Warum widersprechen sich Vitamin-D-Studien so oft? Verschiedene Grenzwerte, verschiedene Labormethoden, Jahreszeit, umgekehrte Ursache und Wirkung, kleine Studien mit vielen Endpunkten. Welche Verzerrungen typisch sind und welche Studien noch fehlen.

  • Abschnitt 521 bis 551 von 578
  • Stand: 18. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber ist ein Nachschlagewerk zur Studienlage und ersetzt keine Untersuchung und keine individuelle Therapieentscheidung. Er fasst zusammen, was internationale Leitlinien, und Übersichtsarbeiten zu Vitamin D im Kindes- und Jugendalter zeigen – und ebenso ehrlich, wo die Belege dünn sind. Welche Dosis, welcher Zielwert und welche Kontrolle für Ihr Kind passt, hängt von Alter, Ernährung, Vorerkrankungen, Medikamenten und Jahreszeit ab und gehört in ein Gespräch in der Ordination.

Einige Zeichen gehören nicht in den Abwartemodus, sondern zeitnah in ärztliche Hände. Bei Säuglingen: Krampfanfälle, ausgeprägte Reizbarkeit, schlaffer Muskeltonus, eine verzögerte motorische Entwicklung oder eine Gedeihstörung. Bei Kleinkindern: fortschreitende oder einseitige Beinachsenabweichungen, verbreiterte Handgelenke oder Knöchel, Muskelschwäche und verzögertes Laufenlernen. Bei Jugendlichen: diffuse Knochenschmerzen, Muskelschwäche, Belastungsbeschwerden oder Frakturen ohne passende Ursache. Und bei jedem Kind, das Vitamin D einnimmt: Appetitverlust, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Bauchschmerz, auffälliger Durst mit häufigem Wasserlassen, Austrocknung, Muskelschwäche, Müdigkeit oder Verhaltensänderungen – das sind mögliche Zeichen einer Überdosierung mit erhöhtem Kalziumspiegel, besonders nach Verwechslung hochkonzentrierter Präparate oder wiederholten hochdosierten Einzelgaben.

Der Text beruht auf einer fachlichen Evidenzsynthese und wurde für Eltern in Alltagssprache übertragen – Satz für Satz, ohne Aussagen wegzulassen oder abzuschwächen. Fachwörter, die in der Ordination fallen, stehen weiterhin da, jeweils mit einer kurzen Erklärung; statistische Kennzahlen lassen sich anklicken. Alle Zahlen sind mit ihrer Quelle genannt; die 91 Kernquellen stehen im Studienatlas und in der Quellenliste am Ende.

521 Warum die Schwelle für „Mangel“ überall anders liegt

Ein Cut-off ist die Schwelle für einen Mangel (Defizienz). Studien legen ihn unterschiedlich fest: bei <10, <12, <20 oder sogar <30 ng/ml. Dadurch können zwei gleiche Kindergruppen sehr unterschiedliche „Defizienzprävalenzen“ haben, also Anteile mit Mangel. (Zusammenrechnungen vieler Studien) sollten deshalb nicht nur Häufigkeiten zusammenfassen (poolen), sondern nach den Schwellenwerten getrennt auswerten (stratifizieren).

522 Wenn Labore unterschiedlich messen

Ein Assay ist das Laborverfahren, mit dem ein Blutwert gemessen wird. Ältere Immunoassays (Messverfahren mit Antikörpern) und moderne LC-MS/MS-Verfahren (ein massenspektrometrisches Messverfahren) liefern nicht vollständig austauschbare Ergebnisse. Unterscheiden sich zwei Gruppen nur um wenige ng/ml, kann ein relevanter Teil dieses Unterschieds allein an der Messmethode liegen.

523 Saison und Breitengrad

Fallgruppen (Kinder mit der Erkrankung) und Kontrollgruppen (Vergleichskinder ohne sie) müssen möglichst in vergleichbaren Jahreszeiten untersucht werden. Sonst kann ein scheinbarer Zusammenhang mit der Krankheit (Assoziation) allein dadurch entstehen, dass die Gruppen in unterschiedlichen Monaten in die Studie aufgenommen wurden. Das ist besonders bei Asthma, Infektionen, psychischen Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen relevant.

524 Wenn die Krankheit den Wert senkt

Schwere Krankheit verringert Bewegung und Sonnenlicht und verändert die Ernährung. So kann die Krankheit den Vitamin-D-Status senken – umgekehrte Ursache (). Beispiele: Kinderintensivstation (PICU), Krebs, chronische Darmentzündungen (IBD) und rheumatologische Erkrankungen. RCTs ( mit Losentscheid) sind notwendig, um Kausalität (Ursache und Wirkung) zu testen.

525 Warum sehr niedrige Werte von selbst steigen können

: Extreme Werte fallen bei Wiederholung oft weniger extrem aus. Studien, die nur Kinder mit sehr niedrigen Ausgangswerten einschließen, sehen auch ohne Behandlung (Intervention) häufig einen Anstieg bei der nächsten Messung. Saisonwechsel verstärkt diesen Effekt. Placebokontrollen (Vergleichsgruppen mit Scheinpräparat) sind deshalb unverzichtbar.

526 Wenn viele Messwerte auf einmal geprüft werden

Viele (RCTs) zu Vitamin D messen Dutzende Biomarker (Laborwerte) und Symptomskalen (Beschwerdefragebögen). Selbst wenn die Behandlung vollständig wirkungslos ist, wird bei so vielen Messwerten allein durch Zufall der eine oder andere p-Wert . Positive Ergebnisse bei sekundären Endpunkten (Nebenzielgrößen) ohne eine Korrektur für die vielen gleichzeitig getesteten Werte (die das Risiko solcher Zufallstreffer ausgleicht) sollten daher nicht höher gewichtet werden als ein neutraler , also eine Hauptzielgröße ohne Unterschied.

527 Warum positive Studien eher veröffentlicht werden

Publication Bias ist eine Veröffentlichungsverzerrung: Kleine positive Studien werden eher publiziert als kleine ohne Effekt (negative Studien). Frühere (Studienzusammenrechnungen) können deshalb den Nutzen überschätzen. Große spätere RCTs () zu Atemwegsinfektionen und Wachstum zeigen, wie Effektschätzungen mit wachsender Evidenz schrumpfen können.

528 Warum Einzeldaten aus Studien mehr verraten

(IPD) sind die Einzeldaten aller Teilnehmer. IPD- führen sie aus vielen Studien zusammen und sind besonders wertvoll, weil sie den Vitamin-D-Ausgangswert 25(OH)D, Alter, Dosis und Adhärenz (Einnahmetreue) einheitlich auswerten können. Ein Beispiel ist die IPD-Analyse zur Knochendichte (BMD) bei Kindern von 2023. Für Atemwegsinfektionen, Asthma und Adipositas wären ähnliche IPD-Analysen bei Kindern hilfreich.

529 Welche Studien mit Losentscheid fehlen

Es fehlen vor allem große und ausreichend lange (RCTs) bei Kindern mit klarem Mangel (Defizienz), die patientenrelevante e nutzen, also Hauptzielgrößen, die für das Kind selbst zählen. Aus ethischen Gründen ist es nicht akzeptabel, einen schweren Mangel unbehandelt zu lassen. Deshalb müssen Studiendesigns eher unterschiedliche sichere Zielbereiche oder Dosisstrategien miteinander vergleichen.

In Spezialpopulationen (Kindern mit besonderen Erkrankungen oder Risiken) fehlen Studien, die nicht nur den Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D messen, sondern Knochenbrüche (Frakturen), Wachstum, Lebensqualität, Krankenhausaufenthalte (Hospitalisation) und Krankheitsaktivität als primäre Endpunkte nutzen.

530 Mehrsprachige Evidenz

Auch Datenbanken in anderen Sprachen als Englisch enthalten relevante Studien, besonders aus China, Japan, Korea und Lateinamerika. Künftige (Übersichtsarbeiten, die alle Studien zu einer Frage nach festen Regeln suchen und bewerten) sollten die Datenbanken CNKI/Wanfang/VIP/CBM, J-STAGE/Ichushi, KoreaMed/KCI und LILACS ausdrücklich einbeziehen. Maschinelle Übersetzung kann das Screening unterstützen, also die erste Durchsicht der Treffer. Sie ersetzt aber keine fachliche Prüfung schwieriger methodischer Details.

531 Wichtigste offene klinische Fragen

  1. Welcher Bereich des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D hält das Rachitisrisiko bei unterschiedlicher Kalziumzufuhr am niedrigsten?
  2. Profitieren nur Kinder mit schwerem Mangel von Vitamin D, wenn es um Atemwegsinfektionen oder Asthma geht?
  3. Welche Dosis ist bei Adipositas (starkem Übergewicht) optimal, um einen Mangel zu beheben, ohne das Kind unnötig hohen Mengen auszusetzen?
  4. Welche Strategie ist bei Frühgeborenen optimal, wenn man harte Endpunkte für Knochen und Gehirnentwicklung betrachtet, also Ergebnisse, die sich direkt am Kind zeigen?
  5. Welche krankheitsspezifischen Zielwerte bei chronischer Nierenkrankheit (CKD), Mukoviszidose (CF) und Cholestase (gestörtem Gallenfluss) beruhen tatsächlich auf Outcomes, also auf Ergebnissen für das Kind?
  6. Können Maßnahmen bei der Mutter (maternale Interventionen) die Knochen oder die Atemwege des Kindes langfristig relevant verbessern?
  7. Welche Vorbeugungsmodelle erreichen gefährdete (vulnerable) Familien am zuverlässigsten: Tropfen für alle (universell), Anreicherung von Lebensmitteln (Fortifikation) oder gezielte Programme?

532 Weniger zählen, mehr ausprobieren

Die Vitamin-D-Literatur ist reich an , die nur eine Momentaufnahme zu einem Zeitpunkt liefern, und arm an Studien, die eine konkrete klinische Entscheidung verändern. In fast jedem Land lässt sich zeigen, dass ein Teil der Kinder im Winter einen niedrigeren Wert des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D hat. Eine weitere kleine örtliche studie, die nur zählt, wie viele Kinder betroffen sind, bringt daher nur begrenzt neue Erkenntnis, wenn nicht gleichzeitig eine relevante Versorgungslücke oder ein Behandlungsweg (Interventionspfad) untersucht wird.

Vorrang sollten Studien haben, die diese Fragen beantworten: Wer profitiert klinisch, also mit einem Nutzen für die Gesundheit, von einer Supplementation (Vitamin-D-Gabe)? Welche Ausgangswerte kennzeichnen diese Gruppe? Welche Dosis hält Rachitis und Mangel (Defizienz) möglichst gering, ohne unnötige Überversorgung? Welche Strategie wird im Alltag am zuverlässigsten eingehalten (Adhärenz)?

533 Studien bei Kindern mit echtem Mangel

Viele negative RCTs (, die keinen Nutzen zeigen konnten) schließen überwiegend Kinder ein, die bereits ausreichend versorgt sind. Für die Frage „Soll jedes Kind zusätzlich Vitamin D bekommen?“ ist das sinnvoll. Weniger geeignet ist es, um den Nutzen bei schwerem Mangel (Defizienz) zu bestimmen. Künftige RCTs sollten stärker nach dem Ausgangsstatus getrennt auswerten (stratifizieren) und ausreichend viele Kinder mit klarem Mangel einschließen, sofern dies ethisch möglich ist. Bei schwerem Mangel mit Beschwerden (symptomatischer Defizienz) wäre ein Placebo (Scheinpräparat ohne Wirkstoff) natürlich nicht vertretbar. Hier können verschiedene aktive Behandlungsschemata (Regime) miteinander verglichen werden.

534 Was am Ende für das Kind zählt

Dass sich der Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D unter Vitamin D verändert, ist pharmakologisch trivial, also selbstverständlich: Vitamin D erhöht die Vitamin-D-Stoffwechselprodukte (Metaboliten). Wichtiger sind Rachitisheilung, Knochenbrüche (Frakturen), die Leistungsfähigkeit der Muskeln, Infektionshäufigkeit, Krankenhausaufenthalte (Hospitalisation), akute Verschlechterungen bei Asthma (Exazerbationen), Lebensqualität, Wachstum bei Mangel und relevante Sicherheitsereignisse. Studien sollten (Ersatzmesswerte wie einen Laborwert) nicht als klinischen Nutzen verkaufen.

535 Kalzium systematisch messen

Ein erstaunlich großer Teil der Vitamin-D-Literatur erfasst die Kalziumzufuhr nur unzureichend. Für Rachitis, Knochenentwicklung und Parathormon (PTH), ein Hormon der Nebenschilddrüsen, das den Kalziumspiegel im Blut hochhält, ist das ein grundlegendes Problem. Künftige Studien bei Kindern sollten die Kalziumzufuhr einheitlich (standardisiert) dokumentieren und vorab festlegen (prädefinieren), wie Wechselwirkungen (Interaktionen) zwischen Vitamin D und Kalzium ausgewertet werden.

536 Dosis und Intervall getrennt untersuchen

Eine tägliche Gabe in physiologischer (bedarfsgerechter) Menge, eine wöchentliche Äquivalenzdosis (die Wochenmenge auf einmal) und ein großer Monats- oder Stoßbolus (sehr hohe Einzeldosis) sind nicht zwingend biologisch gleichwertig, selbst wenn die Gesamtmenge (kumulative Dosis) gleich ist. Künftige Studien sollten Pharmakokinetik (Aufnahme und Abbau im Körper), Spitzenwerte, Adhärenz (Einnahmetreue) und klinische Outcomes (Ergebnisse am Kind) berücksichtigen, statt nur die Gesamtdosis zu vergleichen.

537 Frühgeborene: was langfristig zählt

Bei Frühgeborenen ist gut belegt, dass höhere Dosen den Vitamin-D-Blutwert 25(OH)D verbessern. Weniger klar ist, welche Dosis langfristig die besten Ergebnisse für Knochen, Wachstum oder die Entwicklung des Gehirns (Neuroentwicklung) bringt. Studien müssen gleichzeitig Kalzium, Phosphat, die gesamte Mineralstoffzufuhr und die Ernährung erfassen.

538 Adipositas: Mechanismus und Zielsetzung

Niedrige Werte des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D sind bei Adipositas (starkem Übergewicht) häufig. Offen bleibt, welche Dosis zur Behebung des Mangels zuverlässig denselben Vitamin-D-Status erreicht wie bei normalgewichtigen Kindern. Offen bleibt auch, ob bestimmte Untergruppen mit besonderen Stoffwechselmerkmalen (metabolische Subgruppen) profitieren. Studien sollten eine Gewichtsabnahme nicht mit einer Wirkung von Vitamin D verwechseln und Veränderungen der Körperzusammensetzung (Anteil von Fett und Muskeln) berücksichtigen.

539 Atemwegsinfekte: genauer hinsehen, wer untersucht wird

Phänotypisierung heißt, Kinder nach Merkmalen genauer zu unterscheiden. Große (Zusammenrechnungen vieler Studien) zeigen keinen robusten, also belastbaren Gesamteffekt. Mögliche Effekte könnten sich aber auf Kinder mit starkem Mangel, auf bestimmte Altersgruppen oder auf tägliche Gaben statt Bolusgaben (große Einzeldosen) konzentrieren. Statt immer neue gemischte (heterogene) Gesamtgruppen zu untersuchen, wären vorab angemeldete (), biologisch plausible Untergruppen (Subgruppen) und einheitliche (standardisierte) Infektdefinitionen sinnvoll.

540 Asthma: Anfälle zählen statt Laborwerte

Bei Asthma sollte der Fokus auf schweren Exazerbationen (akuten Verschlechterungen), Kortisonbedarf (Steroidbedarf), Notfallbesuchen und Lungenfunktion liegen. Ein Anstieg des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D oder kleine Änderungen unspezifischer Entzündungsmarker (allgemeiner Entzündungswerte) reichen nicht. Ausgangsmangel (Ausgangsdefizienz) und Asthma-Phänotyp (Form des Asthmas) müssen vorab festgelegt werden (präspezifiziert).

541 Gehirn und Psyche: besonders strenge Anforderungen an Belege

Bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASD), ADHD (ADHS), Depression und Schlaf ist die Gefahr groß, einen Zusammenhang vorschnell als Ursache zu deuten (kausale Überinterpretation). Niedrige Vitamin-D-Werte können Lebensstil, wählerische Ernährung, wenig Zeit im Freien und Krankheitsschwere widerspiegeln. Nötig wären größere, gut verblindete RCTs (; weder Kind noch Studienteam wissen, wer Vitamin D bekommt) mit geprüften (validierten) Skalen für die Kernsymptome und vorab festgelegten en. Vorher sind Empfehlungen für Vitamin D bei diesen einzelnen Erkrankungen nicht gerechtfertigt.

542 Intensivstation: Anzeiger oder Behandlungsziel?

PICU steht für Kinderintensivstation. Die Intensivmedizin braucht Studien, die klären, ob niedrige Werte des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D nur ein Biomarker sind (ein Anzeiger der Krankheitsschwere) oder ein Target (ein beeinflussbares Behandlungsziel). Nach neutralen Hochdosisstudien (Studien mit hohen Dosen ohne Unterschied zwischen den Gruppen) sollte die nächste Generation von Studien (Trials) nicht einfach die Dosis weiter erhöhen, sondern Population (welche Kinder), Zeitpunkt und Wirkmechanismus besser definieren.

543 Gene und Stoffwechselprofile bei seltenen Formen

Metabolomisch heißt: viele Stoffwechselprodukte auf einmal messen. Seltene Störungen wie VDDR (Vitamin-D-abhängige Rachitis) oder CYP24A1-Defekte zeigen, dass „Vitamin-D-Status“ viele verschiedene biologische Vorgänge umfasst. Metabolitenprofile (Stoffwechselmuster), Genetik und Phosphatregulation könnten in spezialisierten Kohorten (Gruppen) helfen, echte Untergruppen (Subtypen) zu erkennen. Diese Präzisionsdiagnostik ist nicht für Screening (Reihenuntersuchung) gedacht, kann aber Fehldiagnosen vermeiden, wenn Rachitis nicht auf die Behandlung anspricht (therapierefraktär) oder zu viel Kalzium im Blut ist (Hyperkalzämie).

544 Einheitliche Messverfahren

Internationale Vergleiche, wie häufig ein Mangel ist (vergleiche), bleiben schwierig, solange Labormethoden und Schwellenwerte (Cut-offs) uneinheitlich (heterogen) sind. Künftige Studien sollten standardisierte Assays (einheitliche Messverfahren), eine externe Qualitätskontrolle und eine klare Erfassung der beiden Formen D2/D3 berichten. Ein Unterschied von wenigen ng/ml darf nicht als geografische Biologie gedeutet werden, also als echter Unterschied zwischen Regionen, wenn methodische Unterschiede unklar sind.

545 Angereicherte Lebensmittel richtig bewerten

Fortifikation heißt Lebensmittelanreicherung mit Vitamin D. Solche Programme sollten nicht nur mittlere Vitamin-D-Blutwerte 25(OH)D messen. Relevant sind die Häufigkeit () schweren Mangels, Rachitis, die obere Zufuhrverteilung (die höchsten Aufnahmemengen), Hyperkalzämie-Signale (zu viel Kalzium im Blut) und Equity (gerechte Verteilung). Idealerweise werden Programme vor und nach Einführung mit repräsentativen Stichproben bewertet (evaluiert).

546 Ob es im Alltag ankommt

Implementationsforschung untersucht, wie eine Maßnahme im Alltag tatsächlich umgesetzt wird. Eine perfekte Dosis nützt nichts, wenn Familien sie nicht geben. Studien zu Verpackung, Tropfenzählern, elektronischen Erinnerungen, Beratung, dem Zugang zu Rezepten und sprachlich angepasster Information könnten mehr Rachitis verhindern als eine weitere Diskussion über 400 versus 500 IE. Adhärenz, also die zuverlässige Einnahme, ist ein klinischer Endpunkt, ein Ergebnis, das zählt.

547 Mehrsprachige Evidenz besser integrieren

Systematische Reviews (Übersichtsarbeiten, die alle Studien zu einer Frage nach festen Regeln suchen) sollten chinesische, japanische, koreanische, spanische, portugiesische und andere Datenbanken routinemäßiger einbeziehen, wenn die Fragestellung die ganze Welt betrifft. Eine Beschränkung auf bestimmte Sprachen kann regionale Daten zu Rachitis und Vorbeugung verzerren. Gleichzeitig müssen Doppelveröffentlichungen (Dubletten) derselben Kohorte, also derselben untersuchten Gruppe, in verschiedenen Sprachen erkannt werden.

548 Einheitliche Begriffe für Mangel

„Deficiency“ (Mangel), „insufficiency“ (unzureichende Versorgung) und „sufficiency“ (ausreichende Versorgung) werden uneinheitlich verwendet. Studien sollten die gemessenen Werte selbst berichten (kontinuierlich) und nicht nur Kategorien. So können spätere (Zusammenrechnungen vieler Studien) unterschiedliche Schwellenwerte (Cut-offs) nachbilden und Dosis-Wirkungs-Beziehungen untersuchen.

549 Transparenz bei Interessenkonflikten

Vitamin D ist ein großes Marktsegment für Nahrungsergänzungsmittel (Supplemente). Studien und Leitlinien sollten klar ausweisen, wer sie finanziert hat, wer die Präparate geliefert hat und welche Interessenkonflikte bestehen. Das gilt ebenso für Empfehlungen, die Supplemente sehr befürworten, wie für sehr zurückhaltende (restriktive) Empfehlungen.

550 Welche Studie hätte höchste Priorität?

Für die allgemeine Kinderheilkunde (Pädiatrie) wäre eine große, pragmatische (alltagsnahe) Studie in mehreren Ländern besonders wertvoll. Diese Studie würde Kinder mit klar niedrigen Werten des Vitamin-D-Blutwerts 25(OH)D einschließen und eine tägliche, an Leitlinien orientierte Korrektur des Mangels mit unterschiedlichen, durch Studien gestützten (evidenzbasierten) Dosisstrategien vergleichen, die Kalziumzufuhr einheitlich erfassen und patientenrelevante Endpunkte (Ergebnisse, die für das Kind selbst zählen) sowie die Sicherheit über mindestens ein Jahr untersuchen. Für Rachitis sind Vergleiche verschiedener aktiver Behandlungsschemata und Kalziumstrategien wichtiger als ein Placebo (Scheinpräparat).

551 Schlussfolgerung

Das Forschungsfeld benötigt weniger neue Belege dafür, dass Vitamin-D-Spiegel mit fast jeder Krankheit statistisch zusammenhängen (korrelieren), und mehr Forschung, die kausale, dosisbezogene und patientenrelevante Entscheidungen ermöglicht – also über Ursache und Wirkung, Dosis und das, was für das Kind zählt. Die zentrale Forschungsfrage lautet nicht „Womit ist Vitamin D assoziiert?“ (womit hängt es zusammen), sondern „Bei welchem Kind verbessert welche Intervention welches klinische Outcome?“ – welche Behandlung also bei welchem Kind welches Ergebnis verbessert.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Grundlagen: Wie Vitamin D im Körper eines Kindes wirkt Abschnitt 1–16 · 16
  2. 2. Wie häufig ist ein Mangel? Zahlen aus aller Welt Abschnitt 17–32 · 16
  3. 3. Rachitis: erkennen, verhindern, behandeln Abschnitt 33–48 · 16
  4. 4. Wenn Vitamin D nicht das eigentliche Problem ist: erbliche Rachitisformen Abschnitt 49–59 · 11
  5. 5. Wachstum, Knochendichte und Frakturen Abschnitt 60–70 · 11
  6. 6. Frühgeborene Abschnitt 71–79 · 9
  7. 7. Atemwegsinfekte, Asthma und Allergie Abschnitt 80–103 · 24
  8. 8. Adipositas, Stoffwechsel und Diabetes Abschnitt 104–121 · 18
  9. 9. Darm und Leber: Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Malabsorption Abschnitt 122–138 · 17
  10. 10. Chronische Nierenkrankheit Abschnitt 139–146 · 8
  11. 11. Gehirn, Entwicklung und Psyche Abschnitt 147–164 · 18
  12. 12. Epilepsie und Medikamente Abschnitt 165–179 · 15
  13. 13. Intensivmedizin, Blut, Krebs und Rheuma Abschnitt 180–195 · 16
  14. 14. Zähne, Haut und weitere Krankheitsbilder Abschnitt 196–202 · 7
  15. 15. Schwangerschaft und Stillzeit Abschnitt 203–214 · 12
  16. 16. Sicherheit und Überdosierung Abschnitt 215–234 · 20
  17. 17. Leitlinien im Ländervergleich Abschnitt 235–257 · 23
  18. 18. Testen oder nicht? Screening und Laborindikation Abschnitt 258–265 · 8
  19. 19. Dosierung: täglich, wöchentlich, monatlich Abschnitt 266–288 · 23
  20. 20. Kalzium und Ernährung Abschnitt 289–296 · 8
  21. 21. Sonne, Jahreszeit und Haut Abschnitt 297–305 · 9
  22. 22. Labor: Messung, Einheiten und Fehlerquellen Abschnitt 306–327 · 22
  23. 23. Lebensmittelanreicherung und Public Health Abschnitt 328–343 · 16
  24. 24. Vegane und stark eingeschränkte Ernährung Abschnitt 344–352 · 9
  25. 25. Nach Alter: vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen Abschnitt 353–362 · 10
  26. 26. Grenzwerte, Zielwerte und die Frage nach Ursache und Wirkung Abschnitt 363–372 · 10
  27. 27. Entscheidungswege Abschnitt 373–393 · 21
  28. 28. Fallbeispiele und typische Fallstricke Abschnitt 394–418 · 25
  29. 29. Fragen und Mythen Abschnitt 419–468 · 50
  30. 30. Das Gespräch in der Ordination Abschnitt 469–480 · 12
  31. 31. Was die Sprachräume zeigen Abschnitt 481–519 · 39
  32. 32. Studienatlas: die 91 Kernquellen im Überblick Abschnitt 520–520 · 1
  33. 33. Evidenzqualität und offene Forschungsfragen Abschnitt 521–551 · 31
  34. 34. Methodik und Glossar Abschnitt 552–578 · 27