dass BTK-Hemmung allein oder bestimmte pharmakologische Profile nicht automatisch ausreichend sind.

Tolebrutinib unterscheidet sich durch stärkere ZNS-Penetration und zeigte in HERCULES einen Progressionseffekt. Die Frage ist nun, welche Zielzellpopulationen und Expositionsprofile für den Nutzen verantwortlich sind.

192 Fenebrutinib: ein neuer BTK-Hemmer mit Phase-III-Daten

Fenebrutinib ist ein Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer, kurz BTK-Hemmer. Diese Medikamente sollen sowohl B-Zellen als auch bestimmte Immunzellen im zentralen Nervensystem beeinflussen. Das ist interessant, weil klassische DMTs die periphere Entzündung sehr gut bremsen, die schwelende Progression aber weniger zuverlässig stoppen.

Bei schubförmiger MS zeigte Fenebrutinib 2026 in den Phase-III-Studien FENhance 1 und FENhance 2 eine deutlich niedrigere Schubrate als Teriflunomid. Nach Angaben aus den präsentierten Phase-III-Daten lag die relative Reduktion der bei ungefähr 51 beziehungsweise 59 Prozent. Zum Stichtag dieser Fassung ist Fenebrutinib ein Prüfmedikament und nicht als etablierte MS-Therapie zu behandeln.

Besonders interessant ist FENtrepid bei primär progredienter MS. Fenebrutinib wurde dort direkt gegen Ocrelizumab untersucht. Es erreichte das vordefinierte Ziel der Nicht-Unterlegenheit beim kombinierten bestätigten Behinderungsfortschritt. Das bedeutet nicht, dass Fenebrutinib bewiesen besser als Ocrelizumab ist. Es bedeutet, dass die Studie einen vergleichbaren Effekt innerhalb der festgelegten statistischen Grenze zeigen konnte. Eine numerische Risikoreduktion zugunsten Fenebrutinib war sichtbar, muss aber vorsichtig interpretiert werden.

Diese Phase-III-Daten sind relevant, weil Fenebrutinib anders als Ocrelizumab oral eingenommen wird und in das zentrale Nervensystem eindringen kann. Langzeitsicherheit, Lebertoxizität und regulatorische Bewertung bleiben entscheidend.

193 Fenebrutinib – warum die Phase-III-Daten besonders interessant sind

Fenebrutinib ist ebenfalls ein BTK-Hemmer, unterscheidet sich aber pharmakologisch von Remibrutinib und Tolebrutinib. Besonders interessant ist das Entwicklungsprogramm, weil Fenebrutinib sowohl bei schubförmiger MS als auch bei primär progredienter MS (PPMS) untersucht wurde.

Nach den 2026 vorgestellten Phase-III-Ergebnissen reduzierten FENhance 1 und FENhance 2 die gegenüber Teriflunomid. In den vom Hersteller vorgestellten Daten betrug die relative Reduktion 51,1 Prozent beziehungsweise 58,5 Prozent über 96 Wochen. Das sind starke entzündliche Wirksamkeitssignale. Sie dürfen aber nicht in die Aussage übersetzt werden, ein Patient habe dadurch persönlich ein bestimmtes garantiertes Schubrisiko. Relative Gruppenunterschiede aus klinischen Studien sind keine individuelle Vorhersage.

Noch interessanter ist FENtrepid bei PPMS. Dort wurde Fenebrutinib nicht gegen Placebo, sondern gegen Ocrelizumab verglichen. Der war auf ausgelegt. Für die 12-Wochen-bestätigte kombinierte Behinderungsprogression wurde eine von 0,88 gegenüber Ocrelizumab berichtet; das 95-Prozent- lag bei 0,75 bis 1,03. Besonders bei der Handfunktion, gemessen mit dem Nine-Hole Peg Test, wurde ein günstiges Signal berichtet.

Für Patienten ist die korrekte Interpretation wichtig: Eine Nichtunterlegenheitsstudie beantwortet eine andere Frage als eine klassische Überlegenheitsstudie. Das Ergebnis beweist nicht, dass Fenebrutinib Ocrelizumab insgesamt überlegen ist. Es zeigt, dass der vorab definierte Nichtunterlegenheitsendpunkt erreicht wurde. Die mögliche Bedeutung einer wirksamen oralen Therapie für PPMS wäre dennoch groß, weil die Behandlungsmöglichkeiten dort weiterhin wesentlich begrenzter sind als bei schubförmiger MS.

Auch Fenebrutinib war zum Stichtag noch Prüfmedikament. Regulatorische Einreichungen waren angekündigt. Bis zu einer tatsächlichen Zulassung müssen vollständige Daten, Sicherheitsinformationen und Behördenentscheidungen abgewartet werden.

Quellen: Roche, FENtrepid-Mitteilung 07.02.2026; FENhance-1-Mitteilung 02.03.2026; AAN-Datenmitteilung 22.04.2026.

194 Remibrutinib – neue Phase-III-Daten, aber noch keine etablierte MS-Therapie

Remibrutinib gehört zur Gruppe der BTK-Hemmer. BTK steht für Bruton-Tyrosinkinase. Dieses Enzym ist an der Signalübertragung in bestimmten Immunzellen beteiligt, insbesondere in B-Zellen und myeloiden Zellen. Die Hoffnung bei BTK-Hemmern besteht darin, nicht nur Immunreaktionen außerhalb des Gehirns zu beeinflussen, sondern – je nach Substanz und ihrer Fähigkeit, das zentrale Nervensystem zu erreichen – auch Entzündungsprozesse innerhalb von Gehirn und Rückenmark.

Für Patienten ist wichtig, Remibrutinib nicht mit Tolebrutinib oder Fenebrutinib gleichzusetzen. Alle drei gehören zwar zur gleichen größeren Wirkstoffklasse, haben aber unterschiedliche chemische Eigenschaften, Studienprogramme, Wirksamkeitsdaten und Sicherheitsprofile.

Am 1. September 2026 meldete Novartis positive Topline-Ergebnisse der beiden Phase-III-Studien REMODEL-1 und REMODEL-2 bei schubförmiger MS. Nach Angaben des Unternehmens erreichten beide Studien ihren : Remibrutinib senkte die gegenüber Teriflunomid signifikant. Auch wichtige MRT-Endpunkte waren günstiger. In einer vorab geplanten gemeinsamen Auswertung beider Studien wurde außerdem ein positives Signal für bestätigte Behinderungsverschlechterung berichtet.

Diese Ergebnisse sind relevant, aber ihre Einordnung braucht Zurückhaltung. Zum Stichtag dieser Fassung liegen die entscheidenden Phase-III-Ergebnisse noch nicht in dem Umfang als vollständig peer-reviewte Publikation vor, wie dies beispielsweise für ältere Zulassungsstudien der Fall ist. Eine Firmenmitteilung kann die wichtigsten Ergebnisse korrekt wiedergeben, erlaubt aber noch keine unabhängige Detailprüfung aller Subgruppen, fehlenden Daten, statistischen Analysen und seltenen Nebenwirkungen.

Für Patienten bedeutet das: Remibrutinib ist ein vielversprechender Kandidat, aber man sollte es noch nicht so behandeln, als wäre sein endgültiger Platz in der MS-Therapie bereits geklärt. Insbesondere muss sich zeigen, wie es sich im direkten klinischen Alltag gegenüber hochwirksamen Antikörpertherapien, S1P-Modulatoren, Cladribin und anderen oralen Therapien verhält und wie sich das Sicherheitsprofil bei langjähriger Einnahme entwickelt.

Eine weitere wichtige Forschungsfrage ist, ob BTK-Hemmer die sogenannte schwelende oder kompartimentierte Entzündung im zentralen Nervensystem ausreichend beeinflussen. Genau diese Form der Entzündung wird als möglicher Mechanismus hinter PIRA – also einer Verschlechterung unabhängig von Schüben – diskutiert. Eine starke Wirkung auf Schübe bedeutet nicht automatisch, dass auch PIRA oder langfristige Neurodegeneration im gleichen Ausmaß verhindert werden.

Evidenzstatus zum 29.09.2026:

  • positive Phase-III-Topline-Daten bei schubförmiger MS
  • Überlegenheit gegenüber Teriflunomid bei der Schubrate laut Herstellerangaben
  • positive MRT-Daten
  • Behinderungssignale in der kombinierten Analyse
  • noch keine Grundlage, Remibrutinib als etablierte Standardtherapie darzustellen
  • vollständige Publikationen, regulatorische Bewertung und Langzeitdaten bleiben entscheidend.

Quelle: Novartis, REMODEL-1/REMODEL-2 Topline-Mitteilung vom 01.09.2026.

195 Die wichtigste offene therapeutische Lücke

Die größte Errungenschaft der modernen MS-Therapie ist die Kontrolle akuter fokaler Entzündung. Die größte verbleibende Lücke ist die Verhinderung und Umkehr schleichender Behinderung.

Dazu müssen mehrere Prozesse gleichzeitig adressiert werden: chronisch aktive Läsionen, Mikroglia, meningeale Entzündung, mitochondriale Dysfunktion, oxidativer Stress, Energieversagen demyelinisierter Axone, unzureichende Remyelinisierung und Verlust neuronaler Reserve.

Tolebrutinib ist ein wichtiger Schritt, weil erstmals eine hirngängige BTK-Strategie für nicht-schubförmige SPMS regulatorisch erfolgreich wurde. Der Effekt ist jedoch keine Heilung. Remyelinisierungsansätze wie Clemastin, Opicinumab und andere Kandidaten zeigen, wie schwierig funktionelle Reparatur im Menschen ist. Eine 2025/2026 ausgewertete systematische Übersicht umfasste 25 klinische Remyelinisierungsstudien mit 3.341 Teilnehmern und 17 Interventionen. Viele Signale waren biologisch interessant, aber noch nicht ausreichend für eine etablierte reparative Standardtherapie.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27