Notfall erkennen: Wann sofort die Rettung (144) rufen?

Eine bakterielle Hirnhautentzündung kann sich innerhalb weniger Stunden zu einer lebensbedrohlichen Situation entwickeln (Infektionsschutz.de; Gesundheitsportal Österreich). Rufen Sie sofort den Notruf 144 oder fahren Sie direkt in die nächste Kindernotaufnahme, wenn Ihr Kind eines oder mehrere dieser Zeichen zeigt:

  • Hohes Fieber zusammen mit Nackensteifigkeit, starken Kopfschmerzen oder Lichtscheu
  • Ein Hautausschlag aus kleinen roten oder violetten Punkten/Flecken, der beim Andrücken eines durchsichtigen Glases nicht verblasst ("Glastest") – möglicher Hinweis auf eine lebensbedrohliche Blutvergiftung (NHS)
  • Bei Säuglingen: schrilles, ungewohntes Schreien, Trinkschwäche, auffällige Schläfrigkeit oder schwere Erweckbarkeit, ein vorgewölbtes Fontanellenpolster, ein steifer oder ungewöhnlich schlaffer Körper (NHS; Gesundheitsportal Österreich)
  • Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung oder ein untypischer Krampfanfall
  • Ihr Kind wirkt insgesamt "kränker als sonst bei Fieber" und der Zustand verschlechtert sich rasch

Warten Sie nicht, bis alle Symptome gemeinsam auftreten – vertrauen Sie im Zweifel Ihrem Bauchgefühl (NHS). Weitere allgemeine Alarmzeichen finden Sie auch in der Ampel-Übersicht bei Fieber bei Kindern.

Was ist eine Hirnhautentzündung (Meningitis)?

Bei einer Meningitis sind die Häute, die Gehirn und Rückenmark umgeben (Meningen), entzündet – meist ausgelöst durch Bakterien oder Viren, seltener durch andere Erreger. Eine virale Meningitis verläuft in der Regel deutlich milder und heilt häufig folgenlos aus. Eine bakterielle Meningitis ist dagegen ein akuter Notfall mit Risiko für Blutvergiftung (Sepsis), bleibende Schäden oder Tod (WHO; Gesundheitsportal Österreich).

Erreger: Was verursacht Hirnhautentzündung – und in welchem Alter?

Welcher Erreger wahrscheinlich ist, hängt stark vom Alter des Kindes ab (WHO):

AltersgruppeHäufige Erreger
Neugeborene (erste Lebenswochen)Streptokokken der Gruppe B, Escherichia coli, Listeria monocytogenes (MSD Manual, chinesische Ausgabe)
Säuglinge und Kleinkinder bis ca. 5 JahreHaemophilus influenzae Typ b, Pneumokokken, Meningokokken (WHO)
Ältere Kinder und JugendlicheMeningokokken, Pneumokokken (WHO)

Mehr zu den einzelnen Erregern und ihren Impfungen: Meningokokken, Pneumokokken, Haemophilus influenzae Typ b. Durch konsequente Impfprogramme ist Hib als Meningitis-Erreger in gut geimpften Bevölkerungen selten geworden (MSD Manual, chinesische Ausgabe). Virale Meningitiden sind insgesamt häufiger als bakterielle, verlaufen aber meist leichter; als häufige virale Auslöser werden Enteroviren sowie Mumps- und Herpesviren genannt (Gesundheitsportal Österreich).

Symptome erkennen: Säuglinge zeigen andere Zeichen als ältere Kinder

Säuglinge und Kleinkinder (vor allem unter 2 Jahren)

Babys können die "klassischen" Erwachsenen-Symptome nicht zeigen oder mitteilen. Achten Sie auf (NHS; KidsHealth from Nemours):

  • Trinkschwäche oder Verweigern der Nahrung
  • Schrilles, ungewohntes Schreien
  • Auffällige Schläfrigkeit, schwer erweckbar – oder umgekehrt starke Reizbarkeit
  • Steifer Körper oder auffällige Schlaffheit
  • Vorgewölbte Fontanelle (weiche Stelle am Kopf)
  • Fieber oder – gerade bei ganz jungen Säuglingen – auch untertemperierte Werte; die NHS empfiehlt erhöhte Wachsamkeit bereits ab 38 °C bei unter 3 Monate alten und ab 39 °C bei 3–6 Monate alten Babys
  • Erbrechen, Hautausschlag, Krampfanfälle

Tipps zum korrekten Fiebermessen: So messen Sie Ihr Kind richtig.

Ältere Kinder und Jugendliche

  • Hohes Fieber
  • Starke Kopfschmerzen
  • Nackensteifigkeit (das Kinn lässt sich nicht mehr zur Brust beugen)
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Verwirrtheit, ungewöhnliche Schläfrigkeit
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Hautausschlag (siehe Glastest im Kasten oben)

Die "klassische" Kombination aus Fieber, Nackensteifigkeit und Bewusstseinstrübung fehlt bei kleinen Kindern häufig ganz oder teilweise – ein unauffälliger Nacken schließt eine Meningitis bei Säuglingen nicht aus (Gesundheitsportal Österreich).

Meningokokken-Sepsis: nicht nur die Hirnhaut ist gefährdet

Meningokokken können auch ohne begleitende Hirnhautentzündung eine lebensbedrohliche Blutvergiftung auslösen – erkennbar unter anderem an kalten Händen/Füßen trotz Fiebers, blass-marmorierter Haut und dem oben beschriebenen, nicht wegdrückbaren Hautausschlag. Mehr dazu unter Meningokokken.

Diagnose und Behandlung: Jede Stunde zählt

Bei Verdacht auf bakterielle Meningitis wird im Krankenhaus meist rasch eine Lumbalpunktion (Nervenwasseruntersuchung) durchgeführt, um den Erreger nachzuweisen. Die intravenöse Antibiotikagabe wird bei begründetem Verdacht aber nicht auf das Testergebnis verzögert – ein südkoreanisches Kinderklinik-Informationsportal nennt als Ziel den Beginn der Antibiotikatherapie innerhalb einer Stunde nach Verdachtsdiagnose (Seoul National University Children's Hospital). Virale Meningitiden werden überwiegend unterstützend behandelt (ausreichend Flüssigkeit, Fiebersenkung, Schmerzlinderung), da Antibiotika gegen Viren nicht wirken.

Verlauf, Komplikationen und mögliche Langzeitfolgen

Wird eine bakterielle Meningitis rasch erkannt und behandelt, erholen sich die meisten Kinder vollständig (KidsHealth from Nemours). Unbehandelt oder bei Verzögerung drohen jedoch schwere Verläufe:

  • Weltweit stirbt laut WHO etwa 1 von 6 Menschen mit bakterieller Meningitis, und bei rund 1 von 5 Überlebenden bleiben Folgeschäden zurück – etwa Hörverlust, Krampfanfälle, Lernschwierigkeiten oder Sprach- und Sehprobleme.
  • Für Meningokokken-Erkrankungen bei Kindern in Deutschland werden Komplikationen bei 10–20 % der Betroffenen beschrieben (u. a. Hirnnervenlähmungen, Krampfanfälle, Hörminderung, Lernschwierigkeiten); die Sterblichkeit liegt bei reiner Meningitis bei rund 1 %, steigt bei begleitender Blutvergiftung auf etwa 13 % und beim septischen Schock auf bis zu 33 % (Infektionsschutz.de).
  • Bei Neugeborenen mit bakterieller Meningitis werden chronische Folgeprobleme wie Wasserkopf (Hydrozephalus), Hörminderung oder Entwicklungsstörungen bei etwa 20–50 % beschrieben, bei älteren Säuglingen und Kindern bei etwa 15–25 % (MSD Manual, chinesische Ausgabe).
  • Nach überstandener Meningitis wird in einer brasilianischen Gesundheitsquelle ein bleibender Hörverlust bei bis zu 1 von 10 Überlebenden genannt (Ministério da Saúde, Brasilien) – deshalb wird nach bakterieller Meningitis üblicherweise eine Hörtestung empfohlen.

Die genauen Zahlen schwanken je nach Erreger, Land und Gesundheitssystem – sie zeigen aber übereinstimmend: Bakterielle Meningitis ist ernst zu nehmen, und schnelles Handeln verbessert die Prognose deutlich.

Impfungen: der wirksamste Schutz

Ein großer Teil der bakteriellen Hirnhautentzündungen bei Kindern lässt sich durch Impfungen verhindern (WHO). Im österreichischen Impfplan stehen unter anderem zur Verfügung:

Zum Vergleich, wie unterschiedlich Länder ihre Meningokokken-Impfprogramme terminieren: In Deutschland empfiehlt die STIKO die Meningokokken-B-Impfung mit 3 Dosen (2., 4. und 12. Lebensmonat) sowie die Meningokokken-C-Impfung mit einer Dosis im 12. Lebensmonat (Infektionsschutz.de); in den USA wird die MenACWY-Impfung mit 11–12 Jahren plus Auffrischung mit 16 Jahren empfohlen, eine MenB-Impfung ist ab 10 Jahren möglich (KidsHealth from Nemours). Die für Ihr Kind passenden Termine in Österreich entnehmen Sie am besten dem aktuellen Impfplan bzw. besprechen sie in der Ordination. Auch die MMR-Impfung gegen Mumps sowie die Varizellen-Impfung senken das Risiko einer viralen Meningitis durch diese Erreger (Gesundheitsportal Österreich).

Besondere Risikosituationen

Ein erhöhtes Meningitis-Risiko besteht unter anderem nach Schädel-Hirn-Traumen (mögliche Eintrittspforte für Bakterien aus der Nasenhöhle), bei liegendem Cerebralshunt oder Cochlea-Implantat sowie bei angeborenen oder erworbenen Störungen des Immunsystems. Kinder mit solchen Vorerkrankungen oder mit wiederholten Hirnhautentzündungen sollten kinder- bzw. fachärztlich abgeklärt werden.

Wann in die Ordination, wann in die Notaufnahme?

Bei den oben genannten Alarmzeichen zählt jede Stunde – rufen Sie 144 oder fahren Sie direkt in die nächste Kindernotaufnahme, statt einen Ordinationstermin abzuwarten. Auch bei unklarem, aber deutlich reduziertem Allgemeinzustand eines fiebernden Kindes gilt: Im Zweifel lieber einmal zu viel ärztlich abklären lassen. Allgemeine Alarmzeichen bei Fieber finden Sie auch in der Ampel-Übersicht unter Fieber bei Kindern.

Quellen

  • Fact sheet: Meningitis – World Health Organization (WHO), International
  • Hirnhautentzündung (Meningitis) – Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at), Österreich
  • Erregersteckbrief Meningokokken – infektionsschutz.de (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung), Deutschland
  • Meningitis: Symptoms – NHS (National Health Service), Vereinigtes Königreich
  • Meningitis – KidsHealth from Nemours, USA (inkl. spanischsprachige Ausgabe)
  • Meningite – Ministério da Saúde, Brasilien
  • Meningitis in Children – MSD Manual, chinesische Ausgabe (msdmanuals.cn), China
  • Rätgeber zu Hirnhautentzündung bei Kindern – Nationales Gesundheitsinformationsportal der koreanischen Behörde für Seuchenkontrolle und -prävention (KDCA) sowie Seoul National University Children's Hospital, Südkorea