Die Medikamente im Überblick
Alle krankheitsmodifizierenden MS-Medikamente auf einen Blick: Wirkstoffgruppe, Art der Gabe, Zulassung in EU und USA, Kinder, Schwangerschaft und Kontrollen – ausdrücklich ohne Rangliste.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
123 Kompakte Gesamtmatrix der DMT-Landschaft 2026
Interferon beta-1a/-1b, Peginterferon beta-1a
- Typ: injizierbare Immunmodulation.
- Haupteinsatz: schubförmige MS, heute vor allem bei niedriger bis moderater entzündlicher Aktivität oder wenn Langzeitsicherheit besonders wichtig ist.
- Pädiatrie: umfangreiche historische Off-label-Erfahrung; formale Altersangaben unterscheiden sich nach Produkt und Region.
- Schwangerschaft: unter den am besten charakterisierten MS-DMTs; Fortführung kann je nach Produktinformation und klinischer Situation vertretbar sein.
- Schlüssellimitierung: geringere entzündungshemmende Wirksamkeit als moderne hochwirksame DMTs.
Glatirameracetat
- Typ: injizierbare Immunmodulation.
- Haupteinsatz: schubförmige MS mit Wunsch nach sehr lang etablierter Sicherheitsbilanz.
- Pädiatrie: lange Off-label-Erfahrung; Zulassungsdetails national unterschiedlich.
- Schwangerschaft: eine der am besten dokumentierten DMT-Optionen.
- Schlüssellimitierung: moderate Wirksamkeit und häufige Injektionen.
Teriflunomid
- Typ: oraler DHODH-Hemmer.
- EU: RRMS ab 10 Jahren.
- USA: Erwachsene; die US-Produktinformation weist ausdrücklich darauf hin, dass die pädiatrische Anwendung nicht zugelassen ist.
- Schlüsselstudien: TEMSO, TOWER, TOPIC, TERIKIDS.
- Schwangerschaft: kontraindiziert; beschleunigtes Eliminationsverfahren ist ein zentraler Bestandteil des Sicherheitsmanagements.
Dimethylfumarat
- Typ: oraler Fumarat/Nrf2-assoziierte Immunmodulation.
- EU: RRMS ab 13 Jahren.
- USA: Erwachsene.
- Schlüsselstudien: DEFINE, CONFIRM; pädiatrisch CONNECT und weitere Studien.
- Hauptmonitoring: Lymphozyten und Leberwerte; PML-Risiko insbesondere bei anhaltender Lymphopenie.
Diroximelfumarat
- Typ: Fumarat mit demselben aktiven Metaboliten Monomethylfumarat wie Dimethylfumarat.
- Hauptevidenz: vergleichbare systemische Exposition; EVOLVE-MS-2 zeigte vor allem bessere gastrointestinale Verträglichkeit gegenüber Dimethylfumarat.
- Pädiatrie: wesentlich weniger direkte Daten als für Dimethylfumarat.
Fingolimod
- Typ: S1P-Rezeptormodulator.
- EU/USA: relapsende MS ab 10 Jahren.
- Schlüsselstudien: FREEDOMS, TRANSFORMS, PARADIGMS.
- Besonderheit: starker pädiatrischer RCT-Nachweis, aber kardiale Erst-Dosis-Effekte, Makulaödem, Infektionen und relevantes Rebound-Risiko nach Absetzen.
Siponimod
- Typ: selektiver S1P1/5-Modulator.
- EU: aktive SPMS bei Erwachsenen.
- Schlüsselstudie: EXPAND.
- Besonderheit: CYP2C9-Genotypisierung vor Beginn; Nutzen ist am klarsten bei entzündlich aktiver SPMS.
Ozanimod
- Typ: S1P1/5-Modulator.
- EU/USA: erwachsene schubförmige MS.
- Schlüsselstudien: SUNBEAM, RADIANCE.
- Besonderheit: geringere Notwendigkeit einer generellen stationären Erst-Dosis-Überwachung als bei Fingolimod, aber weiterhin kardiale, ophthalmologische, hepatische und infektiologische Sicherheitsaspekte.
Ponesimod
- Typ: selektiver S1P1-Modulator.
- EU/USA: erwachsene aktive relapsende MS.
- Schlüsselstudie: OPTIMUM gegen Teriflunomid.
- Besonderheit: relativ kurze pharmakologische Nachwirkung gegenüber Fingolimod; trotzdem ist nach Absetzen auf erneute Krankheitsaktivität zu achten.
Natalizumab
- Typ: Anti-alpha4-Integrin-Antikörper.
- EU: hochaktive RRMS bei Erwachsenen.
- USA: relapsende Formen bei Erwachsenen.
- Schlüsselstudie: AFFIRM; SENTINEL historisch wichtig; NOVA für verlängerte Dosierungsintervalle.
- Hauptproblem: PML-Risiko, abhängig von JCV-Status, Expositionsdauer und vorausgegangener Immunsuppression.
Ocrelizumab
- Typ: Anti-CD20-Antikörper.
- EU: Erwachsene mit aktiver RMS und Erwachsene mit früher PPMS; am 17.09.2026 positive CHMP-Empfehlung für Erweiterung auf pädiatrische RMS ab 10 Jahren, aber am 28.09.2026 noch keine abschließende Entscheidung der Europäischen Kommission.
- USA: Erwachsene; pädiatrische Sicherheit und Wirksamkeit laut aktueller US-Produktinformation nicht etabliert.
- Schlüsselstudien: OPERA I/II und ORATORIO; pädiatrisch OPERETTA-Programm.
Ofatumumab
- Typ: vollständig humaner Anti-CD20-Antikörper zur subkutanen Selbstinjektion.
- EU/USA: Erwachsene mit relapsenden Formen.
- Schlüsselstudien: ASCLEPIOS I/II gegen Teriflunomid; ALITHIOS als Langzeitprogramm.
- Besonderheit: monatliche Selbstinjektion statt halbjährlicher Infusion.
Ublituximab
- Typ: glykoengineerter Anti-CD20-Antikörper.
- EU/USA: Erwachsene mit aktiven relapsenden Formen.
- Schlüsselstudien: ULTIMATE I/II gegen Teriflunomid.
- Besonderheit: sehr starke MRT- und Schubreduktion; kein signifikanter Vorteil für bestätigte Behinderungsprogression im gepoolten pivotalen Vergleich.
Rituximab
- Typ: Anti-CD20-Antikörper, für MS nicht regulär zugelassen.
- Einsatz: Off-label, besonders stark in skandinavischen Ländern und einigen anderen Gesundheitssystemen.
- Schlüsselstudien: HERMES, RIFUND-MS; 2026 zusätzlich randomisierte Vergleichsdaten mit Ocrelizumab aus OVERLORD-MS.
- Besonderheit: große Real-World-Erfahrung und niedrige Arzneimittelkosten in Biosimilar-Systemen, aber kein MS-spezifisches Zulassungsprogramm.
Cladribin-Tabletten
- Typ: pulsförmige Immunrekonstitution über zwei Jahreskurse.
- EU: hochaktive schubförmige MS bei Erwachsenen.
- USA: relapsende Formen bei Erwachsenen, in der Regel nach unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit anderer DMTs.
- Schlüsselstudien: CLARITY, CLARITY Extension, ORACLE-MS.
- Besonderheit: keine kontinuierliche Einnahme nach den zwei Jahreskursen, aber Lymphopenie-, Infektions-, Schwangerschafts- und Malignitätsaspekte erfordern sorgfältige Selektion.
Alemtuzumab
- Typ: Anti-CD52-Antikörper, Immunrekonstitution.
- EU: stark eingeschränkter Einsatz bei hochaktiver oder rasch schwer verlaufender RRMS.
- Schlüsselstudien: CARE-MS I/II.
- Besonderheit: sehr hohe Wirksamkeit, aber sekundäre Autoimmunität sowie seltene schwere kardiovaskuläre und immunvermittelte Ereignisse; langes Sicherheitsmonitoring nach der letzten Infusion.
Tolebrutinib/Cenrifki
- Typ: hirngängiger BTK-Hemmer.
- EU: seit 19.06.2026 für Erwachsene mit SPMS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren.
- Australien: 2026 ebenfalls zugelassen für nicht-schubförmige SPMS.
- USA: Stand 28.09.2026 nicht zugelassen; die FDA erteilte im Dezember 2025 einen Complete Response Letter.
- Schlüsselstudien: HERCULES positiv für Behinderungsprogression; GEMINI 1/2 nicht überlegen gegenüber Teriflunomid bei in RMS.
- Hauptproblem: Lebertoxizität und deshalb intensives Lebermonitoring.
Mitoxantron
- Typ: zytotoxisches Immunsuppressivum.
- Rolle 2026: weitgehend historisch/reserviert, da Kardiotoxizität, therapieassoziierte Leukämie, Gonadotoxizität und kumulative Dosisgrenzen den Nutzen moderner Alternativen meist überwiegen.
Daclizumab
- Typ: Anti-CD25-Antikörper.
- Status: weltweit vom Markt genommen.
- Bedeutung: Lehrbeispiel dafür, dass postmarketing schwerwiegende immunvermittelte Enzephalitis/Meningoenzephalitis das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer wirksamen DMT vollständig verändern können.
Azathioprin/Cyclophosphamid und andere ältere Immunsuppressiva
- Rolle: historisch und regional weiterhin relevant, aber in Ländern mit Zugang zu modernen DMTs keine bevorzugten Standardoptionen.
- Nutzen der Aufnahme: internationale Versorgung lässt sich sonst nicht korrekt abbilden, insbesondere in ressourcenlimitierten Systemen.
Die krankheitsmodifizierenden MS-Medikamente im Überblick
20 Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen der krankheitsmodifizierenden Therapie (DMT – Medikamente, die den Krankheitsverlauf beeinflussen sollen, nicht nur einzelne Symptome). Jede Karte lässt sich aufklappen: Wirkstoffgruppe, Art der Gabe, Zulassung in der EU und in den USA, Kinder und Jugendliche, Schwangerschaft, wichtigste Kontrollen und Schlüsselstudien. Die Karten stehen alphabetisch – die Reihenfolge ist keine Rangfolge.
Nicht als Rangliste lesen – die Wahl richtet sich nach der Person, nicht nach einem „Platz 1“
Die Ergebnisse stammen aus unterschiedlichen Jahrzehnten, Patientengruppen und Messgrößen. Ein Beispiel mit der jährlichen Schubrate (ARR – die durchschnittliche Zahl der Schübe pro Person und Jahr): In der Kinderstudie PARADIGMS lag sie bei 0,12 unter Fingolimod gegenüber 0,67 unter Interferon beta-1a, in der Erwachsenenstudie ULTIMATE I bei 0,08 unter Ublituximab gegenüber 0,19 unter Teriflunomid. Diese beiden Vergleiche lassen sich nicht direkt gegeneinander ausspielen. Ein Medikament, das neue Herde im MRT stark unterdrückt, kann bei schleichender Verschlechterung unabhängig von Schüben (PIRA) oder bei langfristiger Behinderung weniger klar wirken. Umgekehrt kann eine Therapie mit moderater Schubreduktion wegen Schwangerschaftssicherheit, geringer Immunsuppression oder jahrzehntelanger Erfahrung für eine bestimmte Person die geeignetere Wahl sein.
Wichtiger als „Welches Medikament ist Nummer 1?“ sind diese Fragen:
- Wie hoch ist das unbehandelte Krankheitsrisiko dieser konkreten Person?
- Was soll verhindert werden: Schub, neue Läsion, PIRA, Übergang in eine SPMS, kognitive Verschlechterung?
- Welche Risiken bringt die Therapie für Alter, Infektionsstatus, Leber, Herz, Krebsvorgeschichte und Fortpflanzung mit?
- Welche spätere Abfolge von Therapien bleibt offen?
- Wie sicher kann ein notwendiger Wechsel durchgeführt werden?
Diese Übersicht enthält deshalb bewusst keine Wirksamkeitsbewertung, keine Punkte und keine Sortierung nach „besser“ – und keine Dosierungen. Auch „oral“ ist keine Wirksamkeits- oder Sicherheitsklasse: Zum Einnehmen gibt es moderat wirksame Mittel ebenso wie solche mit relevantem Rebound- oder Infektionsrisiko.
20 von 20 Wirkstoffen
Alemtuzumab
- Klasse / Typ
- Anti-CD52-Antikörper, Immunrekonstitution: senkt T- und B-Lymphozyten (Abwehrzellen) tief ab, danach baut sich das Immunsystem neu auf.
- Art der Gabe
- Infusion, in wenigen Infusionszyklen; das Sicherheitsmonitoring läuft über Jahre nach der letzten Infusion weiter.
- EU-Status (28.09.2026)
- stark eingeschränkte hochaktive RRMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene mit restriktiver Positionierung
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung. Pädiatrische Übersicht: keine reguläre breite pädiatrische Standardzulassung 2026; teilweise erhebliche Off-label- und Registererfahrung, besonders für Natalizumab und Rituximab. Der Einsatz gehört in erfahrene pädiatrische MS-Zentren mit ausdrücklicher Nutzen-Risiko-Dokumentation.
- Schwangerschaft
- Schwangerschaft erst nach Sicherheitsintervall
- Wichtigstes Monitoring
- jahrelanges Autoimmun-/Nieren-/Schilddrüsenmonitoring
- Schlüsselstudien
- CARE-MS I/II
Azathioprin
- Klasse / Typ
- Älteres Immunsuppressivum (in der Gesamtmatrix zusammen mit Cyclophosphamid und anderen älteren Immunsuppressiva).
- Art der Gabe
- Im Text nicht angegeben.
- EU-Status (28.09.2026)
- off-label/regional
- USA-Status
- off-label
- Kinder und Jugendliche
- keine moderne Standardzulassung
- Schwangerschaft
- umfangreiche Fremdindikationsdaten, aber keine bevorzugte MS-DMT
- Wichtigstes Monitoring
- Blutbild, Leber, TPMT/NUDT15-Kontext
- Außerdem
- Rolle laut Gesamtmatrix: historisch und regional weiterhin relevant, aber in Ländern mit Zugang zu modernen DMTs keine bevorzugte Standardoption.
Cladribin-Tabletten
- Klasse / Typ
- Pulsförmige Immunrekonstitution über zwei Jahreskurse; Cladribin reduziert bevorzugt Lymphozyten.
- Art der Gabe
- Tabletten in zwei jährlichen Behandlungszyklen; danach keine kontinuierliche Einnahme.
- EU-Status (28.09.2026)
- hochaktive schubförmige MS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene, meist Reserve
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung. Pädiatrische Übersicht: keine reguläre breite pädiatrische Standardzulassung 2026; teilweise erhebliche Off-label- und Registererfahrung, besonders für Natalizumab und Rituximab. Der Einsatz gehört in erfahrene pädiatrische MS-Zentren mit ausdrücklicher Nutzen-Risiko-Dokumentation.
- Schwangerschaft
- kontraindiziert in Expositionsfenstern; Schwangerschaft nach Sicherheitsintervall planbar
- Wichtigstes Monitoring
- Lymphozyten, Infektionen, VZV, Schwangerschaft, Krebsprävention
- Schlüsselstudien
- CLARITY, CLARITY Extension, ORACLE-MS
Daclizumab
- Klasse / Typ
- Anti-CD25-Antikörper; 2018 weltweit vom Markt genommen.
- Art der Gabe
- Im Text nicht angegeben.
- EU-Status (28.09.2026)
- zurückgezogen
- USA-Status
- zurückgezogen
- Kinder und Jugendliche
- keine
- Schwangerschaft
- nicht anwendbar
- Wichtigstes Monitoring
- historisches Pharmakovigilanz-Beispiel
- Außerdem
- Bedeutung laut Gesamtmatrix: Lehrbeispiel dafür, dass erst nach der Markteinführung erkannte schwere immunvermittelte Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis/Meningoenzephalitis) das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer wirksamen DMT vollständig verändern können.
Dimethylfumarat
- Klasse / Typ
- Orales Fumarat, Nrf2-assoziierte Immunmodulation.
- Art der Gabe
- Zum Einnehmen (oral).
- EU-Status (28.09.2026)
- RRMS ab 13 Jahren
- USA-Status
- Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- EU ab 13. Pädiatrische Übersicht: USA keine pädiatrische Zulassung; Kinderstudie CONNECT gegen Interferon beta-1a.
- Schwangerschaft
- wachsende, aber kleinere Datenbasis als IFN/GA
- Wichtigstes Monitoring
- Lymphozyten, Blutbild, Leber, PML-Vigilanz
- Schlüsselstudien
- DEFINE, CONFIRM; pädiatrisch CONNECT und weitere Studien
Diroximelfumarat
- Klasse / Typ
- Fumarat mit demselben aktiven Stoffwechselprodukt Monomethylfumarat wie Dimethylfumarat.
- Art der Gabe
- Im Text nicht ausdrücklich angegeben; beschrieben als alternative Formulierung der Fumarattherapie mit potenziell besserer Magen-Darm-Verträglichkeit.
- EU-Status (28.09.2026)
- Erwachsene RRMS
- USA-Status
- Erwachsene relapsende Formen
- Kinder und Jugendliche
- keine etablierte Zulassung. Gesamtmatrix: wesentlich weniger direkte Daten bei Kindern als für Dimethylfumarat.
- Schwangerschaft
- begrenzte direkte Daten
- Wichtigstes Monitoring
- wie Fumaratklasse
- Schlüsselstudien
- EVOLVE-MS-2 (vor allem bessere Magen-Darm-Verträglichkeit gegenüber Dimethylfumarat)
Fingolimod
- Klasse / Typ
- S1P-Rezeptormodulator: hält Lymphozyten in den lymphatischen Organen zurück, sodass weniger davon in Gehirn und Rückenmark gelangen.
- Art der Gabe
- Zum Einnehmen (oral); der erste orale S1P-Modulator.
- EU-Status (28.09.2026)
- hochaktive RRMS ab 10 Jahren
- USA-Status
- relapsende Formen ab 10 Jahren
- Kinder und Jugendliche
- starke RCT-Evidenz. Pädiatrische Übersicht: EU ab 10 Jahren bei hochaktiver RRMS, USA ab 10 Jahren für relapsende Formen; Kinderstudie PARADIGMS gegen Interferon beta-1a.
- Schwangerschaft
- kontraindiziert; Washout und Rebound-Plan
- Wichtigstes Monitoring
- ECG/Erstdosis, Blutbild, Leber, VZV, Auge, Blutdruck
- Schlüsselstudien
- FREEDOMS, TRANSFORMS, PARADIGMS
Glatirameracetat
- Klasse / Typ
- Injizierbare Immunmodulation ohne ausgeprägte systemische Immunsuppression.
- Art der Gabe
- Spritze unter die Haut (subkutan); häufige Injektionen.
- EU-Status (28.09.2026)
- national zugelassen, schubförmige MS
- USA-Status
- relapsende Formen
- Kinder und Jugendliche
- historische Off-label-Erfahrung
- Schwangerschaft
- sehr große Expositionserfahrung, häufig bevorzugte Option bei Schwangerschaft
- Wichtigstes Monitoring
- wenig Labor; Haut/Injektion
Interferon beta
- Klasse / Typ
- Injizierbare Immunmodulation (Interferon beta-1a/-1b, Peginterferon beta-1a); verändert Zytokinsignale, Zellwanderung und Immunaktivierung.
- Art der Gabe
- Spritze, je nach Präparat unter die Haut (subkutan) oder in den Muskel (intramuskulär); Peginterferon ermöglicht längere Abstände zwischen den Spritzen.
- EU-Status (28.09.2026)
- Erwachsene, schubförmige MS je Präparat
- USA-Status
- Erwachsene, relapsende Formen je Präparat
- Kinder und Jugendliche
- historische Off-label-Erfahrung; produktabhängige Altersangaben
- Schwangerschaft
- vergleichsweise große Sicherheitsdatenbasis; Fortführung je Risikoabwägung möglich
- Wichtigstes Monitoring
- Blutbild, Leber, ggf. Schilddrüse
Mitoxantron
- Klasse / Typ
- Zytotoxisches Immunsuppressivum (Zytostatikum).
- Art der Gabe
- Im Text nicht angegeben.
- EU-Status (28.09.2026)
- historisch/national unterschiedlich
- USA-Status
- historische Zulassung für ausgewählte fortschreitende Formen
- Kinder und Jugendliche
- keine moderne Rolle
- Schwangerschaft
- reproduktionstoxisch/gonadotoxisch
- Wichtigstes Monitoring
- Herzfunktion, Blutbild, kumulative Dosis
- Außerdem
- Rolle 2026 laut Gesamtmatrix: weitgehend historisch/reserviert, da Herzschäden, therapieassoziierte Leukämie, Schäden an den Keimdrüsen und eine lebenslange Obergrenze der Gesamtmenge den Nutzen moderner Alternativen meist überwiegen.
Natalizumab
- Klasse / Typ
- Anti-alpha4-Integrin-Antikörper: blockiert die Wanderung von Abwehrzellen über die Blut-Hirn-Schranke.
- Art der Gabe
- Infusion über die Vene (intravenös); in Europa auch als Spritze unter die Haut (subkutan). Ein Wechsel von intravenös auf subkutan ist kein Schutz vor PML.
- EU-Status (28.09.2026)
- hochaktive RRMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- off-label bei hochaktiver POMS. Pädiatrische Übersicht: keine reguläre breite pädiatrische Standardzulassung 2026; teilweise erhebliche Off-label- und Registererfahrung, besonders für Natalizumab und Rituximab. Der Einsatz gehört in erfahrene pädiatrische MS-Zentren mit ausdrücklicher Nutzen-Risiko-Dokumentation.
- Schwangerschaft
- bei hochaktiver MS selektiv fortführbar; neonatale Blutbildrisiken spät
- Wichtigstes Monitoring
- JCV-Index, MRT, Leber, PML
- Schlüsselstudien
- AFFIRM; SENTINEL historisch wichtig; NOVA für verlängerte Dosierungsintervalle
Ocrelizumab
- Klasse / Typ
- Anti-CD20-Antikörper: verringert bestimmte B-Zellen des Immunsystems.
- Art der Gabe
- Klassisch als Infusion über die Vene, halbjährlich. Zusätzlich gibt es eine Form unter die Haut (subkutan): in der EU zugelassen am 25.06.2024, in den USA als Ocrevus Zunovo am 13.09.2024; die Gabe dauert ungefähr zehn Minuten und erfolgt weiterhin nur zweimal jährlich.
- EU-Status (28.09.2026)
- Erwachsene RMS/PPMS; CHMP-Empfehlung ab 10 Jahren, EC-Entscheid ausstehend
- USA-Status
- Erwachsene RMS/PPMS
- Kinder und Jugendliche
- EU-Erweiterung noch nicht final; USA nicht etabliert. Pädiatrische Übersicht: am 17.09.2026 positive CHMP-Empfehlung für RMS ab 10 Jahren; am 28.09.2026 Entscheidung der Europäischen Kommission noch ausstehend.
- Schwangerschaft
- präkonzeptionelle Strategie möglich; spätexponierte Säuglinge auf B-Zellen/Impfung achten
- Wichtigstes Monitoring
- HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen
- Schlüsselstudien
- OPERA I/II und ORATORIO; pädiatrisch OPERETTA-Programm; für die Form unter die Haut OCARINA II
Ofatumumab
- Klasse / Typ
- Vollständig humaner Anti-CD20-Antikörper.
- Art der Gabe
- Monatliche Selbstinjektion unter die Haut (subkutan) nach der Einleitung, statt halbjährlicher Infusion.
- EU-Status (28.09.2026)
- aktive RMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung. Pädiatrische Übersicht: Ofatumumab wird teilweise bei hochaktiver POMS in spezialisierten Zentren eingesetzt, je nach Land oft off-label.
- Schwangerschaft
- Klassenprinzip Anti-CD20
- Wichtigstes Monitoring
- HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen
- Schlüsselstudien
- ASCLEPIOS I/II gegen Teriflunomid; ALITHIOS als Langzeitprogramm
Ozanimod
- Klasse / Typ
- S1P1/5-Modulator.
- Art der Gabe
- Zum Einnehmen (oral), mit Aufdosierung zu Beginn.
- EU-Status (28.09.2026)
- aktive RRMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung
- Schwangerschaft
- kontraindiziert; Washout
- Wichtigstes Monitoring
- Blutbild, Leber, kardial, Auge, Blutdruck
- Schlüsselstudien
- SUNBEAM, RADIANCE
Ponesimod
- Klasse / Typ
- Selektiver S1P1-Modulator.
- Art der Gabe
- Zum Einnehmen (oral), mit Aufdosierung zu Beginn.
- EU-Status (28.09.2026)
- aktive RMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung
- Schwangerschaft
- kontraindiziert; Washout
- Wichtigstes Monitoring
- ECG, Blutbild, Leber, VZV, Auge, Blutdruck
- Schlüsselstudien
- OPTIMUM gegen Teriflunomid
Rituximab
- Klasse / Typ
- Anti-CD20-Antikörper, für MS nicht regulär zugelassen.
- Art der Gabe
- Infusion.
- EU-Status (28.09.2026)
- off-label
- USA-Status
- off-label
- Kinder und Jugendliche
- häufig off-label, regional. Pädiatrische Übersicht: keine reguläre breite pädiatrische Standardzulassung 2026; teilweise erhebliche Off-label- und Registererfahrung, besonders für Natalizumab und Rituximab. Der Einsatz gehört in erfahrene pädiatrische MS-Zentren mit ausdrücklicher Nutzen-Risiko-Dokumentation.
- Schwangerschaft
- umfangreiche Klassen-/Fremdindikationsdaten; präkonzeptionell nutzbar
- Wichtigstes Monitoring
- HBV, IgG, Infektionen, Infusionsreaktion
- Schlüsselstudien
- HERMES, RIFUND-MS; 2026 zusätzlich randomisierte Vergleichsdaten mit Ocrelizumab aus OVERLORD-MS
Siponimod
- Klasse / Typ
- Selektiver S1P1/5-Modulator.
- Art der Gabe
- Zum Einnehmen (oral).
- EU-Status (28.09.2026)
- aktive SPMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene einschließlich aktiver SPMS
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung
- Schwangerschaft
- kontraindiziert; produktspezifischer Washout
- Wichtigstes Monitoring
- CYP2C9, ECG, Blutbild, Leber, Auge, VZV
- Schlüsselstudien
- EXPAND
- Außerdem
- Vor Beginn wird die Erbanlage CYP2C9 bestimmt (Genotypisierung); der Nutzen ist am klarsten bei entzündlich aktiver SPMS.
Teriflunomid
- Klasse / Typ
- Oraler DHODH-Hemmer: bremst ein Enzym, das sich teilende Lymphozyten für ihre Vermehrung brauchen.
- Art der Gabe
- Einmal täglich zum Einnehmen (oral).
- EU-Status (28.09.2026)
- RRMS ab 10 Jahren
- USA-Status
- Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- EU ab 10; USA nicht zugelassen. Pädiatrische Übersicht: Kinderstudie TERIKIDS gegen Placebo.
- Schwangerschaft
- kontraindiziert; beschleunigte Elimination zentral
- Wichtigstes Monitoring
- Leber, Blutbild, Blutdruck, Schwangerschaft
- Schlüsselstudien
- TEMSO, TOWER, TOPIC, TERIKIDS
Tolebrutinib (Cenrifki)
- Klasse / Typ
- Hirngängiger BTK-Hemmer (Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer).
- Art der Gabe
- Oral verfügbar (zum Einnehmen).
- EU-Status (28.09.2026)
- SPMS ohne Schübe in letzten 2 Jahren, Erwachsene (seit 19.06.2026)
- USA-Status
- nicht zugelassen (Stand 28.09.2026; die FDA erteilte im Dezember 2025 einen Complete Response Letter)
- Kinder und Jugendliche
- keine Rolle
- Schwangerschaft
- unzureichende Daten
- Wichtigstes Monitoring
- intensives Lebermonitoring
- Schlüsselstudien
- HERCULES positiv für Behinderungsprogression; GEMINI 1/2 bei der jährlichen Schubrate in RMS nicht überlegen gegenüber Teriflunomid
Ublituximab
- Klasse / Typ
- Glykoengineerter Anti-CD20-Antikörper.
- Art der Gabe
- Infusion über die Vene (intravenös).
- EU-Status (28.09.2026)
- aktive RMS Erwachsene
- USA-Status
- relapsende Formen Erwachsene
- Kinder und Jugendliche
- keine Zulassung. Pädiatrische Übersicht: keine reguläre breite pädiatrische Standardzulassung 2026; teilweise erhebliche Off-label- und Registererfahrung, besonders für Natalizumab und Rituximab. Der Einsatz gehört in erfahrene pädiatrische MS-Zentren mit ausdrücklicher Nutzen-Risiko-Dokumentation.
- Schwangerschaft
- sehr begrenzte direkte Schwangerschaftsdaten
- Wichtigstes Monitoring
- HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen, Leber
- Schlüsselstudien
- ULTIMATE I/II gegen Teriflunomid
Abkürzungen und Begriffe auf den Karten
- RRMS
- Schubförmig-remittierende MS: Verlauf mit Schüben und Phasen teilweiser oder vollständiger Erholung.
- RMS, relapsende Formen
- Verlaufsformen mit Schüben.
- SPMS
- Sekundär progrediente MS: Behinderung nimmt zunehmend unabhängig von einzelnen Schüben zu.
- PPMS
- Primär progrediente MS: von Beginn an steht eine schleichende Verschlechterung im Vordergrund.
- POMS
- MS mit Beginn vor dem 18. Geburtstag (pädiatrische MS).
- PIRA
- Behinderungszunahme ohne zeitlichen Zusammenhang mit einem Schub.
- Off-label
- Einsatz außerhalb der Zulassung. Das bedeutet nicht unwirksam, aber die Zulassungsgrundlage, die standardisierte Dosierung und die Produktinformation unterscheiden sich von denen zugelassener MS-Therapien.
- CHMP-Empfehlung, EC-Entscheid
- Empfehlung vor einer EU-Zulassung; die abschließende Entscheidung trifft die Europäische Kommission (EC).
- IFN/GA
- Interferon beta und Glatirameracetat.
- PML, JCV
- PML ist eine seltene, aber schwere Gehirninfektion durch das JC-Virus (JCV), die unter bestimmten immunsuppressiven Therapien auftreten kann. Der JCV-Index zeigt die Antikörper gegen dieses Virus.
- ECG
- EKG, Herzstromkurve (bei manchen Mitteln bei der ersten Gabe).
- VZV
- Varizella-Zoster-Virus, das Windpocken-Virus; geprüft wird der Varizellenstatus.
- HBV, IgG
- Hepatitis-B-Virus (Suche vor Beginn); IgG sind Immunglobuline, also Antikörper im Blut.
- CYP2C9, TPMT/NUDT15
- Erbanlagen, die Abbau und Verträglichkeit des jeweiligen Medikaments beeinflussen.
- Washout
- Geplante Pause zwischen zwei Medikamenten; muss gegen das Risiko neuer Krankheitsaktivität abgewogen werden.
- Rebound
- Überschießende Krankheitsaktivität nach dem Absetzen.
- RCT
- Randomisierte kontrollierte Studie.
124 Detaillierte Arzneimittelmonographien
Die folgenden Abschnitte ergänzen die kürzeren Medikamentenkapitel der ersten Fassung. Zulassungen können sich zwischen EU, USA und anderen Ländern unterscheiden; bei Kindern ist die regionale Differenz besonders groß.
125 Schnelltabelle: Zulassung, Pädiatrie, Schwangerschaft und Monitoring
Hinweis: Die Tabelle komprimiert komplexe Produktinformationen. "Erwachsene" bedeutet nicht, dass jede Verlaufsform zugelassen ist; die exakte Indikation steht in den jeweiligen Produktinformationen.
| Wirkstoff/Klasse | EU-Status 28.09.2026 | USA-Status | Pädiatrie | Schwangerschaft: Kernaussage | Wichtigstes Monitoring |
|---|---|---|---|---|---|
| Interferon beta | Erwachsene, schubförmige MS je Präparat | Erwachsene, relapsende Formen je Präparat | historische Off-label-Erfahrung; produktabhängige Altersangaben | vergleichsweise große Sicherheitsdatenbasis; Fortführung je Risikoabwägung möglich | Blutbild, Leber, ggf. Schilddrüse |
| Glatirameracetat | national zugelassen, schubförmige MS | relapsende Formen | historische Off-label-Erfahrung | sehr große Expositionserfahrung, häufig bevorzugte Option bei Schwangerschaft | wenig Labor; Haut/Injektion |
| Teriflunomid | RRMS ab 10 Jahren | Erwachsene | EU ab 10; USA nicht zugelassen | kontraindiziert; beschleunigte Elimination zentral | Leber, Blutbild, Blutdruck, Schwangerschaft |
| Dimethylfumarat | RRMS ab 13 Jahren | Erwachsene | EU ab 13 | wachsende, aber kleinere Datenbasis als IFN/GA | Lymphozyten, Blutbild, Leber, PML-Vigilanz |
| Diroximelfumarat | Erwachsene RRMS | Erwachsene relapsende Formen | keine etablierte Zulassung | begrenzte direkte Daten | wie Fumaratklasse |
| Fingolimod | hochaktive RRMS ab 10 Jahren | relapsende Formen ab 10 Jahren | starke RCT-Evidenz | kontraindiziert; Washout und Rebound-Plan | ECG/Erstdosis, Blutbild, Leber, VZV, Auge, Blutdruck |
| Siponimod | aktive SPMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene einschließlich aktiver SPMS | keine Zulassung | kontraindiziert; produktspezifischer Washout | CYP2C9, ECG, Blutbild, Leber, Auge, VZV |
| Ozanimod | aktive RRMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene | keine Zulassung | kontraindiziert; Washout | Blutbild, Leber, kardial, Auge, Blutdruck |
| Ponesimod | aktive RMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene | keine Zulassung | kontraindiziert; Washout | ECG, Blutbild, Leber, VZV, Auge, Blutdruck |
| Natalizumab | hochaktive RRMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene | off-label bei hochaktiver POMS | bei hochaktiver MS selektiv fortführbar; neonatale Blutbildrisiken spät | JCV-Index, MRT, Leber, PML |
| Ocrelizumab | Erwachsene RMS/PPMS; CHMP-Empfehlung ab 10 Jahren, EC-Entscheid ausstehend | Erwachsene RMS/PPMS | EU-Erweiterung noch nicht final; USA nicht etabliert | präkonzeptionelle Strategie möglich; spätexponierte Säuglinge auf B-Zellen/Impfung achten | HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen |
| Ofatumumab | aktive RMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene | keine Zulassung | Klassenprinzip Anti-CD20 | HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen |
| Ublituximab | aktive RMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene | keine Zulassung | sehr begrenzte direkte Schwangerschaftsdaten | HBV, IgG, Impfstatus, Infektionen, Leber |
| Rituximab | off-label | off-label | häufig off-label, regional | umfangreiche Klassen-/Fremdindikationsdaten; präkonzeptionell nutzbar | HBV, IgG, Infektionen, Infusionsreaktion |
| Cladribin | hochaktive schubförmige MS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene, meist Reserve | keine Zulassung | kontraindiziert in Expositionsfenstern; Schwangerschaft nach Sicherheitsintervall planbar | Lymphozyten, Infektionen, VZV, Schwangerschaft, Krebsprävention |
| Alemtuzumab | stark eingeschränkte hochaktive RRMS Erwachsene | relapsende Formen Erwachsene mit restriktiver Positionierung | keine Zulassung | Schwangerschaft erst nach Sicherheitsintervall | jahrelanges Autoimmun-/Nieren-/Schilddrüsenmonitoring |
| Tolebrutinib | SPMS ohne Schübe in letzten 2 Jahren, Erwachsene | nicht zugelassen | keine Rolle | unzureichende Daten | intensives Lebermonitoring |
| Mitoxantron | historisch/national unterschiedlich | historische Zulassung für ausgewählte fortschreitende Formen | keine moderne Rolle | reproduktionstoxisch/gonadotoxisch | Herzfunktion, Blutbild, kumulative Dosis |
| Daclizumab | zurückgezogen | zurückgezogen | keine | nicht anwendbar | historisches Pharmakovigilanz-Beispiel |
| Azathioprin | off-label/regional | off-label | keine moderne Standardzulassung | umfangreiche Fremdindikationsdaten, aber keine bevorzugte MS-DMT | Blutbild, Leber, TPMT/NUDT15-Kontext |
126 Warum die Tabellen nicht als Rangliste gelesen werden dürfen
Die Effektgrößen stammen aus unterschiedlichen Jahrzehnten, Populationen und Endpunkten. Ein -Unterschied von 0,12 versus 0,67 in einer pädiatrischen Studie kann nicht direkt gegen eine ARR von 0,08 versus 0,19 in einer Erwachsenenstudie ausgespielt werden. Auch ein Medikament mit beeindruckender MRT-Unterdrückung kann bei PIRA oder langfristiger Behinderung weniger klar wirksam sein. Umgekehrt kann eine Therapie mit moderater Schubreduktion wegen Schwangerschaftssicherheit, geringer Immunsuppression oder jahrzehntelanger Erfahrung für eine bestimmte Person die geeignetere Wahl sein.
Die praktisch relevanteste Hierarchie lautet deshalb nicht "welches Medikament ist Nummer 1?", sondern:
- Wie hoch ist das unbehandelte Krankheitsrisiko dieser konkreten Person?
- Welcher Endpunkt soll verhindert werden: Schub, neue Läsion, PIRA, SPMS-Übergang, kognitive Verschlechterung?
- Welche Risiken bringt die Therapie für Alter, Infektionsstatus, Leber, Herz, Krebsanamnese und Reproduktion mit?
- Welche spätere Sequenz bleibt offen?
- Wie sicher kann ein notwendiger Wechsel durchgeführt werden?
127 Substanzbezogenes Gesamtfazit
Die moderne MS-Therapie lässt sich nicht mehr sinnvoll als lineare Leiter von "schwach" zu "stark" beschreiben. Vier Dimensionen müssen gleichzeitig berücksichtigt werden:
- Entzündungskontrolle. Anti-CD20, Natalizumab, Alemtuzumab und andere hochwirksame Strategien unterdrücken Schübe und fokale MRT-Aktivität besonders stark. Direkte RCTs gegen Interferon oder Teriflunomid bestätigen diese Unterschiede.
- Progressionsbiologie. PIRA und chronisch aktive Läsionen werden durch reine Schubkontrolle nicht vollständig verhindert. Der dänische Early-High-Efficacy-Vergleich und die Tolebrutinib-HERCULES-Daten zeigen, dass Progression als eigener therapeutischer Endpunkt betrachtet werden muss.
- Lebensphase. Ein 14-jähriges Mädchen mit hochaktiver POMS, eine 31-jährige Frau mit Kinderwunsch, ein 48-jähriger JCV-positiver Patient nach sechs Jahren Natalizumab und ein 67-jähriger Patient mit stabiler MS und Hypogammaglobulinämie benötigen keine identische DMT-Strategie.
- Langzeitsicherheit und Sequenzierung. MS-Therapie ist selten eine Entscheidung für nur ein Medikament. Sie ist eine Sequenz über Jahrzehnte. Der langfristige Erfolg hängt deshalb nicht nur von der Wirksamkeit des ersten Präparats ab, sondern auch davon, wie sicher gewechselt, deeskaliert, pausiert, eine Schwangerschaft geplant und altersabhängig neu bewertet wird.
Die substanzbezogene Evidenz spricht 2026 insgesamt dafür, bei klar hochaktiver MS eine zu lange Phase unzureichender Therapie zu vermeiden. Gleichzeitig rechtfertigt dies keine pauschale Hochwirksamkeitstherapie ohne individuelle Risikoabwägung. Die stärkste moderne Strategie ist nicht automatisch "das stärkste Medikament", sondern die früh genug gewählte, für die konkrete Person geeignete Therapie mit konsequentem Monitoring und einem vorbereiteten Plan für die nächste Lebens- oder Krankheitsphase.
128 Neue Darreichungsformen – warum die Art der Medikamentengabe für Patienten wichtig ist
Bei MS wird Wirksamkeit häufig so stark in den Vordergrund gestellt, dass eine andere Frage unterschätzt wird: Wie aufwendig ist die Behandlung im Alltag? Für einen Menschen, der über Jahrzehnte behandelt wird, können Infusionsdauer, Anfahrt, Arbeitsausfall, Venenprobleme, Spritzenangst, Nachbeobachtung und Häufigkeit der Behandlung erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität haben.
Darreichungsformen verändern normalerweise nicht den grundsätzlichen Wirkmechanismus eines Wirkstoffs. Sie können aber die Versorgung deutlich verändern.
- Subkutanes Ocrelizumab
Ocrelizumab ist ein gegen CD20 gerichteter monoklonaler Antikörper. Die klassische Form wird intravenös, also über eine Vene, gegeben. Inzwischen gibt es zusätzlich eine subkutane Form, die unter die Haut injiziert wird.
Die Europäische Kommission erteilte im Juni 2024 die Zulassung für subkutanes Ocrelizumab bei schubförmiger MS und PPMS. Die Dosis beträgt 920 mg Ocrelizumab in Kombination mit rekombinanter Hyaluronidase, wodurch die große Wirkstoffmenge unter der Haut verteilt und aufgenommen werden kann. Die Verabreichung dauert ungefähr zehn Minuten und erfolgt weiterhin nur zweimal jährlich.
Die Phase-III-Studie OCARINA II verglich 920 mg subkutanes Ocrelizumab mit 600 mg intravenösem Ocrelizumab. Der war nicht die Schubrate, sondern die Arzneimittelexposition im Blut. Die subkutane Form war bei diesem Endpunkt . Bis Woche 48 war die MRT-Aktivität in beiden Gruppen nahezu vollständig unterdrückt: Bei den auswertbaren Patienten wurden keine gadoliniumaufnehmenden T1-Läsionen beobachtet; neue oder vergrößerte T2-Läsionen waren sehr selten. Mehr als 97 Prozent der Patienten blieben in diesem Zeitraum schubfrei.
Der wichtigste zusätzliche Nachteil der subkutanen Gabe sind Reaktionen an der Injektionsstelle. In OCARINA II waren lokale Reaktionen häufig, aber überwiegend mild bis moderat und nahmen mit weiteren Injektionen ab. Die bekannten systemischen Risiken von Ocrelizumab – beispielsweise Infektionen, verminderte Immunglobuline und verminderte Impfantwort – verschwinden durch die andere Darreichungsform nicht.
In den USA wurde Ocrevus Zunovo, Ocrelizumab plus Hyaluronidase, am 13. September 2024 zugelassen. Für Patienten ist deshalb wichtig, dass Produktnamen, zugelassene Indikationen und praktische Durchführung je nach Land unterschiedlich sein können.
Kernquelle: Newsome SD et al. Neurology 2025;104:e213574. PMID 40245351. Regulatorisch: Europäische Zulassung 25.06.2024; FDA Purple Book, Ocrevus Zunovo, Original Approval Date 13.09.2024.
- Subkutanes Natalizumab
Auch Natalizumab kann in Europa subkutan verabreicht werden. Laut aktueller EMA-Produktinformation beträgt die subkutane Gesamtdosis 300 mg alle vier Wochen, aufgeteilt auf zwei Fertigspritzen zu je 150 mg.
Die REFINE-Daten und spätere Post-hoc-Analysen sprechen dafür, dass die monatliche subkutane Gabe hinsichtlich MRT-Aktivität und Schubkontrolle mit der monatlichen intravenösen Gabe vergleichbar sein kann. Wichtig ist aber ein Detail: In REFINE waren stark verlängerte Dosierungsintervalle von zwölf Wochen unzureichend; diese Studienarme wurden wegen erhöhter klinischer und MRT-Aktivität vorzeitig beendet. Subkutan bedeutet also nicht, dass das Dosierungsintervall beliebig verlängert werden kann.
2026 kamen zusätzliche Real-World-Daten hinzu. Die italienische EASIER-2-Studie zeigte deutliche Zeitersparnisse: Im Vergleich zur intravenösen Gabe verringerte sich die Zeit der Patienten im Zentrum stark, ebenso die aktive Arbeitszeit des medizinischen Personals. Ein großer Teil der Patienten bevorzugte die subkutane Anwendung. Die deutsch-österreichische SISTER-Studie berichtete ebenfalls hohe Akzeptanz und relevante Zeitersparnis im Routinebetrieb.
Diese Daten sind für die Lebensqualität relevant, beantworten aber nicht die PML-Frage neu. Das Risiko der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie hängt bei Natalizumab vor allem mit JCV-Status, Behandlungsdauer und früherer Immunsuppression zusammen. Ein Wechsel von intravenös auf subkutan darf nicht als Schutz vor PML verstanden werden.
Quellen: REFINE, PMID 33821693; Nichtunterlegenheitsanalyse, PMID 38481074; -Analyse, PMID 39226723; EASIER 2, PMID 42429976; SISTER 2026, PMID 42719433; aktuelle EMA-Produktinformation Tysabri.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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