Was Kinder tatsächlich nutzen: ein Ländervergleich
Was Leitlinien empfehlen, ist eine Sache – was Kinder tatsächlich nutzen, eine andere. Österreich, Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, China, Japan, Korea und Brasilien im Vergleich.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt den Forschungsstand zu Bildschirmzeit und digitalen Medien allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Wirkung digitaler Medien hängt stark vom einzelnen Kind, vom Inhalt und von der Begleitung ab – pauschale Zeitgrenzen sind ein grober erster Anhaltspunkt, kein Maßstab für jedes Kind.
37 Was Leitlinien empfehlen, ist eine Sache – was Kinder tatsächlich nutzen, eine andere
Die Empfehlungen aus dem vorigen Kapitel sind die eine Seite. Wie viel Kinder und Jugendliche tatsächlich vor Bildschirmen verbringen, ist eine andere – und die Lücke zwischen beidem ist in praktisch jedem hier untersuchten Land beträchtlich. Ein methodischer Hinweis vorab: Die folgenden Zahlen stammen aus sehr unterschiedlichen Erhebungsarten – manche fragen Kinder selbst, manche die Eltern, manche lesen die tatsächliche Bildschirmzeit direkt vom Gerät ab, manche schätzen sie. Diese Verfahren liefern unterschiedliche Werte, ohne dass eines davon „falsch" wäre. Wer eine deutsche mit einer japanischen oder einer österreichischen Zahl vergleicht, sollte deshalb immer mitlesen, wie gemessen wurde – nicht nur, was gemessen wurde.
Auch für Österreich selbst gilt: Die im Folgenden zitierten internationalen Zahlen sind Einordnung, keine direkte Aussage über ein einzelnes österreichisches Kind. Wo eigene österreichische Erhebungen vorliegen, stehen sie voran.
38 Österreich: der Jugend-Internet-Monitor zeigt erstmals einen breiten Rückgang
Der Jugend-Internet-Monitor von Saferinternet.at ist die einzige jährliche, repräsentative österreichische Erhebung zur Plattformnutzung 11- bis 17-Jähriger. Der Jahrgang 2026 zeigt eine Überraschung: erstmals einen breiten Rückgang bei allen sechs bislang meistgenutzten Plattformen. WhatsApp bleibt mit 82 Prozent (minus 5 gegenüber dem Vorjahr) mit Abstand Nummer eins, gefolgt von YouTube mit 76 Prozent. Bei Snapchat, TikTok und Instagram lag der Rückgang jeweils bei 8 bis 9 Prozentpunkten. Warum die Nutzung klassischer sozialer Netzwerke zurückgeht, lässt die Erhebung offen – ein naheliegender Kandidat ist die parallel gemessene, sehr rasche Verbreitung von KI-Chatbots: Laut einer begleitenden Pressemitteilung von Saferinternet.at nutzen inzwischen bereits 94 Prozent der Jugendlichen Chatbots, wobei diese konkrete Zahl nicht aus der Original-Erhebung selbst stammt und mit dieser Einschränkung zu lesen ist.
Zwei Werte aus derselben Erhebung sollten Sie nicht zusammenwerfen: Der Monitor misst, welche Plattformen genutzt werden – nicht, wie oft am Tag. Zahlen zur täglichen Nutzungsfrequenz stammen aus einer anderen österreichischen Quelle, der HBSC-Erhebung.
39 Österreich: mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler mit fünf Stunden oder mehr täglich
Diese andere, amtliche Quelle ist die österreichische HBSC-Erhebung, und ihre Zahl ist die wichtigste heimische Kennziffer zur tatsächlichen Bildschirmzeit: Nach eigener Einschätzung verbringen 38 Prozent der Schülerinnen und Schüler fünf Stunden oder mehr täglich am Handy – 2018 waren es noch rund 23 Prozent. Der Anteil der Vielnutzerinnen und Vielnutzer hat sich damit binnen vier Jahren nahezu verdoppelt. Nur sechs Prozent kommen auf weniger als eine Stunde täglich. Gleichzeitig zeigt dieselbe Erhebung, wofür diese Zeit zu einem erheblichen Teil verwendet wird: Rund 80 Prozent stehen ein- oder mehrmals täglich in Online-Kontakt mit engen Freundinnen und Freunden – gegenüber nur rund 20 Prozent mit Familie oder Lehrkräften.
Diese Werte beruhen auf Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler, nicht auf am Gerät gemessenen Werten. Das ist ein wichtiger Unterschied zur folgenden deutschen Zahl.
40 Deutschland: fast jede und jeder mit eigenem Smartphone – und 231 Minuten gemessene Bildschirmzeit
In Deutschland besitzt inzwischen praktisch jede Jugendliche und jeder Jugendliche ein eigenes Smartphone; die Besitzquoten fast aller anderen Einzelgeräte gehen zurück, mit Ausnahme des Tablets, das inzwischen 63 Prozent besitzen. Methodisch bemerkenswert ist eine Umstellung der maßgeblichen deutschen JIM-Studie im Jahr 2025: Statt einer geschätzten „Onlinezeit" wird seither die am Gerät tatsächlich abgelesene Bildschirmzeit erfasst – ein Fortschritt gegenüber Selbsteinschätzungen wie in der österreichischen HBSC-Erhebung. Der Wert: Über alle Befragten hinweg liegt die tägliche Bildschirmzeit am Smartphone bei 231 Minuten, also knapp vier Stunden. Bei 12- bis 13-Jährigen sind es 166 Minuten, bei bereits volljährigen Jugendlichen 278 Minuten. Die Studienautorinnen und -autoren weisen selbst darauf hin, dass der tatsächliche Wert eher noch unterschätzt wird, weil ein Teil der Befragten die Anzeigefunktion nicht kennt oder nutzt.
Diese deutsche Zahl darf nicht unmittelbar als österreichische gelesen werden – für Österreich liegt keine vergleichbare gerätebasierte Messung vor. Sie zeigt aber die Größenordnung, in der sich auch hierzulande plausibel bewegt wird.
41 Deutschland: Einsicht und Verhalten klaffen auseinander, und der Schlaf leidet
Wie schwer sich eigene Vorsätze im Alltag halten lassen, zeigt eine weitere JIM-Zahl: 68 Prozent der 12- bis 19-Jährigen stimmen der Aussage voll oder weitgehend zu, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen, als ursprünglich geplant. 67 Prozent genießen es zwar, auch einmal offline zu sein – aber nur 36 Prozent schalten ihr Handy tatsächlich regelmäßig aus. Beim Schlaf zeigt sich ein ähnliches Bild: Sechs von zehn Jugendlichen schalten ihr Smartphone nachts meist aus oder in den Flugmodus, doch 29 Prozent fühlen sich morgens oft müde, weil sie nachts zu lange am Handy waren. 44 Prozent berichten außerdem, bei den Hausaufgaben durch das Handy abgelenkt zu werden.
Diese Zahlen sind deutsche Werte und nicht direkt auf Österreich übertragbar. Das grundlegende Muster – eine Lücke zwischen dem, was Jugendliche selbst für richtig halten, und dem, was sie tatsächlich tun – dürfte aber kaum spezifisch deutsch sein.
42 Deutschland: Apps im Wandel, und wo der Schulwechsel den Ausschlag gibt
Bei den beliebtesten Apps zeigt sich 2025 eine kleine Verschiebung: WhatsApp dominiert weiterhin klar, doch Snapchat kehrte erstmals seit mehreren Jahren wieder auf Rang drei zurück, knapp vor TikTok, während YouTube als „wichtigste App" spürbar an Bedeutung verlor. Bei KI-Anwendungen zeigt sich ein sprunghafter Anstieg: 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen sie inzwischen für Hausaufgaben oder Lernen, 70 Prozent zur Recherche – ein Plus von 27 gegenüber dem Vorjahr.
Für jüngere Kinder liefert die begleitende deutsche KIM-Studie die entscheidende Referenzzahl: Der stärkste Sprung beim Smartphone-Besitz liegt nicht bei einem bestimmten Geburtstag, sondern zwischen acht bis neun und zehn bis elf Jahren – dem typischen Zeitpunkt des Schulübertritts. Der Besitz springt in dieser Spanne von 33 auf 63 Prozent, ein Plus von 30 Prozentpunkten binnen zwei Jahren. Diese Beobachtung – das erste Smartphone kommt mit dem Schulwechsel, nicht mit einem fixen Alter – wird sich im Verlauf dieses Kapitels in mehreren weit entfernten Ländern wiederholen.
43 Spanien: Erstzugang mit knapp elf Jahren – fünf Jahre früher als von Fachleuten empfohlen
Die größte spanische Jugend-Nutzungserhebung zeigt eine bemerkenswerte Lücke zur eigenen fachlichen Empfehlung des Landes: 94,8 Prozent der 11- bis 18-Jährigen verfügen über ein internetfähiges Mobiltelefon, mit einem mittleren Erstzugangsalter von 10,96 Jahren – rund fünf Jahre früher, als der spanische Expertenausschuss selbst in seiner an Familien gerichteten Empfehlung nahelegt. 31,6 Prozent der Jugendlichen verbringen an einem gewöhnlichen Wochentag mehr als fünf Stunden online, am Wochenende sind es fast die Hälfte. Nur 29,1 Prozent berichten von elterlichen Nutzungsregeln, und mehr als ein Drittel gibt an, dass die eigenen Eltern das Handy bei Tisch verwenden.
Für unter Zehnjährige liegen nur schwächere Daten vor, aus einer Elternbefragung mit wöchentlichen Minutenwerten. Klarer als die absoluten Zahlen – die vermutlich untererfasst sind – ist das Muster der begleitenden Faktoren: Fernsehen ohne Erwachsene, ein Fernseher im Kinderzimmer, mehr als zwei Stunden Bildschirmzeit der Eltern selbst und Hintergrundfernsehen hingen alle statistisch mit höherer kindlicher Bildschirmzeit zusammen – während Eltern mit Schulung zur Medienwirkung Kinder mit kürzeren Nutzungszeiten hatten.
44 Spanien: entgegen dem verbreiteten Bild – der Handybesitz bei Kindern sinkt drei Jahre in Folge
Gegen die verbreitete Annahme, das Einstiegsalter für das erste Handy sinke immer weiter, zeigt die amtliche spanische Statistik das Gegenteil: Der Handybesitz 10- bis 15-Jähriger ist seit 2023 drei Jahre in Folge gesunken, am stärksten bei den Jüngsten. 2025 besaßen 18,7 Prozent der Zehnjährigen ein eigenes Handy, 2023 waren es noch 23,3 Prozent gewesen – ein Rückgang von 3,7 bei den Zehnjährigen und 4,0 Punkten bei den Elfjährigen. Der Sprung zum praktisch flächendeckenden Besitz liegt zwischen zwölf und 14 Jahren: von 66,3 auf 92,7 Prozent. Interessant ist der Kontrast: Während der Handybesitz sinkt, steigt die Computer- und Internetnutzung insgesamt weiter, auf inzwischen rund 97 Prozent.
Dieser rückläufige Trend beim eigenen Handy ist nicht auf Österreich übertragbar – belastbare heimische Zahlen dazu fehlen schlicht. Er zeigt aber, dass die Ausstattungskurve nicht zwangsläufig immer weiter nach unten wandert, sondern sich unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte auch wieder verschieben kann.
45 Frankreich: ein ausgeprägtes soziales Gefälle bei kleinen Kindern
Eine große französische Behördenstudie liefert für Drei- bis Elfjährige besonders detaillierte Zahlen – und einen der klarsten Belege für einen sozialen Gradienten in diesem gesamten Kapitel. Die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit steigt von 1 Stunde 22 Minuten bei Drei- bis Fünfjährigen auf 2 Stunden 33 Minuten bei Neun- bis Elfjährigen, an schulfreien Tagen etwa doppelt so hoch. Bereits 15 Prozent der unter Sechsjährigen besitzen ein eigenes Tablet, und fast jedes zweite elfjährige Kind hatte schon vor dem Übertritt in die weiterführende Schule ein eigenes Smartphone.
Der soziale Gradient ist dramatisch: Bei den Drei- bis Fünfjährigen überschreiten 72 Prozent der Kinder aus Familien mit dem niedrigsten Bildungsabschluss die Ein-Stunden-Schwelle, gegenüber 35 Prozent bei den bildungsnächsten Familien – mehr als das Doppelte. Bei sozialen Netzwerken nutzen unter zwei Prozent der Drei- bis Fünfjährigen bereits Angebote, die formal ein Mindestalter von 13 Jahren voraussetzen; bei den Neun- bis Elfjährigen sind es bereits 25 Prozent, bei Mädchen sogar 30 Prozent. Immerhin: Neun von zehn Eltern geben an, die Bildschirmzeit „immer oder oft" zu begrenzen – wobei die inhaltliche Kontrolle mit dem Alter der Kinder deutlich nachlässt.
46 Frankreich: wie sich Nutzungsgewohnheiten schon im Kleinkindalter festigen – und wie wenig Plattformen das Alter prüfen
Die französische ELFE zeigt eindrücklich, wie früh sich Nutzungsmuster verfestigen: Die tägliche Bildschirmzeit steigt von durchschnittlich 56 Minuten mit zwei Jahren auf 1 Stunde 20 mit dreieinhalb und 1 Stunde 34 mit fünfeinhalb Jahren. Bemerkenswerter als die absoluten Werte ist die statistische Persistenz: Ein Kind, das mit zwei Jahren überdurchschnittlich viel Bildschirmzeit hat, hat sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit fünfeinhalb Jahren noch (Korrelation von 0,50 zwischen zwei und dreieinhalb, sogar 0,67 zwischen dreieinhalb und fünfeinhalb Jahren). Nutzungsgewohnheiten scheinen sich also schon sehr früh zu verfestigen, nicht erst im Schulalter.
Wie wenig konsequent Plattformen das Mindestalter tatsächlich prüfen, zeigt eine Befragung der französischen Medienregulierungsbehörde ARCOM unter 10- bis 14-Jährigen: 93 Prozent nutzen wöchentlich Videoplattformen oder soziale Netzwerke. Von jenen mit eigenem Konto wurden aber nur 47 Prozent überhaupt zur Altersangabe aufgefordert, und lediglich 29 Prozent wurden je wegen ihres Alters blockiert – knapp ein Drittel davon erst nach der Anmeldung. Von den Gesperrten umgeht wiederum fast ein Drittel die Sperre. Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was Kapitel 3 bereits zu gesetzlichen Altersgrenzen gezeigt hat: International tätige Plattformen prüfen das Alter unabhängig vom jeweiligen Land meist nur unzureichend.
47 Italien: mit dem Alter wächst der ständige Online-Kontakt – und ein deutliches Geschlechtergefälle beim Gaming
Die italienische HBSC-Erhebung zeigt einen kontinuierlichen Anstieg des Online-Kontakts mit engen Freundinnen und Freunden: „Fast ständig während des Tages" in Kontakt zu stehen berichten 19,3 Prozent der 11-Jährigen, aber 24,7 Prozent der 17-Jährigen; insgesamt steigt der Anteil derer mit mindestens mehrmals täglichem Kontakt bis zum Alter von 17 Jahren auf 85 Prozent. Bemerkenswert ist außerdem, dass unter den 15-Jährigen bereits 21,1 Prozent täglich Kontakt zu Personen haben, die sie ausschließlich online kennen – der höchste Wert aller erfassten Altersgruppen.
Beim Gaming zeigt dieselbe Erhebung ein deutliches Geschlechtergefälle, das mit dem Alter größer statt kleiner wird: Bei den 11-Jährigen spielen 46,1 Prozent der Buben täglich gegenüber 25,8 Prozent der Mädchen; bei den 17-Jährigen sind es noch 26,3 Prozent der Buben, aber nur 9,7 Prozent der Mädchen. Mehr als vier Stunden an einem Spieltag berichten insgesamt 17,7 Prozent der Buben, aber nur 9,9 Prozent der Mädchen – mit einem Höchstwert von 18,9 Prozent bei den 13-jährigen Buben.
48 China: 193 Millionen minderjährige Internetnutzerinnen und -nutzer, und ein Einstieg, der sich immer weiter nach vorne verschiebt
Wechselt man den Kontinent, zeigt sich zunächst schlicht eine noch größere Zahl: Die amtliche chinesische Erhebung zählt 193 Millionen minderjährige Internetnutzerinnen und -nutzer bei einer Verbreitung von 97,2 Prozent – die Sättigung ist damit praktisch erreicht, auch der frühere Stadt-Land-Graben beim Zugang ist inzwischen fast geschlossen. Bemerkenswert ist der Einstiegszeitpunkt: 34,2 Prozent der Grundschulkinder waren bereits vor der Einschulung online, gegenüber 28,2 Prozent im Jahr zuvor – ein messbarer, kontinuierlicher Trend nach vorne, der sich in ähnlicher Form bei den weiter unten beschriebenen japanischen Zahlen wiederfindet.
Aufschlussreicher als die reine Verbreitung ist, wovon die tatsächliche Nutzungsdauer chinesischer Kinder am stärksten abhängt: nicht vom Alter, sondern von der abendlichen Betreuungssituation. Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben, überschreiten die Schwelle von mehr als zwei Stunden werktäglicher Nutzung in 9,2 Prozent der Fälle – Internatsschülerinnen und -schüler in 16,1 Prozent, an Feiertagen sogar in 27,8 Prozent gegenüber 10,5 Prozent bei Kindern mit beiden Eltern, fast das Dreifache. Diese konkreten chinesischen Verhältnisse (Internatswesen, Wanderarbeit) haben kein direktes österreichisches Gegenstück. Übertragbar ist aber der dahinterliegende Grundsatz: Wie viele Erwachsene ein Kind abends tatsächlich erreichen kann, sagt oft mehr über seine Mediennutzung aus als sein Alter – etwa bei Alleinerziehenden, Schichtdienst oder nach Trennungen.
49 China: Kurzvideo hat das Fernsehen als Hauptnachrichtenquelle bereits überholt
Innerhalb von nur fünf Jahren hat sich Kurzvideo bei chinesischen Minderjährigen von einer reinen Unterhaltungsanwendung zur Hauptnachrichtenquelle entwickelt: 55,9 Prozent informieren sich inzwischen über Videoplattformen, gegenüber 50,2 Prozent über das klassische Fernsehen. Die Reichweite von Kurzvideo insgesamt liegt bei 54,1 Prozent, verglichen mit 40,5 Prozent fünf Jahre zuvor. Ein knappes Drittel hat selbst schon Kurzvideos veröffentlicht. Besorgniserregend ist dabei die Medienkompetenz: Nur 47,3 Prozent der jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer unterscheiden bewusst zwischen einer offiziellen und einer selbst veröffentlichten Quelle. In einer eigenen Abfrage zu schädlichen Inhalten, denen Kinder begegnet waren, nannten 27,0 Prozent konfliktanheizende Inhalte, 24,2 Prozent Gewaltinhalte oder Anstiftung zu Straftaten und 19,5 Prozent Pornografie.
Diese Zahlen sind nicht eins zu eins übertragbar – schon weil die konkreten Plattformen andere sind. Das dahinterliegende Muster aber schon: Kurze, algorithmisch zugespielte Videos werden zur Hauptinformationsquelle, bevor sich bei Kindern eine ausgereifte Quellenkritik entwickelt hat. Das ist ein Mechanismus, der unabhängig vom Land gilt.
50 Japan: fast alle Jugendlichen online, aber auch schon drei Viertel der unter Zehnjährigen
Japan erhebt seit 2009 jährlich mit persönlichem Interview am Wohnort die Internetnutzung von Minderjährigen – als einziges Land der Welt mit dieser Methode auch für die Altersgruppe der unter Zehnjährigen. Bei den 10- bis 17-Jährigen ist die Frage „ob überhaupt" praktisch beantwortet: 99,0 Prozent sind online. Bei den 0- bis 9-Jährigen liegt der Wert bereits bei 75,2 Prozent – wobei Japan hier auch den internetfähigen Fernseher als Internetgerät mitzählt, was diese Quote gegenüber anderen Ländern nach oben verzerrt.
Beim ersten eigenen Smartphone zeigt sich erneut das schon aus Deutschland bekannte Muster: kein allmählicher Anstieg, sondern ein Sprung zum Schulwechsel. Zwischen zwölf und 13 Jahren – dem Übertritt in die japanische Mittelschule – springt die Besitzquote von 66,3 auf 84,4 Prozent. Für Österreich lässt sich die konkrete Zahl nicht übernehmen, weil der Schulwechsel hierzulande zwei bis drei Jahre früher liegt. Die Struktur aber schon: Das erste eigene Smartphone kommt in vielen Bildungssystemen mit dem jeweiligen Schulübertritt, nicht mit einem fixen Geburtstag – der sinnvollste Beratungszeitpunkt ist deshalb das Jahr davor.
51 Japan: 6 Stunden 44 Minuten bei Oberschülerinnen und Oberschülern – und der Fernseher als Hauptgerät der Kleinsten
Die japanische Erhebung addiert die Nutzungsdauer über sieben verschiedene Gerätetypen an einem Schultag – das erklärt die auf den ersten Blick enormen Werte. Über alle Jugendlichen hinweg kommen so durchschnittlich 5 Stunden 27 Minuten zusammen, bei Oberschülerinnen und Oberschülern sogar 6 Stunden 44 Minuten; 38,1 Prozent von ihnen kommen auf mindestens sieben Stunden täglich. Drei Gründe mahnen zur Vorsicht beim direkten Vergleich mit europäischen Zahlen: Erstens wird Parallelnutzung mehrerer Geräte doppelt gezählt, zweitens zählt das seit 2020 flächendeckend ausgegebene Schulgerät mit, drittens ist reine Fernsehzeit ausgeschlossen, Streaming am Fernseher aber eingeschlossen.
Bei den unter Zehnjährigen zeigt sich dagegen ein Befund, der sich gut auf europäische Verhältnisse übertragen lässt: Das mit Abstand dominante Gerät ist nicht das Smartphone, sondern der internetfähige Fernseher, den 57,2 Prozent nutzen, gegenüber nur 22,8 Prozent für ein eigenes Smartphone. Die durchschnittliche Nutzungsdauer liegt bei rund 2 Stunden 18 Minuten, größtenteils für Unterhaltung, kaum fürs Lernen. Die praktische Botschaft für kleine Kinder lautet damit: Regeln, die nur das Handy adressieren, gehen an der eigentlichen Bildschirmzeit vorbei – bei Klein- und Volksschulkindern spielt sie sich überwiegend am Fernseher und an der Spielkonsole ab.
52 Japan: Eltern glauben häufiger an gemeinsame Regeln als ihre Kinder
Eine der aufschlussreichsten japanischen Zahlen betrifft nicht die Nutzungsdauer selbst, sondern die Wahrnehmung von Regeln. Werden Eltern und Jugendliche getrennt gefragt, ob es zu Hause Regeln zur Smartphone-Nutzung gibt, antworten Eltern durchweg häufiger mit Ja als ihre eigenen Kinder – und diese Wahrnehmungslücke wächst mit der Schulstufe. Bei Kindern in der Volksschule beträgt sie noch rund 5 , in der Mittelschule bereits 7, und in der Oberschule ganze 14 Prozentpunkte (58,3 Prozent der Eltern gegenüber nur 44,3 Prozent der Jugendlichen selbst).
Fast alle Eltern – 85,8 Prozent – geben zudem an, die Smartphone-Nutzung ihres Kindes irgendwie zu steuern, meist über einen Jugendschutzfilter oder altersgerechte App-Vorgaben. Diese Steuerungsquote bricht aber deutlich ein, von 92,1 Prozent in der Mittelschule auf nur noch 75,1 Prozent in der Oberschule. Der Mechanismus hinter der Wahrnehmungslücke – Eltern halten für vereinbart, was das Kind längst nicht mehr als geltende Regel erlebt – dürfte kulturunabhängig sein und lässt sich unmittelbar für das eigene Familiengespräch nutzen: Fragen Sie Ihr Kind einmal getrennt, welche Regeln es zu Hause eigentlich gibt.
53 Korea: die Nutzung stagniert erstmals – und widerlegt ein verbreitetes Klischee
Die jährliche koreanische Mediennutzungserhebung zeigt für 2025 erstmals eine Stagnation: Die Smartphone-Nutzung verharrt bei 92,0 Prozent, die tägliche Nutzungsdauer sinkt sogar leicht von 2 Stunden 6 Minuten auf 2 Stunden 5 Minuten. Am häufigsten genutzt werden soziale Netzwerke und Messenger (79,4 Prozent mindestens fünfmal wöchentlich), gefolgt von Nachrichten und Information (63,4 Prozent) und Kurzvideos (42,7 Prozent).
Diese durchschnittliche Nutzungsdauer von rund zwei Stunden ist überraschend gut mit europäischen Werten vergleichbar und widerspricht damit dem verbreiteten Klischee vom exzessiv am Handy hängenden koreanischen Teenager – zumindest auf Ebene des Gesamtdurchschnitts. Nicht übertragbar ist dabei der Kontext: Koreanische Jugendliche verbringen einen erheblichen Teil des Nachmittags und Abends in privaten Nachhilfeinstituten, was die Bildschirmzeit strukturell begrenzt, gleichzeitig aber Schlafzeit kostet – ein anderer Mechanismus mit einem ähnlichen Ergebnis.
54 Brasilien: 92 Prozent online, aber ein deutlicher Rückgang beim eigenen Handy der Jüngsten
Auch in Brasilien sind praktisch alle Jugendlichen online: 92 Prozent der 9- bis 17-Jährigen, umgerechnet rund 24 Millionen Kinder und Jugendliche. Das Handy verdrängt dabei fast alle anderen Geräte – 78 Prozent nutzen es mehrmals täglich, gegenüber vier Prozent für einen Laptop. Bemerkenswert ist eine Trendumkehr gegen die Erwartung: Der eigene Handybesitz ist bei den Neun- bis Zehnjährigen von 67 auf 55 Prozent gesunken, bei den Elf- bis Zwölfjährigen von 79 auf 69 Prozent – ähnlich wie in Spanien sinkt die Ausstattungskurve bei den Jüngsten also entgegen dem verbreiteten Bild.
Bei sozialen Medien verdreifacht sich die Nutzung zwischen neun bis zehn und 13 bis 14 Jahren, von 33 auf 89 Prozent – wobei die Nutzung bei den Neun- bis Zehnjährigen seit dem Pandemiehoch von 48 Prozent bereits wieder auf 33 Prozent gefallen ist. Erstmals erhoben wurden 2025 auch KI-Chatbots: 65 Prozent der 9- bis 17-Jährigen nutzten generative KI für mindestens einen Zweck, meist für Schularbeiten. Bemerkenswert und für das Elterngespräch relevant: Immerhin 10 Prozent gaben an, mit einem KI-Chatbot auch über persönliche Probleme oder Emotionen zu sprechen.
55 Brasilien: eine zweite, unabhängige Erhebung bestätigt das Bild – und ein Blick auf veraltete Vergleichsdaten
Eine zweite, methodisch unabhängige brasilianische Erhebung unter 13- bis 17-Jährigen, die mit 118.099 ausgewerteten Fragebögen zu den größten Schulgesundheitsbefragungen weltweit zählt, bestätigt die Größenordnung: 92,0 Prozent besitzen ein eigenes Handy, mit einem deutlichen Gefälle zwischen Privatschulen (98,0 Prozent) und öffentlichen Schulen in einkommensschwächeren Regionen (teils unter 78 Prozent). Mehr als ein Drittel der Jugendlichen sitzt täglich mehr als zwei Stunden vor Filmen oder Serien.
Zum Abschluss ein methodischer Hinweis, der für ganz Lateinamerika gilt: Die oft zitierten regionalen Vergleichsdaten für Brasilien, Chile, Costa Rica und Uruguay stammen überwiegend aus einer einzigen Erhebungswelle von 2016/2017 und werden bis heute als aktuell zitiert, obwohl seither eine ganze Smartphone-Generation herangewachsen ist. Diese Zahlen sind als historischer Vergleichspunkt brauchbar, aber nicht als aktuelle Beschreibung – ein Muster, das in abgewandelter Form auch in Kapitel 2 dieses Ratgebers bereits als generelles Problem veralteter Referenzdaten aufgetaucht ist.
56 Was aus diesem Ländervergleich hängen bleibt
Über zehn sehr unterschiedliche Länder hinweg wiederholen sich drei Muster auffällig oft. Erstens: Das erste eigene Smartphone kommt fast überall mit einem Schulwechsel, nicht mit einem bestimmten Geburtstag – ob in Deutschland zwischen acht und elf Jahren, in Japan zwischen zwölf und 13, oder plausibel auch in Österreich beim Übertritt in die Sekundarstufe I. Zweitens: Bei kleinen Kindern dominieren Fernseher und Spielkonsole, nicht das Smartphone – Regeln, die nur auf das Handy zielen, laufen bei den Jüngsten ins Leere. Und drittens: Zwischen dem, was Eltern über die eigenen Familienregeln glauben, und dem, was Kinder tatsächlich erleben, klafft eine Lücke, die mit dem Alter der Kinder größer statt kleiner wird – ein Befund aus Japan, der sich so oder ähnlich in mehreren der oben zitierten Quellen wiederfindet.
Was sich dagegen nicht wiederholt, ist eine einheitliche Richtung: Während der Handybesitz bei Zehnjährigen in Spanien und Brasilien zuletzt gesunken ist, steigt die addierte Gerätezeit in Japan weiter an. Eine einzelne internationale Zahl eignet sich deshalb nicht als Richtwert für das eigene Kind – wohl aber die wiederkehrenden Muster dahinter.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Warum Fachgesellschaften so uneinig sind, wie viel zu viel ist Abschnitt 1–7 · 7
- 2. Wie belastbar die Studien wirklich sind Abschnitt 8–21 · 14
- 3. Was Fachgesellschaften konkret empfehlen Abschnitt 22–36 · 15
- 4. Was Kinder tatsächlich nutzen: ein Ländervergleich Abschnitt 37–56 · 20
- 5. Bildschirmzeit und psychische Gesundheit Abschnitt 57–69 · 13
- 6. Soziale Medien im Besonderen Abschnitt 70–79 · 10
- 7. Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche Abschnitt 80–93 · 14
- 8. Bewegung, Fitness und Übergewicht Abschnitt 94–100 · 7
- 9. Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit? Abschnitt 101–109 · 9
- 10. Kleinkinder: Sprache und Entwicklung Abschnitt 110–119 · 10
- 11. Schule, ADHS und Autismus Abschnitt 120–130 · 11
- 12. Cybermobbing und Übergriffe Abschnitt 131–142 · 12
- 13. Handyverbote in Schulen – auch in Österreich Abschnitt 143–154 · 12
- 14. Wann aus Gewohnheit ein Problem wird Abschnitt 155–164 · 10
- 15. Pornografie und ungewollte Inhalte: was wir wissen Abschnitt 165–173 · 9
- 16. Gesetze zu Mindestalter und Altersverifikation Abschnitt 174–181 · 8
- 17. Strahlung und was digitale Medien auch können Abschnitt 182–186 · 5
- 18. Wie Eltern Bildschirmzeit praktisch regeln Abschnitt 187–198 · 12
- 19. Fragen, das Gespräch und Anlaufstellen in Österreich Abschnitt 199–207 · 9
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