Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) gehören weltweit zu den häufigsten bakteriellen Krankheitserregern im Kindesalter. Sie besiedeln oft unbemerkt den Nasen-Rachen-Raum, können aber auch eine ganze Bandbreite an Erkrankungen auslösen – von der sehr häufigen, meist harmlosen Mittelohrentzündung bis zu lebensbedrohlicher Lungenentzündung, Blutvergiftung (Sepsis) oder Hirnhautentzündung (Meningitis). Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren, weil ihr Immunsystem die Zuckerkapsel der Bakterien noch nicht wirksam bekämpfen kann. Seit der Einführung der Konjugatimpfstoffe (PCV) ist die Zahl schwerer, sogenannter invasiver Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern in vielen Ländern deutlich zurückgegangen – gleichzeitig zeigen aktuelle Überwachungsdaten aus Österreich, Deutschland und der EU, dass die Fallzahlen zuletzt wieder gestiegen sind und sich die Impfempfehlungen international weiterentwickeln.

So ist dieser Ratgeber aufgebaut

Grundlage dieses Artikels sind Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), des amerikanischen CDC/ACIP, des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), der deutschen Ständigen Impfkommission (STIKO) und des Robert Koch-Instituts (RKI), des österreichischen Impfplans/Nationalen Impfgremiums (NIG) sowie der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), des britischen Gesundheitsdienstes NHS und der UK Health Security Agency (UKHSA), des kanadischen Impfgremiums NACI, des australischen Immunisation Handbook sowie des Children's Hospital of Philadelphia (CHOP), USA. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels.

Wenn Sie es eilig haben: Der Abschnitt „Wie häufig sind Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern?" zeigt die aktuellen Zahlen im Ländervergleich, der Abschnitt „Vorbeugung: die Pneumokokken-Impfung" erklärt Impfstoffe, Serotypen-Abdeckung und Impfschemata in Österreich und international.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Ob, wann und wie Ihr Kind untersucht, behandelt oder gegen Pneumokokken geimpft werden sollte, besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt – insbesondere bei Frühgeburtlichkeit, einer chronischen Vorerkrankung oder einem Immundefekt.

1. Was sind Pneumokokken?

Streptococcus pneumoniae, umgangssprachlich Pneumokokken genannt, sind kugelförmige, meist paarweise angeordnete Bakterien (Diplokokken). Ihr wichtigstes Erkennungsmerkmal ist eine Zuckerkapsel (Polysaccharidkapsel), die das Bakterium vor dem Immunsystem schützt und zugleich als Grundlage für die Einteilung in Serotypen dient. Weltweit sind mittlerweile mehr als 100 verschiedene Pneumokokken-Serotypen bekannt und beschrieben – Stand März 2025 wurden 108 Kapseltypen katalogisiert (CDC, USA). Nicht alle Serotypen machen gleich häufig krank: Ein vergleichsweise kleiner Teil der Serotypen ist für den Großteil der schweren, sogenannten invasiven Erkrankungen verantwortlich, weshalb sich Impfstoffe gezielt gegen die klinisch wichtigsten Typen richten.

Die Bakterien besiedeln die Schleimhaut des Nasen-Rachen-Raums und werden per Tröpfcheninfektion sowie über engen Kontakt weitergegeben. Diese Besiedelung („Trägerstatus", nasopharyngeale Kolonisation) verursacht für sich genommen meist keine oder nur milde Beschwerden. Kleine Kinder tragen die Bakterien besonders häufig: Studien zufolge sind 20 bis 40 Prozent gesunder Kinder Träger von Pneumokokken, bei Erwachsenen ohne engen Kontakt zu Kleinkindern sind es dagegen nur etwa 5 bis 10 Prozent (Children's Hospital of Philadelphia, CHOP, USA). Kinder in den ersten Lebensjahren sind damit das wichtigste Erregerreservoir und die Hauptüberträger des Bakteriums – auch innerhalb der eigenen Familie, etwa auf Großeltern oder andere ältere, gefährdete Angehörige.

Zur Einordnung: „Pneumokokken" ist nicht dasselbe wie die im Volksmund oft gemeinsam genannten „Streptokokken" der Gruppe A (Streptococcus pyogenes), die typischerweise Scharlach und die klassische Streptokokken-Angina auslösen. Beide Bakterien gehören zur Gattung Streptococcus, verursachen aber unterschiedliche Krankheitsbilder, benötigen unterschiedliche Diagnostik und werden unterschiedlich vorgebeugt. Mehr zur Verwechslungsgefahr und zum Unterschied finden Sie in unserem Artikel Streptokokken-Angina und Scharlach.

Zur Einordnung

Neben Pneumokokken können auch Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b (Hib) schwere, teils lebensbedrohliche bakterielle Infektionen wie Hirnhautentzündung oder Sepsis bei Kindern auslösen. Gegen alle drei Erreger gibt es Impfstoffe, die in Österreich Teil des kostenfreien öffentlichen Kinderimpfprogramms sind. Details zum aktuellen österreichischen Impfschema finden Sie unter Impfplan und Impfplan für Säuglinge und Kleinkinder.

2. Wie häufig sind Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern? – internationaler Vergleich

Die schwerste Verlaufsform, die sogenannte invasive Pneumokokken-Erkrankung (IPD – invasive pneumococcal disease, also der Nachweis der Bakterien in normalerweise sterilen Körperregionen wie Blut oder Nervenwasser), wird in den meisten Industrieländern meldepflichtig erfasst und erlaubt daher einen belastbaren internationalen Vergleich. Übereinstimmend zeigt sich in nahezu allen Ländern dasselbe Muster: ein U-förmiger Kurvenverlauf mit dem höchsten Erkrankungsrisiko bei Säuglingen im ersten Lebensjahr und bei älteren Erwachsenen ab etwa 65 bis 80 Jahren – die Jahre dazwischen sind deutlich seltener betroffen.

Land/RegionKennzahlWertQuelle/Jahr
USAInvasive Erkrankung, Kinder <1 Jahr10,3 Fälle/100.000/JahrCDC (ABCs-Überwachung), gepoolt 2019–2023
USAInvasive Erkrankung, 1-Jährige8,0 Fälle/100.000/JahrCDC (ABCs), gepoolt 2019–2023
USAInvasive Erkrankung, 2–4 Jahre4,6 Fälle/100.000/JahrCDC (ABCs), gepoolt 2019–2023
EU/EWR gesamtInvasive Erkrankung, alle Altersgruppen6,8 Fälle/100.000/JahrECDC, Meldedaten 2023 (höchster Wert seit 2019)
EU/EWR gesamtInvasive Erkrankung, Säuglinge <1 Jahr12,9 Fälle/100.000/JahrECDC, Meldedaten 2023
ÖsterreichInvasive Erkrankung, alle Altersgruppen10,3 Fälle/100.000/Jahr (926 gemeldete Fälle)AGES, Meldedaten 2025
ÖsterreichInvasive Erkrankung, Säuglinge <1 Jahrca. 12 Fälle/100.000/JahrAGES, Jahresbericht 2024
ÖsterreichFallzahl-Trend438 Fälle (2016) → 926 Fälle (2025), mit Einbruch 2020AGES, Nationale Referenzzentrale, Österreich
DeutschlandInvasive Erkrankung, alle Altersgruppenca. 7–10 Fälle/100.000/JahrRKI-Ratgeber, Deutschland, laufend aktualisiert

Auch die klinische Erscheinungsform lässt sich aus den österreichischen Überwachungsdaten gut ablesen: Von den 2024 durch die AGES erfassten invasiven Pneumokokken-Erkrankungen präsentierte sich fast zwei Drittel als Lungenentzündung mit Erregernachweis im Blut, bei rund jedem sechsten Fall trat zusätzlich eine Sepsis auf, eine Hirnhautentzündung war deutlich seltener (AGES, Österreich, 2024/2025). Bemerkenswert ist außerdem der langfristige Trend in Österreich: Die Fallzahlen invasiver Pneumokokken-Erkrankungen sind von 438 im Jahr 2016 auf einen bisherigen Höchstwert von 926 im Jahr 2025 gestiegen – mit einem deutlichen, pandemiebedingten Einbruch im Jahr 2020, als Kontaktbeschränkungen auch die Übertragung von Pneumokokken stark reduzierten (AGES, Österreich).

Weltweit ist die Krankheitslast durch Pneumokokken nach wie vor erheblich, auch wenn sich die Schätzungen je nach Studienjahr und Methodik unterscheiden. Ältere Schätzungen der WHO aus den 2000er-Jahren gehen von 700.000 bis 1 Million Todesfällen bei Kindern unter fünf Jahren pro Jahr aus, weit überwiegend in einkommensschwachen Ländern (WHO). Eine neuere Auswertung im Rahmen der Global Burden of Disease Study 2021 beziffert die weltweiten Todesfälle durch Pneumokokken-Erkrankungen bei 0- bis 19-Jährigen für das Jahr 2021 auf 179.354, mit der mit Abstand höchsten Krankheitslast bei Kindern unter fünf Jahren (GBD-2021-Studie, publiziert 2025). Diese Diskrepanz erklärt sich vor allem durch den weltweiten Rückgang der Kindersterblichkeit und die breitere Einführung von Konjugatimpfstoffen seit den frühen 2000er-Jahren – nicht durch eine grundsätzlich andere Einschätzung der Erkrankung. Zur Einordnung: Insgesamt fordert eine Lungenentzündung – gleich welcher Ursache – laut WHO/UNICEF weiterhin mehr als 700.000 Todesopfer unter Fünfjährigen pro Jahr weltweit, umgerechnet rund 2.000 Kinder täglich; Pneumokokken gelten dabei als der weltweit häufigste bakterielle Erreger einer solchen Lungenentzündung.

Wie hoch die Krankheitslast vor Einführung der Impfung war, zeigen beispielhaft US-amerikanische Zahlen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende: Pneumokokken verursachten bei Kindern dort jährlich schätzungsweise 5 Millionen Mittelohrentzündungen, 40.000 bis 50.000 Krankenhausaufnahmen wegen Lungenentzündung, rund 17.000 Blutbahninfektionen, etwa 700 Fälle von Hirnhautentzündung und rund 200 Todesfälle (CHOP, USA).

IPD-Inzidenz Säuglinge <1 Jahr, EU/EWR12,9/100.000ECDC, Meldedaten 2023
IPD-Fälle Österreich, Rekordwert926 FälleAGES, Österreich, 2025
IPD-Inzidenz Säuglinge <1 Jahr, USA10,3/100.000CDC (ABCs), gepoolt 2019–2023
Anteil Pneumonie an IPD-Fällen (AT)ca. 2/3AGES, Österreich, 2024

3. Warum sind Kinder unter zwei Jahren besonders gefährdet?

Mehrere Faktoren erklären, warum gerade die jüngsten Kinder das höchste Risiko für schwere Pneumokokken-Verläufe tragen:

  • Unreifes Immunsystem gegenüber Kapselantigenen: Die Zuckerkapsel der Pneumokokken ist ein sogenanntes T-Zell-unabhängiges Antigen. Das kindliche Immunsystem kann darauf vor dem zweiten Lebensjahr nur eine schwache und kurzlebige Antikörperantwort bilden. Konjugatimpfstoffe (PCV) umgehen dieses Problem gezielt, indem sie die Zuckerkapsel an ein Trägerprotein koppeln und dadurch eine T-Zell-abhängige, deutlich stärkere und länger anhaltende Immunantwort auslösen (WHO-Positionspapier zu PCV, 2019).
  • Lücke beim Nestschutz: Die von der Mutter über die Plazenta mitgegebenen Antikörper nehmen in den ersten Lebensmonaten rasch ab, während die eigene, ausgereifte Antikörperbildung gegen Kapselantigene erst etwa ab dem vierten Lebensjahr voll einsetzt. In den Monaten dazwischen klafft eine Immunitätslücke, die sich in den Inzidenzkurven aus den USA, der EU und Österreich exakt als der scharfe Anstieg im ersten Lebensjahr widerspiegelt.
  • Hohe Besiedelungsrate: Kleine Kinder tragen die Bakterien besonders häufig im Nasen-Rachen-Raum (siehe oben), was das Risiko erhöht, dass sich daraus eine Infektion entwickelt, sobald etwa ein viraler Atemwegsinfekt die Schleimhautbarriere schwächt.
  • Anatomische Besonderheiten: Die im Vergleich zu älteren Kindern noch kurze, horizontal verlaufende Ohrtrompete (Tuba auditiva) begünstigt bei Säuglingen und Kleinkindern zusätzlich den Aufstieg von Bakterien aus dem Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr – ein wichtiger Grund für die hohe Otitis-media-Häufigkeit gerade in dieser Altersgruppe.

Die beiden Altersgipfel invasiver Pneumokokken-Erkrankungen – Säuglinge im ersten Lebensjahr und Menschen ab etwa 65 bis 80 Jahren – finden sich mit bemerkenswerter Übereinstimmung in den Überwachungsdaten der USA, der EU und Österreichs wieder. Das unterstreicht, warum die Impfempfehlungen in praktisch allen hier verglichenen Ländern genau diese beiden Gruppen in den Mittelpunkt stellen.

Zusätzlich zum Alter erhöhen bestimmte chronische Grunderkrankungen das Risiko für einen schweren Verlauf zusätzlich, unabhängig vom Lebensalter: eine fehlende oder stark eingeschränkte Milzfunktion (Asplenie, auch im Rahmen einer Sichelzellkrankheit), angeborene oder erworbene Immundefekte einschließlich HIV-Infektion, Krebserkrankungen, Zustand nach Organtransplantation, chronische Herz-, Lungen-, Leber- oder Nierenerkrankungen, ein Liquorleck (Austritt von Nervenwasser, etwa nach Schädelverletzung) sowie ein Cochlea-Implantat (CDC, USA; österreichischer Impfplan, NIG). Für all diese Kinder gelten gesonderte, meist erweiterte Impfempfehlungen – siehe Abschnitt Vorbeugung.

4. Krankheitsbilder: von der Mittelohrentzündung bis zur Sepsis

Aus der Besiedelung des Nasen-Rachen-Raums kann sich, wenn die Abwehr des Kindes das Bakterium nicht in Schach hält, eine ganze Reihe unterschiedlich schwerer Erkrankungen entwickeln. Fachlich wird dabei zwischen nicht-invasiven Erkrankungen (Mittelohrentzündung, Nasennebenhöhlenentzündung, unkomplizierte Lungenentzündung ohne Bakteriennachweis im Blut) und invasiven Erkrankungen unterschieden, bei denen die Bakterien in normalerweise sterile Körperregionen wie Blut, Nervenwasser oder Gelenkflüssigkeit vordringen (CDC, USA).

Mittelohrentzündung (Otitis media)

Die mit Abstand häufigste Pneumokokken-Erkrankung bei Kindern. International gehen schätzungsweise 30 bis 50 Prozent aller akuten Mittelohrentzündungen auf Pneumokokken zurück (CHOP, USA). Typische Zeichen sind Ohrenschmerzen und Fieber; bei Säuglingen äußert sich das oft nur durch Unruhe, Schreien, häufiges Greifen ans Ohr oder Trinkschwäche.

Lungenentzündung (Pneumonie)

Pneumokokken gelten weltweit als der häufigste Erreger bakterieller Lungenentzündungen bei Kindern; Schätzungen zufolge sind sie an 15 bis 50 Prozent aller ambulant erworbenen Lungenentzündungen beteiligt (CHOP, USA). Auch in Österreich ist die Lungenentzündung mit Abstand die häufigste Erscheinungsform einer invasiven Pneumokokken-Erkrankung (rund zwei Drittel aller Fälle, AGES 2024). Säuglinge zeigen neben Husten häufig untypische Symptome wie Trinkschwäche, schnelle Atmung oder Blässe statt der bei älteren Kindern typischeren Zeichen wie hohem Fieber, Schüttelfrost und Auswurf.

Hirnhautentzündung (Meningitis)

Bei Kindern unter fünf Jahren zählen Pneumokokken zu den häufigsten Ursachen einer akuten bakteriellen Hirnhautentzündung. Die Erkrankung ist gefürchtet: Laut CDC (USA) stirbt etwa 1 von 12 Kindern (rund 8 Prozent) mit Pneumokokken-Meningitis an der Infektion, und selbst wer überlebt, behält häufig bleibende Folgeschäden zurück – allen voran Hörverlust, außerdem Epilepsie/Krampfleiden, Entwicklungsverzögerung oder Lähmungen. Bei Säuglingen äußert sich eine Meningitis oft unspezifisch durch hohes Fieber, Erbrechen, Apathie oder Unruhe, Nahrungsverweigerung und Krampfanfälle; die klassische Nackensteifigkeit fehlt bei den Jüngsten häufig. Mehr zu diesem Thema finden Sie in unserem Artikel zur Hirnhautentzündung (Meningitis) – dort auch der Vergleich zu den anderen wichtigen bakteriellen Erregern Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b, gegen die ebenfalls geimpft werden kann.

Blutvergiftung (Sepsis/Bakteriämie)

Gelangen Pneumokokken in die Blutbahn, kann eine Sepsis entstehen – häufig ausgehend von einer Lungenentzündung, in rund einem Sechstel der österreichischen IPD-Fälle 2024 kam es zusätzlich zu einer Sepsis (AGES). Gerade bei kleinen Kindern kann eine solche Bakteriämie auch ohne erkennbaren Ausgangsherd auftreten („okkulte Bakteriämie") und sich rasch zu einem lebensbedrohlichen Krankheitsbild entwickeln. Laut CDC (USA) stirbt etwa 1 von 30 Kindern mit einer Pneumokokken-Bakteriämie (rund 3 Prozent); in seltenen, schweren Fällen kann es im Rahmen einer fulminanten Sepsis auch zu Extremitätenverlust kommen.

Weitere Krankheitsbilder

Seltener verursachen Pneumokokken eine Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Gelenk- oder Knocheninfektionen (septische Arthritis, Osteomyelitis), eine Bauchfellentzündung (Peritonitis) sowie – sehr selten, aber gefürchtet – eine rasch fortschreitende Hornhautentzündung oder eine Herzklappenentzündung (Endokarditis) bei entsprechender Vorerkrankung (AGES, Österreich; CDC, USA).

5. Symptome bei Kindern – nach Alter unterschiedlich

Wie sich eine Pneumokokken-Erkrankung äußert, hängt stark vom Alter des Kindes ab – ein Umstand, der die Diagnose gerade bei den Jüngsten erschwert, weil klassische „Lehrbuchzeichen" oft fehlen.

  • Neugeborene und junge Säuglinge (unter 3 Monaten): Die Symptome sind meist unspezifisch und leicht zu übersehen: Trinkschwäche, auffällige Schläfrigkeit oder umgekehrt ungewöhnliche Reizbarkeit, Temperaturinstabilität (Fieber, aber auch untertemperiert statt fiebernd möglich), blasse oder marmorierte Haut, beschleunigte Atmung. Eine klassische Nackensteifigkeit bei Meningitis fehlt in dieser Altersgruppe fast immer; ein vorgewölbtes Fontanellenareal kann ein wichtiger Hinweis sein (NHS, Vereinigtes Königreich; CDC, USA).
  • Säuglinge (3–12 Monate): Fieber, Reizbarkeit oder ein hoher, ungewöhnlicher Schreiton, Trinkverweigerung, Erbrechen, sichtbar beschleunigte oder angestrengte Atmung mit Einziehungen am Brustkorb, häufiges Greifen ans Ohr bei Mittelohrentzündung. Bei Verdacht auf Meningitis kann eine vorgewölbte Fontanelle auffallen.
  • Kleinkinder (1–3 Jahre): Zunehmend klarer lokalisierbare Beschwerden – Ohrenschmerzen werden durch Greifen ans Ohr oder Weinen beim Hinlegen deutlicher, Husten und schnelle Atmung bei Lungenentzündung treten in den Vordergrund. Nackensteifigkeit kann bei Meningitis auftreten, ist aber noch nicht so zuverlässig wie bei älteren Kindern.
  • Schulkinder (ab etwa 5 Jahren): Das Beschwerdebild ähnelt zunehmend dem von Erwachsenen: hohes Fieber mit Schüttelfrost, produktiver Husten, atemabhängige Brustschmerzen bei Lungenentzündung; bei Meningitis stehen starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Lichtscheu und Erbrechen im Vordergrund (NHS, Vereinigtes Königreich).

Wie Sie die Körpertemperatur Ihres Kindes korrekt messen, damit Fieberhöhe und -verlauf zuverlässig eingeschätzt werden können, lesen Sie unter So messen Sie Ihr Kind richtig; einen ausführlichen, alters­gestaffelten Überblick über Fieber und seine Ursachen bei Kindern bietet unser Artikel Fieber bei Kindern und Jugendlichen.

Wann Sie sofort ärztlichen Rat suchen sollten

Kontaktieren Sie umgehend Ihre Kinderarztpraxis oder suchen Sie eine Kinder-Notaufnahme auf, wenn Ihr Kind hohes, anhaltendes Fieber hat und dabei auffällig schläfrig, teilnahmslos oder schwer erweckbar wirkt, schlecht oder gar nicht trinkt, ungewöhnlich blass oder marmoriert aussieht, schnell und angestrengt atmet, Einziehungen am Brustkorb zeigt oder bläuliche Lippen bekommt. Ebenso ernst zu nehmen sind Nackensteifigkeit, eine bei Säuglingen vorgewölbte Fontanelle, starke Kopfschmerzen mit Erbrechen, ein Krampfanfall im Zusammenhang mit Fieber, der nicht dem gewohnten Bild eines einfachen Fieberkrampfes entspricht, sowie anhaltende, sehr starke Ohrenschmerzen mit hohem Fieber. In allen diesen Situationen zählt Zeit – je früher eine schwere Pneumokokken-Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser die Prognose.

6. Diagnostik: Wie wird eine Pneumokokken-Erkrankung festgestellt?

Die Diagnose stützt sich zunächst auf das klinische Bild und die körperliche Untersuchung. Bei Verdacht auf eine unkomplizierte Mittelohrentzündung genügt in der Regel die Ohrspiegelung (Otoskopie); eine Erregerbestimmung ist im ambulanten Alltag meist nicht nötig und therapeutisch auch nicht entscheidend. Bei Verdacht auf eine Lungenentzündung kommen je nach klinischem Bild eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs sowie eine Blutuntersuchung zum Einsatz – Hinweise zur Bedeutung einzelner Blutwerte bei Kindern finden Sie unter Blutbild bei Kindern.

Bei Verdacht auf eine invasive Erkrankung – also Sepsis oder Meningitis – ist die mikrobiologische Sicherung besonders wichtig, weil sie sowohl die Diagnose bestätigt als auch die spätere Anpassung der Antibiotikatherapie an Resistenzen erlaubt: Blutkulturen sowie, bei Meningitis-Verdacht, eine Lumbalpunktion zur Gewinnung von Nervenwasser (Liquor) für Zellzahl, Eiweiß- und Zuckerwerte, Gramfärbung, Kultur und zunehmend auch molekularbiologische Schnelltests (PCR). Ein wichtiger diagnostischer Fallstrick bei kleinen Kindern: Ein einfacher Nasen-Rachen-Abstrich oder ein Urin-Antigentest beweist eine akute Erkrankung nicht zuverlässig, weil viele gesunde Kinder ohnehin Pneumokokken-Träger sind – solche Tests können daher bei Kindern zu falsch positiven Ergebnissen führen und werden für die Diagnose einer invasiven Erkrankung in dieser Altersgruppe nicht empfohlen (CDC, USA). Nationale Referenzlabore – in Österreich die Nationale Referenzzentrale für Meningokokken, Pneumokokken und Haemophilus influenzae bei der AGES, in Deutschland ein RKI-Konsiliarlabor, in den USA das CDC Strep Lab – bestimmen darüber hinaus den genauen Serotyp der nachgewiesenen Bakterien, was vor allem für die Überwachung der Impfwirksamkeit auf Bevölkerungsebene wichtig ist.

7. Therapie: Antibiotika und Antibiotikaresistenzen

Die Behandlung richtet sich nach Schwere und Ort der Erkrankung. Pneumokokken sind grundsätzlich gut mit Antibiotika behandelbar, allerdings haben sich weltweit unterschiedlich stark ausgeprägte Resistenzen entwickelt, die die Wahl des Wirkstoffs beeinflussen.

Mittelohrentzündung

Bei älteren, ansonsten gesunden Kindern mit mildem Verlauf sehen viele Leitlinien – auch deutschsprachige – zunächst ein kurzes abwartendes Beobachten mit Schmerzlinderung vor, bevor über 48 Stunden nach Beschwerdebeginn über ein Antibiotikum entschieden wird; bei ausgeprägtem Krankheitsbild (hohes Fieber ab etwa 39 °C, anhaltendes Erbrechen, deutlich reduziertes Allgemeinbefinden) sowie regelhaft bei sehr jungen Säuglingen wird dagegen sofort behandelt. Mittel der ersten Wahl ist praktisch überall Amoxicillin – die genaue Dosierung unterscheidet sich international: Deutschsprachige Leitlinien nennen häufig 50 mg pro kg Körpergewicht und Tag über sieben Tage, US-amerikanische Leitlinien (AAP) empfehlen bei erhöhtem Resistenzrisiko eine deutlich höhere Dosis von rund 80 bis 90 mg/kg/Tag. Bei Therapieversagen oder Risikofaktoren für resistente Erreger kommt Amoxicillin-Clavulansäure zum Einsatz. Allgemeine Informationen zum Einsatz von Antibiotika bei Kindern finden Sie unter Antibiotika bei Kindern, Details zum Wirkstoff unter Amoxicillin – Beipackzettel.

Lungenentzündung

Bei ambulant behandelbaren, unkomplizierten Fällen ist orales Amoxicillin ebenfalls Mittel der ersten Wahl. Schwer erkrankte oder stationär aufgenommene Kinder erhalten die Antibiotika intravenös, üblicherweise Ampicillin, Penicillin G oder ein Cephalosporin der dritten Generation wie Ceftriaxon, abhängig von örtlichen Resistenzmustern und dem klinischen Verlauf.

Meningitis und Sepsis

Bei Verdacht auf eine invasive Pneumokokken-Erkrankung wird sofort, oft schon vor Vorliegen des Erregernachweises, mit einer intravenösen Breitspektrum-Antibiotikatherapie begonnen. International – etwa in den Leitlinien der amerikanischen Infectious Diseases Society (IDSA) sowie der kanadischen Kinderärztegesellschaft (Canadian Paediatric Society) – ist die Kombination aus einem Cephalosporin der dritten Generation (Ceftriaxon oder Cefotaxim) plus Vancomycin Standard, um auch möglicherweise gegen Cephalosporine resistente Pneumokokken-Stämme sicher zu erfassen; sobald die Resistenztestung vorliegt, wird die Therapie gezielt angepasst (deeskaliert). Der Nutzen einer zusätzlichen, entzündungshemmenden Dexamethason-Gabe bei Meningitis ist für Kinder mit Pneumokokken-Meningitis in der Fachliteratur weniger eindeutig belegt als etwa bei durch Haemophilus influenzae Typ b verursachter Meningitis; die Entscheidung erfolgt daher individuell nach ärztlicher Abwägung.

Antibiotikaresistenzen im Ländervergleich

Wie stark Pneumokokken gegen Antibiotika resistent sind, unterscheidet sich deutlich von Land zu Land. In Deutschland liegt die Penicillinresistenz nach Daten der Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) des Robert Koch-Instituts bei etwa 5 bis 10 Prozent, die Makrolidresistenz bei rund 28 Prozent invasiver Pneumokokken-Isolate. Zum Vergleich lagen die Werte in Frankreich historisch deutlich höher, mit einer Penicillinresistenz von etwa 30 bis 50 Prozent und einer Makrolidresistenz von rund 60 Prozent (Deutsches Ärzteblatt, unter Bezug auf ARS/RKI-Daten). Auf europäischer Ebene erfasst das ECDC Resistenzdaten fortlaufend über das Netzwerk EARS-Net. International gilt: Je höher die Durchimpfungsrate mit Konjugatimpfstoffen, desto stärker sinkt in der Regel auch der Anteil resistenter Stämme in der zirkulierenden Bakterienpopulation – ein weiterer, indirekter Nutzen der Impfung.

8. Verlauf, Komplikationen und Prognose

Die Prognose hängt entscheidend davon ab, welches Krankheitsbild vorliegt und wie rasch behandelt wird. Eine unkomplizierte Mittelohrentzündung heilt bei den allermeisten Kindern folgenlos aus; häufig wiederkehrende Mittelohrentzündungen können jedoch, wenn sie nicht erkannt und behandelt werden, zu vorübergehender oder in seltenen Fällen bleibender Hörminderung und in der Folge zu Verzögerungen der Sprachentwicklung führen. Eine Lungenentzündung heilt bei rechtzeitiger Behandlung in aller Regel gut aus; mögliche Komplikationen sind ein Pleuraerguss oder Pleuraempyem (Flüssigkeits- beziehungsweise Eiteransammlung zwischen Lunge und Brustkorbwand) sowie, selten, eine nekrotisierende Pneumonie mit Gewebeuntergang.

Am ernstesten ist die Prognose bei Meningitis und schwerer Sepsis. Wie im Abschnitt Krankheitsbilder beschrieben, stirbt laut CDC (USA) etwa 1 von 12 Kindern mit Pneumokokken-Meningitis (rund 8 Prozent) und etwa 1 von 30 Kindern mit Pneumokokken-Bakteriämie (rund 3 Prozent) an der Erkrankung. Unter den überlebenden Meningitis-Patienten sind bleibende Folgeschäden nicht selten – allen voran Hörverlust, weshalb nach jeder bakteriellen Meningitis ein Hörscreening empfohlen wird, außerdem Entwicklungsverzögerung, Krampfleiden/Epilepsie oder motorische Beeinträchtigungen. Kinder mit nachgewiesenen neurologischen Auffälligkeiten nach überstandener Meningitis benötigen in der Regel eine strukturierte Nachsorge mit Hör- und Entwicklungskontrollen.

Sterblichkeit Meningitis bei Kindernca. 8 % (1 von 12)CDC, USA
Sterblichkeit Bakteriämie bei Kindernca. 3 % (1 von 30)CDC, USA
Weltweite Todesfälle 0–19 Jahre (2021)179.354GBD-2021-Studie
Ältere WHO-Schätzung, Kinder <5 Jahre weltweit700.000–1.000.000/JahrWHO, frühere Schätzung (2000er-Jahre)

9. Vorbeugung: die Pneumokokken-Impfung

Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Impfstoffprinzipien: Konjugatimpfstoffe (PCV), bei denen die Zuckerkapsel der Bakterien an ein Trägereiweiß gekoppelt ist, damit schon Säuglinge eine wirksame, T-Zell-abhängige Immunantwort entwickeln können – und den älteren, rein aus Zuckerkapsel-Bestandteilen bestehenden Polysaccharidimpfstoff PPSV23, der bei Kindern unter zwei Jahren kaum wirksam ist und daher nur bei älteren Kindern und Erwachsenen in bestimmten Risikogruppen eingesetzt wird.

Serotypen-Abdeckung: PCV10, PCV13, PCV15, PCV20 und PPSV23 im Vergleich

Die verschiedenen Konjugatimpfstoffe unterscheiden sich vor allem in der Zahl und Auswahl der abgedeckten Serotypen. Jeder neuere, höhervalente Impfstoff enthält dabei im Wesentlichen die Serotypen der Vorgängergeneration plus zusätzliche Serotypen:

ImpfstoffSerotypen (Anzahl)Beispiel-ProduktEinsatz bei Kindern
PCV10 (Konjugat)1, 4, 5, 6B, 7F, 9V, 14, 18C, 19F, 23FSynflorixab 6 Wochen, in mehreren Ländern u. a. für Standardimpfprogramme genutzt
PCV13 (Konjugat)PCV10-Serotypen + 3, 6A, 19APrevenar 13ab 6 Wochen, langjähriger Standard in vielen Ländern (u. a. UK)
PCV15 (Konjugat)PCV13-Serotypen + 22F, 33FVaxneuvanceab 6 Wochen, aktueller Standard u. a. in Österreich und Teilen Deutschlands
PCV20 (Konjugat)PCV15-Serotypen + 8, 10A, 11A, 12F, 15BPrevenar 20bei Kindern zugelassen; in Deutschland (Risikogruppen) und Australien (Standardimpfung) bereits im Einsatz
PCV21 (Konjugat)21 Serotypen, für Erwachsenen-Epidemiologie zusammengesetztCapvaxivein der EU nur ab 18 Jahren zugelassen; in den USA zusätzlich für definierte Hochrisikogruppen von 2–17 Jahren
PPSV23 (Polysaccharid)23 Serotypen, nicht konjugiertPneumovax 23ab 2 Jahren, v. a. bei Risikogruppen; in Kanada seit August 2025 zugunsten der Konjugatimpfstoffe vom Markt genommen

Diese wachsende Serotypen-Abdeckung ist eine direkte Reaktion auf ein Phänomen, das Fachleute „Serotyp-Replacement" (Serotypenverschiebung) nennen: Sobald ein Impfstoff die Zirkulation bestimmter Serotypen stark reduziert, können andere, im Impfstoff nicht enthaltene Serotypen ihren Anteil an der verbleibenden Krankheitslast erhöhen. So zeigen aktuelle ECDC-Überwachungsdaten aus dem Jahr 2023, dass die Serotypen 19A, 3, 24F, 10A, 33F, 22F, 8 und 38 bei Kindern unter fünf Jahren in der EU/EWR inzwischen zu den häufigsten Ursachen verbleibender invasiver Erkrankungen zählen (ECDC, 2023) – mehrere davon sind in älteren Impfstoffen wie PCV10 oder PCV13 nicht oder nur teilweise enthalten, wohl aber in PCV15 beziehungsweise PCV20. Genau diese Beobachtung ist ein zentrales Argument der Fachgesellschaften für den schrittweisen Wechsel zu höhervalenten Impfstoffen.

Deutschland: STIKO-Empfehlung, Stand Januar 2026

Seit 2006 empfiehlt die deutsche Ständige Impfkommission (STIKO) die Pneumokokken-Impfung für alle Säuglinge als Standardimpfung. Aktuell (Stand: 08.01.2026, veröffentlicht im Epidemiologischen Bulletin 2/2026 des Robert Koch-Instituts) gilt für gesunde Säuglinge ein 2+1-Schema im Alter von 2, 4 und 11 Monaten mit dem 13-valenten (PCV13) oder 15-valenten (PCV15) Konjugatimpfstoff; Frühgeborene, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, erhalten wegen des noch schwächer ausgeprägten Nestschutzes ein 3+1-Schema mit einer zusätzlichen Dosis im Alter von 3 Monaten. In der Epidemiologischen Bulletin 33/2025 hatte die STIKO den möglichen Einsatz des 20-valenten Impfstoffs (PCV20) bei Säuglingen anhand dynamischer Transmissionsmodelle neu bewertet, empfiehlt aktuell aber weiterhin PCV13 oder PCV15 für die Standardimmunisierung im Säuglingsalter. Für Kinder und Jugendliche von 2 bis 17 Jahren mit den oben genannten Risikofaktoren gilt seit Januar 2026 eine vereinfachte Empfehlung: eine einmalige Dosis PCV20, mit einem Mindestabstand von einem Jahr zu einer vorangegangenen PCV13/PCV15-Impfung beziehungsweise sechs Jahren zu einer vorangegangenen PPSV23-Impfung (STIKO/RKI, Epidemiologisches Bulletin 2/2026 und 33/2025).

Österreich: kostenfrei bis zum fünften Geburtstag

In Österreich ist die Pneumokokken-Impfung für alle Kinder bis zum vollendeten fünften Lebensjahr Teil des kostenfreien öffentlichen Kinderimpfprogramms. Der aktuelle Impfplan Österreich 2025/2026 (Version 1.1, Sozialministerium/Nationales Impfgremium NIG) sieht dafür ein 2+1-Schema mit dem 15-valenten Konjugatimpfstoff (Vaxneuvance, PCV15) vor: Die erste Dosis erfolgt ehestmöglich ab der vollendeten 6. Lebenswoche, spätestens jedoch bis zum vollendeten 3. Lebensmonat; die zweite Dosis 8 Wochen nach der ersten; die dritte, auffrischende Dosis im Alter von 11 bis 15 Monaten, frühestens jedoch 6 Monate nach der zweiten Dosis. Damit hat Österreich – anders als etwa Deutschland – von PCV13 (Prevenar 13) vollständig auf PCV15 umgestellt. Für Kinder mit besonderen Risikofaktoren wie funktioneller oder anatomischer Asplenie oder Immundefekten (etwa Hypogammaglobulinämie) sieht der Impfplan gesonderte, erweiterte Empfehlungen vor; besprechen Sie die für Ihr Kind passende Vorgehensweise am besten direkt mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt. Einen Überblick über das gesamte österreichische Impfprogramm bietet unsere Seite Impfplan beziehungsweise Impfplan für Säuglinge und Kleinkinder, den offiziellen Aufklärungsbogen zur Pneumokokken-Impfung finden Sie unter Aufklärung zur Schutzimpfung von Pneumokokken. Allgemeine Hintergründe zur Impfentscheidung bieten unsere Seiten Impfstoffe und Impfaufklärung.

Internationaler Vergleich: USA, Vereinigtes Königreich, Kanada, Australien und die WHO

Kaum ein anderer Kinderimpfstoff zeigt so anschaulich, wie unterschiedlich Länder bei vergleichbarer epidemiologischer Ausgangslage ihr Impfschema gestalten, wie die Pneumokokken-Impfung.

Land/RegionImpfstoff (Stand 2025/2026)Schema für gesunde Säuglinge
DeutschlandPCV13 oder PCV152+1: 2, 4, 11 Monate (Frühgeborene 3+1: zusätzlich 3 Monate)
ÖsterreichPCV152+1: ab vollendeter 6. Lebenswoche, +8 Wochen, Auffrischung mit 11–15 Monaten
USAPCV15 oder PCV204 Dosen: 2, 4, 6 und 12–15 Monate
Vereinigtes KönigreichPCV131+1: 1. Dosis mit 16 Wochen (seit 1.7.2025, zuvor 12 Wochen), Auffrischung mit 12 Monaten
KanadaPCV15 oder PCV20 (provinziell unterschiedlich organisiert)meist 2+1: 2, 4, 12 Monate; in manchen Provinzen/Risikogruppen 3+1 mit zusätzlicher Dosis mit 6 Monaten
AustralienPCV20 (seit 1.9.2025, zuvor PCV13)2+1 für die Allgemeinbevölkerung; 3+1 (2, 4, 6 + Auffrischung) für Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Kinder sowie medizinische Risikogruppen
WHO (globale Empfehlung)PCV, herstellerunabhängig3+0 (drei Dosen ohne gesonderte Auffrischung) oder 2+1, je nach nationalem Programm; Empfehlung zur Aufnahme in alle nationalen Impfprogramme seit 2007

USA: vier Dosen und die Wahl zwischen PCV15 und PCV20

Die amerikanische Impfkommission ACIP/CDC empfiehlt für alle Kinder unter fünf Jahren eine vollständige Grundimmunisierung mit vier Dosen im Alter von 2, 4, 6 sowie 12 bis 15 Monaten, wahlweise mit dem 15- oder dem 20-valenten Konjugatimpfstoff. Für Kinder mit den oben genannten Risikofaktoren gelten je nach gewähltem Impfstoff und Vorerkrankung ergänzende Empfehlungen, die zusätzliche Dosen oder eine spätere PPSV23-Gabe vorsehen können.

Vereinigtes Königreich: reduziertes 1+1-Schema

Das Vereinigte Königreich reduzierte sein Impfschema bereits 2020 von zwei Grundimmunisierungsdosen plus Auffrischung (2+1) auf eine einzelne Grundimmunisierungsdosis plus Auffrischung (1+1) – eine Entscheidung, die auf Modellierungen des Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) beruhte und den anhaltend hohen Herdenschutzeffekt der bereits jahrelang hohen Durchimpfung nutzt. Seit 1. Juli 2025 wurde der Zeitpunkt der ersten Dosis von 12 auf 16 Wochen verschoben, um die Impftermine besser mit anderen Routineimpfungen zu bündeln; die Auffrischung erfolgt weiterhin im Alter von 12 Monaten. Verwendet wird nach wie vor PCV13; die UKHSA hat den möglichen Wechsel zu PCV15 oder PCV20 im 1+1-Schema modellhaft untersucht, ohne dass bislang eine Umstellung erfolgt ist.

Kanada: PPSV23-Ausstieg zugunsten der Konjugatimpfstoffe

Das kanadische Impfgremium NACI empfiehlt seit März 2024 den Einsatz von PCV15 oder PCV20 bei Kindern; die konkrete Organisation der Impfprogramme liegt bei den Provinzen und Territorien, wobei die meisten – etwa Ontario und Québec – ein 2+1-Schema mit Dosen im Alter von 2, 4 und 12 Monaten verwenden. Bemerkenswert ist eine strukturelle Entscheidung: Der ältere Polysaccharidimpfstoff PPSV23 (Pneumovax 23) wurde in Kanada im August 2025 vom Markt genommen, nachdem die Konjugatimpfstoffe PCV15 und PCV20 ihn für praktisch alle bisherigen Anwendungsgebiete – auch bei Risikogruppen – abgelöst haben.

Australien: Umstellung auf PCV20 im September 2025

Im australischen National Immunisation Program (NIP) ersetzte der 20-valente Konjugatimpfstoff (Prevenar 20) am 1. September 2025 den bis dahin verwendeten PCV13 als Standardimpfstoff für alle Kinder unter 18 Jahren. Für Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Kinder gilt seit 2025 bundesweit – zuvor nur in einzelnen Bundesstaaten – ein erweitertes 3+1-Schema mit einer zusätzlichen Dosis im Alter von 6 Monaten; dieselbe zusätzliche Dosis gilt auch für Kinder mit definierten medizinischen Risikofaktoren. Kinder, die ihre Impfserie bereits mit PCV13 oder PCV15 begonnen haben, sollen sie mit PCV20 fortsetzen und abschließen (Australian Immunisation Handbook).

WHO: globale Empfehlung seit 2007, Umsetzung in rund 170 Ländern

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2007 die Aufnahme von Konjugatimpfstoffen gegen Pneumokokken in alle nationalen Kinderimpfprogramme; ihr Positionspapier von 2019 bekräftigt diese Empfehlung ausdrücklich für Säuglinge und Kinder unter fünf Jahren. Nach WHO-Angaben hatten je nach Erhebungsjahr und Quelle mittlerweile rund 150 bis 170 Länder einen Pneumokokken-Konjugatimpfstoff in ihr nationales Impfprogramm aufgenommen. Weil viele einkommensschwache Länder mit besonders hoher Krankheitslast, aber begrenzten Gesundheitsbudgets arbeiten, empfiehlt die WHO wahlweise ein einfacheres 3+0-Schema (drei Dosen im Säuglingsalter, ohne gesonderte spätere Auffrischung) oder das in Europa gebräuchlichere 2+1-Schema.

Der Herdenschutz-Effekt: Wirkung weit über die geimpften Kinder hinaus

Ein besonders gut belegter Effekt der Pneumokokken-Konjugatimpfung ist der sogenannte Herdenschutz (indirekter Schutz): Weil geimpfte Kinder die im Impfstoff enthaltenen Serotypen deutlich seltener im Nasen-Rachen-Raum tragen und daher auch seltener weitergeben, sinkt die Krankheitslast auch bei nicht geimpften Personen – allen voran bei älteren Erwachsenen, die selbst nicht routinemäßig mit dem Kinderimpfstoff geimpft werden. In den USA sank die Häufigkeit invasiver Erkrankungen durch die im ersten Kinderimpfstoff PCV7 enthaltenen Serotypen bei Kindern unter fünf Jahren von rund 80 Fällen pro 100.000 (1998/1999, vor Einführung) auf unter 1 Fall pro 100.000 im Jahr 2007 (CDC, USA) – ein Rückgang um mehr als 99 Prozent. Der Herdenschutz zeigte sich dabei zusätzlich darin, dass auch bei nicht geimpften älteren Erwachsenen die Häufigkeit impfstoffabgedeckter invasiver Erkrankungen deutlich zurückging, wenn auch weniger stark als bei den geimpften Kindern selbst (CDC, USA). Vier Jahre nach Einführung der Impfung war die Gesamthäufigkeit invasiver Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren bereits um 84 Prozent gesunken, bei den im Impfstoff enthaltenen Serotypen sogar um 92 Prozent (CDC/American Academy of Pediatrics, USA); über zwei Jahrzehnte betrachtet (2002–2021) sank die invasive Erkrankungshäufigkeit bei unter 18-Jährigen insgesamt um 72 Prozent.

Auch außerhalb der klassischen Industrieländer zeigt sich der Effekt deutlich: In Südafrika sank nach flächendeckender Einführung eines 7-fach-Konjugatimpfstoffs 2009 die Häufigkeit invasiver Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern unter zwei Jahren insgesamt um fast 70 Prozent, bei den durch den Impfstoff abgedeckten Serotypen sogar um fast 90 Prozent (WHO). Eine vollständige Impfserie (drei oder vier Dosen im Säuglingsalter) schützt Studien zufolge zu 71 bis 93 Prozent vor schweren, invasiven Pneumokokken-Erkrankungen (WHO).

Rückgang IPD <5 Jahre, 4 Jahre nach PCV7 (USA)−84 %CDC/AAP, USA
Rückgang Impfserotyp-IPD (USA)−92 %CDC/AAP, USA
Rückgang Gesamt-IPD <2 Jahre, Südafrika 2009−70 %WHO
Wirksamkeit vollständige Impfserie71–93 %WHO, gegen schwere IPD

10. Häufige Fragen von Eltern

Ist eine Pneumokokken-Infektion ansteckend wie eine Erkältung?

Pneumokokken werden zwar wie Erkältungsviren per Tröpfcheninfektion und engen Kontakt übertragen, führen aber bei den meisten Menschen, die damit in Kontakt kommen, lediglich zu einer unbemerkten Besiedelung des Nasen-Rachen-Raums ohne Krankheitszeichen. Eine echte Erkrankung entsteht erst, wenn die Bakterien in tiefere Gewebe oder die Blutbahn vordringen – das ist deutlich seltener als eine reine Ansteckung im Sinne einer Erkältung.

Ist die Pneumokokken-Impfung in Österreich kostenlos?

Ja. Für alle Kinder bis zum vollendeten fünften Lebensjahr ist die Pneumokokken-Impfung Teil des kostenfreien öffentlichen Impfprogramms. Nach dem fünften Geburtstag wird die Impfung nur noch für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Risikofaktoren empfohlen.

Kann mein Kind trotz vollständiger Impfung noch eine Mittelohrentzündung bekommen?

Ja, das ist möglich. Die Konjugatimpfstoffe decken nur einen Teil der über 100 bekannten Pneumokokken-Serotypen ab, und ein erheblicher Teil der Mittelohrentzündungen wird ohnehin durch andere Erreger als Pneumokokken verursacht. Die Impfung reduziert aber nachweislich vor allem die schweren, invasiven Verlaufsformen deutlich – ihr wichtigster Nutzen liegt also nicht in der vollständigen Vermeidung jeder Ohrenentzündung, sondern im Schutz vor Meningitis, Sepsis und schwerer Lungenentzündung.

Mein Kind hatte schon eine Pneumokokken-Erkrankung – ist die Impfung trotzdem noch sinnvoll?

Ja. Eine durchgemachte Infektion schützt nur gegen den jeweils ursächlichen Serotyp, nicht gegen die vielen anderen zirkulierenden Serotypen. Die Impfung wird daher auch nach einer überstandenen Erkrankung empfohlen, sofern sie noch nicht vollständig abgeschlossen ist – besprechen Sie den optimalen Zeitpunkt mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt.

Warum verwenden nicht alle Länder denselben Impfstoff?

Weil sich die zirkulierenden Serotypen, die vorhandene Infrastruktur und die Kosten-Nutzen-Bewertung von Land zu Land unterscheiden. Länder mit jahrelang hoher PCV13-Durchimpfung wie das Vereinigte Königreich profitieren bereits von einem starken Herdenschutz und wägen einen Wechsel zu höhervalenten Impfstoffen sorgfältig gegen Kosten und Nutzen ab, während Länder wie Österreich oder Australien bereits auf PCV15 beziehungsweise PCV20 umgestellt haben. Details dazu finden Sie im Abschnitt Vorbeugung: die Pneumokokken-Impfung.

Schützt die Impfung meines Kindes auch die Großeltern?

Indirekt ja – dieser Effekt heißt Herdenschutz. Weil geimpfte Kinder die Bakterien seltener im Nasen-Rachen-Raum tragen, geben sie sie auch seltener an Erwachsene weiter, die selbst nicht routinemäßig gegen Pneumokokken geimpft sind. In den USA ist die Häufigkeit invasiver Erkrankungen durch impfstoffrelevante Serotypen dadurch in allen Altersgruppen stark zurückgegangen, nicht nur bei geimpften Kindern selbst.

Wie lange dauert es, bis mein Kind nach der Impfung geschützt ist?

Ein gewisser Schutz baut sich bereits nach den ersten Dosen der Grundimmunisierung auf, der volle Schutz wird aber erst nach Abschluss des gesamten Impfschemas einschließlich der Auffrischimpfung erreicht. Solange die Impfserie nicht vollständig ist, bleibt Ihr Kind – besonders im ersten Lebensjahr – für invasive Erkrankungen anfälliger, was die rechtzeitige Einhaltung der empfohlenen Impftermine so wichtig macht.

11. Quellen

  • Pneumococcal conjugate vaccines in infants and children under 5 years of age: WHO position paper, Weekly Epidemiological Record – Weltgesundheitsorganisation (WHO), 2019
  • Pneumonia (Fact Sheet) – Weltgesundheitsorganisation (WHO), laufend aktualisiert
  • Pneumococcal Disease, Clinical Overview, Signs and Symptoms, Vaccine Recommendations – Centers for Disease Control and Prevention (CDC)/Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), USA, 2025/2026
  • Chapter 17: Pneumococcal Disease – Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases (Pink Book), CDC, USA
  • Active Bacterial Core Surveillance (ABCs), gepoolte Daten 2019–2023 – CDC, USA
  • Pneumococcal Disease – Vaccine Education Center, Children's Hospital of Philadelphia (CHOP), USA
  • Invasive pneumococcal disease – Annual Epidemiological Report for 2023 – European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), EU/EWR, 2024
  • Schutzimpfung gegen Pneumokokken, FAQ und Impfempfehlung (Stand 08.01.2026), RKI-Ratgeber Pneumokokken, Epidemiologisches Bulletin 33/2025 und 2/2026 – Ständige Impfkommission (STIKO)/Robert Koch-Institut (RKI), Deutschland, 2025/2026
  • Pneumokokken-Impfung: Rate der Antibiotika-Resistenzen rückläufig – Deutsches Ärzteblatt, Deutschland, unter Bezug auf ARS/RKI-Daten
  • Impfplan Österreich 2025/2026, Version 1.1 – Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz/Nationales Impfgremium (NIG), Österreich, 2025
  • Pneumokokken: Kennzahlen und Jahresbericht invasive Erkrankungen 2024/2025, Nationale Referenzzentrale für Meningokokken, Pneumokokken und Haemophilus influenzae – Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Österreich, 2025
  • Pneumococcal infant vaccination: information for healthcare practitioners; Changes to the infant pneumococcal conjugate vaccine schedule – UK Health Security Agency (UKHSA)/Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI), Vereinigtes Königreich, 2025
  • Pneumococcal infections – NHS/NHS inform, Vereinigtes Königreich, laufend aktualisiert
  • Pneumococcal vaccines: Canadian Immunization Guide; NACI-Empfehlungen zu PCV15/PCV20 bei Kindern – National Advisory Committee on Immunization (NACI)/Public Health Agency of Canada (PHAC), Kanada, 2024/2025
  • Pneumococcal disease – The Australian Immunisation Handbook, Department of Health, Disability and Ageing, Australien, 2025
  • Global, regional, and national burden of pneumococcal disease among children and adolescents aged <20 years from 1990 to 2021: a predictive analysis – Global Burden of Disease Study 2021, internationale Autorengruppe, 2025
  • Streptococcus pneumoniae – Serotyping-Übersicht, Strep Lab – CDC, USA, Stand März 2025
  • Pneumokokken / Pneumokokken-Infektion – Wikipedia, deutschsprachige Ausgabe, als ergänzende Sekundärquelle