Schwangerschaft ist mit MS meist möglich. Wie Kinderwunsch und Therapie zusammen geplant werden, was für einzelne Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit gilt und was Männer und Frauen in den Wechseljahren wissen sollten.

  • Abschnitt 257 bis 263 von 441
  • Stand: 29. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

257 Schwangerschaft, Kinderwunsch und Stillzeit

MS betrifft überproportional Frauen im reproduktiven Alter. Moderne Beratung verfolgt nicht mehr das Ziel, Schwangerschaft grundsätzlich zu vermeiden, sondern Krankheitskontrolle und reproduktive Wünsche frühzeitig zusammenzuplanen.

Eine Schwangerschaft ist wegen MS allein in der Regel keine Hochrisikoschwangerschaft. Die Schubrate sinkt bei vielen Frauen im späteren Verlauf der Schwangerschaft, kann nach der Geburt aber wieder ansteigen. Dieses klassische Muster wird durch moderne DMT-Strategien verändert: Ein erheblicher Teil postpartum auftretender Aktivität hängt davon ab, welche Therapie vor Konzeption abgesetzt wurde, wie lange eine Wirklücke besteht und wann die DMT wieder begonnen wird.

Interferon beta und Glatirameracetat besitzen die umfangreichsten Sicherheitsdaten und können in bestimmten Situationen bis zur Konzeption oder während Schwangerschaft beziehungsweise Stillzeit eingesetzt werden. Die exakte Zulassung ist regional zu prüfen.

Natalizumab: Bei hochaktiver MS kann Absetzen zu Rebound führen. Deshalb wird in ausgewählten Fällen eine Fortführung, häufig mit verlängertem Intervall, bis in das dritte Trimenon erwogen. Bei später fetaler Exposition sind neonatale Blutbildveränderungen möglich.

Anti-CD20: Ocrelizumab oder Rituximab vor der Konzeption können durch lang anhaltende B-Zell-Depletion Krankheitskontrolle während eines Teils der Schwangerschaft ermöglichen, obwohl die Arzneimittelkonzentration sinkt. Zeitpunkt, Kontrazeptionsvorgaben und Zulassung müssen individuell beachtet werden. Neuere MSBase-Daten zeigen niedrige Schubraten bei Frauen mit Ocrelizumab-Exposition vor Konzeption und bei aktivem Natalizumab-Management, sind aber .

S1P-Modulatoren: Wegen fetaler Risiken und Reboundgefahr ist Schwangerschaftsplanung komplex. Ein abruptes Absetzen ohne Anschlussstrategie kann gefährlich sein.

Teriflunomid: Schwangerschaft ist kontraindiziert; wegen der langen Elimination kann ein beschleunigtes Eliminationsverfahren erforderlich sein.

Cladribin und Alemtuzumab: Immunrekonstitutionstherapien können strategisch vor einer späteren Schwangerschaft eingesetzt werden, wenn die vorgeschriebenen Abstände eingehalten werden. Das verlangt langfristige Planung.

Stillzeit: Monoklonale Antikörper gehen aufgrund ihrer Größe meist nur in kleinen Mengen in reife Muttermilch über, und die orale Bioverfügbarkeit beim Säugling ist begrenzt. Für mehrere DMTs wächst die Erfahrung. Dennoch unterscheiden sich Zulassung und Evidenz. Bei hochaktiver MS darf der Wunsch zu stillen nicht automatisch zu monatelanger Untertherapie führen.

258 Schwangerschaft, Fertilität und Stillzeit – Vertiefung

Grundsatz

MS verhindert in der Regel weder Schwangerschaft noch Elternschaft. Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Frau mit MS schwanger werden „darf“, sondern wie Krankheitsaktivität und Medikamentenexposition vor Konzeption, während Schwangerschaft und nach Geburt optimal ausbalanciert werden. Besonders bei hochaktiver MS kann unkritisches Absetzen einer wirksamen DMT zu schweren Schüben führen.

Vor der Konzeption

Vor geplanter Schwangerschaft sollten Krankheitsaktivität der letzten Jahre, aktuelles MRT, bisherige Schwere von Schüben, DMT, Washout-Erfordernisse und Rebound-Risiko geprüft werden. Folsäure, Impfstatus und allgemeine präkonzeptionelle Medizin gehören ebenso dazu.

Teriflunomid erfordert wegen reproduktionstoxikologischer Risiken besondere Maßnahmen und gegebenenfalls beschleunigte Elimination. Cladribin und Alemtuzumab werden als Immunrekonstitutionstherapien teilweise so geplant, dass nach vorgeschriebenem Sicherheitsabstand eine behandlungsfreie Schwangerschaft möglich ist. S1P-Modulatoren müssen rechtzeitig abgesetzt werden, können aber Rebound verursachen. Natalizumab kann bei hochaktiver Erkrankung in ausgewählten Fällen in die Schwangerschaft hinein fortgeführt werden, wobei fetale hämatologische Effekte bei später Exposition berücksichtigt werden. Anti-CD20-Therapien lassen sich durch ihr langes biologisches Wirkfenster teilweise präkonzeptionell timen.

Krankheitsaktivität in der Schwangerschaft

Historische Daten zeigen eine Abnahme der Schubrate besonders im dritten Trimester und einen Wiederanstieg postpartal. Moderne Kohorten werden jedoch stark durch DMT-Absetzen beeinflusst. Eine Frau, die Natalizumab oder Fingolimod wegen Schwangerschaft beendet, kann ein anderes Risiko haben als eine unbehandelte Frau mit zuvor milder MS.

Schwere Schübe in der Schwangerschaft können mit Kortikosteroiden behandelt werden, wobei Zeitpunkt, Dosis und maternale/fetale Risiken berücksichtigt werden. Plasmaaustausch ist bei schweren steroidrefraktären Attacken möglich.

Postpartum

Die Monate nach Geburt sind bei Frauen mit zuvor aktiver MS eine vulnerable Phase. Ein Plan für DMT-Neustart sollte bereits vor Entbindung bestehen. Stillwunsch und Krankheitskontrolle müssen gemeinsam bewertet werden. Ausschließliches Stillen kann in manchen Kohorten mit niedrigerer Schubrate assoziiert sein, ersetzt bei hochaktiver Erkrankung aber keine notwendige DMT.

Stillzeit und DMT

Interferon beta und Glatirameracetat besitzen günstige Daten für Stillzeit. Bei monoklonalen Antikörpern ist der Übergang in Muttermilch aufgrund der Molekülgröße meist gering; die klinische Datenlage wächst, unterscheidet sich aber je Substanz. Orale kleine Moleküle wie S1P-Modulatoren, Teriflunomid oder Cladribin erfordern strengere Einschränkungen. Aktuelle Fachinformationen und spezialisierte Beratung sind entscheidend.

Männer mit MS und Familienplanung

Auch Männer benötigen Beratung. Manche Medikamente haben Vorgaben zur Kontrazeption oder potenzielle Effekte auf Spermien. Darüber hinaus können Fatigue, Sexualstörung und psychische Belastung Familienplanung beeinflussen. Die Annahme, Reproduktionsberatung sei ausschließlich ein Frauenthema, ist falsch.

259 Schwangerschaft und Stillzeit: substanzbezogene Einordnung

Interferon beta und Glatirameracetat

  • größte Erfahrung und kein überzeugendes großes teratogenes Signal.
  • je nach Produktinformation und Krankheitsaktivität Fortführung in Schwangerschaft/Stillzeit möglich.

Teriflunomid

  • kontraindiziert; wegen langer Persistenz beschleunigte Elimination relevant.

Dimethylfumarat/Diroximelfumarat

  • zunehmende, aber kleinere Datenbasis; wegen kurzer Pharmakokinetik gut absetzbar.
  • häufig Pausierung nach Schwangerschaftsnachweis, sofern Krankheitsaktivität dies zulässt.

Fingolimod/S1P-Modulatoren

  • Schwangerschaft kontraindiziert.
  • vor Konzeption produktspezifischer Washout.
  • Fingolimod-Absetzen erfordert wegen Rebound-Risiko besonders sorgfältigen Therapieplan.

Natalizumab

  • bei hochaktiver MS kann Fortführung mit verlängerten Intervallen in die Schwangerschaft hinein sinnvoller sein als abruptes Absetzen.
  • Spätexposition kann neonatale Zytopenien verursachen.

Anti-CD20

  • präkonzeptionelle Gabe kann bei hochaktiver MS ein langes Krankheitskontrollfenster erzeugen.
  • spätere Schwangerschaftsexposition kann neonatale B-Zell-Depletion verursachen.
  • Impfplanung des Säuglings muss dann angepasst werden.
  • Stilldaten sind zunehmend beruhigend, müssen aber substanz- und leitlinienspezifisch interpretiert werden.

Cladribin

  • keine Schwangerschaft während Exposition und im vorgeschriebenen Sicherheitsintervall.
  • planbare behandlungsfreie Phase nach abgeschlossenen Jahreskursen ist ein potenzieller strategischer Vorteil.

Alemtuzumab

  • Schwangerschaft erst nach vorgeschriebenem Sicherheitsintervall; zusätzlich Schilddrüsenautoimmunität beachten.

Tolebrutinib

  • keine etablierte Schwangerschaftsstrategie; sehr begrenzte Daten.

Mitoxantron/Cyclophosphamid

  • erhebliche reproduktionstoxische und gonadotoxische Risiken; Fertilitätserhalt muss vor Einsatz diskutiert werden.

Kinderwunsch, Schwangerschaft, Stillzeit: was der Ratgeber je Wirkstoff sagt

Wählen Sie einen Wirkstoff. Sie sehen, was der Ratgeber zur Planung vor der Empfängnis, zur Schwangerschaft und zur Stillzeit sagt. Die Übersicht ist keine Rangliste, enthält keine Dosierungen und ersetzt nicht die aktuelle Fachinformation und die spezialisierte Beratung.

Interferon beta und Glatirameracetat

Kinderwunsch und Planung

Größte Erfahrung und kein überzeugendes großes Signal für Fehlbildungen beim Kind (teratogenes Signal).
Können in bestimmten Situationen bis zur Empfängnis (Konzeption) eingesetzt werden. Die genaue Zulassung ist regional zu prüfen.

Schwangerschaft

Je nach Produktinformation und Krankheitsaktivität ist eine Fortführung in der Schwangerschaft möglich.

Stillzeit

Günstige Daten für die Stillzeit; je nach Produktinformation und Krankheitsaktivität ist eine Fortführung möglich.

Schnelltabelle des Ratgebers: Interferon beta „vergleichsweise große Sicherheitsdatenbasis; Fortführung je Risikoabwägung möglich“; Glatirameracetat „sehr große Expositionserfahrung, häufig bevorzugte Option bei Schwangerschaft“.

Teriflunomid

Kinderwunsch und Planung

Wegen Risiken für das Ungeborene sind besondere Maßnahmen nötig.
Der Wirkstoff bleibt lange im Körper. Deshalb kann ein Verfahren zur beschleunigten Ausscheidung (beschleunigte Elimination) erforderlich sein.

Schwangerschaft

Kontraindiziert – darf in der Schwangerschaft nicht angewendet werden.

Stillzeit

Orale kleine Moleküle wie Teriflunomid erfordern strengere Einschränkungen.

Schnelltabelle des Ratgebers: „kontraindiziert; beschleunigte Elimination zentral“.

Dimethylfumarat und Diroximelfumarat

Kinderwunsch und Planung

Zunehmende, aber kleinere Datenbasis.
Wegen der kurzen Verweildauer im Körper (kurze Pharmakokinetik) gut absetzbar.

Schwangerschaft

Häufig Pause nach dem Schwangerschaftsnachweis, sofern die Krankheitsaktivität dies zulässt.

Stillzeit

Im Ratgeber keine eigene Aussage zu diesen Wirkstoffen.

Schnelltabelle des Ratgebers: Dimethylfumarat „wachsende, aber kleinere Datenbasis als IFN/GA“ (also als Interferon und Glatirameracetat); Diroximelfumarat „begrenzte direkte Daten“.

Fingolimod und andere S1P-Modulatoren (Siponimod, Ozanimod, Ponesimod)

Kinderwunsch und Planung

Vor der Empfängnis ist eine produktspezifische Auswaschphase (Washout) nötig – eine geplante Pause, bis das Medikament nicht mehr wirkt.
Nach dem Absetzen kann es zu überschießender Krankheitsaktivität kommen (Rebound), bei Fingolimod am besten belegt. Das Absetzen braucht deshalb einen besonders sorgfältigen Therapieplan; abruptes Absetzen ohne Anschlussstrategie kann gefährlich sein.

Schwangerschaft

Kontraindiziert – darf in der Schwangerschaft nicht angewendet werden.
Eine Frau, die Fingolimod wegen der Schwangerschaft beendet, kann ein anderes Risiko haben als eine unbehandelte Frau mit zuvor milder MS.

Stillzeit

Orale kleine Moleküle wie S1P-Modulatoren erfordern strengere Einschränkungen.

Schnelltabelle des Ratgebers: Fingolimod „kontraindiziert; Washout und Rebound-Plan“; Siponimod „kontraindiziert; produktspezifischer Washout“; Ozanimod und Ponesimod „kontraindiziert; Washout“.

Natalizumab

Kinderwunsch und Planung

Bei hochaktiver MS kann Absetzen zu überschießender Krankheitsaktivität (Rebound) führen.
Bei hochaktiver Erkrankung kann Natalizumab in ausgewählten Fällen in die Schwangerschaft hinein fortgeführt werden.

Schwangerschaft

Fortführung mit verlängerten Abständen zwischen den Gaben kann sinnvoller sein als abruptes Absetzen; erwogen wird sie in ausgewählten Fällen bis in das dritte Schwangerschaftsdrittel (Trimenon).
Eine späte Exposition kann beim Neugeborenen zu Blutbildveränderungen führen (neonatale Zytopenien, also zu wenige Blutzellen).
Neuere MSBase-Registerdaten zeigen niedrige Schubraten bei aktivem Natalizumab-Management – es sind aber .

Stillzeit

Keine eigene Aussage nur zu Natalizumab. Für monoklonale Antikörper allgemein – Natalizumab ist einer – sagt der Ratgeber: Wegen ihrer Größe gehen sie meist nur in kleinen Mengen in reife Muttermilch über, und der Säugling nimmt sie über den Darm nur begrenzt auf. Die Datenlage wächst, unterscheidet sich aber je Substanz.

Schnelltabelle des Ratgebers: „bei hochaktiver MS selektiv fortführbar; neonatale Blutbildrisiken spät“.

Anti-CD20-Therapien (Ocrelizumab, Rituximab, Ofatumumab, Ublituximab)

Kinderwunsch und Planung

Eine Gabe vor der Empfängnis kann bei hochaktiver MS ein langes Fenster der Krankheitskontrolle erzeugen, weil die B-Zellen – eine Gruppe von Abwehrzellen – lange vermindert bleiben.
Zeitpunkt, Vorgaben zur Verhütung und Zulassung müssen individuell beachtet werden.
Neuere MSBase-Daten zeigen niedrige Schubraten bei Frauen mit Ocrelizumab vor der Empfängnis – es sind Beobachtungsdaten.

Schwangerschaft

Eine spätere Exposition in der Schwangerschaft kann beim Neugeborenen die B-Zellen vermindern (neonatale B-Zell-Depletion).
Die Impfplanung des Säuglings muss dann angepasst werden.

Stillzeit

Die Stilldaten sind zunehmend beruhigend, müssen aber je Substanz und Leitlinie eingeordnet werden.

Schnelltabelle des Ratgebers: Ocrelizumab „präkonzeptionelle Strategie möglich; spätexponierte Säuglinge auf B-Zellen/Impfung achten“; Rituximab „umfangreiche Klassen-/Fremdindikationsdaten; präkonzeptionell nutzbar“; Ofatumumab „Klassenprinzip Anti-CD20“; Ublituximab „sehr begrenzte direkte Schwangerschaftsdaten“.

Cladribin

Kinderwunsch und Planung

Cladribin ist eine Immunrekonstitutionstherapie: Wenige Behandlungszyklen verändern das Immunsystem langfristig.
Die planbare behandlungsfreie Phase nach abgeschlossenen Jahreskursen ist ein möglicher strategischer Vorteil. Das verlangt langfristige Planung und das Einhalten der vorgeschriebenen Abstände.

Schwangerschaft

Keine Schwangerschaft während der Behandlung und im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand danach.

Stillzeit

Orale kleine Moleküle wie Cladribin erfordern strengere Einschränkungen.

Schnelltabelle des Ratgebers: „kontraindiziert in Expositionsfenstern; Schwangerschaft nach Sicherheitsintervall planbar“.

Alemtuzumab

Kinderwunsch und Planung

Als Immunrekonstitutionstherapie kann Alemtuzumab strategisch vor einer späteren Schwangerschaft eingesetzt werden, wenn die vorgeschriebenen Abstände eingehalten werden. Das verlangt langfristige Planung.

Schwangerschaft

Schwangerschaft erst nach dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand; zusätzlich ist auf Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse zu achten.

Stillzeit

Im Ratgeber keine eigene Aussage zu diesem Wirkstoff.

Schnelltabelle des Ratgebers: „Schwangerschaft erst nach Sicherheitsintervall“.

Tolebrutinib

Kinderwunsch und Planung

Keine etablierte Schwangerschaftsstrategie; sehr begrenzte Daten.

Schwangerschaft

Keine etablierte Schwangerschaftsstrategie; sehr begrenzte Daten.

Stillzeit

Im Ratgeber keine eigene Aussage zu diesem Wirkstoff.

Schnelltabelle des Ratgebers: „unzureichende Daten“.

Mitoxantron und Cyclophosphamid

Kinderwunsch und Planung

Erhebliche Risiken für Fortpflanzung und Keimdrüsen (reproduktionstoxisch und gonadotoxisch).
Maßnahmen zum Erhalt der Fruchtbarkeit müssen vor dem Einsatz besprochen werden.

Schwangerschaft

Im Ratgeber keine eigene Aussage über die genannten Risiken hinaus.

Stillzeit

Im Ratgeber keine eigene Aussage zu diesen Wirkstoffen.

Schnelltabelle des Ratgebers (nur Mitoxantron): „reproduktionstoxisch/gonadotoxisch“.

Für alle Wirkstoffe: früh gemeinsam planen – nicht einfach absetzen

MS verhindert in der Regel weder Schwangerschaft noch Elternschaft, und wegen MS allein ist eine Schwangerschaft in der Regel keine Hochrisikoschwangerschaft. Ziel der Beratung ist, Krankheitskontrolle und Kinderwunsch frühzeitig zusammenzuplanen.

Vor der Empfängnis werden die Krankheitsaktivität der letzten Jahre, ein aktuelles MRT, die bisherige Schwere der Schübe, die laufende DMT, nötige Auswaschphasen und das Rebound-Risiko geprüft. Folsäure, Impfstatus und die allgemeine Vorsorge vor der Schwangerschaft gehören dazu. Besonders bei hochaktiver MS kann unkritisches Absetzen einer wirksamen DMT zu schweren Schüben führen.

In der Schwangerschaft sinkt die Schubrate bei vielen Frauen, besonders im letzten Drittel. Schwere Schübe können mit Kortison-Präparaten (Kortikosteroiden) behandelt werden; bei schweren Schüben, die darauf nicht ansprechen, ist ein Plasmaaustausch möglich.

Nach der Geburt kann die Schubrate wieder ansteigen; die Monate danach sind bei zuvor aktiver MS eine verletzliche Phase. Ein erheblicher Teil dieser Aktivität hängt davon ab, welche Therapie vorher abgesetzt wurde, wie lange eine Wirklücke besteht und wann die DMT wieder beginnt. Ein Plan für den Neustart sollte deshalb schon vor der Entbindung bestehen.

Stillen: Stillwunsch und Krankheitskontrolle werden gemeinsam bewertet. Ausschließliches Stillen kann in manchen Beobachtungen mit einer niedrigeren Schubrate einhergehen, ersetzt bei hochaktiver Erkrankung aber keine notwendige DMT und darf nicht automatisch zu monatelanger Untertherapie führen.

Männer mit Kinderwunsch brauchen ebenfalls Beratung. Einige Medikamente verlangen auch bei Männern Verhütung oder zeitliche Abstände, je nach Fachinformation. MS selbst macht nicht automatisch unfruchtbar. Vor einer Stammzelltransplantation (AHSCT) sollte das Einfrieren von Samen- beziehungsweise Eizellen besprochen werden, weil die vorbereitende Chemotherapie die Fruchtbarkeit schädigen kann.

Die genaue Zulassung ist regional verschieden; maßgeblich sind die aktuelle Fachinformation und spezialisierte Beratung. Die Reihenfolge der Wirkstoffe ist keine Rangfolge.

Zusammengestellt aus den Abschnitten zu Schwangerschaft, Kinderwunsch und Stillzeit, der substanzbezogenen Einordnung und der Schnelltabelle dieses Ratgebers. Wo der Ratgeber zu einer Phase nichts Eigenes sagt, steht das ausdrücklich da – eine fehlende Aussage heißt weder „unbedenklich“ noch „verboten“.

260 Kinderwunsch bei Männern mit MS

Reproduktionsberatung betrifft nicht nur Frauen. Einige Medikamente erfordern auch bei Männern Kontrazeptionsmaßnahmen oder zeitliche Abstände, abhängig von Fachinformation und genotoxischem Potenzial.

MS selbst verursacht nicht automatisch männliche Infertilität. Sexualfunktion kann jedoch durch neurologische Symptome, Fatigue, Depression oder Medikamente beeinträchtigt werden.

Bei geplanter AHSCT kann die Konditionierungschemotherapie Fertilität schädigen. Kryokonservierung von Spermien beziehungsweise Eizellen sollte vor Behandlung besprochen werden.

261 Männer mit MS: Sexualität, Fertilität und Familienplanung

Männer sind seltener von schubförmiger MS betroffen als Frauen, können aber im Mittel andere Verlaufsprofile zeigen. Für die Versorgung ist wichtig, Sexual- und Reproduktionsmedizin nicht auf Schwangerschaft bei Frauen zu reduzieren.

Eine von 2024 identifizierte 34 Studien zur männlichen Sexual- und Reproduktionsgesundheit. Sexuelle Dysfunktion wurde in etwa 35 bis 72 Prozent beschrieben. Besonders häufig waren erektile Dysfunktion und verminderte Libido; Behinderung und Depression waren wichtige Begleitfaktoren. Nur ein Teil der Betroffenen spricht das Thema mit dem Behandlungsteam an. PDE-5-Hemmer können bei erektiler Dysfunktion wirksam sein. Quelle: PMID 38416171, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38416171/

Die Ursachen sind mehrdimensional. Primäre neurologische Sexualstörungen entstehen durch Läsionen in spinalen oder supraspinalen Netzwerken. Sekundäre Faktoren sind Fatigue, Spastik, Schmerz, Blasenprobleme und Medikamentennebenwirkungen. Tertiäre Faktoren umfassen Depression, Körperbild, Partnerschaftskonflikte und Angst vor Versagen.

Zur männlichen Fertilität ist die Evidenz weniger robust. Entzündung, Hormonveränderungen, sexuelle Funktionsstörung und bestimmte Medikamente können eine Rolle spielen. Bei DMTs muss zwischen mütterlicher und väterlicher Exposition unterschieden werden; teratogene Risiken lassen sich nicht automatisch von einer Schwangeren auf einen behandelten Vater übertragen. Für einzelne Substanzen gelten dennoch spezifische regulatorische Empfehlungen. Eine strukturierte Familienplanung sollte deshalb auch Männer einschließen.

262 Reproduktive Gesundheit: Verhütung, Kinderwunsch, Männer und Menopause

Schwangerschaft ist nur ein Teil der reproduktiven Versorgung.

Bei Frauen gehören auch sichere Verhütung unter potenziell fruchtschädigenden Medikamenten, Menstruationsbeschwerden, Fertilitätsplanung, assistierte Reproduktion, Stillzeit und Menopause dazu. Eine 2026 veröffentlichte klinische Übersicht sichtete 774 Arbeiten zu Schwangerschaft und reproduktiver Gesundheit bei MS und betont, dass DMT-Planung heute häufig so gestaltet werden kann, dass Krankheitskontrolle und Kinderwunsch besser miteinander vereinbar sind. PMID 42710796.

Eine 2026 veröffentlichte zur Menopause zeigt, dass Wechseljahresbeschwerden und MS-Symptome sich überlagern können. Fatigue, Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmung und Kognition können dadurch schwerer einzuordnen sein. PMID 41529424.

Auch Männer benötigen reproduktionsmedizinische Beratung. Eine Scoping Review identifizierte 34 Studien zu sexueller und reproduktiver Gesundheit von Männern mit MS. Themen sind erektile Dysfunktion, Libido, Fertilität und Familienplanung. PMID 38416171.

Hormonelle Verhütung erhöht nach einer 2026 publizierten und das MS-Erkrankungsrisiko nach Adjustierung nicht eindeutig. PMID 41820708. Das ist eine Frage des Erkrankungsrisikos, nicht automatisch des Verlaufs einer bereits bestehenden MS.

263 Menopause, Alterung und Frauengesundheit

Menopause und MS überlappen symptomatisch. Hitzewallungen können das Uhthoff-Phänomen verstärken; Schlafstörungen verschlechtern Fatigue und Kognition; urogenitale Symptome können mit neurogener Blasenstörung verwechselt werden; Stimmungsschwankungen können sowohl hormonell als auch MS-bedingt sein.

Eine 2026 publizierte wertete 19 Studien aus. Insgesamt nahm die Schubaktivität nach der Menopause eher ab, während Marker von Neurodegeneration, Funktionsverlust und Symptomlast zunahmen. Die entscheidende methodische Schwierigkeit ist die Trennung von Menopause und chronologischem Alter. Quelle: PMID 41529424, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41529424/

Menopausale Hormontherapie ist keine etablierte MS-DMT. Ihre Entscheidung richtet sich primär nach allgemeinen gynäkologischen Nutzen-Risiko-Kriterien. Forschungsfragen betreffen mögliche neuroprotektive Wirkungen von Östrogenen, Gefäßgesundheit, Knochen und Kognition.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27