Eine dänische Feldstudie mit sechs Schulen, eine zurückgezogene Studie, die trotzdem weiterlebt, und der globale Rahmen: zu wenig Bewegung, unabhängig vom Bildschirm.

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  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt den Forschungsstand zu Bildschirmzeit und digitalen Medien allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Wirkung digitaler Medien hängt stark vom einzelnen Kind, vom Inhalt und von der Begleitung ab – pauschale Zeitgrenzen sind ein grober erster Anhaltspunkt, kein Maßstab für jedes Kind.

94 Bewegung, Fitness und Übergewicht

Ein wesentlicher gesundheitlicher Mechanismus digitaler Medien besteht möglicherweise nicht darin, dass das Sitzen vor einem Bildschirm eine eigenständige schädliche Wirkung besitzt, sondern darin, dass es andere Aktivitäten ersetzt.

Die dänische randomisierte Familienintervention liefert dafür einen bemerkenswerten Befund. In derselben Studienpopulation, in der die Freizeitbildschirmzeit zwei Wochen lang drastisch reduziert wurde, erhöhte sich die nicht sitzende Freizeitaktivität der Kinder um durchschnittlich etwa 45,8 Minuten pro Tag gegenüber der Kontrollgruppe.

Das ist ein vergleichsweise großer Effekt und stützt die sogenannte Verdrängungshypothese: Wird weniger Zeit vor Freizeitbildschirmen verbracht, entsteht zumindest bei manchen Kindern tatsächlich zusätzliche Zeit für körperliche Aktivität. Bemerkenswert ist dabei, dass niemand den Kindern sagen musste, was sie stattdessen tun sollen – die Bewegung kam von selbst.

Langzeitbeobachtungen zeigen ebenfalls Zusammenhänge zwischen hoher Bildschirmnutzung und höherem Körpergewicht. Ein prospektiver Studien aus dem Jahr 2025 identifizierte insbesondere bei Fernsehen und selbst eingeschätzter Gesamtbildschirmzeit positive Zusammenhänge mit dem BMI und späterem Übergewicht. Allerdings war ein erheblicher Teil der Untersuchungen methodisch anfällig für Verzerrungen. Was daraus für den Alltag folgt, steht ausführlich in unserem Ratgeber zu Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen.

Eine wichtige Ergänzung ist die Rolle der Werbung. Bildschirmnutzung bedeutet bei Kindern häufig auch Kontakt mit hochkalorischen Lebensmitteln und Getränken. Eine große aus JAMA Pediatrics untersuchte 96 Studien zum Einfluss von Lebensmittelmarketing auf Kinder. In randomisierten Experimenten erhöhte Werbung kurzfristig die Nahrungsaufnahme und beeinflusste Produktwahl und Vorlieben. Für die tatsächliche langfristige Gewichtsentwicklung war die Evidenz wesentlich schwächer.

Damit wird erneut deutlich, dass Inhalt und Kontext zählen: Zwei Stunden Bildschirmzeit ohne Werbung sind nicht dasselbe wie zwei Stunden werbeintensiver Unterhaltung. Wer an dieser Stelle ansetzen möchte, findet in unseren Beiträgen zu Zucker und seinen Nebenwirkungen bei Kindern die passende Ergänzung.

Eine häufig zitierte Metaanalyse zum dosisabhängigen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Adipositas wurde inzwischen zurückgezogen. Ihre Ergebnisse sollten daher nicht mehr als Beleg verwendet werden – sie geistern allerdings weiter durch Elternratgeber und Zeitungsartikel.

95 Ein zweiter Blick auf das Handyverbot: sechs dänische Schulen im Vergleich

Dass Bildschirmzeit Bewegung verdrängen kann, bestätigt auch ein zweites, unabhängiges Experiment – diesmal nicht in der Familie, sondern im Schulhof. An sechs dänischen Schulen wurde Kindern der vierten bis siebenten Schulstufe für vier Wochen die Handynutzung während der Pausen untersagt. Verglichen wurden 814 Kinder vor der Maßnahme mit 828 Kindern in der letzten Woche der Maßnahme.

Das Ergebnis war differenzierter, als man erwarten würde. Die Häufigkeit körperlicher Aktivität insgesamt stieg deutlich an, ebenso die moderate Aktivität. Die intensive, also besonders anstrengende Bewegung ging dagegen zurück. Auffällig war außerdem, dass der Rückgang sitzenden Verhaltens bei Mädchen deutlich stärker ausfiel als bei Buben.

Diese Studie ist ein Kongressbeitrag ohne Kontrollschulen und wurde nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht – die Ergebnisse sind deshalb mit Zurückhaltung zu lesen. Trotzdem passt die Grundrichtung zur dänischen Familienstudie: Wird der Bildschirm aus einer Situation entfernt, entsteht in der Regel mehr Bewegung. Wie diese zusätzliche Bewegung genau aussieht – eher gemütliches Herumstehen und Reden oder tatsächlich intensives Spiel –, scheint dabei jedoch nicht beliebig zu sein.

96 Nicht die Bildschirmzeit selbst, sondern das, was sie verändert

Das französische Gesundheitsberatungsgremium Haut Conseil de la santé publique (HCSP) ist eine der wenigen amtlichen Stellen, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Bildschirmverhalten und Übergewicht ausdrücklich formulieren – allerdings nicht über die Bildschirmzeit als solche, sondern über den Mechanismus dahinter. Wörtlich hält das Gremium fest, dass mit Bildschirmen verbundene Verhaltensweisen für den Anstieg des Übergewichts verantwortlich seien: erhöhte Nahrungsaufnahme sowie verringerte und qualitativ schlechtere Schlafzeit.

Das ist eine wichtige Präzisierung. Nicht das Sitzen vor dem Gerät macht dick, sondern das, was dabei nebenbei passiert: Wer vor dem Bildschirm isst, achtet weniger auf Sättigungssignale und isst nachweislich mehr. Wer abends länger vor dem Bildschirm bleibt, schläft kürzer und schlechter – und schlechter Schlaf ist seinerseits mit einem höheren Gewicht verbunden. Konkrete französische Effektgrößen zum unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Körpergewicht ließen sich in der Recherche allerdings nicht finden.

Für die Beratung ist das eine handlungsnähere Botschaft als eine reine Stundengrenze: Nicht „weniger Bildschirm" ist das eigentliche Ziel, sondern „nicht essen dabei" und „genug und gut schlafen".

97 Italienische Zahlen zu Übergewicht und Bluthochdruck – und ihre Grenzen

Die aktuelle Übersicht der Italienischen Gesellschaft für Pädiatrie (SIP) von 2026 fasst mehrere internationale Studien zu Übergewicht und Bluthochdruck im Zusammenhang mit Bildschirmzeit zusammen. Bei mehr als zwei Stunden täglicher Bildschirmzeit fand sich ein um 26 Prozent erhöhtes Adipositasrisiko, bei mindestens zwei Stunden ein um 67 Prozent erhöhtes Risiko für Übergewicht oder Adipositas insgesamt, bei Jugendlichen mit mehr als zwei Stunden ein 1,8-fach erhöhtes Adipositasrisiko. Eine deutsche Studie mit mehr als 1.700 Kindern im Alter von durchschnittlich rund sieben Jahren fand, dass eine Bildschirmzeit von knapp über einer Stunde das Risiko für Übergewicht oder abdominelle Adipositas innerhalb eines einzigen Jahres verdoppelte.

Zum Blutdruck nennt das begleitende SIP-Dossier 2025 sogar gestaffelte Zahlen: Je 50, 100 beziehungsweise 150 zusätzliche Minuten Bildschirmzeit pro Tag soll das Hypertonierisiko um 17, 32 beziehungsweise 92 Prozent steigen. Diese drei Prozentsätze ließen sich allerdings keiner konkret genannten Primärstudie zuordnen und gelten deshalb als nicht verifiziert – sie sollten nicht ungeprüft als feststehende Zahl weitergegeben werden.

Für praktisch alle hier genannten Werte gilt zudem derselbe methodische Vorbehalt: Es handelt sich um Querschnitts- beziehungsweise Beobachtungsstudien, bei denen sich Bewegungsmangel, Ernährung und sozialer Status kaum vollständig herausrechnen lassen. Die Richtung des Zusammenhangs ist plausibel, seine genaue Größe bleibt unsicher.

98 Österreich hat gute Zahlen zu Gewicht und Bewegung – aber keinen belegten Medienbezug

Der amtliche österreichische HBSC-Bericht 2023 liefert solide eigene Daten zu Bewegung, Körpergewicht und Körperbild: 30 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Burschen sind in ihrer Freizeit mindestens viermal wöchentlich mit höherer Intensität körperlich aktiv, 17 Prozent der Mädchen und 8 Prozent der Burschen dagegen nie. 65 Prozent der befragten Jugendlichen haben Normalgewicht, 25 Prozent Übergewicht oder Adipositas. Beim Körperbild empfinden sich 15 Prozent der Mädchen als zu dünn und 40 Prozent als zu dick, bei den Burschen sind es 24 beziehungsweise 30 Prozent.

Wichtig für diesen Ratgeber: Der HBSC-Bericht selbst stellt zwischen diesen Zahlen und der Bildschirmzeit ausdrücklich keinen Zusammenhang her. Ein solcher Zusammenhang wird in vielen Elternratgebern stillschweigend unterstellt, ist für Österreich aber schlicht nicht erhoben. Diese Zahlen dürfen deshalb als Beschreibung der Situation heimischer Jugendlicher gelesen werden, nicht als Beleg dafür, dass die Bildschirmnutzung dafür verantwortlich ist. Zur Kurzsichtigkeit liegt für Österreich zudem überhaupt keine eigene Quelle vor – auch das ein Grund, bei diesem Thema international zu vergleichen, aber vorsichtig zu übertragen.

99 Eine Studie, die es nicht mehr geben dürfte – und trotzdem weiterlebt

2023 erschien im Journal of Health, Population and Nutrition eine Dosis-Wirkungs-, die einen genauen, gut zitierbaren Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und kindlicher Adipositas errechnete – die Art von Zahl, die sich hervorragend in eine Schlagzeile oder einen Elternratgeber einbauen lässt. Es gibt nur ein Problem damit: Diese Arbeit wurde zurückgezogen. Sie ist offiziell mit einer Retraction Note versehen (PMID 37608342) und gilt seither nicht mehr als zitierfähig.

Das hindert die Zahlen aus dieser Studie nicht daran, weiterhin durch Sekundärliteratur, Zeitungsartikel und Elternratgeber zu geistern. Genau darin liegt das Lehrstück: Eine Rückziehung wird selten genauso laut kommuniziert wie die ursprüngliche Veröffentlichung. Wer eine Studie einmal gelesen und für seinen eigenen Text übernommen hat, bekommt in der Regel keine Nachricht, wenn sie später zurückgezogen wird. So können widerlegte oder fehlerhafte Zahlen jahrelang weiterzirkulieren, obwohl die Fachwelt sie längst verworfen hat.

Ein zweiter Punkt kommt hinzu, der zur Vorsicht mahnt: Eine verwandte, weiterhin gültige Metaanalyse aus 44 Studien fand bei Jugendlichen in der höchsten Bildschirmzeit-Kategorie ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko für Übergewicht oder Adipositas ( 1,27). Diese Arbeit stammt aus derselben Arbeitsgruppe wie die zurückgezogene Studie und wurde im selben Zeitraum mit einer sehr ähnlichen Methodik erstellt. Eine eigene Rückziehung liegt für sie nicht vor. Trotzdem ist die Nähe zur zurückgezogenen Schwesterarbeit ein guter Grund, diese Zahl mit Zurückhaltung zu verwenden und, wo möglich, durch unabhängige Quellen zu ersetzen – etwa durch die international breiter abgestützten Befunde, die in diesem Kapitel an anderer Stelle referiert werden.

Für Eltern bedeutet das vor allem eines: Eine einzelne, besonders prägnante Zahl ist kein Gütesiegel. Erst wenn mehrere unabhängige Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Methoden zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wird ein Zusammenhang wirklich belastbar.

100 Der globale Rahmen: zu wenig Bewegung, unabhängig vom Bildschirm

Ein Übersichtsbeitrag der Fachzeitschrift The Lancet zu körperlicher Aktivität im Jugendalter ordnet die Diskussion um Bildschirmzeit in einen größeren Rahmen ein: Weltweit bewegen sich 80 Prozent der Jugendlichen zu wenig, viele davon mit mindestens zwei Stunden täglicher Freizeitbildschirmzeit. Die Autorinnen und Autoren weisen allerdings selbst darauf hin, dass die Evidenz zum Zusammenhang zwischen Inaktivität und Jugendgesundheit methodisch schwach ist – Bildschirmzeit ist ein Teil des globalen Bewegungsmangels, aber eben nur ein Teil.

Noch deutlicher wird das bei den Jüngsten. Eine gepoolte internationale Analyse mit Beschleunigungsmesser-Daten von 7.017 Kindern im Alter von drei bis vier Jahren aus 33 Ländern prüfte, wie viele Kinder gleichzeitig alle drei WHO-Empfehlungen zu Bewegung, Bildschirmzeit (höchstens eine Stunde täglich) und Schlaf (10 bis 13 Stunden) erfüllen. Das Ergebnis: nur 14,3 Prozent. Am niedrigsten war die Erfüllungsquote in Nord- und Südamerika mit 7,7 Prozent, am höchsten in Afrika mit 23,9 Prozent.

Eine kleinere brasilianische Querschnittsstudie mit 432 Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren fand außerdem einen Zusammenhang zwischen mindestens drei Stunden täglicher Bildschirmzeit und abdomineller Adipositas. Diese Zahl wird hier ausdrücklich mit einem Vorbehalt zitiert: Das im Studienabstract angegebene ist um den eigentlichen Schätzwert auffällig unsymmetrisch, was auf einen möglichen Fehler in der Veröffentlichung hindeutet. Sie fügt sich zwar in das internationale Gesamtbild eines moderaten Zusammenhangs zwischen Bildschirmzeit und Übergewicht ein, sollte aber nicht als präzise bezifferter Einzelbeleg verwendet werden.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Warum Fachgesellschaften so uneinig sind, wie viel zu viel ist Abschnitt 1–7 · 7
  2. 2. Wie belastbar die Studien wirklich sind Abschnitt 8–21 · 14
  3. 3. Was Fachgesellschaften konkret empfehlen Abschnitt 22–36 · 15
  4. 4. Was Kinder tatsächlich nutzen: ein Ländervergleich Abschnitt 37–56 · 20
  5. 5. Bildschirmzeit und psychische Gesundheit Abschnitt 57–69 · 13
  6. 6. Soziale Medien im Besonderen Abschnitt 70–79 · 10
  7. 7. Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche Abschnitt 80–93 · 14
  8. 8. Bewegung, Fitness und Übergewicht Abschnitt 94–100 · 7
  9. 9. Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit? Abschnitt 101–109 · 9
  10. 10. Kleinkinder: Sprache und Entwicklung Abschnitt 110–119 · 10
  11. 11. Schule, ADHS und Autismus Abschnitt 120–130 · 11
  12. 12. Cybermobbing und Übergriffe Abschnitt 131–142 · 12
  13. 13. Handyverbote in Schulen – auch in Österreich Abschnitt 143–154 · 12
  14. 14. Wann aus Gewohnheit ein Problem wird Abschnitt 155–164 · 10
  15. 15. Pornografie und ungewollte Inhalte: was wir wissen Abschnitt 165–173 · 9
  16. 16. Gesetze zu Mindestalter und Altersverifikation Abschnitt 174–181 · 8
  17. 17. Strahlung und was digitale Medien auch können Abschnitt 182–186 · 5
  18. 18. Wie Eltern Bildschirmzeit praktisch regeln Abschnitt 187–198 · 12
  19. 19. Fragen, das Gespräch und Anlaufstellen in Österreich Abschnitt 199–207 · 9