Was die Sprachräume zeigen
Deutsche, französische, italienische, spanische, portugiesische, japanische, koreanische und chinesische Studien wurden in der Landessprache gesucht – nicht nur über englische Übersichten. Was jeder Sprachraum beiträgt, wo die Befunde übereinstimmen und wo ein Land eine Besonderheit hat.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber ist ein Nachschlagewerk zur Studienlage und ersetzt keine Untersuchung und keine individuelle Therapieentscheidung. Er fasst zusammen, was internationale Leitlinien, und Übersichtsarbeiten zu Vitamin D im Kindes- und Jugendalter zeigen – und ebenso ehrlich, wo die Belege dünn sind. Welche Dosis, welcher Zielwert und welche Kontrolle für Ihr Kind passt, hängt von Alter, Ernährung, Vorerkrankungen, Medikamenten und Jahreszeit ab und gehört in ein Gespräch in der Ordination.
Einige Zeichen gehören nicht in den Abwartemodus, sondern zeitnah in ärztliche Hände. Bei Säuglingen: Krampfanfälle, ausgeprägte Reizbarkeit, schlaffer Muskeltonus, eine verzögerte motorische Entwicklung oder eine Gedeihstörung. Bei Kleinkindern: fortschreitende oder einseitige Beinachsenabweichungen, verbreiterte Handgelenke oder Knöchel, Muskelschwäche und verzögertes Laufenlernen. Bei Jugendlichen: diffuse Knochenschmerzen, Muskelschwäche, Belastungsbeschwerden oder Frakturen ohne passende Ursache. Und bei jedem Kind, das Vitamin D einnimmt: Appetitverlust, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Bauchschmerz, auffälliger Durst mit häufigem Wasserlassen, Austrocknung, Muskelschwäche, Müdigkeit oder Verhaltensänderungen – das sind mögliche Zeichen einer Überdosierung mit erhöhtem Kalziumspiegel, besonders nach Verwechslung hochkonzentrierter Präparate oder wiederholten hochdosierten Einzelgaben.
Der Text beruht auf einer fachlichen Evidenzsynthese und wurde für Eltern in Alltagssprache übertragen – Satz für Satz, ohne Aussagen wegzulassen oder abzuschwächen. Fachwörter, die in der Ordination fallen, stehen weiterhin da, jeweils mit einer kurzen Erklärung; statistische Kennzahlen lassen sich anklicken. Alle Zahlen sind mit ihrer Quelle genannt; die 91 Kernquellen stehen im Studienatlas und in der Quellenliste am Ende.
481 Warum die Landessprache relevant ist
Eine Recherche, die nur englischsprachige Studien berücksichtigt, unterschätzt nationale Empfehlungen, regionale studien (Untersuchungen dazu, wie häufig ein niedriger Vitamin-D-Wert in einer Bevölkerung ist) und ältere klinische Literatur, also ältere Berichte aus der Behandlung von Patientinnen und Patienten. Zugleich erscheinen viele hochwertige europäische Arbeiten heute auf Englisch. Die „Sprache der Studie“ ist deshalb nicht dasselbe wie das „Land der Studie“. Für dieses Review – eine Übersichtsarbeit über die vorhandenen Studien – wurde beides erfasst: englischsprachige Arbeiten aus Deutschland/Frankreich/Italien/Spanien ebenso wie Veröffentlichungen in der jeweiligen Landessprache.
482 Deutschsprachige Literatur
Die deutschsprachige Vitamin-D-Literatur hat eine lange Geschichte. Die Literaturdatenbank PubMed führt deutschsprachige Arbeiten zur Rachitis – einer Störung des Knochenaufbaus im Wachstum mit weichen, verformbaren Knochen – aus den 1960er- und 1970er-Jahren, darunter Untersuchungen zum Stoffwechsel (metabolische) und zur Niere (nephrologische). Diese historischen Studien sind wissenschaftsgeschichtlich von Bedeutung; ihre Konzepte zu Dosierung und Laborwerten entsprechen aber nicht immer heutigen Standards.
Für die heutige Versorgung sind DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), RKI (Robert Koch-Institut) und AWMF (Dachverband der medizinischen Fachgesellschaften) wichtiger. Die KiGGS-Daten, eine große Gesundheitsstudie bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, zeigen, wie sich der Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D in der Bevölkerung verteilt. Die AWMF-S1-Leitlinie zur Vitamin-D-Mangel-Rachitis (S1: einfachste Leitlinienstufe, eine Expertenempfehlung ohne systematische Studienbewertung) enthält Dosierungsschemata für die Behandlung. Die 2026 angemeldete Leitlinie zur Vitamin-D-Versorgung bei Kindern und Jugendlichen signalisiert, dass die deutsche Fachwelt die uneinheitliche (heterogene) Evidenz, also Studienlage, über das Säuglingsalter hinaus neu ordnet.
Die Schweizer Literatur ergänzt den deutschsprachigen Raum um Studien bei Jugendlichen und Migrationsgruppen sowie um Erhebungen zur ärztlichen Supplementationspraxis, also dazu, wie Vitamin-D-Präparate tatsächlich verordnet werden. Besonders die hohe Hypovitaminose- – der große Anteil mit Vitamin-D-Mangel – in ausgewählten Kohorten (untersuchten Gruppen) mit Migrationshintergrund unterstreicht die Bedeutung gezielter Vorbeugung (Prävention).
483 Französischsprachige Literatur
Frankreich hat eine starke Tradition darin, Vitamin-D-Mangel mit Arzneimitteln vorzubeugen (pharmakologische Prävention), teilweise mit intermittierenden Dosen – Gaben in größeren Abständen statt täglich. Die 2022 aktualisierten Empfehlungen der Société Française de Pédiatrie, der französischen Fachgesellschaft für Kinderheilkunde, nennen ausdrückliche Strategien für 0–18 Jahre und unterscheiden nach Risikofaktoren und Adhärenz, also danach, wie zuverlässig eine Einnahme tatsächlich erfolgt.
Französische bei Schulkindern – Messungen bei vielen Kindern zu einem einzigen Zeitpunkt – zeigen je nach Jahreszeit niedrige Werte trotz gemäßigtem Breitengrad. Eine multizentrische Studie (an mehreren Orten zugleich) bei 6- bis 10-Jährigen fand nur wenige Kinder mit schwerer Defizienz (schwerem Mangel), aber einen größeren Anteil unter 50 nmol/l. In der Bretagne waren niedrige Werte bei Kindern ohne Vitamin-D-Präparat deutlich häufiger. Real-World-Arbeiten aus 2025 – Studien aus dem tatsächlichen Alltag – zeigen, dass die tatsächliche Adhärenz hinter den Empfehlungen zurückbleibt: Die Präparate werden weniger zuverlässig eingenommen als empfohlen.
Frankreich zeigt damit einen wichtigen Public-Health-Punkt (Public Health: Gesundheit der ganzen Bevölkerung): Eine formal breite Empfehlung zur Supplementation, also zur Gabe von Vitamin-D-Präparaten, garantiert keine tatsächliche Versorgung. Implementierungsforschung – wie Empfehlungen im Alltag umgesetzt werden – ist deshalb ebenso wichtig wie Dosisforschung.
484 Italienische Literatur
Der italienische pädiatrische Konsens von SIP, SIPPS und FIMP (gemeinsame Stellungnahme von Kinderheilkunde-Fachgesellschaften) ist international gut sichtbar, obwohl er auf Englisch erschien. Er empfiehlt eine universelle Prophylaxe (vorbeugende Gabe für alle) im ersten Lebensjahr und danach eine risikobasierte Versorgung. Italienische Studien untersuchen auch Adipositas (starkes Übergewicht), Pubertät, IBD (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen), Zöliakie (durch Gluten ausgelöste Autoimmunerkrankung des Dünndarms) und Allergie.
Epidemiologisch (Verteilung in der Bevölkerung) ist Italien heterogen, also uneinheitlich: ein Nord-Süd-Gradient (ein stufenweiser Unterschied zwischen Norden und Süden), unterschiedliche Sonneneinstrahlung und große Städte führen zu variabler Sonnenexposition. Der Konsens vermeidet deshalb ein universelles Screening (Bluttest bei allen Kindern) und priorisiert klinische Risikofaktoren (Merkmale aus Vorgeschichte und Untersuchung).
485 Spanische Literatur
Spanische Arbeiten sind besonders wertvoll, weil sie die naheliegende Gleichung „viel Sonne = kein Vitamin-D-Problem“ widerlegen. Studien aus Asturien, Valencia, Galicien und anderen Regionen zeigen teils hohe Anteile von Kindern mit Werten unter 20 ng/ml oder 50 nmol/l (verschiedene Maßeinheiten für denselben Blutwert), vor allem im Winter/Frühjahr, bei älteren Kindern und in bestimmten Migrationsgruppen.
Eine Auswertung der spanischen INMA-Studie bei Vierjährigen aus Asturien fand im Mittel nur ungefähr 20 ng/ml; mehr als die Hälfte lag nach dem verwendeten Cut-off – der Grenze, unter der ein Wert als niedrig gilt – unter 20 ng/ml. Eine Schulkindstudie berichtete bei etwa der Hälfte Werte unter 50 nmol/l. Bei Kleinkindern aus Valencia waren dunklere Phototypen, also dunklere Hauttypen, und Winter/Frühjahr Risikofaktoren. Diese Arbeiten zeigen übereinstimmende (konsistente) Einflussfaktoren (Determinanten). Die angaben – die Anteile betroffener Kinder – sind wegen der unterschiedlichen Cut-offs aber nicht direkt vergleichbar.
486 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Die vier Sprachräume zeigen ähnliche Risikomuster: Winter, höheres Alter, wenig Sonne (geringe Sonnenexposition), dunklere Haut, Migration, Adipositas (starkes Übergewicht) und chronische, also dauerhafte Erkrankungen. Die Unterschiede liegen weniger in der Biologie als in den Public-Health-Strategien – darin, wie ein Land die Versorgung der ganzen Bevölkerung organisiert. Frankreich setzt stärker auf Supplementation, die Gabe von Vitamin-D-Präparaten, über die gesamte Kindheit. Deutschland konzentriert sich klar auf die Säuglingsprophylaxe, die vorbeugende Gabe im Säuglingsalter, und auf eine risikobasierte Versorgung älterer Kinder. Italien wählt nach dem ersten Lebensjahr eine risikobasierte Strategie. Spanien zeigt eine regional uneinheitliche (heterogene) Praxis.
487 Was das für internationale Übersichtsarbeiten bedeutet
Mehrsprachigkeit verändert die Evidenz (Studienlage) weniger bei großen RCT-Endpunkten – RCT: , das Los entscheidet über die Zuteilung – als bei Epidemiologie (Verbreitung in der Bevölkerung), Implementierung (Umsetzung) und lokalen Leitlinien. Wer nur englische PubMed- (Zusammenfassungen mehrerer Studien) liest, erhält eine gute Wirksamkeitseinschätzung, aber ein unvollständiges Bild realer Versorgung und regionaler Risikogruppen.
488 Wo ostasiatische Studien zu finden sind
Die japanische, koreanische und chinesische pädiatrische (kinderheilkundliche) Vitamin-D-Literatur ist nur zum Teil in PubMed erfasst, zum Teil nur in nationalen Datenbanken. Japan bietet mit J-STAGE einen gut zugänglichen Bestand an Volltexten; koreanische Arbeiten finden sich in KoreaMed und KCI; chinesische Literatur verteilt sich auf CNKI, Wanfang, VIP und CBM/SinoMed. Gerade chinesische Netzwerk- – Auswertungen, die mehrere Studien zusammenfassen und dabei auch Behandlungen vergleichen, die nie direkt gegeneinander getestet wurden – zeigen, dass zusätzliche lokale RCTs (, in denen das Los entscheidet) existieren, die bei rein westlichen Datenbanksuchen fehlen.
489 Japan: Mangel mit Beschwerden statt nur niedriger Laborwerte
Die 2018 veröffentlichte landesweite japanische Erhebung ist ungewöhnlich wertvoll, weil sie nicht nur niedrige Laborwerte untersuchte, sondern symptomatische Defizienz – einen Vitamin-D-Mangel, der bereits Beschwerden macht. Fragebögen gingen an 855 pädiatrische Kliniken (Kinderkliniken); 250 Kinder mit Rachitis (einer Störung des Knochenaufbaus im Wachstum, bei der die Knochen weich bleiben und sich verformen) und/oder Hypokalzämie (einem zu niedrigen Kalziumspiegel im Blut) wurden gemeldet. Daraus wurde geschätzt, dass es pro Jahr etwa 183 Fälle mit Symptomen gibt. Die – die Zahl der Neuerkrankungen in einem Jahr – lag bei ungefähr 1,1 pro 100.000 Kinder unter 15 Jahren und bei 3,5 pro 100.000 unter fünf Jahren.
In der genauer ausgewerteten Untergruppe der Kinder unter fünf Jahren hatten 83 % gebogene Beine, 88 % waren ausschließlich gestillt, 49 % hatten eine eingeschränkte (restriktive) oder unausgewogene Ernährung und 31 % bekamen zu wenig Sonne. Von 75 Kindern lag ein Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D vor; der – der Wert, der die Gruppe in eine obere und eine untere Hälfte teilt – betrug 9 ng/ml, und 96 % lagen unter dem damals gültigen Referenzbereich (Normalbereich). Parathormon (PTH), ein Hormon der Nebenschilddrüsen, das den Kalziumspiegel im Blut hochhält, und die alkalische Phosphatase, ein Enzym, das bei gestörtem Knochenaufbau ansteigt, waren häufig deutlich erhöht.
Die Studie zeigt einen zentralen Unterschied: zwischen „biochemisch niedrig“ – einem niedrigen Laborwert – und einer klinisch manifesten Erkrankung, also einer Erkrankung mit erkennbaren Symptomen. Bevölkerungsweite Untersuchungen finden viele Kinder mit Werten unter 20 ng/ml. Die Inzidenz einer Rachitis mit Symptomen liegt dagegen um Größenordnungen niedriger, also nicht nur etwas, sondern um das Zehn- oder Hundertfache.
490 Japan: gesunde Säuglinge und Kleinkinder
Eine in J-STAGE veröffentlichte Studie von 2018 untersuchte 290 gesunde Kinder im Alter von 0–48 Monaten in Shizuoka und Tokio. Defizienz (Mangel) war als Wert <12 ng/ml definiert, Insuffizienz (unzureichende Versorgung) als 12–20 ng/ml. Die jüngste Gruppe, 0–5 Monate alt, hatte einen von etwa 19 ng/ml – der Median ist der Wert, der die Gruppe in eine obere und eine untere Hälfte teilt. Ältere Gruppen lagen bei etwa 30 ng/ml. Im Sommer/Herbst waren die Werte höher als im Winter/Frühjahr.
Besonders auffällig war der Unterschied nach Ernährungsform: Ausschließlich gestillte junge Säuglinge hatten einen Median um 12 ng/ml, Säuglinge mit Formula (Säuglingsmilchnahrung) oder gemischter Ernährung etwa 32 ng/ml. Mehr als drei Viertel der gestillten 0–5-Monats-Säuglinge lagen nach den Grenzwerten der Studie (Cut-offs) im defizienten oder insuffizienten Bereich. Das stützt die Bedeutung einer direkten Vitamin-D-Gabe an den Säugling (Säuglingssupplementation), wenn nicht genügend Vitamin D über Formula zugeführt wird.
491 Japan: Fallberichte bei stark eingeschränkter Ernährung
Japanische Fachzeitschriften veröffentlichen immer wieder Rachitisfälle bei stark eingeschränkter Ernährung (Nahrungsmittelrestriktion), etwa bei Nahrungsmittelallergien oder wenn Fisch gemieden wird. Diese Fälle sind nicht populationsrepräsentativ – sie sagen nichts darüber aus, wie häufig das in der Bevölkerung vorkommt. Sie liefern aber ein klinisches Warnsignal für die Behandlung: Eliminationsdiäten, bei denen bestimmte Lebensmittel weggelassen werden, müssen quantitativ – nach tatsächlichen Mengen – auf Kalzium und Vitamin D überprüft werden. Die Beratung sollte nicht nur „Ersatzprodukte“ nennen, sondern die tatsächlichen Tagesmengen erfassen.
492 Südkorea: große Laborstudie
Eine koreanische Arbeit wertete 13.236 Messungen des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D bei 0- bis 18-Jährigen aus 332 Gesundheitseinrichtungen aus. Defizienz (Mangel) war als <20 ng/ml definiert, Insuffizienz (unzureichende Versorgung) als 20–29,9 ng/ml und Suffizienz (ausreichende Versorgung) als ≥30 ng/ml. Die mittleren Werte sanken mit dem Alter deutlich: Kinder unter sieben Jahren lagen ungefähr bei 24 ng/ml, 7–12-Jährige um 19 ng/ml, 13–15-Jährige um 16 ng/ml und 16–18-Jährige um 15 ng/ml.
Nach dem vergleichsweise hohen Cut-off (Grenzwert) für Suffizienz von 30 ng/ml wurden sehr große Anteile als insuffizient/defizient eingestuft. Risikofaktoren waren höheres Alter, weibliches Geschlecht, Winter/Frühjahr und ein städtisches Umfeld. Es handelte sich um Laborproben, die zur Untersuchung eingeschickt worden waren, und nicht um eine vollständig repräsentative Zufallsstichprobe – also nicht um eine zufällig ausgewählte Gruppe, die alle Kinder des Landes abbildet. Deshalb dürfen die , die Anteile betroffener Kinder, nicht 1:1 auf alle koreanischen Kinder übertragen werden.
493 Korea: Berichte über Rachitisfälle
Eine koreanische pädiatrische Fallserie – eine Beschreibung mehrerer ähnlicher Krankheitsfälle aus der Kinderheilkunde – umfasste 35 Säuglinge und Kleinkinder mit Vitamin-D-Mangel-Rachitis. Der mittlere Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D lag im deutlich niedrigen Bereich; Rachitiszeichen im Röntgenbild waren bei der großen Mehrheit vorhanden. Solche klinischen Reihen ergänzen die Daten aus Laborstudien zur Häufigkeit niedriger Werte. Sie zeigen, dass die manifeste, also ausgebrochene Erkrankung trotz moderner Ernährungssysteme weiterhin vorkommt.
494 China: große Unterschiede zwischen Regionen
Chinesische Studien zeigen enorme regionale Unterschiede. Bei Schulkindern aus Jiangsu wurden etwa 23 % als defizient (im Mangel) und 54 % als insuffizient (unzureichend versorgt) eingestuft. In Beijing lag der – der Wert, der die Gruppe in eine obere und eine untere Hälfte teilt – bei 6–11-Jährigen um 20,9 ng/ml, bei 12–17-Jährigen nur um 14,1 ng/ml. Mädchen, ältere Jugendliche und Kinder aus Städten hatten niedrigere Werte.
Eine Studie aus Yunnan bei mehr als 3.000 6–17-Jährigen berichtete zusammengenommen rund 88 % Insuffizienz/Defizienz. Demgegenüber fand eine 2026 veröffentlichte Untersuchung bei 1.183 Kindern von 0–6 Jahren in Quanzhou/Fujian einen Median von ungefähr 73 nmol/l und nur etwa 2,5 % Defizienz. Solche Unterschiede sind wahrscheinlich durch Alter, Supplementationspraxis (wie Vitamin-D-Präparate dort gegeben werden), Breitengrad, Ernährung, Jahreszeit und die verwendeten Cut-offs (Grenzwerte) bedingt.
495 China: Studien zu Behandlung und Vorbeugung
Bereits 1989 wurde eine randomisierte Winterintervention bei 1- bis 2-jährigen Kindern publiziert – das Los entschied, welche Kinder eine tägliche Vitamin-D-Zufuhr zusammen mit Kalzium bekamen. Eine tägliche Vitamin-D-Zufuhr um 400 IE zusammen mit Kalzium verhinderte darin den jahreszeitlichen Abfall des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D. Neuere chinesische Studien befassen sich mit Rachitistherapie, Adipositas (starkem Übergewicht), Myopie (Kurzsichtigkeit), ADHD (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und anderen Outcomes (Ergebnissen).
Eine 2026 publizierte Netzwerk- zur Rachitis – eine Meta-Analyse fasst mehrere Studien zusammen; eine Netzwerk-Meta-Analyse vergleicht dabei auch Behandlungen, die nie direkt gegeneinander getestet wurden – schloss zehn RCTs () mit 867 Kindern ein und durchsuchte ausdrücklich auch CNKI, Wanfang und VIP. Kombinationen aus Vitamin D und Mineralstofftherapie zeigten bei mehreren biochemischen Endpunkten (Laborwerten als Ergebnis) Vorteile gegenüber Vitamin D allein (Monotherapie). Methodisch ist die Arbeit zugleich ein Beispiel dafür, warum nichtenglische Datenbanken für die Vollständigkeit wichtig sind.
496 Chinesische Fachstellungnahme 2023
Ein chinesischer Konsens von 2023 – eine gemeinsame Stellungnahme von Fachleuten – beschreibt, wie der Vitamin-D-Status (die Versorgung des Körpers mit Vitamin D) beurteilt und verbessert werden kann. Er behandelt Risikofaktoren, Testung und Supplementation, also die Gabe von Vitamin-D-Präparaten. Für internationale Leserinnen und Leser ist wichtig: Chinesische Grenzwerte und Empfehlungen verwenden teilweise andere Fachbegriffe (Terminologie) als europäische Leitlinien. Bei einer Übersetzung sollten Einheiten, Altersgruppen und Dosisintervalle – die Abstände zwischen den Gaben – daher direkt am Original geprüft werden.
497 Was Ostasien insgesamt zeigt
Die Befunde aus Ostasien widerlegen zwei vereinfachende Annahmen. Erstens: Moderne Ernährung lässt die (Ernährungs-)Rachitis, also die durch Vitamin-D- oder Kalziummangel entstehende Form, nicht automatisch verschwinden. Zweitens: Wenn viele Kinder niedrige Laborwerte haben (hohe ), heißt das nicht, dass auch viele Kinder erkranken (hohe symptomatischer, also spürbarer Erkrankung). Japan liefert für diese Gegenüberstellung besonders gute Daten. Korea und China zeigen, dass Alter und Leben in Städten (Urbanisierung) den Vitamin-D-Status stark beeinflussen.
498 Lateinamerikanische Studien finden: LILACS und SciELO
Die Forschung aus Lateinamerika ist in PubMed nicht vollständig erfasst. LILACS und SciELO, zwei weitere Literaturdatenbanken, enthalten kinderheilkundliche (pädiatrische) Arbeiten auf Portugiesisch und Spanisch, darunter Studien zur Häufigkeit in der Bevölkerung (epidemiologische Studien) und kleine RCTs ( mit Losentscheid). Für Vitamin D ist Brasilien besonders produktiv.
499 Brasilianische Labordaten
Eine sehr große brasilianische Auswertung untersuchte mehr als 400.000 Vitamin-D-Messungen im Blut von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0–18 Jahren. Die Messungen stammten aus mehreren Jahren. Der mittlere Wert lag ungefähr bei 29 ng/ml. Sehr niedrige Werte unter 12 ng/ml waren selten. Werte unter 20 ng/ml kamen dagegen deutlich häufiger vor. Alter, weibliches Geschlecht, Jahreszeit und Breitengrad (wie weit ein Ort vom Äquator entfernt liegt) beeinflussten, wie sich die Werte verteilten.
Weil der Datensatz so groß ist, sind seine Zahlen präzise. Er ist aber eine Laborstichprobe – er umfasst nur Kinder, bei denen ein Vitamin-D-Wert bestimmt wurde – und bildet deshalb nicht vollständig die gesamte Bevölkerung ab (nicht vollständig bevölkerungsrepräsentativ). Dennoch zeigt er: Selbst in Brasilien unterscheiden sich die Werte je nach Region und Jahreszeit (geographische und saisonale Gradienten).
500 Brasilianische Schulkinder
Eine systematische Übersicht in portugiesischer Sprache (eine Arbeit, die nach festen Regeln alle Studien zu einer Frage sucht und zusammenfasst) fasste sechs Studien mit ungefähr 2.600 Schulkindern zusammen. Die Studien verwendeten unterschiedliche Grenzwerte (Cut-offs) und berichteten entsprechend unterschiedliche Anteile betroffener Kinder (). Der häufigste Grenzwert für einen Mangel (Defizienz-Cut-off) lag bei 20 ng/ml. Diese Uneinheitlichkeit () macht erneut deutlich: Nationale Prävalenzzahlen lassen sich nur zusammen mit ihrer Definition vergleichen.
501 Studie zu Vitamin D bei starkem Übergewicht
Eine brasilianische Studie untersuchte bei etwa 50 Kindern und Jugendlichen mit Adipositas (starkem Übergewicht) eine Einmaldosis von 300.000 IE Vitamin D. Sie war placebokontrolliert und triple-blind: Ein Teil bekam ein Scheinpräparat (Placebo); weder Kinder noch Studienteam noch Auswertende wussten, wer was erhielt. Nach zwölf Wochen wurden Verbesserungen einzelner Insulin-, Triglyzerid- (Blutfett-) und Stoffwechselwerte (Parameter des metabolischen Syndroms) berichtet. Die Stichprobe war klein, und eine einmalige hohe Dosis (Bolusstrategie) unterscheidet sich von täglicher Versorgung. Die Studie kann daher nur Vermutungen anstoßen (hypothesengenerierend).
502 Sichelzellkrankheit
In Brasilien leben nennenswert viele Kinder und Jugendliche mit Sichelzellkrankheit (SCD), einer angeborenen Erkrankung der roten Blutkörperchen. Eine portugiesischsprachige integrative Übersicht von 2015 (Zusammenschau verschiedener Studienarten) sichtete englische, spanische und portugiesische Literatur und berichtete häufigen Vitamin-D-Mangel (Defizienz) bei Kindern und Jugendlichen mit SCD. Eine spätere (Cochrane fasst Studien nach strengen Regeln zusammen) und eine systematische Übersicht von 2026 bestätigen den hohen Anteil Betroffener (), beurteilen aber zurückhaltend, ob eine Vitamin-D-Gabe (Supplementation) den Kindern spürbar nützt (klinischer Effekt).
503 Medikamente gegen Epilepsie und Vitamin D
Antiepileptika sind Medikamente gegen epileptische Anfälle. Eine systematische Übersicht zum Vitamin-D-Mangel (Defizienz) unter diesen Medikamenten erschien 2020 im Jornal de Pediatria. Ihre Kurzfassungen (Abstracts) lagen auf Englisch und Portugiesisch vor. Von 748 gefundenen Arbeiten wurden 29 in die Auswertung aufgenommen. Zusammengerechnet über alle eingeschlossenen Studien (gepoolt) lag der Anteil mit Vitamin-D-Mangel bei 32 %. Das Beispiel zeigt, wie Autorengruppen aus Lateinamerika internationale Studienergebnisse (Evidenz) zusammenführen und dabei auf die eigene Region beziehen.
504 Portugal
Die EPITeen-Kohorte aus Porto – eine Gruppe von Jugendlichen, die über längere Zeit begleitet wurde – untersuchte den Vitamin-D-Status bei Jugendlichen. Bei 13-Jährigen lag der Mittelwert um 16,5 ng/ml. Im Winter waren die Werte deutlich niedriger. Die Generation-XXI-Kohorte, eine weitere über längere Zeit begleitete Gruppe, lieferte zusätzlich Daten zur Zahngesundheit. Portugal teilt damit das Muster Südeuropas: Viel Sonne schützt nicht vollständig vor niedrigen Werten in bestimmten Jahreszeiten.
505 Was die lateinamerikanischen Daten bedeuten
Die Daten aus Lateinamerika erweitern die Bandbreite an Klimazonen und Bevölkerungsgruppen (ethnischen Kontexten), aus denen Erkenntnisse vorliegen. Sie stützen Mechanismen, die überall gelten – Alter, Jahreszeit, Adipositas (starkes Übergewicht) und Erkrankung – und zeigen zugleich die Grenzen einer einfachen Breitengradtheorie, also der Annahme, dass allein die Entfernung vom Äquator zählt. Damit internationale Übersichtsarbeiten (Reviews) vollständig sind, sollten LILACS und SciELO systematisch berücksichtigt werden.
506 Warum der Blick auf andere Sprachen lohnt
Wer nur auf Englisch in PubMed sucht, unterschätzt die weltweite Forschung nicht zwingend. Viele Forschungsgruppen aus China, Japan, Korea, Spanien, Italien oder Frankreich veröffentlichen auf Englisch. Eine solche Suche kann aber nationale Leitlinien, regionale Fachzeitschriften (Journale) und lokale Daten zur Häufigkeit und Verteilung von Vitamin-D-Mangel (epidemiologische Daten) übersehen. Gerade diese Daten sind besonders wichtig, wenn es um den Anteil betroffener Kinder (), um Ernährung, um die Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D (Fortifikation) und um Versorgungssysteme geht.
507 Deutschland, Österreich und Schweiz
Der deutschsprachige Raum verbindet die vorbeugende Vitamin-D-Gabe an Säuglinge (Säuglingsprophylaxe) mit einer Blutuntersuchung älterer Kinder eher nur bei Risikofaktoren (risikobasierte Testung). Deutschland hat eine lange Tradition, der Rachitis mit Vitamin D vorzubeugen, und klare Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für das Säuglingsalter. Die KiGGS-Daten (aus einer großen Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) zeigen Unterschiede im Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D je nach Jahreszeit und Bevölkerungsgruppe (saisonale und demografische Unterschiede). Daraus wird nicht automatisch abgeleitet, dass jedes Kind mit niedrigem Winterwert krank ist.
Schweizer Studien ergänzen die Studienlage (Evidenz) zu Status und Risikofaktoren. Für Österreich gibt es weniger international sichtbare große Datensätze zu Kindern (pädiatrische Datensätze); in Behandlung und Beratung (klinisch) orientiert man sich häufig an europäischen und deutschsprachigen Empfehlungen. Die Sonneneinstrahlung unterscheidet sich innerhalb des DACH-Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz). Das ändert nichts daran, dass eine einheitliche (standardisierte) Säuglingsprophylaxe notwendig ist.
508 Frankreich
Frankreich verfolgt eine breitere Strategie der Vitamin-D-Gabe (Supplementation) bis ins Jugendalter. Der 2022 veröffentlichte Expertenkonsens (abgestimmte Empfehlung von Fachleuten) empfiehlt für Kinder und Jugendliche insgesamt (die allgemeine pädiatrische Bevölkerung) 400–800 IE/Tag und bei Risikofaktoren höhere Dosen. Gaben in größeren Abständen (intermittierende Optionen) zielen bei älteren Kindern auf die Adhärenz, also darauf, dass ein Präparat tatsächlich regelmäßig eingenommen wird. Französische Studien dokumentieren zugleich Risiken für Vitamin-D-Mangel (Defizienz) in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa bei Adipositas (starkem Übergewicht) oder chronischer Erkrankung.
509 Italien
Die italienische Forschung zeigt trotz der südlicheren Lage Vitamin-D-Mangel in bestimmten Jahreszeiten (saisonale Defizienz) und Risikogruppen. Der nationale pädiatrische Konsens verbindet die vorbeugende Vitamin-D-Gabe an alle Säuglinge (universelle Säuglingsprophylaxe) mit einer Gabe nur bei Risikofaktoren ab dem zweiten Lebensjahr (risikobasierte Supplementation). Das aktuelle italienische Positionspapier zur Rachitis ist besonders nützlich, um erworbene Formen von vererbten (hereditären) Formen zu unterscheiden (Differenzialdiagnose).
510 Spanien
Spanische Studien aus verschiedenen Regionen zeigen: Auch sonnige Länder bieten keine Garantie gegen niedrige Vitamin-D-Werte. Lebensstil, das Leben in Innenräumen in Städten (urbane Innenaktivität), wie viel Haut der Sonne ausgesetzt wird (Hautexposition), Ernährung und Jahreszeit (Saison) beeinflussen den Status. Die Anteile betroffener Kinder (werte) unterscheiden sich von Region zu Region erheblich. Das erschwert direkte Vergleiche, solange Labormethoden (Assays) und Grenzwerte (Cut-offs) nicht vereinheitlicht (standardisiert) sind.
511 Portugal und Brasilien
Portugiesische Studien an Kindern (pädiatrische Studien) befassen sich unter anderem mit dem Vitamin-D-Status und mit Messgrößen der Zahngesundheit (dentalen Parametern) beziehungsweise der allgemeinen Gesundheit. Brasilien liefert über die Datenbanken PubMed, SciELO und LILACS relevante Literatur zu Vitamin-D-Mangel (Defizienz), zu Antiepileptika (Medikamenten gegen epileptische Anfälle) und zu chronischen Erkrankungen. Dort wird zweisprachig oder auf Portugiesisch veröffentlicht. Diese Publikationslandschaft ist ein Beispiel dafür, warum die Datenbank LILACS in weltweiten Übersichtsarbeiten (globalen Reviews) wichtig sein kann.
512 Japan
Die japanischen Daten sind besonders lehrreich. Japan hat ein hochentwickeltes Gesundheitssystem – und zugleich klare Vitamin-D-Probleme, die von der Jahreszeit und von der Ernährung abhängen. Beides besteht nebeneinander. Die landesweite Erhebung von Fällen mit Beschwerden oder sichtbaren Zeichen (symptomatische Fälle) fand eine niedrige Zahl an Neuerkrankungen insgesamt (niedrige absolute ), aber klare Risikomuster: Ausschließliches Stillen, eine eingeschränkte (restriktive) Ernährung und wenig Sonne auf der Haut (geringe Sonnenexposition) waren bei den gemeldeten Fällen häufig. Eine getrennte Studie an gesunden Säuglingen zeigte sehr niedrige mittlere Werte (Medianwerte) bei jungen Säuglingen, die ausschließlich gestillt wurden – verglichen mit Säuglingen, die Säuglingsmilchnahrung (Formula) oder eine Mischung aus beidem bekamen. Außerdem zeigte sie deutliche Unterschiede zwischen den Jahreszeiten.
Diese Befunde sprechen nicht gegen das Stillen. Sie zeigen, dass eine funktionierende Strategie zur Vitamin-D-Gabe (Supplementationsstrategie) notwendig ist.
513 Südkorea
Koreanische Labordatensätze berichten einen hohen Anteil niedriger Werte des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D, besonders bei älteren Kindern und Jugendlichen. Solche Datensätze aus Kliniken und Laboren (Klinik-/Laborkohorten) sind jedoch nicht mit Erhebungen gleichzusetzen, die die gesamte Bevölkerung abbilden (bevölkerungsrepräsentative Surveys). Denn getestet wurden nicht zufällig ausgewählte Kinder, sondern eine besondere Auswahl (die getesteten Kinder sind selektiert). Dass die Werte mit dem Alter sinken, ist biologisch plausibel, also nachvollziehbar: Jugendliche sind häufig weniger draußen, und Körperzusammensetzung und Lebensstil verändern sich.
514 China
China weist enorme geografische Unterschiede auf. Nördliche und südliche Regionen, Urbanisierung (Leben in Städten), Luftverschmutzung, Ernährung und örtliche Vorbeugeprogramme führen zu sehr unterschiedlichen Anteilen Betroffener (heterogene ). Arbeiten in chinesischer Sprache aus Jiangsu, Beijing, Yunnan, Quanzhou und Zhengzhou zeigen, wie breit in den Regionen geforscht wird.
Besonders wichtig ist, dass chinesische Datenbanken methodisch einbezogen werden. Eine aktuelle Netzwerk- zur Rachitisbehandlung bei Kindern (pädiatrische Rachitistherapie) schloss die chinesischen Datenbanken CNKI, Wanfang und VIP ein. Eine Meta-Analyse fasst mehrere Studien rechnerisch zusammen; die Netzwerk-Variante vergleicht auch Behandlungen, die nie direkt gegeneinander getestet wurden. Damit reicht die Studienbasis (Evidenzbasis) über westlich erfasste (indexierte) Studien hinaus. Gleichzeitig müssen Qualität und mögliche Doppelveröffentlichungen (Doppelpublikationen) sorgfältig geprüft werden.
515 Mongolei
Die große mongolische RCT mit 8.851 Schulkindern ( mit Losentscheid) gehört zu den klinisch aussagekräftigsten Studien des Feldes. Zu Beginn war der Vitamin-D-Mangel sehr ausgeprägt (sehr hohe Ausgangsdefizienz). Mit 14.000 IE/Woche über drei Jahre stiegen die Blutwerte deutlich (biochemische Korrektur). Trotzdem verbesserten sich Wachstum, BMI (Body-Mass-Index, Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße), Körperzusammensetzung und Pubertätsentwicklung nicht relevant. Die Studie ist ein starkes Gegenargument gegen die Vorstellung, der Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels habe automatisch breite Wirkungen auf Wachstum und Stoffwechsel (metabolische Effekte).
516 Indien und Südasien
Indien trägt wesentliche Daten aus RCTs zur Behandlung der Rachitis bei (, in denen das Los über die Behandlung entscheidet). Die Studien vergleichen tägliche Gaben, Gaben in größeren Abständen (intermittierende Gaben) und hohe Einmaldosen sowie Kombinationen aus Kalzium und Vitamin D. Die Ergebnisse stützen zwei Aussagen: Sehr hohe Vitamin-D-Gesamtdosen führen nicht zwingend zu besserer Heilung, und Kalzium kann entscheidend sein.
Südasien ist zudem ein gutes Beispiel für das „Sunshine Paradox“ (Sonnenschein-Paradox): Viel Sonne verhindert einen Vitamin-D-Mangel (Defizienz) nicht, wenn Kleidung, Hautpigmentierung (Hautfarbe), Luftverschmutzung, ein Leben vorwiegend in Innenräumen und Ernährung dafür sorgen, dass weniger UVB-Strahlung die Haut erreicht und weniger Vitamin D gebildet wird (die effektive UVB-/Vitamin-D-Versorgung sinkt).
517 Nigeria und Subsahara-Afrika
Die nigerianischen RCTs zur Rachitis – , bei denen das Los über die Behandlung entscheidet – veränderten das internationale Verständnis wesentlich. Sie zeigten, welche Bedeutung eine niedrige Kalziumzufuhr hat. In manchen Bevölkerungsgruppen (Populationen) wirkte Kalzium allein beziehungsweise die Kombination aus Kalzium und Vitamin D besser als Vitamin D allein (Monotherapie). Daraus entstand die moderne Sicht: Ernährungsrachitis ist ein Vitamin-D- und Kalziumproblem.
518 Nordamerika
RCTs aus Nordamerika ( mit Losentscheid) liefern wichtige Dosisdaten im Säuglingsalter und Empfehlungen für bestimmte Erkrankungen (krankheitsspezifische Empfehlungen), etwa für die cystische Fibrose (CF, Mukoviszidose). Die kanadische Säuglingsstudie mit 400–1600 IE/Tag zeigt, dass höhere Dosen die Laborwerte steigern – ohne klaren Vorteil für Knochen oder Wachstum. Fachgesellschaften aus den USA haben die vorbeugende Gabe von 400 IE an Säuglinge (400-IE-Säuglingsprophylaxe) stark geprägt.
519 Was die Sprachraumanalyse insgesamt zeigt
Erstens: Vitamin-D-Mangel ist kein reines „Nordländerproblem“. Zweitens: Die Ursachen niedriger Werte unterscheiden sich je nach Region – UVB-Strahlung, Ernährung, Kalzium, Anreicherung von Lebensmitteln (Fortifikation), Hautexposition (Sonne auf der Haut), Adipositas (starkes Übergewicht) und Erkrankung. Drittens: Die Botschaft, was eine Behandlung ursächlich bewirkt (die kausale Interventionsbotschaft), bleibt bemerkenswert gleich: Rachitis und echten Mangel (Defizienz) behandeln; Wirkungen außerhalb des Skeletts (extraskelettale Effekte) nicht aus bloßen statistischen Zusammenhängen (Assoziationen) ableiten; Zielwerte für bestimmte Erkrankungen nicht auf alle übertragen (generalisieren).
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Grundlagen: Wie Vitamin D im Körper eines Kindes wirkt Abschnitt 1–16 · 16
- 2. Wie häufig ist ein Mangel? Zahlen aus aller Welt Abschnitt 17–32 · 16
- 3. Rachitis: erkennen, verhindern, behandeln Abschnitt 33–48 · 16
- 4. Wenn Vitamin D nicht das eigentliche Problem ist: erbliche Rachitisformen Abschnitt 49–59 · 11
- 5. Wachstum, Knochendichte und Frakturen Abschnitt 60–70 · 11
- 6. Frühgeborene Abschnitt 71–79 · 9
- 7. Atemwegsinfekte, Asthma und Allergie Abschnitt 80–103 · 24
- 8. Adipositas, Stoffwechsel und Diabetes Abschnitt 104–121 · 18
- 9. Darm und Leber: Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Malabsorption Abschnitt 122–138 · 17
- 10. Chronische Nierenkrankheit Abschnitt 139–146 · 8
- 11. Gehirn, Entwicklung und Psyche Abschnitt 147–164 · 18
- 12. Epilepsie und Medikamente Abschnitt 165–179 · 15
- 13. Intensivmedizin, Blut, Krebs und Rheuma Abschnitt 180–195 · 16
- 14. Zähne, Haut und weitere Krankheitsbilder Abschnitt 196–202 · 7
- 15. Schwangerschaft und Stillzeit Abschnitt 203–214 · 12
- 16. Sicherheit und Überdosierung Abschnitt 215–234 · 20
- 17. Leitlinien im Ländervergleich Abschnitt 235–257 · 23
- 18. Testen oder nicht? Screening und Laborindikation Abschnitt 258–265 · 8
- 19. Dosierung: täglich, wöchentlich, monatlich Abschnitt 266–288 · 23
- 20. Kalzium und Ernährung Abschnitt 289–296 · 8
- 21. Sonne, Jahreszeit und Haut Abschnitt 297–305 · 9
- 22. Labor: Messung, Einheiten und Fehlerquellen Abschnitt 306–327 · 22
- 23. Lebensmittelanreicherung und Public Health Abschnitt 328–343 · 16
- 24. Vegane und stark eingeschränkte Ernährung Abschnitt 344–352 · 9
- 25. Nach Alter: vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen Abschnitt 353–362 · 10
- 26. Grenzwerte, Zielwerte und die Frage nach Ursache und Wirkung Abschnitt 363–372 · 10
- 27. Entscheidungswege Abschnitt 373–393 · 21
- 28. Fallbeispiele und typische Fallstricke Abschnitt 394–418 · 25
- 29. Fragen und Mythen Abschnitt 419–468 · 50
- 30. Das Gespräch in der Ordination Abschnitt 469–480 · 12
- 31. Was die Sprachräume zeigen Abschnitt 481–519 · 39
- 32. Studienatlas: die 91 Kernquellen im Überblick Abschnitt 520–520 · 1
- 33. Evidenzqualität und offene Forschungsfragen Abschnitt 521–551 · 31
- 34. Methodik und Glossar Abschnitt 552–578 · 27
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