Zwei Drüsen im Kopf beginnen, ein jahrelang ruhendes System hochzufahren. Was dabei in welcher Reihenfolge passiert – und warum die Reihenfolge verlässlicher ist als der Zeitpunkt.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die Pubertät allgemein und richtet sich an Eltern, Bezugspersonen und an Jugendliche selbst. Er ersetzt keine Untersuchung und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Altersangaben in diesem Ratgeber beschreiben Bandbreiten, keine Grenzwerte für ein einzelnes Kind: Ob eine Entwicklung abklärungsbedürftig ist, hängt immer vom Gesamtbild ab – vom Wachstumsverlauf, von der Familiengeschichte und von den übrigen Befunden. Die Fachgesellschaften verschiedener Länder ziehen die Grenzen zudem unterschiedlich; wo das so ist, steht es im Text.

Die Pubertät

Was im Körper geschieht, was normal ist und wann eine Abklärung nötig ist

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber beschreibt, was in der Pubertät körperlich geschieht, wann sie üblicherweise beginnt, was zu früh und was zu spät ist, wie Wachstum, Knochen, Schlaf und Gehirn sich verändern und woran Sie erkennen, dass eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist. Er stützt sich auf Leitlinien und Veröffentlichungen von Fachgesellschaften aus neun Sprachräumen, auf amtliche Erhebungen und auf . Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo Leitlinien einander widersprechen, stehen beide Werte nebeneinander, und es wird gesagt, welche Fachgesellschaft welchen Wert nennt. Es wird nirgends gemittelt.

Der Text ist so geschrieben, dass Jugendliche ihn neben ihren Eltern lesen können. Er ersetzt kein persönliches Gespräch und keine Untersuchung. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Entwicklung, seiner Familiengeschichte und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Eine Vorbemerkung zu den Zahlen. Die Pubertät ist ein Bereich, in dem sehr viele Zahlen kursieren und erstaunlich wenige davon gut belegt sind. Für Österreich gibt es weder eine eigene Erhebung der Reifestadien noch ein eigenes Durchschnittsalter der ersten Regelblutung. Die nächstliegenden Daten stammen aus Deutschland, die nächstliegenden Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum. Beides wird hier so gekennzeichnet.

1 Was Pubertät überhaupt ist

Pubertät ist der Abschnitt, in dem aus einem Kinderkörper ein fortpflanzungsfähiger Erwachsenenkörper wird. Fachlich gefasst wird das über zwei Merkmalsgruppen: die Brustentwicklung beziehungsweise das äußere Genitale einerseits und die Schambehaarung andererseits. Beide werden in je fünf Stufen eingeteilt. Stufe 1 ist der kindliche Zustand, Stufe 5 der erwachsene. Der Übergang von Stufe 1 zu Stufe 2 markiert den Beginn.

Zwei Dinge laufen dabei gleichzeitig, gehören aber nicht zusammen. Das eine ist die Reifung der Keimdrüsen, also der Eierstöcke beziehungsweise der Hoden. Das andere ist die Reifung der Nebennierenrinde, aus der Schambehaarung, Achselbehaarung, ein veränderter Körpergeruch und Akne hervorgehen. Die zweite Entwicklung läuft der ersten zeitlich voraus. Wer ein Kind mit ersten Schamhaaren sieht und daraus schließt, die Pubertät habe begonnen, kann sich also täuschen.

Die brasilianische Kinderärztegesellschaft formuliert für den ganzen Ablauf zwei einfache Kennzahlen: Der Übergang von einem Stadium zum nächsten soll nicht kürzer als sechs Monate und nicht länger als zwei Jahre dauern. Damit ist der wichtigste Beobachtungsmaßstab benannt. Nicht das Alter, sondern das Tempo ist es, was in der Ordination beurteilt wird.

2 Der Schalter im Kopf: die Hormonachse

Ausgelöst wird die Pubertät nicht in den Keimdrüsen, sondern im Gehirn. Zwei Regionen an der Schädelbasis – der Hypothalamus und die Hirnanhangsdrüse – nehmen eine Tätigkeit wieder auf, die seit dem Säuglingsalter geruht hat. Der Hypothalamus gibt in Schüben ein Steuerhormon ab, die Hirnanhangsdrüse antwortet mit zwei weiteren Botenstoffen, und diese wirken auf Eierstöcke beziehungsweise Hoden. Fachlich heißt diese Kette Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, kurz HPG-Achse.

Diese Kette ist der Schlüssel zum Verständnis der beiden Störungsbilder, um die es in den Kapiteln 3 und 4 geht. Springt die Achse zu früh an, entsteht das Bild der zentralen vorzeitigen Pubertät. Springt sie zu spät oder gar nicht an, entsteht das Bild der verzögerten Pubertät. Und es gibt Formen, die an der Achse vorbeilaufen, weil die Geschlechtshormone aus einer anderen Quelle stammen. Diese Unterscheidung – innerhalb oder außerhalb der Achse – ist genau das, was die Blutuntersuchungen in der Abklärung beantworten sollen.

Der chinesische Expertenkonsens von 2022 beschreibt auch, wie die Behandlung an dieser Stelle eingreift: Ein Medikament besetzt dauerhaft dieselben Andockstellen in der Hirnanhangsdrüse, die sonst schubweise angesteuert werden. Die Dauerbesetzung schaltet die Ausschüttung ab, statt sie anzuregen. Damit wird die Pubertät angehalten, nicht beschleunigt.

3 Zwei getrennte Vorgänge: Adrenarche und Gonadarche

Die Fachsprache hat für die beiden Vorgänge zwei Namen. Adrenarche heißt die Reifung der Nebennierenrinde. Das US-amerikanische Standardwerk beschreibt sie mit vier Merkmalen: Schambehaarung, Achselbehaarung, apokriner Körpergeruch und Akne. Gonadarche heißt die Reifung der Keimdrüsen, also Brustknospe beim Mädchen und Hodenwachstum beim Buben.

Diese Trennung ist im Alltag folgenreich. Ein siebenjähriges Kind, das plötzlich nach Schweiß riecht und erste Schamhaare bekommt, aber weder Brustgewebe noch größere Hoden hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine vorzeitige Nebennierenreifung und keine vorzeitige Pubertät. Die amerikanische Fachgesellschaft für Kinderendokrinologie hält dazu fest, dass Kinder mit einem solchen isolierten Befund nicht damit rechnen müssen, früh ihre erste Regel zu bekommen, und dass in der Regel keine medizinische Behandlung nötig ist.

Ganz ohne Bedeutung ist der Befund trotzdem nicht. Die deutschsprachige Leitlinie vermerkt ausdrücklich: „CAVE: Pubarche als Pubertätszeichen mehrdeutig." Eine isolierte Schambehaarung kann Hinweis auf eine Erkrankung der Nebenniere sein. Untersucht wird deshalb vor allem dann genauer, wenn das Kind zugleich auffällig schnell wächst oder wenn zusätzlich Brust- oder Genitalentwicklung auftritt. Zum normalen Alter, in dem Achselgeruch üblicherweise beginnt, konnte die deutschsprachige Recherche keine belastbare Quelle finden. Diese Lücke bleibt hier stehen.

4 Die Tanner-Stadien: das Ordnungsraster

Die fünfstufige Einteilung geht auf den britischen Kinderarzt James Tanner zurück und ist bis heute das internationale Ordnungsraster. Beurteilt werden zwei Merkmalsreihen getrennt voneinander: bei Mädchen die Brustentwicklung, bei Buben das äußere Genitale, und bei beiden die Schambehaarung. Für Buben werden die beiden Reihen mit unterschiedlichen Buchstaben geführt, weil sie zeitlich auseinanderfallen.

Wie weit sie auseinanderfallen können, zeigt das spanische Vorsorgeprogramm. Dort steht für Buben das Genitalstadium 2 bei einem Durchschnittsalter von 11,6 Jahren, das Schambehaarungsstadium 2 dagegen erst bei 13,4 Jahren. Zwischen dem ersten Hodenwachstum und den ersten Schamhaaren liegen in dieser Tabelle also im Mittel fast zwei Jahre. Wer nur auf die Schambehaarung schaut, unterschätzt bei Buben den tatsächlichen Entwicklungsstand systematisch.

Ein wichtiger Vorbehalt zu diesen Tabellen: Das spanische Programm gibt als Datengrundlage ausdrücklich „Fuente: Tanner J (1962)" an. Die Referenzalter stammen also aus einer britischen Erhebung, die über sechzig Jahre alt ist. Sie sind international gebräuchlich, aber sie sind keine aktuelle Messung an heutigen Kindern, und schon gar keine an österreichischen.

5 Das erste Zeichen beim Mädchen: die Brustknospe

Das erste sichtbare Zeichen der eigentlichen Pubertät ist bei Mädchen die Brustknospe, fachlich Thelarche. Sie ist anfangs oft einseitig, häufig druckempfindlich und fühlt sich als kleiner, fester Knoten hinter der Brustwarze an. Das ist normal und kein Anlass zur Sorge.

Die Referenzalter unterscheiden sich zwischen den Quellen. Die spanische Fortbildungsliteratur nennt im Mittel etwa 10,5 bis 11 Jahre. Das französische Inserm-Gutachten nennt ebenfalls 10,5 bis 11 Jahre und hält fest, dass ein Auftreten zwischen 10 und 15,5 Jahren als physiologisch gilt. Die italienische Fachgesellschaft nennt für den Pubertätsbeginn bei Mädchen ein Fenster von 8,5 bis 12,5 Jahren mit einem Mittelwert von 10,5 Jahren. Eine spanische untersuchung an 266 gesunden Mädchen maß für das zweite Bruststadium ein Durchschnittsalter von 10,72 Jahren bei einer von 1,02 Jahren. Die japanische Fachgesellschaft nennt auf ihrer Patientenseite grob „etwa 10 Jahre".

Die für Eltern wichtigste Zahl steht in derselben Reihe: Die erste Regelblutung folgt im Mittel zwei bis zweieinhalb Jahre nach der Brustknospe. Wer den Zeitpunkt der Thelarche kennt, kann daraus grob abschätzen, wann die Menarche zu erwarten ist – nicht auf den Monat, aber auf das Jahr.

6 Das erste Zeichen beim Buben: das Hodenvolumen

Bei Buben beginnt die Pubertät mit dem Größerwerden von Hodensack und Hoden, nicht mit der Schambehaarung. Das deutschsprachige MSD Manual sagt das ausdrücklich in genau dieser Reihenfolge. Gemessen wird das Hodenvolumen in der Ordination mit einem Prader-Orchidometer, einer Kette abgestufter Vergleichskörper.

An dieser Stelle unterscheiden sich die Leitlinien, und der Unterschied ist klein, aber real. Die Endocrine Society nennt als Schwelle ein Hodenvolumen von mindestens 4 Millilitern oder eine Länge über 2,5 Zentimeter. Die spanische Fortbildungsliteratur und das französische Inserm-Gutachten nennen ebenfalls 4 Milliliter. Die deutschsprachige Leitlinie zur vorzeitigen Pubertät setzt die Gonadarche dagegen schon bei mehr als 3 Millilitern an. Für die Frage der verzögerten Pubertät kommt eine dritte Zahl dazu: Die deutschsprachige Leitlinie nennt dort weniger als 3,5 Milliliter im Prader-Orchidometer, ein spanischer Behandlungsalgorithmus „nicht über 3 Milliliter", die übrigen Quellen „unter 4 Milliliter". Alle Werte bleiben hier nebeneinander stehen.

Zum Durchschnittsalter: Die spanische Literatur nennt für das Erreichen von 4 Millilitern im Mittel 11,5 bis 12 Jahre, das französische Gutachten 12 bis 13 Jahre, das koreanische Gesundheitsportal für den Pubertätsbeginn insgesamt 12,7 Jahre mit einer Spanne von 9 bis 14 Jahren. Die größte Einzelerhebung stammt aus China: An 19.054 gesunden Buben aus neun Großstädten wurde für 4 Milliliter ein Medianalter von 10,55 Jahren gemessen, mit einem 95-Prozent- von 10,27 bis 10,79 Jahren. Dieser Wert ist deutlich niedriger als die europäischen und stammt aus einer anderen Bevölkerung; er ist kein Maßstab für ein Kind in Wiener Neustadt.

7 Die Reihenfolge, in der die Zeichen kommen

Das koreanische Gesundheitsportal beschreibt die Abfolge für beide Geschlechter getrennt und knapp. Bei Mädchen: Brustknospung, dann Schambehaarung, dann Achselbehaarung, dann Wachstumsschub, dann erste Regelblutung. Bei Buben: Hodenwachstum, dann Schambehaarung, dann Achselbehaarung, dann Wachstumsschub, dann Ejakulationsfähigkeit.

Zwei Dinge fallen an dieser Reihenfolge auf. Erstens steht der Wachstumsschub bei Mädchen vor der ersten Regel. Das bedeutet, dass ein Mädchen, das seine erste Regel bekommt, den stärksten Wachstumsabschnitt bereits hinter sich hat. Zweitens steht der Wachstumsschub bei Buben ganz am Ende, unmittelbar vor der Ejakulationsfähigkeit. Ein Bub, der noch keinen Schub hatte, hat also mit einiger Wahrscheinlichkeit noch einen vor sich.

Die spanische Fortbildungsliteratur ordnet auch den Stimmbruch in diese Reihe ein: Er fällt in das vierte Tanner-Stadium und ist damit ein spätes und kein frühes Pubertätszeichen. Wer beim Buben auf die Stimme wartet, um zu wissen, ob die Pubertät begonnen hat, wartet also zwei bis drei Jahre zu lang.

8 Referenzalter: was die Tabellen sagen und was sie nicht sagen

Es gibt keine einzige weltweit gültige Tabelle. Es gibt mehrere, und sie stimmen nur ungefähr überein. Das spanische Vorsorgeprogramm nennt für Mädchen ein zweites Bruststadium mit 11 Jahren bei einer Normalspanne von 8,9 bis 13,2 Jahren, ein viertes mit 13,3 Jahren (10,8 bis 15,3) und ein fünftes mit 15,3 Jahren (11,8 bis 18,8). Für Buben nennt es das zweite Genitalstadium mit 11,6 Jahren (9,5 bis 13,7) und das fünfte mit 14,9 Jahren (12,7 bis 17,1).

Das französische Inserm-Gutachten nennt für die einzelnen Genitalstadien der Buben auch die zugehörigen Hodenvolumina: Stadium 2 entspricht 4 bis 6 Millilitern und einer Länge von 25 bis 30 Millimetern, Stadium 3 entspricht 6 bis 12 Millilitern (30 bis 40 Millimeter), Stadium 4 entspricht 12 bis 16 Millilitern (40 bis 50 Millimeter). Für das zweite Genitalstadium nennt es aus amerikanischen und europäischen Studien ein mittleres Alter von 11,6 Jahren.

Was diese Tabellen nicht sagen, ist genauso wichtig wie das, was sie sagen. Die Normalspannen sind vier bis fünf Jahre breit. Das Inserm-Gutachten beziffert die zwischenmenschliche Streubreite genau so. Und das US-amerikanische Standardwerk hält ausdrücklich fest, Altersangaben „should be used as guidelines to complement the evaluation of individual patients" – sie sind eine Orientierung neben der Untersuchung des einzelnen Kindes und kein Grenzwert.

9 Die deutschsprachigen Bevölkerungsdaten: KiGGS

Die einzige bevölkerungsrepräsentative deutschsprachige Erhebung von Reifemerkmalen ist der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS des Robert Koch-Instituts, veröffentlicht 2007. Die Gesamtstichprobe umfasste 17.641 Kinder; Angaben zur Schambehaarung lagen für 3.739 von ihnen vor. Die Kinder und Jugendlichen schätzten ihren Reifestand anhand von Zeichenvorlagen selbst ein.

Die Durchschnittsalter für die Schambehaarung liegen bei Mädchen niedriger als bei Buben: Stufe 2 bei 10,8 gegenüber 10,9 Jahren, Stufe 3 bei 11,7 gegenüber 12,6 Jahren, Stufe 4 bei 12,3 gegenüber 13,4 Jahren, Stufe 5 bei 13,4 gegenüber 14,1 Jahren. Bereits mit 10 Jahren berichten 42,4 Prozent der Mädchen und 35,7 Prozent der Buben über Schamhaare. Mit 17 Jahren haben die meisten die oberen Stufen erreicht.

Der aufschlussreichste Satz der Erhebung ist aber kein Durchschnittswert, sondern eine Beobachtung zur Streuung: „Die Tatsache, dass bei 13-jährigen Mädchen und bei Jungen mit 13 und 14 Jahren alle Entwicklungsstufen der Schambehaarung vorhanden sind, unterstreicht die große Varianz in der Reifeentwicklung." In einer Klasse von Dreizehnjährigen findet sich also von Stufe 1 bis Stufe 5 alles gleichzeitig, und all das ist normal. Für Österreich gilt dabei: Eine vergleichbare eigene Referenzerhebung war in keiner der ausgewerteten Recherchen auffindbar. Die deutschen Daten von 2007 sind die geografisch nächstliegende Referenz, die es gibt.

10 Wie lange die Pubertät dauert

Zur Gesamtdauer nennen die Quellen zwei Zahlen, die einander nicht widersprechen, weil sie Verschiedenes messen. Die spanische Fortbildungsliteratur beschreibt den Normalverlauf: Vom Beginn des zweiten Tanner-Stadiums bis zum Erreichen des fünften vergehen meist drei bis vier Jahre. Die brasilianische Kinderärztegesellschaft nennt dieselbe Spanne. Das koreanische Gesundheitsportal differenziert nach Geschlecht und nennt bei Mädchen etwa vier Jahre, bei Buben etwa drei Jahre.

Die deutschsprachige Leitlinie zur verzögerten Pubertät nennt dagegen 5,0 Jahre bei Mädchen und 5,5 Jahre bei Buben. Das ist aber keine Beschreibung des Normalverlaufs, sondern eine obere Grenze: Wenn der Weg vom ersten Zeichen bis zum Abschluss länger dauert, ist das ein Anlass zur Abklärung. Wer die beiden Zahlen nebeneinanderstellt, muss diesen Unterschied mitlesen, sonst wirken sie widersprüchlich.

Praktisch heißt das: Drei bis vier Jahre sind der Regelfall, fünf Jahre sind noch kein Alarm, aber der Punkt, an dem in der Ordination genauer hingesehen wird. Und der Maßstab dafür, ob es zu langsam geht, ist nicht das Gefühl der Eltern, sondern der dokumentierte Stadienwechsel über die Zeit.

11 Der Stimmbruch und drei verschiedene Zeitangaben

Wann der Stimmbruch kommt, beantworten die Quellen unterschiedlich, weil sie ihn unterschiedlich messen. Eine systematische Übersicht aus Portugal, die 52 Studien mit 6.250 männlichen Teilnehmern im Alter von 8 bis 17 Jahren zusammenfasst, kommt zu dem Ergebnis, dass die Stimmveränderung typischerweise zwischen 11 und 13 Jahren beginnt und ihren stärksten Abschnitt meist zwischen 12 und 14 Jahren erreicht.

Die deutschen KiGGS-Daten liegen deutlich später. Dort wurde zweistufig gefragt, und die Medianwerte betragen 13,5 Jahre für „Stimme schwankt" und 15,1 Jahre für „Stimme tief". Zwischen adipösen und stark untergewichtigen Buben liegen dabei 0,7 Jahre. Die spanische Quelle gibt gar kein Alter an, sondern ordnet den Stimmbruch dem vierten Tanner-Stadium zu. Alle drei Angaben bleiben stehen; die deutschen Medianwerte liegen rund zwei Jahre über den portugiesischen. Die französischsprachige Recherche hielt fest, zum Stimmbruch überhaupt kein institutionelles Dokument mit belastbaren Zahlen gefunden zu haben.

Für den Alltag ist die Einordnung wichtiger als die Jahreszahl. Weil der Stimmbruch spät liegt und der Wachstumsschub bei Buben ebenfalls spät liegt, fallen beide ungefähr zusammen. Ein Bub im Stimmbruch hat seinen stärksten Wachstumsabschnitt also gerade und noch nicht hinter sich – anders als ein Mädchen mit erster Regel.

12 Brustgewebe beim Buben

Etwa die Hälfte aller Buben entwickelt in der Pubertätsmitte vorübergehend Brustdrüsengewebe. Das US-amerikanische Standardwerk nennt rund 50 Prozent und beschreibt den Befund als am deutlichsten in der mittleren Pubertät. Das deutschsprachige MSD Manual formuliert vorsichtiger und sagt nur „häufig", beschreibt es als Brustknospen und hält fest, dass es in aller Regel nach wenigen Jahren wieder verschwindet.

Fachlich heißt das Gynäkomastie. Sie entsteht, weil in dieser Phase das Verhältnis der Geschlechtshormone zueinander vorübergehend verschoben ist. Für die Betroffenen ist das oft unangenehm, gerade im Schwimmunterricht, und genau deshalb gehört die Information dazu, dass es sich in aller Regel von selbst zurückbildet.

Ein Hinweis am Rande, der in ein anderes Kapitel gehört, aber hier erwähnt sei: Die chinesische Arzneimittelbehörde führt Gynäkomastie bei Buben ausdrücklich als eines der Risiken eines hochdosierten, unsachgemäßen Einsatzes von Wachstumshormon auf. Wer also Brustgewebe bei einem Buben sieht, der Wachstumshormon bekommt, sollte das ansprechen.

13 Warum „normal" eine Zone ist und keine Linie

Wenn man die Referenzwerte aus neun Sprachräumen nebeneinanderlegt, entsteht ein sehr lehrreiches Bild. Für das zweite Bruststadium bei Mädchen nennt eine chinesische Erhebung an rund 20.000 Stadtmädchen ein Durchschnittsalter von 9,2 Jahren bei einer Spannweite von 7,11 bis 11,89 Jahren. Eine japanische Kohorte aus dem Großraum Tokio maß 1992 an 573 Mädchen einen Wert von 10,0 Jahren, verglichen mit 10,9 Jahren bei Schweizer Mädchen. Die europäischen Referenzen liegen bei 10,5 bis 11 Jahren, die italienische Fachgesellschaft nennt 10,5 Jahre als Mittelwert.

Diese Spannweite von 9,2 bis 11 Jahren ist kein Widerspruch, der aufzulösen wäre. Sie beschreibt verschiedene Bevölkerungen zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Methoden. Die chinesische Auswertung selbst hält fest, dass chinesische Stadtmädchen im internationalen Vergleich früh dran sind und nur afroamerikanische und chilenische Mädchen noch früher liegen. Die japanische Kohorte ist über dreißig Jahre alt, regional begrenzt und hatte pro Reifestadium nur 25 bis 58 Kinder.

Für ein Kind in Österreich folgt daraus etwas Einfaches. Der Vergleich mit einer Tabelle aus einem anderen Land beantwortet die Frage nicht, ob dieses Kind normal ist. Was sie beantwortet, sind zwei andere Dinge: ob die Zeichen in der üblichen Reihenfolge kommen und ob das Tempo im Rahmen liegt. Beides sieht man nicht an einer Momentaufnahme, sondern erst über mehrere Termine hinweg. Deshalb ist die Wachstumskurve im Mutter-Kind-Pass beziehungsweise in der Ordinationskartei das wichtigste einzelne Werkzeug in diesem ganzen Kapitel.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was in der Pubertät geschieht Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wann es losgeht Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Zu früh: Pubertas praecox Abschnitt 28–43 · 16
  4. 4. Zu spät: verzögerte Pubertät Abschnitt 44–55 · 12
  5. 5. Wachstum und Endgröße Abschnitt 56–73 · 18
  6. 6. Knochen und Ernährung Abschnitt 74–85 · 12
  7. 7. Der veränderte Schlaf Abschnitt 86–97 · 12
  8. 8. Das Gehirn in der Pubertät Abschnitt 98–109 · 12
  9. 9. Körperbild und Essstörungen Abschnitt 110–125 · 16
  10. 10. Haut, Schweiß und Geruch Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Zyklus und Menstruation Abschnitt 138–155 · 18
  12. 12. Die Entwicklung bei Buben Abschnitt 156–169 · 14
  13. 13. Sexuelle Gesundheit und Aufklärung Abschnitt 170–187 · 18
  14. 14. Risikoverhalten Abschnitt 188–201 · 14
  15. 15. Miteinander auskommen Abschnitt 202–215 · 14
  16. 16. In der Ordination Abschnitt 216–225 · 10
  17. 17. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 226–239 · 14