Der Körper verändert sich schneller, als das Bild von ihm nachkommt. Wann Unzufriedenheit normal ist und wann sie gefährlich wird.

  • Abschnitt 110 bis 125 von 239
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die Pubertät allgemein und richtet sich an Eltern, Bezugspersonen und an Jugendliche selbst. Er ersetzt keine Untersuchung und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Altersangaben in diesem Ratgeber beschreiben Bandbreiten, keine Grenzwerte für ein einzelnes Kind: Ob eine Entwicklung abklärungsbedürftig ist, hängt immer vom Gesamtbild ab – vom Wachstumsverlauf, von der Familiengeschichte und von den übrigen Befunden. Die Fachgesellschaften verschiedener Länder ziehen die Grenzen zudem unterschiedlich; wo das so ist, steht es im Text.

Die Pubertät

Was im Körper geschieht, was normal ist und wann eine Abklärung nötig ist

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber beschreibt, was in der Pubertät körperlich geschieht, wann sie üblicherweise beginnt, was zu früh und was zu spät ist, wie Wachstum, Knochen, Schlaf und Gehirn sich verändern und woran Sie erkennen, dass eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist. Er stützt sich auf Leitlinien und Veröffentlichungen von Fachgesellschaften aus neun Sprachräumen, auf amtliche Erhebungen und auf . Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo Leitlinien einander widersprechen, stehen beide Werte nebeneinander, und es wird gesagt, welche Fachgesellschaft welchen Wert nennt. Es wird nirgends gemittelt.

Der Text ist so geschrieben, dass Jugendliche ihn neben ihren Eltern lesen können. Er ersetzt kein persönliches Gespräch und keine Untersuchung. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Entwicklung, seiner Familiengeschichte und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Eine Vorbemerkung zu den Zahlen. Die Pubertät ist ein Bereich, in dem sehr viele Zahlen kursieren und erstaunlich wenige davon gut belegt sind. Für Österreich gibt es weder eine eigene Erhebung der Reifestadien noch ein eigenes Durchschnittsalter der ersten Regelblutung. Die nächstliegenden Daten stammen aus Deutschland, die nächstliegenden Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum. Beides wird hier so gekennzeichnet.

110 Warum das Körperbild in der Pubertät ins Rutschen kommt

In wenigen Jahren verändert sich der Körper eines Kindes so stark wie sonst nur im ersten Lebensjahr. Er wächst ungleichmäßig, er nimmt zu, bevor er in die Länge geht, er bekommt Haare an neuen Stellen, er riecht anders. Gleichzeitig beginnt genau in dieser Phase das, was die Entwicklungspsychologie den sozialen Vergleich nennt: Der eigene Körper wird nicht mehr einfach bewohnt, sondern bewertet, und zwar im Verhältnis zu anderen.

Das ist zunächst nichts Krankhaftes. Es ist die normale Begleiterscheinung davon, dass ein Mensch anfängt, sich selbst von außen zu sehen. Schwierig wird es, wenn der Vergleichsmaßstab nicht mehr die Klasse ist, sondern ein endloser Bilderstrom, in dem nur ausgewählte, bearbeitete und beruflich hergestellte Körper vorkommen.

Dieses Kapitel beschreibt, was dazu an Zahlen vorliegt: aus Österreich, aus Spanien, aus Brasilien, aus Korea, aus Japan, aus China und aus Italien. Es beschreibt außerdem, wo die Forschung ausdrücklich nicht weiter ist, als sie in Zeitungsberichten wirkt.

Eine Vorbemerkung noch: In diesem Kapitel stehen bewusst keine Gewichtsangaben, keine Grenzwerte und keine Beschreibungen von Methoden, mit denen Jugendliche versuchen, ihr Gewicht zu beeinflussen. Solche Angaben helfen niemandem, der gefährdet ist. Was gebraucht wird, ist die Einordnung, und die folgt jetzt.

111 Was österreichische Jugendliche über ihren Körper sagen

Für Österreich gibt es eine belastbare Zahlengrundlage: die HBSC-Erhebung 2021/22, eine von der Weltgesundheitsorganisation koordinierte Schülerbefragung, für Österreich herausgegeben vom Gesundheitsministerium und erstellt von der Gesundheit Österreich GmbH. Nach dem Datenclearing umfasste die Stichprobe 7.099 Schülerinnen und Schüler der Schulstufen 5, 7, 9 und 11.

Das Ergebnis zum Körperbild ist deutlich, und es ist geschlechtstypisch verschieden.

Bei den Mädchen empfinden sich rund 15 Prozent als zu dünn und 40 Prozent als zu dick. Die restlichen 45 Prozent geben an, mit ihrem Körpergewicht zufrieden zu sein.

Bei den Burschen empfinden sich 24 Prozent als zu dünn und 30 Prozent als zu dick, 46 Prozent sind zufrieden.

Der entscheidende Satz des Berichts steht davor: Diese Einschätzung ist unabhängig von den Angaben zu Körpergröße und Körpergewicht. Es geht also nicht darum, wie viel jemand wiegt, sondern darum, wie jemand sich sieht. Zwei gleich große, gleich schwere Jugendliche können hier sehr verschieden antworten.

Für Eltern folgt daraus eine unbequeme, aber nützliche Einsicht: Ein Satz wie „aber du bist doch gar nicht dick" trifft die Sache nicht. Er widerspricht einer Wahrnehmung mit einem Messwert, und Wahrnehmungen lassen sich so nicht korrigieren.

112 Der Sprung liegt zwischen der 5. und der 7. Schulstufe

Die österreichische Erhebung zeigt nicht nur, wie verbreitet die Unzufriedenheit ist, sondern auch, wann sie einsetzt.

Das Gefühl, zu dick zu sein, nimmt zwischen der 5. und der 7. Schulstufe stark zu. Danach bleibt es bei den Mädchen relativ konstant, während es bei den Burschen wieder abnimmt.

Die 5. Schulstufe ist das erste Jahr nach der Volksschule, die 7. Schulstufe das dritte. Der Sprung fällt damit genau in den Beginn der Pubertät und in den Schulwechsel. Beides trifft zusammen: ein Körper, der sich zu verändern beginnt, und eine neue, größere, unbekanntere Gruppe, in der man sich einsortieren muss.

Was das für den Zeitpunkt von Gesprächen bedeutet

Wenn der Sprung zwischen der 5. und der 7. Schulstufe passiert, dann liegt der sinnvolle Zeitpunkt für ein Gespräch über Körperbilder, über bearbeitete Fotos und über Vergleiche davor, nicht danach. Also mit ungefähr zehn oder elf Jahren, und nicht erst dann, wenn die Sätze über den eigenen Körper schon hart geworden sind.

Das ist ein Muster, das Ihnen in diesem Ratgeber noch mehrfach begegnen wird: Die Gespräche, die wirken, liegen fast immer früher, als Eltern sie ansetzen würden.

113 Burschen: das Gefühl, zu dünn zu sein

Körperbildsorgen gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als Mädchenthema. Die österreichischen Zahlen widersprechen dem in einem wichtigen Punkt.

24 Prozent der Burschen empfinden sich als zu dünn. Das ist deutlich mehr als bei den Mädchen, wo es 15 Prozent sind. Und der Bericht hält ausdrücklich einen Alterseffekt fest: Vom Gefühl, zu dünn zu sein, sind ältere Burschen stärker betroffen als jüngere.

Das passt zur Biologie. Der Wachstumsschub liegt bei Buben spät, wie im Kapitel über Wachstum und Endgröße beschrieben. Wer mit fünfzehn noch schmal ist, während Gleichaltrige bereits breiter geworden sind, erlebt genau die Verzögerung, die ein paar Monate später von selbst aufholt.

Die Richtung der Sorge ist eine andere

Bei Mädchen zielt die Unzufriedenheit überwiegend darauf, weniger zu sein. Bei Burschen zielt sie häufig darauf, mehr zu sein: mehr Masse, mehr Muskel, mehr Kontur. Das führt zu anderen Verhaltensweisen und wird deshalb von Eltern oft gar nicht als Körperbildproblem erkannt, sondern als Sport.

Zu Nahrungsergänzungs- und Muskelaufbaupräparaten bei Jugendlichen liegen in dieser Recherche ausdrücklich keine österreichischen und keine europäischen Zahlen vor. Der italienische Recherchebericht hat gezielt danach gesucht und ausdrücklich festgehalten, dass die dazu kursierenden Prozentzahlen aus einer US-amerikanischen Befragung stammen und nicht als europäische Zahl verwendbar sind. Das Thema ist real, die Zahlen dazu sind es hier nicht.

114 Sozialer Vergleich in sozialen Medien: die größte Metaanalyse

Die bislang größte Untersuchung zu diesem Thema hat nicht gemessen, wie lange Jugendliche online sind. Sie hat gemessen, wie stark sie sich online mit anderen vergleichen. Das ist ein wichtiger Unterschied, und er verändert das Ergebnis.

Die fasste 83 Studien mit 55.440 Teilnehmenden zusammen, veröffentlicht zwischen 2008 und 2024. Sie stammt von einer Arbeitsgruppe der Universität Palermo gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Montpellier und der Northeastern University und erschien 2025 in der Fachzeitschrift Body Image.

Die Ergebnisse:

  • Zwischen häufigem Online-Vergleich und Sorgen um den eigenen Körper besteht ein Zusammenhang von (95-Prozent- 0,409 bis 0,498).
  • Zwischen häufigem Vergleich und Essstörungssymptomen liegt der Zusammenhang bei r = 0,36 (0,28 bis 0,43).
  • Zwischen häufigem Vergleich und einem positiven Körperbild besteht ein negativer Zusammenhang von r = −0,242 (−0,329 bis −0,155), das heißt: je mehr Vergleich, desto weniger positives Körperbild.

Die Stärke des Zusammenhangs wurde unter anderem von der Studienqualität, vom Plattformtyp, vom Land und vom Frauenanteil der Stichprobe beeinflusst.

Ein Wert von r = 0,454 gilt in der Sozialforschung als mittelstarker Zusammenhang. Das ist für dieses Forschungsfeld viel.

115 Was ein Korrelationskoeffizient sagt – und was nicht

Weil im vorigen Abschnitt eine Kennzahl steht, die in Ratgebern regelmäßig überinterpretiert wird, hier die Einordnung.

WAS r BEDEUTET

Der Korrelationskoeffizient r beschreibt, wie eng zwei Messwerte miteinander wandern. Er läuft von −1 bis +1. Bei 0 gibt es keinen Zusammenhang. Bei +1 gehen beide Werte im Gleichschritt nach oben, bei −1 gehen sie exakt gegenläufig. Ein r von 0,45 heißt: Wer sich häufiger vergleicht, hat im Schnitt deutlich häufiger Sorgen um den eigenen Körper – aber es gibt sehr viele Jugendliche, auf die das nicht zutrifft.

WAS r NICHT BEDEUTET

Ein Korrelationskoeffizient sagt nichts über Ursache und Wirkung. Die Autorinnen und Autoren der schreiben das selbst und deutlich: Die eingeschlossenen Studien sind überwiegend querschnittlich, sie erlauben also keine Ursache-Wirkungs-Aussage. Es ist mit denselben Daten vereinbar, dass der Vergleich die Unzufriedenheit erzeugt – und ebenso, dass unzufriedene Jugendliche sich häufiger vergleichen. Vermutlich verstärkt sich beides gegenseitig.

Eine zweite Einschränkung: Die Stichproben umfassen nicht nur Jugendliche, sondern auch junge Erwachsene.

Wer daraus einen Satz wie „soziale Medien machen Jugendliche krank" macht, geht über das hinaus, was diese Daten hergeben. Der belegte Satz lautet vorsichtiger und ist trotzdem brauchbar: Wer sich viel vergleicht, ist mit seinem Körper im Schnitt unzufriedener. Und Vergleichen ist etwas, das man beeinflussen kann.

116 Instagram als Plattform mit dem größten Vergleichsdruck

Eine spanische Übersichtsarbeit hat für die Zeitschrift Enfermería Global die Literatur der letzten fünf Jahre zum Zusammenhang von Social-Media-Nutzung und Körperbild bei Jugendlichen ausgewertet. Von 2.005 gefundenen Publikationen blieben nach Anwendung der Ein- und Ausschlusskriterien 19 Arbeiten übrig; gesucht wurde zwischen Jänner und März 2024 in sechs Fachdatenbanken.

Die Befunde:

  • Die am meisten genutzten Netzwerke sind in Spanien Instagram mit 97,4 Prozent und YouTube mit 84 Prozent; in den USA YouTube mit 84 Prozent und Instagram mit 72 Prozent.
  • Instagram ist die Plattform, die den größten Vergleich und die größte negative Wirkung auf das Selbstbild erzeugt.
  • Mädchen nutzen soziale Netzwerke exzessiver, verbringen mehr Stunden online und veröffentlichen mehr Bilder.

Eine wichtige Einschränkung

Der Recherchebericht hält ausdrücklich fest: Es handelt sich um eine narrative Synthese ohne gepoolte Effektschätzer. Die Aussage ist qualitativ, nicht quantitativ. Es gibt hier also keine Zahl, die sagt, um wie viel Instagram schlechter ist als andere Plattformen.

Die Nutzungszahlen sind außerdem spanische Werte und nicht auf Österreich übertragbar. Übertragbar ist die Beobachtung, dass bildzentrierte Plattformen mehr Vergleich erzeugen als textzentrierte. Das ist kein Zufall, sondern folgt aus dem Format.

117 Ein Dosis-Wirkungs-Befund aus Brasilien

Eine brasilianische Studie hat als eine der wenigen versucht, die Frage der Menge zu beantworten: Macht es einen Unterschied, wie oft am Tag jemand nachschaut?

Untersucht wurden 212 Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren, 65,1 Prozent davon normalgewichtig und mehrheitlich aus einkommensschwachen Verhältnissen. 85,8 Prozent waren mit ihrer Körperwahrnehmung unzufrieden und wünschten sich mehrheitlich eine schlankere Silhouette. 97,2 Prozent nutzten Facebook, 90 Prozent davon täglich.

Der Dosis-Befund: Bei einer Facebook-Nutzung von mehr als zehnmal pro Tag war die Chance auf Körperbild-Unzufriedenheit um das 6,57-Fache erhöht, bei entsprechender Instagram-Nutzung um das 4,47-Fache. Höhere Werte auf einer Skala zum Medieneinfluss hingen signifikant (p kleiner als 0,001) mit dem Wunsch nach einer schlankeren Figur zusammen.

Was ein Odds Ratio ist

Die Zahlen 6,57 und 4,47 sind s. Ein Odds Ratio vergleicht die Chancenverhältnisse zweier Gruppen. Ein Wert von 1 bedeutet: kein Unterschied. Ein Wert von 6,57 bedeutet, dass die Chance in der einen Gruppe rund sechseinhalbmal so groß war wie in der anderen. Er sagt nicht, dass sechseinhalbmal so viele Mädchen betroffen waren – Odds Ratios überschätzen den Unterschied, wenn ein Ereignis häufig ist, und hier war es mit 85,8 Prozent sehr häufig.

Die Stichprobe ist klein und sozial sehr spezifisch. Die genauen Werte sind nicht auf österreichische Jugendliche übertragbar. Die Richtung – mehr Nutzung, mehr Unzufriedenheit – ist international mehrfach repliziert.

118 Körperbild-Verzerrung bei Normalgewicht

Der vielleicht klarste Befund zu diesem Thema stammt aus der koreanischen Jugendgesundheitsbefragung, einer amtlichen jährlichen Schulerhebung mit rund 60.000 Schülerinnen und Schülern an 800 Schulen.

21,7 Prozent der Jugendlichen mit normalem Körpergewicht schätzten sich selbst als eher dick ein. Bei den Mädchen waren es 26,1 Prozent, bei den Buben 17,1 Prozent.

34,4 Prozent aller Befragten hatten im letzten Monat versucht abzunehmen: 43,8 Prozent der Mädchen und 25,6 Prozent der Buben.

Das heißt: Ein gutes Drittel aller Jugendlichen versucht abzunehmen, und ein gutes Fünftel derjenigen, die normalgewichtig sind, hält sich für zu dick. Die Fachsprache nennt das Körperbild-Verzerrung.

Die absolute Höhe dieser Prozentwerte ist koreanisch und nicht auf Österreich übertragbar; der Aussehensdruck ist dort besonders ausgeprägt. Der Mechanismus ist es sehr wohl, und die österreichischen HBSC-Zahlen aus Abschnitt 112 zeigen dasselbe Grundmuster: Die Selbsteinschätzung ist unabhängig von den tatsächlichen Angaben zu Größe und Gewicht.

Für Jugendliche, die das selbst lesen

Wenn du dich für zu dick hältst, heißt das nicht automatisch, dass du es bist. Ein knappes Viertel der normalgewichtigen Jugendlichen in dieser Erhebung dachte dasselbe über sich. Das ist keine Beleidigung deiner Wahrnehmung – es ist ein Hinweis darauf, dass diese Wahrnehmung in dieser Lebensphase bei sehr vielen Menschen danebenliegt.

119 Zehn Jahre Trend in Brasilien

Ob die Unzufriedenheit zunimmt, lässt sich nur beantworten, wo dieselbe Frage über viele Jahre gleich gestellt wurde. Brasilien hat das getan.

Die nationale Schulgesundheitserhebung erfasst seit 2009 die Selbstwahrnehmung des Körperbilds bei Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern. Die Stichproben sind groß: 63.411 Schülerinnen und Schüler im Jahr 2009 und 574.799 im Jahr 2019.

Die Entwicklung über zehn Jahre:

  • Anteil, der sich als dick oder sehr dick empfindet: von 17,7 Prozent (2009) auf 23,2 Prozent (2019), also ein Anstieg um 5,5 .
  • Bei den Mädchen allein: von 21,3 Prozent auf 28,6 Prozent, ein Anstieg um 7,3 Prozentpunkte.
  • Anteil, der sich als normal empfindet: von 60,1 Prozent auf 47,6 Prozent, also ein Rückgang um 12,5 Prozentpunkte.

Der letzte Wert ist der eigentlich bemerkenswerte. Der Anteil der Jugendlichen, die ihren Körper schlicht als normal wahrnehmen, ist in zehn Jahren von rund drei Fünfteln auf weniger als die Hälfte gefallen.

Die absoluten Prozentsätze sind brasilianisch. Die Richtung deckt sich mit europäischen Erhebungen und ist übertragbar.

120 Spanien 2022: die Unzufriedenheit stieg, das Gewicht nicht

Die spanische HBSC-Erhebung 2022 hat drei Dinge getrennt gemessen: das tatsächliche Gewicht, die Körperwahrnehmung und die Körperzufriedenheit. Und sie hat dabei einen Befund erzeugt, der genau das Missverständnis aufklärt, um das es in diesem Kapitel geht.

Die Stichprobe umfasst 33.630 Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren, gezogen über ein mehrstufiges Zufallsverfahren, sowohl national als auch nach Autonomen Gemeinschaften. Eine in Suchergebnissen kursierende Angabe von 350 beteiligten Bildungseinrichtungen ließ sich in den abgerufenen Primärdokumenten nicht bestätigen und ist im Faktenblatt ausdrücklich als nicht verifizierte Zahl gekennzeichnet.

Zum Gewicht: Knapp jeder fünfte Jugendliche hat Übergewicht oder Adipositas, nämlich 18,4 Prozent. Bei den Buben sind es 21,8 Prozent, bei den Mädchen 15,0 Prozent. Bei niedriger Kaufkraft der Familie liegt der Anteil bei 24,8 Prozent, bei hoher bei 13,9 Prozent.

Zum Körperbild: Es sind die Mädchen, die häufiger Diät halten, sich häufiger als etwas oder zu dick wahrnehmen und häufiger eine niedrige Zufriedenheit mit dem eigenen Bild angeben.

Und zum Trend: 2022 fand sich ein sehr auffälliger Anstieg des Anteils Jugendlicher mit niedriger Körperzufriedenheit gegenüber allen früheren Erhebungswellen.

Übergewicht blieb also über die Wellen weitgehend stabil, die Unzufriedenheit stieg sprunghaft. Beides bewegt sich unabhängig voneinander. Wer die Zunahme der Körperunzufriedenheit mit der Zunahme des Gewichts erklären will, findet dafür in diesen Daten keine Grundlage.

121 Wie häufig Essstörungen sind

Zur Häufigkeit von Essstörungen liegen in dieser Recherche Zahlen aus Japan und aus China vor. Beide sind mit Vorbehalten versehen, und für Österreich liegt keine eigene Zahl vor.

Japan

Eine peer-reviewte japanische Übersichtsarbeit von 2015 nennt für die neurogene Magersucht bei Oberstufenschülerinnen eine von 0,19 bis 0,56 Prozent und stellt fest, dass dieser Wert dem der USA entspricht. Das sind rund zwei bis sechs Betroffene unter tausend Oberstufenschülerinnen.

Eine ältere landesweite Schulerhebung von 2002 fand eine kumulative Sechs-Jahres-Häufigkeit von 2,3 Prozent für Mittel- und Oberstufe zusammen, wovon rund zwei Drittel nie in Krankenhausbehandlung waren. Diese Zahl ist im Faktenblatt ausdrücklich als nicht verifiziert gekennzeichnet, ebenso wie die geschätzte landesweite Patientenzahl von rund 12.670.

China

Sekundäranalysen geben für chinesische Jugendliche eine spanne von 2,5 bis 6 Prozent an, für Schülerinnen zwischen 11 und 25 Jahren in Peking und Shanghai eine Spanne von 1,47 bis 4,62 Prozent. Der Recherchebericht kennzeichnet diese Werte ausdrücklich als grobe Orientierung, nicht als exakte epidemiologische Kennzahl, weil sie nicht auf eine einzelne große Primärstudie zurückgeführt werden konnten.

Was sich daraus sagen lässt

Die Spannen gehen weit auseinander, weil sie Verschiedenes messen: einmal eine einzelne Diagnose, einmal alle Essstörungen zusammen. Die japanische Angabe für die Magersucht deckt sich mit europäischen Schätzungen in der Größenordnung von unter einem Prozent bei jungen Frauen. Der Befund, der für Eltern zählt, ist ein anderer: Rund zwei Drittel der in der Schulerhebung erfassten Betroffenen waren nie in Behandlung.

Ergänzend zeigt die japanische Nationale Gesundheits- und Ernährungserhebung, dass Untergewicht bei jungen Frauen deutlich häufiger ist als im weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt und mit sinkendem Alter zunimmt: Rund jede fünfte junge Frau ist dort medizinisch untergewichtig, gegenüber rund jeder achten in der weiblichen Gesamtbevölkerung. Für Österreich liegt in dieser Recherche kein entsprechender Wert vor; der Bericht hält aber fest, dass der Grundbefund „junge Frauen sind deutlich häufiger untergewichtig als der Bevölkerungsschnitt" auch hier sehr wahrscheinlich gilt.

122 Warum Magersucht ernst genommen gehört

Zu dieser Erkrankung gibt es eine Zahl, die man nicht relativieren sollte, und sie steht in derselben japanischen Übersichtsarbeit: Die Sterblichkeit der neurogenen Magersucht wird mit 6,0 Prozent angegeben und ist damit auch im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen junger Menschen hoch.

Das ist keine Zahl, mit der man Angst machen soll. Sie beantwortet aber eine Frage, die sich viele Eltern innerlich stellen: ob man beim Thema Essen nicht überreagiert, wenn man ärztlichen Rat sucht.

Man überreagiert nicht. Diese Erkrankung gehört zu den wenigen psychischen Erkrankungen des Jugendalters mit einer messbaren körperlichen Sterblichkeit, und ihre Behandlungsaussichten hängen stark davon ab, wie früh sie erkannt wird.

Was die Zahl nicht sagt

Sie sagt nichts über den Einzelfall. Die große Mehrheit der Betroffenen überlebt, und viele werden vollständig gesund. Sie sagt auch nichts darüber, dass jede Sorge um das Essverhalten schon eine Erkrankung wäre. Ein Jugendlicher, der eine Zeit lang kein Fleisch mehr isst, hat keine Essstörung. Ein Jugendlicher, der über Wochen an Gewicht verliert, Mahlzeiten mit der Familie zunehmend vermeidet und sich anhaltend mit dem eigenen Körper beschäftigt, gehört ärztlich angeschaut.

Die Formulierung des Faktenblatts dazu lautet, dass Gewichtsverlust und restriktives Essverhalten bei Jugendlichen ernst zu nehmen und früh ärztlich abzuklären sind. Genau so ist es gemeint.

123 Der Anstieg und das sinkende Ersterkrankungsalter

Aus Italien liegen mehrere übereinstimmende Meldungen über einen deutlichen Anstieg der Essstörungen und ein sinkendes Ersterkrankungsalter vor. Sie sind für sich genommen eindrücklich, aber die Quellenlage verdient eine ehrliche Beschreibung.

Die berichteten Zahlen:

  • Das Überwachungssystem des italienischen Gesundheitsinstituts meldet bis September 2025 einen Anstieg der betreuten Personen um 27,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, mit über 850 stationären Aufnahmen, davon 701 Frauen.
  • Die italienische Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie nennt für 2025 über 3 Millionen Betroffene in Italien gegenüber rund 300.000 zu Beginn der 2000er-Jahre, also mehr als eine Verzehnfachung in zwanzig Jahren.
  • Das Gesundheitsministerium nennt einen durchschnittlichen Anstieg von 35 Prozent seit 2019.
  • Die römische Kinderklinik Bambino Gesù meldet einen Anstieg der Neudiagnosen um 60 Prozent, von 138 auf 226 Fälle zwischen 2019 und 2024, und eine Verdoppelung der Notaufnahmekontakte von 463 auf 911.
  • Zum Erkrankungsalter: Fast ein Drittel der Patientinnen und Patienten ist unter 14 Jahre alt, dokumentiert sind Fälle bereits im Alter von 8 bis 10 Jahren.

Die Einschränkung, wörtlich

Der italienische Recherchebericht hält fest, dass diese Prozentsätze überwiegend aus einer Presseaggregation institutioneller Mitteilungen stammen und die Originalseiten in der verfügbaren Zeit nicht im Volltext abgerufen werden konnten. Die Zahlen der einzelnen Klinik gelten außerdem für ein einzelnes Haus und nicht für ganz Italien.

Der generelle Trend – Anstieg der Essstörungen, sinkendes Erkrankungsalter, Verstärkung durch die Pandemie – deckt sich laut dem Bericht mit Beobachtungen aus Österreich und Deutschland und ist qualitativ übertragbar. Die genauen italienischen Prozentzahlen sind es nicht.

124 Woran Sie etwas merken können und was jetzt hilft

Aus den vorstehenden Abschnitten lassen sich einige praktische Punkte ableiten. Sie sind bewusst allgemein gehalten.

Worauf sie achten können

  • Anhaltender Gewichtsverlust über Wochen, unabhängig davon, wie das Ausgangsgewicht war.
  • Restriktives Essverhalten, also ein immer enger werdender Kreis dessen, was noch gegessen wird.
  • Zunehmendes Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten, häufig mit sachlich klingenden Begründungen.
  • Eine Beschäftigung mit dem eigenen Körper, die Zeit und Aufmerksamkeit auffällig bindet.
  • Rückzug aus Aktivitäten, die früher Freude gemacht haben.
  • Bei Mädchen: das Ausbleiben der Regel über mehrere Monate, wenn sie zuvor da war.

Keiner dieser Punkte ist für sich ein Beweis. Mehrere zusammen sind ein guter Grund für einen Termin.

Was sie tun können, ohne dass schon etwas vorliegt

Reden Sie über Bilder, nicht über Gewicht. Die Erkenntnis aus Abschnitt 115 ist, dass nicht die Bildschirmzeit den Zusammenhang trägt, sondern das Vergleichen. Ein Gespräch darüber, wie die Bilder entstehen, die Jugendliche den ganzen Tag sehen, greift näher am Mechanismus an als ein Zeitlimit.

Achten Sie auf die eigene Sprache. Wenn Erwachsene im Haushalt über ihren eigenen Körper abfällig sprechen, hören Kinder das mit und lernen daraus, dass so über Körper gesprochen wird.

Und: Machen Sie den Körper nicht zum Verhandlungsthema. Ein Satz wie „aber du bist doch nicht dick" hilft nicht. Ein Satz wie „ich habe den Eindruck, dass dich das gerade sehr beschäftigt – magst du erzählen?" führt weiter.

125 Verhaltenssüchte: soziale Medien, Gaming, Glücksspiel

Zum Umgang mit Bildschirmen liegt aus Italien eine große aktuelle Erhebung vor, die über das Körperbild hinausgeht. Das Zentrum für Sucht und Doping des italienischen Gesundheitsinstituts befragte zwischen Oktober und Dezember 2025 in Zusammenarbeit mit dem Drogenreferat des Ministerpräsidiums über 18.000 Schülerinnen und Schüler an 198 Schulen, davon 8.272 in der Unterstufe und 10.123 in der Oberstufe. Veröffentlicht wurde sie im Juli 2026.

Die Ergebnisse:

  • 2,5 Prozent der Stichprobe zeigen Merkmale, die mit einer Social-Media-Abhängigkeit vereinbar sind. Hochgerechnet entspricht das rund 99.600 Schülerinnen und Schülern in Italien.
  • Bei Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren liegt der Anteil bei 3,1 Prozent, bei Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren bei 5,1 Prozent.
  • Mehr als eine oder einer von sechs zeigt mindestens ein riskantes Verhalten in den Bereichen soziale Medien, Gaming oder Glücksspiel.
  • Bei den 11- bis 13-Jährigen mit Risikoverhalten war die Wahrscheinlichkeit einer schweren oder sehr schweren sozialen Angststörung 10,1-fach erhöht, die Wahrscheinlichkeit hoher Impulsivität 5,5-fach.

Zwei Einordnungen

Erstens zur : Die Angaben 10,1-fach und 5,5-fach stehen im Bericht als Vielfaches der Wahrscheinlichkeit, ohne dass das zugrunde liegende Maß benannt wird. Ob es sich um ein oder ein handelt, bleibt offen. Solche Vielfachen wirken größer, als sie sind, wenn das Grundrisiko klein ist.

Zweitens zur Richtung: Auch hier ist offen, was zuerst da war. Es ist ebenso plausibel, dass eine soziale Angststörung Jugendliche in Online-Räume treibt, in denen sie sich sicherer fühlen, wie umgekehrt.

Die konkreten zahlen sind italienspezifisch. Das methodische Konzept – riskante Nutzung zu messen statt bloße Nutzungsdauer – ist international übertragbar und dieselbe Unterscheidung, die auch die in Abschnitt 115 trifft.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was in der Pubertät geschieht Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wann es losgeht Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Zu früh: Pubertas praecox Abschnitt 28–43 · 16
  4. 4. Zu spät: verzögerte Pubertät Abschnitt 44–55 · 12
  5. 5. Wachstum und Endgröße Abschnitt 56–73 · 18
  6. 6. Knochen und Ernährung Abschnitt 74–85 · 12
  7. 7. Der veränderte Schlaf Abschnitt 86–97 · 12
  8. 8. Das Gehirn in der Pubertät Abschnitt 98–109 · 12
  9. 9. Körperbild und Essstörungen Abschnitt 110–125 · 16
  10. 10. Haut, Schweiß und Geruch Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Zyklus und Menstruation Abschnitt 138–155 · 18
  12. 12. Die Entwicklung bei Buben Abschnitt 156–169 · 14
  13. 13. Sexuelle Gesundheit und Aufklärung Abschnitt 170–187 · 18
  14. 14. Risikoverhalten Abschnitt 188–201 · 14
  15. 15. Miteinander auskommen Abschnitt 202–215 · 14
  16. 16. In der Ordination Abschnitt 216–225 · 10
  17. 17. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 226–239 · 14