Streptokokken-Angina und Scharlach
A-Streptokokken (Streptococcus pyogenes) sind die häufigsten bakteriellen Erreger einer Halsentzündung im Kindesalter. Sie verursachen die klassische Streptokokken-Angina und, wenn der Erregerstamm zusätzlich ein Toxin bildet, den Scharlach. Weil sich eine bakterielle Halsentzündung äußerlich kaum von einer viralen unterscheiden lässt, sichern wir den Verdacht in der Ordination mit einem Rachenabstrich ab – erst das Ergebnis entscheidet, ob ein Antibiotikum sinnvoll ist. Dieser Ratgeber erklärt Erreger und Ansteckungsweg, ordnet die Häufigkeit international ein, beschreibt Symptome und Verlauf, zeigt, wie in der Ordination diagnostiziert und behandelt wird, und nennt die Warnzeichen, bei denen Sie sich sofort melden sollten.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Er soll Ihnen helfen, Beschwerden einzuordnen und sich auf das Gespräch in der Ordination vorzubereiten.
Das Wichtigste in Kürze
Streptokokken-Angina und Scharlach sind zwei Erscheinungsformen derselben Infektion mit A-Streptokokken. Typisch ist der plötzliche Beginn mit Halsschmerzen, hohem Fieber und geröteten Mandeln – ohne Husten und Schnupfen. Kommt ein feinfleckiger Hautausschlag mit Himbeerzunge dazu, sprechen wir von Scharlach. Die Diagnose sichern wir mit einem Rachenabstrich, behandelt wird mit Penicillin. Weltweit ist die Erkrankung meist harmlos; nur bei ausbleibender Behandlung drohen seltene, aber ernste Spätfolgen wie das rheumatische Fieber – global eine der häufigsten Ursachen erworbener Herzerkrankungen im Kindesalter, in Österreich aber eine Rarität.
Ätiologie und Übertragungsweg
Erreger ist Streptococcus pyogenes, ein kettenbildendes, betahämolysierendes Bakterium der Lancefield-Gruppe A – daher die Kurzbezeichnung GAS (Gruppe-A-Streptokokken) oder A-Streptokokken. Auf seiner Oberfläche trägt das Bakterium das sogenannte M-Protein, das es einerseits an die Rachenschleimhaut binden lässt und andererseits hilft, der körpereigenen Abwehr durch Fresszellen zu entgehen. Von diesem M-Protein sind heute mehr als 200 genetisch unterscheidbare Varianten (emm-Typen) bekannt, mit über 1.200 beschriebenen Allelen. Diese Vielfalt erklärt zweierlei: warum ein Kind mehrmals im Leben an einer Streptokokken-Angina erkranken kann, obwohl es gegen den zuvor durchgemachten Typ eine gewisse Immunität aufbaut – und warum die Entwicklung eines Impfstoffs so schwierig ist.
Scharlach ist keine eigene Krankheit, sondern dieselbe Angina, ausgelöst durch einen Bakterienstamm, der zusätzlich eines von mehreren erythrogenen Toxinen (speA, speB, speC) bildet. Diese Exotoxine gelangen über die Blutbahn in die Haut und lösen dort den charakteristischen Ausschlag aus. Weil es mehrere solcher Toxintypen gibt und die erworbene Immunität jeweils nur gegen ein einzelnes Toxin wirkt, kann auch der Scharlach mehrfach auftreten.
Übertragen werden A-Streptokokken durch Tröpfcheninfektion beim Husten, Niesen und Sprechen sowie seltener durch direkten Kontakt mit Speichel oder Nasensekret, etwa über gemeinsam benutztes Besteck. Die Inkubationszeit ist mit ein bis drei Tagen kurz. Ansteckend ist ein Kind bereits zwei bis vier Tage vor Auftreten der ersten Beschwerden. Ohne Behandlung bleibt die Ansteckungsfähigkeit nach österreichischen Behördenangaben drei bis vier Wochen bestehen; unter einer wirksamen Antibiotikatherapie erlischt sie bereits 24 Stunden nach der ersten Einnahme. Ein Teil der Bevölkerung – Schätzungen für Kinder reichen bis zu einem Fünftel – trägt A-Streptokokken im Rachen, ohne selbst krank zu sein. Diese gesunden Keimträger sind kaum ansteckend und für die Frage, ob ein positiver Test eine tatsächliche Erkrankung anzeigt, von zentraler Bedeutung.
Warum Streptokokken-Angina und Scharlach zusammengehören
Beide Bilder werden vom selben Bakterium ausgelöst, verlaufen gleich schwer, werden gleich behandelt und unterliegen denselben Regeln für die Rückkehr in Kindergarten oder Schule. Der einzige Unterschied ist eine zusätzliche Erregereigenschaft – die Fähigkeit zur Toxinbildung –, die den Hautausschlag hinzufügt. Eltern, deren Kind schon einmal Scharlach hatte, sollten daher nicht überrascht sein, wenn eine spätere Streptokokken-Angina ganz ohne Ausschlag verläuft, oder umgekehrt.
Epidemiologie und Ländervergleich
Streptokokken-Anginen und Scharlach häufen sich in Österreich – wie in ganz Mitteleuropa – zwischen Spätherbst und Frühjahr, mit einem Gipfel in den Wintermonaten. Scharlach ist nach dem österreichischen Epidemiegesetz 1950 anzeigepflichtig: Erkrankungs- und Todesfälle müssen den Gesundheitsbehörden gemeldet werden. Die unkomplizierte Streptokokken-Angina ohne Ausschlag unterliegt dieser Meldepflicht dagegen nicht, weshalb es für sie keine vollständige nationale Fallstatistik gibt. Für invasive, also in normalerweise sterile Körperbereiche vordringende Streptokokken-Erkrankungen führt die AGES eine Nationale Referenzzentrale. In den Wintersaisonen 2022/23 und 2023/24 wurde – wie auch in Deutschland und der Schweiz – eine deutlich erhöhte Scharlach- und Anginaaktivität beobachtet und in den Medien berichtet.
Ein weltweit wiederkehrendes Muster
Scharlach war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine gefürchtete, oft tödliche Kinderkrankheit; mit Einführung des Penicillins in den 1940er-Jahren verlor er in reichen Ländern seinen Schrecken. Seit etwa 2008 beobachten Fachleute jedoch in mehreren Weltregionen unabhängig voneinander ein Wiederaufleben: Hongkong, Südkorea und England meldeten steigende Fallzahlen, China verzeichnete 2011 einen sprunghaften Anstieg. Beim Hongkonger Ausbruch 2011 waren rund 60 Prozent der zirkulierenden Stämme makrolidresistent – deutlich mehr als die zuvor üblichen 10 bis 30 Prozent – und es kam zu mindestens zwei Todesfällen.
Im Vereinigten Königreich stieg die Scharlach-Inzidenz zwischen 2013 und 2016 von 8,2 auf 33,2 Fälle je 100.000 Einwohner, die scharlachbedingten Krankenhausaufnahmen nahmen um 97 Prozent zu. Ende 2022 meldeten gleich mehrere europäische Länder – Frankreich, Irland, die Niederlande, Schweden und das Vereinigte Königreich – einen ungewöhnlichen, teils dramatischen Anstieg invasiver A-Streptokokken-Erkrankungen bei Kindern, was WHO und ECDC zu einer gemeinsamen Warnmeldung veranlasste. Konkret registrierte Irland bis 8. Dezember 2022 bereits 57 invasive Fälle im Jahr, 15 davon bei Kindern unter zehn Jahren; in Schweden waren es 93 Fälle zwischen Oktober und Anfang Dezember, gut 17 Prozent bei unter Zehnjährigen. Das Vereinigte Königreich zählte in der Saison 2022/23 bis Mitte November 4.622 Scharlach-Meldungen und bis 8. Dezember 509 invasive Fälle; besonders alarmierend waren 13 Todesfälle bei Kindern unter 15 Jahren innerhalb von sieben Tagen nach Diagnose – gegenüber vier Todesfällen in der vergleichbaren Saison 2017/18. Die WHO stufte das Risiko für die Allgemeinbevölkerung damals als gering ein, empfahl aber wachsame Surveillance und eine niedrige Schwelle für eine antibiotische Behandlung.
Auch die Vereinigten Staaten verzeichnen einen langfristigen Trend: Eine 2025 in JAMA veröffentlichte Auswertung zeigt, dass sich die Zahl invasiver A-Streptokokken-Infektionen zwischen 2013 und 2022 mehr als verdoppelt hat, nachdem die Raten fast zwei Jahrzehnte lang stabil geblieben waren. Als mitverantwortlich gelten die steigende Häufigkeit von Diabetes und Adipositas, injizierender Drogenkonsum, Obdachlosigkeit und das Auftreten resistenterer Stämme. Ältere US-Daten aus den Jahren 2005 bis 2012 bezifferten rund 10.600 bis 13.400 invasive Fälle und 1.100 bis 1.600 Todesfälle pro Jahr.
Besonders eindrücklich ist die Entwicklung in Japan, das über ein engmaschiges wöchentliches Sentinel-Surveillance-System verfügt: 2023 wurden dort landesweit 941 Fälle des lebensbedrohlichen Streptokokken-Toxinschocksyndroms (STSS) erfasst – bereits ein Höchststand. Im ersten Halbjahr 2024 waren es mit 1.019 Fällen mehr als im gesamten Vorjahr. In Südkorea und Taiwan zeigte eine Auswertung nach der COVID-19-Pandemie zudem eine Verschiebung der Scharlach-Erkrankungen hin zu älteren Kindern – ein Muster, das Fachleute mit der pandemiebedingten Immunitätslücke bei jenen Jahrgängen erklären, die während der Kontaktbeschränkungen kaum Erregerkontakt hatten.
China führt Scharlach als meldepflichtige Erkrankung; landesweite Auswertungen zeigen die höchste Krankheitslast bei Kindern und Schülerinnen und Schülern sowie eine ausgeprägte Saisonalität mit Erkrankungsgipfeln im Frühsommer und im Winter. Nach dem pandemiebedingten Rückgang 2020/21 wurde – ähnlich wie in Europa – ab 2023 vielerorts wieder ein deutlicher Anstieg beobachtet.
Ländervergleich im Überblick
Maßgeblich für Sie ist die österreichische Praxis – die folgenden internationalen Angaben dienen ausdrücklich nur der Einordnung.
| Land / Region | Meldesystem | Aktuelle Besonderheit |
|---|---|---|
| Österreich | Scharlach anzeigepflichtig (Epidemiegesetz 1950); invasive Fälle über AGES-Referenzzentrale | Erhöhte Aktivität in den Wintersaisonen 2022/23 und 2023/24 |
| Deutschland | Scharlach nicht bundesweit meldepflichtig; einzelne Bundesländer mit erweiterter Meldepflicht | Ebenfalls erhöhte Aktivität 2022–2024 |
| Vereinigtes Königreich | UKHSA-Surveillance seit 2008 verstärkt | Inzidenz 2013–2016 vervierfacht; 2022/23 markanter iGAS-Ausbruch mit erhöhter Kindersterblichkeit |
| USA | Invasive GAS in vielen Bundesstaaten meldepflichtig (CDC-Surveillance) | Invasive Fälle 2013–2022 mehr als verdoppelt (JAMA 2025) |
| Japan | Wöchentliches Sentinel-System, STSS meldepflichtig | 2024 Rekordzahlen beim Streptokokken-Toxinschocksyndrom |
| Südkorea | Nationales Meldesystem seit 2011 ausgeweitet | Nach der Pandemie Verschiebung zu älteren Kindern |
| China | Scharlach landesweit meldepflichtig | Höchste Last bei Schulkindern; sehr hohe Makrolidresistenz bei GAS |
| Indien | Uneinheitliche Erfassung; Fokus auf Folgeerkrankung | Weltweit höchste Krankheitslast durch rheumatische Herzerkrankung |
Die globale Dimension der Spätfolgen
Der eigentliche Grund, warum die Streptokokken-Angina medizinisch ernst genommen wird, liegt nicht in der Erkrankung selbst, sondern in ihren seltenen Folgeerkrankungen. Nach Schätzungen der grundlegenden, bis heute vielzitierten Arbeit von Carapetis und Kolleginnen (Lancet Infectious Diseases 2005) verursachen A-Streptokokken weltweit rund 700 Millionen Infektionen pro Jahr; die Gesamtmortalität aller GAS-Erkrankungen liegt unter einem Prozent, bei schweren invasiven Verläufen jedoch bei rund einem Viertel. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der Menschen mit rheumatischer Herzerkrankung – der wichtigsten Spätfolge – aktuell auf 55 Millionen weltweit, mit rund 360.000 Todesfällen pro Jahr. Die Krankheitslast verteilt sich extrem ungleich: Am stärksten betroffen sind Subsahara-Afrika, der Nahe Osten, Zentral- und Südasien – hier trägt Indien den größten Einzelanteil – sowie der Südpazifik. Selbst in einem wohlhabenden Industrieland wie Australien zeigt sich dieses Ungleichgewicht innerhalb der Bevölkerung: Unter Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Kindern im Northern Territory liegt die Prävalenz der rheumatischen Herzerkrankung bei geschätzt rund 3.000 pro 100.000 – ein Vielfaches des Wertes in der übrigen australischen Bevölkerung. In Westeuropa und damit auch in Österreich ist das akute rheumatische Fieber dagegen eine ausgesprochene Rarität mit einer Inzidenz von deutlich unter 0,5 Fällen pro 100.000 Kindern und Jahr.
Was diese Zahlen für Ihr Kind bedeuten
Die niedrige Rate an rheumatischem Fieber in Mitteleuropa ist ein Hauptgrund, warum österreichische und deutsche Leitlinien beim Antibiotikum heute zurückhaltender vorgehen als noch vor Jahrzehnten oder als in Ländern mit hoher Krankheitslast. Die weltweiten Zahlen erklären zugleich, warum Fachgesellschaften und WHO die Entwicklung eines Impfstoffs so dringlich verfolgen – für Ihr Kind in Österreich bleibt die Erkrankung aber in aller Regel eine folgenlos ausheilende Episode.
Symptome und Krankheitsverlauf
Typisch ist ein plötzlicher Beginn: Innerhalb weniger Stunden entwickeln sich starke Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, Fieber häufig über 38,5 Grad, gerötete und geschwollene Mandeln mit weißlich-gelben Belägen sowie druckschmerzhafte Lymphknoten am Kieferwinkel. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und – besonders bei jüngeren Kindern – Erbrechen kommen häufig dazu. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen drei und fünfzehn Jahren, mit einem Erkrankungsgipfel im Volksschulalter.
Auffällig ist auch, was fehlt: Husten, Schnupfen und Heiserkeit sprechen eher für einen viralen Infekt und gegen A-Streptokokken. Bei Säuglingen und Kleinkindern unter drei Jahren verläuft eine Infektion mit A-Streptokokken dagegen oft untypisch – statt der klassischen Angina zeigt sich mitunter über Wochen nur mäßiges Fieber mit zähem Schnupfen und geröteten Nasenlöchern, eine sogenannte Streptokokkose. Das rheumatische Fieber als Folgeerkrankung kommt in diesem Alter praktisch nicht vor.
Scharlach – wenn der Ausschlag hinzukommt
Kommt zur Angina ein feinfleckiger, sandpapierartig rauer Hautausschlag hinzu, handelt es sich um Scharlach – dieselbe Erkrankung, nur mit dem zusätzlichen, toxinbedingten Exanthem. Nach österreichischen Behördenangaben treten die ersten Krankheitszeichen ein bis drei Tage nach der Ansteckung auf; der Ausschlag selbst folgt meist ein bis vier Tage nach Fieberbeginn. Er beginnt oft im Bereich der Leisten und Achseln und breitet sich rasch über den Rumpf und die Extremitäten aus, während ein charakteristisches, blasses Dreieck um Mund und Kinn ausgespart bleibt. In den Hautfalten – etwa der Ellenbeuge – zeigen sich häufig dunklere, streifige Verdichtungen. Die Zunge ist anfangs weißlich belegt und entwickelt sich ab dem vierten bis fünften Krankheitstag zur charakteristischen, hochroten "Himbeerzunge". Nach etwa 14 Tagen beginnt sich die Haut, insbesondere an Fingerspitzen und Zehen, kleieartig zu schuppen – ein völlig normaler, harmloser Ausheilungsvorgang.
Weil mehrere Toxintypen existieren, kann ein Kind Scharlach auch mehrfach durchmachen. Unbehandelt klingen Fieber und Halsschmerzen bei den meisten Kindern innerhalb von drei bis fünf Tagen von selbst ab; der Ausschlag verblasst über etwa eine Woche. Diese spontane Besserung ändert nichts daran, dass eine Behandlung wegen der möglichen Komplikationen sinnvoll ist – dazu mehr im Abschnitt Behandlung.
Sofort ärztliche Hilfe suchen
Rufen Sie umgehend die Ordination, außerhalb der Öffnungszeiten die Gesundheitsnummer 1450 oder bei Atemnot die Rettung (144), wenn Ihr Kind erschwert atmet, den eigenen Speichel nicht mehr schlucken kann und sabbert, den Mund kaum öffnen kann, den Hals überstreckt oder nur sitzend atmen mag, auffällig schläfrig oder verwirrt wirkt, einen steifen Nacken hat, oder unter drei Monaten alt ist und Fieber über 38 Grad entwickelt.
Diagnostik in der Ordination
Am Anfang steht das Gespräch: Wie plötzlich hat es begonnen? Gibt es Husten oder Schnupfen? Gibt es Erkrankungsfälle im Kindergarten, in der Schule oder in der Familie? Danach folgt die Untersuchung von Rachen und Mandeln, das Abtasten der Halslymphknoten und die Beurteilung der Haut auf einen Ausschlag. Weil sich virale und bakterielle Anginen im Einzelfall ähneln können, orientieren sich Ärztinnen und Ärzte an klinischen Punktesystemen wie dem Centor- beziehungsweise dem für Kinder geeigneteren McIsaac-Score. Dabei gibt es je einen Punkt für Fieber, eitrige Mandelbeläge, druckschmerzhafte Halslymphknoten, fehlenden Husten sowie – als Alterskorrektur – für ein Kindesalter zwischen drei und vierzehn Jahren.
| Punktzahl | Wahrscheinlichkeit einer GAS-Infektion | Übliches Vorgehen |
|---|---|---|
| 0–1 | sehr gering (unter 10 %) | kein Test, symptomatische Behandlung |
| 2–3 | mäßig erhöht (rund 15–30 %) | Rachenabstrich sinnvoll, Behandlung abhängig vom Ergebnis |
| 4–5 | deutlich erhöht (bis über 50 %) | Rachenabstrich empfohlen, engmaschige Verlaufskontrolle |
Mit einem Wattetupfer entnehmen wir binnen Sekunden Material von den Mandeln und der Rachenhinterwand. Der Schnelltest liefert das Ergebnis noch während des Termins, meist innerhalb weniger Minuten. Eine Auswertung der verfügbaren Studien zu Schnelltests bei Kindern mit Halsschmerzen ermittelte eine gepoolte Sensitivität von rund 86 Prozent und eine Spezifität von etwa 95 Prozent. Praktisch heißt das: Ein positives Ergebnis ist verlässlich und muss nicht weiter bestätigt werden. Ein negatives Ergebnis schließt eine Infektion nicht mit letzter Sicherheit aus; die klassische Rachenkultur gilt mit einer Sensitivität von 90 bis 95 Prozent weiterhin als Referenzmethode, benötigt allerdings ein bis zwei Tage. Eine Blutuntersuchung ist bei unkomplizierter Angina nicht erforderlich; der sogenannte Antistreptolysin-Titer (ASLO) eignet sich ausdrücklich nicht zur akuten Diagnose, da er erst Wochen nach der Infektion ansteigt und lediglich eine zurückliegende Streptokokkeninfektion belegt.
Sinnvoll ist der Test nicht bei jedem Halsweh, sondern dann, wenn das Beschwerdebild tatsächlich für Streptokokken spricht – bei eindeutig viralen Infekten mit Husten und Schnupfen erspart er dem Kind nichts und führt eher zu unnötigen Antibiotikagaben. Zu bedenken ist außerdem: Weil ein erheblicher Teil gesunder Kinder A-Streptokokken im Rachen trägt, ohne krank zu sein, macht ein positiver Test allein noch keine Behandlungsbedürftigkeit – entscheidend ist immer das Gesamtbild aus Beschwerden und Befund. Bei Kindern unter drei Jahren wird aus demselben Grund in der Regel gar nicht getestet, da klassische GAS-Anginen in diesem Alter selten sind und rheumatisches Fieber praktisch nicht vorkommt.
Behandlung und Heilungsaussichten
Bestätigt sich die Streptokokken-Angina oder der Scharlach, ist Penicillin V (bzw. bei jüngeren Kindern häufig Amoxicillin wegen des besseren Geschmacks) das Mittel der ersten Wahl. Der Wirkstoff blockiert den Aufbau der bakteriellen Zellwand; die Bakterien können sich nicht mehr teilen und zerfallen, während menschliche Zellen – die keine Zellwand besitzen – unangetastet bleiben, was die gute Verträglichkeit erklärt. Bemerkenswert ist, dass A-Streptokokken weltweit bis heute keine klinisch relevante Resistenz gegen Penicillin entwickelt haben – nach mehr als 80 Jahren Anwendung eine medizinische Rarität. Anders sieht es bei den Reservemitteln aus, die ausschließlich bei echter Penicillinallergie zum Einsatz kommen: Cephalosporine wirken nach demselben Prinzip, Makrolide (z. B. Azithromycin, Clarithromycin) und Clindamycin hemmen stattdessen die bakterielle Eiweißproduktion. Gerade bei Makroliden zeigen sich ausgeprägte regionale Unterschiede – während die Resistenzraten in Europa meist im einstelligen Prozentbereich liegen, wurden in Teilen Ostasiens, insbesondere in China, bei GAS-Isolaten wiederholt Erythromycin-Resistenzraten von über 90 Prozent beschrieben.
Zur Therapiedauer bestehen international leicht unterschiedliche Empfehlungen: In Österreich und den USA gelten weiterhin 10 Tage Penicillin V als Standard, weil diese Dauer in den historischen Studien zur Verhütung des rheumatischen Fiebers geprüft wurde; deutsche Fachleitlinien halten bei unkomplizierter Tonsillitis auch 7 Tage für ausreichend, alternativ ein verkürztes 5-Tages-Regime mit einem Cephalosporin. In Ländern mit hoher Rheumafieber-Last wie Indien wird bei unsicherer Einnahmetreue stattdessen häufig eine einmalige intramuskuläre Injektion von Benzathin-Penicillin G eingesetzt, die eine wochenlange Wirkspiegel-Deckung ohne tägliche Tabletteneinnahme garantiert. Entscheidend ist in jedem Fall: Die verordnete Packung wird zu Ende genommen, auch wenn es dem Kind bereits nach zwei Tagen wieder gut geht – ein vorzeitiger Abbruch erhöht das Rückfallrisiko und begünstigt Resistenzentwicklung.
Was Antibiotika tatsächlich leisten
Im Durchschnitt verkürzen Antibiotika die akuten Beschwerden nur um rund 16 Stunden – die meisten Kinder wären auch unbehandelt nach etwa einer Woche beschwerdefrei. Der eigentliche Nutzen liegt woanders: Sie senken das Risiko eitriger Komplikationen wie eines Peritonsillarabszesses deutlich, reduzieren das ohnehin seltene Risiko eines rheumatischen Fiebers um etwa zwei Drittel, und sie beenden die Ansteckungsfähigkeit innerhalb von 24 Stunden – ein wichtiges Argument für die rasche Rückkehr in den Kindergartenalltag.
Begleitend helfen ausreichend Trinken, weiche, nicht-saure Kost und – nach Rücksprache – fiebersenkende und schmerzstillende Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol in altersgerechter Dosierung; Acetylsalicylsäure (Aspirin) ist bei fieberhaften Infekten im Kindesalter wegen des Reye-Syndrom-Risikos tabu. Was bei Fieber grundsätzlich zu beachten ist, haben wir in unserem Ratgeber Fieber bei Kindern gesondert zusammengefasst; allgemeine Hintergründe zu Wirkweise und richtigem Umgang mit Antibiotika finden Sie unter Antibiotika.
Eltern können den Verlauf zusätzlich erleichtern: kleine, kühle Trinkmengen in kurzen Abständen anbieten, Eis oder Wassereis zur Schmerzlinderung geben, auf eigene Trinkgefäße und Bestecke achten und nach 24 Stunden Antibiotikatherapie die Zahnbürste austauschen.
Die Prognose ist ausgezeichnet: Unter Antibiotikum bessert sich das Befinden meist innerhalb von 24 bis 48 Stunden deutlich, das Fieber fällt in diesem Zeitraum. Bleibende Schäden entstehen bei rechtzeitiger Behandlung praktisch nie. Kindergarten oder Schule darf Ihr Kind wieder besuchen, sobald die Behandlung 24 Stunden läuft und die Krankheitszeichen abgeklungen sind, also insbesondere kein Fieber mehr besteht – bestehen Fieber oder deutliches Krankheitsgefühl fort, warten Sie bitte ab. Ein Rückfall innerhalb weniger Wochen ist meist keine gescheiterte Therapie, sondern eine Neuansteckung, etwa im Kindergarten.
Komplikationen und Warnzeichen
Eitrige Komplikationen
Häufiger als die gefürchteten Spätfolgen – und ebenfalls ein Grund, nicht abzuwarten – sind eitrige Komplikationen wie der Peritonsillarabszess, eine Eiteransammlung neben der Mandel. Seine Häufigkeit wird für die USA mit rund 3 Fällen je 10.000 Personen und Jahr angegeben, mit deutlichen regionalen Unterschieden zwischen etwa 10 (Nordirland) und 41 (Dänemark) Fällen je 100.000. Melden Sie sich bitte in der Ordination, wenn Ihr Kind kaum noch schlucken oder den Mund nur eingeschränkt öffnen kann, wenn die Stimme "kloßig" klingt, das Fieber nach zwei bis drei Tagen Antibiotikum nicht sinkt oder der Hals einseitig stark anschwillt.
Rheumatisches Fieber und rheumatische Herzerkrankung
Das akute rheumatische Fieber entsteht, wenn körpereigene Antikörper, die eigentlich gegen das bakterielle M-Protein gebildet wurden, aufgrund struktureller Ähnlichkeiten fälschlich auch Herzklappen-, Gelenk- und Nervengewebe angreifen (sogenannte molekulare Mimikry). Es tritt typischerweise zwei bis vier Wochen nach einer unbehandelten Streptokokken-Angina auf und äußert sich mit wanderenden Gelenkschmerzen, Herzbeteiligung, unwillkürlichen Bewegungen (Chorea) und Hautveränderungen. Bleibende Herzklappenschäden sind die gefürchtete Langzeitfolge. Wie im Kapitel Epidemiologie dargestellt, ist diese Komplikation in Österreich eine ausgesprochene Seltenheit, weltweit aber eine der häufigsten Ursachen erworbener Herzerkrankungen im Kindesalter. Wird eine unbehandelte Infektion nicht therapiert, liegt das Risiko bei bis zu drei Prozent; nach einer ersten Episode steigt das Rückfallrisiko bei erneuter unbehandelter Infektion auf rund 50 Prozent, weshalb international – anders als in Österreich üblich – oft eine monatelange bis mehrjährige Antibiotika-Dauerprophylaxe angeschlossen wird.
Poststreptokokken-Glomerulonephritis
Diese Nierenentzündung tritt ein bis drei Wochen nach der Infektion auf. Typische Zeichen sind bräunlich-roter Urin, morgendliche Lidödeme, verminderte Harnmenge und erhöhter Blutdruck. Anders als beim rheumatischen Fieber lässt sie sich durch eine antibiotische Behandlung nicht sicher verhindern; die Prognose bei Kindern ist aber sehr gut, die allermeisten heilen vollständig aus.
Invasive Erkrankungen und Streptokokken-Toxinschocksyndrom
Sehr selten dringen A-Streptokokken in normalerweise sterile Körperbereiche vor und verursachen Blutstrominfektionen, eine nekrotisierende Weichteilinfektion oder das lebensbedrohliche Streptokokken-Toxinschocksyndrom (STSS), bei dem bakterielle Superantigene eine überschießende Immunreaktion mit Organversagen auslösen. Die Häufigkeit wird auf rund 0,4 Fälle je 100.000 Personen und Jahr geschätzt, die Sterblichkeit ist mit 30 bis 50 Prozent hoch. Ein bekannter Risikofaktor sind gleichzeitig bestehende Windpocken, was ein zusätzliches Argument für die Varizellenimpfung liefert – mehr dazu in unserem Ratgeber Windpocken.
PANDAS – ein umstrittenes Konzept
Unter dem Begriff PANDAS wird seit 1998 ein möglicher Zusammenhang zwischen Streptokokkeninfektionen und plötzlich auftretenden Zwangs- oder Tic-Störungen bei Kindern diskutiert. Das Konzept ist wissenschaftlich umstritten: Es existiert kein zuverlässiger Diagnosetest, größere europäische Studien fanden keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Streptokokkeninfektionen und Symptomverschlechterungen, und PANDAS ist auch nicht als eigenständige Diagnose anerkannt. Bei einer abrupten, ausgeprägten Verhaltensänderung nach einem Infekt sollte dies dennoch angesprochen werden – eine vorbeugende Dauerantibiotikagabe ist nach aktueller Datenlage aber nicht gerechtfertigt.
Vorbeugung
Eine zugelassene Impfung gegen A-Streptokokken gibt es bislang nicht – auch nicht gegen Scharlach im Speziellen. Die Impfstoffentwicklung wird seit über 20 Jahren verfolgt, gestaltet sich aber wegen der großen Vielfalt an M-Protein-Varianten schwierig; die Weltgesundheitsorganisation hat einen Strep-A-Impfstoff dennoch zu einem vorrangigen Forschungsziel erklärt, mehrere Kandidaten – darunter breit abdeckende M-Protein-Kombinationsimpfstoffe und Impfstoffe auf Basis konservierter Bakterienbestandteile – befinden sich in früher klinischer Prüfung.
Bis dahin bleiben klassische Hygienemaßnahmen die wichtigste Vorbeugung: gründliches Händewaschen, Husten und Niesen in die Ellenbeuge, kein gemeinsames Benutzen von Trinkgläsern, Besteck oder Zahnbürsten, sowie regelmäßiges Lüften in Wohnung, Klassenzimmer und Gruppenraum. Symptomfreie Geschwisterkinder werden nicht routinemäßig getestet oder vorsorglich behandelt, da dies angesichts der hohen Rate gesunder Keimträger vor allem zu unnötigen Antibiotikagaben führen würde; anders liegt der Fall, wenn ein Familienmitglied selbst erkrankt oder in der Familie ein durchgemachtes rheumatisches Fieber bekannt ist. Da Windpocken das Risiko für schwere invasive Streptokokken-Erkrankungen erhöhen, trägt auch die im österreichischen Kinderimpfprogramm kostenfrei enthaltene Varizellenimpfung indirekt zur Vorbeugung bei. International, insbesondere in Ländern mit hoher Rheumafieber-Last, spielt außerdem die konsequente antibiotische Sekundärprophylaxe nach einer ersten Episode eine wichtige Rolle: Sie erfolgt üblicherweise als monatliche Injektion von Benzathin-Penicillin über mehrere Jahre, bei bereits bestehender Herzbeteiligung deutlich länger.
Häufige Elternfragen
Kann mein Kind Scharlach mehrmals bekommen?
Ja. Weil es mehrere unterschiedliche Toxintypen gibt, die den Ausschlag auslösen, schützt eine durchgemachte Erkrankung nur gegen genau diesen Typ – nicht gegen die anderen. Dasselbe gilt für die Streptokokken-Angina insgesamt, wo mehr als 200 verschiedene M-Protein-Varianten kursieren.
Muss bei jedem Halsweh ein Rachenabstrich gemacht werden?
Nein. Bei typisch viralen Symptomen mit Husten und Schnupfen liegt die Wahrscheinlichkeit für A-Streptokokken so niedrig, dass ein positiver Test meist nur eine harmlose Keimbesiedelung anzeigt und zu einer unnötigen Antibiotikagabe führen würde. Getestet wird gezielt, wenn das klinische Bild – plötzlicher Beginn, Fieber, Belege auf den Mandeln, kein Husten – tatsächlich dafürspricht.
Wie lange ist mein Kind ansteckend?
Unbehandelt nach österreichischen Behördenangaben drei bis vier Wochen. Unter einer wirksamen Antibiotikatherapie ist Ihr Kind bereits 24 Stunden nach der ersten Einnahme nicht mehr ansteckend, sofern es zugleich fieberfrei ist.
Warum wirkt Penicillin nach über 80 Jahren noch immer zuverlässig?
A-Streptokokken zählen zu den wenigen bakteriellen Erregerarten, bei denen bis heute weltweit keine klinisch relevante Penicillin-Resistenz nachgewiesen wurde. Deshalb bleibt dieses vergleichsweise "alte" und gut verträgliche Antibiotikum unangefochten Mittel der ersten Wahl, während Reservemittel wie Makrolide in Teilen der Welt bereits hohe Resistenzraten zeigen.
Ist der Scharlach-Ausschlag gefährlich oder juckt er stark?
Der Ausschlag selbst ist harmlos und meist nur leicht juckend; gefährlich sind allenfalls die – seltenen – Folgeerkrankungen der zugrundeliegenden Streptokokkeninfektion, nicht der Hautausschlag als solcher. Auch die spätere kleieartige Hautschuppung an Fingerspitzen und Zehen nach rund zwei Wochen ist ein normaler, harmloser Ausheilungsvorgang.
Gibt es in absehbarer Zeit eine Impfung?
Derzeit nicht. Mehrere Impfstoffkandidaten befinden sich in früher klinischer Erprobung, doch die große Zahl unterschiedlicher Erregervarianten macht die Entwicklung eines breit wirksamen Impfstoffs aufwendig. Bis zu einer Zulassung bleiben Rachenabstrich, rechtzeitige Antibiotikagabe und Hygienemaßnahmen die wichtigsten Werkzeuge.
Quellen
- S2k-Leitlinie "Therapie der Tonsillo-Pharyngitis" (AWMF-Register-Nr. 017-024), Stand März 2024
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Scharlach – Informationen und Meldepflicht: sozialministerium.gv.at
- RKI-Ratgeber „Streptococcus pyogenes-Infektionen" – Robert Koch-Institut: rki.de
- WHO: Fact sheet „Rheumatic heart disease": who.int
- WHO Disease Outbreak News: „Multi-country increase in scarlet fever and invasive Group A streptococcus infection", Dezember 2022: who.int
- Carapetis JR, Steer AC, Mulholland EK, Weber M: The global burden of group A streptococcal diseases. Lancet Infectious Diseases 2005;5(11):685–694 (PMID 16253886): pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- CDC – Clinical Guidance for Group A Streptococcal Pharyngitis: cdc.gov
- Wikipedia: Scarlet fever – internationale Fallentwicklung (Hongkong, Vereinigtes Königreich, Südkorea, China): en.wikipedia.org
- Wikipedia: Streptococcal toxic shock syndrome – u. a. japanische Surveillance-Daten 2023/2024: en.wikipedia.org
- Kinderspital Zürich – Streptokokken-Angina und Scharlach, Elterninformation: kispi-wiki.ch