Natalizumab, eine der ersten hochwirksamen MS-Therapien: Studien, PML-Risiko und JCV-Test, verlängerte Dosierintervalle, subkutane Gabe und das erste Biosimilar.

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  • Stand: 29. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

152 Natalizumab

Natalizumab ist ein monoklonaler Antikörper gegen alpha-4-Integrin. Er verhindert die Migration aktivierter Immunzellen über die Blut-Hirn-Schranke und ist eine der schnell und hoch wirksamen Therapien für schubförmige MS.

Der zentrale Sicherheitsaspekt ist PML durch JC-Virus. Das Risiko hängt unter anderem von JCV-Antikörperstatus beziehungsweise -index, Therapiedauer und früherer Immunsuppression ab. Regelmäßige JCV- und MRT-Risikostratifizierung ist essenziell.

Extended-Interval-Dosing wird in vielen Zentren verwendet, um das PML-Risiko zu reduzieren, während die Wirksamkeit erhalten werden soll. Das konkrete Intervall wird individuell festgelegt.

Natalizumab darf nicht unkoordiniert abgesetzt werden. Nach Absetzen kann die Krankheitsaktivität stark zurückkehren. Ein geplanter Übergang zu einer anderen hochwirksamen Therapie ist deshalb wichtig.

Pädiatrie: Natalizumab ist in bei hochaktiver POMS sehr wirksam. Die regulatorische Zulassung ist je nach Region und Alter begrenzt, sodass die Anwendung bei Kindern häufig off-label erfolgt. Registerdaten von 2024 zeigten gegenüber Fingolimod und injizierbaren Therapien eine hohe Effektivität.

Schwangerschaft: Bei hochaktiver Erkrankung kann eine Fortführung in ausgewählten Fällen bis in die späte Schwangerschaft erwogen werden. Spätexposition kann beim Neugeborenen vorübergehende hämatologische Veränderungen verursachen. Die Entscheidung gehört in spezialisierte Beratung.

153 Natalizumab – Arzneimittelprofil

Natalizumab blockiert die alpha-4-Integrin-vermittelte Leukozytenmigration über die Blut-Hirn-Schranke und gehört zu den wirksamsten Therapien gegen fokale entzündliche Aktivität. Es wirkt rasch und kann bei hochaktiver RRMS oder aggressiver POMS besonders attraktiv sein. Zwei Jahrzehnte Real-World-Erfahrung bestätigen eine starke Wirksamkeit, machen aber auch das PML-Risiko zu einem zentralen Bestandteil jeder Therapieentscheidung.

Das PML-Risiko hängt wesentlich vom Anti-JCV-Antikörperstatus beziehungsweise -index, der Behandlungsdauer und früherer Immunsuppression ab. Diese Faktoren werden nicht als starre Einzelgrenzen interpretiert, sondern in einem Risikomodell kombiniert. Regelmäßige MRT-Kontrollen können asymptomatische PML früher erkennen. Extended-interval dosing wird in vielen Zentren genutzt, um das PML-Risiko zu reduzieren, wobei die individuelle Krankheitskontrolle erhalten bleiben muss.

Natalizumab darf nicht unüberlegt abgesetzt werden. Nach Therapieende kann die Krankheitsaktivität stark zurückkehren. Ein Exit-Plan – häufig Übergang auf Anti-CD20 oder eine andere hochwirksame DMT – ist deshalb Teil der Behandlung, nicht erst eine Entscheidung am letzten Infusionstag.

In der pädiatrischen MS gibt es keine mit PARADIGMS vergleichbare große randomisierte Zulassungsstudie, aber umfangreiche Kohorten- und Registerdaten. Italien erlaubt Natalizumab unter bestimmten Bedingungen bei Jugendlichen mit schwerer hochaktiver RRMS. Solche nationalen Regelungen illustrieren die Unterschiede zwischen Zulassung, Erstattung und off-label beziehungsweise Sonderregelungen.

154 Natalizumab – Studienlage und Zulassung

Mechanismus Natalizumab blockiert alpha4-Integrin und damit die Adhäsion und Migration aktivierter Leukozyten über die Blut-Hirn-Schranke. Die Wirkung setzt rasch ein und ist hochgradig entzündungshemmend.

AFFIRM

AFFIRM etablierte Natalizumab als hochwirksame Monotherapie. Über zwei Jahre wurden die Schubrate um etwa 68% und das Risiko bestätigter Behinderungsprogression um etwa 42% gegenüber Placebo reduziert. MRT-Effekte waren noch ausgeprägter. SENTINEL zeigte zusätzliche Wirksamkeit in Kombination mit Interferon, wurde aber historisch durch PML-Fälle und die anschließende Sicherheitsneubewertung geprägt.

PML-Risikostratifizierung Das wichtigste Sicherheitsproblem ist progressive multifokale Leukoenzephalopathie durch JC-Virus-Reaktivierung. Das Risiko hängt wesentlich von JCV-Antikörperstatus bzw. -index, Behandlungsdauer und vorausgegangener Immunsuppression ab. Moderne Behandlung erfordert deshalb regelmäßige JCV-Testung und MRT-Surveillance. Neue neurologische Symptome dürfen nicht reflexartig als MS-Schub interpretiert werden.

Extended Interval Dosing legen nahe, dass verlängerte Dosierungsintervalle das PML-Risiko reduzieren können. NOVA verglich bei zuvor stabilen Patienten den Wechsel von vier- auf sechswöchige Gabe mit Fortsetzung der vierwöchigen Gabe. Die Studie zeigte insgesamt eine weitgehend erhaltene Wirksamkeit, wurde jedoch durch einzelne Ereignisse und die geringe absolute Zahl aktiver Läsionen statistisch komplex. EID ist deshalb eine risikoadaptierte Strategie, kein Beweis dafür, dass jede beliebige Intervallverlängerung gleich wirksam ist.

Schwangerschaft Bei hochaktiver MS kann abruptes Absetzen zu deutlicher Reaktivierung führen. In ausgewählten Patientinnen wird Natalizumab deshalb bis in die Schwangerschaft hinein mit verlängerten Intervallen fortgeführt. Spätexposition kann beim Neugeborenen hämatologische Veränderungen verursachen; neonatales Blutbild und individuelle Planung sind wichtig.

Absetzen/Rebound Natalizumab gehört neben Fingolimod zu den DMTs mit dem klinisch wichtigsten Rebound- bzw. Reaktivierungsproblem. Der Wechsel auf eine Folgetherapie muss zeitnah geplant werden. Zu lange Washouts erhöhen das Risiko erneuter Entzündung; zu kurze Intervalle können bei bestimmten Folgetherapien additive Risiken erhöhen.

155 Natalizumab: PML-Risiko, Dosierintervall und Wechsel

Natalizumab wirkt rasch. Gerade deshalb kann nach Absetzen eine therapeutische Lücke gefährlich sein. Krankheitsreaktivierung tritt typischerweise innerhalb von Monaten auf und kann in Einzelfällen sehr schwer sein.

Bei JCV-negativen Patienten ist Natalizumab wegen hoher Wirksamkeit und fehlender systemischer Lymphozytendepletion besonders attraktiv. Der JCV-Status wird wiederholt kontrolliert.

Bei JCV-positiven Patienten kann ein verlängertes Dosierungsintervall das PML-Risiko wahrscheinlich reduzieren. Die Wirksamkeit bleibt bei geeigneten Intervallen meist hoch. Eine individuelle Risikoabschätzung ersetzt dies nicht.

Beim Wechsel von Natalizumab zu Anti-CD20 muss der Zeitraum so gewählt werden, dass Rebound vermieden wird, gleichzeitig aber eine okkulte PML nicht übersehen wird. Ein aktuelles MRT vor Wechsel ist deshalb oft Bestandteil der Strategie.

156 Natalizumab: Extended-Interval-Dosing und PML-Risiko

Natalizumab gehört zu den wirksamsten Therapien gegen fokale Entzündung, wird aber durch das Risiko einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie begrenzt. Das Risiko hängt wesentlich von JCV-Antikörperstatus beziehungsweise Index, Behandlungsdauer und vorausgegangener Immunsuppression ab.

Extended-Interval-Dosing, häufig etwa alle sechs statt alle vier Wochen, wurde entwickelt, um die Exposition zu reduzieren und möglicherweise das PML-Risiko zu senken, ohne die Wirksamkeit wesentlich zu verlieren. Eine 2026 publizierte und von 25 Studien fand keine signifikanten Unterschiede bei Behinderungsprogression oder neuen T2-Läsionen. Für PML war die Analyse wegen der Seltenheit des Ereignisses deutlich unterpowert; eine sichere quantitative Risikoreduktion ließ sich daraus nicht beweisen. Gadolinium-aktive Läsionen waren in der gepoolten Analyse etwas häufiger unter EID. Quelle: PMID 42393408, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42393408/

PML-Risikomanagement umfasst mehr als das Dosierungsintervall. JCV-Index sollte im zeitlichen Verlauf interpretiert werden. Regelmäßige MRT-Surveillance kann asymptomatische PML früher erkennen. Nach Natalizumab-Wechsel muss Carry-over-PML bedacht werden. Zu lange Washout-Intervalle erhöhen dagegen das Risiko eines MS-Rebounds. Die Kunst besteht in einer möglichst kurzen entzündlichen Lücke bei gleichzeitig sicherem Ausschluss einer beginnenden PML.

157 Biosimilars – Tyruko als erstes Natalizumab-Biosimilar

Biologische Medikamente sind große, komplexe Moleküle. Bei einem klassischen kleinen chemischen Medikament kann nach Patentablauf ein Generikum hergestellt werden, das chemisch praktisch identisch ist. Bei biologischen Arzneimitteln spricht man dagegen von Biosimilars. Ein Biosimilar muss dem Referenzprodukt hochgradig ähnlich sein und es dürfen keine klinisch bedeutsamen Unterschiede bei Wirksamkeit, Sicherheit oder Immunogenität bestehen.

Tyruko enthält Natalizumab und ist ein Biosimilar zu Tysabri. Die FDA genehmigte Tyruko im August 2023 als erstes Biosimilar zur Behandlung der MS. Auch in der EU ist Tyruko zugelassen.

Für Patienten ist die häufigste Sorge verständlich: „Bekomme ich dann ein schwächeres oder weniger geprüftes Medikament?“ Das regulatorische Biosimilar-Konzept ist gerade nicht darauf aufgebaut, eine komplette neue Wirksamkeitsentwicklung von null zu wiederholen. Stattdessen wird die Gesamtheit der Evidenz geprüft: Struktur, biologische Funktion, Pharmakokinetik, Pharmakodynamik, Immunogenität, Sicherheit und klinische Vergleichbarkeit.

Die FDA veröffentlichte 2026 eine eigene Zusammenfassung der Zulassungsgrundlage des ersten Natalizumab-Biosimilars. Dort wird die Biosimilarität über eine umfassende vergleichende Bewertung begründet.

Was durch ein Biosimilar nicht verschwindet, sind die substanztypischen Risiken von Natalizumab. Insbesondere das PML-Risiko bleibt Bestandteil der Nutzen-Risiko-Abwägung. Biosimilar bedeutet nicht „anderer Wirkmechanismus“ und auch nicht „PML-frei“.

Biosimilars können für Gesundheitssysteme wichtig sein, weil Wettbewerb Preise und Zugang beeinflussen kann. Ob ein einzelner Patient umgestellt wird, hängt jedoch von Land, Erstattung, Verfügbarkeit, ärztlicher Entscheidung und den jeweils geltenden Austauschregeln ab.

Quellen: FDA, Zulassung Tyruko 24.08.2023; EMA EPAR Tyruko; FDA Approval Summary 2026, PMID 42572211; Review zur Totality of Evidence, PMID 39343860.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27