Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit?
Madrid widerspricht dem verbreiteten Bild: In der bestkontrollierten Studie war nicht die Bildschirmzeit der Risikofaktor, sondern Naharbeit und Familiengeschichte. Schützend wirkt Zeit im Freien.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt den Forschungsstand zu Bildschirmzeit und digitalen Medien allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Wirkung digitaler Medien hängt stark vom einzelnen Kind, vom Inhalt und von der Begleitung ab – pauschale Zeitgrenzen sind ein grober erster Anhaltspunkt, kein Maßstab für jedes Kind.
101 Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit?
Die Zunahme der Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen hat besonders in ostasiatischen Ländern enorme Ausmaße erreicht. Digitale Medien werden häufig als eine der Ursachen genannt.
Eine 2025 veröffentlichte von 45 Studien mit insgesamt 335.524 Teilnehmenden fand einen dosisabhängigen Zusammenhang zwischen digitaler Bildschirmzeit und Kurzsichtigkeit. Jede zusätzliche Stunde Bildschirmzeit pro Tag war ungefähr mit einer 21 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit für Kurzsichtigkeit verbunden. Die Beziehung verlief nicht vollständig linear; bei mehreren Stunden täglich nahm der Zusammenhang stärker zu.
Allerdings bedeutet auch dieses Ergebnis nicht, dass das Display selbst die Kurzsichtigkeit verursacht. Kinder, die lange am Smartphone oder Tablet sitzen, verbringen gleichzeitig mehr Zeit mit Naharbeit und häufig weniger Zeit im Freien. Beides ist schwer voneinander zu trennen.
Dass insbesondere die Zeit im Freien relevant ist, wird durch gestützt. Ein Cochrane-Review von Kido und Kollegen aus dem Jahr 2024 wertete fünf randomisierte beziehungsweise cluster-randomisierte Studien mit insgesamt 10.733 Schulkindern aus. Maßnahmen, die zusätzliche Zeit im Freien ermöglichten, konnten das erstmalige Auftreten von Kurzsichtigkeit wahrscheinlich zumindest geringfügig reduzieren. Die Evidenz für eine Verlangsamung bereits bestehender Kurzsichtigkeit war weniger eindeutig.
Für Eltern ergibt sich daraus eine sinnvollere Botschaft als „Handys machen die Augen kaputt“: Regelmäßige Zeit im Freien und Unterbrechungen langer Naharbeit sind wahrscheinlich wichtiger als die Frage, ob die Naharbeit auf Papier oder auf einem Bildschirm stattfindet. Als praktische Regel hat sich bewährt, nach etwa 20 Minuten Naharbeit für 20 Sekunden in die Ferne zu schauen und im Alltag auf mindestens ein bis zwei Stunden Tageslicht draußen zu achten.
Auch Kopfschmerzen, Augenbelastung und trockene Augen werden häufig mit längerer Gerätenutzung beschrieben. Eine 2024 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu Bildschirmnutzung und Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen fand zwar in zahlreichen Untersuchungen entsprechende Zusammenhänge, fast alle eingeschlossenen Studien waren jedoch Querschnittsstudien. Ein verlässlicher Schwellenwert ließ sich nicht bestimmen. Bei wiederkehrenden Kopfschmerzen lohnt ohnehin eine breitere Abklärung – dazu haben wir einen eigenen Ratgeber über Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern. Wenn Ihr Kind beim Fernsehen die Augen zusammenkneift, sehr nah herangeht oder ein Auge zudrückt, gehört das augenärztlich abgeklärt; unser Beitrag zu Schielen und Amblyopie erklärt, warum das früh geschehen sollte.
102 Madrid widerspricht dem verbreiteten Bild
Die meisten Studien zur Kurzsichtigkeit erfassen Bildschirmzeit über Fragebögen und stellen einen Zusammenhang mit Bildschirmzeit fest – jene aus dem vorigen Abschnitt eingeschlossen. Eine methodisch besonders sorgfältige spanische Studie kommt zu einem anderen Ergebnis, und genau deshalb verdient sie hier besonderen Platz.
In 39 zufällig ausgewählten Schulen in Madrid wurden Kinder der zweiten Schulstufe (sechs bis sieben Jahre) und der sechsten Schulstufe (elf bis zwölf Jahre) augenärztlich untersucht – nicht per Fragebogen zur Sehschärfe, sondern mit einer objektiven Refraktionsmessung unter Zykloplegie, also mit medikamentös vorübergehend ausgeschalteter Naheinstellung des Auges. Von 3.680 eingeladenen Kindern nahmen 2.489 tatsächlich teil. Die Kurzsichtigkeitsrate lag bei 6,5 Prozent in der zweiten und bei 18,7 Prozent in der sechsten Schulstufe.
Das Ergebnis der multivariaten Auswertung: Bildschirmzeit war kein signifikanter Risikofaktor. Was signifikant schützte, war Zeit im Freien an Wochenenden – bei zwei bis sechs Stunden sank die Kurzsichtigkeitswahrscheinlichkeit deutlich (OR 0,50). Was signifikant erhöhte, war die familiäre Vorbelastung: Hatte ein Elternteil Kurzsichtigkeit, verdoppelte sich das Risiko des Kindes annähernd (OR 2,04).
Auch diese Studie ist ein Querschnitt und kann keine Kausalität beweisen; die Bildschirmzeit selbst wurde per Elternfragebogen erhoben, ein Nullbefund könnte also theoretisch auch daran liegen. Was die Studie aber deutlich über den Durchschnitt hebt, ist die objektive, augenärztliche Messung der Zielgröße Kurzsichtigkeit – anders als bei der Bildschirmzeit gibt es hier keinen Raum für Erinnerungsfehler oder Schönfärberei. Madrid ist außerdem klimatisch sehr sonnig, was die Bedeutung der Zeit im Freien eher noch unterstreicht als abschwächt.
Diese Studie widerlegt nicht den international gut belegten statistischen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Kurzsichtigkeit. Sie zeigt aber, dass dieser Zusammenhang nicht in jeder gut gemessenen Stichprobe gleich stark – oder überhaupt – auftritt, und dass zwei Faktoren regelmäßig mehr erklären als die Bildschirmzeit selbst: wie viel Zeit ein Kind im Freien verbringt, und welche Augen es von seinen Eltern geerbt hat.
Ein Odds Ratio vergleicht die Chance auf ein Ereignis zwischen zwei Gruppen. 1 bedeutet: kein Unterschied. 2,04 heißt: Kinder mit kurzsichtigen Eltern oder Geschwistern hatten in dieser Studie eine gut doppelt so hohe Chance auf eine eigene Kurzsichtigkeit wie Kinder ohne familiäre Vorbelastung.
Ein Wert unter 1 bedeutet einen Schutzeffekt: 0,50 heißt, Kinder mit 2 bis 6 Stunden Zeit im Freien am Wochenende hatten in dieser Studie nur die halbe Chance auf Kurzsichtigkeit im Vergleich zu Kindern mit wenig Zeit im Freien.
103 Ein europäischer Blick: Zusammenhang ja, Beweiskraft niedrig
Wie lässt sich der Widerspruch zwischen der großen internationalen Dosis-Wirkungs- und dem Madrider Nullbefund einordnen? Ein speziell zu europäischen Kindern liefert dazu eine nüchterne Antwort. Er findet zwar insgesamt einen Zusammenhang zwischen bildschirmbezogenem Verhalten, verlängerter Naharbeit, verringerter Zeit im Freien und Kurzsichtigkeit. Die eingeschlossenen 14 Studien – ausgewählt aus 1.196 Treffern – waren aber in ihren Ergebnissen sehr heterogen, überwiegend Querschnittsstudien und ließen deshalb kaum verlässliche Schlüsse auf Ursache und Wirkung zu. Die Autorinnen und Autoren stufen die Beweiskraft der Evidenz insgesamt als niedrig bis sehr niedrig ein.
Das passt zum Gesamtbild dieses Kapitels: Der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Kurzsichtigkeit ist in großen, meist außereuropäischen Metaanalysen klar nachweisbar, wird aber von Studie zu Studie unterschiedlich stark – und ist, wie Madrid zeigt, nicht in jeder methodisch guten Untersuchung überhaupt vorhanden. Für Österreich bedeutet das: Die Richtung des internationalen Befundes darf man ernst nehmen, seine genaue Größe nicht.
104 Frankreich: von 20 auf 42 Prozent, ohne bezifferten Bildschirmanteil
Der französische Kommissionsbericht „Enfants et écrans" dokumentiert einen markanten Anstieg der Kurzsichtigkeit: von rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in den 1970er-Jahren auf heute etwa ein Drittel, bei 10- bis 19-Jährigen sogar 42 Prozent. Zum Vergleich nennt der Bericht Asien mit 60 Prozent bei 6- bis 19-Jährigen, Südkorea mit bis zu 73 Prozent bei 12- bis 18-Jährigen und die USA mit 42 Prozent bei 10- bis 15-Jährigen. Die Prognose lautet: Bis 2050 könnte die Hälfte der Menschheit kurzsichtig sein, ein Zehntel davon hochgradig.
Bemerkenswert ist, was der Bericht nicht tut: Er stellt keinen quantifizierten kausalen Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und der Bildschirmzeit her. Eine passende französische dazu wurde in der Recherche nicht gefunden. Als wirksame Gegenmaßnahme verweist der Bericht stattdessen auf asiatische Public-Health-Programme, insbesondere ein chinesisches Schulprogramm mit mehr als einer Stunde Bewegung im Freien pro Tag.
Die zahlen sind natürlich französisch. Übertragbar und praktisch nützlich ist vor allem die daraus abgeleitete Handlungsempfehlung: mindestens eine Stunde täglich im Freien.
105 Italien: keine eigenen Zahlen, aber ein klarer Schutzfaktor
Für Italien selbst ließen sich keine eigenen daten zur Kurzsichtigkeit finden – die italienischen Fachgesellschaften äußern sich dazu nur allgemein. Das aktuelle Dossier der Italienischen Gesellschaft für Pädiatrie hält fest, dass längere Bildschirmexposition die Lidschlagfrequenz senkt, was zu trockenen und gereizten Augen führen kann, und dass viele Stunden vor Bildschirmen mit einem erhöhten Kurzsichtigkeitsrisiko einhergehen. Als einziger klar belegter Schutzfaktor wird ausdrücklich die Zeit im Freien genannt.
Diese Zurückhaltung bei den eigenen Zahlen ist an sich schon aufschlussreich: Selbst eine Fachgesellschaft, die sich intensiv mit digitalen Medien beschäftigt, verfügt nicht über eigene nationale Prävalenzdaten zur Kurzsichtigkeit. Der eine Punkt, der übrig bleibt und der sich auch in allen anderen hier zitierten Ländern wiederfindet, ist deshalb umso verlässlicher: Tageslicht im Freien schützt, vermutlich unabhängig davon, ob es die Bildschirmnutzung tatsächlich verdrängt oder nicht.
106 Ostasien im Vergleich: wie hoch es gehen kann
Wie weit sich die Kurzsichtigkeitsrate von österreichischen Verhältnissen entfernen kann, zeigen die Schulscreening-Daten aus Ostasien – die größten ihrer Art weltweit. In China schwankt die regionale je nach Provinz und Altersgruppe erheblich: 58,2 Prozent in der Millionenstadt Qingdao (2024, bei fast drei Millionen untersuchten Schülerinnen und Schülern), 68,87 Prozent in der Provinz Zhejiang, in einzelnen Oberstufenjahrgängen bis zu 88,8 Prozent. Diese Werte werden hier bewusst nicht zu einer einzigen Landeszahl gemittelt, weil sie unterschiedliche Regionen, Altersgruppen und Erhebungsjahre betreffen; eine oft kolportierte landesweite Gesamtprävalenz ließ sich in keiner amtlichen chinesischen Quelle bestätigen.
Japan misst die Sehschärfe seiner Schulkinder bereits seit 1948 jährlich amtlich – ohne Fragebogen, mit tatsächlicher Messung. Der Anteil mit unkorrigiertem Visus unter 1,0 steigt dabei steil mit dem Alter: rund 24 Prozent im Kindergartenalter, 36 Prozent in der Volksschule insgesamt, 59 Prozent in der Mittelschule, 72 Prozent in der Oberschule. Die Statistik selbst enthält keine Angaben zur Mediennutzung, kann den Beitrag von Bildschirmen also gar nicht beziffern.
In Südkorea liegt die Kurzsichtigkeitsrate bei Kindern und Jugendlichen laut nationaler Gesundheitserhebung bei 65,4 Prozent, hochgradige Kurzsichtigkeit bei 6,9 Prozent – eine der höchsten Raten weltweit. Der stärkste einzelne Risikofaktor ist dabei nicht die Bildschirmzeit, sondern die Kurzsichtigkeit der Eltern: Bei kurzsichtigen Eltern ist das für gewöhnliche Kurzsichtigkeit um 34 Prozent erhöht, für hochgradige Kurzsichtigkeit mehr als verdreifacht.
Diese absoluten Zahlen sind für Österreich nicht übertragbar – die ostasiatische Kurzsichtigkeitsprävalenz liegt seit Jahrzehnten weit über der europäischen, vermutlich durch eine Mischung aus genetischer Veranlagung und einem außergewöhnlich naharbeitsintensiven Schulsystem. Wer „72 Prozent der Oberschüler sind kurzsichtig" unreflektiert in einen österreichischen Ratgeber übernimmt, erzeugt eine falsche Bedrohungslage. Übertragbar sind zwei andere Dinge: die grundsätzliche Form der Entwicklung – der große Sprung findet zwischen Volksschule und Oberstufe statt – und der familiäre Risikofaktor, der genetisch bedingt und damit unabhängig von der Herkunft gültig ist. Bei kurzsichtigen Eltern sollten Bildschirmberatung und augenärztliche Kontrolle früher und konsequenter erfolgen.
107 Auch amtlich anerkannt: Naharbeit, nicht der Bildschirm an sich
Dass es nicht der Bildschirm an sich ist, sondern die Naharbeit, bestätigt ausgerechnet das Land mit der größten Datenbasis. Die chinesische medizinische Leitlinie von 2024 benennt Naharbeit ausdrücklich als anerkannten Hauptrisikofaktor für Kurzsichtigkeit – elektronische Geräte kommen im Leitlinientext nur als „übermäßiger und unsachgemäßer Gebrauch" vor, nicht als Gebrauch an sich. Das deckt sich mit dem Madrider Befund: Nicht das Display ist das Problem, sondern wie nah und wie lange am Stück die Augen fokussieren müssen – ein Smartphone ist dabei lediglich eine besonders konzentrierte Form der Naharbeit, weil es näher am Auge gehalten wird als ein Buch oder ein Fernseher.
Eine koreanische Vergleichsstudie liefert dazu eine zeitliche Nuance: Der Zusammenhang zwischen Naharbeit und fortschreitender Kurzsichtigkeit war bei einer Kohorte von 490 Jugendlichen im Jahr 2021 deutlich stärker als bei einer vergleichbaren Kohorte von 691 Jugendlichen im Jahr 2016 – ein Hinweis darauf, dass sich die Wirkung von Naharbeit seit der Pandemie verstärkt haben könnte, etwa durch mehr Fernunterricht und mehr Bildschirmzeit insgesamt. International gilt außerdem intensive außerschulische Nachhilfe, wie sie in Südkorea üblich ist, als Marker für ein besonders myopiefördendes Bildungsumfeld – nicht das Smartphone allein, sondern die Kombination aus Schule, Hausaufgaben und Nachhilfe mit stundenlanger, ununterbrochener Naharbeit.
Die praktisch nützliche Botschaft bleibt dieselbe wie bei der Madrider Studie: Tageslicht im Freien schützt, und Naharbeit jeder Art – ob Buch oder Bildschirm – ist der eigentliche Risikofaktor.
108 Die belegte Zielgröße: zwei Stunden im Freien, Plateau bei rund 120 Minuten
Am Ende dieses Kapitels lohnt sich eine positive statt einer verbietenden Formulierung, denn genau dafür liefert die Forschung die verlässlichsten Zahlen. Ein Cochrane-Review aus neun randomisierten beziehungsweise cluster- mit 10.733 Kindern zeigt: Wird gezielt zusätzliche Zeit im Freien ermöglicht, sinkt die Neuerkrankungsrate an Kurzsichtigkeit nach zwei Jahren von 26,7 auf 22,5 Prozent. Eine weitere mit 380.215 Kindern findet bei mehr als zwei Stunden täglich im Freien ein deutlich reduziertes Risiko. Eine chinesische cluster-randomisierte Studie in Shanghai zeigt dabei ein Plateau: Der schützende Effekt nimmt bis etwa 120 Minuten pro Tag zu und wird darüber hinaus kaum noch größer.
Der Effekt ist real, aber moderat – er verschiebt den Beginn der Kurzsichtigkeit und verhindert sie bei manchen Kindern, macht aber keine Wunder: Von hundert Kindern bleiben durch die zusätzliche Freiluftzeit über zwei Jahre etwa vier kurzsichtigkeitsfrei, die es sonst nicht geblieben wären. Wichtig ist außerdem der Zeitpunkt: Bei Kindern, die noch eine gewisse Weitsichtreserve haben, wirkt die Maßnahme; bei bereits kurzsichtigkeitsnahen Kindern kaum noch. Wer früh anfängt, hat also die besseren Karten.
Mehrere weitere internationale Metaanalysen bestätigen unabhängig voneinander dieselbe Richtung: Hohe gegenüber niedriger Bildschirmzeit ist mit einem etwa doppelt bis mehr als doppelt so hohen Kurzsichtigkeitsrisiko verbunden, während mehr Zeit im Freien und weniger Naharbeit beide schützen. Diese Metaanalysen werden allerdings stark von ostasiatischen Studien mit ihrer deutlich höheren Grundprävalenz dominiert – die Effektgrößen lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf österreichische Kinder übertragen, die Richtung des Zusammenhangs dagegen sehr wohl.
Für die Beratung im Alltag lässt sich das auf einen einzigen, positiv formulierten und leicht zu merkenden Satz verkürzen: Nicht in erster Linie weniger Bildschirm, sondern mehr Zeit im Freien ist die Empfehlung mit der besten Evidenz – und sie lässt sich, anders als ein Verbot, meist auch tatsächlich umsetzen.
109 Wenn nicht der Bildschirm des Kindes, sondern jener der Eltern zum Problem wird
Ein Teil der Forschung zu Kleinkindern und Bildschirmen setzt gar nicht beim Gerät des Kindes an, sondern beim Gerät der Eltern. Der Fachbegriff dafür lautet „Technoference": Das Smartphone der Mutter oder des Vaters unterbricht die Interaktion mit dem Kind – nicht umgekehrt.
Eine experimentelle Untersuchung mit 33 Mutter-Kind-Paaren zeichnete dabei gleichzeitig die Gehirnaktivität von Mutter und Kind auf. Griff die Mutter während der gemeinsamen Zeit zum Smartphone, entkoppelte sich die gemessene Gehirnaktivität beider – ein Maß dafür, wie synchron Mutter und Kind aufeinander reagieren. Legte die Mutter das Gerät wieder weg, normalisierte sich diese Synchronität rasch. Eine Übersichtsarbeit über 16 Studien zu Kindern zwischen null und 24 Monaten beschreibt dasselbe Muster: Das Baby reagiert auf die Unterbrechung durch das Elterngerät unmittelbar mit Stress – mehr negativer Ausdruck, Abwenden des Blicks, weniger beruhigende Reaktionen des vegetativen Nervensystems. Die Übersichtsarbeit selbst nennt diese Befunde ausdrücklich vorläufig.
Eine siebenjährige amerikanische mit 500 Müttern fand außerdem einen Zusammenhang zwischen häufigerer Technoference im Kleinkindalter und problematischerer eigener Mediennutzung des Kindes mit 6,5 Jahren. Allerdings wurden beide Größen – die Technoference der Mutter und die spätere Mediennutzung des Kindes – über Selbstauskunft derselben Mütter erhoben, was den Zusammenhang wahrscheinlich stärker erscheinen lässt, als er tatsächlich ist.
Für den Alltag ist die praktische Konsequenz einfach: Das Handy beim Füttern, Wickeln und beim gemeinsamen Essen wegzulegen, wirkt nach dieser Forschung unmittelbarer als jede Diskussion über die Bildschirmzeit des Kindes selbst – und die Verbindung zwischen Eltern und Kind stellt sich messbar wieder her, sobald das Gerät zur Seite gelegt wird.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Warum Fachgesellschaften so uneinig sind, wie viel zu viel ist Abschnitt 1–7 · 7
- 2. Wie belastbar die Studien wirklich sind Abschnitt 8–21 · 14
- 3. Was Fachgesellschaften konkret empfehlen Abschnitt 22–36 · 15
- 4. Was Kinder tatsächlich nutzen: ein Ländervergleich Abschnitt 37–56 · 20
- 5. Bildschirmzeit und psychische Gesundheit Abschnitt 57–69 · 13
- 6. Soziale Medien im Besonderen Abschnitt 70–79 · 10
- 7. Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche Abschnitt 80–93 · 14
- 8. Bewegung, Fitness und Übergewicht Abschnitt 94–100 · 7
- 9. Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit? Abschnitt 101–109 · 9
- 10. Kleinkinder: Sprache und Entwicklung Abschnitt 110–119 · 10
- 11. Schule, ADHS und Autismus Abschnitt 120–130 · 11
- 12. Cybermobbing und Übergriffe Abschnitt 131–142 · 12
- 13. Handyverbote in Schulen – auch in Österreich Abschnitt 143–154 · 12
- 14. Wann aus Gewohnheit ein Problem wird Abschnitt 155–164 · 10
- 15. Pornografie und ungewollte Inhalte: was wir wissen Abschnitt 165–173 · 9
- 16. Gesetze zu Mindestalter und Altersverifikation Abschnitt 174–181 · 8
- 17. Strahlung und was digitale Medien auch können Abschnitt 182–186 · 5
- 18. Wie Eltern Bildschirmzeit praktisch regeln Abschnitt 187–198 · 12
- 19. Fragen, das Gespräch und Anlaufstellen in Österreich Abschnitt 199–207 · 9
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