Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche
Der Effekt betrifft vor allem das Einschlafen. Blaues Licht ist nicht der Haupttäter, den viele vermuten – und Frankreichs Empfehlung von Blaulichtfilterbrillen hat keinen Wirksamkeitsnachweis.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt den Forschungsstand zu Bildschirmzeit und digitalen Medien allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Wirkung digitaler Medien hängt stark vom einzelnen Kind, vom Inhalt und von der Begleitung ab – pauschale Zeitgrenzen sind ein grober erster Anhaltspunkt, kein Maßstab für jedes Kind.
80 Der Effekt betrifft vor allem das Einschlafen – nicht Dauer oder Qualität
Wie wirkt sich Bildschirmzeit auf den Schlaf aus, wenn man nicht verschiedene Kinder miteinander vergleicht, sondern dasselbe Kind an unterschiedlichen Tagen? Genau das leisten sogenannte Within-Person-Analysen, und ihr Bild ist deutlich nuancierter, als es Schlagzeilen oft vermuten lassen.
Innerhalb derselben Person zeigte sich ein kleiner, aber statistisch gesicherter Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und dem Zeitpunkt des Einschlafens. Für die Gesamtschlafdauer, die Einschlafdauer, die Schlafeffizienz, nächtliches Wachliegen und die subjektiv empfundene Schlafqualität fand sich dagegen kein statistisch gesicherter Zusammenhang. Der Effekt konzentriert sich also fast ausschließlich auf den Zeitpunkt des Einschlafens, nicht auf die Schlafqualität selbst.
Auch der Zeitpunkt der Nutzung macht einen Unterschied: Bildschirmzeit nach dem eigentlichen Zubettgehen zeigte den mit Abstand stärksten negativen Zusammenhang, deutlich stärker als tagsüber oder abends verbrachte Bildschirmzeit. Zwischen verschiedenen Kindern verglichen, wie in klassischen , fallen die Zusammenhänge dagegen größer aus – ein Hinweis darauf, dass ein Teil davon nicht direkt auf die Bildschirmzeit selbst zurückgeht, sondern auf Drittfaktoren wie Familienstruktur oder psychische Belastung, die sowohl mit mehr Bildschirmzeit als auch mit schlechterem Schlaf zusammenhängen.
81 Blaues Licht: der vermutete Haupttäter, der sich nicht belegen lässt
Häufig wird das „blaue Licht" von Bildschirmen als eigentlicher Übeltäter genannt, der über die reine Nutzungsdauer hinaus den Schlaf stört. Die gezielte Suche nach Belegen dafür bei Kindern ergab: Es existieren zu Blaulichtfilterbrillen – aber sie untersuchen Erwachsene, nicht Kinder, und Brillen, nicht Bildschirme direkt.
Insgesamt liegen dazu nur wenige Studien vor (zwölf), und ihre Ergebnisse sind uneinheitlich: Manche zeigen einen Nutzen, andere keinen Effekt. Für die Schlafeffizienz ergab die Zusammenschau einen Wert, dessen die Null miteinschließt – statistisch also kein gesicherter Effekt. Für die Gesamtschlafdauer fiel der Effekt etwas klarer aus, blieb aber gemischt. Am ehesten profitierten Personen mit bereits bestehenden Schlafstörungen, bipolarer Störung, verzögerter Schlafphase oder ADHS – nicht die Allgemeinbevölkerung.
Ein eigenständiger Blaulichteffekt bei Kindern, der über die bloße Verdrängung von Schlafzeit hinausgeht, ist damit nicht belegt. Die verfügbare Evidenz stammt von Erwachsenen, ist uneinheitlich und betrifft überwiegend Menschen mit vorbestehenden Schlafproblemen. Wer Blaulichtfilter gezielt als Schutzmaßnahme für Kinder empfiehlt, geht über die aktuelle Datenlage hinaus.
82 Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche
Der Zusammenhang zwischen digitalen Medien und Schlaf gehört zu den konsistentesten Ergebnissen der Forschung. Dabei wirken mehrere Mechanismen gleichzeitig.
Der offensichtlichste ist die Zeitverdrängung. Wer um 22 Uhr noch Videos ansieht, Nachrichten beantwortet oder spielt, geht später schlafen. Zusätzlich können emotionale Aktivierung, soziale Interaktionen, aufregende Spiele und eingehende Benachrichtigungen das Abschalten erschweren. Licht am Abend kann außerdem den Tag-Nacht-Rhythmus beeinflussen, wobei in der Realität nicht allein das „blaue Licht“, sondern das gesamte Nutzungsmuster von Bedeutung ist.
Eine umfangreiche von 21 mit insgesamt mehr als 548.000 Kindern und Jugendlichen fand, dass jede zusätzliche tägliche Stunde Bildschirmzeit im Durchschnitt mit einigen Minuten kürzerer Schlafdauer verbunden war. Das Risiko für zu kurzen Schlaf war erhöht; die gepoolte lag ungefähr bei 1,25.
Ein methodisch besonders interessanter Review wurde 2026 in JAMA Pediatrics veröffentlicht. Statt lediglich unterschiedliche Jugendliche miteinander zu vergleichen, untersuchten Bourke und Kollegen in einer Metaanalyse von 25 Studien mit 4.562 Teilnehmenden, ob dieselbe Person an Tagen mit mehr Bildschirmnutzung anders schlief als an Tagen mit weniger Nutzung. An Tagen mit höherer Bildschirmzeit begann der Schlaf tatsächlich etwas später. Die war klein, aber solche Within-Person-Analysen schließen einen Teil der üblichen Unterschiede zwischen Personen aus.
Praktisch bedeutet das: Bei einem Kind, das ausreichend und gut schläft, ist eine zusätzliche halbe Stunde Bildschirm am Nachmittag wahrscheinlich weniger relevant als bei einem Jugendlichen, der regelmäßig nachts mit dem Smartphone im Bett liegt und dadurch täglich eine Stunde Schlaf verliert.
Deshalb empfehlen deutsche wie internationale Fachgesellschaften, digitale Medien nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen und möglichst nicht im Schlafzimmer zu verwenden. Die deutsche AWMF-Leitlinie nennt unter anderem eine bildschirmfreie letzte Stunde vor dem Schlafen sowie keine Bildschirmgeräte im Schlafzimmer. Wenn Ihr Kind ohnehin schlecht einschläft, nachts aufwacht oder morgens kaum in die Gänge kommt, lohnt sich zusätzlich ein Blick in unseren ausführlichen Ratgeber zu Schlafproblemen bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen – dort finden Sie auch, was sonst noch hinter schlechtem Schlaf stecken kann.
83 Frankreich empfiehlt Blaulichtfilterbrillen – ohne Wirksamkeitsnachweis
Wie wenig gesichert das Thema Blaulicht bei Kindern tatsächlich ist, zeigt eine prominente Gegenposition: Die französische Académie nationale de médecine empfahl 2023 unter anderem den Einsatz von Blaulicht-Schutzbrillen bei längerer Bildschirmexposition. Der zugehörige Kommissionsbericht von 2024 stuft dabei nur die kurzfristige physiologische Wirkung von Blaulicht als ausreichend belegt ein – eine langfristige Netzhautschädigung dagegen ausdrücklich nicht.
Damit steht diese Empfehlung im Widerspruch zur internationalen Befundlage: Für Blaulichtfilterbrillen bei Kindern existiert, wie im vorigen Abschnitt beschrieben, kein Wirksamkeitsnachweis. Die übrigen Empfehlungen der Académie sind davon unabhängig gut begründet und international breit abgestützt: die nächtliche Bildschirmnutzung einschränken oder ganz untersagen, regelmäßige Schlafenszeiten, schulische Aufklärung und Sensibilisierung der Eltern. Nur die Brillenempfehlung sollten Sie nicht ungeprüft übernehmen – ein Beispiel dafür, dass auch angesehene Fachgremien gelegentlich über die eigene Datenlage hinausgehen.
84 Schlafdefizit bei Jugendlichen und die falsche Hoffnung des Wochenend-Nachholens
Der französische Kommissionsbericht 2024 bezeichnet Schlaf als den am besten belegten körperlichen Zusammenhang mit Bildschirmnutzung – warnt aber gleichzeitig vor einem verbreiteten Trugschluss: dass sich am Wochenende versäumter Schlaf einfach nachholen lässt.
Zu den zitierten Zahlen, deren genaue Erhebungsbasis im Bericht nicht näher benannt wird und die deshalb mit Vorsicht zu lesen sind: 16 % der 11-Jährigen und 40 % der 15-Jährigen wiesen unter der Woche ein Schlafdefizit von mehr als zwei Stunden pro Tag auf. Eine Vereinsstudie (Génération numérique) fand, dass 71 % der 11- bis 18-Jährigen ihr Telefon dauerhaft im Schlafzimmer haben und 31 % angaben, deswegen wach zu bleiben oder aufzuwachen. Rund 70 % der 12- bis 17-Jährigen sahen 2022 in der Stunde vor dem Einschlafen noch auf einen Bildschirm; eines von zehn Kindern unter elf Jahren schlief sogar in einem Raum mit eingeschaltetem Bildschirm ein.
Zur Wochenend-Erholung heißt es im Bericht wörtlich, sie sei eine trügerische gute Idee, die die Desynchronisation des Kindes in Wirklichkeit nur verstärke. Der so entstehende Schlafmangel wird dort als eigenständiger Risikofaktor für Angst und Depression benannt.
85 Österreich: Vielhandynutzer:innen berichten häufiger Kopfschmerzen und Schlafprobleme
Auch die österreichische HBSC-Erhebung, die amtliche Gesundheitsbefragung von Schülerinnen und Schülern, findet einen Zusammenhang zwischen hoher Handynutzung und körperlichen Beschwerden: Häufige Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder Augenschmerzen wurden vermehrt bei Vielhandynutzer:innen festgestellt. 38 % der befragten Schüler:innen gaben an, das Handy täglich fünf Stunden oder mehr zu nutzen.
Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um Selbsteinschätzungen der Jugendlichen, nicht um gemessene Werte, und der Bericht weist den Zusammenhang ausdrücklich als solchen aus – nicht als nachgewiesene Ursache. Dennoch ist es ein österreichischer Befund aus erster Hand, keine Übertragung aus dem Ausland.
86 Spanien: Schlaf als der am klarsten belegte Endpunkt
Ein spanischer Ausschussbericht fasst in einer vielzitierten Gesundheitstabelle zusammen, wofür die Evidenz zu Bildschirmzeit bei Kindern am klarsten ist – und kommt zu einem bemerkenswert eindeutigen Ergebnis: Von allen untersuchten Endpunkten ist Schlaf derjenige mit der klarsten Beleglage. Die Tabelle beruht dabei fast vollständig auf einer britischen Übersichtsarbeit (Stiglic & Viner, University College London, 2019), nicht auf eigenem spanischem Datenmaterial.
Genannt werden Einschlafstörungen, verringerte nächtliche Schläfrigkeit, reduzierte Melatoninausschüttung und eine Verzögerung der inneren Uhr. Ausdrücklich hervorgehoben: Ein Gerät im Zimmer verstärkt die Schlafbeeinträchtigung zusätzlich. Der Ausschussbericht behauptet einleitend, diese Effekte seien „mit klinischen Studien" belegt – das lässt sich anhand der Quellenlage nicht bestätigen, denn der zitierte Review fasst überwiegend Beobachtungsstudien zusammen, keine klinischen Studien im engeren Sinn.
Die begleitende Empfehlungstabelle bleibt trotzdem praktisch nützlich:
- Vermeiden Sie Bildschirmnutzung 1 bis 2 Stunden vor dem Zubettgehen
- Halten Sie Geräte ausgeschaltet und außerhalb des Kinderzimmers
Diese beiden Regeln decken sich mit deutschsprachigen Fachgesellschaftsempfehlungen, auch wenn der Ausschussbericht dafür selbst keine eigene Quelle nennt.
87 Italien: Bei Kleinkindern kostet jede Stunde Touchscreen rund 15 Minuten Schlaf
Eine aktuelle Übersicht der italienischen Kinderärztegesellschaft SIP aus 2026 fasst internationale Schlafbefunde zusammen – die zugrundeliegenden Studien stammen überwiegend aus Deutschland, den USA und Japan, nicht aus Italien selbst. Für 3- bis 5-Jährige gilt danach: Jede zusätzliche Stunde Touchscreen-Zeit ist mit rund 15 Minuten weniger Schlaf assoziiert.
Bei Jugendlichen berichtet die Übersicht, dass 72 % das Handy in der Stunde vor dem Schlafengehen nutzen und rund 20 % mehrmals wöchentlich vom Telefon geweckt werden. US-Jugendliche mit fünf oder mehr Stunden Bildschirmzeit täglich hatten eine um 80 % höhere Wahrscheinlichkeit für unzureichenden Schlaf. Eine deutsche Studie mit über 7.500 Jugendlichen fand starke Zusammenhänge zwischen elektronischer Mediennutzung und Insomnie-Symptomen; eine japanische Studie mit über 95.000 Jugendlichen zeigte, dass Telefonieren oder Schreiben nach dem Lichtausmachen unabhängig mit schlechtem Schlaf zusammenhing.
Auch hier gilt die übliche Einschränkung: Es handelt sich um Assoziationen, nicht um nachgewiesene Ursachen. Die Gegenrichtung – Kinder mit Schlafproblemen bekommen mehr Bildschirmzeit, weil sie schwerer zu beruhigen sind – ist in den meisten dieser Studien nicht ausgeschlossen.
88 Italien: die 89-Prozent-Zahl, die sich nicht belegen lässt
Ein italienischsprachiges Elterndossier der SIP nennt eine auffällig hohe Zahl: 89 % der Jugendlichen würden mit eingeschaltetem Gerät oder mit dem Gerät im Zimmer schlafen. Das Dossier führt dazu weiter aus, dass bereits eine Abendstunde vor dem Bildschirm bei unter 13-Jährigen Schlafdauer und -qualität verringern könne.
Diese 89-Prozent-Zahl ist nicht verifiziert: Das Dossier nennt dafür keine Primärstudie, und in der Recherche ließ sich keine Quelle dafür finden. Sie sollten diese Zahl deshalb nicht unkritisch weitergeben. Die dahinterstehende Botschaft – Gerät nicht im Schlafzimmer – ist davon unabhängig gut belegt, wie die übrigen Abschnitte dieses Kapitels zeigen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass eingängige Zahlen auch von seriösen Fachgesellschaften kursieren können, ohne dass sich ihre Herkunft klären lässt.
89 Italien: 85,4 % schlechte Schlafqualität in der Risikogruppe
Die nationale italienische Erhebung des Istituto Superiore di Sanità zu Verhaltenssüchten bei Jugendlichen, eine Schulbefragung mit rund 8.750 auswertbaren Fragebögen, findet einen sehr großen Unterschied bei der Schlafqualität: In der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen mit auffälliger Social-Media-Nutzung berichteten 85,4 % eine nicht gute Schlafqualität, gegenüber 55,3 % in der Gruppe ohne auffällige Nutzung.
Auch dieser Befund stammt aus einer Querschnittserhebung, das heißt: Die Richtung des Zusammenhangs ist damit nicht geklärt. Mindestens ebenso plausibel ist die umgekehrte Erklärung – dass Depression oder Ängstlichkeit sowohl zu sozialem Rückzug als auch zu vermehrter Bildschirmnutzung und schlechterem Schlaf führen, ohne dass eines das andere direkt verursacht. Was das Muster angeht, also die deutlich schlechtere Schlafqualität in der Risikogruppe, ist der Befund gut auf andere Länder übertragbar; die konkreten Prozentwerte gelten für die italienische Schulpopulation.
90 China: verbindliche Schlafzeiten per Schulrecht – aber nur 31,6 % erfüllen sie
Einen regulatorischen Ansatz ohne echtes Pendant in Europa verfolgt China: Seit 2021 gelten dort per Erlass verbindliche Schlafsollzeiten je Schulstufe – Grundschule 10 Stunden, Mittelschule 9 Stunden, Oberschule 8 Stunden –, dazu späte Unterrichtsbeginnzeiten und feste späteste Zubettgehzeiten (Grundschule 21:20 Uhr, Mittelschule 22:00 Uhr, Oberschule 23:00 Uhr). Ergänzt wird das durch drei „Unterbrechungsmechanismen": Hausaufgaben, Nachhilfe und Computerspiele müssen dem Schlaf weichen, nicht umgekehrt. Für Onlinespiele gilt zusätzlich eine tägliche Sperrzeit von 22:00 bis 8:00 Uhr für Minderjährige, direkt im Schulrecht verankert. Wer sich bemüht hat und zur Schlafenszeit nicht fertig ist, soll schlafen gehen – die Lehrkraft ist verpflichtet, Ursache und Aufgabenumfang zu überprüfen.
Selbst mit dieser weitreichenden Regulierung bleibt die Zielerreichung gering: Eine Übersichtsarbeit über 92 chinesische Studien mit mehr als 800.000 Teilnehmenden fand, dass nur 31,6 % der Kinder die eigene Schlafempfehlung tatsächlich erfüllen (zum Vergleich: Bewegungsempfehlung 17,6 %, Bildschirmzeitempfehlung 51,1 %) – alle drei Empfehlungen gleichzeitig erfüllten nur 4,9 %. Eine andere kam für jüngere Kinder auf 10,2 % bei allen drei Empfehlungen; die beiden Werte beruhen auf unterschiedlichen Studienpools und sollten nicht gemittelt werden. Auch der weitreichendste regulatorische Zugriff löst das Problem also nicht allein.
91 Japan: mehr Gerätezeit, spätere Zubettgehzeit – Daten von 2014
Die bislang umfangreichste japanische Erhebung, die Schlaf und Mediennutzung gemeinsam abfragt, stammt aus dem November 2014, mit mehr als 23.000 auswertbaren Fragebögen aus 771 Schulen. Die Daten sind also elf Jahre alt – methodisch aber sorgfältig erhoben und bis heute die amtliche Referenz. Sie zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Gerätenutzung und späterer Zubettgehzeit über alle Schulstufen hinweg: In der Mittelschule gingen 22,0 % erst nach Mitternacht ins Bett, in der Oberschule waren es 47,0 % – praktisch jede oder jeder Zweite.
Die Auswertung fand: Je länger die tägliche Kontaktzeit mit Handy oder Smartphone ohne Spiele, desto später die Zubettgehzeit; wer Geräte bis unmittelbar vor dem Einschlafen nutzt, kommt morgens schwerer aus dem Bett. Bei jüngeren Schülerinnen und Schülern ging eine spätere Zubettgehzeit zusätzlich mit selteneren positiven Selbstaussagen und häufigerer grundloser Gereiztheit einher.
Zur Einordnung: Japan hat auch unabhängig von Bildschirmen eine Kultur kurzer Schlafzeiten bei Jugendlichen, mit Nachhilfeschulen bis in den Abend und langen Schulwegen. Die absoluten Zahlen sind deshalb nicht direkt auf Österreich übertragbar. Der Zusammenhang selbst – mehr Gerätezeit führt zu späterem Zubettgehen, Nutzung unmittelbar vor dem Einschlafen erschwert das Aufstehen – ist dagegen international vielfach bestätigt.
92 Korea: doppeltes Risiko, ein überraschendes Muster – und eine Zahl, die sich nicht belegen lässt
Eine koreanische Panelstudie an mehr als 4.200 Schulkindern fand: In der Gruppe mit hohem Smartphone-Abhängigkeitsrisiko war die Chance auf zu kurzen Schlaf mehr als doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe ( 2,25). Auch die Schlafqualität war in dieser Gruppe schlechter (Odds Ratio 1,59). Es handelt sich um einen Querschnittsbefund – er zeigt einen Zusammenhang, nicht zwingend eine Ursache.
Eine zweite koreanische Studie mit knapp 55.000 Jugendlichen fand einen nicht-linearen Zusammenhang: Wer ein „normales" Nutzungsmuster hatte, war zufriedener mit dem eigenen Schlaf als sowohl Wenig- als auch Vielnutzer:innen. Nicht die Nutzungsdauer allein, sondern die Extreme scheinen mit Unzufriedenheit einherzugehen.
Bemerkenswert ist zudem eine koreanische mit gut 2.000 Jugendlichen über drei Erhebungswellen: Sie fand, dass schlechte Schlafqualität spätere Smartphone-Überabhängigkeit vorhersagte – nicht nur umgekehrt. Praktisch bedeutsam für Sie: Hat Ihr Kind eine auffällige Nutzung, kann es sich lohnen, zuerst den Schlaf zu behandeln, statt sofort das Gerät zu regulieren.
Eine Warnung zum Schluss: In der koreanischen Debatte kursiert die Behauptung, das gesetzliche nächtliche Online-Spielverbot habe die Schlafdauer Jugendlicher um lediglich 1,5 Minuten erhöht. Diese Zahl ließ sich nicht verifizieren – die Originalstudie war nicht zugänglich. Eine andere, gut belegte Studie mit fast 244.000 Jugendlichen fand nach demselben Spielverbot überhaupt keine signifikante Veränderung der Schlafdauer. Ein Lehrstück dafür, wie eingängige, aber ungeprüfte Zahlen durch die öffentliche Debatte wandern.
93 Brasilien und Norwegen: der Blick über zwei Jahre und fast 9.850 Jugendliche
Mehrere brasilianische kommen zu einem konsistenten, aber methodisch begrenzten Bild: Exzessive Bildschirmnutzung ist mit schlechterem und kürzerem Schlaf assoziiert, mit nächtlichem Aufwachen, langer Einschlafzeit und Tagesmüdigkeit. Die Studienqualität der eingeschlossenen Einzelarbeiten wurde von den Autor:innen selbst überwiegend als niedrig bis mittel eingestuft – keine einzige der 23 bewerteten Studien einer Übersichtsarbeit erreichte die Bestnote.
Aussagekräftiger ist eine zweiwellige aus einer südbrasilianischen Stadt mit 331 Kindern und Jugendlichen von 6 bis 17 Jahren, erhoben 2014 und 2016: Höhere Bildschirmzeit zu Beginn sagte eine kürzere Schlafdauer zwei Jahre später voraus. Die Stichprobe ist allerdings klein, und der liegt nur knapp unterhalb null – die Schätzung ist entsprechend unpräzise und sollte zurückhaltend zitiert werden.
Die größte Einzelstudie zur Größenordnung stammt aus Norwegen: In einer Kohorte von fast 9.850 Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren war Computernutzung mit einer mehr als zweieinhalbfach erhöhten Chance auf weniger als fünf Stunden Schlaf verbunden ( 2,70). Auch hier gilt die Einschränkung, die durch das ganze Kapitel zieht: Es sind Selbstauskünfte, keine gemessenen Schlafzeiten, und schlecht schlafende Jugendliche könnten nachts auch häufiger zum Handy greifen – nicht nur umgekehrt.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Warum Fachgesellschaften so uneinig sind, wie viel zu viel ist Abschnitt 1–7 · 7
- 2. Wie belastbar die Studien wirklich sind Abschnitt 8–21 · 14
- 3. Was Fachgesellschaften konkret empfehlen Abschnitt 22–36 · 15
- 4. Was Kinder tatsächlich nutzen: ein Ländervergleich Abschnitt 37–56 · 20
- 5. Bildschirmzeit und psychische Gesundheit Abschnitt 57–69 · 13
- 6. Soziale Medien im Besonderen Abschnitt 70–79 · 10
- 7. Schlaf: einer der bestbelegten Problembereiche Abschnitt 80–93 · 14
- 8. Bewegung, Fitness und Übergewicht Abschnitt 94–100 · 7
- 9. Kurzsichtigkeit: Bildschirm oder Naharbeit? Abschnitt 101–109 · 9
- 10. Kleinkinder: Sprache und Entwicklung Abschnitt 110–119 · 10
- 11. Schule, ADHS und Autismus Abschnitt 120–130 · 11
- 12. Cybermobbing und Übergriffe Abschnitt 131–142 · 12
- 13. Handyverbote in Schulen – auch in Österreich Abschnitt 143–154 · 12
- 14. Wann aus Gewohnheit ein Problem wird Abschnitt 155–164 · 10
- 15. Pornografie und ungewollte Inhalte: was wir wissen Abschnitt 165–173 · 9
- 16. Gesetze zu Mindestalter und Altersverifikation Abschnitt 174–181 · 8
- 17. Strahlung und was digitale Medien auch können Abschnitt 182–186 · 5
- 18. Wie Eltern Bildschirmzeit praktisch regeln Abschnitt 187–198 · 12
- 19. Fragen, das Gespräch und Anlaufstellen in Österreich Abschnitt 199–207 · 9
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