„Zucker" und „Insulin" gehören zu den Wörtern, die viele Eltern erst dann wirklich beschäftigen, wenn ein Kind plötzlich sehr viel trinkt, häufig zur Toilette muss, abnimmt und müde wirkt – und am Ende die Diagnose Typ-1-Diabetes im Raum steht. Für die meisten Familien ist das ein Moment, der das Leben von einem Tag auf den anderen verändert. Dieser Ratgeber erklärt, was im Körper eigentlich passiert, wie Ärztinnen und Ärzte weltweit die Diagnose stellen, wie eine moderne Insulintherapie heute aussieht und worauf es bei den beiden großen akuten Gefahren – Über- und Unterzuckerung – ankommt. Grundlage ist eine Auswertung aktueller Leitlinien und Fachgesellschaften aus zehn Ländern und internationalen Organisationen.

So ist dieser Ratgeber aufgebaut

Die 12 Kapitel führen Sie von der Physiologie über Diagnose und Insulintherapie bis zu Notfällen und der weltweiten Versorgungslage. Nutzen Sie das Inhaltsverzeichnis, um gezielt zu dem Abschnitt zu springen, der Sie gerade beschäftigt. Grundlage sind Leitlinien und Konsensuspapiere der deutschen AWMF/Deutschen Diabetes Gesellschaft, der amerikanischen ADA, italienischer, spanischer, französischer, kanadischer, australischer und britischer Fachgesellschaften sowie der japanischen und chinesischen Diabetesgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels unter „Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften".

Auch wenn dieser Text primär Typ-1-Diabetes behandelt, weil er im Kindesalter mit Abstand am häufigsten ist: Ein kleinerer Teil der beschriebenen Grundlagen – etwa zu Blutzucker-Grenzwerten – gilt sinngemäß auch für den selteneren Typ-2-Diabetes im Jugendalter, auf den wir im Kapitel zur Häufigkeit kurz eingehen.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Insulindosen, Therapieanpassungen und der Umgang mit Über- oder Unterzuckerung müssen immer individuell mit dem behandelnden diabetologischen Team abgestimmt werden. Bei Alarmzeichen einer Stoffwechselentgleisung – siehe die entsprechenden Abschnitte weiter unten – wenden Sie sich bitte unverzüglich an Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt oder den ärztlichen Notdienst.

1. Was ist Typ-1-Diabetes? Insulin und Blutzucker im Überblick

Damit Körperzellen Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut als Energiequelle nutzen können, brauchen sie einen „Schlüssel": das Hormon Insulin, das in speziellen Zellen der Bauchspeicheldrüse – den Beta-Zellen – gebildet wird. Bei Typ-1-Diabetes greift das körpereigene Immunsystem diese Beta-Zellen fälschlicherweise an und zerstört sie nach und nach. Es handelt sich also, wie es die deutsche AWMF/DDG-S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter" zusammenfasst, um eine Autoimmunerkrankung, die zu einem absoluten Insulinmangel führt: Ohne ausreichend Insulin bleibt Glukose im Blut, statt in die Zellen zu gelangen – der Blutzucker steigt, während den Zellen gleichzeitig Energie fehlt. In Europa macht Typ-1-Diabetes nach dieser Leitlinie über 90 Prozent aller Diabetesfälle bei unter 25-Jährigen aus.

Anders als Typ-1-Diabetes ist Typ-2-Diabetes im Kindesalter noch immer deutlich seltener, wird aber ebenfalls beobachtet: Die AWMF/DDG-Leitlinie berichtet für Deutschland im Zeitraum 2014 bis 2019 im Schnitt rund 200 Neuerkrankungen pro Jahr bei 11- bis 17-Jährigen. Bei Typ-2-Diabetes wird zwar meist noch Insulin produziert, der Körper spricht aber zunehmend schlechter darauf an (Insulinresistenz) – ein Mechanismus, der stärker mit Übergewicht und Lebensstil zusammenhängt als die autoimmune Zerstörung bei Typ 1. Dieser Ratgeber konzentriert sich, der Forschungslage entsprechend, überwiegend auf Typ-1-Diabetes.

2. Wie häufig ist Diabetes bei Kindern? Zahlen aus aller Welt

Typ-1-Diabetes gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter überhaupt – und die Zahlen unterscheiden sich je nach Land und Studie, weil unterschiedliche Zeiträume, Altersgruppen und Erhebungsmethoden zugrunde liegen. Gemeinsam zeichnen sie aber ein Bild: Es handelt sich weltweit um eine der zahlenmäßig bedeutendsten Kinderkrankheiten mit dauerhaftem Behandlungsbedarf.

Land / RegionKennzahlenQuelle, Jahr
Weltweitca. 1,1 Mio. Kinder und Jugendliche (0–19 Jahre) mit Typ-1-Diabetes; ca. 128.900 Neuerkrankungen pro JahrIDF Diabetes Atlas, 10. Auflage, 2021
Weltweit (alle Altersgruppen)ca. 8,4 Mio. Menschen mit Typ-1-Diabetes insgesamt, davon 1,5 Mio. (18 %) unter 20 Jahren; 2021 ca. 0,5 Mio. NeumanifestationenAWMF/DDG, Deutschland, zit. Gregory 2022
Deutschlandca. 32.230 Kinder/Jugendliche (0–17 J.) mit Typ-1-Diabetes (2020); Prävalenz 245,6/100.000 (0–19 J.); Inzidenz 25,7/100.000/Jahr (2014–2019), Anstieg auf 29,2/100.000/Jahr (2020)AWMF/DDG, 2023/2026
ChinaInzidenz 2–5/100.000/Jahr; bei unter 5-Jährigen jährlicher Anstieg von 5–34 %; nur 15 % erreichen das HbA1c-Ziel (vs. 44–59 % in westlichen Ländern)Chinesischer Expertenkonsens, 2020
Kanadadiabetische Ketoazidose bei ca. 40 % der Neumanifestationen; Autoimmunthyreoiditis bei 15–30 % der BetroffenenDiabetes Canada, 2018

Hinweis: Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungsjahren und -methoden und sind daher nicht direkt eins zu eins vergleichbar. Deutschland zählt laut AWMF/DDG-Leitlinie neben den USA, Indien, Brasilien und China zu den zehn Ländern mit der höchsten Typ-1-Diabetes-Prävalenz weltweit.

Bemerkenswert ist der auffällige Anstieg der Neuerkrankungsrate in Deutschland im Jahr 2020: Die AWMF/DDG-Leitlinie ordnet diesen Sprung als pandemieassoziiert ein, betont aber ausdrücklich, dass sich kein direkter ursächlicher Zusammenhang mit einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion selbst nachweisen ließ – ein Hinweis darauf, wie vorsichtig man bei der Interpretation solcher zeitlichen Zusammenhänge sein muss. Auffällig ist auch die chinesische Zahl zur HbA1c-Zielerreichung: Sie macht sichtbar, wie stark sich die Qualität der Diabetesversorgung zwischen Weltregionen unterscheiden kann, obwohl die medizinischen Grundprinzipien der Behandlung überall dieselben sind – mehr dazu im Kapitel zum weltweiten Zugang zu Insulin.

3. Wie die Diagnose gestellt wird

Bei der Frage, ab wann ein Blutzuckerwert als Diabetes gilt, herrscht international eine bemerkenswerte Einigkeit. Die deutsche AWMF/DDG-Leitlinie fasst die – mit der amerikanischen ADA und der Weltgesundheitsorganisation WHO übereinstimmenden – Diagnosekriterien so zusammen: Diabetes liegt vor bei einem Gelegenheits-Blutzucker ab 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder einer Nüchtern-Plasmaglukose ab 126 mg/dl (7,0 mmol/l) oder einem HbA1c-Wert ab 6,5 % (48 mmol/mol) oder einem 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest (oGTT) ab 200 mg/dl.

Auch der chinesische Expertenkonsens von 2020 übernimmt die WHO-Kriterien von 2019 nahezu deckungsgleich: Nüchtern-Plasmaglukose ab 7,0 mmol/l, 2-Stunden-oGTT-Wert ab 11,1 mmol/l, HbA1c ab 6,5 % oder ein Gelegenheitswert ab 11,1 mmol/l in Verbindung mit typischen Symptomen. Dass sich Leitlinien aus Deutschland, den USA, der WHO und China bei diesen Zahlenwerten praktisch decken, zeigt: Anders als bei manchen Therapiedetails ist die Diagnosestellung selbst international bereits weitgehend vereinheitlicht.

Interessant ist der Blick nach Japan: Die dortige gemeinsame Konsensus-Leitlinie der Japan Diabetes Society und der Japanese Society for Pediatric Endocrinology (2024) unterscheidet klinisch vier Subtypen des Typ-1-Diabetes. Neben dem klassischen autoimmunen Typ 1A – mit 80 bis 90 Prozent der pädiatrischen Fälle auch dort die mit Abstand häufigste Form – und dem selteneren, antikörpernegativen idiopathischen Typ 1B nennt die Leitlinie den langsam progredienten Typ (SPIDDM, mit eigenen japanischen Diagnosekriterien von 2023) sowie den sogenannten fulminanten Typ-1-Diabetes: eine besonders rasant verlaufende Form, bei der wegen einer sehr kurzen Prodromalzeit trotz lebensbedrohlicher Ketoazidose das HbA1c noch nahezu normal sein kann. Bei Erwachsenen macht dieser fulminante Verlauf in Japan rund 20 Prozent der akuten Fälle aus, bei Kindern ist er seltener. Diese japanische Feindifferenzierung zeigt, dass „Typ-1-Diabetes" medizinisch kein völlig einheitliches Krankheitsbild ist, auch wenn die Grundmechanismen ähnlich sind.

4. Die Vorstadien: Wenn sich Typ-1-Diabetes ankündigt

Eine der international einflussreichsten Entwicklungen der letzten Jahre betrifft nicht die Behandlung, sondern die Zeit vor der eigentlichen Diagnose. Die amerikanische Fachgesellschaft ADA hat 2022 ein Stadienmodell vorgeschlagen, das mittlerweile international übernommen wird und auch die deutsche AWMF/DDG-Leitlinie prägt:

  • Stadium 1: mindestens zwei diabetesassoziierte Autoantikörper im Blut nachweisbar, Blutzucker noch völlig normal (Normoglykämie).
  • Stadium 2: weiterhin mindestens zwei Autoantikörper, zusätzlich aber bereits leicht gestörte Blutzuckerwerte (Dysglykämie).
  • Stadium 3: die klassische klinische Manifestation – der Typ-1-Diabetes, wie er in diesem Ratgeber sonst beschrieben wird.

Der Verlauf dieser Vorstadien ist erstaunlich vorhersehbar: Sind bei einem Kind mindestens zwei Autoantikörper nachweisbar, entwickelt sich laut AWMF/DDG-Leitlinie bei nahezu 100 Prozent innerhalb von 20 Jahren ein klinischer Diabetes – bei nur einem positiven Antikörper liegt dieses Risiko dagegen bei lediglich rund 15 Prozent. Verwandte ersten Grades von Menschen mit Typ-1-Diabetes tragen ein 15-fach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken.

Der Großteil der Kinder hat gar keine betroffenen Verwandten

So stark das familiäre Risiko relativ gesehen erhöht ist – absolut betrachtet verläuft es umgekehrt: Laut AWMF/DDG-Leitlinie haben 85 bis 90 Prozent aller Kinder, bei denen neu ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert wird, keinen Verwandten ersten Grades mit derselben Erkrankung. Eine familiäre Vorbelastung ist also weder notwendig noch ein verlässlicher Frühwarnhinweis – Typ-1-Diabetes trifft ganz überwiegend Familien ohne jede Vorgeschichte.

Warum dieses Stadienmodell praktisch relevant wird, zeigt ein neuer Wirkstoff: Der monoklonale Antikörper Teplizumab kann laut AWMF/DDG-Leitlinie den Übergang von Stadium 2 zu Stadium 3 um bis zu 59,6 Monate hinauszögern – in Deutschland ist er allerdings noch nicht zugelassen. Passend dazu hat ein spanischer Gesellschaftenkonsens aus Sociedad Española de Diabetes (SED), Sociedad Española de Endocrinología y Nutrición (SEEN) und Sociedad Española de Endocrinología Pediátrica (SEEP) sich 2025 eigens dem Screening, der Stadieneinteilung und dem Follow-up des präklinischen Typ-1-Diabetes bei Verwandten ersten Grades gewidmet – ein Themenfeld, das in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter an Bedeutung gewinnen wird, sollten entsprechende Therapien auch in Europa breiter verfügbar werden.

5. Insulintherapie: wie Insulin heute verabreicht wird

Da bei Typ-1-Diabetes praktisch kein körpereigenes Insulin mehr gebildet wird, muss es von außen zugeführt werden – lebenslang. Als Standardtherapie gilt bei Kindern und Jugendlichen international die sogenannte intensivierte Insulintherapie (ICT, mehrfache tägliche Injektionen mit unterschiedlich wirkenden Insulinen) oder die Insulinpumpentherapie (CSII). Die deutsche AWMF/DDG-Leitlinie, die amerikanische ADA (Standards of Care 2025, Empfehlung 14.20/14.21) und die australische Living-Evidence-Leitlinie sind sich einig, dass automatisierte Insulindosierungssysteme (AID, auch Closed-Loop-Systeme genannt) mittlerweile allen dafür geeigneten Familien angeboten werden sollen.

Verwendet werden im Kindesalter ausschließlich Humaninsuline und moderne Insulinanaloga – tierische Insuline, historisch die erste verfügbare Form, bergen laut AWMF/DDG-Leitlinie ein höheres Risiko immunologischer Nebenwirkungen und spielen heute keine Rolle mehr. Seit der Zulassung der ersten kurzwirksamen Analoga 1996 ist deren Anteil stark gestiegen: Reines „Normalinsulin" macht laut Leitlinie 2021 nur noch 4 Prozent der bei Kindern mit Typ-1-Diabetes eingesetzten kurzwirksamen Insuline aus.

Insulinarten im Vergleich: Wirkbeginn und Wirkdauer

Für Eltern verwirrend, aber wichtig zu verstehen: Nicht jedes Insulin wirkt gleich schnell oder gleich lange. Die spanische Fortbildung der Sociedad Española de Endocrinología Pediátrica (SEEP/AEP) fasst die Pharmakokinetik der wichtigsten Insulintypen anschaulich zusammen. Wählen Sie im folgenden Vergleich einen Insulintyp aus, um Wirkbeginn und Wirkdauer im Verhältnis zueinander zu sehen.

Wirkprofil verschiedener Insulinarten

Die Balkenlänge zeigt Wirkbeginn und Wirkdauer im Verhältnis auf einer gemeinsamen 42-Stunden-Skala – der längsten in dieser Übersicht genannten Wirkdauer.

Kurzwirksame Analoga (Lispro, Aspart, Glulisin): schneller Wirkbeginn, kurze Wirkdauer – typischerweise zu den Mahlzeiten gespritzt.

0 h6 h12 h18 h24 h30 h36 h42 h
Wirkbeginn: 15–20 Min. Wirkdauer: 3–5 Std. meist zu den Mahlzeiten gespritzt
Werte nach der spanischen Fortbildung der Sociedad Española de Endocrinología Pediátrica / Asociación Española de Pediatría (AEPap/SEEP), Spanien, 2019. Die Balken sind maßstabsgetreu auf einer gemeinsamen 42-Stunden-Skala dargestellt; bei sehr kurzen Wirkzeiten (kurzwirksame Analoga) ist der Balken entsprechend nur als schmaler Streifen sichtbar.

Wie die Insulindosis konkret bemessen wird, hängt stark von Alter und Krankheitsphase ab. Der chinesische Expertenkonsens von 2020 nennt dafür ein anschauliches Schema: Bei Erstdiagnose beginnt man meist mit 0,5 bis 1,0 Einheiten Insulin pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, bei unter 3-Jährigen niedriger dosiert mit rund 0,5 Einheiten/kg/Tag, während in der Pubertät wegen der hormonell bedingten Insulinresistenz oft 1,0 bis 1,5 Einheiten/kg/Tag nötig werden. Als Verabreichungsformen nennt der Konsens zwei tägliche Injektionen, das intensivierte Basis-Bolus-Schema (mehrfache tägliche Injektionen, MDI) oder die Insulinpumpe (CSII).

Nicht empfohlen wird bei Kindern mit Typ-1-Diabetes dagegen der zusätzliche Einsatz von Medikamenten wie Metformin oder sogenannten SGLT2-Hemmern, die eigentlich aus der Typ-2-Diabetes-Behandlung stammen: Die AWMF/DDG-Leitlinie spricht sich mit Empfehlungsgrad B ausdrücklich gegen deren Einsatz aus, da die Studienlage uneinheitlich ist und SGLT2-Hemmer zudem das Risiko einer diabetischen Ketoazidose erhöhen können.

Einen bemerkenswert konsequenten Ansatz verfolgt Japan: Laut der gemeinsamen Leitlinie von Japan Diabetes Society und Japanese Society for Pediatric Endocrinology (2024) soll die Insulintherapie unmittelbar nach der Diagnose beginnen. Sensorunterstützte Pumpentherapien (Sensor-Augmented Pump, SAP) und Hybrid-Closed-Loop-Systeme (HCL) sind dort bereits Kindern ab 2 Jahren zugänglich – seit 2022 etwa die Systeme Medtronic 770G und 780G –, und die Kosten werden für unter 18- bis 20-Jährige über ein staatliches Förderprogramm für chronische Kindererkrankungen übernommen.

6. Therapieziele: HbA1c und Zeit im Zielbereich im Ländervergleich

Der HbA1c-Wert (das „Langzeitgedächtnis" des Blutzuckers, das den Durchschnittswert der vergangenen rund acht bis zwölf Wochen widerspiegelt) ist weiterhin der zentrale Kennwert, mit dem Behandlungserfolg gemessen wird. Die Zielwerte der Fachgesellschaften haben sich in den letzten Jahren einander angenähert und tendenziell verschärft:

Land / OrganisationHbA1c-ZielQuelle, Jahr
Deutschland (AWMF/DDG)< 7,0 % (< 53 mmol/mol)2023/2026
USA (ADA)< 7,0 % (< 53 mmol/mol), individualisiert 6,5–8,5 % je nach Risikoprofil2025
Italien (AMD/SID/SIEDP)48–53 mmol/mol (6,5–7,0 %)2022/2024
Vereinigtes Königreich (NICE, NG18)≤ 48 mmol/mol (6,5 %) – striktester Wert im Vergleichzit. in AEPap-Tabelle, 2019
Kanada (Diabetes Canada)≤ 7,5 %2018
China (Expertenkonsens)< 7,5 %2020
Frankreich (HAS)< 7,5 %2007, basierend auf ISPAD 2000

Transparenzhinweis zur Recherche

Für die britische NICE-Leitlinie NG18 und die internationale ISPAD-Konsensusleitlinie ließ sich der Volltext im Rahmen dieser Recherche wegen Zugriffsbeschränkungen nicht direkt einsehen. Die hier genannten Zahlenwerte stammen aus einer unabhängigen spanischen Sekundärquelle (der Fortbildung der AEPap/SEEP, 2019) mit expliziter Vergleichstabelle und Jahresangabe.

Ergänzend zum HbA1c hat sich international ein zweiter Kennwert etabliert, der besonders seit der Verbreitung kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) an Bedeutung gewinnt: die sogenannte Time in Range (TIR), also der Anteil der Zeit, in dem der Blutzucker im Zielbereich liegt. Grundlage ist ein internationaler Expertenkonsens (Battelino et al., 2019), den sowohl die deutsche AWMF/DDG-Leitlinie als auch die amerikanische ADA übernehmen:

Internationale CGM-Zielbereiche im Überblick

Beispielhafte Verteilung, wie sich ein Tag idealerweise auf die verschiedenen Glukosebereiche verteilen sollte – keine Messwerte eines realen Kindes, sondern eine Veranschaulichung der Zielkorridore.

🟥 < 54 mg/dl: < 1 % 🟧 54–70 mg/dl: zusammen mit dem Bereich unter 54 mg/dl < 4 % Time below Range 🟩 70–180 mg/dl: > 70 % Time in Range 🟨 180–250 mg/dl 🟫 > 250 mg/dl: < 5 % Time above Range
Zielkorridore nach internationalem Expertenkonsens (Battelino et al., 2019), übernommen u. a. von der deutschen AWMF/DDG-Leitlinie (2023/2026) und der amerikanischen ADA (2025). Zusätzlich wird eine glykämische Variabilität (Variationskoeffizient) unter 36 % angestrebt.

Eine wichtige Klarstellung liefert die AWMF/DDG-Leitlinie unter Berufung auf die historische DCCT-Studie von 1994: Es gibt keinen HbA1c-Schwellenwert, unterhalb dessen gar kein Risiko für diabetesbedingte Folgeschäden mehr bestünde. Ziel ist deshalb immer ein möglichst niedriger, für das jeweilige Kind individuell erreichbarer Wert – ohne dabei relevante Unterzuckerungen in Kauf zu nehmen. Wie ökonomisch bedeutsam eine gute Einstellung sein kann, zeigt eine italienische Auswertung von AMD, SID und SIEDP: Über 30 Jahre betrachtet entstehen bei schlechter glykämischer Kontrolle Kosten für Komplikationen und Begleiterkrankungen von rund 118.257 US-Dollar, gegenüber nur 27.369 US-Dollar bei exzellenter Kontrolle – ein Unterschied von etwa 90.900 US-Dollar pro Person.

7. Diabetische Ketoazidose: der gefährlichste Notfall

Alarmzeichen einer diabetischen Ketoazidose

Eine diabetische Ketoazidose (DKA) ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der bei bekanntem Diabetes ebenso auftreten kann wie – häufig unerkannt – bei der Erstmanifestation. Anzeichen wie sehr starker Durst, häufiges Wasserlassen, ungewöhnlich tiefe oder schnelle Atmung, starke Bauchschmerzen, wiederholtes Erbrechen, zunehmende Schläfrigkeit oder Verwirrtheit sind Gründe, sofort ärztliche Hilfe bzw. den Notruf zu kontaktieren – unabhängig davon, ob bereits eine Diabetesdiagnose bekannt ist oder nicht.

Medizinisch definiert die AWMF/DDG-Leitlinie eine DKA über drei Kriterien: einen pH-Wert unter 7,3 oder ein Bikarbonat unter 18 mmol/l, eine Hyperglykämie über 200 mg/dl sowie den Nachweis von Ketonkörpern. Je nach pH-Wert wird zwischen leichter (pH < 7,3), mittelschwerer (pH < 7,2) und schwerer (pH < 7,1) Ketoazidose unterschieden.

Besonders bedeutsam ist die DKA bei der Erstdiagnose: In Deutschland tritt sie laut AWMF/DDG-Leitlinie bei 16 bis 35,2 Prozent aller Neumanifestationen auf (Mittelwert vor der Corona-Pandemie: 20,3 %). Als Risikofaktoren gelten ein junges Alter unter 2 Jahren, weibliches Geschlecht und ein niedriger sozioökonomischer Status. In Kanada liegt dieser Anteil laut Diabetes Canada sogar bei rund 40 Prozent aller Neudiagnosen – ein deutlicher Hinweis darauf, wie wichtig frühzeitiges Erkennen der Warnzeichen ist, bevor es überhaupt zur Ketoazidose kommt.

Positive Nachrichten gibt es bei der Prävention: Gezielte Aufklärungskampagnen konnten die DKA-Häufigkeit bei Erstdiagnose deutlich senken – in Stuttgart etwa von 28 auf 16 Prozent binnen drei Jahren, in Italien um 65 Prozent und in Australien um 25 Prozent. Im weiteren Krankheitsverlauf liegt das jährliche DKA-Risiko pro Patientin oder Patient laut AWMF/DDG-Leitlinie bei etwa 1 bis 10 Prozent (Deutschland im Schnitt 4,81 %) und ist unter Insulinpumpentherapie niedriger als unter mehrfacher täglicher Injektion (3,64 gegenüber 4,26 Ereignissen pro 100 Patientenjahre). Als gefürchtetste Komplikation der Ketoazidose selbst nennt die Leitlinie das Hirnödem, das bei 0,3 bis 1 Prozent aller DKA-Episoden auftritt – mit einer Sterblichkeit von 21 bis 24 Prozent bei diesen Fällen.

8. Unterzuckerung (Hypoglykämie) erkennen und behandeln

So gefährlich zu hoher Blutzucker ist – zu niedriger Blutzucker ist die zweite große akute Gefahr bei Insulintherapie, und sie kann sehr rasch eintreten. International hat sich, wieder ausgehend vom Expertenkonsens Battelino et al. (2019) und übernommen sowohl von der deutschen AWMF/DDG-Leitlinie als auch von der amerikanischen ADA, eine dreistufige Einteilung durchgesetzt:

StufeDefinitionBedeutung
Stufe 1 – Warnung< 70 mg/dl (3,9 mmol/l)Grenzwert, ab dem gegengesteuert werden sollte
Stufe 2 – klinisch relevant< 54 mg/dl (3,0 mmol/l)eindeutig behandlungsbedürftige Unterzuckerung
Stufe 3 – schwerBewusstseinsstörung oder Krampfanfallunabhängig vom genauen Messwert – medizinischer Notfall

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht jedes Kind eine beginnende Unterzuckerung rechtzeitig spürt. Diese sogenannte Hypoglykämiewahrnehmungsstörung betrifft laut AWMF/DDG-Leitlinie etwa 25 Prozent der Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes; im Kindesalter schwanken die Angaben je nach Studie zwischen 19 und 37 Prozent in älteren und rund 21 Prozent in neueren Untersuchungen. Die Folgen können gravierend sein: Schwere Hypoglykämien machen laut derselben Leitlinie bis zu 10 Prozent aller Todesursachen bei unter 40-Jährigen mit Typ-1-Diabetes aus – das sogenannte „Dead-in-bed-Syndrom" (nächtlicher Tod ohne erkennbare andere Ursache) betrifft dabei rund 15 Prozent der Todesfälle bei jungen männlichen Erwachsenen mit Diabetes. Diese Zahlen unterstreichen, warum eine gute glykämische Kontrolle immer beide Richtungen im Blick behalten muss – zu hoch und zu niedrig.

9. Technologie: Sensoren, Pumpen und automatisierte Systeme

Kaum ein Bereich der Kinderdiabetologie hat sich in den letzten Jahren so schnell verändert wie die Messtechnik. Kontinuierliche Glukosemessgeräte (CGM), die den Gewebezucker rund um die Uhr über einen kleinen Hautsensor erfassen, haben die klassische Blutzuckerselbstmessung per Fingerstich in vielen Ländern zur Ausnahme werden lassen. In Deutschland nutzte laut AWMF/DDG-Leitlinie (unter Berufung auf das DDG-Register) bereits 2019 die Mehrheit der pädiatrischen Patientinnen und Patienten einen Glukosesensor, 2022 waren es bereits über 80 Prozent.

Die australische Living-Evidence-Leitlinie empfiehlt CGM ausdrücklich gegenüber der alleinigen Blutzuckerselbstmessung sowie automatisierte gegenüber nicht-automatisierter Insulinpumpentherapie. Japanische Real-World-Daten zeigen laut der dortigen Konsensus-Leitlinie einen klaren Zusammenhang: Je häufiger ein CGM-Sensor gescannt bzw. ausgelesen wird, desto niedriger fällt tendenziell das HbA1c aus. Hybrid-Closed-Loop-Systeme, die Insulinabgabe und Glukosemessung automatisiert koppeln, sind in Japan seit 2022 verfügbar und stehen dort bereits Kindern ab 2 Jahren offen.

Ein deutlich anderes Bild zeigt sich dort, wo CGM-Technologie (noch) nicht flächendeckend verfügbar ist: Der chinesische Expertenkonsens von 2020 empfiehlt für diesen Fall weiterhin 6 bis 10 tägliche Blutzuckerselbstmessungen per Fingerstich – ein Aufwand, der verdeutlicht, welchen Unterschied moderne Sensorik im Alltag betroffener Familien machen kann.

10. Diabetes weltweit: der Zugang zu Insulin

Alle in diesem Ratgeber beschriebenen Fortschritte – Insulinanaloga, automatisierte Pumpensysteme, engmaschige Sensorik – nützen nur, wenn Familien tatsächlich Zugang dazu haben. Genau hier setzt eine globale Initiative der Weltgesundheitsorganisation an: 2021, zum 100-jährigen Jubiläum der Entdeckung des Insulins, rief die WHO den Global Diabetes Compact ins Leben. 2022 verabschiedete die 75. Weltgesundheitsversammlung darauf aufbauend fünf globale Versorgungsziele bis zum Jahr 2030. Das fünfte dieser Ziele lautet wörtlich:

„100 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes haben Zugang zu bezahlbarem Insulin und Blutzuckerselbstmessung."

— World Health Organization (WHO), Global Diabetes Compact / Ziele der 75. Weltgesundheitsversammlung, International, 2021/2022

Dass dieses Ziel keineswegs selbstverständlich erreicht ist, zeigt der bereits erwähnte Befund aus China: Dort erreichen laut chinesischem Expertenkonsens nur rund 15 Prozent der behandelten Kinder und Jugendlichen den angestrebten HbA1c-Zielwert – gegenüber 44 bis 59 Prozent in westlichen Ländern. Diese Diskrepanz ist ein greifbarer Beleg dafür, dass medizinisches Wissen über die richtige Behandlung allein nicht ausreicht, wenn Zugang zu Insulin, moderner Technologie und geschultem Fachpersonal weltweit ungleich verteilt bleiben.

11. Was die Diagnose für den Familienalltag bedeutet

Die Diagnose Typ-1-Diabetes verändert zunächst vieles: Insulingaben, Kohlenhydratzählen, Blutzuckerkontrollen, Absprachen mit Kindergarten oder Schule. Mit guter Schulung, einem verlässlichen diabetologischen Team und – wo verfügbar – moderner Sensor- und Pumpentechnologie gelingt es aber den allermeisten Familien, nach den ersten Wochen wieder zu einem weitgehend normalen Alltag zurückzufinden. Einige Punkte können dabei helfen:

  • Schulung ernst nehmen. Die Insulindosierung, das Erkennen von Über- und Unterzuckerung sowie das Verhalten in Ausnahmesituationen (Krankheit, Sport, Reisen) werden im Rahmen der Diabetesschulung vermittelt – je sicherer Sie sich hier fühlen, desto entspannter wird der Alltag.
  • Kindergarten und Schule frühzeitig einbeziehen. Betreuungspersonen sollten wissen, wie sie eine Unterzuckerung erkennen und was in einem Notfall zu tun ist.
  • Regelmäßige Kontrollen wahrnehmen. HbA1c-Verlauf, Wachstum, Entwicklung und – wie im Kapitel zu den Vorstadien beschrieben – bei Bedarf auch Begleiterkrankungen wie eine Autoimmunthyreoiditis gehören zur laufenden Betreuung.
  • Technologie besprechen. Ob CGM, Insulinpumpe oder ein automatisiertes System für Ihr Kind infrage kommt, hängt von individuellen Faktoren und der Verfügbarkeit ab – sprechen Sie das aktiv mit dem behandelnden Team an.
  • Bei Unsicherheit nachfragen statt abzuwarten. Gerade bei Anzeichen einer möglichen Ketoazidose oder bei wiederholten Unterzuckerungen gilt: lieber einmal zu früh als zu spät Kontakt aufnehmen.

Wenn bei Ihrem Kind erste Anzeichen wie vermehrter Durst, häufiges Wasserlassen oder ungewollter Gewichtsverlust auffallen, oder wenn nach einer bereits gestellten Diagnose Fragen zur Insulintherapie offenbleiben, sprechen Sie uns in der Ordination gerne direkt darauf an.

12. Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften

Diese Auswahl umfasst die zentralen Leitlinien, Konsensuspapiere und Organisationen aus den für diesen Artikel ausgewerteten Ländern.

  • S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter" (AWMF-Reg.-Nr. 057-016, Version 4.1) – Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) / Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD), Deutschland, 2023/2026
  • „14. Children and Adolescents: Standards of Care in Diabetes—2025" – American Diabetes Association (ADA), USA, 2025
  • Linea Guida „La terapia del diabete mellito di tipo 1" – Associazione Medici Diabetologi (AMD) / Società Italiana di Diabetologia (SID) / Società Italiana di Endocrinologia e Diabetologia Pediatrica (SIEDP) / Sistema Nazionale Linee Guida, Istituto Superiore di Sanità, Italien, 2022/2024
  • „Diabetes tipo 1 en la edad pediátrica: insulinoterapia" (Protocolos AEP) – Sociedad Española de Endocrinología Pediátrica / Asociación Española de Pediatría, Spanien, 2019
  • „Cribado, estadificación y seguimiento de la diabetes tipo 1 en estadios preclínicos" (Consenso) – Sociedad Española de Diabetes / Sociedad Española de Endocrinología y Nutrición / Sociedad Española de Endocrinología Pediátrica, Spanien, 2025
  • Guide médecin ALD n°8 „Diabète de type 1 de l'enfant et de l'adolescent" – Haute Autorité de Santé (HAS), Frankreich, 2007
  • „Type 1 Diabetes in Children and Adolescents" (Clinical Practice Guidelines, Kapitel 34) – Diabetes Canada, Kanada, 2018
  • „Australian Evidence-Based Clinical Guidelines for Diabetes" – Australian Diabetes Society / Diabetes Australia / Australian Diabetes Educators Association / Australasian Paediatric Endocrine Group (APEG), Australien, 2020
  • Guideline NG18 „Diabetes (type 1 and type 2) in children and young people: diagnosis and management" – National Institute for Health and Care Excellence (NICE), Vereinigtes Königreich
  • Konsensus-Leitlinie pädiatrischer und adoleszenter Diabetes 2024 – Japan Diabetes Society / Japanese Society for Pediatric Endocrinology, Japan, 2024
  • Expertenkonsens zur standardisierten Diagnose und Therapie des Typ-1-Diabetes bei chinesischen Kindern (2020) – Group for Endocrinology, Genetics and Metabolism, Pediatrics Branch der Chinese Medical Association / Chinese Journal of Pediatrics, China, 2020
  • ISPAD Clinical Practice Consensus Guidelines 2022 – International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD), International, 2022
  • The WHO Global Diabetes Compact / globale Diabetes-Versorgungsziele der 75. Weltgesundheitsversammlung – World Health Organization (WHO), International, 2021/2022
  • „Global estimates of incidence of type 1 diabetes in children and adolescents: results from the IDF Atlas, 10th edition" – International Diabetes Federation (IDF), International, 2021