MS beginnt selten vor dem 18. Geburtstag, aber sie kommt vor. Woran Eltern, Kinderärztinnen und Neurologen erste Zeichen erkennen, welche Warnzeichen rasch abgeklärt gehören – und was Eltern bei Verdacht nicht tun sollten.

  • Abschnitt 46 bis 56 von 441
  • Stand: 29. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

46 MS im Kindes- und Jugendalter

Von pädiatrischer MS oder Pediatric-Onset Multiple Sclerosis (POMS) spricht man gewöhnlich, wenn die ersten MS-Symptome vor dem 18. Geburtstag auftreten. Je nach Datensatz beginnen etwa 2 bis 10 Prozent aller MS-Erkrankungen in diesem Zeitraum; häufig werden 3 bis 5 Prozent angegeben. Die Unterschiede entstehen unter anderem durch Definitionen, Diagnosekriterien und regionale Erfassung.

Die globale Datenlage verbessert sich. Der Atlas of MS berichtete für 2024 mehr als 40.000 bekannte pädiatrische Fälle, gegenüber etwa 7.000 im Jahr 2013. Eine frühere systematische Übersicht fand zwischen 0,05 und 2,85 pro 100.000 Kinder und zwischen 0,69 und 26,92 pro 100.000. Eine schätzte eine gepoolte Inzidenz von etwa 0,87 pro 100.000 pro Jahr und eine Prävalenz von rund 8,11 pro 100.000, allerdings mit großer regionaler .

Die Erkrankung ist bei sehr jungen Kindern selten. Mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz deutlich. Vor der Pubertät ist das Verhältnis Mädchen zu Jungen relativ ausgeglichen; danach steigt der Anteil der Mädchen. In einer systematischen epidemiologischen Übersicht nahm das Verhältnis von etwa 1,2:1 unter zwölf Jahren auf etwa 2,8:1 ab zwölf Jahren zu.

POMS verläuft fast immer zunächst schubförmig. Ältere Übersichten geben für 95 bis 98 Prozent einen relapsing-remitting Verlauf an. Primär progrediente Verläufe sind bei Kindern außerordentlich selten und sollten Anlass geben, Differentialdiagnosen besonders kritisch zu prüfen.

Kinder haben oft eine höhere frühe Schubrate als Erwachsene. Sie können sich von Schüben besser erholen, besitzen eine größere neuronale Reserve und erreichen körperliche Behinderungsmeilensteine nach mehr Krankheitsjahren. Der scheinbare Vorteil ist jedoch trügerisch: Wenn die Krankheit mit 14 statt mit 30 Jahren beginnt, kann eine Behinderung trotz längerer Zeit bis zum Meilenstein in einem jüngeren Lebensalter auftreten.

Kognition verdient besondere Aufmerksamkeit. Das Gehirn entwickelt sich während Kindheit und Jugend noch. Entzündung, Läsionen und diffuse Gewebeschädigung können Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Exekutivfunktionen und schulische Leistungen beeinflussen. Ein niedriger EDSS bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Krankheit im Alltag „mild“ ist.

Eine österreichische Analyse aus Tirol für 2015 bis 2024 fand 29 neu diagnostizierte POMS-Patienten, überwiegend Mädchen, mit einem medianen Diagnosealter von 15 Jahren. Sensible Symptome dominierten, gefolgt von visuellen Symptomen; infratentorielle und spinale Läsionen waren häufig. Solche regionalen Daten sind wichtig, dürfen aber wegen kleiner Fallzahlen nicht unkritisch auf andere Populationen übertragen werden.

47 Definition und Altersgruppen

Pediatric-onset multiple sclerosis (POMS) bezeichnet üblicherweise eine MS mit Beginn vor dem 18. Geburtstag. Diese Definition fasst jedoch biologisch sehr unterschiedliche Entwicklungsphasen zusammen. Ein fünfjähriges Kind mit einem polyfokalen entzündlichen ZNS-Ereignis ist diagnostisch und immunologisch nicht mit einer 17-jährigen Jugendlichen gleichzusetzen. Deshalb ist es sinnvoll, mindestens zwischen präpubertärer beziehungsweise sehr früher POMS und postpubertärer/adoleszenter POMS zu unterscheiden.

Vor der Pubertät ist MS deutlich seltener. Das Geschlechterverhältnis ist bei sehr jungen Kindern weniger stark weiblich dominiert und verschiebt sich mit der Pubertät deutlich zugunsten von Mädchen. Dies spricht für einen Einfluss von Sexualhormonen, Körperzusammensetzung und pubertätsabhängigen Immunveränderungen, ohne dass ein einzelner hormoneller Mechanismus die Erkrankung erklärt.

POMS macht in vielen Kohorten ungefähr drei bis fünf Prozent aller MS-Fälle aus; je nach Definition, Region und Register werden breitere Bereiche berichtet. Der globale Atlas weist zehntausende bekannte pädiatrische Fälle aus, wobei Unterdiagnose und fehlende Register in vielen Ländern wahrscheinlich zu einer Unterschätzung führen.

48 Internationale Epidemiologie: warum regionale Daten wichtig sind

Die Epidemiologie von POMS variiert erheblich. In Südkorea zeigte eine landesweite Versicherungsdatenanalyse für 2016 bis 2020 eine sehr niedrige ; 2020 lag sie bei etwa 0,55 pro 100.000 Personen unter 20 Jahren. Gleichzeitig zeigten sich deutliche Unterschiede im Zugang zu spezialisierten Zentren zwischen urbanen und ländlichen Regionen. Solche Daten sind wichtig, weil niedrige registrierte Häufigkeit sowohl echte biologische Unterschiede als auch diagnostische und versorgungsbezogene Effekte widerspiegeln kann.

Iran gehört zu den Ländern mit auffallend vielen POMS-Daten. Eine landesweite Untersuchung von 2000 bis 2019 identifizierte 4.544 pädiatrische Fälle und berichtete einen Anstieg der von 0,26 pro 100.000 im Jahr 2000 auf 1,53 im Jahr 2019. In Isfahan wurden über zwei Jahrzehnte 509 POMS-Fälle dokumentiert; die weibliche Dominanz war ausgeprägt. Solche zeitlichen Trends können reale Veränderungen, verbesserte Diagnostik, veränderte Überweisung und Registervollständigkeit gleichzeitig widerspiegeln.

Polen hat über ein nationales Register 329 Kinder und Jugendliche ausgewertet. Die altersstandardisierte Prävalenz lag Ende 2019 bei etwa 5,19 pro 100.000, mit deutlich höherer Prävalenz bei Mädchen. Mehr als 95 Prozent hatten einen schubförmig-remittierenden Verlauf. Die Daten sind für Mittel- und Osteuropa besonders wertvoll, weil dort historisch weniger POMS-Register publiziert wurden als in Westeuropa oder Nordamerika.

Die Türkei verfügt über große multizentrische pädiatrische Kohorten. In der Turkish Pediatric Multiple Sclerosis Database wurden 193 Kinder aus 27 Zentren beschrieben. 55,4 Prozent hatten einen polysymptomatischen Beginn; Hirnstamm-, sensible, motorische und visuelle Symptome waren häufig. Eine 2025/2026 publizierte Langzeitkohorte aus Türkiye zeigte, dass verzögerter DMT-Beginn, männliches Geschlecht, höheres Alter bei Beginn, höherer Ausgangs-EDSS und unvollständige Erholung vom ersten Schub mit ungünstigerem Langzeitverlauf assoziiert waren. Diese Beobachtungen sind keine randomisierten Beweise, unterstreichen aber die Bedeutung früher Diagnose und Therapie.

49 Frühzeichen und erste Symptome im Kindesalter

Die Frage nach „Anzeichen“ ist schwierig, weil viele frühe Beschwerden unspezifisch sind. Ein Kind mit Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schwindel hat in aller Regel keine MS. Verdächtig wird eine Konstellation, wenn objektivierbare neurologische Ausfälle auftreten, über Stunden bis Tage entstehen, länger als 24 Stunden anhalten und anatomisch zu einer Schädigung im zentralen Nervensystem passen.

Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnervs kann zu verschwommenem Sehen, Sehschärfenverlust, verminderter Farbsättigung und Schmerzen bei Augenbewegungen führen. Kinder können Schwierigkeiten haben, die Sehverschlechterung präzise zu beschreiben. Bilaterale Optikusneuritis oder ausgeprägte Papillenschwellung kann stärker an MOGAD denken lassen, ist aber nicht absolut spezifisch.

Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühl, pelziges Gefühl, Brennen oder ein „elektrisches“ Gefühl können auftreten. Ein Lhermitte-Zeichen beschreibt ein elektrisierendes Gefühl entlang der Wirbelsäule bei Beugung des Kopfes und kann bei zervikaler Rückenmarksbeteiligung vorkommen, ist aber nicht MS-spezifisch.

Motorische Symptome: Ein Arm oder Bein kann schwächer wirken, das Kind stolpert häufiger, zieht ein Bein nach oder verliert feinmotorische Fähigkeiten. Bei älteren Kindern fällt dies eventuell im Sport oder beim Schreiben auf.

Ataxie und Koordinationsstörung: Unsicherer Gang, Probleme beim gezielten Greifen, Tremor oder Schwierigkeiten mit schnellen alternierenden Bewegungen können auf Kleinhirnbeteiligung hinweisen.

Hirnstammsymptome: Doppelbilder, Nystagmus, Gesichtstaubheit, Fazialisparese, Schwindel, Sprech- oder Schluckstörungen können auftreten. In pädiatrischen Kohorten sind Hirnstammläsionen und -symptome relativ häufig.

Rückenmarkssymptome: Schwäche beider Beine, ein sensibles Niveau am Rumpf, Gangstörung, Blasenfunktionsstörung oder Kombinationen daraus können auf Myelitis hinweisen. Eine sehr lange Rückenmarksläsion über mehrere Wirbelkörpersegmente ist für klassische MS weniger typisch und sollte MOGAD, NMOSD und andere Ursachen besonders in den Vordergrund rücken.

Blasen- und Darmstörungen: Drang, häufiges Wasserlassen, Restharn oder seltener Inkontinenz können vorkommen. Bei einem Kind sind solche Symptome isoliert wesentlich häufiger urologisch oder funktionell bedingt als durch MS.

Fatigue: MS-Fatigue ist mehr als normale Müdigkeit. Sie kann unverhältnismäßig stark sein, durch Hitze oder Anstrengung zunehmen und Schule, Freizeit und Konzentration beeinträchtigen. Weil Fatigue extrem unspezifisch ist, darf sie niemals allein als MS-Hinweis gewertet werden.

Kognitive Veränderungen: Verlangsamte Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeitsprobleme, Gedächtnisschwierigkeiten oder Leistungsabfall können vorkommen. Auch hier sind Schlafmangel, Depression, ADHS, Lernstörungen und zahlreiche andere Ursachen viel häufiger.

Krampfanfälle: Epileptische Anfälle können bei pädiatrischer MS vorkommen und wurden in Kohorten auch als Teil der Erstmanifestation beschrieben. Sie sind jedoch kein typisches oder spezifisches Leitsymptom.

Enzephalopathie und ADEM-ähnlicher Beginn: Besonders bei jüngeren Kindern kann das erste demyelinisierende Ereignis mit Bewusstseins- oder Verhaltensveränderungen und multifokalen Defiziten auftreten. Eine echte ADEM ist bei Kindern häufiger als MS und häufig mit MOG-Antikörpern assoziiert. Die Diagnose darf deshalb nicht vorschnell als MS festgelegt werden.

Polysymptomatischer Beginn: Kinder können bei einem ersten Schub gleichzeitig mehrere Funktionssysteme betroffen haben. Das kann die Diagnose erschweren, weil das klinische Bild dramatischer und weniger „klassisch“ als bei einem monosymptomatischen Erwachsenen ist.

Wann ist rasche Abklärung wichtig? Neu auftretender Sehverlust, anhaltende Doppelbilder, Lähmung, deutliche Gangstörung, akute Koordinationsstörung, neue Blasenstörung zusammen mit neurologischen Ausfällen, Bewusstseinsstörung oder andere persistierende fokale neurologische Defizite sollten zeitnah ärztlich beurteilt werden. Diese Symptome haben viele mögliche Ursachen, von denen einige dringlicher als MS sind.

50 Erste Anzeichen: was Eltern, Kinderärzte und Neurologen sehen können

Das erste Ereignis einer POMS ist typischerweise ein erworbenes demyelinisierendes Syndrom. Symptome sollten meist über mindestens 24 Stunden bestehen und nicht besser durch Fieber, Infektion oder andere Ursachen erklärt werden. Die klinische Lokalisation kann Sehnerv, Großhirn, Hirnstamm, Kleinhirn oder Rückenmark betreffen.

Optikusneuritis kann sich als einseitige oder beidseitige Sehverschlechterung, verschwommenes Sehen, verminderte Farbsättigung, zentraler Gesichtsfeldausfall oder Schmerzen bei Augenbewegungen äußern. Kleine Kinder beschreiben Farbentsättigung selten spontan. Auffällig kann sein, dass ein Auge beim Spielen oder Lesen funktionell weniger genutzt wird, dass das Kind Gegenstände auf einer Seite übersieht oder plötzlich näher an Bildschirm und Buch herangeht. Eine schwere bilaterale Optikusneuritis, ausgeprägte Papillenschwellung oder bestimmte MRT-Muster erhöhen allerdings die Wahrscheinlichkeit von MOGAD gegenüber klassischer MS.

Hirnstammsymptome umfassen Doppelbilder, Augenbewegungsstörungen, Fazialisparese, Gesichtstaubheit, Schwindel, Dysarthrie und Schluckstörung. Die türkische multizentrische Kohorte dokumentierte Hirnstammsymptome bei etwa der Hälfte der Kinder. Bei jüngeren Kindern kann die Beschreibung „alles dreht sich“ oder „ich sehe doppelt“ fehlen; Eltern bemerken möglicherweise Schielen, unsicheren Gang oder plötzliches Erbrechen zusammen mit neurologischen Auffälligkeiten.

Sensible Symptome sind Kribbeln, Taubheit, Brennen, ein elektrisierendes Gefühl oder ein umschriebenes vermindertes Gefühl. Kinder können dies unspezifisch als „komisch“, „eingeschlafen“ oder „pelzig“ beschreiben. Ein Lhermitte-Phänomen – elektrisierendes Gefühl beim Beugen des Nackens – kann bei zervikaler Rückenmarksbeteiligung auftreten, ist aber nicht spezifisch für MS.

Motorische Symptome reichen von diskreter Feinmotorikstörung bis zu deutlicher Hemiparese oder Paraparese. Eltern können bemerken, dass das Kind häufiger stolpert, ein Bein nachzieht, beim Sport plötzlich deutlich schlechter ist oder Gegenstände fallen lässt. Spastik entwickelt sich eher bei Rückenmarks- oder Pyramidenbahnbeteiligung.

Kleinhirnbeteiligung kann Ataxie, Dysmetrie, Intentionstremor und Gleichgewichtsstörung verursachen. Ein Kind kann breitbasig gehen, beim Treppensteigen unsicher werden oder beim Schreiben und Essen eine neue Zielungenauigkeit zeigen.

Rückenmarksschübe können Schwäche, sensible Störung, Gangveränderung und Blasenprobleme verursachen. Eine longitudinal ausgedehnte Myelitis über mehrere Wirbelkörpersegmente ist bei klassischer MS weniger typisch und sollte besonders an MOGAD oder AQP4-NMOSD denken lassen.

Krampfanfälle sind kein klassisches Leitsymptom der Erwachsenen-MS, können aber bei Kindern vorkommen. In der türkischen Datenbank hatten zehn Kinder epileptische Anfälle beim ersten Ereignis. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass pädiatrische Präsentationen breiter sein können.

51 Unspezifische Frühsymptome und das mögliche pädiatrische Prodrom

Ein Prodrom ist eine Phase vor dem klassischen ersten demyelinisierenden Ereignis, in der bereits unspezifische Krankheitsmanifestationen auftreten könnten. Bei Erwachsenen gibt es zunehmende Evidenz für erhöhte Gesundheitsinanspruchnahme, Fatigue, Schmerzen, psychiatrische Symptome und andere Beschwerden Jahre vor der Diagnose. Für Kinder ist die Datenlage jünger.

Eine deutsche populationsbasierte Analyse untersuchte Diagnosen in den Jahren vor der MS-Diagnose bei Menschen unter 18 Jahren. Bestimmte Beschwerden, darunter Störungen der Hautsensibilität, Sehstörungen und Schwindel, waren vor der Diagnose häufiger dokumentiert als bei Kontrollen. Das ist wissenschaftlich interessant, aber klinisch leicht misszuverstehen. Diese Symptome sind in der Allgemeinbevölkerung häufig und besitzen allein eine sehr geringe Spezifität. Ein Kind mit Kopfschmerzen, Schwindel oder Müdigkeit sollte nicht allein deshalb auf MS „gescreent“ werden.

Die Forschung zum Prodrom hat langfristig zwei Ziele. Erstens könnte sie helfen, die biologische Krankheitsentstehung vor dem ersten Schub zu verstehen. Zweitens könnte sie eines Tages Hochrisikogruppen identifizieren, in denen Präventionsstudien möglich werden. Gegenwärtig existiert jedoch kein validierter pädiatrischer Prodrom-Score, der bei gesunden Kindern eine klinisch sinnvolle MS-Vorhersage erlaubt.

52 Gibt es ein pädiatrisches MS-Prodrom?

Bei Erwachsenen gibt es zunehmend Hinweise auf eine prodromale Phase Jahre vor dem ersten klassischen demyelinisierenden Ereignis. Beschrieben wurden erhöhte Gesundheitsnutzung, Fatigue, Schmerz, psychische Symptome, Schlafstörungen und andere unspezifische Beschwerden. Die große Herausforderung ist die Spezifität: Solche Symptome sind in der Allgemeinbevölkerung häufig.

Eine deutsche populationsbasierte Fall-Kontroll-Studie untersuchte Kinder und Jugendliche mit MS anhand gesetzlicher Krankenversicherungsdaten und verglich Diagnosen in den fünf Jahren vor der ersten MS- beziehungsweise Demyelinisierungsdiagnose. Bestimmte Beschwerden, darunter Störungen der Hautsensibilität, Sehstörungen und Schwindel, waren vor der Diagnose häufiger dokumentiert. Das ist ein Forschungsbefund und kein Screeningtest.

Ein zukünftiges Ziel könnte sein, klinische Prodromdaten mit EBV-Serologie, genetischem Risiko, Neurofilament, GFAP, Immunprofilen und MRT-Markern zu kombinieren. Noch ist nicht klar, ob sich daraus ein ausreichend präzises Screeningmodell für gesunde Kinder entwickeln lässt. Ein Screening mit zu niedriger Spezifität würde viele gesunde Kinder beunruhigen und unnötige MRT- und Liquoruntersuchungen verursachen.

53 Frühzeichen im Kindesalter: systematische Einordnung

Frühzeichen müssen in vier Kategorien getrennt werden:

  1. Symptome eines tatsächlichen ersten demyelinisierenden Ereignisses.
  2. unspezifische Beschwerden in den Jahren vor Diagnose.
  3. radiologische präsymptomatische Aktivität.
  4. echte Risikofaktoren, die noch keine Symptome darstellen.

Typische erste demyelinisierende Manifestationen können sein:

  • Optikusneuritis
  • fokale Sensibilitätsstörung
  • motorische Schwäche
  • Diplopie oder andere Hirnstammsymptome
  • Ataxie
  • Myelitis
  • Blasenfunktionsstörung
  • multifokale/polysymptomatische Präsentationen.

Jüngere Kinder können ADEM-ähnlich präsentieren. Genau hier ist die Differentialdiagnose besonders wichtig, weil MOGAD im Kindesalter häufig ist und klinisch sowie radiologisch mit MS überlappen kann.

Unspezifische Symptome wie Fatigue, Kopfschmerz, Schwindel, Konzentrationsprobleme oder Stimmungssymptome können vor einer MS-Diagnose häufiger dokumentiert sein, haben aber eine sehr niedrige Spezifität. Sie eignen sich nicht als Bevölkerungsscreening und dürfen Eltern nicht zu dem Schluss verleiten, dass ein müdes oder schwindeliges Kind wahrscheinlich MS hat.

RIS stellt eine andere Situation dar: Hier liegen bereits MRT-Veränderungen vor, aber noch kein typisches klinisches Ereignis. ARISE und TERIS zeigen, dass eine Therapie bei ausgewählten erwachsenen RIS-Personen den ersten klinischen demyelinisierenden Schub verzögern kann. Für Kinder lässt sich daraus nicht automatisch dieselbe Therapieentscheidung ableiten.

54 Eine bisher zu kurz behandelte Gruppe: MS mit Beginn vor dem fünften Lebensjahr

MS vor dem fünften Geburtstag ist extrem selten. Gerade deshalb ist die Evidenz schwach. Randomisierte Medikamentenstudien speziell für diese Altersgruppe fehlen praktisch vollständig. Ärztinnen und Ärzte müssen häufig Daten aus älteren Kindern vorsichtig übertragen.

Eine 2025 publizierte zu „very early onset MS“ sammelte 101 Fälle mit Krankheitsbeginn vor dem fünften Lebensjahr. Häufig waren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen, Pyramidenbahnzeichen, Augenbewegungsstörungen und seltener eine Optikusneuritis. PMID 41303170.

Für Eltern ist hier ein Punkt besonders wichtig: Je jünger ein Kind ist, desto wichtiger ist es, andere Erkrankungen auszuschließen. MOGAD, ADEM, genetische Leukodystrophien, Stoffwechselerkrankungen, mitochondriale Erkrankungen, Infektionen und seltene entzündliche Syndrome können einer MS ähnlich sehen. Ein sehr früher Beginn ist deshalb kein Grund, vorschnell eine MS-Diagnose zu stellen. Er ist ein Grund für besonders sorgfältige Spezialdiagnostik.

Wenn tatsächlich eine MS bestätigt ist, entstehen schwierige Fragen: Soll früh eine hochwirksame Therapie eingesetzt werden, obwohl Langzeitdaten über Jahrzehnte fehlen? Oder ist eine vorsichtigere Therapie besser, obwohl unbehandelte Entzündung das sich entwickelnde Gehirn schädigen kann? Genau diese Abwägung ist eine der größten Forschungslücken der pädiatrischen MS.

55 Kinder: Warnzeichen, die rasch abgeklärt werden sollten

Ein Kind sollte akut beziehungsweise zeitnah neurologisch oder ophthalmologisch beurteilt werden, wenn neu und anhaltend eine deutliche Sehverschlechterung, Schmerzen bei Augenbewegung mit Visusverlust, Doppelbilder, fokale Schwäche, ausgeprägte Gangunsicherheit, neue Koordinationsstörung, sensible Ausfälle mit klarer Verteilung, Blasenstörung zusammen mit Bein- oder Rückenmarkssymptomen oder ein anderes persistierendes fokales neurologisches Defizit auftritt.

Dringlichkeit steigt bei rascher Verschlechterung, Atem- oder Schluckstörung, Bewusstseinsveränderung, schwerer Myelitis, akutem Visusverlust oder Hirnstammsymptomen. Diese Zeichen bedeuten nicht automatisch MS; sie können andere neurologische Notfälle anzeigen.

Unspezifische Müdigkeit, Kopfschmerz, Konzentrationsprobleme oder gelegentlicher Schwindel ohne objektive neurologische Zeichen sind für sich allein keine typischen Gründe für eine MS-Diagnose. Bei Persistenz oder Kombination mit fokalen Befunden können sie Teil der Gesamtbeurteilung werden.

Bei einem ersten demyelinisierenden Ereignis sollte die Frage nicht nur „MS ja/nein?“ lauten, sondern „welche erworbene demyelinisierende Erkrankung liegt vor?“ MOGAD, ADEM und NMOSD verändern Prognose und Therapie grundlegend.

56 Was Eltern bei Verdacht auf MS nicht tun sollten

Nicht anhand einzelner Symptome im Internet selbst diagnostizieren. Kribbeln, Müdigkeit und Schwindel sind häufig und meistens nicht MS.

Nicht eigenständig hochdosiertes Kortison geben. Kortikosteroide können Infektionen verschlechtern und die Diagnostik beeinflussen.

Nicht ohne fachärztliche Indikation Vitamin D in Megadosen geben.

Nicht aus Angst Routineimpfungen auslassen.

Nicht eine MOGAD- oder ADEM-Diagnose automatisch als „frühe MS“ interpretieren. Diese Erkrankungen haben eigene Verläufe und Therapien.

Nicht bei einem bestätigten POMS-Befund monatelang auf alternative Verfahren ausweichen, während hochaktive Entzündung unbehandelt bleibt.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27