Was untersucht wird und warum, wann Bildgebung sinnvoll ist und wann nicht – und wie die Entscheidung zwischen Beobachtung, Aufnahme und Entlassung zustande kommt.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel kann eine Untersuchung nicht ersetzen. Nach einem Sturz kommt es nicht nur darauf an, wie hoch ein Kind gefallen ist. Entscheidend sind sein Alter, der genaue Unfallablauf, die Aufprallfläche, die betroffene Körperregion, mögliche Vorerkrankungen und vor allem der Zustand des Kindes. Bei Bewusstlosigkeit, Atemproblemen, Krampfanfällen, Lähmungszeichen, zunehmender Benommenheit, starker Blutung oder einem schweren Unfall wählen Sie sofort den Rettungsdienst: in Österreich 144 oder 112, in Deutschland 112. Wenn Sie unsicher sind, ob eine Situation akut gefährlich ist, holen Sie lieber frühzeitig professionelle Hilfe.

23 Wenn nicht der Sturz, sondern eine Erkrankung zuerst kam

Manchmal fällt ein Kind nicht wegen Stolpern oder Schubsen, sondern verliert zuerst das Bewusstsein oder die Muskelkontrolle. Dann muss neben den Verletzungen die Ursache des Sturzes geklärt werden. Besonders wichtig ist die Reihenfolge: Gab es Schwindel, Herzrasen oder Schwarzwerden vor Augen vor dem Aufprall, oder erst danach?

Ohnmacht und Kreislaufreaktion

Eine vasovagale Ohnmacht ist bei älteren Kindern und Jugendlichen häufig. Typische Auslöser sind langes Stehen, Hitze, Schmerz, Angst, Flüssigkeitsmangel oder Blutsehen. Oft gehen Übelkeit, Schwitzen, Blässe, Ohrensausen oder ein enger werdendes Gesichtsfeld voraus. Im Liegen kehrt das Bewusstsein meist rasch zurück.

Trotzdem benötigt eine erste oder unklare Bewusstlosigkeit eine medizinische Einordnung. Besonders alarmierend sind Ohnmacht während körperlicher Belastung, ohne Vorwarnung, im Liegen, zusammen mit Brustschmerz oder Herzrasen sowie eine Familiengeschichte plötzlicher ungeklärter Todesfälle in jungem Alter. Dann müssen unter anderem Herzrhythmusstörungen ausgeschlossen werden.

Krampfanfall

Ein Krampfanfall kann zum Sturz führen; ein Sturz auf den Kopf kann umgekehrt einen Krampfanfall auslösen. Augenzeugenangaben zur Reihenfolge sind entscheidend. Bei einem Anfall wird das Kind vor Gegenständen geschützt, nicht festgehalten und es wird nichts in den Mund gesteckt. Zeit stoppen, nach Ende Atmung prüfen und entsprechend Notrufkriterien handeln.

Fieberkrämpfe betreffen typischerweise jüngere Kinder mit Fieber und werden im eigenen Artikel ausführlich behandelt. Ein erster afebriler Anfall, ein lang anhaltender Anfall, mehrere Anfälle ohne vollständige Erholung oder ein Anfall nach Kopftrauma erfordern dringende ärztliche Beurteilung.

Unterzuckerung, Medikamente und Substanzen

Kinder mit Diabetes können bei Unterzuckerung zittrig, blass, verwirrt oder bewusstlos werden. Ein individueller Notfallplan und schnell verfügbarer Zucker beziehungsweise Glukagon nach ärztlicher Verordnung sind wichtig. Einer bewusstlosen Person wird nichts eingeflößt.

Bei Jugendlichen müssen Alkohol, Cannabis, Medikamente und andere Substanzen wertfrei erfragt werden. Eine Intoxikation kann Sturzrisiko und Blutungsgefahr erhöhen und neurologische Warnzeichen verdecken. Betreuungspersonen sollen vermutete Substanzen ehrlich nennen; diese Information dient der sicheren Behandlung.

Wiederholte Stürze

Häufige Stürze können in einer Entwicklungsphase normal sein, besonders beim Laufenlernen. Neu aufgetretene, zunehmende oder asymmetrische Stürze können jedoch auf Sehprobleme, Muskelschwäche, Gleichgewichtsstörung, neurologische Erkrankung, Gelenkprobleme oder ungeeignetes Schuhwerk hinweisen. Rückschritt bereits erworbener Fähigkeiten, Kopfschmerzen am Morgen, Erbrechen, einseitige Schwäche oder deutliche Wesensveränderung benötigen zeitnahe Abklärung.

24 Was passiert bei der ärztlichen Untersuchung?

Eltern erwarten nach einem Sturz verständlicherweise eine Untersuchung, die eine schwere Verletzung mit absoluter Sicherheit ausschließt. In der Akutmedizin entsteht Sicherheit jedoch meist nicht durch einen einzelnen Test. Ärztinnen und Ärzte verbinden Unfallgeschichte, wiederholte Beobachtung, körperlichen und neurologischen Befund sowie gezielte Bildgebung. Manchmal ist gerade der stabile Verlauf über mehrere Stunden die wichtigste zusätzliche Information.

Die Unfallgeschichte

Zunächst wird geklärt, was vor, während und nach dem Sturz geschah. Hilfreich sind Uhrzeit, ungefährer Ausgangspunkt, Untergrund, erster Aufprallpunkt und Zwischenkontakte. Bei Verkehr oder Sport kommen Geschwindigkeit, Kollision, Helm und mögliche Rotation hinzu. Ebenso wichtig ist, ob das Kind sofort schrie, bewusstlos war, sich an das Ereignis erinnert und seitdem erbrochen hat oder anders wirkt.

Die Ärztin oder der Arzt fragt außerdem nach:

  • Alter und Entwicklungsstand
  • früheren Gehirnerschütterungen oder Verletzungen
  • Blutungsneigung oder Gerinnungsstörung
  • Medikamenten einschließlich Blutverdünnung
  • ventrikuloperitonealem Shunt
  • neurologischen oder entwicklungsbezogenen Besonderheiten
  • Alkohol, Cannabis oder anderen Substanzen bei Jugendlichen
  • Beschwerden unmittelbar vor dem Sturz
  • vorhandener sicherer Betreuung zu Hause.

Widersprüchliche Angaben werden nicht automatisch als Täuschung gewertet. Mehrere Zeugen erinnern sich unterschiedlich, und Stress verändert Wahrnehmung. Wenn Verletzung, Entwicklungsstand und Geschichte aber nicht zusammenpassen, muss professionell weitergefragt werden.

Der erste Gesamteindruck

Noch bevor einzelne Tests beginnen, werden Atmung, Hautfarbe, Haltung, spontane Bewegung, Kontakt und Verhalten beurteilt. Ein Kleinkind, das interessiert in der Umgebung spielt und beide Hände benutzt, liefert andere Informationen als ein ungewöhnlich stilles Kind, das Blickkontakt vermeidet oder einen Arm nicht bewegt.

Bei schwer Verletzten erfolgt die strukturierte Traumabeurteilung nach lebenswichtigen Prioritäten: Atemweg mit Schutz der Halswirbelsäule, Atmung, Kreislauf und Blutung, neurologischer Zustand sowie vollständige Untersuchung unter Wärmeerhalt. Zeitkritische Probleme werden behandelt, bevor eine ausführliche Anamnese abgeschlossen ist.

Neurologische Untersuchung

Zur neurologischen Beurteilung gehören altersangepasst:

  • Bewusstseinslage und Reaktion
  • Sprache oder Lautäußerung
  • Orientierung und Erinnerung
  • Pupillengröße und Lichtreaktion
  • Kraft und symmetrische Bewegung
  • Gefühl
  • Koordination und Gang
  • Gleichgewicht
  • Blickbewegungen und Sehen.

Die Glasgow Coma Scale, kurz GCS, beschreibt Augenöffnung, sprachliche Reaktion und motorische Reaktion. Für kleine Kinder werden die Antworten altersgerecht bewertet. Eine Zahl ist hilfreich, ersetzt aber nicht die Beschreibung des tatsächlichen Verhaltens. Ein einzelner GCS-Wert kann außerdem durch Schmerz, Angst, Müdigkeit, Medikamente, Intoxikation oder Entwicklungsstand beeinflusst sein.

Untersuchung von Kopf bis Fuß

Der Kopf wird auf Wunden, Schwellungen und tastbare Defekte untersucht. Ohren, Nase, Mund und Zähne werden kontrolliert. Ärztinnen und Ärzte prüfen Nacken und Wirbelsäule, Brustkorb, Bauch, Becken und Extremitäten. Bei einem Bruchverdacht werden Durchblutung, Bewegung und Gefühl distal der Verletzung dokumentiert.

Das Kind wird nur so weit entkleidet, wie für eine vollständige Untersuchung nötig, und vor Auskühlung geschützt. Bei Säuglingen werden auch Haut und Mund nach weiteren Verletzungen angesehen. Mehrere Blutergüsse an ungewöhnlichen Stellen oder Verletzungen verschiedener Heilungsstadien können eine erweiterte Abklärung auslösen.

25 Bildgebung und weitere Diagnostik

Röntgen

Röntgenbilder eignen sich besonders zur Beurteilung vieler Knochenverletzungen. Nicht jeder Bruch ist im ersten Bild eindeutig. Feine Frakturen, bestimmte Wachstumsfugenverletzungen oder ungünstig getroffene Ebenen können zunächst unauffällig erscheinen. Deshalb bleiben klinischer Befund, Ruhigstellung und Verlaufskontrolle wichtig.

Ein Röntgenbild des Schädels ersetzt bei Verdacht auf eine Verletzung im Schädelinneren kein Kopf-CT. Auch ein Schädelultraschall durch die Fontanelle ist kein allgemeiner Ersatz für die nach Leitlinie erforderliche Bildgebung. Solche Untersuchungen haben spezielle Einsatzbereiche, dürfen aber nicht zu falscher Sicherheit führen.

Computertomografie

Das CT ist schnell und erkennt akute Blutungen, viele Schädelbrüche sowie zahlreiche schwere Brust- oder Bauchverletzungen. Bei einem instabilen oder neurologisch auffälligen Kind kann es lebensrettend sein. Weil ionisierende Strahlung verwendet wird, soll es bei niedrigem Risiko nicht routinemäßig erfolgen.

Die Strahlenfrage wird weder verharmlost noch dramatisiert. Das langfristige Zusatzrisiko einer einzelnen Untersuchung ist klein, aber nicht null und bei Kindern besonders sorgfältig abzuwägen. Wenn eine klinisch bedeutsame Blutung wahrscheinlich ist, überwiegt der unmittelbare diagnostische Nutzen. Wenn das Risiko sehr niedrig ist, kann Beobachtung sicherer sein als ein CT „nur zur Beruhigung“.

Magnetresonanztomografie

Das MRT arbeitet ohne ionisierende Strahlung und zeigt Gehirn, Rückenmark, Bänder und andere Weichteile detailliert. Es dauert länger, ist nicht überall rund um die Uhr verfügbar und erfordert, dass das Kind ruhig liegt. Säuglinge und jüngere Kinder benötigen je nach Untersuchung möglicherweise Sedierung oder Narkose. Für die schnelle Erstdiagnostik einer möglichen akuten Hirnblutung ist das CT deshalb häufig geeigneter. Spezialisierte Kliniken können in ausgewählten Situationen schnelle MRT-Protokolle verwenden.

Ultraschall

Ultraschall ist strahlungsfrei und bei bestimmten Fragestellungen sehr nützlich. Nach schwerem Trauma kann ein fokussierter Ultraschall nach freier Flüssigkeit suchen. Ein negatives Ergebnis schließt jedoch nicht jede Organ- oder Darmverletzung aus. Bei Gelenken, Weichteilen und jungen Knochen hat Ultraschall weitere Einsatzmöglichkeiten, die von Erfahrung und Körperregion abhängen.

Labor und andere Untersuchungen

Blutuntersuchungen können bei Verdacht auf Blutverlust, Organverletzung, Gerinnungsproblem, Stoffwechselstörung oder Intoxikation helfen. Sie beweisen oder widerlegen eine Gehirnerschütterung nicht. Für Kinder gibt es derzeit keinen validierten Bluttest, der eine Gehirnerschütterung zuverlässig diagnostiziert oder eine erforderliche klinische Untersuchung ersetzt.

Wenn eine Ohnmacht dem Sturz vorausging, können Blutdruckmessung im Liegen und Stehen, Blutzucker und ein Elektrokardiogramm sinnvoll sein. Weitere Untersuchungen richten sich nach Belastungsbezug, Familiengeschichte und Befund. Bei einem möglichen Krampfanfall werden Ereignisbeschreibung, neurologischer Status und individuelle Risiken berücksichtigt; ein EEG ist nicht in jeder Akutsituation sofort notwendig.

26 Beobachtung, Aufnahme oder Entlassung

Warum Beobachtung eine aktive Entscheidung ist

Eine strukturierte Beobachtung ermöglicht, Veränderungen zu erkennen, bevor sie übersehen werden. Pflegepersonal und ärztliches Team kontrollieren in festgelegten Abständen Bewusstsein, Pupillen, Atmung, Kreislauf, Bewegung und Beschwerden. Bei einem stabilen oder besser werdenden Kind kann dadurch ein unnötiges CT vermieden werden. Bei Verschlechterung wird die Diagnostik erweitert.

Wie lange beobachtet wird, hängt von Unfallzeit, Alter, Mechanismus, Symptomen und Risikofaktoren ab. Eine starre Regel wie „vier Stunden ab Eintreffen“ wäre zu einfach. Manche Leitlinien beziehen sich auf die Zeit seit dem Unfall; manche Kinder benötigen längere Überwachung.

Gründe für eine stationäre Aufnahme

Eine Aufnahme kann erforderlich sein bei:

  • auffälliger Bildgebung
  • anhaltend verändertem Bewusstseinszustand
  • wiederholtem Erbrechen oder nicht kontrollierbaren Beschwerden
  • neurologischen Auffälligkeiten
  • relevanter Begleitverletzung
  • notwendiger Operation oder enger Überwachung
  • sehr jungem Alter und unsicherem Befund
  • Blutungsrisiko oder bedeutender Vorerkrankung
  • fehlender zuverlässiger Betreuung beziehungsweise zu großer Entfernung zu Hilfe
  • Kinderschutzbedenken.

Eine stationäre Beobachtung bedeutet nicht automatisch, dass eine schwere Hirnverletzung gefunden wurde. Oft ist sie die sicherste Möglichkeit, Unsicherheit zu überbrücken.

Voraussetzungen für eine Entlassung

Vor der Entlassung sollte das Kind altersentsprechend reagieren, einen stabilen neurologischen Befund haben und – soweit erforderlich – Flüssigkeit vertragen. Schmerzen und Übelkeit müssen ausreichend beherrschbar sein. Es darf kein anderer Grund für eine Aufnahme bestehen.

Eltern benötigen mündliche und schriftliche Informationen zu:

  • erwartbaren Beschwerden
  • Warnzeichen und Rückkehrgründen
  • verantwortlicher Betreuung
  • Schlaf und nächtlichen Kontrollen
  • Schmerzmitteln
  • Kita, Schule, Bildschirm und Sport
  • Nachkontrolle.

Die beste Entlassungsinformation ist konkret. „Bei Verschlechterung wiederkommen“ reicht nicht, wenn nicht erklärt wird, was Verschlechterung bedeutet und wohin sich die Familie wenden soll.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Die ersten Minuten und die drei Wege Abschnitt 1–4 · 4
  2. 2. Erste Hilfe – und warum die Fallhöhe nichts entscheidet Abschnitt 5–6 · 2
  3. 3. Kopfverletzung, Gehirnerschütterung und Schlaf Abschnitt 7–8 · 2
  4. 4. Nacken, Wirbelsäule, Knochen und Rumpf Abschnitt 9–11 · 3
  5. 5. Gesicht, Zähne und Haut Abschnitt 12–13 · 2
  6. 6. Babys: Wickeltisch, Bett und Hochstuhl Abschnitt 14–16 · 3
  7. 7. Treppe, Fenster und Hochbett Abschnitt 17–19 · 3
  8. 8. Draußen: Spielplatz, Rad und Sport Abschnitt 20–22 · 3
  9. 9. In der Ordination und im Krankenhaus Abschnitt 23–26 · 4
  10. 10. Die Tage danach Abschnitt 27–28 · 2
  11. 11. Wenn etwas nicht zusammenpasst Abschnitt 29–31 · 3
  12. 12. Vorbeugen ohne Überbehütung Abschnitt 32–36 · 5
  13. 13. Die ersten 24 Stunden zu Hause Abschnitt 37–42 · 6
  14. 14. Verletzungen im Detail Abschnitt 43–48 · 6
  15. 15. Transport, Zuständigkeit, Kosten und Produktsicherheit Abschnitt 49–54 · 6
  16. 16. Was die Evidenz hergibt Abschnitt 55–58 · 4
  17. 17. Zurück in Alltag, Schule und Sport Abschnitt 59–62 · 4
  18. 18. Irrtümer, Entscheidungshilfe und Fallbeispiele Abschnitt 63–67 · 5
  19. 19. Sicherheitsrundgang, Glossar und Quellen Abschnitt 68–70 · 3