Wie viele Menschen weltweit mit MS leben, wie häufig die Krankheit bei Kindern beginnt, warum Frauen häufiger betroffen sind und was Ländervergleiche, Migration und Datenlücken über die Zahlen aussagen.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.

Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.

9 Wie häufig ist MS weltweit?

Die globale Häufigkeit ist deutlich höher als noch vor wenigen Jahrzehnten angenommen. Die 2024-Aktualisierung des Atlas of MS, 2026 wissenschaftlich publiziert, schätzt die globale auf etwa 38,1 pro 100.000 Einwohner und die absolute Zahl der Menschen mit MS auf rund 3,1 Millionen. Experten aus 133 Ländern, die etwa 93 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren, beteiligten sich an der Datenerhebung. Rund 120.000 neue Diagnosen pro Jahr wurden geschätzt.

Diese Zahlen sind keine exakte Volkszählung. In Ländern mit guten nationalen Registern werden Fälle wesentlich zuverlässiger erfasst als in Regionen ohne flächendeckende Neurologie, MRT oder Register. Ein Teil der globalen Zunahme ist deshalb auf bessere Diagnostik, längeres Überleben, verbesserte Registrierung und veränderte Diagnosekriterien zurückzuführen. Ob zusätzlich die tatsächliche in bestimmten Populationen steigt, ist regional unterschiedlich.

Historisch wurden hohe Prävalenzen in Nordeuropa, Kanada, Teilen der USA, Australien und Neuseeland beschrieben. Die einfache „Breitengrad-Hypothese“ reicht aber nicht aus. Genetische Herkunft, Migration, UV-Exposition, Vitamin-D-Status, EBV, Rauchen, Adipositas, sozioökonomische Faktoren und Unterschiede in Diagnostik und Datenerfassung wirken zusammen.

Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer, insbesondere bei schubförmiger MS. Vor der Pubertät ist der Geschlechtsunterschied kleiner; nach der Pubertät nimmt der Frauenanteil deutlich zu. Das spricht dafür, dass Sexualhormone, Immunreifung und pubertätsabhängige Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Wie häufig ist MS? Die wichtigsten Zahlen

Kacheln mit einem Fragezeichen erklären beim Antippen, wie die Zahl zustande kommt und wo ihre Grenzen liegen.

Menschen mit MS weltweit ≈ 3,1 Mio. Schätzung für 2024 – Atlas of MS, 2026 wissenschaftlich publiziert
Betroffene je 100.000 Einwohner ≈ 38,1 weltweite Prävalenz – Atlas of MS, Aktualisierung 2024
Neue Diagnosen pro Jahr ≈ 120.000 weltweit geschätzt – Atlas of MS, Aktualisierung 2024
Bekannte Fälle bei Kindern und Jugendlichen > 40.000 Atlas of MS für 2024; 2013 waren es etwa 7.000
Beginn vor dem 18. Geburtstag 3–5 % aller MS-Erkrankungen – häufig genannter Anteil; je nach Datensatz 2–10 %
Neu erkrankte Kinder ≈ 0,87 pro 100.000 und Jahr gepoolte Schätzung einer ; Prävalenz rund 8,11 pro 100.000
Mädchen zu Jungen 1,2 : 1 → 2,8 : 1 unter zwölf Jahren → ab zwölf Jahren; systematische epidemiologische Übersicht
Datenbasis des Atlas 133 Länder repräsentieren etwa 93 % der Weltbevölkerung; unvollständig u. a. in Teilen Afrikas und Asiens
Quellen der Zahlen, wie dieser Ratgeber sie nennt: Atlas of MS (Aktualisierung 2024, wissenschaftlich publiziert 2026) für Betroffene, Prävalenz, Neudiagnosen, pädiatrische Fälle und Datenbasis; eine Metaanalyse und eine frühere systematische Übersicht für die Neuerkrankungen bei Kindern; eine systematische epidemiologische Übersicht für das Verhältnis von Mädchen zu Jungen. Alle Werte sind Schätzungen mit Datenlücken – besonders bei Kindern und in Ländern mit begrenzter neurologischer Versorgung.

10 Epidemiologie – weltweit, Alter, Geschlecht und Migration

Die 2024-Aktualisierung des Atlas of MS, publiziert 2026, schätzt weltweit etwa 3,1 Millionen Menschen mit MS. Diese Zahl ist höher als frühere Atlas-Schätzungen, was sowohl echte Zunahme als auch bessere Erfassung widerspiegeln kann. Die Datenbasis umfasst viele Länder, bleibt aber in Teilen Afrikas, Asiens und Ländern mit begrenzter neurologischer Versorgung unvollständig.

MS ist in Frauen häufiger als in Männern, besonders bei schubförmigem Beginn. Das Verhältnis hat sich in manchen Regionen über Jahrzehnte zugunsten von Frauen verschoben, was gegen eine rein genetische Erklärung spricht. Pubertät, Rauchen, Adipositas, Vitamin D, Reproduktion und andere Umweltfaktoren werden diskutiert.

Der historische Breitengradgradient – höhere weiter vom Äquator entfernt – ist real, aber nicht absolut. Migration kann Risiko verändern, besonders wenn sie in jungen Jahren erfolgt. Dies unterstützt kritische Entwicklungsfenster für Umweltfaktoren.

Ethnische Unterschiede wurden lange durch die falsche Vorstellung verzerrt, MS sei fast ausschließlich eine Erkrankung weißer nordeuropäischer Populationen. Moderne US-Daten zeigen relevante Krankheitslast bei Schwarzen, Hispanics und anderen Gruppen; manche Gruppen können sogar schwerere Verläufe oder verzögerte Diagnosen erleben. Biologie und strukturelle Versorgungsunterschiede müssen getrennt untersucht werden.

11 Epidemiologie: warum Ländervergleiche schwierig sind

Eine von 200 pro 100.000 in einem Land und 20 pro 100.000 in einem anderen bedeutet nicht automatisch ein zehnfach unterschiedliches biologisches Risiko. Diagnosezugang, MRT-Verfügbarkeit, Neurologendichte, Registerqualität, Altersstruktur, Migration und Definition der Fälle beeinflussen Zahlen.

Pädiatrische Daten sind besonders lückenhaft. Die Atlas-Auswertung 2020-2022 erhielt pädiatrische Prävalenzdaten nur aus etwa einem Viertel der Länder. Höhereinkommensländer meldeten höhere Prävalenzen und hatten mehr Kinderneurologen. Ein Teil des Unterschieds kann echte Epidemiologie sein, ein Teil Erfassungsunterschied.

Die 2024-Atlas-Aktualisierung mit mehr als 40.000 gemeldeten pädiatrischen Fällen zeigt deshalb sowohl eine reale Krankheitslast als auch verbesserte Erfassung.

12 Ethnische, genetische und soziale Unterschiede

MS betrifft Menschen aller ethnischen Hintergründe. Historisch wurde die Erkrankung zu stark als Krankheit weißer nordeuropäischer Populationen dargestellt. Neuere Daten zeigen hohe Krankheitslast auch bei Schwarzen Populationen in Nordamerika und Europa sowie relevante Unterschiede bei Präsentation und Behinderungsakkumulation.

Eine 2025 publizierte Übersicht beschreibt bei Schwarzen und Latino/Hispanic-Populationen in den USA teilweise schwerere Erstpräsentationen und frühere Behinderungsakkumulation. Gleichzeitig wirken Einkommen, Bildung, Versicherungsstatus, Wohnort und Zugang zu Spezialzentren mit. Es wäre wissenschaftlich falsch, beobachtete Unterschiede pauschal genetisch zu erklären. Quelle: PMID 40679779, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40679779/

Die klinischen Zulassungsstudien bilden diese Vielfalt schlecht ab. Eine von Phase-3-MS-Studien zwischen 2007 und 2023 zeigte, dass nur 56 Prozent überhaupt Rasse/Ethnizität berichteten. Unter den Studien mit Angaben waren im 93 Prozent der Teilnehmer weiß, etwa 3 Prozent schwarz und 0,2 Prozent asiatisch. Quelle: PMID 38849992, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38849992/

Das erzeugt eine Wissenslücke: Selbst wenn ein Medikament mechanistisch in allen Populationen wirken sollte, können Pharmakogenetik, Komorbiditäten, Infektionsrisiken und soziale Faktoren Sicherheits- und Persistenzprofile verändern.

13 Afrika: nicht nur eine epidemiologische Datenlücke

Afrika ist für die globale MS-Forschung aus zwei Gründen wichtig. Erstens sind daten vieler Länder unvollständig. Zweitens ist der Zugang zu MRT, Liquordiagnostik, MOG/AQP4-Testung und DMTs sehr ungleich.

Die 2026er kontinentweite Erhebung aus 27 Ländern dokumentierte, dass viele moderne DMTs nicht flächendeckend verfügbar oder bezahlbar sind. Rituximab spielte wegen Verfügbarkeit und Kosten eine große Rolle. Das bedeutet, dass Behandlungsergebnisse nicht allein biologische Unterschiede widerspiegeln, sondern auch Ressourcen und Erstattung.

In Nordafrika existieren zunehmend regionale Konsensuspapiere, etwa zur Cladribin-Anwendung. Diese sind wichtig, weil Screening auf Tuberkulose, Hepatitis, Parasitosen, Impfzugang und Familienplanung regional anders gewichtet werden können. Quelle: PMID 42501585, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42501585/

14 Lateinamerika

Lateinamerika umfasst genetisch und sozial sehr heterogene Populationen. und Zugang zu Spezialversorgung variieren zwischen Ländern und innerhalb großer Staaten wie Brasilien oder Mexiko.

Die MSBase-Analyse mit 592 lateinamerikanischen Patienten und Vergleichsgruppen aus Europa, Nordamerika und Australien fand keinen Unterschied im mittleren MSSS. Das spricht gegen die frühere vereinfachte Vorstellung einer grundsätzlich milderen lateinamerikanischen MS. Quelle: PMID 28607702.

Für die Versorgung sind Kosten und Verfügbarkeit hochwirksamer DMTs zentral. Nationale Erstattungsmodelle können dazu führen, dass dieselbe klinische Situation in unterschiedlichen Ländern zu verschiedenen Ersttherapien führt. Ein internationaler Vergleich muss daher zwischen biologischem Verlauf und therapiepolitischem Zugang unterscheiden.

15 Indien und Südasien

Südasien ist in vielen internationalen MS-Trials unterrepräsentiert. Gleichzeitig führen bessere MRT-Verfügbarkeit, urbanisierte Lebensstile und wachsende neurologische Versorgung zu mehr Diagnosen. Differentialdiagnostisch sind NMOSD, MOGAD, infektiöse und nutritive Myelopathien besonders wichtig.

Bei südasiatischen Migranten zeigen epidemiologische Daten, dass MS-Risiko sich über Generationen dem Aufnahmeland annähern kann. Das unterstützt die Bedeutung von Umweltfaktoren, ohne genetische Beiträge auszuschließen. Für die Therapie fehlen im Vergleich zu Europa und Nordamerika große populationsspezifische Head-to-head-Daten.

16 Migration als natürliches Experiment

Migrationsstudien gehören zu den klassischen Belegen dafür, dass MS-Risiko nicht ausschließlich genetisch bestimmt ist. Menschen, die zwischen Regionen mit unterschiedlicher MS-Häufigkeit migrieren, können je nach Alter und Generation ein verändertes Risiko zeigen. Historische Studien deuten darauf hin, dass Kindheit und Jugend wichtige Expositionsfenster sind, auch wenn einzelne Studien zum Alter bei Migration nicht einheitlich sind. Quellen: PMID 8966212 und 10775541.

Moderne Migrationsforschung muss zusätzlich Ethnizität, sozioökonomischen Status, Vitamin D, UV-Exposition, EBV-Alter, Adipositas und Rauchverhalten berücksichtigen. Migration verändert viele Expositionen gleichzeitig.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
  3. 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
  4. 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
  5. 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
  6. 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
  7. 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
  8. 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
  9. 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
  10. 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
  11. 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
  12. 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
  13. 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
  14. 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
  15. 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
  16. 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
  17. 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
  18. 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
  19. 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
  20. 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
  21. 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
  22. 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
  23. 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
  24. 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
  25. 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
  26. 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
  27. 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
  28. 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
  29. 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
  30. 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
  31. 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
  32. 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
  33. 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
  34. 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
  35. 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
  36. 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
  37. 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
  38. 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
  39. 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
  40. 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
  41. 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
  42. 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
  43. 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27