Die lange bewährten Basistherapien: Interferon beta, Glatirameracetat, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Diroximelfumarat – Wirkung, Studien, Zulassung bei Kindern, Nebenwirkungen und Kontrollen.

  • Abschnitt 129 bis 141 von 441
  • Stand: 29. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

129 Interferon beta

Interferon-beta-Präparate gehören zu den ältesten DMTs. Sie verändern Zytokinsignale, Zellmigration und Immunaktivierung. Verschiedene Präparate unterscheiden sich in Molekül, Applikationsweg und Dosierungsintervall; Peginterferon ermöglicht längere Intervalle.

Vorteile sind jahrzehntelange Erfahrung, kein breiter immunsuppressiver Effekt und umfangreiche Sicherheitsdaten, auch im Kontext von Schwangerschaft. Nachteile sind moderate Wirksamkeit, Injektionen, grippeähnliche Symptome, lokale Reaktionen, Leberwerterhöhungen, Blutbildveränderungen und neutralisierende Antikörper bei manchen Präparaten.

In der modernen Ära werden Interferone bei hochaktiver MS seltener als optimale Erstwahl angesehen. Sie bleiben aber für bestimmte Patienten sinnvoll, insbesondere wenn Sicherheitsprofil, Schwangerschaftsplanung oder individuelle Präferenz wichtiger als maximale Wirksamkeit sind.

Bei POMS wurden Interferone lange off-label verwendet. Randomisierte pädiatrische Studien neuerer Medikamente nutzen Interferon teilweise als aktiven Vergleich und zeigen, dass modernere Therapien stärkere Kontrolle erreichen können.

130 Interferon beta – Arzneimittelprofil

Interferon-beta-Präparate gehören zu den ältesten krankheitsmodifizierenden Therapien der MS. Sie verändern unter anderem Zytokinprofile, Antigenpräsentation, Leukozytenmigration und die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke. Historisch waren sie ein entscheidender Fortschritt, weil erstmals eine chronische Immuntherapie die Schubrate und MRT-Aktivität reduzieren konnte. Heute werden sie wegen der großen Zahl wirksamerer Optionen seltener als früher eingesetzt, bleiben aber relevant, wenn ein sehr lang dokumentiertes Sicherheitsprofil, Schwangerschaftsplanung oder eine moderate Krankheitsaktivität im Vordergrund stehen.

Die Wirksamkeit auf Schübe ist geringer als bei modernen hochwirksamen Antikörpern. Typische Probleme sind grippeähnliche Beschwerden nach der Injektion, lokale Reaktionen, Transaminasenerhöhung, Blutbildveränderungen und bei manchen Präparaten neutralisierende Antikörper. Depression wurde historisch intensiv diskutiert; eine pauschale Kausalität ist nicht belegt, psychische Symptome sollten bei MS aber unabhängig vom Präparat aktiv erfasst werden. Regelmäßige Kontrollen von Blutbild und Leberwerten sind üblich.

Bei Kindern wurden Interferone lange off-label verwendet, bevor randomisierte pädiatrische Studien moderner Medikamente verfügbar waren. Die Erfahrung ist groß, die entzündliche Aktivität von POMS wird damit jedoch nicht immer ausreichend kontrolliert. PARADIGMS und CONNECT machten deutlich, dass Fingolimod beziehungsweise Dimethylfumarat gegenüber Interferon beta-1a bei wichtigen klinischen oder MRT-Endpunkten wirksamer sein können. Deshalb ist Interferon bei hochaktiver POMS nicht automatisch die konservativ „richtige“ Wahl.

131 Interferon beta-1a, Interferon beta-1b und Peginterferon beta-1a

Wirkmechanismus und Stellenwert Interferon beta verändert die Expression zahlreicher entzündungsbezogener Gene, beeinflusst Antigenpräsentation, Zytokinmilieu, Migration von Immunzellen und die Blut-Hirn-Schranke. Die verschiedenen Präparate unterscheiden sich in Molekül, Applikationsweg und Dosierungsintervall, nicht aber grundsätzlich im therapeutischen Konzept. Interferone waren über viele Jahre die Standard-Ersttherapie der RRMS und bilden einen wichtigen historischen Referenzpunkt für moderne Head-to-head-Studien.

Randomisierte Evidenz Die frühen MSCRG-, PRISMS- und verwandten Studien zeigten eine moderate Reduktion der Schubaktivität gegenüber Placebo. Spätere aktive Vergleichsstudien nutzten Interferon beta-1a als Referenz: TRANSFORMS zeigte eine deutlich niedrigere Schubrate unter Fingolimod; OPERA I/II zeigten eine um rund 46-47% niedrigere unter Ocrelizumab; CARE-MS I/II zeigten Vorteile von Alemtuzumab; PARADIGMS zeigte bei Kindern einen besonders großen Unterschied zugunsten Fingolimod. Diese Vergleiche machen deutlich, dass Interferon als Sicherheitsbenchmark weiterhin wertvoll ist, seine antiinflammatorische Wirksamkeit aber unter der vieler moderner DMTs liegt.

Langzeit- und Real-World-Daten Der größte Vorteil der Interferone ist die jahrzehntelange Erfahrung. Seltene Risiken, Schwangerschaftserfahrungen und typische Laborveränderungen sind erheblich besser charakterisiert als bei neuen Wirkstoffen. Registerstudien zeigen allerdings hohe Wechselraten, wenn Patienten weiterhin Schübe oder neue MRT-Läsionen entwickeln oder Injektionsbelastung und grippeähnliche Symptome nicht akzeptieren.

Pädiatrische Evidenz Interferon beta wurde lange vor der ersten pädiatrischen Zulassungsstudie moderner DMTs bei POMS verwendet. Die Evidenz besteht überwiegend aus Kohorten und historischer Erfahrung. In PARADIGMS war intramuskuläres Interferon beta-1a der aktive Vergleich: ARR 0,67 unter Interferon gegenüber 0,12 unter Fingolimod. Damit wurde erstmals in einem großen pädiatrischen RCT deutlich, dass die traditionelle injizierbare Therapie bei hochentzündlicher POMS deutlich schwächer sein kann.

Schwangerschaft und Stillzeit Interferon beta gehört zusammen mit Glatirameracetat zu den am besten untersuchten DMTs im Kontext von Schwangerschaft. Große Register- und Expositionskohorten zeigten kein überzeugendes Signal für einen relevanten Anstieg großer Fehlbildungen. Je nach Produktinformation und individueller Krankheitsaktivität kann eine Fortführung bis zur Konzeption oder auch während Schwangerschaft und Stillzeit vertretbar sein. Der zentrale Punkt ist nicht, Interferon pauschal als "risikofrei" zu bezeichnen, sondern sein vergleichsweise gut charakterisiertes Reproduktionsprofil gegen die Gefahr unbehandelter Krankheitsaktivität abzuwägen.

Monitoring und Risiken Vor und während der Therapie werden Blutbild und Leberwerte kontrolliert; Schilddrüsenfunktionsstörungen, Depression, Zytopenien und deutliche Transaminasenerhöhungen sind zu beachten. Lokalreaktionen sind bei subkutanen Präparaten häufig. Neutralisierende Antikörper können die biologische Aktivität einzelner Präparate reduzieren. Peginterferon senkt die Injektionsfrequenz, verändert aber nicht grundsätzlich das Wirkprinzip.

Absetzen und Wechsel Ein klassisches Rebound-Syndrom wie nach Fingolimod oder Natalizumab ist nicht typisch. Bei eindeutiger Krankheitsaktivität unter Interferon sollte jedoch nicht jahrelang an einer ineffektiven Therapie festgehalten werden. Moderne Treat-to-target-Strategien bewerten Schübe, neue T2- oder Gadolinium-Läsionen und Behinderungszunahme frühzeitig.

Evidenzfazit Interferone bleiben eine valide Sicherheitsoption, insbesondere bei niedriger entzündlicher Aktivität, Schwangerschaftsplanung oder wenn stärkere Immunsuppression unerwünscht ist. Für junge Patienten mit hochaktiver Erkrankung sprechen moderne Vergleichsdaten jedoch häufig für wirksamere Strategien.

132 Glatirameracetat

Glatirameracetat ist ein Gemisch synthetischer Polypeptide. Es moduliert Immunantworten, ohne eine breite systemische Immunsuppression zu verursachen. Historische placebokontrollierte Studien zeigten eine moderate Reduktion der Schubrate.

Typische Nebenwirkungen sind lokale Injektionsreaktionen. Eine seltene, aber charakteristische sofortige Post-Injektionsreaktion kann mit Flush, Brustenge, Herzklopfen, Atemnotgefühl und Angst auftreten und klingt meist spontan ab. Lipoatrophie kann bei wiederholten Injektionen entstehen.

Glatirameracetat besitzt ein günstiges Sicherheitsprofil in Schwangerschaft und Stillzeit und bleibt deshalb in bestimmten Lebenssituationen relevant. Für hochaktive Erkrankung ist die Wirksamkeit im Vergleich zu modernen Hochwirksamkeitstherapien begrenzt.

133 Glatirameracetat – Arzneimittelprofil

Glatirameracetat ist ein Gemisch synthetischer Polypeptide, das immunmodulatorische Effekte ausübt, ohne eine ausgeprägte systemische Immunsuppression zu erzeugen. Das Präparat wird subkutan injiziert. Es reduziert bei schubförmiger MS die Schubaktivität, ist aber hinsichtlich MRT-Unterdrückung und hochaktiver Erkrankung weniger potent als viele neuere DMTs.

Das Sicherheitsprofil ist über Jahrzehnte gut charakterisiert. Häufig sind lokale Injektionsreaktionen und Lipoatrophie. Eine unmittelbar nach Injektion auftretende systemische Reaktion mit Flush, Brustenge, Herzklopfen, Atemnotgefühl oder Angst kann dramatisch wirken, ist typischerweise kurz anhaltend und muss von echten kardiopulmonalen Notfällen unterschieden werden. Eine routinemäßige Laborüberwachung ist weniger aufwendig als bei vielen Immunsuppressiva.

In Schwangerschaft und Stillzeit gehört Glatirameracetat zu den Präparaten mit umfangreicher Erfahrung. In der pädiatrischen MS wurde es ebenfalls lange off-label eingesetzt. Sein Stellenwert nimmt ab, wenn das Ziel eine nahezu vollständige Unterdrückung einer sehr entzündlichen Erkrankung ist.

134 Glatirameracetat – Studienlage und Zulassung

Wirkmechanismus und Evidenzbasis Glatirameracetat ist ein synthetisches Polypeptidgemisch, das Immunantworten in Richtung weniger entzündlicher T-Zell-Profile verschiebt und antigenpräsentierende Zellen beeinflusst. Die pivotalen Studien der 1990er Jahre zeigten eine moderate Verringerung der Schubrate. In der CONFIRM-Studie diente Glatirameracetat zusätzlich als aktiver Referenzarm gegenüber Dimethylfumarat und Placebo.

Real-World-Rolle Die Therapie hat keine PML-, schwere systemische Immunsuppressions- oder ausgeprägte Infektionssignatur. Das macht sie attraktiv, wenn maximale Langzeitsicherheit höher gewichtet wird als maximale Entzündungskontrolle. Ihre praktische Schwäche liegt in der Injektionsbelastung, lokalen Reaktionen, Lipoatrophie und der gegenüber hochwirksamen DMTs begrenzten .

Pädiatrie Vor Fingolimod und den neueren pädiatrischen Programmen war Glatirameracetat eine häufig verwendete Off-label-Therapie bei POMS. Die Evidenz ist überwiegend beobachtend. Die zunehmende Erkenntnis, dass POMS häufig hochentzündlich verläuft, hat seine Rolle bei Kindern mit hoher Krankheitsaktivität verkleinert.

Schwangerschaft/Stillzeit Glatirameracetat verfügt über eine sehr große Zahl dokumentierter Schwangerschaftsexpositionen ohne klares teratogenes Signal. In vielen Leitlinien und Zentren zählt es zu den bevorzugten Optionen, wenn eine DMT während Schwangerschaft oder Stillzeit erforderlich ist. Dennoch bleibt die Entscheidung individuell.

Monitoring Routine-Laborkontrollen sind im Vergleich zu fast allen oralen und monoklonalen Therapien minimal. Wichtig sind Injektionstechnik, Hautkontrolle und Aufklärung über die seltene unmittelbare postinjektive Reaktion mit Flush, Brustenge, Herzklopfen und Dyspnoe. Diese Reaktion ist meist selbstlimitierend, muss aber von Anaphylaxie unterschieden werden.

Evidenzfazit Glatirameracetat ist nicht die stärkste DMT, aber eine der am längsten etablierten und reproduktionsmedizinisch am besten charakterisierten. Es ist besonders dort sinnvoll, wo Sicherheitspriorität, Schwangerschaft oder geringe entzündliche Aktivität im Vordergrund stehen.

135 Teriflunomid

Teriflunomid hemmt die Dihydroorotat-Dehydrogenase und damit die de-novo-Pyrimidinsynthese proliferierender Lymphozyten. Es wird einmal täglich oral eingenommen.

Bei Erwachsenen reduziert Teriflunomid Schub- und MRT-Aktivität moderat. Nebenwirkungen umfassen gastrointestinale Beschwerden, Haarausdünnung, Leberwerterhöhung, Blutdruckanstieg und selten schwerwiegende Lebertoxizität. Blutbild und Leberwerte werden überwacht.

Die lange Eliminationszeit ist klinisch wichtig. Bei notwendiger rascher Entfernung kann ein beschleunigtes Eliminationsverfahren mit Cholestyramin oder Aktivkohle eingesetzt werden.

Teriflunomid ist teratogenitätsrelevant und erfordert strenge Beachtung der Fachinformation bei Schwangerschaftsplanung. Männer und Frauen sollten individuelle reproduktionsmedizinische Beratung erhalten.

Pädiatrie: Die TERIKIDS-Phase-III-Studie untersuchte Teriflunomid bei Kindern und Jugendlichen. Der primäre klinische Endpunkt war durch häufigen Wechsel aus Placebo in die offene Therapie kompliziert, MRT-Endpunkte zeigten jedoch eine Reduktion neuer Läsionen. In der EU ist Teriflunomid für RRMS ab 10 Jahren zugelassen.

136 Teriflunomid – Arzneimittelprofil

Teriflunomid hemmt die Dihydroorotat-Dehydrogenase und damit die de-novo-Pyrimidinsynthese besonders in aktivierten Lymphozyten. Es wird einmal täglich oral eingenommen. In der Erwachsenen-MS reduzierten TEMSO und weitere Studien Schübe und MRT-Aktivität. TERIKIDS war eine zentrale pädiatrische Phase-3-Studie. Der primäre klinische Endpunkt wurde durch die Studienlogik mit Rescue-Switch bei hoher MRT-Aktivität erschwert; MRT-Endpunkte zeigten dennoch deutliche biologische Aktivität. In der EU ist Teriflunomid für bestimmte pädiatrische Altersgruppen ab zehn Jahren zugelassen.

Wichtige Risiken sind Hepatotoxizität, gastrointestinale Beschwerden, reversible Haarverdünnung, Blutdruckanstieg, Zytopenien und Infektionen. Vor Beginn werden unter anderem Leberwerte, Blutbild, Blutdruck, Schwangerschaftsstatus und je nach Region Infektionsscreenings geprüft. Die sehr lange effektive Eliminationszeit ist praktisch wichtig. Bei Schwangerschaft, schwerer Toxizität oder notwendiger schneller Elimination kann ein beschleunigtes Eliminationsverfahren mit Cholestyramin oder Aktivkohle eingesetzt werden.

Teriflunomid ist teratogenitätsrelevant und erfordert deshalb besondere reproduktionsmedizinische Planung. Die genauen regulatorischen Vorgaben für Frauen und Männer unterscheiden sich regional und wurden im Lauf der Jahre angepasst; maßgeblich ist die aktuelle Fachinformation.

137 Teriflunomid – Studienlage und Zulassung

Mechanismus Teriflunomid hemmt reversibel die Dihydroorotat-Dehydrogenase und damit die de-novo-Pyrimidinsynthese aktivierter T- und B-Lymphozyten. Ruhende Zellen können stärker auf Salvage-Pfade zurückgreifen, weshalb die Immunwirkung selektiver ist als bei klassischer Zytotoxizität.

Pivotalstudien Erwachsene TEMSO randomisierte 1088 Patienten zu Placebo oder Teriflunomid 7 bzw. 14 mg. Die betrug 0,54 unter Placebo und 0,37 unter beiden Teriflunomid-Dosen; die relative Reduktion lag bei etwa 31%. TOWER bestätigte eine Reduktion der Schubaktivität und zeigte für 14 mg einen Effekt auf bestätigte Behinderungsprogression. TOPIC untersuchte frühe demyelinisierende Ereignisse/CIS und zeigte eine Reduktion des Risikos weiterer klinischer Aktivität.

Pädiatrie: TERIKIDS TERIKIDS ist besonders wichtig, weil die Studie zeigt, wie schwierig pädiatrische RCTs zu interpretieren sein können. 166 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren wurden randomisiert. Der Zeit bis zum ersten bestätigten klinischen Schub erreichte keine statistische Signifikanz (HR 0,66; 0,39-1,11; ). Gleichzeitig wurden neue/vergrößerte T2-Läsionen um 55% und Gadolinium-Läsionen um 75% reduziert. Ein erheblicher Teil der Placebogruppe wechselte wegen hoher MRT-Aktivität vorzeitig in die offene Behandlungsphase, wodurch die Aussagekraft des primären klinischen Endpunkts geschwächt wurde. Die EU-Zulassung ab 10 Jahren berücksichtigt die Gesamtheit dieser Daten; in den USA ist Aubagio weiterhin nicht für Kinder zugelassen.

Sicherheit Typische Probleme sind Transaminasenerhöhungen, Haarausdünnung/Alopezie, gastrointestinale Beschwerden, Blutdruckanstieg, Zytopenien, selten schwere Lebertoxizität sowie Infektionsrisiken. Vor Beginn werden Schwangerschaft, Leberfunktion, Blutbild, Blutdruck und relevante Infektionen/Tuberkulose-Risiken beurteilt.

Schwangerschaft Teriflunomid ist teratogenitätsrelevant und in der Schwangerschaft kontraindiziert. Seine Besonderheit ist die sehr lange enterohepatische Rezirkulation: Ohne beschleunigtes Eliminationsverfahren kann die Substanz lange messbar bleiben. Cholestyramin oder Aktivkohle werden eingesetzt, wenn rasch niedrige Plasmaspiegel erreicht werden müssen. Bei Kinderwunsch ist deshalb nicht nur "Absetzen", sondern die dokumentierte Elimination entscheidend.

Wechsel Wegen der langen Persistenz ist beim Wechsel auf myelosuppressive Therapien auf additive hämatologische Effekte zu achten. Eine beschleunigte Elimination kann sinnvoll sein, muss aber gegen das Risiko erneuter MS-Aktivität abgewogen werden.

Direkte Vergleiche Teriflunomid ist zu einem der wichtigsten aktiven Vergleichspräparate moderner RCTs geworden. Ofatumumab, Ublituximab und Ponesimod waren in ihren pivotalen Studien bei Schub- und MRT-Endpunkten überlegen. Tolebrutinib war in GEMINI 1/2 hinsichtlich ARR nicht überlegen. Dadurch besitzt Teriflunomid einen ungewöhnlich hohen Wert als gemeinsamer Referenzanker zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen.

138 Dimethylfumarat und andere Fumarate

Dimethylfumarat aktiviert unter anderem Nrf2-abhängige antioxidative Signalwege und besitzt immunmodulatorische Effekte. DEFINE und CONFIRM zeigten bei Erwachsenen deutliche Reduktionen von Schüben und MRT-Aktivität.

Häufig sind Flush und gastrointestinale Beschwerden, besonders zu Beginn. Eine klinisch wichtige Nebenwirkung ist Lymphopenie. Persistierende schwere Lymphopenie erhöht das Risiko opportunistischer Infektionen einschließlich progressiver multifokaler Leukenzephalopathie (PML). Regelmäßige Blutbildkontrollen sind deshalb zentral.

Diroximelfumarat besitzt denselben aktiven Metaboliten und wurde entwickelt, um gastrointestinale Verträglichkeit zu verbessern. Regionale Zulassungen unterscheiden sich.

Pädiatrie: In der CONNECT-Studie wurden 150 Patienten im Alter von 10 bis unter 18 Jahren randomisiert. Dimethylfumarat führte gegenüber intramuskulärem Interferon beta-1a zu weniger neuen oder vergrößerten T2-Läsionen und einer niedrigeren adjustierten (0,24 gegenüber 0,53). In der EU ist Dimethylfumarat ab 13 Jahren für RRMS zugelassen.

139 Dimethylfumarat und Diroximelfumarat

Dimethylfumarat aktiviert unter anderem den Nrf2-abhängigen zellulären Stressantwortweg und besitzt immunmodulatorische Effekte. Es wird oral gegeben und ist bei schubförmiger MS etabliert. Häufige Nebenwirkungen sind Flush und gastrointestinale Beschwerden, die besonders zu Therapiebeginn auftreten. Klinisch wichtiger ist eine mögliche Lymphopenie. Anhaltend niedrige Lymphozytenzahlen erhöhen das Risiko opportunistischer Infektionen einschließlich seltener PML-Fälle.

Deshalb gehört die regelmäßige Blutbildkontrolle zum Sicherheitsmanagement. Bei ausgeprägter oder persistierender Lymphopenie muss die Nutzen-Risiko-Bilanz neu bewertet werden. Leberwerte werden ebenfalls überwacht. Diroximelfumarat führt zum gleichen aktiven Metaboliten und wurde entwickelt, um insbesondere gastrointestinale Verträglichkeit zu verbessern; Zulassung und Verfügbarkeit unterscheiden sich regional.

CONNECT randomisierte 150 Kinder und Jugendliche mit POMS zwischen Dimethylfumarat und intramuskulärem Interferon beta-1a. Nach 96 Wochen war die adjustierte unter Dimethylfumarat niedriger; auch MRT-Endpunkte sprachen zugunsten von Dimethylfumarat. In der EU ist Dimethylfumarat für pädiatrische Patienten ab einem bestimmten Alter zugelassen. Die Studie ist wichtig, weil sie zeigt, dass pädiatrische Therapie nicht ausschließlich aus Erwachsenenstudien extrapoliert werden muss.

140 Dimethylfumarat

Mechanismus Dimethylfumarat wird rasch zu Monomethylfumarat metabolisiert. Die Therapie beeinflusst antioxidative und inflammatorische Signalwege, einschließlich Nrf2-assoziierter Prozesse, und verändert Lymphozytensubpopulationen.

Pivotalstudien DEFINE und CONFIRM zeigten klare Reduktionen von Schüben und MRT-Aktivität gegenüber Placebo. DEFINE zeigte zusätzlich einen signifikanten Effekt auf bestätigte Behinderungsprogression; in CONFIRM war dieser Endpunkt wegen niedriger Ereignisraten weniger eindeutig. Langzeitdaten aus ENDORSE zeigen bei fortgesetzter Therapie über viele Jahre anhaltend niedrige Schubraten in selektierten Studienpopulationen.

Pädiatrie In der EU ist Tecfidera für RRMS ab 13 Jahren zugelassen. CONNECT und weitere pädiatrische Studien sowie stützen Wirksamkeit und ein dem Erwachsenenprofil ähnliches Sicherheitsmuster. Die pädiatrische Evidenz ist jedoch weniger umfangreich als die randomisierte PARADIGMS-Evidenz für Fingolimod. In den USA bleibt die Zulassung auf Erwachsene beschränkt.

Sicherheit und Monitoring Flushing und gastrointestinale Beschwerden sind häufig, besonders zu Beginn. Klinisch wichtiger ist die Lymphopenie. Persistierend niedrige Lymphozytenzahlen erhöhen das Risiko opportunistischer Infektionen einschließlich PML. Daher sind Blutbild und absolute Lymphozytenzahl vor und während der Behandlung zentral. Leberwerte werden ebenfalls überwacht. Bei älteren Patienten, langer Therapiedauer und ausgeprägter Lymphopenie muss die Nutzen-Risiko-Bilanz besonders kritisch geprüft werden.

Schwangerschaft Die Schwangerschaftsdatenbasis ist größer geworden und hat bislang kein starkes teratogenes Signal gezeigt, ist aber deutlich kleiner als für Interferon oder Glatirameracetat. Wegen der kurzen Halbwertszeit lässt sich Dimethylfumarat rasch absetzen. In der Praxis wird häufig bis zur Konzeption behandelt und nach positivem Schwangerschaftstest pausiert, wenn die Krankheitsaktivität dies erlaubt; bei hochaktiver MS können andere Strategien geeigneter sein.

Wechsel Nach DMF ist im Gegensatz zu Fingolimod kein typisches schweres Rebound-Syndrom etabliert. Vor Beginn einer stärker immunsuppressiven Folgetherapie sollte sich eine relevante Lymphopenie erholt haben oder zumindest explizit berücksichtigt werden.

Direkte Evidenz RIFUND-MS zeigte, dass Rituximab bei früher aktiver RRMS Schübe deutlich besser verhinderte als Dimethylfumarat: 3% versus 16% mit mindestens einem protokolldefinierten Schub über 24 Monate. Dieser RCT unterstreicht, dass DMF zwar wirksam, aber nicht mit hochwirksamer B-Zell-Depletion gleichzusetzen ist.

141 Diroximelfumarat und Monomethylfumarat

Diroximelfumarat wird wie Dimethylfumarat zu Monomethylfumarat metabolisiert. Die Zulassung stützt sich daher wesentlich auf pharmakokinetische Brücken und die bekannte Wirksamkeit des aktiven Metaboliten. EVOLVE-MS-2 war primär eine Verträglichkeitsstudie und zeigte weniger gastrointestinale Belastung unter Diroximelfumarat als unter Dimethylfumarat. Ein eigenständiger großer Phase-III-Wirksamkeitsvergleich gegen Placebo oder hochwirksame DMT existiert nicht in derselben Form wie für DMF.

Für die klinische Einordnung bedeutet das: Diroximelfumarat ist keine "stärkere" Fumarattherapie, sondern vor allem eine alternative Formulierung mit potenziell besserer gastrointestinaler Verträglichkeit. Sicherheitsprinzipien zu Lymphopenie, opportunistischen Infektionen und PML werden im Wesentlichen aus der Fumaratklasse und der Monomethylfumarat-Exposition abgeleitet. Pädiatrische und Schwangerschaftsdaten sind deutlich begrenzter als für DMF.

In den USA existiert zusätzlich Monomethylfumarat als eigenständiges Präparat. Für internationale Vergleiche muss daher zwischen Wirkstoffklasse, Formulierung und regionaler Marktverfügbarkeit unterschieden werden.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27