Akne ist keine Frage mangelnder Hygiene und geht nicht von allein weg, wenn sie ausgeprägt ist. Was hilft und was schadet.

  • Abschnitt 126 bis 137 von 239
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die Pubertät allgemein und richtet sich an Eltern, Bezugspersonen und an Jugendliche selbst. Er ersetzt keine Untersuchung und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Altersangaben in diesem Ratgeber beschreiben Bandbreiten, keine Grenzwerte für ein einzelnes Kind: Ob eine Entwicklung abklärungsbedürftig ist, hängt immer vom Gesamtbild ab – vom Wachstumsverlauf, von der Familiengeschichte und von den übrigen Befunden. Die Fachgesellschaften verschiedener Länder ziehen die Grenzen zudem unterschiedlich; wo das so ist, steht es im Text.

Die Pubertät

Was im Körper geschieht, was normal ist und wann eine Abklärung nötig ist

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber beschreibt, was in der Pubertät körperlich geschieht, wann sie üblicherweise beginnt, was zu früh und was zu spät ist, wie Wachstum, Knochen, Schlaf und Gehirn sich verändern und woran Sie erkennen, dass eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist. Er stützt sich auf Leitlinien und Veröffentlichungen von Fachgesellschaften aus neun Sprachräumen, auf amtliche Erhebungen und auf . Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo Leitlinien einander widersprechen, stehen beide Werte nebeneinander, und es wird gesagt, welche Fachgesellschaft welchen Wert nennt. Es wird nirgends gemittelt.

Der Text ist so geschrieben, dass Jugendliche ihn neben ihren Eltern lesen können. Er ersetzt kein persönliches Gespräch und keine Untersuchung. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Entwicklung, seiner Familiengeschichte und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Eine Vorbemerkung zu den Zahlen. Die Pubertät ist ein Bereich, in dem sehr viele Zahlen kursieren und erstaunlich wenige davon gut belegt sind. Für Österreich gibt es weder eine eigene Erhebung der Reifestadien noch ein eigenes Durchschnittsalter der ersten Regelblutung. Die nächstliegenden Daten stammen aus Deutschland, die nächstliegenden Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum. Beides wird hier so gekennzeichnet.

126 Warum die Haut sich verändert

Noch bevor die eigentliche Keimdrüsenreifung beginnt, wird die Nebennierenrinde aktiv. Sie schüttet Androgene aus, und diese Hormone erreichen unter anderem zwei Drüsentypen in der Haut: die Talgdrüsen und die Duftdrüsen in den Achselhöhlen und im Genitalbereich.

Aus dieser einen hormonellen Umstellung folgt fast alles, was in diesem Kapitel steht. Die Talgdrüsen produzieren mehr Talg, die Verhornung der Haarfollikel verändert sich, Bakterien finden bessere Bedingungen vor, und es entsteht eine Entzündung – das ist Akne. Die Duftdrüsen beginnen zu arbeiten, und deshalb riecht ein Kind ab einem bestimmten Zeitpunkt anders als vorher.

Diese Phase heißt Adrenarche, also Nebennierenreifung. Sie umfasst laut der internationalen Fachliteratur die Entwicklung von Schambehaarung, Achselbehaarung, apokrinem Körpergeruch und Akne. Und sie läuft zeitlich vor der Reifung von Eierstöcken und Hoden.

Für Eltern ist das eine nützliche Information, weil sie eine häufige Sorge entschärft: Schamhaare und Körpergeruch sind kein Beleg dafür, dass die eigentliche Pubertät begonnen hat. Sie gehören zu einem anderen, früheren Vorgang. Der eigentliche Pubertätsbeginn wird bei Mädchen an der Brustknospe und bei Buben am Hodenvolumen festgemacht, wie im Kapitel über die Tanner-Stadien beschrieben.

127 Wie häufig Akne ist – sechs Zahlen, die nicht zusammenpassen

Akne ist die häufigste Hauterkrankung dieser Altersgruppe. Alle Quellen sind sich darin einig. In der Frage, wie häufig genau, gehen sie weit auseinander. Hier stehen die Angaben nebeneinander, so wie sie vorliegen.

  • USA (Dermatologengesellschaft, 2024): Akne betrifft 85 Prozent der Jugendlichen; jährlich sind in den USA knapp 50 Millionen Menschen betroffen.
  • Deutschland (Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, 2024): Etwa 85 Prozent der Personen zwischen 12 und 24 Jahren sind zeitweilig betroffen. Davon entfallen rund 40 Prozent auf die physiologische Akne mit nur wenigen Mitessern und Entzündungen; die übrigen 60 Prozent gelten als klinische Akne, die ärztliche Beratung und Behandlung braucht.
  • Spanien (Fortbildungsliteratur, 2021): Die zwischen 12 und 18 Jahren liegt bei 74 Prozent, ohne bedeutsame Geschlechtsunterschiede, mit einem Maximum zwischen 14 und 16 Jahren. Akne macht 25 Prozent aller dermatologischen Konsultationen aus. Bei rund 20 Prozent der Betroffenen ist sie mittelschwer bis schwer. Über das ganze Leben gerechnet betrifft sie rund 85 Prozent der Bevölkerung.
  • Italien (Erhebung an Kinderambulanzen): 34,3 Prozent der 9- bis 14-Jährigen; 6 Prozent bei den Neunjährigen, 36,3 Prozent bei den über Dreizehnjährigen.
  • China (Leitlinie 2019): Querschnittsprävalenz in der Gesamtbevölkerung 8,1 Prozent, Lebenszeitprävalenz über 95 Prozent, Gipfel während der Pubertät 70 bis 87 Prozent.
  • Korea (Schulerhebung): 81,5 Prozent berichten Akne-Erfahrung – Volksschule 56,9 Prozent, Mittelschule 82,5 Prozent, Oberschule 90,3 Prozent.
  • Brasilien (Querschnittsstudie São Paulo, 452 Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren, unabhängig von drei Fachpersonen begutachtet): 96,0 Prozent, wobei alle Teilnehmenden über 14 Jahre betroffen waren.

Der Abstand zwischen 8,1 Prozent und 96 Prozent beträgt mehr als das Zehnfache. Das ist kein Fehler in einer der Studien.

128 Warum die Zahlen so weit auseinandergehen

Der scheinbare Widerspruch aus dem vorigen Abschnitt löst sich auf, sobald man fragt, was jeweils gemessen wurde. Vier verschiedene Größen tragen denselben Namen.

Querschnitt

Wie viele Menschen haben gerade jetzt Akne? Das ist die chinesische Zahl von 8,1 Prozent – bezogen auf die Gesamtbevölkerung aller Altersgruppen, also überwiegend Erwachsene. Sie ist niedrig, weil sie die Falschen zählt.

Lebenszeit

Wie viele Menschen haben irgendwann in ihrem Leben Akne? Das sind die über 95 Prozent aus China und die rund 85 Prozent aus Spanien. Diese Zahl ist hoch, weil sie über Jahrzehnte summiert.

Selbstauskunft im Pubertätsalter

Wie viele Jugendliche geben an, Akne zu haben oder gehabt zu haben? Das sind die 81,5 Prozent aus Korea und die 85 Prozent aus den USA und Deutschland.

Ärztliche Begutachtung

Wie viele Jugendliche haben bei einer Untersuchung sichtbare Akne? Das sind die 96 Prozent aus Brasilien. Diese Zahl ist am höchsten, weil geschulte Augen auch sehr milde Formen erfassen, die die Betroffenen selbst gar nicht als Akne bezeichnen würden.

Die italienische Zahl von 34,3 Prozent fällt heraus, weil sie eine deutlich jüngere Altersgruppe umfasst, nämlich 9- bis 14-Jährige, und damit viele Kinder mitzählt, die noch vor dem Anstieg stehen.

Eine weitere Einschränkung gehört dazu: Die spanische 74-Prozent-Zahl stützt sich auf eine Erhebung aus dem Jahr 2001. Die italienischen Angaben sind laut Recherchebericht nicht direkt verifiziert, weil der Volltext nicht abgerufen werden konnte.

Wenn Sie also irgendwo eine einzelne Prozentzahl zu Akne lesen: Fragen Sie, was gezählt wurde. Ohne diese Angabe bedeutet die Zahl wenig.

129 Wann Akne beginnt und wie lange sie bleibt

Über den zeitlichen Verlauf sind sich die Quellen deutlich einiger als über die Häufigkeit.

Beginn

Die brasilianische Studie fand erste Anzeichen im Mittel mit 11 Jahren bei Mädchen und mit 12 Jahren bei Buben. Die koreanische Schulerhebung nennt als häufigsten Erstauftrittszeitpunkt die späte Volksschulzeit, genannt von 37,0 Prozent der Befragten. Beides passt zur Adrenarche, die vor der eigentlichen Pubertät liegt.

Gipfel

Die spanische Quelle beschreibt den Gipfel von Häufigkeit und Ausprägung bei Mädchen um 14 bis 15 Jahre und bei Burschen etwas später, um 16 bis 18 Jahre. Die italienische Erhebung zeigt denselben Anstieg mit dem Alter: von 6 Prozent bei Neunjährigen auf 36,3 Prozent bei über Dreizehnjährigen.

Dauer

Bei 7 bis 25 Prozent der Betroffenen bleibt die Akne über das Jugendalter hinaus bestehen. Das ist die spanische Angabe, und sie ist die einzige zur Dauer.

Geschlecht

Die brasilianische Studie fand eine insgesamt höhere bei männlichen Jugendlichen und führt das auf die stärkere androgene Wirkung zurück. Die koreanische Schulerhebung fand mit 81,3 Prozent bei Buben und 79,9 Prozent bei Mädchen einen sehr kleinen Unterschied in dieselbe Richtung; hier ist allerdings anzumerken, dass der berichtete Gesamtwert von 81,5 Prozent über beiden Einzelwerten liegt, was in der Ausgangsquelle nicht erklärt wird. Die spanische Quelle wiederum findet keine bedeutsamen Geschlechtsunterschiede in der Häufigkeit, sondern nur im Zeitpunkt.

130 Was gegen Akne wirkt

Die amerikanische Dermatologengesellschaft hat ihre Leitlinie am 31. Jänner 2024 aktualisiert. Sie gilt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab neun Jahren und enthält 18 evidenzbasierte Empfehlungen sowie fünf Empfehlungen zur guten Praxis.

Starke Empfehlungen

Benzoylperoxid, topische Retinoide, topische und orale Antibiotika sowie deren Kombinationen.

Bedingte Empfehlungen

Clascoteron, Salicylsäure, Azelainsäure, orales Minocyclin und Sarecyclin sowie Hormontherapien, nämlich kombinierte orale Verhütungsmittel und Spironolacton.

Der wichtigste praktische Punkt

Eine alleinige Antibiotikabehandlung auf der Haut wird abgelehnt. Antibiotika – ob als Creme oder als Tablette – sollen immer gemeinsam mit Benzoylperoxid eingesetzt werden, um Resistenzen zu vermeiden.

Das ist der Punkt, an dem in der Praxis am häufigsten etwas schiefläuft. Eine antibiotische Creme allein über Monate ist keine gute Aknebehandlung, sondern eine Resistenzzucht.

Was sie zu Hause wissen sollten

Aknebehandlungen brauchen Zeit. Wer nach zwei Wochen aufhört, weil nichts passiert ist, hat die Behandlung nicht ausprobiert. Und: Die Leitlinie gilt ausdrücklich ab neun Jahren. Man muss mit der Behandlung nicht warten, bis die Pubertät „richtig" begonnen hat.

Ein Vorbehalt zur Quelle: Der Recherchebericht hält fest, dass die Angaben aus der offiziellen Pressemitteilung der Fachgesellschaft stammen, weil die Volltextseite der Zeitschrift nicht abrufbar war. Es handelt sich außerdem um ein US-amerikanisches Leitliniendokument; Wirkstoffe und Prinzipien sind übertragbar, die Verfügbarkeit einzelner Präparate kann sich unterscheiden.

131 Was nicht ausreichend belegt ist

Genauso wichtig wie die Liste dessen, was empfohlen wird, ist die Liste dessen, was ausdrücklich nicht empfohlen werden konnte. Für die folgenden Maßnahmen reichte die Evidenz in derselben Leitlinie nicht für eine Empfehlung aus:

  • chemische Peelings
  • Laser- und Lichtgeräte
  • Microneedling
  • Ernährungsumstellungen
  • Nahrungsergänzungsmittel

Das ist ein Befund, der Geld spart. Rund um die Akne existiert ein großer Markt aus Geräten, Kuren und Diätversprechen, und für keine dieser Gruppen war die Studienlage 2024 gut genug für eine Empfehlung.

Was „nicht ausreichend belegt" heißt

Es heißt nicht, dass etwas nachweislich nicht wirkt. Es heißt, dass die vorhandenen Studien zu wenige, zu klein oder zu schlecht gemacht sind, um eine Aussage zu tragen. Beides kann sich mit besseren Studien ändern.

Für die Praxis bedeutet es trotzdem: Wenn eine Jugendliche unter ihrer Akne leidet, ist der Weg über die belegten Wirkstoffe aus dem vorigen Abschnitt der kürzere und der billigere. Die Ernährungsumstellung, die im Internet den größten Raum einnimmt, steht in dieser Leitlinie auf der Liste ohne ausreichende Evidenz.

132 Die seelische Belastung ist ein eigener Behandlungsgrund

Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen sich vier Länder wörtlich einig sind, und er verändert die Behandlungsschwelle.

  • USA: Isotretinoin ist ausdrücklich empfohlen bei schwerer Akne, bei Vernarbung, bei erheblicher psychosozialer Belastung oder bei Versagen der Standardtherapie.
  • Deutschland: Isotretinoin zum Einnehmen wird empfohlen bei schwerer Akne und bei Akne, die psychosoziale Belastung oder Narbenbildung verursacht.
  • Frankreich: Es gilt nicht allein der klinische Schweregrad als Behandlungsanlass, sondern ausdrücklich auch die psychosoziale Belastung.
  • China: Die Leitlinie beschreibt den psychosozialen Einfluss von Akne auf Jugendliche als größer als jenen von Asthma oder Epilepsie.

Für Eltern heißt das: Der Satz „so schlimm ist es doch gar nicht" ist medizinisch nicht der Maßstab. Wenn eine Jugendliche wegen ihrer Haut nicht ins Schwimmbad geht, das Fotografiertwerden vermeidet oder morgens eine halbe Stunde länger braucht, dann ist das ein Behandlungsgrund, auch wenn die Haut objektiv nur mäßig betroffen ist.

Ein Vorbehalt zur französischen Angabe: Der französische Recherchebericht kennzeichnet die dort zitierte Indikationsformulierung ausdrücklich als nicht verifiziert, weil das zugrunde liegende Empfehlungsdokument von 2015 nur in der Trefferliste gesehen und nicht selbst geöffnet wurde. Die drei anderen Angaben sind verifiziert.

133 Akne, Niedergeschlagenheit und Suizidgedanken

Aus der spanischen Fachliteratur stammen zwei Zahlen, die die Dringlichkeit des vorigen Abschnitts unterlegen:

  • In einer zitierten Studie war bei 14 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Akne mit Suizidgedanken und Suizidversuchen verbunden.
  • Die von Suizidgedanken unter Menschen mit Akne wird auf 7 Prozent geschätzt.

Diese Zahlen stammen aus einer spanischen Fortbildungszeitschrift und beziehen sich auf zitierte Einzelstudien, nicht auf eine eigene große Erhebung. Sie sind als Größenordnung zu lesen, nicht als Präzisionswerte.

Wie sie damit umgehen

Es ist nicht sinnvoll, aus diesen Zahlen abzuleiten, dass jede Jugendliche mit Pickeln gefährdet ist. Sinnvoll ist die umgekehrte Richtung: Wenn ein Jugendlicher deutlich unter seiner Haut leidet, ist die Frage nach der Stimmung Teil der Behandlung und keine Übertreibung.

Der französische Recherchebericht formuliert einen Grundsatz, der für alle solchen Gespräche gilt und den wir im Kapitel über das Miteinander noch einmal aufnehmen: Bei Hinweisen auf Suizidgedanken ist direktes Nachfragen angezeigt – es erhöht das Risiko nicht.

134 Isotretinoin: was es kann und welche Auflagen gelten

Isotretinoin ist das wirksamste Medikament gegen schwere Akne und zugleich das mit den strengsten Auflagen. Es ist stark fruchtschädigend. Deshalb ist die Verschreibung bei Mädchen und jungen Frauen im gebärfähigen Alter europaweit an ein verpflichtendes Schwangerschaftsverhütungsprogramm gebunden.

Die deutschen Vorgaben, wörtlich

Konsequente Einhaltung einer sicheren Verhütung, monatliche Kontrolluntersuchungen einschließlich Schwangerschaftstests sowie Verschreibungs- und Abgabebeschränkungen. Die Patientin muss mindestens einen Monat vor Behandlungsbeginn durchgängig und korrekt entweder eine sehr zuverlässige, nutzerunabhängige Methode oder zwei sich ergänzende nutzerabhängige Methoden anwenden – und das während der gesamten Behandlungsdauer und für mindestens einen Monat nach Behandlungsende fortführen.

Die französischen Zusatzmassnahmen

Die französische Arzneimittelbehörde hat 2021 wegen fortbestehender Schwangerschaftsexpositionen und psychiatrischer Risiken zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen festgelegt, aktualisiert im August 2023: zwei getrennte Konsultationen vor Behandlungsbeginn, eine zur Information und eine zur Verschreibung; systematische Verschreibung von Notfallverhütung und Kondomen bei Patientinnen unter oraler Verhütung; als Verhütung entweder Intrauterinpessar oder Gestagenimplantat oder zwei sich ergänzende Methoden; und monatliche Verlaufskontrollen für alle Behandelten, ausdrücklich auch für die männlichen.

Das europäische Verhütungsprogramm gilt auch in Österreich. Die konkreten Verfahrensschritte mit zwei getrennten Konsultationen sind eine französische Behördenvorgabe und keine österreichische Regel.

Der Grund für die Strenge liegt nicht in der Häufigkeit der Nebenwirkungen, sondern in ihrer Schwere. Eine Schwangerschaft unter Isotretinoin ist eine Katastrophe, die sich vollständig verhindern lässt.

135 Isotretinoin und Depression: kein belegter Zusammenhang

Rund um Isotretinoin steht seit Jahrzehnten die Frage im Raum, ob es Depressionen auslöst. Die spanische Fachliteratur beantwortet sie mit einem Vergleich, der methodisch überzeugt.

Beschrieben wird eine Depressionsprävalenz von 1 bis 11 Prozent bei Patientinnen und Patienten unter Isotretinoin. Diese Zahl ist ähnlich hoch wie bei jenen, die eine orale Antibiotikabehandlung gegen dieselbe Akne erhielten. Daraus folgert die Quelle ausdrücklich, dass sich ein ursächlicher Zusammenhang nicht herstellen lässt.

Der Gedanke dahinter: Wenn zwei völlig verschiedene Medikamente gegen dieselbe Erkrankung mit derselben Depressionsrate einhergehen, dann liegt es näher an der Erkrankung als am Medikament. Und wie im vorigen Abschnitt gezeigt: Schwere Akne belastet.

Das heißt nicht, dass man nicht hinschauen soll. Die französische Behörde nennt psychiatrische Risiken ausdrücklich als einen Grund für die monatlichen Kontrollen aller Behandelten. Es heißt, dass die Angst vor dem Medikament kein guter Grund ist, eine schwere Akne unbehandelt zu lassen.

Eine Zahl zum Rückfall

Dieselbe Quelle nennt als Risikofaktoren für einen Rückfall eine zu niedrige Tagesdosis von 0,1 bis 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht oder das Nichterreichen einer bestimmten Gesamtdosis von 120 bis 150 Milligramm pro Kilogramm. Praktisch bedeutet das: Eine zu vorsichtig dosierte oder zu früh abgebrochene Behandlung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass alles wiederkommt.

136 Schweiß und Körpergeruch: was belegt ist und was nicht

Hier ist eine ehrliche Lücke zu melden.

Der deutschsprachige Recherchebericht hat gezielt nach einer Quelle zum normalen Beginn des Körpergeruchs gesucht und keine gefunden. Sein Befund im Wortlaut: Belegt ist nur, dass Schweißgeruch in der Leitlinie zur vorzeitigen Pubertät als Leitsymptom bei Mädchen und Buben geführt wird und dass eine isolierte vorzeitige Schambehaarung eine Normvariante sein kann, aber auch ein Hinweis auf eine Nebennierenerkrankung. Eine Aussage über den normalen Beginn des Achselgeruchs im Alter ist damit nicht belegt.

Das heißt: Es gibt in dieser Recherche keine Altersangabe dazu, ab wann ein Kind normalerweise anfängt, nach Schweiß zu riechen. Wer Ihnen eine solche Zahl nennt, hat sie nicht aus einer der hier ausgewerteten Quellen.

Was dennoch gesichert ist

Der Zusammenhang selbst ist belegt: Körpergeruch entsteht durch die Aktivierung der Duftdrüsen durch Nebennierenandrogene und gehört damit zur Adrenarche, gemeinsam mit Schambehaarung, Achselhaar und Akne. Das ist die Formulierung der amerikanischen Fachgesellschaft für Kinderendokrinologie.

Was praktisch folgt

Körpergeruch ist keine Krankheit und kein Hygieneversagen, sondern eine Drüsenfunktion, die neu dazukommt. Was hilft, ist neu erlernte Routine: tägliches Waschen der Achselhöhlen, häufigerer Wechsel der Kleidung, gegebenenfalls ein Deodorant. Das ist banal, muss aber einmal gesagt werden, weil Kinder nicht von selbst darauf kommen, dass sich die Regeln geändert haben.

Und ein Hinweis zum Ton: Bemerkungen über den Geruch eines Kindes vor anderen sind demütigend und wirken lange nach. Diese Sache gehört unter vier Augen besprochen.

137 Wenn Geruch und Schamhaare sehr früh kommen

Manche Kinder entwickeln deutlich vor dem üblichen Zeitpunkt Schamhaare, Achselhaare, Körpergeruch oder Akne – aber keine Brustentwicklung und kein Hodenwachstum. Für diese Konstellation gibt es einen eigenen Namen: die vorzeitige Nebennierenreifung, in der Fachsprache prämature Adrenarche.

Als vorzeitig gilt Schambehaarung vor dem 8. Geburtstag bei Mädchen und vor dem 9. Geburtstag bei Buben.

Was dahintersteckt

Die Nebennierenandrogene steigen früher an als üblich und aktivieren Talg- und Duftdrüsen. Die Eierstöcke beziehungsweise Hoden sind daran nicht beteiligt. Deshalb ist das in aller Regel harmlos.

Die amerikanische Fachgesellschaft für Kinderendokrinologie hält in ihrer Elterninformation ausdrücklich fest, dass Kinder mit einem isolierten Befund nicht mit früher Regelblutung zu rechnen haben und dass im Regelfall keine medizinische Behandlung nötig ist.

Wann doch abgeklärt wird

Eine Abklärung mit Blutwerten und einer Handröntgenaufnahme zur Bestimmung des Knochenalters ist vor allem dann angezeigt, wenn das Kind zusätzlich sehr rasch wächst oder wenn zur Schambehaarung eine Brust- oder Genitalentwicklung dazukommt. Dann wäre es keine isolierte Nebennierenreifung mehr, sondern möglicherweise eine echte vorzeitige Pubertät – dazu ausführlich das Kapitel über die Pubertas praecox im ersten Teil dieses Ratgebers.

Zur Quelle

Es handelt sich um eine Elterninformation einer Fachgesellschaft, erstellt in Kooperation mit der amerikanischen Kinderärztegesellschaft. Sie trägt keine Jahresangabe und ist ausdrücklich keine Leitlinie. Für die Größenordnung und für die Beruhigung reicht sie; für eine Entscheidung im Einzelfall ist der Termin in der Ordination der richtige Weg.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was in der Pubertät geschieht Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wann es losgeht Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Zu früh: Pubertas praecox Abschnitt 28–43 · 16
  4. 4. Zu spät: verzögerte Pubertät Abschnitt 44–55 · 12
  5. 5. Wachstum und Endgröße Abschnitt 56–73 · 18
  6. 6. Knochen und Ernährung Abschnitt 74–85 · 12
  7. 7. Der veränderte Schlaf Abschnitt 86–97 · 12
  8. 8. Das Gehirn in der Pubertät Abschnitt 98–109 · 12
  9. 9. Körperbild und Essstörungen Abschnitt 110–125 · 16
  10. 10. Haut, Schweiß und Geruch Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Zyklus und Menstruation Abschnitt 138–155 · 18
  12. 12. Die Entwicklung bei Buben Abschnitt 156–169 · 14
  13. 13. Sexuelle Gesundheit und Aufklärung Abschnitt 170–187 · 18
  14. 14. Risikoverhalten Abschnitt 188–201 · 14
  15. 15. Miteinander auskommen Abschnitt 202–215 · 14
  16. 16. In der Ordination Abschnitt 216–225 · 10
  17. 17. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 226–239 · 14