Anti-CD20-Therapien
Ocrelizumab, Ofatumumab, Ublituximab und Rituximab: wie die B-Zell-Therapien wirken, was die großen Studien zeigen, was bei langer Anwendung zu beachten ist und was der direkte Vergleich Rituximab gegen Ocrelizumab ergab.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
158 Anti-CD20-Therapien: Ocrelizumab, Ofatumumab, Ublituximab und Rituximab
Anti-CD20-Therapien haben die MS-Behandlung grundlegend verändert. Sie depletieren CD20-positive B-Zellen und reduzieren fokale Entzündungsaktivität sehr stark.
Ocrelizumab wird intravenös gegeben. In OPERA I und II lag die bei 0,16 gegenüber 0,29 unter Interferon beta-1a; auch bestätigte Behinderungsprogression und MRT-Aktivität waren reduziert. Ocrelizumab ist außerdem für PPMS zugelassen. In ORATORIO lag die 12-Wochen-bestätigte Progression bei 32,9 Prozent gegenüber 39,3 Prozent unter Placebo.
Ofatumumab wird subkutan verabreicht. ASCLEPIOS I und II verglichen es mit Teriflunomid und zeigten eine starke Reduktion von Schüben und MRT-Aktivität. Die Selbstinjektion zu Hause ist für viele Patienten praktisch.
Ublituximab ist ein glykoengineerter Anti-CD20-Antikörper. In ULTIMATE I und II waren die jährlichen Schubraten gegenüber Teriflunomid deutlich niedriger und Gadolinium-Läsionen stark reduziert. Der Unterschied bei bestätigter Behinderungsverschlechterung war in der gepoolten Analyse nicht signifikant. Infusionsreaktionen waren häufig.
Rituximab ist ein älterer chimärer Anti-CD20-Antikörper und in vielen Ländern für MS off-label. Besonders skandinavische Register zeigen umfangreiche Real-World-Erfahrung. In Schweden ist Rituximab bei POMS mit sehr hoher Therapiepersistenz verbunden.
Gemeinsame Sicherheitsaspekte: Infusions- oder Injektionsreaktionen, Infektionen, Reaktivierung von Hepatitis B, reduzierte Impfantwort und bei Langzeittherapie Hypogammaglobulinämie. Vor Beginn werden Hepatitis-B-Serologie und Impfstatus geprüft. Immunglobuline sollten bei langfristiger B-Zell-Depletion überwacht werden, besonders bei wiederkehrenden Infektionen.
Pädiatrie: Eine systematische Übersicht von 2024 identifizierte 12 Rituximab-Studien mit 328 und sechs Ocrelizumab-Studien mit 106 POMS-Patienten. Die Daten sprechen für starke Reduktion von Schüben und Läsionen, sind aber überwiegend nicht randomisiert. Langfristige Fragen betreffen Immunglobuline, Infektionen, Impfantwort, Fertilität, Schwangerschaft und die Folgen jahrelanger B-Zell-Depletion ab dem Jugendalter.
159 Ocrelizumab
Ocrelizumab ist ein humanisierter Anti-CD20-Antikörper, der B-Zellen depletiert, während Stammzellen und terminal differenzierte Plasmazellen CD20 nicht beziehungsweise kaum exprimieren. OPERA I und II zeigten bei schubförmiger MS eine deutliche Überlegenheit gegenüber Interferon beta-1a. ORATORIO zeigte bei PPMS eine Reduktion des Risikos bestätigter Behinderungsprogression gegenüber Placebo und etablierte Ocrelizumab als erste breit anerkannte DMT für PPMS.
Vor Beginn sind Hepatitis-B-Screening, Impfstatus und Basislabor wichtig. Infusionsreaktionen sind häufig, besonders bei der ersten Gabe. Langfristig stehen Infektionen, Hypogammaglobulinämie und die Frage kumulativer Immunsuppression im Mittelpunkt. Immunglobuline sollten insbesondere bei wiederkehrenden Infekten und langer Therapiedauer verfolgt werden. Impfantworten können unter B-Zell-Depletion reduziert sein, weshalb notwendige Impfungen möglichst vor Therapiebeginn geplant werden.
In POMS wird Ocrelizumab in spezialisierten Zentren off-label eingesetzt, wenn die Krankheitsaktivität hoch ist. sprechen für starke Krankheitskontrolle, randomisierte pädiatrische Daten sind jedoch wesentlich begrenzter als bei Fingolimod. Deshalb müssen Nutzen, unbekannte Langzeitfolgen einer B-Zell-Depletion ab Jugendalter und die Gefahr unzureichender Behandlung gegeneinander abgewogen werden.
160 Ocrelizumab – Studienlage und Zulassung
Mechanismus Ocrelizumab depletiert CD20-positive B-Zellen und lässt Stammzellen sowie reife Plasmazellen weitgehend bestehen. Die Therapie wirkt damit auf Antigenpräsentation, Zytokinproduktion und B-T-Zell-Interaktionen, ohne die gesamte Antikörperproduktion unmittelbar zu eliminieren.
OPERA I/II
In zwei identisch aufgebauten Phase-III-Studien lag die unter Ocrelizumab bei 0,16 und unter Interferon beta-1a bei 0,29, entsprechend 46% bzw. 47% relativer Reduktion. In der gepoolten Analyse wurde auch die 12- und 24-Wochen-bestätigte Behinderungsprogression reduziert. Gadolinium-Läsionen wurden um mehr als 90% reduziert.
ORATORIO
Ocrelizumab war die erste Therapie mit überzeugendem Phase-III-Nachweis bei PPMS. Der Effekt auf bestätigte Behinderungsprogression war moderater als die Entzündungsunterdrückung bei RMS, aber klinisch relevant. Der Nutzen war besonders plausibel bei jüngeren Patienten und vorhandenen inflammatorischen Merkmalen, was sich in der europäischen Indikation für frühe PPMS mit Bildgebungszeichen entzündlicher Aktivität widerspiegelt.
Pädiatrie 2026 Am 17. September 2026 empfahl der CHMP die Indikationserweiterung auf Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren mit aktiver RMS. Grundlage ist das pädiatrische OPERETTA-Programm, einschließlich Phase III. Am Stichtag 28. September 2026 ist dies eine positive regulatorische Empfehlung, aber noch nicht die endgültige EU-Zulassungsentscheidung der Europäischen Kommission. In den USA weist die aktuelle Fachinformation weiterhin aus, dass pädiatrische Sicherheit und Wirksamkeit nicht etabliert sind.
Monitoring und Langzeitsicherheit Vor Beginn: HBV-Screening, quantitative Immunglobuline, Impfstatus und Ausschluss aktiver Infektion. Während der Therapie werden Infektionen, Immunglobuline und klinisch relevante Leberveränderungen überwacht. Die kumulative B-Zell-Depletion kann vor allem bei älteren Patienten oder niedrigen Ausgangs-IgG-Werten zu Hypogammaglobulinämie und Infektionsproblemen führen. Das hat das Interesse an verlängerten Dosierungsintervallen und individualisiertem B-Zell-/Ig-gesteuertem Dosing verstärkt; die optimale Strategie ist noch nicht abschließend durch RCTs definiert.
Schwangerschaft Ein verbreitetes Konzept ist die zeitlich geplante Gabe vor der Konzeption: Wegen der langen biologischen Wirkung, aber begrenzter plazentarer IgG-Übertragung im frühen ersten Trimester kann ein Krankheitskontrollfenster entstehen. Spätere Schwangerschaftsexposition kann fetale/neonatale B-Zell-Depletion verursachen. Lebendimpfungen exponierter Säuglinge müssen gegebenenfalls bis zur Immunrekonstitution verschoben werden.
Subkutane Form In den USA ist Ocrevus Zunovo seit 2024 als subkutane Kombination aus Ocrelizumab und Hyaluronidase zugelassen. Das verändert die Logistik, nicht den grundlegenden Anti-CD20-Mechanismus.
161 Ofatumumab
Ofatumumab ist ein vollständig humaner Anti-CD20-Antikörper zur subkutanen Selbstinjektion. ASCLEPIOS I und II zeigten gegenüber Teriflunomid eine deutlich niedrigere Schubrate und stärkere MRT-Unterdrückung. Langzeitdaten aus ALITHIOS reichen inzwischen über mehrere Jahre. Bei kürzlich diagnostizierten therapienaiven Patienten blieb die MRT-Aktivität über sechs Jahre nahezu vollständig unterdrückt; die mittleren IgG-Spiegel blieben in der publizierten Kohorte weitgehend stabil, während IgM häufiger sank.
Das Monitoring ähnelt grundsätzlich anderen Anti-CD20-Therapien: Infektionsanamnese, Hepatitis-B-Screening, Immunglobuline, Blutbild und Impfplanung. Injektionsbezogene systemische Reaktionen treten besonders zu Beginn auf. Die monatliche subkutane Gabe vermeidet Infusionszentren, erfordert aber zuverlässige Selbstanwendung und kontinuierliche Therapieadhärenz.
162 Ofatumumab – Studienlage und Zulassung
Ofatumumab ist ein vollständig humaner Anti-CD20-Antikörper, der nach drei wöchentlichen Initialdosen monatlich subkutan gegeben wird. Die Selbstinjektion ermöglicht eine andere Versorgungslogistik als halbjährliche Infusionen.
ASCLEPIOS I/II
Die beiden pivotalen Studien randomisierten 1882 Patienten gegen Teriflunomid. Die lag unter Ofatumumab bei 0,11 bzw. 0,10 und unter Teriflunomid bei 0,22 bzw. 0,25. In der gepoolten Analyse trat 3-Monats-bestätigte Behinderungsverschlechterung bei 10,9% versus 15,0% auf (HR 0,66), 6-Monats-bestätigte Verschlechterung bei 8,1% versus 12,0% (HR 0,68). MRT-Aktivität und Serum-NfL wurden stark reduziert.
Langzeitprogramm ALITHIOS liefert Langzeitdaten zur fortgesetzten B-Zell-Depletion. Wie bei Ocrelizumab stehen kumulative Infektionsrisiken, Immunglobuline und Impfantwort im Mittelpunkt. Das monatliche Intervall führt zu kontinuierlicher Depletion; ein unmittelbarer Wirksamkeitsvergleich mit Ocrelizumab existiert nicht in Form eines großen Zulassungs-RCTs.
Monitoring Vor Beginn: HBV-Screening, Immunglobuline, Impfstatus, Ausschluss aktiver Infektion. Währenddessen: Infektionen, Immunglobuline bei klinischem Anlass bzw. nach lokalem Standard, Reaktionen auf die Injektion und selten Leberprobleme. Lebendimpfstoffe werden während B-Zell-Depletion vermieden.
Schwangerschaft Wie bei anderen Anti-CD20-Antikörpern ist eine geplante Exposition vor Konzeption eine mögliche Strategie bei hochaktiver MS. Direkte Schwangerschaftsdaten sind kleiner als für ältere DMTs. Bei Exposition in späteren Schwangerschaftsphasen ist an neonatale B-Zell-Depletion und Impfplanung zu denken.
Pädiatrie 2026 keine reguläre pädiatrische Zulassung in EU oder USA. Pädiatrische Studien laufen bzw. wurden durchgeführt; bis zur formalen Zulassung bleibt die Anwendung off-label.
163 Ublituximab
Ublituximab ist ein glykoengineerter Anti-CD20-Antikörper. ULTIMATE I und II verglichen Ublituximab mit Teriflunomid und zeigten eine deutlich stärkere Reduktion der und MRT-Aktivität. Wie bei anderen B-Zell-depletierenden Therapien sind Infusionsreaktionen, Infektionen, Hepatitis-B-Reaktivierung und langfristige Immunglobulinveränderungen zentrale Sicherheitsfragen.
Die Existenz mehrerer Anti-CD20-Präparate bedeutet nicht, dass sie vollständig austauschbar sind. Applikationsweg, Infusionsdauer, Dosierungsintervall, Zulassung, Kosten, Langzeitdaten und individuelle Verträglichkeit unterscheiden sich. Direkte randomisierte Head-to-head-Vergleiche zwischen den Anti-CD20-Wirkstoffen sind begrenzt.
164 Ublituximab – Studienlage und Zulassung
Ublituximab ist ein glykoengineerter Anti-CD20-Antikörper mit verstärkter antikörperabhängiger zellulärer Zytotoxizität.
ULTIMATE I/II
In ULTIMATE I lag die bei 0,08 unter Ublituximab und 0,19 unter Teriflunomid; in ULTIMATE II bei 0,09 versus 0,18. Die MRT-Unterdrückung war sehr ausgeprägt. Die gepoolte 12-Wochen-bestätigte Behinderungsprogression unterschied sich jedoch nicht signifikant: etwa 5,2% unter Ublituximab versus 5,9% unter Teriflunomid. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Medikament bei Schub- und MRT-Aktivität hochwirksam sein kann, ohne dass in einer relativ kurzen Studie automatisch ein signifikanter Behinderungsendpunkt entsteht.
Zulassung EU und USA: Erwachsene mit aktiven/relapsenden Formen. Keine pädiatrische Zulassung 2026.
Monitoring Wie bei der Anti-CD20-Klasse: HBV-Screening, quantitative Immunglobuline und Impfstatus vor Beginn, Infektionskontrolle vor Infusionen. Die aktuelle US-Produktinformation verlangt zusätzlich Leberfunktionstests vor Therapiebeginn. Infusionsreaktionen sind häufig und erfordern Prämedikation und geeignete Überwachung.
Schwangerschaft und Langzeitfragen Direkte Schwangerschafts- und jahrzehntelange Langzeitdaten sind geringer als bei Ocrelizumab oder Rituximab. Klassenbasierte Vorsichtsmaßnahmen zu fetaler B-Zell-Depletion, Impfungen und Immunglobulinen gelten dennoch. Die Langzeitpositionierung wird wesentlich davon abhängen, ob die sehr starke Entzündungskontrolle über viele Jahre bei akzeptabler Infektions- und Ig-Bilanz erhalten bleibt.
165 Rituximab
Rituximab ist ein chimärer Anti-CD20-Antikörper, der ursprünglich für hämatologische und rheumatologische Erkrankungen entwickelt wurde. In vielen Ländern wird er bei MS off-label eingesetzt. Besonders Schweden und andere skandinavische Länder haben umfangreiche Real-World-Daten beigetragen. Rituximab kann hochwirksam sein und ist in manchen Gesundheitssystemen kostengünstiger als zugelassene Anti-CD20-Präparate.
Off-label bedeutet nicht unwirksam, aber die regulatorische Evidenzbasis, standardisierte Dosierung und Produktinformation unterscheiden sich von zugelassenen MS-Therapien. Risiken entsprechen grundsätzlich der B-Zell-Depletion: Infusionsreaktionen, Infektionen, HBV-Reaktivierung, Hypogammaglobulinämie und reduzierte Impfantwort.
166 Rituximab – Studienlage und Zulassung
Rituximab ist für MS nicht zugelassen, hat aber die Entwicklung der B-Zell-Therapie entscheidend geprägt. HERMES zeigte bereits früh starke MRT- und Schubeffekte. In Schweden und anderen skandinavischen Ländern wurde Rituximab über Jahre breit off-label eingesetzt, wodurch sehr große Real-World-Datensätze entstanden.
RIFUND-MS
RIFUND-MS war ein schwedischer randomisierter Phase-III-Vergleich von Rituximab und Dimethylfumarat bei früher aktiver RRMS/CIS. Nur 3% der Rituximab-Gruppe versus 16% der DMF-Gruppe hatten über 24 Monate einen protokolldefinierten Schub (RR 0,19; ). Damit existiert direkte randomisierte Evidenz dafür, dass Rituximab in dieser Population wirksamer war als eine etablierte orale Standardtherapie.
Rituximab versus Ocrelizumab lieferten teils widersprüchliche Ergebnisse, weil Dosierung, Patientenselektion und Gesundheitsversorgung unterschiedlich waren. Die 2026 publizierten randomisierten OVERLORD-MS-Daten sind deshalb besonders wichtig: Sie ermöglichen einen direkteren Vergleich mit Ocrelizumab und zeigen, dass Rituximab in dem untersuchten Design bei der MRT-basierten Krankheitskontrolle sein konnte. Die exakte Übertragbarkeit auf alle Dosierungsschemata und Langzeitendpunkte bleibt begrenzt.
Sicherheit Infusionsreaktionen, Hypogammaglobulinämie, HBV-Reaktivierung und Infektionen entsprechen grundsätzlich der Anti-CD20-Klasse. Weil Rituximab nicht MS-spezifisch zugelassen ist, gibt es keine einheitliche MS-Dosierung; Zentren verwenden unterschiedliche Initial- und Erhaltungsregime. Genau diese erschwert internationale Vergleiche.
Gesundheitsökonomie Biosimilares Rituximab kann erheblich günstiger sein als zugelassene Anti-CD20-Therapien. Das erklärt einen Teil seiner Bedeutung in nationalen Strategien. Kostenvorteil ersetzt jedoch nicht regulatorische Zulassung oder standardisierte Pharmakovigilanz.
Schwangerschaft Es existieren umfangreiche Erfahrungen aus Rheumatologie, Hämatologie und MS. Wie bei Ocrelizumab wird präkonzeptionelle Gabe eingesetzt, um Krankheitskontrolle mit möglichst geringer fetaler Spätexposition zu verbinden. Neonatale B-Zell-Depletion nach später Exposition ist möglich.
167 Anti-CD20-Langzeittherapie im Detail
Die starke Wirksamkeit von Anti-CD20-Therapien hat zu sehr breiter Anwendung geführt. Langfristig stellt sich die Frage, ob eine starre Dauertherapie in jedem Alter und bei jedem Patienten optimal ist.
B-Zell-Depletion reduziert Antikörperantworten auf neue Impfungen. Deshalb sollten wichtige Impfungen möglichst vor Therapiebeginn abgeschlossen werden. Bestehende humorale Immunität verschwindet nicht vollständig, weil langlebige Plasmazellen CD20 nicht exprimieren.
Hypogammaglobulinämie kann mit kumulativer Exposition zunehmen. Besonders IgM sinkt häufig; klinisch relevanter ist ausgeprägtes IgG-Defizit zusammen mit wiederkehrenden oder schweren Infektionen. Alter, frühere Immunsuppression und Ausgangs-IgG beeinflussen das Risiko.
Extended-Interval- oder B-Zell-gesteuerte Dosierungsstrategien werden erforscht und in einigen Zentren praktiziert. Sie könnten Infektionsrisiken reduzieren und Impfantwort verbessern, sind aber nicht für jede Substanz und jeden Patienten gleich gut validiert.
Bei Kindern ist die kumulative Lebenszeitexposition eine besondere offene Frage. Ein 15-Jähriger könnte theoretisch Jahrzehnte B-Zell-Depletion benötigen. Deshalb sind Register und langfristige Immunkompetenzdaten unverzichtbar.
168 Anti-CD20-Langzeittherapie: Wirksamkeit gegen kumulative Immunsuppression
Ocrelizumab, Ofatumumab, Ublituximab und off-label Rituximab haben die MS-Therapie stark verändert. Sie reduzieren entzündliche Aktivität sehr wirksam. Mit längerer Anwendung wird jedoch die kumulative B-Zell-Depletion wichtiger.
Hypogammaglobulinämie ist ein zentrales Langzeitproblem. Eine 2025 publizierte von 55 und 14.548 Patienten fand substanzabhängige Raten von Hypogammaglobulinämie und Infektionen; die Ereignisse nahmen mit längerer Exposition zu. Die Autoren betonten die erhebliche und insgesamt begrenzte Qualität vieler Beobachtungsstudien. Quelle: PMID 41081871, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41081871/
Praktisch sollten Immunglobuline vor Beginn und seriell kontrolliert werden, besonders bei wiederkehrenden Infekten. Ein niedriger IgM-Wert allein ist klinisch anders zu bewerten als fallendes IgG mit rezidivierenden bakteriellen Atemwegsinfektionen. Alter, Behinderung, chronische Lungenerkrankung, Diabetes und vorausgegangene Immunsuppression erhöhen das Infektionsrisiko zusätzlich.
Extended-Interval-Dosing wird deshalb auch bei Anti-CD20 diskutiert. Die Idee ist, nach stabiler Krankheitskontrolle längere Abstände oder B-Zell-gesteuerte Intervalle zu verwenden, um Immunrekonstitution teilweise zu erlauben. Dafür existieren wachsende Real-World-Daten, aber keine universelle Regel. Bei hochaktiver junger MS kann Unterdosierung einen anderen Schaden verursachen als bei einer 65-jährigen seit Jahren stabilen Patientin.
169 Rituximab versus Ocrelizumab: warum randomisierte Daten die Interpretation ändern
Rituximab wird in mehreren Ländern, besonders in Skandinavien, seit Jahren off-label bei MS eingesetzt. waren nicht vollständig einheitlich. Eine große MSBase/Dänemark-Analyse von 2023 fand im klinischen Alltag eine höhere Schubrate unter Rituximab als unter Ocrelizumab, ohne Unterschied in der Behinderungsakkumulation. Quelle: PMID 37307006, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37307006/
2026 wurde mit OVERLORD-MS eine randomisierte direkte Vergleichsstudie publiziert. 218 Erwachsene mit neu diagnostizierter aktiver schubförmiger MS wurden Rituximab oder Ocrelizumab zugeteilt. Zwischen Monat 6 und 24 blieben geschätzt 92,2 Prozent unter Rituximab und 94,8 Prozent unter Ocrelizumab frei von neuen oder vergrößerten T2-Läsionen. Rituximab erfüllte das vorab definierte skriterium. Schübe, Behinderung und Kognition erschienen ähnlich; Infektionen waren im Rituximabarm häufiger, schwere unerwünschte Ereignisse ähnlich. Quelle: Torkildsen et al., NEJM 2026, PMID 42384870, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42384870/
Das Beispiel zeigt, warum Real-World- und RCT-Daten gemeinsam gelesen werden müssen. Unterschiede in Dosis, Infusionsintervall, Indikation und Patientenselektion können in Registern wie ein Wirkstoffunterschied aussehen.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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