Windpocken (Varizellen, Feuchtblattern, Schafblattern) sind eine hochansteckende Viruserkrankung, die vor allem im Kindergarten- und Schulalter auftritt. Auslöser ist das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das zur Familie der Herpesviren gehört. Nach durchgemachter Erkrankung bleibt in aller Regel eine lebenslange Immunität bestehen – das Virus selbst verschwindet jedoch nicht vollständig aus dem Körper, sondern zieht sich in Nervenknoten zurück und kann Jahrzehnte später als Gürtelrose (Herpes Zoster) wieder aktiv werden.

Wie ansteckend sind Windpocken?

Windpocken zählen zu den ansteckendsten Kinderkrankheiten überhaupt: Der sogenannte Kontagionsindex liegt bei über 90 von 100 – das heißt, fast jede ungeschützte Person, die Kontakt mit dem Virus hat, erkrankt auch tatsächlich (RKI, Deutschland). Übertragen wird das Virus über Tröpfchen beim Sprechen, Husten und Niesen (die Viruspartikel können dabei mehrere Meter durch die Luft getragen werden) sowie über direkten Kontakt mit der Flüssigkeit aus den Bläschen.

Ansteckend ist ein Kind bereits 1–2 Tage, bevor der Hautausschlag sichtbar wird, und bleibt es, bis alle Bläschen verkrustet sind – üblicherweise 5–7 Tage nach Auftreten des Ausschlags (CDC/HealthyChildren.org, USA). Die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch) beträgt meist 14–16 Tage, kann aber zwischen 10 und 21 Tagen liegen (RKI, Deutschland).

Typische Symptome: Bläschen in allen Stadien gleichzeitig

Oft beginnt die Erkrankung mit leichtem Krankheitsgefühl, mäßigem Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Ein bis zwei Tage später erscheinen zunächst am Rumpf, im Gesicht und auf der behaarten Kopfhaut rote, juckende Flecken, aus denen sich rasch Knötchen und schließlich mit klarer Flüssigkeit gefüllte, oft gedellte Bläschen entwickeln. Diese platzen und verkrusten innerhalb weniger Tage.

Charakteristisch – und diagnostisch wegweisend – ist das sogenannte „Sternenhimmel"-Bild: Da immer wieder neue Schübe nachkommen, sind zu jedem Zeitpunkt Hautveränderungen in allen Stadien gleichzeitig sichtbar – frische rote Flecken neben Bläschen und bereits verkrusteten Stellen. Auch die Mundschleimhaut, insbesondere der Gaumen, kann betroffen sein. Wie hoch das Fieber tatsächlich steigt, lässt sich nur mit korrektem Messen zuverlässig beurteilen – Hinweise dazu finden Sie unter So messen Sie Fieber bei Ihrem Kind richtig; allgemeine Informationen zu fiebrigen Erkrankungen bei Kindern bietet der Beitrag Fieber bei Kindern.

Mögliche Komplikationen

Bakterielle Superinfektion der Haut

Die mit Abstand häufigste Komplikation ist eine bakterielle Zweitinfektion der aufgekratzten Bläschen, meist durch Staphylokokken oder Streptokokken. In den allermeisten Fällen bleibt dies harmlos, verlängert aber Heilung und Ansteckungsdauer. Sehr selten kommt es zu schwereren Weichteilinfektionen: Eine Windpocken-Erkrankung selbst erhöht laut einer kanadischen Studie das Risiko für invasive Streptokokken-der-Gruppe-A-Infektionen um das rund 58-Fache gegenüber Kindern ohne Varizellen.

Zentrales Nervensystem

In etwa 0,1 % der Erkrankungen kommt es zu Beteiligungen des Nervensystems – am häufigsten eine meist gutartig verlaufende Kleinhirnentzündung (Zerebellitis) mit vorübergehenden Gleichgewichtsstörungen, seltener eine echte Enzephalitis (Gehirnentzündung), die ernst genommen werden muss (RKI, Deutschland).

Lungenentzündung

Bei ansonsten gesunden Kindern ist eine Varizellen-Pneumonie selten. Bei Erwachsenen, Neugeborenen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem ist sie dagegen deutlich häufiger und kann schwer verlaufen – bei Erwachsenen entwickelt bis zu jede fünfte Person mit Windpocken eine Lungenentzündung (CDC/HealthyChildren.org, USA).

Wichtig: Kein Ibuprofen und keine anderen NSAR bei Windpocken

Zur Fiebersenkung und Schmerzlinderung bei Windpocken sollte bevorzugt Paracetamol eingesetzt werden. Mehrere Arzneimittelbehörden (u. a. die französische ANSM) raten ausdrücklich von Ibuprofen und anderen entzündungshemmenden Schmerzmitteln (NSAR) während einer Varizellen-Infektion ab: In Fallserien und Studien wurde ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Ibuprofen und schweren bakteriellen Haut- und Weichteilkomplikationen (bis hin zur nekrotisierenden Fasziitis) beobachtet (PTA Heute, Deutschland). Ein eindeutiger ursächlicher Beweis steht zwar noch aus, doch aus Vorsichtsgründen wird empfohlen, bei Windpocken auf Ibuprofen zu verzichten. Mehr zu Fiebersenkern und ihrer richtigen Anwendung lesen Sie unter Medikamente bei Kindern und Ibuprofen.

Aspirin (Acetylsalicylsäure) ist bei Windpocken strikt verboten – die Kombination aus einer Virusinfektion wie Varizellen und Aspirin kann beim Kind das seltene, aber lebensbedrohliche Reye-Syndrom auslösen.

Gehen Sie umgehend zur Kinderärztin/zum Kinderarzt bzw. in eine Notaufnahme, wenn:

  • sich die Haut um Bläschen herum stark rötet, überwärmt oder zunehmend schmerzhaft ist (Hinweis auf bakterielle Superinfektion)
  • hohes Fieber nicht sinkt oder nach fieberfreiem Intervall erneut auftritt
  • Ihr Kind auffällig schläfrig, verwirrt ist, starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit oder Krampfanfälle zeigt (Warnzeichen für Enzephalitis oder Hirnhautentzündung)
  • Atemnot, schnelle Atmung oder Husten mit Brustschmerzen auftreten
  • ein Neugeborenes, ein Säugling unter drei Monaten oder ein Kind mit geschwächtem Immunsystem betroffen ist
  • eine schwangere Kontaktperson im Haushalt lebt, die selbst noch keine Windpocken hatte

Windpocken in Schwangerschaft und bei Neugeborenen

Windpocken sind für ungeborene und neugeborene Kinder potenziell gefährlich:

  • Fetales Varizellensyndrom: Erkrankt die Mutter zwischen der 5. und 24. Schwangerschaftswoche an Windpocken, kann es beim Kind in etwa 1–2 % dieser Fälle zu Fehlbildungen kommen – Hautnarben, Fehlbildungen von Gliedmaßen, Augenschäden oder neurologische Schäden (RKI, Deutschland).
  • Windpocken um die Geburt: Erkrankt die Mutter zwischen 5 Tagen vor und 2 Tagen nach der Entbindung, hat das Neugeborene noch keine schützenden mütterlichen Antikörper erhalten. Es besteht ein hohes Risiko für schwere neonatale Windpocken mit einer Sterblichkeit von bis zu 30 % ohne rechtzeitige Behandlung (CDC/HealthyChildren.org, USA).
Nestschutz bei Säuglingen

Sind Mütter selbst immun (durchgemachte Erkrankung oder Impfung), geben sie ihrem Baby über die Plazenta Antikörper mit, die in den ersten drei Lebensmonaten in der Regel zuverlässig schützen. Ab dem 6. Lebensmonat lässt dieser Nestschutz spürbar nach. In Ausbruchssituationen kann eine Impfung ausnahmsweise bereits ab dem 9. Lebensmonat erwogen werden (RKI, Deutschland).

Behandlung

Da es sich um eine Virusinfektion handelt, wird bei gesunden Kindern in der Regel nur symptomatisch behandelt: juckreizlindernde Lotionen oder Gele, kurz geschnittene, saubere Fingernägel (um Kratzen und dadurch bakterielle Superinfektionen zu vermeiden), ausreichend Flüssigkeit und – wie oben beschrieben – Paracetamol statt Ibuprofen bei Fieber oder Schmerzen. Bei Risikogruppen (Neugeborene, Immungeschwächte, schwere Verläufe) kommt eine antivirale Therapie zum Einsatz, die von der Kinderärztin bzw. dem Kinderarzt eingeleitet wird.

Windpocken-Impfung

Die Varizellen-Impfung wird in Österreich vom Nationalen Impfgremium empfohlen und ist im österreichischen Impfplan enthalten, wenn auch nicht im kostenfreien Kinderimpfprogramm. Geimpft wird ab dem vollendeten 1. Lebensjahr, die 2. Dosis folgt vorzugsweise nach 6 Wochen (Mindestabstand 4 Wochen) (gesundheit.gv.at, Österreich). Der Impfstoff kann als Einzelimpfung oder als MMRV-Kombinationsimpfstoff (gemeinsam mit der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln) gegeben werden – Hintergründe zu den verschiedenen Präparaten liefert der Beitrag Impfstoffe, allgemeine Informationen zur Impfentscheidung Impfaufklärung.

Zur Wirksamkeit zeigen internationale Daten: Eine Dosis verhindert die Erkrankung bei etwa 85–89 % der geimpften Kinder vollständig, mittelschwere Verläufe werden zu rund 95 % und schwere Verläufe zu etwa 99,5 % verhindert (CDC/HealthyChildren.org, USA). Nach zwei Dosen liegt der Schutz vor mittelschweren bis schweren Verläufen bei rund 95 %, vor leichten Verläufen bei etwa 70–85 % (CDC/HealthyChildren.org, USA). In den USA sind die Varizellen-Erkrankungszahlen seit Einführung der Impfung 1995 um rund 97 % zurückgegangen (CDC, USA).

Wann zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt?

Ein unkomplizierter Windpocken-Verlauf kann meist zu Hause betreut werden – eine ärztliche Abklärung ist trotzdem sinnvoll, um die Diagnose zu bestätigen und Risikofaktoren (z. B. Immunschwäche, Hautvorerkrankungen wie Neurodermitis, Schwangerschaft im Umfeld) zu besprechen. Bitte melden Sie sich vor einem Praxisbesuch telefonisch an, damit andere gefährdete Kinder im Wartebereich nicht angesteckt werden. Bei den oben genannten Alarmzeichen ist rasches ärztliches Handeln notwendig.

Quellen

  • RKI-Ratgeber Varizellen (Windpocken), Herpes zoster (Gürtelrose) – Robert Koch-Institut, Deutschland
  • Feuchtblattern & Windpocken-Impfung – Gesundheitsportal gesundheit.gv.at, Österreich
  • Clinical Overview of Chickenpox / Chickenpox in Children (HealthyChildren.org) – Centers for Disease Control and Prevention / American Academy of Pediatrics, USA
  • Varicela, Manual de Vacunas / Vacuna de la varicela – Comité Asesor de Vacunas, Asociación Española de Pediatría (AEP), Spanien
  • Varicelle: reconnaître la maladie chez l'enfant – Ameli.fr (Assurance Maladie), Frankreich
  • Varicella – EpiCentro, Istituto Superiore di Sanità (ISS), Italien
  • „Bei Windpocken lieber Paracetamol statt Ibuprofen?" – PTA Heute, Deutschland
  • 수두 (Windpocken) – Fachinformation Seoul National University Hospital und Korea Disease Control and Prevention Agency (KDCA), Südkorea