Mit dem Schuleintritt endet das engmaschige Impfprogramm der ersten Lebensjahre nicht – es geht in eine neue Phase über. Zwei Auffrischungen, eine wichtige Schulimpfung gegen HPV und eine Meningokokken-Impfung genau in jenem Alter, in dem das Erkrankungsrisiko wieder steigt: Der Impfplan für Schulkinder ist übersichtlicher als jener für Säuglinge, aber nicht weniger wichtig. Dieser Ratgeber fasst den aktuell gültigen österreichischen Impfplan für Schulkinder zusammen und vergleicht ihn mit den Empfehlungen in Deutschland, den USA und Großbritannien.

So ist dieser Ratgeber aufgebaut

Grundlage ist der Impfplan Österreich 2025/2026, Version 1.1 vom 10. Oktober 2025, herausgegeben vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) in Abstimmung mit dem Nationalen Impfgremium. Ergänzend haben wir die aktuellen Empfehlungen der deutschen Ständigen Impfkommission (STIKO), der amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC/ACIP) und der britischen UK Health Security Agency (UKHSA)/des National Health Service (NHS) ausgewertet – nutzen Sie das Inhaltsverzeichnis, um direkt zu einem einzelnen Thema oder zum Ländervergleich zu springen.

Wenn Sie es eilig haben: Der Abschnitt „Der Impfplan für Schulkinder im Überblick" mit der interaktiven Altersübersicht zeigt Ihnen auf einen Blick, was in welcher Schulstufe ansteht.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Welche Impfungen für Ihr Kind im Detail sinnvoll und möglich sind – etwa bei Vorerkrankungen oder einem bereits abweichenden Impfstatus –, besprechen Sie bitte immer persönlich mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt.

Der Impfplan ändert sich – bleiben Sie aktuell

Der vorliegende Artikel ersetzt eine ältere Fassung, die sich noch auf den Impfplan aus dem Jahr 2018 bezog. Seither gab es mehrfach jährliche Aktualisierungen – unter anderem neue Alters- und Dosisintervalle, neue Impfstoffe wie Trumenba, geänderte HPV-Altersgrenzen sowie ein neues COVID-19-Kapitel. Das Nationale Impfgremium aktualisiert den Impfplan mindestens jährlich – die jeweils aktuellste Fassung finden Sie unter impfen.gv.at bzw. auf den Seiten des Sozialministeriums. Im Zweifel gilt: Fragen Sie einfach in unserer Ordination nach dem aktuellen Stand.

1. Warum dieser Ratgeber komplett überarbeitet wurde

Ein Impfplan ist kein einmal festgelegtes Dokument, sondern wird laufend an neue Studienlage, neu zugelassene Impfstoffe und die aktuelle Epidemiologie angepasst. Der gültige österreichische Impfplan trägt aktuell die Bezeichnung „Impfplan Österreich 2025/2026, Version 1.1 vom 10. Oktober 2025", herausgegeben vom BMASGPK in enger Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten des Nationalen Impfgremiums. Ein Artikeltitel mit der Jahreszahl „2018" ist damit sachlich überholt – seit damals gab es mehrfach jährliche Updates, etwa neue Alters- und Dosisintervalle, neue Impfstoffe wie Trumenba, geänderte HPV-Altersgrenzen und ein eigenes COVID-19-Kapitel.

Für Schulkinder besonders wichtig: Das kostenfreie Impfprogramm aus Bund, Ländern und Sozialversicherung wurde laut BMASGPK vor über 25 Jahren unter der damaligen Gesundheitsministerin Lore Hostasch eingeführt, mit dem erklärten Ziel, allen in Österreich lebenden Kindern bis zum Ende der Schulpflicht kostenfreien Zugang zu den wichtigsten Impfungen zu ermöglichen. Dieses Grundprinzip gilt unverändert – verändert haben sich seither vor allem die Details: welche Impfstoffe eingesetzt werden, in welchem Alter geimpft wird und welche neuen Nachholprogramme dazugekommen sind.

2. Der Impfplan für Schulkinder im Überblick

Die folgende Tabelle fasst die für Schulkinder wichtigsten Impfungen zusammen, wie sie der Impfplan Österreich 2025/2026 (V1.1) vorsieht. „Kostenfrei" bedeutet: Teil des öffentlichen Kinderimpfprogramms, ohne Kosten für die Familie. „Kostenpflichtig" bedeutet: von den Fachgesellschaften empfohlen, aber von den Eltern selbst zu tragen.

ImpfungSchemaZeitpunktKosten
4-fach-Auffrischung (Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio)1. Auffrischungvollendetes 5./6. Lebensjahr, vor Schuleintrittkostenfrei
4-fach-Auffrischung (Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio)2. Auffrischung5 Jahre später, spätestens 8. Schulstufe / 14.–15. Lebensjahrkostenfrei
HPV (Gardasil 9)2 Dosen (1+1-Schema, 2. Dosis 6–12 Monate nach der 1.)vollendetes 9. bis vollendetes 21. Lebensjahr, bevorzugt 4. Schulstufekostenfrei
HPV-Nachholprogramm (befristet, bereits beendet)2 Dosengalt vom Herbst 2025 bis 30.06.2026 für den 21. bis 30. Geburtstag (1. Dosis bis 31.12.2025, 2. Dosis bis 30.06.2026); seither wieder reguläre Grenze bis zum 21. Geburtstagseit 1.7.2026 kostenpflichtig
Meningokokken ACWY1 Dosisvollendetes 10. bis vollendetes 13. Lebensjahrkostenfrei
MMR (Masern-Mumps-Röteln), Statuskontrolle2 Dosen insgesamtbei Schuleintritt bzw. vollendetem 6. Lebensjahr; fehlende Dosen nachholenkostenfrei
Meningokokken B (Bexsero/Trumenba)2 Dosen (Nachholschema)Trumenba ab vollendetem 10. Lebensjahr; Nachholen bis zum 25. Geburtstagkostenpflichtig
Varizellen (Windpocken)2 Dosenfür alle empfänglichen Personen empfohlen, v. a. vor Gemeinschaftseinrichtungenkostenpflichtig

Details, Ausnahmen und Hintergründe zu jeder einzelnen Impfung finden Sie in den folgenden Abschnitten.

Was steht in welcher Schulstufe an?

Wählen Sie einen Zeitpunkt in der Schullaufbahn Ihres Kindes – Sie sehen sofort, welche Impfungen dann typischerweise anstehen.

Vereinfachte Orientierungshilfe auf Basis des Impfplans Österreich 2025/2026, Version 1.1 (BMASGPK/Nationales Impfgremium). Die tatsächlichen Termine können je nach Bundesland, Schulorganisation und individuellem Impfstatus abweichen – maßgeblich ist der mit Ihrer Kinderärztin/Ihrem Kinderarzt abgestimmte Plan.

3. Die 4-fach-Auffrischung: zwei Termine im Schulalter

Die 4-fach-Auffrischung deckt Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten) und Poliomyelitis (Kinderlähmung) ab und ist im Schulalter gleich zweimal Teil des kostenfreien Kinderimpfprogramms: Die 1. Auffrischung erfolgt mit vollendetem 5./6. Lebensjahr, also vor dem Schuleintritt. Die 2. Auffrischung folgt laut Impfplan Österreich 2025/2026 fünf Jahre später, spätestens in der 8. Schulstufe bzw. im Alter von 14 bis 15 Jahren, jedenfalls vor Ende der Pflichtschulzeit. Erst danach genügen alle 5 Jahre 3-fach-Auffrischungen (Boostrix, ohne Polio-Komponente) – außer bei einer speziellen Indikation, die weiterhin auch den Polio-Schutz erfordert.

Ein Detail aus dem aktuellen Impfplan ist für Eltern praktisch relevant: Weil die zweite Schulauffrischung – Stand Sommer 2024 – in vielen Bundesländern bisher schon in der 2. oder 3. Klasse statt erst in der 8. Schulstufe verabreicht wurde, hält der Impfplan Österreich ausdrücklich fest, dass Schulen auch in höheren Klassen weiterhin nachimpfen sollen, „damit keine Impflücken entstehen". Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Kind diese zweite Auffrischung bereits erhalten hat, ist ein Blick in den Impfpass der einfachste Weg, das zu klären.

4. HPV-Impfung: Schulimpfung und beendetes Nachholprogramm

Die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) gehört zu den wichtigsten Schulimpfungen überhaupt, weil sie Krebserkrankungen verhindern kann, die erst Jahrzehnte nach der Ansteckung auftreten. Der Impfplan Österreich 2025/2026 sieht den 9-valenten Impfstoff Gardasil 9 kostenfrei vom vollendeten 9. bis zum vollendeten 21. Lebensjahr vor, im 1+1-Schema: die 2. Dosis folgt 6 bis 12 Monate nach der 1. Bevorzugt wird die Impfung im Rahmen von Schulimpfungen in der 4. Schulstufe verabreicht, also im Alter von etwa 9 bis 10 Jahren – für Mädchen und Buben gleichermaßen.

Befristetes Nachholprogramm 2025/2026: inzwischen beendet

Eine wichtige, mittlerweile aber bereits ausgelaufene Neuerung des Impfplans 2025/2026 betraf junge Erwachsene, die die Schulimpfung verpasst hatten: Ein zeitlich begrenztes, kostenfreies Nachholprogramm ermöglichte die HPV-Impfung vom 21. bis zum 30. Geburtstag – die Erstimpfung musste bis 31. Dezember 2025 erfolgen, die Zweitimpfung bis 30. Juni 2026. Dieses Programm war unter Bundesministerin Korinna Schumann und Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig verlängert worden. Seit 1. Juli 2026 gilt für diese Altersgruppe wieder die reguläre Regel: Die HPV-Impfung ist nur noch bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenfrei, danach ist sie selbst zu bezahlen. Wer die Frist verpasst hat, sollte in der Ordination besprechen, ob eine Nachimpfung auf eigene Kosten sinnvoll ist.

Durchimpfung: noch Luft nach oben

Wie gut Österreichs Jugend tatsächlich geschützt ist, zeigt eine Erhebung zur Durchimpfung von Juni 2025: Bei 14-Jährigen hatten 56 % mindestens eine HPV-Dosis erhalten, aber nur 48 % beide Dosen des vollständigen Schemas. Auffällig ist der Geschlechterunterschied: Mädchen sind mit 54 % deutlich besser geimpft als Buben mit 42 % – obwohl der Impfplan die Impfung ausdrücklich für beide Geschlechter empfiehlt, unter anderem weil HPV auch bei Männern Kopf-Hals-Tumoren und Genitalwarzen verursachen kann.

1-Dosis-Schema: Österreich bleibt bewusst bei zwei Dosen

International wird diskutiert, ob eine einzelne HPV-Dosis ausreichenden Schutz bietet – die WHO hatte dazu im April 2022 kommuniziert, dass ein 1-Dosis-Schema eine Option sein könne, was das offizielle WHO-Positionspapier zu HPV-Impfstoffen vom Dezember 2022 näher ausführt. Der österreichische Impfplan lehnt es jedoch ausdrücklich ab, bei ausreichender Impfstoffverfügbarkeit auf ein einziges Dosis-Schema umzusteigen, und bezeichnet ein solches Vorgehen in diesem Kontext als „nicht seriös und evidenzbasiert". Österreich bleibt damit bewusst beim 2-Dosen-Schema – anders als beispielsweise Großbritannien, das seinen Ansatz bereits umgestellt hat (mehr dazu im Abschnitt zum internationalen Vergleich weiter unten).

5. Meningokokken ACWY: der zweite Erkrankungsgipfel

Meningokokken können schwere, rasch fortschreitende Erkrankungen wie Hirnhautentzündung und Blutvergiftung auslösen. Nach der ersten, im Säuglings- und Kleinkindalter relevanten Häufung folgt laut Impfplan Österreich ein zweiter Erkrankungsgipfel, der mit dem Schulalter beginnt. Deshalb sieht der Impfplan die Meningokokken-ACWY-Impfung mit dem konjugierten 4-fach-Impfstoff ein zweites Mal kostenfrei vor: vom vollendeten 10. bis zum vollendeten 13. Lebensjahr – und zwar unabhängig davon, ob im Kleinkindalter bereits gegen MenC oder ACWY geimpft wurde.

Wie real dieses Risiko ist, zeigen die Zahlen der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES): 2023 wurden in Österreich 16 laborbestätigte invasive Meningokokken-Fälle registriert, davon 11 durch die Serogruppe B. Die Serogruppe B ist über die ACWY-Impfung nicht abgedeckt – dazu mehr im folgenden Abschnitt zur Meningokokken-B-Impfung.

6. MMR: Impfstatus bei Schuleintritt kontrollieren

Die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) gehört zu den kostenfreien Standardimpfungen ab dem vollendeten 9. Lebensmonat, mit insgesamt 2 Dosen. Für Schulkinder ist ein anderer Aspekt entscheidend: Der Impfplan Österreich hält fest, dass beim Eintritt in eine Gemeinschaftseinrichtung – also Kindergarten oder Schule – bzw. spätestens mit vollendetem 6. Lebensjahr der Impfstatus dringend kontrolliert und fehlende Dosen nachgeholt werden sollen. Gerade weil Masern eine der ansteckendsten bekannten Infektionskrankheiten sind und sich in Schulen und Klassenverbänden rasch verbreiten können, ist diese Kontrolle vor dem Schuleintritt keine Formsache, sondern ein wichtiger Baustein des Gemeinschaftsschutzes.

7. Empfohlen, aber nicht kostenfrei: Meningokokken B und Varizellen

Nicht jede von den Fachgesellschaften empfohlene Impfung ist automatisch Teil des kostenfreien Programms – das gilt für Schulkinder besonders bei zwei Impfungen, bei denen sich Österreich auch international unterscheidet.

Meningokokken B

Die Impfstoffe Bexsero (ab 2 Monaten zugelassen) und Trumenba (ab dem vollendeten 10. Lebensjahr zugelassen) schützen gegen die im Schulalter besonders häufige Serogruppe B – jene Serogruppe, die 2023 laut AGES für den Großteil der laborbestätigten Fälle in Österreich verantwortlich war. Der Impfplan empfiehlt diese Impfung allen Kindern und Jugendlichen zum individuellen Schutz, mit Nachholimpfungen bis zum vollendeten 25. Lebensjahr. Sie ist jedoch nicht Teil des kostenfreien Kinderimpfprogramms – die Kosten tragen die Eltern beziehungsweise die jungen Erwachsenen selbst.

Varizellen (Windpocken)

Auch die Impfung gegen Varizellen (Windpocken) ist in Österreich nicht kostenfrei, wird aber für alle empfänglichen Personen empfohlen – also alle, die die Erkrankung noch nicht durchgemacht haben und noch nicht geimpft sind –, insbesondere vor dem Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen, im Schema von 2 Dosen. Hier weicht Österreich deutlich von Deutschland und den USA ab, wo die Varizellenimpfung seit über zehn Jahren zu den Standardimpfungen im Kindesalter zählt und regulär von der öffentlichen Hand bzw. den Krankenkassen getragen wird.

8. Kostenfrei oder selbst zu bezahlen? Der Überblick

Weil die Unterscheidung zwischen kostenfreiem Programm und selbst zu bezahlenden Impfungen für viele Eltern die praktisch wichtigste Frage ist, hier noch einmal im Überblick, welche Impfungen für Schulkinder wohin fallen:

Kostenfrei im öffentlichen ProgrammKostenpflichtig, aber empfohlen
4-fach-Auffrischung, 1. und 2. Termin (Diphtherie-Tetanus-Pertussis-Polio)Meningokokken B
HPV-Impfung (9.–21. Lebensjahr) – das befristete Nachholprogramm bis zum 30. Geburtstag lief nur bis 30.06.2026 und ist beendetVarizellen (Windpocken)
Meningokokken ACWY (10.–13. Lebensjahr) 
MMR-Nachholimpfung bei fehlendem Impfstatus 

Auch wenn eine Impfung nicht im kostenfreien Programm enthalten ist, bedeutet das nicht, dass sie unwichtig wäre – die Aufnahme ins kostenfreie Programm ist auch eine budgetäre und gesundheitspolitische Entscheidung, keine reine Wirksamkeitsbewertung. Ob eine kostenpflichtige Impfung für Ihr Kind sinnvoll ist, besprechen Sie am besten individuell in der Ordination.

9. Nachholimpfungen für Schulkinder (5.–18. Lebensjahr)

Ein verpasster Impftermin ist meist kein Grund zur Sorge – bei den meisten Impfungen lässt sich ein Rückstand nachholen. Der Impfplan Österreich nennt dazu in seiner Tabelle 8 für die Altersgruppe der 5- bis 18-Jährigen konkrete Zielschemata:

ImpfungNachholschema (5.–18. Lebensjahr)
Diphtherie/Tetanus/Pertussis/Polio3 Dosen
MMR (Masern-Mumps-Röteln)2 Dosen
Hepatitis B3 Dosen
Meningokokken B2 Dosen
Meningokokken ACWY1–2 Dosen
Varizellen (Windpocken)2 Dosen
FSME (Zeckenschutzimpfung)3 Dosen
HPV2 Dosen (ab vollendetem 9. Lebensjahr)

Da mehrere dieser Nachholimpfungen zeitlich zusammenfallen können, plant die Ordination die genaue Reihenfolge und mögliche gemeinsame Termine am besten individuell mit Ihnen. Bringen Sie dazu immer den vollständigen Impfpass Ihres Kindes mit, damit der tatsächliche Nachholbedarf korrekt eingeschätzt werden kann.

10. Warum das wichtig ist: Diphtherie, HPV und die Krankheitslast dahinter

Dass der Impfplan an der 4-fach-Auffrischung und an der HPV-Impfung festhält, hat einen konkreten epidemiologischen Hintergrund, den der Impfplan Österreich ausführlich dokumentiert.

Diphtherie: eine fast vergessene Krankheit meldet sich zurück

Nach über 20 Jahren praktisch ohne Fälle wurden in Österreich 2022 plötzlich wieder 73 bestätigte Diphtherie-Fälle registriert, einer davon mit tödlichem Ausgang. 2023 waren es noch 4 Fälle, 2024 wieder 3 Fälle – erneut mit einem Todesfall. Besonders bemerkenswert ist eine Seroprävalenz-Untersuchung aus dem Jahr 2022, die zeigte, dass 36 % der untersuchten Erwachsenen in Österreich keinen ausreichenden Diphtherieschutz mehr aufwiesen. Das unterstreicht, warum der Impfplan konsequent auf regelmäßige Auffrischungen setzt – nicht nur im Kindesalter, sondern lebenslang alle 5 bzw. später alle 10 Jahre.

HPV: die Krankheitslast hinter der Impfempfehlung

Humane Papillomviren sind für einen erheblichen Teil bösartiger Erkrankungen verantwortlich: Laut Impfplan Österreich werden mehr als 90 % aller Zervixkarzinome (Gebärmutterhalskrebs) durch die HPV-Typen 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58 verursacht – exakt jene Typen, die im in Österreich verwendeten 9-valenten Impfstoff abgedeckt sind. Für 2023 verzeichnete Statistik Austria in Österreich 1.315 bösartige Kopf-Hals-Neubildungen, von denen mehr als 70 % Männer betrafen, sowie rund 400 neue Zervixkarzinom-Fälle pro Jahr mit 130 bis 180 Todesfällen und mehr als 6.000 sogenannten Konisationen (operativen Eingriffen zur Entfernung von Gewebeveränderungen am Gebärmutterhals) jährlich.

Vor diesem Hintergrund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf ihrer 73. Weltgesundheitsversammlung im August 2020 eine globale Strategie zur Elimination des Zervixkarzinoms als Public-Health-Problem beschlossen: Ziel ist eine Inzidenz von unter 4 Neuerkrankungen pro 100.000 Frauen, unter anderem dadurch, dass bis zum Jahr 2030 weltweit 90 % aller Mädchen bis zum vollendeten 15. Lebensjahr gegen HPV geimpft sein sollen. Mit einer Impfquote von 48 % bei 14-Jährigen (beide Dosen) liegt Österreich von diesem Ziel noch ein gutes Stück entfernt – ein Umstand, den auch das inzwischen ausgelaufene Nachholprogramm bis zum 30. Geburtstag adressieren sollte.

11. Wie andere Länder impfen: ein internationaler Vergleich

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass es für ein und dasselbe medizinische Grundproblem durchaus unterschiedliche gesundheitspolitische Antworten gibt. Wir haben dazu den aktuellen deutschen STIKO-Impfkalender aus dem Epidemiologischen Bulletin 4/2025 des Robert Koch-Instituts (veröffentlicht am 23. Januar 2025), den amerikanischen „Recommended Child and Adolescent Immunization Schedule" der CDC/ACIP für 2025 sowie die aktuellen Empfehlungen der britischen UK Health Security Agency (UKHSA) und des National Health Service (NHS) ausgewertet.

4-fach-Auffrischung: zwei Boosts oder nur einer?

Deutschland folgt bei Tetanus, Diphtherie und Pertussis einem ganz ähnlichen Zwei-Boost-Prinzip wie Österreich: Die STIKO empfiehlt eine Auffrischung A1 im Alter von 5 bis 6 Jahren und eine zweite, A2, im Alter von 9 bis 14 Jahren, danach alle 10 Jahre im Erwachsenenalter. Beim Polio-Schutz ist Deutschland jedoch zurückhaltender und sieht nur eine zusätzliche Auffrischung (A1) im Alter von 9 bis 14 Jahren vor. In den USA erhalten Jugendliche laut CDC/ACIP dagegen nur eine einzige Standarddosis Tdap mit 11 bis 12 Jahren – einen zweiten Schul-Boost wie in Österreich und Deutschland gibt es dort nicht. Großbritannien wiederum verabreicht in Schuljahr 9 (Alter 13–14) zwar eine insgesamt fünfte Td/IPV-Dosis, allerdings ohne Pertussis-Komponente – ein deutlicher Unterschied zu Österreich, Deutschland und den USA, die im Jugendlichen-Booster weiterhin auch gegen Keuchhusten auffrischen.

HPV: zwei Dosen versus eine Dosis

Bei der HPV-Impfung zeigt sich der wohl auffälligste internationale Unterschied. Deutschland empfiehlt laut STIKO 2 Dosen im Alter von 9 bis 14 Jahren mit einem Mindestabstand von 5 Monaten; wird erst ab 15 Jahren begonnen oder liegt der Abstand unter 5 Monaten, ist eine dritte Dosis nötig. Die USA starten die Routineimpfung ebenfalls mit 11 bis 12 Jahren (Beginn ab 9 Jahren möglich) und verwenden ein 2-Dosen-Schema bei Start vor dem 15. Geburtstag, sonst 3 Dosen. Großbritannien ist hier den radikalsten Schritt gegangen: Seit September 2023 erhalten dort alle unter 25-Jährigen nur noch eine einzige HPV-Dosis, verabreicht in Schuljahr 8 (Alter 12–13) – eine Entscheidung des Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) auf Basis von Studien, die einen vergleichbaren Schutz von 1 gegenüber 2 Dosen zeigten, ähnlich wie zuvor bereits in Australien und Schottland umgesetzt. Ausnahmen gelten für immunsupprimierte bzw. HIV-positive Personen (3 Dosen) sowie für Männer, die Sex mit Männern haben, im Alter von 25 bis 45 Jahren (2 Dosen).

Österreich hat sich – wie weiter oben beschrieben – bewusst gegen diesen Weg entschieden und bleibt beim 2-Dosen-Schema. Der Impfplan Österreich selbst dokumentiert allerdings, dass ein 1+1-Schema als Off-Label-Anwendung nach dem 15. Lebensjahr in einigen anderen europäischen Ländern bereits Praxis ist: in Belgien bis zum 18. Lebensjahr, in Luxemburg bis zum 20. Lebensjahr, in Irland bis zum 45. Lebensjahr und in Großbritannien bei Männern, die Sex mit Männern haben, ebenfalls bis zum 45. Lebensjahr.

Wie groß der Unterschied in der tatsächlichen Durchimpfung sein kann, zeigt ein Vergleich auf Basis von ECDC-Daten, über den das Deutsche Ärzteblatt berichtet: Während drei europäische Länder – Island, Portugal und Norwegen – bereits eine HPV-Impfquote von 90 % bei Mädchen erreichen, liegt Deutschland bei rund 70 % mit mindestens einer Dosis, aber nur bei etwa 55 % vollständig geimpften 15-Jährigen – eine Quote, die seit drei Jahren stagniert und damit deutlich unter dem WHO-Ziel „90-70-90" liegt. Österreichs eigene Zahlen (56 % mindestens eine Dosis, 48 % beide Dosen bei 14-Jährigen) bewegen sich in einer ähnlichen Größenordnung wie jene Deutschlands.

Meningokokken: gegensätzliche Schwerpunkte

Bei den Meningokokken-Impfungen setzen die verglichenen Länder unterschiedliche Schwerpunkte. Österreich empfiehlt sowohl eine kostenfreie MenACWY-Impfung im Schulalter (10.–13. Lebensjahr) als auch – wenn auch selbst zu bezahlen – eine MenB-Impfung für alle Jugendlichen. Deutschland kennt laut STIKO keine routinemäßige zweite Meningokokken-Impfung im Jugendalter (nur eine MenC-Dosis im Säuglingsalter) und auch keine MenB-Standardempfehlung für Jugendliche. Die USA sehen laut CDC/ACIP eine MenACWY-Dosis mit 11 bis 12 Jahren und einen Booster mit 16 Jahren vor, empfehlen MenB aber ausdrücklich nicht für alle Jugendlichen, sondern nur für Risikogruppen bzw. im Rahmen einer gemeinsamen klinischen Entscheidungsfindung im Alter von 16 bis 18 Jahren. Großbritannien verabreicht laut UKHSA/NHS eine MenACWY-Dosis in Schuljahr 9/10 (rund 14 Jahre alt), mit Nachholmöglichkeit bis zum 25. Geburtstag, aber ebenfalls ohne routinemäßige MenB-Impfung im Jugendalter.

Der Ländervergleich auf einen Blick

ThemaÖsterreichDeutschland (STIKO)USA (CDC/ACIP)Großbritannien (UKHSA/NHS)
Tdap/4-fach-Boost im Schulalter2 Termine (5./6. Jahr, 8. Schulstufe)2 Termine (A1: 5–6 J., A2: 9–14 J.)1 Standarddosis, 11–12 Jahre1 Booster, Schuljahr 9 – ohne Pertussis
HPV-Schema2 Dosen, 9.–21. Lebensjahr2 Dosen, 9–14 Jahre (sonst 3)2 Dosen vor 15. Geburtstag (sonst 3)1 Dosis für alle unter 25 (seit 2023)
HPV-Impfquote (vollständig)48 % (14-Jährige, 2025)~55 % (15-Jährige, stagnierend)keine vergleichbare Kennzahl in der Recherchekeine vergleichbare Kennzahl in der Recherche
Meningokokken ACWY im Schulalterkostenfrei, 10.–13. Lebensjahrkeine Routineempfehlung11–12 J., Booster mit 16 J.1 Dosis, Schuljahr 9/10 (~14 J.)
Meningokokken B im Jugendalterempfohlen, kostenpflichtigkeine Standardempfehlungnur Risikogruppen/gemeinsame Entscheidung 16–18 J.keine Routineempfehlung

12. Wann und wie Sie das Thema in der Ordination ansprechen

Der Schuleintritt und der Übertritt in eine weiterführende Schule sind gute, natürliche Anlässe, um den Impfpass Ihres Kindes gemeinsam mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt durchzugehen. Nutzen Sie diese Gelegenheiten, um offene Fragen zu klären: zum optimalen Zeitpunkt der 4-fach-Auffrischungen, zur HPV-Impfung – inklusive der Frage, ob nach dem Ende des Nachholprogramms (30.06.2026) für junge Erwachsene noch eine selbst zu bezahlende Nachimpfung sinnvoll ist –, zur Meningokokken-ACWY-Impfung im Schulalter sowie zu den nicht kostenfreien, aber empfohlenen Impfungen wie Meningokokken B oder Varizellen. Auch wenn Ihr Kind bereits einen vom Schema abweichenden Impfstatus hat – etwa nach einem Umzug aus einem anderen Land oder wegen verpasster Schulimpftermine –, lässt sich das individuell besprechen. Bringen Sie dazu am besten immer den vollständigen Impfpass mit.

13. Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften

  • Impfplan Österreich 2025/2026, Version 1.1 (10. Oktober 2025) – Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) und Nationales Impfgremium, Österreich, 2025
  • AGES Nationale Referenzzentrale für Meningokokken, Jahresbericht 2023 – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Österreich, 2023
  • Krebserkrankungen in Österreich 2025 – Statistik Austria, Österreich, 2025
  • Global Strategy to Accelerate the Elimination of Cervical Cancer as a Public Health Problem – World Health Organization (WHO), 2020
  • WHO position paper on HPV vaccines (2022 update) – World Health Organization (WHO), 2022
  • Europe's Beating Cancer Plan – Europäische Kommission, 2022
  • „Impfkalender 2025", Epidemiologisches Bulletin 4/2025 (23. Januar 2025) – Robert Koch-Institut (RKI), Ständige Impfkommission (STIKO), Deutschland, 2025
  • Bericht zu HPV-Impfquoten auf Basis von ECDC-Daten – Deutsches Ärzteblatt, Deutschland, 2024/2025
  • „Recommended Child and Adolescent Immunization Schedule for Ages 18 Years or Younger, United States, 2025" – Centers for Disease Control and Prevention (CDC)/Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), mit AAP, AAFP, ACOG, ACNM, AAPA, NAPNAP, USA, 2025 (veröffentlicht 21.11.2024)
  • HPV vaccine – National Health Service (NHS), Vereinigtes Königreich, 2024/2025
  • MenACWY vaccine – National Health Service (NHS), Vereinigtes Königreich, 2024/2025
  • „A guide to immunisation for teenagers and young people" (Schedule from July 2024) – UK Health Security Agency (UKHSA)/NHS, Vereinigtes Königreich, 2024
  • „HPV vaccination programme moves to single dose from September 2023" – UK Health Security Agency (UKHSA)/GOV.UK, Vereinigtes Königreich, Juni 2023