Konflikte in dieser Zeit sind kein Erziehungsfehler, sondern Entwicklungsarbeit. Was die Forschung über Regeln, Vertrauen und Kontrolle in dieser Phase weiß.

  • Abschnitt 202 bis 215 von 239
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die Pubertät allgemein und richtet sich an Eltern, Bezugspersonen und an Jugendliche selbst. Er ersetzt keine Untersuchung und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Altersangaben in diesem Ratgeber beschreiben Bandbreiten, keine Grenzwerte für ein einzelnes Kind: Ob eine Entwicklung abklärungsbedürftig ist, hängt immer vom Gesamtbild ab – vom Wachstumsverlauf, von der Familiengeschichte und von den übrigen Befunden. Die Fachgesellschaften verschiedener Länder ziehen die Grenzen zudem unterschiedlich; wo das so ist, steht es im Text.

Die Pubertät

Was im Körper geschieht, was normal ist und wann eine Abklärung nötig ist

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber beschreibt, was in der Pubertät körperlich geschieht, wann sie üblicherweise beginnt, was zu früh und was zu spät ist, wie Wachstum, Knochen, Schlaf und Gehirn sich verändern und woran Sie erkennen, dass eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist. Er stützt sich auf Leitlinien und Veröffentlichungen von Fachgesellschaften aus neun Sprachräumen, auf amtliche Erhebungen und auf . Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo Leitlinien einander widersprechen, stehen beide Werte nebeneinander, und es wird gesagt, welche Fachgesellschaft welchen Wert nennt. Es wird nirgends gemittelt.

Der Text ist so geschrieben, dass Jugendliche ihn neben ihren Eltern lesen können. Er ersetzt kein persönliches Gespräch und keine Untersuchung. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Entwicklung, seiner Familiengeschichte und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Eine Vorbemerkung zu den Zahlen. Die Pubertät ist ein Bereich, in dem sehr viele Zahlen kursieren und erstaunlich wenige davon gut belegt sind. Für Österreich gibt es weder eine eigene Erhebung der Reifestadien noch ein eigenes Durchschnittsalter der ersten Regelblutung. Die nächstliegenden Daten stammen aus Deutschland, die nächstliegenden Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum. Beides wird hier so gekennzeichnet.

202 Der Grundwiderspruch der Pubertät: Nähe und Abstand zugleich

Die Pubertät stellt Familien vor eine Aufgabe, die sich nicht auflösen, sondern nur begleiten lässt: Ein Kind, das bisher über die Eltern zur Welt fand, beginnt, eigene Wege dorthin zu suchen. Das erzeugt zwangsläufig Reibung, auch in Familien, die grundsätzlich gut miteinander auskommen. Diese Reibung ist kein Anzeichen für ein Versagen der Erziehung, sondern der Kern der Entwicklungsaufgabe selbst.

Die folgenden Abschnitte fassen zusammen, was zu dieser Aufgabe an Forschung vorliegt – mit einer offenen Einschränkung vorweg: Zur Erziehungsforschung in der Adoleszenz liegt in der zugrunde liegenden Recherche insgesamt deutlich weniger belastbares Material vor als zu medizinischen Themen. Wo das der Fall ist, wird es hier ausdrücklich gesagt, statt es zu verschweigen.

203 Der Erziehungsstil, der am besten repliziert ist

In der internationalen Entwicklungspsychologie gilt ein Befund als besonders gut abgesichert, der auf die amerikanische Forscherin Diana Baumrind zurückgeht und seither vielfach repliziert wurde: Der autoritative Erziehungsstil – Regeln UND Vertrauen zugleich, mit wachsendem Autonomiespielraum – fördert Selbstvertrauen, soziale Kompetenz und Problemlösefähigkeit stärker als ein autoritärer Stil mit vielen Regeln und wenig Mitsprache oder ein permissiver Stil mit viel Freiheit und wenig Struktur.

Eine italienische Untersuchung an einer großen Stichprobe 14- bis 19-Jähriger findet dieses Muster über vier Bereiche der Identitätsentwicklung hinweg: Selbstkonzept, affektiv-sexuelle Sphäre, Wertesystem und Autonomie. Zur genauen Stichprobengröße und zu exakten dieser Studie liegt keine direkt verifizierte Angabe vor – sie ist als Fachliteratur-Konsens zu lesen, nicht als einzelne belegte Studienzahl. Der zugrunde liegende entwicklungspsychologische Befund selbst gilt als international sehr gut repliziert und ist auf Österreich übertragbar.

204 Was Regeln und Vertrauen zugleich bewirken

Dieselbe italienische Untersuchung findet einen Zusammenhang, der die Alltagserfahrung vieler Eltern bestätigt: Sowohl ein autoritärer als auch ein permissiver Erziehungsstil korrelieren mit erhöhter Aggressivität bei den Kindern. Der autoritative Stil dagegen korreliert negativ mit gegen die Eltern selbst gerichteter Gewalt der Kinder. Typische Konfliktthemen dieser Lebensphase sind dabei über Kulturen hinweg ähnlich: Ausgehzeiten, Mithilfe im Haushalt, schulisches Engagement, Freundschaften – im Kern immer Fragen von Verantwortung und Autonomiespielraum.

Das erklärt, warum dieselben Streitthemen in sehr vielen Familien wiederkehren, ohne dass daraus ein besonderes Problem in der jeweiligen Familie folgen muss. Der Streit selbst gehört zur Aufgabe, nicht nur seine Vermeidung.

205 Warum Verbote allein nicht überzeugen

Wie im Kapitel über Risikoverhalten beschrieben, reift die jugendliche Impulskontrolle langsamer als die Fähigkeit, Chancen und Reize wahrzunehmen. Eine deutsche Übersichtsarbeit zieht daraus die Folgerung, Risikoverhalten Jugendlicher nicht komplett unterbinden zu wollen, sondern riskante Erfahrungen in einem sicheren Rahmen zu ermöglichen und einige wenige Schutzregeln unverhandelbar zu halten.

Für das Miteinander in der Familie heißt das: Wer jede Grenzüberschreitung mit einem harten Verbot beantwortet, verliert an Einfluss, weil die Regel als willkürlich statt als sinnvoll erlebt wird. Wer dagegen zwischen wenigen wirklich unverhandelbaren Punkten und vielen verhandelbaren unterscheidet, bleibt in den wichtigen Momenten glaubwürdig.

206 Regeln über Situationen statt Appelle an die Einsicht

Weil Jugendliche in Gruppen nachweislich mehr Risiko eingehen als allein, wirken konkrete situationsbezogene Absprachen zuverlässiger als allgemeine Ermahnungen. Wer fährt, wann jemand abgeholt wird, wo übernachtet wird: Solche Regeln lassen sich vorab klären, wenn alle Beteiligten ruhig und nüchtern sind – und sie greifen genau dort, wo später unter Gruppendruck die Impulskontrolle am schwächsten ist.

Eine französische Suchtforschungsgruppe formuliert die Kehrseite dazu: Jugendliche sind gegenüber langfristigen Gesundheitsrisiken wenig empfänglich, weil sie diese als fern und für sich selbst nicht wirklich relevant erleben. Ein Appell an die Vernunft in zwanzig Jahren erreicht daher weniger als eine klare Absprache für den kommenden Samstagabend.

207 Warum Warnungen vor Spätfolgen wenig ausrichten

Diese Erkenntnis lässt sich verallgemeinern, über Substanzkonsum hinaus: Warnungen, die auf ferne, abstrakte Folgen zielen – „das kann in zwanzig Jahren zu Problemen führen" – treffen bei Jugendlichen selten. Das liegt weniger an mangelndem Verständnis als an der Zeitperspektive selbst, die sich in der Adoleszenz noch entwickelt. Wirksamer sind Gespräche, die an unmittelbaren, für den Moment spürbaren Konsequenzen ansetzen, oder die einfach die Situation selbst regeln, statt auf Einsicht zu hoffen.

Das ist kein Freibrief, mit Jugendlichen nicht über Zukunft zu sprechen – aber es erklärt, warum ein gut gemeinter Vortrag über Spätfolgen oft wirkungslos verpufft, während eine klare Vereinbarung für den nächsten Ausgang tatsächlich hält.

208 Autonomie und Struktur zugleich: ein Befund aus Korea

Eine koreanische Untersuchung zu elterlichem Erziehungsverhalten beschreibt einen Wirkweg, der die bisherigen Punkte zusammenfasst: Ein Erziehungsverhalten, das Autonomie unterstützt und gleichzeitig klare Struktur gibt, führt über eine gefestigtere Identitätsentwicklung zu höherem psychischem Wohlbefinden und weniger Fehlanpassung. Konkrete oder Stichprobengrößen nennt die zugrunde liegende Quelle nicht, der beschriebene Wirkweg selbst gilt aber als klinisch gut begründetes, kulturübergreifendes Prinzip aus der Selbstbestimmungstheorie der Entwicklungspsychologie und ist für einen österreichischen Ratgeber gut nutzbar.

Autonomieunterstützung heißt dabei nicht Beliebigkeit: Sie bedeutet, dass Jugendliche innerhalb klarer Grenzen echte Wahlmöglichkeiten und echtes Mitspracherecht erhalten – nicht, dass die Grenzen verschwinden.

209 Was Jugendliche sich von ihren Eltern wünschen

Eine ergänzende qualitative koreanische Untersuchung zu Gesprächen zwischen Eltern und pubertierenden Kindern findet: Im Zuge von Autonomiekonflikten verschiebt sich der elterliche Erziehungsstil häufig hin zu einer gleichberechtigteren, horizontaleren Beziehung, wenn Eltern die Autonomiebedürfnisse ihrer Kinder aktiv unterstützen. Jugendliche selbst wünschen sich dabei vor allem eines: emotionale Wertschätzung, Unterstützung und Empathie der Eltern – mehr als Kontrolle, aber auch mehr als bloße Freiheit.

Das deckt sich mit einer Beobachtung, die vielen Eltern aus dem eigenen Alltag vertraut vorkommt: Ein Streit über eine Ausgehzeit ist selten nur ein Streit über die Uhrzeit. Oft geht es zugleich um die Frage, ob die eigene Einschätzung überhaupt ernst genommen wird.

210 Warme Bindung als Puffer gegen Leistungsdruck

Eine chinesische Untersuchung an Oberstufenschülerinnen und -schülern findet, dass eine warme, verständnisvolle elterliche Bindung depressive Symptome abmildert, während akademischer Druck das psychische Risiko eigenständig erhöht. Ein ablehnender, negativer Erziehungsstil korreliert dort deutlich mit höherem Angstniveau. Zur genauen liegt keine Angabe vor, und die zugrunde liegende Quelle gilt selbst als eher schwächer abgesichert.

Der Mechanismus – warme Bindung wirkt puffernd gegen äußeren Druck – ist international durch Bindungs- und Erziehungsstilforschung gut gestützt und lässt sich auf Österreich übertragen; die genaue Ausprägung des schulischen Leistungsdrucks in China ist es nicht.

211 Wenn Kommunikation schwächer wird: ein Weckruf aus Portugal

Die portugiesische HBSC-Erhebung 2022 registrierte gegenüber 2018 eine Verschlechterung der von Jugendlichen wahrgenommenen familiären Unterstützung, weniger gemeinsame Mahlzeiten und eine als schwieriger empfundene Kommunikation mit den Eltern – Teil eines allgemeinen Rückgangs des Wohlbefindens Jugendlicher in den frühen 2020er-Jahren. Konkrete Prozentzahlen zu dieser „Leichtigkeit der Kommunikation" waren aus dem verfügbaren Bericht nicht zu entnehmen; der Befund gilt deshalb als qualitativ, nicht als exakt beziffert.

Eine ältere Auswertung derselben Studienreihe unterlegt, warum das relevant ist: Jugendliche, die nie Alkohol probiert, nie exzessiv getrunken, nicht geraucht und keine Drogen konsumiert hatten, berichteten deutlich häufiger von leichter Kommunikation mit den Eltern und von stärkerer elterlicher Kontrolle. Offene Kommunikation ist damit kein Selbstzweck, sondern ein messbarer Schutzfaktor.

212 Der Zeitpunkt: früher, als Eltern ihn ansetzen

Ein Muster zieht sich durch fast jedes Kapitel dieses Ratgebers: Die Gespräche, die etwas bewirken, liegen früher, als Eltern sie von sich aus ansetzen würden. In Österreich hatten 13 Prozent der Jugendlichen ihr erstes Mal vor dem 14. Geburtstag. In Spanien begann bei Jugendlichen mit Koituserfahrung mehr als jeder Achte mit 13 Jahren oder früher, der Alkoholeinstieg liegt dort im Schnitt bei 13,9 Jahren. Der beste Zeitpunkt für die HPV-Impfung liegt bei 9 bis 11 Jahren – deutlich vor jeder eigenen Betroffenheit.

Dieses Muster gilt nicht nur für Sexualität und Substanzen, sondern für praktisch jedes Thema in diesem Ratgeber, von Körperbild bis Risikoverhalten: Wer wartet, bis ein Thema akut geworden ist, kommt fast immer zu spät. Ein Gespräch, das ein, zwei Jahre zu früh geführt wird, schadet nicht – eines, das zu spät kommt, hat seine Wirkung oft schon verloren.

213 Eltern haben eine „zentrale Rolle" – was das konkret heißt

Der österreichische Grundsatzerlass Sexualpädagogik weist Eltern ausdrücklich eine zentrale Rolle in der sexualpädagogischen Bildung zu, neben Kindergarten und Schule. Das lässt sich verallgemeinern: In praktisch allen hier ausgewerteten Themenbereichen – Körperbild, Substanzen, Sexualität, Risikoverhalten – ist die Familie die Instanz, die am frühesten, am kontinuierlichsten und am persönlichsten wirkt. Schule, Ordination und öffentliche Kampagnen ergänzen diese Rolle, sie ersetzen sie nicht.

Das ist zugleich eine Entlastung: Es braucht keine perfekt formulierten, einmaligen „großen Gespräche". Es braucht viele kleine, beiläufige Gelegenheiten – im Auto, beim Kochen, auf einem Spaziergang –, die sich über Jahre summieren.

214 Wenn Autonomie zum Streitpunkt wird: der Weg in die eigenständige Gesundheitsversorgung

Ein Konfliktfeld verdient hier besondere Erwähnung, weil es viele Eltern überrascht: die zunehmende Eigenständigkeit Jugendlicher gegenüber ihrer Kinderärztin. Mit wachsendem Alter erhalten Jugendliche in Österreich – wie in praktisch allen europäischen Ländern, auf rechtlich unterschiedliche Weise – zunehmend eigene Entscheidungsbefugnisse in der Gesundheitsversorgung. Das ist keine Lücke im System, sondern ein bewusst gestalteter Übergang, der Vertraulichkeit als Voraussetzung dafür begreift, dass Jugendliche überhaupt offen mit ärztlichem Rat umgehen.

Für Eltern kann das zunächst wie ein Vertrauensverlust wirken, wenn Tochter oder Sohn ab einem bestimmten Alter Teile eines Ordinationsgesprächs allein führen. Es ist genau umgekehrt gemeint: als Vertrauensvorschuss an die Jugendlichen, der ihnen hilft, ärztlichen Rat auch bei heiklen Themen tatsächlich zu suchen. Wie das im Einzelnen geregelt ist, beschreibt das folgende Kapitel.

215 Was in der Forschung fehlt – und was trotzdem gilt

Ein ehrlicher Schlusspunkt: Zur Erziehungsforschung in der Adoleszenz liegt außer der zitierten italienischen Sekundärzusammenfassung keine im Volltext geprüfte, peer-reviewte Primärquelle vor – weder zu Konfliktverläufen noch zu einzelner Erziehungsstile. Das ist eine dokumentierte Lücke, keine verschwiegene.

Was dennoch gilt, weil es sich international immer wieder in derselben Form zeigt: Regeln und Vertrauen schließen einander nicht aus, sondern verstärken sich. Situationsbezogene Absprachen wirken zuverlässiger als allgemeine Appelle. Offene Kommunikation schützt messbar. Und der Zeitpunkt für ein Gespräch liegt fast immer früher, als er sich von selbst aufzudrängen scheint.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was in der Pubertät geschieht Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wann es losgeht Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Zu früh: Pubertas praecox Abschnitt 28–43 · 16
  4. 4. Zu spät: verzögerte Pubertät Abschnitt 44–55 · 12
  5. 5. Wachstum und Endgröße Abschnitt 56–73 · 18
  6. 6. Knochen und Ernährung Abschnitt 74–85 · 12
  7. 7. Der veränderte Schlaf Abschnitt 86–97 · 12
  8. 8. Das Gehirn in der Pubertät Abschnitt 98–109 · 12
  9. 9. Körperbild und Essstörungen Abschnitt 110–125 · 16
  10. 10. Haut, Schweiß und Geruch Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Zyklus und Menstruation Abschnitt 138–155 · 18
  12. 12. Die Entwicklung bei Buben Abschnitt 156–169 · 14
  13. 13. Sexuelle Gesundheit und Aufklärung Abschnitt 170–187 · 18
  14. 14. Risikoverhalten Abschnitt 188–201 · 14
  15. 15. Miteinander auskommen Abschnitt 202–215 · 14
  16. 16. In der Ordination Abschnitt 216–225 · 10
  17. 17. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 226–239 · 14