Behandlung eines akuten Schubs
Was bei einem akuten Schub geschieht: hochdosiertes Kortison, Plasmaaustausch und Immunadsorption, Nutzen und Risiken – und wie Rehabilitation nach einem Schub hilft.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
119 Akute Schubtherapie
Nicht jeder Schub muss behandelt werden. Leichte sensible Symptome ohne relevante Alltagsbeeinträchtigung können spontan abklingen. Behandelt werden vor allem funktionell relevante Schübe, beispielsweise Sehverlust, deutliche Parese, Ataxie oder andere Einschränkungen.
Standard ist hochdosiertes Methylprednisolon, intravenös oder in geeigneten Situationen hochdosiert oral. Typische Erwachsenenschemata verwenden 500 bis 1000 mg täglich für drei bis fünf Tage. Bei Kindern wird gewichtsbezogen dosiert, häufig etwa 20 bis 30 mg/kg/Tag bis zu einer Maximaldosis von 1 g, abhängig von Leitlinie und Zentrum.
Kortikosteroide beschleunigen die Erholung, ändern aber nicht zuverlässig den langfristigen Behinderungsverlauf eines einzelnen Schubs. Vor Gabe sollte eine relevante Infektion ausgeschlossen werden, weil Fieber oder Infektion einen Pseudoschub auslösen können und Steroide Infektionen verschlechtern können.
Bei schweren steroidrefraktären Schüben ist therapeutischer Plasmaaustausch eine etablierte Eskalation. Besonders bei schweren motorischen Ausfällen, Myelitis oder ausgeprägter Optikusneuritis kann frühe Plasmapherese entscheidend sein. Immunadsorption wird in einigen Ländern, besonders Deutschland, ebenfalls eingesetzt.
120 Steroidtherapie: Nutzen und Risiken
Hochdosis-Methylprednisolon reduziert Entzündung und beschleunigt Schuberholung. Häufige kurzfristige Nebenwirkungen sind Schlaflosigkeit, metallischer Geschmack, Stimmungsschwankung, Magenbeschwerden, Blutdruck- und Blutzuckeranstieg.
Selten können schwere psychiatrische Reaktionen, Infektionen oder avaskuläre Nekrose auftreten. Wiederholte Steroidpulse erhöhen langfristig Knochen- und Stoffwechselbelastung.
Eine routinemäßige orale Ausschleichphase nach kurzem Hochdosis-Puls ist nicht in jeder Situation notwendig. Protokolle unterscheiden sich.
Bei Kindern können Stimmung, Schlaf und Blutzucker besonders beobachtet werden. Gewichtsdosierung verhindert unnötige Überdosierung über die übliche Maximaldosis hinaus.
121 Plasmaaustausch und Immunadsorption
Plasmaaustausch entfernt zirkulierende Antikörper und andere Plasmaproteine. Er ist besonders bei schweren steroidrefraktären demyelinisierenden Schüben etabliert.
Typischerweise werden mehrere Behandlungen über Tage bis zwei Wochen durchgeführt. Risiken umfassen Gefäßzugangskomplikationen, Blutdruckabfall, Elektrolytveränderungen, Blutungs- und Infektionsrisiken.
Immunadsorption entfernt Immunglobuline selektiver und wird besonders in Deutschland eingesetzt. Die Evidenz ist kleiner als für Plasmaaustausch, aber klinische Erfahrung bei steroidrefraktären Schüben ist relevant.
122 Rehabilitation nach Schub
Nach einem schweren Schub beginnt Rehabilitation möglichst früh, sobald medizinisch stabil. Neuroplastizität ist in den ersten Wochen besonders relevant.
Physiotherapie adressiert Kraft, Gang, Balance und Spastik. Ergotherapie fokussiert Alltag, Handfunktion und Energieökonomie. Logopädie behandelt Sprache und Schlucken. Neuropsychologie adressiert Kognition. Sozialarbeit hilft bei Schule, Studium, Beruf und Hilfsmitteln.
Bei Kindern sollte die Rehabilitation in den Schulalltag integriert werden, damit medizinische Termine nicht selbst zu zusätzlicher Bildungsbenachteiligung führen.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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