Der Wachstumsschub, das Knochenalter und die Frage, die fast jede Familie stellt: Wie groß wird mein Kind? Dazu, wann Wachstumshormon ein Thema ist und wann nicht.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die Pubertät allgemein und richtet sich an Eltern, Bezugspersonen und an Jugendliche selbst. Er ersetzt keine Untersuchung und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin. Die Altersangaben in diesem Ratgeber beschreiben Bandbreiten, keine Grenzwerte für ein einzelnes Kind: Ob eine Entwicklung abklärungsbedürftig ist, hängt immer vom Gesamtbild ab – vom Wachstumsverlauf, von der Familiengeschichte und von den übrigen Befunden. Die Fachgesellschaften verschiedener Länder ziehen die Grenzen zudem unterschiedlich; wo das so ist, steht es im Text.

Die Pubertät

Was im Körper geschieht, was normal ist und wann eine Abklärung nötig ist

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber beschreibt, was in der Pubertät körperlich geschieht, wann sie üblicherweise beginnt, was zu früh und was zu spät ist, wie Wachstum, Knochen, Schlaf und Gehirn sich verändern und woran Sie erkennen, dass eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist. Er stützt sich auf Leitlinien und Veröffentlichungen von Fachgesellschaften aus neun Sprachräumen, auf amtliche Erhebungen und auf . Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo Leitlinien einander widersprechen, stehen beide Werte nebeneinander, und es wird gesagt, welche Fachgesellschaft welchen Wert nennt. Es wird nirgends gemittelt.

Der Text ist so geschrieben, dass Jugendliche ihn neben ihren Eltern lesen können. Er ersetzt kein persönliches Gespräch und keine Untersuchung. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Entwicklung, seiner Familiengeschichte und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Eine Vorbemerkung zu den Zahlen. Die Pubertät ist ein Bereich, in dem sehr viele Zahlen kursieren und erstaunlich wenige davon gut belegt sind. Für Österreich gibt es weder eine eigene Erhebung der Reifestadien noch ein eigenes Durchschnittsalter der ersten Regelblutung. Die nächstliegenden Daten stammen aus Deutschland, die nächstliegenden Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum. Beides wird hier so gekennzeichnet.

56 Der Wachstumsgipfel: früh bei Mädchen, spät bei Buben

Wie im ersten Teil dieses Ratgebers bereits beschrieben, liegt der stärkste Abschnitt des pubertären Wachstumsschubs bei Mädchen und Buben an unterschiedlicher Stelle im Ablauf. Ein amerikanisches Standardwerk der Kinderendokrinologie beschreibt das so: Bei Mädchen liegt der Gipfel früh, zwischen dem zweiten und dritten Tanner-Stadium der Brust, bei Buben spät, zwischen dem dritten und vierten Tanner-Stadium der Hoden.

Die spanische Fortbildungsliteratur ordnet den Gipfel bei Buben etwas anders ein – dem vierten Tanner-Stadium – und die italienische Fachgesellschaft ergänzt eine zeitliche Angabe für Mädchen: Der Höhepunkt der Wachstumsgeschwindigkeit wird demnach 1 bis 1,5 Jahre nach der beidseitigen Brustknospe erreicht. Diese kleinen Unterschiede in der Zuordnung ändern nichts an der grundsätzlichen Botschaft, die für Eltern zählt: Ein Bub, der zu Beginn seiner Pubertät noch klein und schmal wirkt, hat seinen Wachstumsschub oft noch vor sich, während ein Mädchen, das ihre erste Regel bekommt, den stärksten Teil ihres Wachstums meist schon hinter sich hat.

57 Wie viel wächst ein Kind im Schub: die deutschsprachige Angabe

Das deutschsprachige MSD Manual beziffert Zeitraum und Ausmaß des Wachstumsschubs für beide Geschlechter. Bei Mädchen liegt er irgendwann zwischen etwa 9,5 und 13,5 Jahren, mit einem Höhepunkt typischerweise zwischen 11 und 12,5 Jahren; im Jahr der höchsten Wachstumsgeschwindigkeit kann die Größenzunahme bis zu 9 Zentimeter erreichen. Bei Buben liegt der Schub zwischen etwa 12 und 16 Jahren, mit einem Höhepunkt typischerweise zwischen 13 und 14 Jahren; im Jahr der maximalen Wachstumsgeschwindigkeit ist eine Zunahme von mehr als 10 Zentimetern zu erwarten.

Diese Angabe stammt aus einem deutschsprachigen medizinischen Referenzwerk und ist damit die für Österreich nächstliegende Quelle zu diesem Thema. Sie zeigt noch einmal denselben Grundsatz wie der vorige Abschnitt: Buben wachsen im Schub stärker, aber später als Mädchen.

58 Wie viel insgesamt: vier Quellen, vier verschiedene Zahlen

Wie viele Zentimeter ein Kind während der gesamten Pubertät insgesamt zulegt, beantworten die Berichte auf sehr unterschiedliche Weise, und keine dieser Zahlen wird hier zu einer einzigen verrechnet. Die spanische Fortbildungsliteratur nennt für Mädchen im Mittel 20 bis 25 Zentimeter, für Buben 28 bis 30 Zentimeter. Das koreanische Gesundheitsportal nennt niedrigere Werte: 15 bis 25 Zentimeter bei Mädchen, 25 bis 30 Zentimeter bei Buben.

Der englischsprachige Bericht wiederum hält ausdrücklich fest, dass er für die häufig zitierten Zentimeterwerte – etwa „rund 8 Zentimeter pro Jahr bei Mädchen, 10 Zentimeter pro Jahr bei Buben" – in keiner von ihm abgerufenen Primärquelle eine Bestätigung gefunden hat; diese Zahl gilt dort ausdrücklich als nicht verifiziert. Das bedeutet nicht, dass die spanische und die koreanische Angabe falsch sind – sie stammen aus eigenen, benannten Quellen –, sondern dass eine dritte, oft kursierende Version dieser Zahl keine belastbare Grundlage hat. Für Eltern bleibt die Botschaft dieselbe wie in den Abschnitten zuvor: Größenordnungen von 15 bis 30 Zentimetern Gesamtwachstum während der Pubertät sind normal, eine einzelne Kommastelle sollte hier niemand überbewerten.

59 Restwachstum nach der ersten Regel, genauer betrachtet

Im ersten Teil dieses Ratgebers wurde bereits festgehalten, dass ein Mädchen nach der ersten Regel im Mittel nur noch wenige Zentimeter wächst – 4 bis 6 Zentimeter nach dem amerikanischen Standardwerk, 6 bis 8 Zentimeter nach der spanischen Fortbildungsliteratur. Beide Werte bleiben nebeneinander stehen. Eine spanische an 266 gesunden Mädchen liefert dazu eine zusätzliche, aufschlussreiche Differenzierung: Von der Brustknospe bis zwei Jahre nach der Menarche betrug der mittlere Größengewinn bei früh reifenden Mädchen 16,7 Zentimeter, bei spät reifenden Mädchen dagegen nur 14,3 Zentimeter.

Diese Zahl erklärt, warum eine grobe Faustregel wie „6 Zentimeter nach der ersten Regel" für das einzelne Kind nur bedingt taugt: Wie viel nach der Menarche noch an Wachstum übrig bleibt, hängt auch davon ab, wie früh oder spät das Mädchen insgesamt in die Pubertät gekommen ist. Wichtig bleibt dennoch die Kernaussage: Der stärkste Wachstumsabschnitt liegt bei Mädchen vor, nicht nach der ersten Regel.

60 Die elterliche Zielgröße: Orientierung, kein Grenzwert

Frankreich hat 2018 neue nationale Referenz-Wachstumskurven eingeführt, die auf Routinedaten von rund 261.000 Kindern zwischen 0 und 18 Jahren beruhen – insgesamt rund 2,5 Millionen Gewichtsmessungen, 2 Millionen Größenmessungen und 1,2 Millionen Kopfumfangmessungen. Erstmals sind darin auch die physiologischen Altersfenster der Tanner-Stadien direkt unter den Wachstumskurven eingezeichnet, und die elterliche Zielgröße wird als Interpretationshilfe mitgeführt.

Die zentrale Botschaft dieser Kurven lässt sich auf eine einzige Zahl verdichten: Bei 80 Prozent der gesunden Kinder liegt die spätere Erwachsenengröße innerhalb von 6 Zentimetern unter oder über der elterlichen Zielgröße. Das bedeutet: Eine Endgröße, die deutlich von der elterlichen Zielgröße abweicht, aber innerhalb dieser 6-Zentimeter-Marge liegt, ist bei vier von fünf gesunden Kindern zu erwarten und für sich genommen kein Warnsignal. Aussagekräftiger als ein einzelner Messpunkt ist ohnehin, ob ein Kind seinen bisherigen Wachstumskanal verlässt – ein Punkt, der bereits im ersten Teil dieses Ratgebers als wichtigstes einzelnes Werkzeug der Wachstumsbeurteilung benannt wurde.

61 Das Knochenalter als gemeinsamer Maßstab

Über nahezu alle Themen dieses Ratgebers hinweg taucht dieselbe Messgröße als objektiver Maßstab wieder auf: das Knochenalter, bestimmt anhand einer Röntgenaufnahme der linken Hand und verglichen mit einem internationalen Referenzatlas. Beim normalen Pubertätsbeginn liegt es laut einer französischen Quelle bei Mädchen im Mittel bei 11 Jahren, entsprechend dem Auftreten des sogenannten Sesambeins im Daumen, bei Buben bei 13 Jahren. Bei der vorzeitigen Pubertät ist es, wie im vorigen Kapitel beschrieben, gegenüber dem Lebensalter deutlich vorangeschritten; beim Absetzen der Behandlung mit GnRH-Analoga orientiert man sich wieder an ihm; und bei der verzögerten Pubertät ist es, umgekehrt, gegenüber dem Lebensalter zurückgeblieben – die spanische Fortbildungsliteratur nennt für die konstitutionelle Entwicklungsverzögerung ein typisches Knochenalter von 11 bis 13 Jahren bei Mädchen und 12 bis 14 Jahren bei Buben, obwohl das Lebensalter zu diesem Zeitpunkt bereits höher liegt.

Diese wiederkehrende Verwendung ist kein Zufall: Das Knochenalter zeigt, wo der Körper eines Kindes in seiner biologischen Reifung tatsächlich steht, unabhängig vom Kalenderdatum seiner Geburt. Für Eltern bedeutet das: Wenn in der Ordination ein Handröntgen vorgeschlagen wird, geht es nicht um eine zusätzliche Sorge, sondern um genau jenen Maßstab, der in praktisch jeder der in diesem Ratgeber beschriebenen Fragestellungen – zu früh, zu spät, zu langsam, zu schnell – den entscheidenden Unterschied macht.

62 Wachstumsgeschwindigkeit als Warnsignal: die 4-Zentimeter-Regel

Neben der absoluten Körpergröße ist die Wachstumsgeschwindigkeit selbst ein eigenständiges Warnsignal. Das koreanische Gesundheitsportal definiert Kleinwuchs als Körpergröße unterhalb der – also unter den untersten 3 Prozent gleichaltriger Kinder desselben Geschlechts – und nennt als zusätzliches Abklärungskriterium eine Wachstumsgeschwindigkeit von unter 4 Zentimetern pro Jahr vor der Pubertät, oder einen Rückstand des Knochenalters gegenüber dem Lebensalter.

Dieselbe 4-Zentimeter-Grenze findet sich unabhängig davon auch in der brasilianischen Fachliteratur zur verzögerten Pubertät, wie bereits im ersten Teil dieses Ratgebers unter den Gründen für einen Arztbesuch genannt. Dass zwei unabhängige Quellen auf denselben Wert kommen, macht ihn zu einer der verlässlicheren Zahlen in diesem Kapitel: Ein Kind, das durchgehend weniger als 4 Zentimeter im Jahr wächst, sollte unabhängig vom Pubertätsstadium abgeklärt werden – die 3. Perzentile und die 4-Zentimeter-Regel sind dabei international gebräuchliche, auch in der österreichischen Praxis verwendete Grenzwerte.

63 Der Säkulartrend der Körpergröße: ein Jahrhundert Italien

Wie sich die durchschnittliche Körpergröße über ein ganzes Jahrhundert verändern kann, zeigt eine anthropologische Auswertung aus Italien. Die mittlere Körpergröße junger italienischer Männer stieg von 166,19 Zentimetern im Jahr 1915 über 168,47 Zentimeter 1940 und 172,69 Zentimeter 1960 auf 174,58 Zentimeter im Jahr 1980 – ein Zuwachs von rund 10 bis 12 Zentimetern innerhalb von acht Jahrzehnten. Der Anteil junger Männer mit mindestens 180 Zentimetern stieg im selben Zeitraum von 4,7 Prozent im Jahr 1940 auf 20,1 Prozent im Jahr 1980.

Aktuellere Durchschnittswerte von rund 177,8 Zentimetern bei Männern und 164,6 Zentimetern bei Frauen kursieren zwar, stammen aber aus einer populärwissenschaftlichen Zusammenfassung ohne genaues Erhebungsjahr und gelten hier ausdrücklich als nicht direkt verifiziert – anders als die historische Reihe von 1915 bis 1980, die aus der zitierten anthropologischen Fachquelle stammt. Der zugrunde liegende Mechanismus – bessere Ernährung führt über den Wachstumsfaktor IGF-1 zu mehr Körperlänge – ist international gültig; die absoluten Zentimeterwerte sind es nicht. Italien liegt im europäischen Vergleich tendenziell unter nord- und mitteleuropäischen Durchschnittswerten, weshalb diese Zahlen nicht direkt auf ein Kind in Österreich übertragen werden sollten.

64 Geburtsgewicht und Erwachsenengröße: ein japanischer Beleg über Generationen

Der eindrücklichste Beleg dieses Kapitels dafür, wie eng Ernährung, Gewicht und Endgröße zusammenhängen, kommt aus Japan. Das dortige nationale Forschungszentrum für Kindergesundheit wertete Daten von mehr als 3,1 Millionen Erwachsenen aus 79 landesweiten Kohorten sowie mehr als 64 Millionen amtlichen Geburtsdatensätzen aus und zeigte: Seit den um 1978 und 1979 geborenen Jahrgängen sinkt die durchschnittliche Erwachsenengröße in Japan wieder. Für Männer liegt der Höchststand bei 171,5 Zentimetern, für den Geburtsjahrgang 2014 wird ein Rückgang auf 170,0 Zentimeter prognostiziert; bei Frauen sinkt der Wert von 158,5 auf voraussichtlich 157,9 Zentimeter.

Der Grund dafür ist bemerkenswert gut belegt: Dieser Rückgang korreliert sehr stark mit der steigenden Rate niedrigen Geburtsgewichts in Japan. Der sogenannte Korrelationskoeffizient r – eine Kennzahl zwischen −1 und +1, die angibt, wie eng zwei Größen zusammenhängen, wobei −1 einen perfekten gegenläufigen Zusammenhang bedeutet – liegt hier bei −0,98 für Männer und −0,88 für Frauen, also nahe am theoretischen Maximum eines gegenläufigen Zusammenhangs. Anders gesagt: Je mehr Babys mit niedrigem Geburtsgewicht zur Welt kommen, desto kleiner werden die Erwachsenen einer Generation später. Dieser Mechanismus ist nicht japanspezifisch, sondern ein allgemeiner biologischer Zusammenhang: Untergewicht bei jungen Frauen betrifft über ein niedrigeres Geburtsgewicht nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern messbar auch die Endgröße der nächsten Generation.

65 Wachstumshormon in Österreich: eine dokumentierte Lücke

An dieser Stelle muss dieser Ratgeber ausdrücklich eine Lücke benennen, statt sie zu füllen. Zur Indikation einer Wachstumshormonbehandlung im Pubertätsalter und zu ihrem Missbrauch enthält keiner der fünf europäisch-amerikanischen Rechercheberichte belastbare Angaben. Es liegen weder Leitlinienempfehlungen noch Zahlen dazu vor, wann eine Wachstumshormontherapie in Österreich oder im deutschsprachigen Raum begonnen wird, welche Kriterien dafür gelten oder wie oft sie eingesetzt wird.

Diese Lücke bleibt hier bewusst stehen. Was zu diesem Thema an belastbaren Zahlen existiert, stammt aus zwei außereuropäischen Quellen – China und Südkorea –, die in den folgenden Abschnitten referiert werden. Sie beschreiben nicht die österreichische Praxis, sondern liefern etwas anderes und für Eltern ebenfalls Wichtiges: ein Bild davon, wie stark der gesellschaftliche Druck auf die Körpergröße in manchen Ländern bereits auf die Verschreibungspraxis durchschlägt – als Warnbeispiel, nicht als Erwartungswert für Österreich.

66 Die chinesische Warnung: kein Wundermittel gegen Kleinwuchs

Die chinesische Arzneimittelbehörde NMPA warnte 2021 in einem amtlichen Hinweis ausdrücklich davor, Wachstumshormon als „Wundermittel" gegen einen als zu gering empfundenen Kleinwuchs einzusetzen. Die überwiegende Mehrheit der Kinder brauche kein Wachstumshormon, sondern ausgewogene Ernährung, Bewegung und ausreichend Schlaf. Bei hochdosiertem, unsachgemäßem Einsatz nennt die Behörde eine ganze Reihe möglicher Risiken: Ödeme, eine Herzmuskelerkrankung, Insulinresistenz, Schlaganfall, erhöhten Augeninnendruck, Gelenkerkrankungen, eine gutartige Druckerhöhung im Schädelinneren – und, wie bereits im ersten Teil dieses Ratgebers im Zusammenhang mit vorübergehendem Brustgewebe bei Buben angekündigt, Gynäkomastie.

Selbst wenn ein Kind auf die Therapie anspricht, sei der Größengewinn oft nur 4 bis 6 Zentimeter – eine Größenordnung, die in einer ähnlichen Spanne liegt wie der Endgrößengewinn durch GnRH-Analoga bei vorzeitiger Pubertät, aber mit einem gänzlich anderen Nebenwirkungsprofil und einer anderen Indikation. Diese Nebenwirkungsliste stammt aus der Behördenmitteilung selbst; eine unabhängige wissenschaftliche Gegenprüfung dieser konkreten Angaben liegt in den zugrunde liegenden Berichten nicht vor. Als Botschaft an Eltern bleibt sie trotzdem gültig, weil dieselbe medizinische Vorsicht auch in Österreich und der EU gilt: Wachstumshormon ist ein verschreibungspflichtiges, indikationsgebundenes Arzneimittel und kein Größen-Booster für ein ansonsten gesundes Kind.

67 Der Wachstumshormon-Boom in Korea

Wie stark der gesellschaftliche Druck auf Größe in die Verschreibungspraxis durchschlagen kann, zeigen koreanische Zahlen aus einer parlamentarischen Anfrage. Zwischen 2020 und 2024 stieg die Zahl der Wachstumshormon-Verschreibungen in Südkorea von 895.011 auf 1.621.154 – ein Plus von 81 Prozent. Der Verschreibungswert stieg im selben Zeitraum sogar um 167 Prozent. Parallel dazu vervierfachten sich die gemeldeten Nebenwirkungen von 436 Fällen im Jahr 2019 auf 1.809 Fälle im Jahr 2024, davon 165 als schwerwiegend eingestuft.

Nach einer Ausweitung der Erstattungskriterien im Jahr 2019 wird in koreanischen Medien wiederholt kritisiert, dass zunehmend auch Kinder ohne nachgewiesenen Hormonmangel und ohne eine Diagnose wie das Turner-Syndrom das Präparat gewissermaßen als „Größenwachstumsspritze" erhalten. Das Grundphänomen – der Wunsch mancher Eltern nach einer medikamentösen Größensteigerung ohne medizinische Notwendigkeit – existiert auch in Österreich und Europa, allerdings in einem deutlich geringeren und mit den koreanischen Zahlen nicht vergleichbaren Ausmaß. Der besonders ausgeprägte Größendruck in Korea, der eng mit Aussehens- und Arbeitsmarktdruck verknüpft ist, ist ein spezifisch koreanisches Verstärkungsmoment.

68 Koreanische Erstattungskriterien und was sie für Österreich nicht bedeuten

Die koreanische Kassenerstattung für Wachstumshormon knüpft an feste Kriterien an: Kinder ab 3 Jahren mit einer Körpergröße auf oder unter der , bestätigtem Wachstumshormonmangel durch mindestens zwei Provokationstests und einem Rückstand des Knochenalters gegenüber dem Lebensalter. Die Behandlung läuft bis zum Schluss der Wachstumsfugen, längstens bis zu einem Knochenalter von 14 bis 15 Jahren bei Mädchen beziehungsweise 15 bis 16 Jahren bei Buben. Wird dabei eine Körpergröße von 153 Zentimetern bei Mädchen beziehungsweise 165 Zentimetern bei Buben erreicht, endet die Kassenerstattung – eine weitere Behandlung ist dann reiner Selbstzahlerbereich.

Diese Detailzahlen – insbesondere die 153 und 165 Zentimeter – stammen aus einer sekundären, nicht-akademischen Quelle und gelten ausdrücklich als nicht verifiziert; nur das Grundprinzip aus Perzentile, Provokationstest und Knochenalter deckt sich mit anderen, verlässlicheren Quellen. Für Österreich sind diese konkreten Erstattungsgrenzen ohnehin reines koreanisches Kassenrecht und nicht übertragbar. Das dahinterliegende Grundprinzip aber schon: Eine Erstattung erfolgt nur bei nachgewiesenem Hormonmangel, nicht bei einer bloß gewünschten Größe – ein Grundsatz, der sinngemäß auch für die österreichische Krankenversicherung gilt.

69 Wann Wachstumshormon Sinn ergibt und wann nicht: die Grundregel hinter allen Beispielen

Fasst man die Beispiele aus China und Südkorea mit der dokumentierten Lücke aus dem europäisch-amerikanischen Teil dieses Kapitels zusammen, ergibt sich eine klare, wenn auch aus zweiter Hand belegte Grundregel: Wachstumshormon ist eine Behandlung für nachgewiesene medizinische Ursachen – etwa einen bestätigten Hormonmangel oder bestimmte genetische Syndrome –, nicht für ein Kind, das lediglich kleiner ist als gewünscht. Die chinesische Behördenwarnung und die koreanischen Erstattungskriterien zeigen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln denselben Grundsatz: Ohne nachgewiesene Indikation überwiegen die Risiken den Nutzen, und selbst bei nachgewiesener Indikation ist der erzielbare Größengewinn überschaubar.

Was für Österreich konkret gilt – welche Kriterien die österreichische Sozialversicherung für eine Wachstumshormontherapie anlegt –, konnte in den zugrunde liegenden Berichten nicht recherchiert werden und wird hier deshalb bewusst nicht behauptet. Wer als Elternteil eine solche Behandlung für sein Kind erwägt, findet die verlässliche Antwort nicht in internationalen Vergleichszahlen, sondern im Gespräch mit der pädiatrischen Endokrinologie.

70 Warum ein einzelner Messpunkt nie genug ist

Die Themen dieses Kapitels – Wachstumsschub, Zielgröße, Knochenalter, Wachstumshormon – laufen alle auf denselben Punkt hinaus, der bereits am Ende des ersten Teils dieses Ratgebers festgehalten wurde: Ein einzelner Messwert beantwortet selten die Frage, ob ein Kind normal wächst. Aussagekräftig ist erst der Verlauf über mehrere Messungen hinweg – ob ein Kind seinen bisherigen Wachstumskanal hält, ob die Wachstumsgeschwindigkeit im Rahmen der 4-Zentimeter-Regel bleibt, ob das Knochenalter zum Lebensalter passt.

Das gilt in beide Richtungen: Ein Kind, das kleiner ist als seine Klassenkameradinnen und -kameraden, aber seinen eigenen Kanal hält und dessen Eltern selbst eher klein gewachsen sind, braucht in aller Regel keine Sorge und keine Behandlung. Ein Kind, das seinen Kanal verlässt – egal ob nach oben oder nach unten –, verdient dagegen eine genauere Abklärung, unabhängig davon, wo es auf der Perzentilenkurve steht.

71 Wie Wachstum in der Ordination beurteilt wird

In der Praxis stützt sich diese Beurteilung auf drei Werkzeuge, die in diesem Kapitel bereits einzeln vorgekommen sind: die Wachstumskurve im Mutter-Kind-Pass beziehungsweise in der Ordinationskartei, die elterliche Zielgröße als grobe Orientierung mit einer Marge von rund 6 Zentimetern, und bei Bedarf das Knochenalter als objektiver Reifemarker. Keines dieser drei Werkzeuge funktioniert für sich allein; erst im Zusammenspiel ergeben sie ein verlässliches Bild.

Für Eltern bedeutet das: Wenn in der Ordination mehrmals gemessen und dokumentiert wird, statt sofort eine Diagnose zu stellen, ist das kein Zeichen von Unsicherheit, sondern die korrekte Vorgehensweise. Wachstum ist ein Prozess, der sich nur über die Zeit beurteilen lässt – eine einzelne Momentaufnahme, wie im ersten Kapitel dieses Ratgebers zu den Tanner-Stadien bereits festgehalten, sagt darüber allein wenig aus.

72 Was in diesem Kapitel unsicher bleibt

Zur Ehrlichkeit gegenüber den Eltern gehört auch eine Zusammenfassung dessen, was in diesem Kapitel nicht sicher belegt ist. Der Gesamt-Höhengewinn der Pubertät in Zentimetern schwankt zwischen den Quellen erheblich, und eine oft zitierte Version dieser Zahl gilt in der englischsprachigen Recherche ausdrücklich als nicht verifiziert. Die Kriterien für eine Wachstumshormontherapie in Österreich liegen in keinem der ausgewerteten Berichte vor. Und die aktuellen italienischen Körpergrößen-Durchschnittswerte sind ebenfalls nicht direkt verifiziert.

Diese Lücken sind kein Zufall, sondern spiegeln wider, wie unterschiedlich gut verschiedene Aspekte des Wachstums erforscht sind: Die zeitliche Abfolge und die Lage des Wachstumsgipfels sind gut belegt, die exakten Zentimeterwerte weniger, und die Praxis der Wachstumshormontherapie im deutschsprachigen Raum ist in den vorliegenden Quellen gar nicht abgebildet.

73 Zusammenfassung: das Wichtigste zu Wachstum und Endgröße

Drei Aussagen tragen dieses Kapitel. Erstens: Der Wachstumsschub liegt bei Mädchen früh und bei Buben spät, weshalb Buben zu Beginn ihrer Pubertät oft noch klein wirken und ihren stärksten Wachstumsabschnitt meist erst später erleben. Zweitens: Die Endgröße eines Kindes lässt sich am besten nicht an einem einzelnen Wert, sondern am Verlauf über die Zeit beurteilen – am Wachstumskanal, an der elterlichen Zielgröße mit ihrer Marge von rund 6 Zentimetern, und bei Bedarf am Knochenalter.

Drittens: Wachstumshormon ist keine Wunderlösung und keine Option für ein Kind ohne nachgewiesene medizinische Ursache – das zeigen sowohl die chinesische Behördenwarnung als auch die koreanischen Zahlen zu Verschreibungen und Nebenwirkungen sehr deutlich, auch wenn für Österreich selbst keine eigenen Zahlen vorliegen. Wer sich als Elternteil um die Größe des eigenen Kindes sorgt, findet in diesem Kapitel vor allem eine Botschaft: Die allermeisten Abweichungen sind Varianten der elterlichen Veranlagung, nicht Anzeichen einer Erkrankung – und wo Zweifel bleiben, ist die Wachstumskurve in der Ordination der verlässlichere Ratgeber als der Vergleich mit anderen Kindern.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was in der Pubertät geschieht Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wann es losgeht Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Zu früh: Pubertas praecox Abschnitt 28–43 · 16
  4. 4. Zu spät: verzögerte Pubertät Abschnitt 44–55 · 12
  5. 5. Wachstum und Endgröße Abschnitt 56–73 · 18
  6. 6. Knochen und Ernährung Abschnitt 74–85 · 12
  7. 7. Der veränderte Schlaf Abschnitt 86–97 · 12
  8. 8. Das Gehirn in der Pubertät Abschnitt 98–109 · 12
  9. 9. Körperbild und Essstörungen Abschnitt 110–125 · 16
  10. 10. Haut, Schweiß und Geruch Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Zyklus und Menstruation Abschnitt 138–155 · 18
  12. 12. Die Entwicklung bei Buben Abschnitt 156–169 · 14
  13. 13. Sexuelle Gesundheit und Aufklärung Abschnitt 170–187 · 18
  14. 14. Risikoverhalten Abschnitt 188–201 · 14
  15. 15. Miteinander auskommen Abschnitt 202–215 · 14
  16. 16. In der Ordination Abschnitt 216–225 · 10
  17. 17. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 226–239 · 14