Länderprofile und regionale Forschung
Was die Forschung aus einzelnen Ländern und Sprachräumen beiträgt – vom deutschsprachigen Raum über Skandinavien, Italien und Frankreich bis Iran, China, Japan, Korea und Brasilien.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist eine wissenschaftlich orientierte, allgemein verständliche Übersicht und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Gerade bei Multipler Sklerose (MS) hängt die optimale Behandlung von Alter, Verlaufsform, Krankheitsaktivität, MRT-Befunden, Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Infektionsrisiken, Impfstatus und vielen weiteren Faktoren ab. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Betreuung möglichst in einem Zentrum mit Erfahrung in pädiatrischer Neuroimmunologie erfolgen.
Der Artikel dient der medizinischen Information. Er ersetzt keine individuelle Diagnose oder Therapieentscheidung durch Neurologie, Neuropädiatrie oder ein spezialisiertes MS-Zentrum.
380 Länder- und Sprachraumprofile der 18-Sprachen-Recherche
Die mehrsprachige Recherche ist nicht nur eine Übersetzungsübung. Sie soll unterschiedliche epidemiologische Muster, Registerstrukturen, Zulassungen, Erstattungsregeln und Versorgungstraditionen sichtbar machen. Viele hochwertige Studien aus nicht englischsprachigen Ländern erscheinen zwar auf Englisch; nationale Leitlinien, Registerberichte und Versorgungstexte werden jedoch häufig in der Landessprache veröffentlicht. Deshalb werden Publikationssprache und Herkunftsland getrennt betrachtet.
Deutschsprachiger Raum: Deutschland, Österreich, Schweiz
Deutschland verfügt über große klinische Zentren, Registerforschung, Biomarkerprogramme und eine starke neuroradiologische Infrastruktur. Besonders relevant sind Arbeiten zu Prodrom, Diagnostik, POMS, sNfL und Real-World-Sicherheit. Die deutsche ambulante Routinedatenforschung hat gezeigt, dass zahlreiche Diagnosen Jahre vor der formalen MS-Diagnose häufiger dokumentiert werden, wobei ein Teil wahrscheinlich bereits unerkannte demyelinisierende Ereignisse darstellt.
Österreich besitzt mit dem Austrian MS Treatment Registry eine besonders nützliche strukturierte Real-World-Datenquelle. Eine 2026 publizierte Sicherheitsanalyse umfasste 7.913 Patienten und bestätigte die bekannten substanzspezifischen Nebenwirkungsmuster, ohne neue große Sicherheitssignale. Quelle: PMID 41258942, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41258942/. Neuere österreichische Daten untersuchen außerdem, wie Alter die Wirksamkeits- und Sicherheitsbilanz verschiedener DMTs verändert. Quelle: PMID 42283727.
Die Schweiz ist über Universitätszentren, Biomarkerforschung und internationale Kohorten stark vertreten. Besonders die Basler NfL-Forschung hat die Entwicklung blutbasierter Biomarker geprägt.
Frankreich
Frankreich besitzt mit OFSEP eine der bedeutendsten nationalen MS-Infrastrukturen Europas. Französische Zentren spielen eine große Rolle bei POMS, RIS, Schwangerschaft, Bildgebung und therapeutischen Strategien. TERIS, die randomisierte Teriflunomid-Studie bei RIS, wurde wesentlich von französischen Zentren getragen. Frankreich ist außerdem für die D-Lay-MS-Studie zu hochdosiertem Vitamin D bei CIS/früher MS relevant.
Italien
Italien ist für die Frage frühe Hochwirksamkeit versus Eskalation besonders wichtig. Das Italian Multiple Sclerosis Register ermöglicht langfristige Trajektorienanalysen. Die 2025 publizierte Zehnjahresanalyse zeigte günstigere Behinderungsverläufe unter früher intensiver Therapie. Italienische Zentren liefern zudem umfangreiche Daten zu POMS, Schwangerschaft, Neuroimaging, AHSCT und vergleichender Wirksamkeit von Ocrelizumab und Natalizumab.
Sardinien ist epidemiologisch besonders interessant, weil dort eine hohe MS-Häufigkeit mit spezifischem genetischem Hintergrund zusammentrifft. Solche Populationen helfen, Gen-Umwelt-Interaktionen zu untersuchen.
Spanien
Spanien besitzt große MS-Zentren und aktive Forschung zu Bildgebung, Biomarkern, Therapiesequenzen und Versorgung. Spanische Expertengruppen haben strukturierte Konsensusverfahren zum DMT-Wechsel entwickelt. Für die 18-Sprachen-Recherche ist Spanisch zusätzlich wichtig, weil damit Literatur aus Lateinamerika erschlossen wird.
Portugal und Brasilien
Portugal trägt europäische Kohorten- und Registerdaten bei. Brasilien ist wegen seiner Bevölkerungsgröße, ethnischen Vielfalt und starken regionalen Unterschiede besonders relevant.
Eine aktualisierte brasilianische zeigt deutliche regionale Unterschiede der MS-. Noch interessanter für die Therapiepolitik ist eine 2026 publizierte Big-Data-Analyse des öffentlichen Gesundheitssystems SUS. Nach einer Änderung der nationalen Leitlinie 2021 wurde der Zugang zu hochwirksamen Therapien erweitert. Die Studie analysierte mehr als 1,7 Millionen DMT-Abgabegenehmigungen zwischen 2019 und 2023 und erlaubt damit die Untersuchung, wie politische Erstattungsentscheidungen reale Therapiewahl verändern. Quelle: PMID 42364568, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42364568/
Dänemark
Dänemark besitzt eines der ältesten und vollständigsten nationalen MS-Register. Seine Stärke ist nicht, dass jede dänische Strategie automatisch überlegen wäre, sondern die Fähigkeit, Therapiewirkung über Jahrzehnte populationsbasiert zu messen.
Der Vergleich mit Schweden zeigte Nachteile der damaligen stärker eskalationsorientierten dänischen Strategie bei Behinderungsendpunkten. Gleichzeitig liefert Dänemark 2026 eine der wichtigsten Gegenstimmen zur Vorstellung, frühe Hochwirksamkeit löse alle Probleme: Schübe wurden reduziert, PIRA aber nicht signifikant. Diese wissenschaftliche Fähigkeit, auch negative oder differenzierende Resultate sichtbar zu machen, ist ein besonderer Wert nationaler Register.
Schweden
Schweden hat früh eine breite Verwendung hochwirksamer Therapien einschließlich off-label Rituximab etabliert. Das schwedische Register ermöglicht Vergleiche von Strategien, Schwangerschaft, Langzeitsicherheit und Therapiepersistenz. Die schwedisch-dänische Analyse ist eines der stärksten natürlichen Experimente zur nationalen Therapiestrategie.
Norwegen
Norwegen liefert besonders wichtige Daten zur frühen Hochwirksamkeit. Die populationsbasierte Registerstudie mit deutlich höheren NEDA-Raten unter hochwirksamer Ersttherapie beeinflusste die Diskussion um First-line-Strategien stark.
2026 kam mit OVERLORD-MS ein weiterer Meilenstein hinzu: der randomisierte direkte Vergleich Rituximab versus Ocrelizumab bei neu diagnostizierter aktiver schubförmiger MS. Rituximab erfüllte das definierte skriterium für MRT-Aktivität. Das ist auch gesundheitspolitisch relevant, weil Rituximab-Biosimilars wesentlich günstiger sein können.
Finnland
Finnland zeigt besonders anschaulich, wie sich Versorgung über ein Jahrzehnt verändern kann. Eine nationale Registeranalyse von 2.479 Patienten zeigte, dass der Anteil hochwirksamer Ersttherapien zwischen 2013 und 2022 von 6,9 auf 43,7 Prozent stieg, während sich die mediane diagnostische Verzögerung von 10,1 auf 4,6 Monate verkürzte. Quelle: PMID 39935206, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39935206/
Eine frühere propensity-gematchte finnische Analyse fand nach fünf Jahren weniger bestätigte Behinderungsprogression und weniger Schübe bei hochwirksamer Ersttherapie. Quelle: PMID 34170403. Finnische Registerdaten sind außerdem für Cladribin-Langzeitbeobachtung, Anti-CD20-Vergleiche, Komorbiditäten und Mortalität wertvoll.
Niederlande und Belgien
Die Niederlande sind für Bildgebung, Biomarker, Therapieabsetzen und Rehabilitation besonders relevant. DOT-MS wurde in niederländischen Zentren durchgeführt und zeigte, dass selbst nach fünf Jahren Stabilität das Absetzen einer First-line-DMT entzündliche Aktivität reaktivieren kann.
Belgische Zentren tragen zu Schwangerschafts-, Rehabilitations- und internationalen Registerdaten bei. Niederländischsprachige nationale Quellen ergänzen die überwiegend englisch publizierte Wissenschaft.
Polen
Polen besitzt ein nationales Register mit relevanten POMS-Daten. Eine populationsbasierte Analyse von 329 Kindern und Jugendlichen ergab für Ende 2019 eine altersstandardisierte POMS- von etwa 5,19 pro 100.000 und eine mittlere jährliche 2015-2019 von 0,77 pro 100.000 Personenjahre. Mehr als 80 Prozent wurden mit DMT behandelt. Quelle: PMID 35158453, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35158453/
Polen ist außerdem für den Vergleich mittel- und osteuropäischer Erstattungssysteme wichtig. Formale Vollerstattung bedeutet nicht automatisch identischen Zugang, weil Positivlisten, Zentren und administrative Regeln variieren.
Türkei
Die Türkei besitzt große pädiatrische Kohorten. Die Turkish Pediatric MS Database sammelte 193 Kinder aus 27 Zentren. Mehr als die Hälfte hatte einen polysymptomatischen Beginn; Hirnstamm-, sensible, motorische und visuelle Symptome waren häufig. Elf Prozent waren initial als ADEM diagnostiziert worden. Quelle: PMID 28694135.
2026 wurden neue türkische Langzeitdaten zu prognostischen Merkmalen von POMS publiziert. Quelle: PMID 41558235. Die Türkei ist außerdem an RIS-Studien wie TERIS beteiligt und verbindet epidemiologisch Europa, Mittelmeerraum und Westasien.
Iran / persischer Sprachraum
Iran ist für die globale MS-Forschung besonders wichtig, weil die MS-Häufigkeit in mehreren Regionen deutlich gestiegen ist und ein nationales Register aufgebaut wurde. Das NMSRI integriert Daten aus Universitäten, MS-Gesellschaften, Kliniken und Praxen. Quelle: PMID 36931079.
Für POMS existieren ungewöhnlich große Datensätze. Eine nationale Analyse identifizierte 4.544 pädiatrische Fälle zwischen 2000 und 2019; die registrierte stieg von 0,26 auf 1,53 pro 100.000. Ein Teil des Anstiegs dürfte verbesserte Diagnostik widerspiegeln. Quelle: PMID 35222655.
Iranische Zentren liefern auch aktuelle Real-World-Therapiedaten. Eine 2025 publizierte retrospektive POMS-Kohorte verglich Anti-CD20 als First-line-Strategie mit Dimethylfumarat. Solche Daten sind wertvoll, müssen aber wegen fehlender Randomisierung vorsichtig interpretiert werden. Quelle: PMID 40812373.
Arabischsprachiger Raum
Der arabischsprachige Raum ist epidemiologisch heterogen: Golfstaaten, Levante und Nordafrika unterscheiden sich in Genetik, Wohlstand, UV-Exposition und Gesundheitssystem. In einigen Golfstaaten wurden steigende MS- beschrieben.
Für die Therapie sind Zugang und regionale Infektionsrisiken wichtig. Nordwestafrikanische Konsensusarbeiten versuchen, internationale DMT-Evidenz an lokale Versorgungsrealität anzupassen. Die arabische Recherche ist außerdem für Patienteninformationen und nationale Erstattungsdokumente wichtig, auch wenn viele wissenschaftliche Arbeiten englisch erscheinen.
China – vereinfachtes und traditionelles Chinesisch
China hat historisch eine niedrigere MS- als Europa, aber die Zahl diagnostizierter Fälle steigt. Eine aktuelle Übersicht von 2025 beschreibt wachsende DMT-Verfügbarkeit, bessere MRT-Diagnostik und weiterhin deutliche Stadt-Land-Unterschiede. Das China National Registry of Neuro-Inflammatory Diseases soll die Datenbasis verbessern. Quelle: PMID 40104913, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40104913/
In Ostasien ist die Differentialdiagnose zu NMOSD besonders wichtig. Eine ältere westliche MS-Kohorte lässt sich nicht ungeprüft auf chinesische Patienten übertragen, wenn AQP4-NMOSD oder MOGAD in historischen Datensätzen nicht sauber getrennt wurden.
Traditionelles Chinesisch wird separat für Taiwan und Hongkong gesucht. Diese Regionen besitzen andere Versorgungssysteme und teilweise eigene epidemiologische Daten.
Japan
Japan zeigt besonders deutlich, warum historische asiatische MS-Daten neu bewertet werden müssen. Die fünfte landesweite Erhebung schätzte für 2017 eine MS- von 14,2 pro 100.000 und NMOSD von 5,4 pro 100.000. Gegenüber 2003 waren die erfassten Fallzahlen deutlich gestiegen. Gleichzeitig war die Behinderung bei MS im geringer, der Anteil sekundärer Progression niedriger und die DMT-Nutzung höher. Quelle: PMID 39475688, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39475688/
Eine japanische landesweite administrative Studie von 2025 untersucht zusätzlich, ob Krankenhausvolumen die Ergebnisse beeinflusst. Solche Analysen sind für die Frage wichtig, ob Versorgung in spezialisierten Zentren messbare Vorteile bietet. Quelle: PMID 41067084.
Südkorea
Eine 2026 publizierte landesweite koreanische Krankenhausregisteranalyse identifizierte 1.799 MS-, 1.616 NMOSD- und 781 MOGAD-Patienten. Die geschätzte MS- lag bei 3,48 pro 100.000. Der im Verhältnis hohe Anteil von NMOSD und MOGAD zeigt, warum ostasiatische Neuroimmunologie nicht einfach mit europäischen MS-Daten gleichgesetzt werden darf. Quelle: PMID 41818658, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41818658/
Englischsprachige Kernländer: USA, Kanada, UK, Australien, Neuseeland
Die USA dominieren viele Zulassungsstudien und verfügen über große akademische Zentren, aber ein fragmentiertes Versicherungssystem. Das macht sie zugleich wichtig für Forschung zu Zugangsungleichheit.
Kanada ist besonders stark in POMS, Prodromforschung und populationsbasierten Gesundheitsdaten. Die Arbeiten zu erhöhten Gesundheitskontakten Jahre vor dem ersten demyelinisierenden Ereignis stammen wesentlich aus kanadischen Kohorten.
Das Vereinigte Königreich besitzt ein nationales Register und starke epidemiologische, genetische und neuroimagingbezogene Forschung. Australien ist mit MSBase ein Zentrum internationaler Real-World-Vergleiche. Australien und Neuseeland besitzen außerdem AHSCT-Register und starke epidemiologische Forschung zu UV-Exposition und Geographie.
381 Die 18-Sprachen-Recherche: warum sie mehr als Übersetzung ist
Englisch ist die wichtigste Wissenschaftssprache der modernen MS-Forschung. Die pivotalen Zulassungsstudien, internationale Registeranalysen und viele Leitlinien erscheinen auf Englisch, selbst wenn die Patienten aus Italien, Iran, China, Japan, Brasilien oder Skandinavien stammen. Eine rein englische Suche erfasst deshalb einen großen Teil der hochwertigen Evidenz – aber nicht alles.
Deutsch: Besonders wertvoll sind AWMF/DGN-Living-Guideline, die eigenständige pädiatrische S1-Leitlinie, deutschsprachige Versorgungsempfehlungen und große Krankenkassendaten. Die deutsche Studie zu Symptomen vor POMS-Diagnose und die Impf-Fall-Kontroll-Analyse sind Beispiele für populationsnahe Forschung.
Spanisch: Spanien verfügt über etablierte MS-Zentren, regionale Kohorten und nationale Konsensusdokumente. Zusätzlich erschließt Spanisch einen großen Teil lateinamerikanischer Literatur, wobei regionale Versorgung und Ethnizität berücksichtigt werden müssen.
Italienisch: Italien ist besonders wichtig für POMS, Registerforschung, AHSCT und Epidemiologie. Sardinien besitzt eine sehr hohe MS-Häufigkeit und ist genetisch-epidemiologisch von besonderem Interesse.
Französisch: Frankreich verfügt mit OFSEP über eines der wichtigsten nationalen MS-Datensysteme. Schwangerschaft, POMS, Vitamin D und Therapie werden intensiv untersucht. D-Lay-MS ist ein Beispiel für eine französische mit internationaler Bedeutung.
Chinesisch: Festlandchina besitzt eine historisch niedrigere MS- als Nordeuropa, aber eine große absolute Bevölkerung und zunehmende Diagnostik. Chinesische Quellen sind zudem für regionale Therapieerfahrung und die Abgrenzung zu NMOSD wichtig. Vereinfachte und traditionelle Schriftzeichen sollten getrennt gesucht werden.
Japanisch: Japanische Neuroimmunologie war entscheidend für die historische Abgrenzung optikospinaler Erkrankungen und NMOSD. Japanische Populationen unterscheiden sich in HLA-Struktur und relativer Häufigkeit von AQP4-NMOSD.
Koreanisch: Südkoreanische Kohorten ergänzen ostasiatische Daten zu Epidemiologie, MRT und DMT. Wie in Japan ist die korrekte Trennung von MS und NMOSD wichtig.
Portugiesisch: Brasilien liefert epidemiologisch wertvolle Daten aus einer ethnisch und geografisch heterogenen Bevölkerung. Das nationale PCDT zeigt zudem, wie Therapie in einem großen öffentlichen Gesundheitssystem priorisiert wird. Portugal ergänzt europäische Daten.
Dänisch: Dänemark besitzt außergewöhnlich lange Registertraditionen. Nationale Personenkennziffern erlauben Verknüpfung von MS-, Krankenhaus-, Arzneimittel-, Schwangerschafts- und Mortalitätsdaten. Solche Daten sind für seltene Langzeitrisiken wertvoll.
Schwedisch: Das Swedish MS Registry ist besonders relevant für Rituximab, frühe Hochwirksamkeit und POMS. Schweden zeigt, wie sich Therapiepraxis von Zulassungslogik unterscheiden kann, wenn umfangreiche Real-World-Erfahrung vorliegt.
Norwegisch: Die 2026 aktualisierte nationale Leitlinie ist bemerkenswert, weil sie hochwirksame DMT bei neu diagnostizierter entzündlicher MS als Grundstrategie empfiehlt. Norwegen ist außerdem wichtig für AHSCT-Studien und Register.
Finnisch: Finnland bietet hochwertige Register, genetische Daten und nordische Epidemiologie. Viele Publikationen erscheinen auf Englisch, lokale Suchbegriffe helfen aber bei Leitlinien und Versorgung.
Niederländisch: Die Niederlande sind stark in Neuroimmunologie, MRT, Biomarkern, Schwangerschaft und Therapie-Deeskalation. Nationale Dokumente erscheinen teilweise niederländisch, wissenschaftliche Primärarbeiten überwiegend englisch.
Persisch/Farsi: Iran berichtet in den letzten Jahrzehnten deutlich steigende MS-Prävalenzen und besitzt große regionale Register. Die Region ist wichtig, um eurozentrische Annahmen über Geografie und Ethnizität zu prüfen.
Arabisch: Der arabische Sprachraum umfasst sehr unterschiedliche Länder. Kuwait, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und weitere Golfstaaten berichten relevante MS-Kohorten. Versorgung, Vitamin-D-Status trotz hoher Sonneneinstrahlung und rasche Urbanisierung sind besondere Forschungsfragen.
Türkisch: Die Türkei besitzt große pädiatrische Kohorten und eine geografische Lage zwischen Europa und Asien. Türkische POMS-Studien lieferten wichtige Daten zu polysymptomatischem Beginn, Hirnstammsymptomen und Anfällen.
Polnisch: Polen besitzt eine große MS-Population und aktive neurologische Fachgesellschaften. Aktuelle polnische Empfehlungen zu Schwangerschaft und Familienplanung ergänzen internationale Konsensusdaten.
Der Mehrwert der Mehrsprachigkeit liegt damit in drei Ebenen: erstens zusätzliche lokale Studien; zweitens nationale Leitlinien und Zulassungs-/Erstattungsinformationen; drittens das Erkennen von Unterschieden zwischen Populationen und Gesundheitssystemen. Wissenschaftliche Qualität wird dabei nicht nach Sprache bewertet, sondern nach Studiendesign, Stichprobe, Bias-Risiko und Reproduzierbarkeit.
382 Internationale 18-Sprachen-Recherche – was jeder Sprachraum beiträgt
Englisch
Englisch dominiert die internationale Fachliteratur und enthält praktisch alle pivotal trials, große , ECTRIMS/AAN-Diskussionen, MSBase-Publikationen und viele nationale Kohorten, selbst wenn die Daten aus nicht englischsprachigen Ländern stammen. Für die exhaustive Recherche bleibt Englisch deshalb die wichtigste Sprache.
Deutsch
Die DGN-Living-Guideline wurde 2026 aktualisiert und integriert die 2024-McDonald-Kriterien sowie ein neu gefasstes Kapitel zur MS im Kindes- und Jugendalter. Sie bezieht ausdrücklich Kinder, Schwangere und ältere Menschen ein. Deutschland liefert zusätzlich relevante Erfahrung mit Immunadsorption, POMS und Aphereseverfahren.
Spanisch
Die spanische Neurologische Gesellschaft hat Konsensusdokumente zum ganzheitlichen MS-Management publiziert. Spanisch erweitert die Recherche außerdem auf Lateinamerika, wo Zugang zu DMTs, Genetik und Epidemiologie andere Muster zeigen können als in Europa.
Italienisch
Italien ist für POMS und Registerforschung besonders wichtig. Italienische Zentren gehören zu den international führenden Gruppen für pädiatrische MS, Kognition und Langzeitverlauf. Das italienische MS-Register liefert große Analysen zu früher Hochwirksamkeitstherapie. Nationale AIFA-Regelungen dokumentieren zudem den Einsatz von Natalizumab bei ausgewählten Jugendlichen.
Französisch
Frankreich verfügt mit OFSEP über eine große nationale Kohorteninfrastruktur. Französische Daten sind zentral für Langzeitverlauf, Therapie und POMS. Nationale Versorgungsvorgaben regeln hochaktive pädiatrische MS teilweise über spezialisierte Kompetenzzentren.
Chinesisch
Die chinesische Leitlinie 2023/2024 berücksichtigt die wachsende DMT-Landschaft und lokale epidemiologische Besonderheiten. In China ist die Abgrenzung von NMOSD aufgrund höherer relativer Häufigkeit besonders relevant. Vereinfachtes Chinesisch deckt Festlandchina ab; traditionelle Schrift erweitert die Suche auf Taiwan und Hongkong.
Japanisch
Die Japanische Gesellschaft für Neurologie veröffentlichte 2023 eine umfassende Leitlinie zu MS und NMOSD. Japanische Daten sind wegen niedrigerer MS-, höherer relativer NMOSD-Bedeutung und historisch anderer Phänotypverteilung wichtig. Lokale Zulassung und Sicherheitsdaten können von Europa abweichen.
Koreanisch
Südkoreanische landesweite Versicherungsdaten zeigen eine sehr niedrige pädiatrische MS- und relevante regionale Unterschiede im Zugang zu tertiärer Versorgung. Koreanische Publikationen helfen, ostasiatische Epidemiologie und die Differentialdiagnose zu NMOSD abzubilden.
Portugiesisch
Brasilien besitzt eine große, ethnisch diverse Bevölkerung und nationale Therapieprotokolle. Das brasilianische Gesundheitsministerium aktualisierte sein klinisches Protokoll 2024/2025. Portugiesische Recherche ist außerdem für Portugal relevant.
Dänisch
Das Danish Multiple Sclerosis Registry gehört zu den ältesten und wertvollsten nationalen MS-Registern. Dänische Daten ermöglichen Langzeitbeobachtung und Verknüpfung mit anderen Gesundheitsregistern. Eine landesweite pädiatrische Studie zeigte, dass OCB, Alter 11–17 Jahre, okzipitale Läsion und weibliches Geschlecht zur Abgrenzung von MS und ADEM beitragen können.
Schwedisch
Schweden kombiniert nationale Register mit hoher Abdeckung und detaillierten Therapiedaten. Rituximab-Real-World-Erfahrung und Studien zu Therapiepersistenz sind international relevant. Socialstyrelsen betont frühe Diagnose, wirksame Therapie und multidisziplinäre Rehabilitation.
Norwegisch
Norwegen ist besonders interessant, weil die nationale Leitlinie neu diagnostizierten Patienten mit entzündlicher MS eine hochwirksame DMT als Startstrategie empfiehlt. AHSCT kann bei fortbestehender Aktivität trotz hochwirksamer Therapie erwogen werden. Die Leitlinie wurde 2026 aktualisiert.
Finnisch
Finnland ist epidemiologisch und genetisch relevant, mit regionalen Häufungen und hochwertigen Gesundheitsregistern. Finnische Daten tragen zur Untersuchung von Genetik, Vitamin D, Infektionen und Langzeitverläufen bei. Viele wissenschaftliche Arbeiten erscheinen auf Englisch; die finnischsprachige Suche dient vor allem nationalen Empfehlungen und Versorgungsinformationen.
Niederländisch
Die Niederlande besitzen starke MS-, Biomarker- und Neuroimmunologiegruppen. Niederländische Zentren tragen zu internationalen Studien, MRT-Forschung und Shared-Decision-Making bei. Auch hier erscheint ein großer Teil der Primärforschung auf Englisch.
Persisch/Farsi
Iran ist für POMS außergewöhnlich wichtig. Landesweite und regionale Register dokumentieren Tausende pädiatrische Fälle und einen Anstieg der registrierten . Isfahan und Teheran haben zahlreiche klinische und epidemiologische Arbeiten publiziert. Die Farsi-Suche ergänzt die englisch publizierten iranischen Studien um lokale Versorgungsperspektiven.
Arabisch
Der arabische Sprachraum umfasst sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme von Golfstaaten bis Nordafrika. Die MS- hat in mehreren Ländern zugenommen beziehungsweise wird besser erkannt. Regionale MENACTRIMS-Empfehlungen sind besonders für die Abgrenzung von NMOSD und den Zugang zu Therapien relevant. Nationale Gesundheitsseiten, etwa Saudi-Arabien, betonen, dass MS derzeit nicht heilbar ist, aber Schübe und Progression behandelt werden können.
Türkisch
Die Türkei verfügt über eine der größten publizierten POMS-Datenbanken. Multizentrische Daten zeigen häufig polysymptomatischen Beginn, Hirnstamm- und sensible Symptome sowie diagnostische Unterschiede nach Alter. Langzeitkohorten unterstreichen die Bedeutung frühen DMT-Beginns.
Polnisch
Das polnische MS-Register liefert belastbare POMS-- und daten für Mittel-/Osteuropa. Die Prävalenz steigt stark mit dem Alter innerhalb der pädiatrischen Gruppe, und Mädchen sind nach der Pubertät deutlich häufiger betroffen. Diese Daten verhindern, dass europäische POMS-Epidemiologie nur aus westeuropäischen Ländern extrapoliert wird.
383 Ostasien: warum China, Japan und Korea eigene Evidenz liefern
MS ist in Ostasien seltener als in Nordeuropa oder Nordamerika. Gleichzeitig ist die Abgrenzung gegenüber Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) und MOG-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) besonders wichtig. Deshalb darf man europäische oder nordamerikanische Erfahrungen nicht einfach ungeprüft übertragen.
Korea
Eine 2026 veröffentlichte multizentrische koreanische Studie prüfte die 2024 revidierten McDonald-Kriterien bei 306 Menschen mit MS. Mit den neuen Kriterien erfüllten alle Teilnehmer bereits bei der ersten Auswertung die diagnostischen Voraussetzungen, während dies mit den Kriterien von 2017 bei 90,5 Prozent der Fall war. Bei einer Untergruppe mit klinisch isoliertem Syndrom verkürzte sich die Zeit bis zur Diagnose im um fünf Monate. Besonders wichtig war die Aufnahme des Sehnervs als zusätzlicher Ort typischer MS-Schädigung. Für Patienten bedeutet das: Die neuen Kriterien können eine Diagnose früher ermöglichen. Das ist aber nur dann ein Vorteil, wenn gleichzeitig sorgfältig geprüft wird, ob MOGAD, NMOSD oder andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden.
Quelle: Hyun JW et al. Application of the 2024 and 2017 McDonald criteria at disease onset in a multicenter Korean MS cohort. Multiple Sclerosis. 2026. PMID: 42345274.
Koreanische Daten sind auch für Biomarker wichtig. Neuere Arbeiten untersuchen Neurofilament light chain, kurz NfL, als Blutmarker für Nervenzellschädigung. NfL kann Krankheitsaktivität anzeigen, ist aber nicht MS-spezifisch. Alter, Nierenfunktion, Körperzusammensetzung und andere neurologische Erkrankungen können den Wert beeinflussen. Deshalb sollte ein einzelner NfL-Wert nie isoliert als „MS wird schlimmer“ interpretiert werden.
China
Die chinesische Leitlinie zur Diagnose und Behandlung der MS wurde 2023 erarbeitet und 2024 publiziert. Sie berücksichtigt bewusst die Besonderheiten der chinesischen Versorgung und die wichtige Differentialdiagnose zu NMOSD und MOGAD. Sie zeigt zugleich, wie schnell sich das chinesische Therapieangebot erweitert hat.
Quelle: 多发性硬化诊断与治疗中国指南(2023版), 中华医学会神经病学分会, 中华神经科杂志 2024;57(1).
Chinesische Studien tragen außerdem zu neuen diagnostischen Markern bei. Eine größere Kohorte untersuchte Kappa-freie Leichtketten im Liquor. Diese Eiweißbestandteile entstehen bei einer Aktivierung von B-Zellen und Plasmazellen. Sie können ähnlich wie oligoklonale Banden Hinweise auf eine Immunreaktion im zentralen Nervensystem geben. Die neuen McDonald-Kriterien werten Kappa-Freie-Leichtketten deshalb stärker auf. Für Patienten wichtig: Der Test kann die Diagnostik ergänzen, ersetzt aber weder die klinische Beurteilung noch MRT und Differentialdiagnostik.
Ein weiteres chinesisches Forschungsfeld ist hochauflösende 7-Tesla-MRT. Damit lassen sich Merkmale wie das Central Vein Sign und paramagnetische Ränder chronisch aktiver Läsionen detaillierter erkennen. Diese Technik ist derzeit vor allem Forschung und noch keine Routineuntersuchung, die jeder MS-Patient benötigt.
Auch Real-World-Daten zu Siponimod aus China sind relevant. Sie zeigen, wie Medikamente außerhalb klassischer Zulassungsstudien in anderen Populationen eingesetzt werden. Solche Daten sind besonders wichtig, weil asiatische Patienten in vielen historischen MS-Zulassungsstudien nur schwach vertreten waren.
Japan
Japan verfügt über eigene Behandlungsalgorithmen und eine besondere klinische Erfahrung mit MS, NMOSD und MOGAD. Eine japanische Übersichtsarbeit von 2025 betont personalisierte Therapie, Biologika und Immunrekonstitution. Eine 2024 publizierte japanische Arbeit zum Therapiealgorithmus beschreibt, dass Krankheitsaktivität, schlechte Prognosefaktoren, Lebensplanung und Patientenwünsche gemeinsam in die Wahl der DMT einfließen sollen.
Quellen:
- Niino M. 多発性硬化症の治療アルゴリズム. 神経治療学. 2024;41:563-565. DOI: 10.15082/jsnt.41.4_563.
- Tanaka M. Current trends in multiple sclerosis/neuromyelitis optica spectrum disorder therapy: considerations for domestic administration and personalized therapy. Clinical Neurology. 2025;65:319-330. DOI: 10.5692/clinicalneurol.cn-002095.
Die japanische REFIND-Studie von 2026 untersuchte Natalizumab im klinischen Alltag mehrerer Zentren. Solche Studien sind wertvoll, weil Sicherheitsfragen wie JCV-Antikörperstatus, PML-Risiko und Therapiewechsel in realen Versorgungssituationen oft anders aussehen als in Zulassungsstudien.
Quelle: Nakashima I et al. A multicenter, retrospective study in patients with multiple sclerosis treated with natalizumab in a real-world setting in Japan: The REFIND study. Mult Scler Relat Disord. 2026;107:107007. PMID: 41610622.
Japanische Rehabilitationsliteratur von 2025/2026 unterstreicht außerdem, dass DMTs Schübe reduzieren können, aber Fatigue, Sehprobleme, kognitive Störungen, Muskelschwäche und andere Folgen oft zusätzliche Rehabilitation benötigen. Medikamentöse Krankheitskontrolle und Rehabilitation sind deshalb keine Alternativen, sondern ergänzen sich.
384 Nordische Register: warum sie für Therapievergleiche besonders wertvoll sind
Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland verfügen über sehr gut strukturierte nationale Register. Dadurch können Behandlungsstrategien über viele Jahre verfolgt werden. Solche Daten sind für Fragen wichtig, die sich in zweijährigen Zulassungsstudien kaum beantworten lassen.
Dänemark
Eine 2026 publizierte landesweite dänische Analyse verglich frühe hochwirksame Behandlung mit einer Strategie, bei der zunächst moderat wirksame Medikamente eingesetzt und später bei Bedarf eskaliert wurden. Frühe hochwirksame Therapie war mit ungefähr 40 Prozent weniger Schüben verbunden. Beim ersten PIRA-Ereignis – also einer schleichenden Verschlechterung unabhängig von Schüben – war dagegen kein statistisch sicherer Unterschied nachweisbar. Für Patienten ist das eine zentrale Botschaft: Moderne Medikamente können entzündliche Krankheitsaktivität sehr stark kontrollieren, aber sie verhindern möglicherweise nicht jede Form der schleichenden Progression.
Eine weitere dänische Registerstudie verglich Ocrelizumab und Natalizumab. In der ausgewerteten Population fanden sich keine Unterschiede bei Schubrate, PIRA oder neuer MRT-Aktivität. Das bedeutet nicht, dass beide Medikamente für jeden Menschen austauschbar sind. Sicherheitsprofil, JCV-Status, Familienplanung, Infektionsrisiko, Applikation und individuelle Vorgeschichte bleiben entscheidend.
Quelle: Maersk-Moller C et al. A National Danish Effectiveness Study of Ocrelizumab Versus Natalizumab in Multiple Sclerosis. Eur J Neurol. 2026;33:e70507. PMID: 41603419.
Schweden
Schwedische Registerstudien waren wesentlich für die Diskussion „frühe hochwirksame Therapie versus Eskalation“. Ältere Vergleiche zwischen Schweden und Dänemark zeigten günstigere Behinderungsendpunkte in der Population, in der hochwirksame Therapien früher eingesetzt wurden. Neuere schwedische Arbeiten untersuchen zusätzlich PIRA, Kognition und Therapiepersistenz. Sie stärken die Sichtweise, dass Erfolg nicht allein anhand der Schubrate beurteilt werden sollte.
Finnland
Eine finnische populationsbasierte Studie von 2026 verglich Rituximab und Ocrelizumab nach statistischer Angleichung der Patientengruppen. Solche Daten sind besonders relevant, weil Rituximab in einigen nordischen Ländern sehr häufig off-label eingesetzt wird, während es in vielen anderen Ländern nicht als Standard-MS-Therapie verwendet wird.
Quelle: Savolainen M et al. Comparative Effectiveness and Safety of Rituximab Versus Ocrelizumab in Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis: A Finnish Population-Based Matched Cohort Study. Eur J Neurol. 2026;33:e70625. PMID: 42141836.
Die wichtigste Schlussfolgerung aus nordischen Daten lautet deshalb nicht „Land X behandelt besser“. Sie lautet: Register können zeigen, wie sich unterschiedliche Therapiepolitik, Zugang und Monitoring über Jahre auf reale Ergebnisse auswirken.
385 Italien: eines der wichtigsten Real-World-Datennetze für MS
Das italienische Register gehört inzwischen zu den größten MS-Registern Europas. Mit Datenstand 31. Juli 2026 waren dort knapp 100.000 Menschen mit MS registriert. Solche Registerdaten erlauben Untersuchungen zu Krankheitsbeginn, Progression, PIRA, Langzeitsicherheit, Schwangerschaft, Kinder-MS und Therapieabfolgen.
Quelle: Registro Italiano Sclerosi Multipla, Bericht vom 31.07.2026.
Eine 30-Jahres-Analyse des italienischen Registers mit 9.958 Patienten zeigte, dass die Rate des Übergangs zur sekundär progredienten MS im Laufe der Therapieära zurückging. Eine höhere Behandlungsabdeckung war mit einem geringeren Risiko für SPMS verbunden. Pro zehn Prozent zusätzlicher Zeit unter DMT war das Risiko in der Analyse niedriger. Wegen des Beobachtungsdesigns darf daraus keine einfache Kausalformel gemacht werden. Trotzdem unterstützt die Studie die Annahme, dass konsequente Behandlung einen Teil des langfristigen Verlaufs verändern kann.
Quelle: Zanghì A et al. Multiple sclerosis from onset to secondary progression: a 30-year Italian register study. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2025;96:1061-1069. PMID: 40518265.
Eine weitere italienische Arbeit von 2025 testete verschiedene Definitionen von PIRA. Das ist mehr als eine akademische Frage. Je nachdem, wie lange eine Verschlechterung bestätigt sein muss und wie weit ein vorausgehender Schub entfernt sein muss, kann dieselbe Person als PIRA-Fall oder nicht als PIRA-Fall gelten. Für künftige Studien ist eine einheitliche Definition wichtig.
Quelle: Portaccio E et al. Toward a Unified Definition of Progression Independent of Relapse Activity in Multiple Sclerosis. Neurology. 2025. PMID: 40982769.
Für POMS liefern italienische Kohorten Langzeitdaten zu MRT-Merkmalen und Behandlung. Eine 12-Jahres-Studie zeigte unter anderem, dass Rückenmarksläsionen und infratentorielle Läsionen prognostische Bedeutung besitzen können und dass eine Exposition gegenüber hochwirksamer Therapie mit geringerem Schubrisiko verbunden war. Wegen der kleinen Kohorte darf die genaue Effektgröße nicht auf jedes Kind übertragen werden.
Quelle: Correlates of long-term clinical outcomes in pediatric multiple sclerosis: A 12-year study. 2026. PMID: 41588873.
386 Frankreich: OFSEP und die Frage nach Progression trotz guter Schubkontrolle
Frankreich besitzt mit OFSEP ein umfangreiches nationales Beobachtungsprogramm. Die prospektive OFSEP-HD-Kohorte wurde aufgebaut, um Prognosefaktoren, Behandlungseffekte, Kosten und patientenorientierte Vorhersagemodelle zu untersuchen.
Quelle: Guillemin F et al. Prognostic factors of disability progression in multiple sclerosis in real life: the OFSEP-HD prospective cohort in France. BMJ Open. 2025. PMID: 40194873.
Besonders interessant ist das französische Projekt PROGRESS. Es untersucht, ob hochwirksame Therapien nicht nur Schübe und MRT-Aktivität reduzieren, sondern auch Progression unabhängig von entzündlicher Aktivität. Dass ein nationales Register eigens diese Frage untersucht, zeigt, wie sehr sich der Schwerpunkt der MS-Forschung verschoben hat: Schübe zu verhindern reicht nicht als einziges Therapieziel.
Ein 2026 publizierter multinationaler Vergleich mit OFSEP- und MSBase-Daten emulierte einen Zielversuch von Ofatumumab versus Ocrelizumab. Solche „target trial emulations“ versuchen, möglichst ähnlich wie einen auszuwerten. Sie können Randomisierung nicht vollständig ersetzen, sind aber wertvoll, wenn direkte RCTs fehlen.
Quelle: Zhu C et al. Comparative effectiveness of ofatumumab and ocrelizumab in relapsing multiple sclerosis: a target trial emulation using multinational registry data. JNNP. 2026. PMID: 42601218.
387 Spanien, Portugal und Brasilien: Leitlinien und Versorgung im iberoamerikanischen Raum
Spanien
Die Spanische Gesellschaft für Neurologie hat ihre MS-Empfehlungen deutlich in Richtung individualisierter und ganzheitlicher Versorgung weiterentwickelt. Ein Konsensuspapier betont frühe hochwirksame Therapie bei geeigneten Patienten, berücksichtigt Patientenpräferenzen und integriert Schwangerschaft, Impfungen und Remote Monitoring. Ende 2025 wurde zusätzlich ein breites Konsensusdokument zum Management der MS veröffentlicht, das gemeinsam mit Pflegefachpersonen und Patientenorganisationen erarbeitet wurde.
Quellen:
- Meca-Lallana JE et al. Consensus statement of the Spanish Society of Neurology on the treatment of multiple sclerosis and holistic patient management. Neurologia. 2024;39:196-208. PMID: 38237804.
- Sociedad Española de Neurología. Documento de consenso para el manejo de la Esclerosis Múltiple. 27.11.2025.
Portugal
Die portugiesische MS-Arbeitsgruppe veröffentlichte 2025 einen eigenen Behandlungsalgorithmus. Er berücksichtigt RIS, CIS, RRMS, progressive MS sowie besondere Situationen wie Kinder-MS, spät beginnende MS, Schwangerschaft und Stillzeit. Das ist wichtig, weil nationale Erstattungs- und Zulassungsbedingungen die praktische Behandlung beeinflussen können.
Quelle: Capela C et al. Multiple Sclerosis Disease-Modifying Treatment Algorithms: 2025 Positioning of the Portuguese Multiple Sclerosis Study Group. Acta Med Port. 2025;38:414-426. PMID: 40326993.
Brasilien
Brasilien besitzt mit dem PCDT ein staatliches klinisches Protokoll. Die aktuelle MS-Fassung stammt von 2024 und wurde im Juni 2025 angepasst. Diese Quelle ist wichtig, weil sie zeigt, welche Therapien im öffentlichen Versorgungssystem vorgesehen sind und wie sich wissenschaftliche Evidenz in reale Zugänglichkeit übersetzt.
Eine brasilianische von 2026 untersuchte NEDA-3 nach der ersten DMT. Von 332 Menschen mit schubförmiger MS erreichten nach einem Jahr 29,2 Prozent NEDA-3. Der Einsatz moderat oder hochwirksamer Therapien war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, diesen Status zu erreichen. NEDA-3 darf dabei nicht mit Heilung verwechselt werden; es beschreibt nur das Ausbleiben bestimmter Aktivitätszeichen im Beobachtungszeitraum.
Quelle: Albuquerque FT et al. Predictors of early NEDA-3 status after first disease-modifying therapy in a real-world Brazilian multiple sclerosis cohort. Mult Scler Relat Disord. 2026;109:107153. PMID: 41904838.
Brasilien ist außerdem wichtig für die Frage der Versorgungsgerechtigkeit. Eine Behandlung kann wissenschaftlich wirksam sein, aber ihre reale Wirkung auf Bevölkerungsebene hängt davon ab, ob Patienten zeitnah diagnostiziert werden, Zugang zu MRT und MS-Zentren haben und das Medikament tatsächlich erhalten.
388 Türkei, Iran, Polen und Mittlerer Osten: warum diese Daten nicht fehlen dürfen
Türkei
Eine große türkische POMS-Langzeitkohorte von 2026 verfolgte 143 Patienten mit Beginn vor dem 16. Lebensjahr im über elf Jahre. 22,4 Prozent erreichten EDSS 4 und 16,8 Prozent entwickelten eine sekundär progrediente MS. Männliches Geschlecht, Beginn nach dem 14. Lebensjahr, höherer Ausgangs-EDSS und unvollständige Erholung vom ersten Schub waren mit ungünstigerem Verlauf verbunden. Ein Therapiebeginn erst nach mindestens zwölf Monaten war ebenfalls mit einem höheren Risiko verbunden, EDSS 4 zu erreichen.
Quelle: Duman İlki C et al. Long-term prognostic features of pediatric-onset multiple sclerosis: A large cohort from Türkiye. Mult Scler Relat Disord. 2026;107:107013. PMID: 41558235.
Iran
Eine iranische POMS-Studie verglich Dimethylfumarat mit Anti-CD20-Therapie als Erstbehandlung. Beide Gruppen zeigten starke Rückgänge der Schubrate. Die Studie war jedoch klein und retrospektiv; 39 Patienten erfüllten die Einschlusskriterien. Deshalb kann sie einen großen randomisierten Vergleich nicht ersetzen.
Quelle: Etemadifar M et al. Anti-CD20 versus Dimethyl Fumarate as First-Line Treatment for Pediatric Multiple Sclerosis: A Retrospective Cohort Study. Neuropediatrics. 2025;56:392-396. PMID: 40812373.
Polen
Eine polnische Übersicht von 2026 beschreibt die Behandlung im europäischen Kontext und zeigt, dass der Zugang zu hochwirksamen Medikamenten und Erstattungskriterien die praktische Strategie mitbestimmen. Bereits 2025 veröffentlichte die polnische neurologische Fachgesellschaft eine Stellungnahme zur Optimierung von Diagnostik und Therapie in Polen.
Quelle: Adamczyk-Sowa M, Lis M. Disease-modifying treatment for multiple sclerosis in Poland in a European context: current practices and therapeutic strategies. Neurol Neurochir Pol. 2026;60:195-207. PMID: 41993012.
Mittlerer Osten und Nordafrika
MENACTRIMS-Register und weitere regionale Kohorten sind besonders relevant, weil klinische Studien aus Europa und Nordamerika die genetische und versorgungsbezogene Vielfalt dieser Region nicht vollständig abbilden. Real-World-Daten zu Rituximab und anderen hochwirksamen Therapien können Hinweise auf Wirksamkeit und Sicherheit geben, bleiben aber anfällig für Auswahlverzerrungen.
389 Was die mehrsprachige Recherche zusätzlich gezeigt hat
Die zusätzliche Recherche in regionalen Sprachen verändert nicht die grundlegende Biologie der MS, liefert aber vier wichtige Ergänzungen.
Erstens: Nationale Behandlungspraxis unterscheidet sich. Japanische, polnische, portugiesische, spanische, brasilianische und chinesische Leitlinien setzen unterschiedliche Schwerpunkte, unter anderem wegen Zulassung, Erstattung und epidemiologischer Besonderheiten.
Zweitens: Differentialdiagnosen werden regional unterschiedlich gewichtet. In Ostasien ist die saubere Abgrenzung zu AQP4-NMOSD und MOGAD besonders wichtig.
Drittens: Real-World-Register beantworten Fragen, die Zulassungsstudien kaum lösen können. Dazu gehören Langzeitsicherheit, Therapiesequenzen, Absetzen, Schwangerschaft und Progression über zehn oder zwanzig Jahre.
Viertens: „Internationale Evidenz“ bedeutet nicht, dass jede Studie in der Landessprache publiziert wird. Viele italienische, chinesische, japanische oder brasilianische Arbeitsgruppen veröffentlichen in englischsprachigen internationalen Zeitschriften. Deshalb müssen Suchstrategie und Herkunftsland getrennt betrachtet werden.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was MS ist und was im Körper geschieht Abschnitt 1–8 · 8
- 2. Wie häufig MS ist – weltweit und bei Kindern Abschnitt 9–16 · 8
- 3. Ursachen und Risikofaktoren Abschnitt 17–26 · 10
- 4. Kann man MS verhindern? Abschnitt 27–35 · 9
- 5. Risikofaktoren im Einzelnen Abschnitt 36–45 · 10
- 6. MS bei Kindern: erste Anzeichen Abschnitt 46–56 · 11
- 7. Symptome bei Jugendlichen und Erwachsenen Abschnitt 57–63 · 7
- 8. Schub, Pseudoschub und kurze Attacken Abschnitt 64–70 · 7
- 9. Die Diagnose und die McDonald-Kriterien 2024 Abschnitt 71–79 · 9
- 10. MRT, Nervenwasser und Biomarker Abschnitt 80–90 · 11
- 11. Was sonst dahinterstecken kann: MOGAD, NMOSD, ADEM Abschnitt 91–99 · 9
- 12. Verlaufsformen, PIRA und Prognose Abschnitt 100–109 · 10
- 13. Grundsätze der Therapie Abschnitt 110–118 · 9
- 14. Behandlung eines akuten Schubs Abschnitt 119–122 · 4
- 15. Die Medikamente im Überblick Abschnitt 123–128 · 6
- 16. Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Fumarate Abschnitt 129–141 · 13
- 17. S1P-Modulatoren: Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod Abschnitt 142–151 · 10
- 18. Natalizumab Abschnitt 152–157 · 6
- 19. Anti-CD20-Therapien Abschnitt 158–169 · 12
- 20. Cladribin, Alemtuzumab und ältere Mittel Abschnitt 170–182 · 13
- 21. Progressive MS und BTK-Hemmer Abschnitt 183–195 · 13
- 22. Studienvergleiche: Welche Therapie für wen? Abschnitt 196–207 · 12
- 23. Sicherheit und Kontrolluntersuchungen Abschnitt 208–220 · 13
- 24. Therapiewechsel, Therapieversagen und Absetzen Abschnitt 221–231 · 11
- 25. Behandlung bei Kindern und Jugendlichen Abschnitt 232–240 · 9
- 26. Leben mit Kinder-MS: Schule, Pubertät, Übergang Abschnitt 241–252 · 12
- 27. Impfungen und Infektionen Abschnitt 253–256 · 4
- 28. Schwangerschaft, Stillzeit und Familienplanung Abschnitt 257–263 · 7
- 29. Beschwerden behandeln: Fatigue, Schmerz, Psyche, Schlaf Abschnitt 264–275 · 12
- 30. Blase, Darm, Spastik und weitere Beschwerden Abschnitt 276–289 · 14
- 31. Bewegung und Rehabilitation Abschnitt 290–300 · 11
- 32. Ernährung, Nahrungsergänzung und Lebensstil Abschnitt 301–308 · 8
- 33. Alltag, Beruf, Angehörige und Versorgung Abschnitt 309–318 · 10
- 34. MS im Alter, Begleiterkrankungen und fortgeschrittene MS Abschnitt 319–327 · 9
- 35. Stammzelltransplantation und Zelltherapien Abschnitt 328–336 · 9
- 36. Reparatur, Neuroprotektion und neue Ansätze Abschnitt 337–350 · 14
- 37. Digitale Messung und künstliche Intelligenz Abschnitt 351–356 · 6
- 38. Kann MS geheilt werden? Abschnitt 357–367 · 11
- 39. MS weltweit: Versorgung und Ländervergleich Abschnitt 368–379 · 12
- 40. Länderprofile und regionale Forschung Abschnitt 380–389 · 10
- 41. Kernaussagen, Mythen und Glossar Abschnitt 390–402 · 13
- 42. Wie sicher ist das Wissen? Abschnitt 403–414 · 12
- 43. Wie dieser Ratgeber entstanden ist Abschnitt 415–441 · 27
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