Bewegung und Rehabilitation
Bewegung und Rehabilitation sind eigene Therapiebausteine: wie viel Training sinnvoll ist, Reha nach Krankheitsstadium, kognitive Rehabilitation, digitale und virtuelle Angebote sowie Hirnstimulation.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
290 Rehabilitation und Bewegung
Frühere Empfehlungen, Menschen mit MS sollten körperliche Belastung vermeiden, sind überholt. Bewegung ist im Allgemeinen sicher und kann Fitness, Gehfähigkeit, Balance, Fatigue, Stimmung und Lebensqualität verbessern.
Eine von 2026 fasste 35 Reviews beziehungsweise zur Fatigue zusammen. Strukturiertes Training war mit kleinen bis moderaten Verbesserungen verbunden; für Ausdauertraining war die Evidenz besonders konsistent, Widerstandstraining zeigte ebenfalls relevante Effekte.
Ein Trainingsprogramm sollte an EDSS, Hitzeempfindlichkeit, Sturzrisiko, Herz-Kreislauf-Status und individuelle Ziele angepasst werden. Kühlung, Pausen und Training zu kühleren Tageszeiten können bei Uhthoff-Phänomen helfen.
Krafttraining: verbessert Muskelkraft und kann Alltagsfunktionen unterstützen. Progression sollte kontrolliert erfolgen.
Ausdauertraining: Fahrrad, Gehen, Schwimmen oder andere geeignete Formen verbessern kardiorespiratorische Fitness und können Fatigue reduzieren.
Balance- und Koordinationstraining: besonders bei Ataxie oder Sturzrisiko wichtig.
Hochintensives Intervalltraining: für ausgewählte, ausreichend fitte Patienten möglich; nicht jeder profitiert und die Evidenz ist heterogener.
Schwere MS: Auch Menschen mit EDSS 6,5 bis 8 können von angepasstem Training profitieren. Ziele verschieben sich auf Transfers, Rumpfstabilität, Kontrakturprävention, Atemfunktion, Kreislauf und Selbstständigkeit.
Kinder: Bewegung unterstützt nicht nur MS-bezogene Funktionen, sondern normale Knochen-, Muskel- und psychosoziale Entwicklung. Schulische Sportteilnahme sollte möglichst ermöglicht und individuell angepasst statt pauschal verboten werden.
291 Rehabilitation: Dosis, Ziel und Timing
Rehabilitation sollte nicht erst beginnen, wenn ein Rollstuhl nötig wird. Frühzeitiges Training kann Fitness, Gleichgewicht, Kraft und Selbstwirksamkeit erhalten. Programme müssen individuell dosiert werden; die alte Vorstellung, Menschen mit MS sollten körperliche Belastung vermeiden, ist überholt.
Ausdauertraining verbessert Fitness und kann Fatigue reduzieren. Krafttraining bekämpft Dekonditionierung und unterstützt Transfers und Gang. Gleichgewichtstraining reduziert Sturzrisiko. Task-specific training nutzt wiederholte funktionelle Aufgaben. Ergotherapie optimiert Alltag und Energieökonomie. Logopädie behandelt Dysarthrie und Dysphagie.
Bei Kindern muss Rehabilitation spielerisch, entwicklungsangemessen und schulkompatibel sein. Ziel ist normale Teilhabe, nicht die Identität als dauerhaft „krankes Kind“.
Technologien wie robotikgestütztes Gangtraining, virtuelle Realität, funktionelle Elektrostimulation und Telerehabilitation können Intensität und Zugang verbessern. Sie sind Werkzeuge, keine Ersatztherapeuten.
292 Rehabilitation nach Krankheitsstadium
Frühe RRMS benötigt oft keine klassische stationäre Rehabilitation, kann aber von gezielter Physio-, Ergo- oder neuropsychologischer Therapie profitieren. Nach einem schweren Schub kann intensive multidisziplinäre Rehabilitation die funktionelle Erholung maximieren.
Bei progressiver MS verschiebt sich das Ziel von Wiederherstellung zu Erhalt, Kompensation und Teilhabe. Funktionelle Elektrostimulation kann bei Fußheberparese helfen. Gehstöcke, Rollatoren und Rollstühle sind keine Niederlage, sondern können Energie sparen und Stürze verhindern. Robotik, Exoskelette und Virtual Reality werden untersucht; ihr Zusatznutzen gegenüber guter konventioneller Therapie variiert.
Telerehabilitation kann besonders bei langen Anfahrtswegen sinnvoll sein, benötigt aber sichere Übungsumgebung und technische Kompetenz.
293 Rehabilitation als neurobiologische Therapie
Rehabilitation ist nicht nur Kompensation. Training verändert neuronale Netzwerke, Muskelstoffwechsel, kardiovaskuläre Fitness und möglicherweise neurotrophe Faktoren.
Task-specific training nutzt wiederholte funktionelle Aufgaben, um Neuroplastizität zu fördern. Intensität muss ausreichend hoch sein, ohne Überlastung zu erzeugen.
Robotik, funktionelle Elektrostimulation, virtuelle Realität und Exoskelette werden untersucht. Sie können Training intensivieren, ersetzen aber nicht die individuelle therapeutische Zielsetzung.
294 Sportdosierung praktisch
Allgemeine Empfehlungen für Erwachsene mit MS orientieren sich an individueller Leistungsfähigkeit. Häufig sinnvoll sind mehrere Einheiten moderates Ausdauertraining pro Woche plus zwei Krafttrainings. Bei stärkerer Behinderung können kürzere Intervalle, Sitzergometer, Armkurbel oder wasserbasierte Bewegung geeigneter sein.
Bei Fatigue kann paradoxerweise regelmäßiges Training langfristig Müdigkeit reduzieren, obwohl eine einzelne Einheit kurzfristig erschöpft. Der Schlüssel ist graduelle Belastungssteigerung.
Bei POMS sollten normale altersgerechte Aktivität und Sport erhalten bleiben. Leistungssport ist nicht grundsätzlich verboten; Krankheitsaktivität, Hitzeempfindlichkeit und spezifische Defizite entscheiden.
295 Bewegung als krankheitsbegleitende Therapie
zeigen, dass Training bei MS im Allgemeinen sicher ist und Fitness, Gehfähigkeit, Fatigue und Lebensqualität verbessern kann. Ein Schub wird durch angemessenes Training nicht verursacht. Vorübergehende Wärmeverschlechterung ist möglich und kann durch Kühlung und Trainingssteuerung reduziert werden.
Ausdauertraining kann Radfahren, Gehen, Schwimmen oder andere große Muskelgruppen einbeziehen. Krafttraining sollte progressive Überlastung nutzen. Gleichgewichts- und Rumpftraining sind bei Sturzrisiko wichtig. Hochintensives Intervalltraining ist für ausgewählte Patienten möglich, aber nicht zwingend überlegen.
Bei stärkerer Behinderung können Arm-Ergometer, Sitztraining, Wassertherapie oder unterstützte Geräte eingesetzt werden. Das Prinzip lautet Anpassung statt Verzicht.
296 Bewegung und Training: Dosierung statt allgemeiner Empfehlung
Training verbessert Fitness, Gehfähigkeit und häufig Fatigue und Lebensqualität. Die optimale Form hängt von Behinderung und Ziel ab. Ausdauertraining kann Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Arm-Ergometer umfassen. Krafttraining sollte große Muskelgruppen progressiv belasten. Gleichgewichtstraining ist bei Sturzrisiko wichtig.
HIIT ist für geeignete Patienten möglich. Eine fand gegenüber moderatem kontinuierlichem Training Vorteile bei VO2max und möglicherweise Gedächtnis, aber keine klare Überlegenheit für alle Outcomes. Quelle: PMID 38199581. Eine 2026er bestätigt insgesamt den Nutzen strukturierten Trainings für Fatigue, wobei Modalität und Messinstrument die Effektgröße beeinflussen. Quelle: PMID 42532214.
Bei POMS sollte Sport grundsätzlich ermöglicht werden. Einschränkungen ergeben sich eher aus akuten Schüben, Gleichgewichtsproblemen, Hitzeempfindlichkeit oder spezifischen Sicherheitsrisiken als aus der Diagnose selbst.
297 Kognitive Rehabilitation
Kognitive Rehabilitation kombiniert Restitution und Kompensation. Verarbeitungsgeschwindigkeit und Gedächtnis können durch strukturiertes Training, Strategien und externe Hilfen unterstützt werden. Digitale Programme sind skalierbar, müssen aber klinisch validiert sein.
Bei POMS ist die Zusammenarbeit mit Schule entscheidend. Neuropsychologische Befunde sollten in konkrete Anpassungen übersetzt werden: zusätzliche Zeit, reduzierte Ablenkung, Pausen, digitale Notizen oder veränderte Prüfungsformate.
298 Digitale Rehabilitation, Virtual Reality und Telerehabilitation
Digitale Rehabilitation ist mehr als eine Videokonferenz mit einem Therapeuten. Sie kann Bewegungsprogramme, Sensoren, Wearables, Spiele, virtuelle Realität, Gangtraining, kognitive Aufgaben und Fernbetreuung kombinieren.
Eine 2026 veröffentlichte identifizierte 33 Studien zu Virtual-Reality-Anwendungen bei Erwachsenen mit MS. Die Systeme waren sehr unterschiedlich: von einfachen bewegungsgesteuerten Spielen bis zu immersiven Headsets und spezialisierten Rehabilitationssystemen.
Eine weitere von 2026 mit 19 und 781 Teilnehmern fand mögliche Verbesserungen von Gehgeschwindigkeit, funktioneller Mobilität, Gleichgewicht und Lebensqualität. Die wurde jedoch je nach Endpunkt als niedrig oder sehr niedrig bewertet. Die Ergebnisse sprechen also für ein nützliches ergänzendes Werkzeug, nicht für einen Ersatz klassischer Physiotherapie oder medizinischer Behandlung.
Telerehabilitation kann besonders für Menschen interessant sein, die weit von einem MS-Zentrum entfernt leben, schlecht mobil sind oder häufige Termine schwer mit Beruf und Familie vereinbaren können. Eine Metaanalyse von 2024 untersuchte Telerehabilitation speziell für Mobilität und Gleichgewicht. Auch hier sind die Ergebnisse ermutigend, aber Programme, Intensität und technische Plattformen sind sehr heterogen.
Ein 2026er Scoping Review zu technologischen Lösungen fand 49 Studien zu Apps, Webseiten, Wearables, Spielen und VR. Die Einsatzgebiete reichten von Fatigue und Kognition bis zu körperlicher Aktivität, Medikamententreue und gemeinsamer Entscheidungsfindung.
Für Patienten sollte deshalb gelten: Digitale Verfahren sind am sinnvollsten, wenn sie ein konkretes therapeutisches Ziel haben und in ein nachvollziehbares Behandlungskonzept eingebunden sind. „Digital“ ist keine eigene Wirksamkeitsgarantie.
Quellen: VR Scoping Review 2026, PMID 42173051; VR Meta-analysis 2026, PMID 42727549; Telerehabilitation, PMID 39270413; Technology Scoping Review 2026, PMID 42308950.
299 Nichtinvasive Hirnstimulation – tDCS, rTMS und verwandte Verfahren
Nichtinvasive Hirnstimulation versucht, die Erregbarkeit neuronaler Netzwerke von außen zu verändern. Bei der transkraniellen Gleichstromstimulation, kurz tDCS, werden sehr schwache elektrische Ströme über Elektroden auf der Kopfhaut angewendet. Bei der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation, rTMS, werden Magnetimpulse verwendet.
Diese Verfahren werden bei MS vor allem für Symptome untersucht, die durch DMTs nur begrenzt beeinflusst werden: Fatigue, Schmerz, Depression, motorische Funktion und Kognition.
Eine von 2026 zur tDCS bei MS fand ein Signal für Verbesserungen der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit. Für motorische Endpunkte waren die Ergebnisse weniger überzeugend. Frühere Metaanalysen hatten mögliche Effekte auf Fatigue, Schmerz und Stimmung gefunden, allerdings bei kleinen Studien und unterschiedlichen Stimulationsprotokollen.
Für Patienten ist deshalb eine klare Einordnung nötig: tDCS und rTMS sind keine krankheitsmodifizierenden MS-Therapien. Sie verhindern nicht nachgewiesenermaßen neue Läsionen und ersetzen keine DMT. Sie sind vielmehr Forschungs- beziehungsweise symptomorientierte Neuromodulationsverfahren.
Auch Heimgeräte verdienen besondere Vorsicht. Stromstärke, Elektrodenposition, Stimulationsdauer und Begleittraining beeinflussen die Wirkung. Ein kommerziell angebotenes Gerät ist nicht automatisch durch hochwertige MS-Studien abgesichert.
Quelle: tDCS-Systematic Review/Meta-analysis 2026, PMID 42141416; frühere Metaanalyse zu Kognition, Stimmung, Schmerz und Fatigue, PMID 33763014.
300 Langzeitziel „Brain Health“
Das Brain-Health-Konzept betrachtet Gehirnreserve als endliche Ressource. Frühe Entzündung, Rauchen, vaskuläre Risikofaktoren, Inaktivität und Schlafstörungen können Reserve reduzieren.
Daraus folgt eine umfassende Strategie: früh diagnostizieren, wirksam behandeln, körperlich aktiv bleiben, nicht rauchen, Blutdruck und Stoffwechsel kontrollieren, Schlaf behandeln und kognitive/soziale Aktivität erhalten.
Das Konzept ist plausibel, darf aber nicht in Schuldzuweisung umschlagen. MS-Aktivität kann trotz optimalem Lebensstil auftreten. Lebensstil ergänzt DMT, er ersetzt sie nicht.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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