Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.
Mobbing, Schule und Leistungsdruck
Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt
Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.
Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.
Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.
Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.
50 Wie die Zahlen in diesem Kapitel zu lesen sind
Dieses Kapitel enthält viele Kennzahlen. Damit sie nicht bedrohlicher wirken, als sie sind, hier vorab die Lesehilfe.
Ein , abgekürzt OR, vergleicht Chancen. OR = 2,21 für Depression heißt: Die Chance, eine Depression zu entwickeln, ist bei gemobbten Kindern gut doppelt so hoch wie bei nicht gemobbten. Es heißt nicht, dass jedes zweite gemobbte Kind depressiv wird.
Ein Korrelationskoeffizient r beschreibt, wie eng zwei Dinge zusammenhängen. Er reicht von minus 1 bis plus 1; ein negatives Vorzeichen bedeutet einen gegenläufigen Zusammenhang. Je weiter der Wert von null entfernt liegt, desto enger der Zusammenhang.
Ein , geschrieben als 95-%-KI, gibt den Bereich an, in dem der wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Ein enges Intervall bedeutet ein sicheres Ergebnis, ein weites ein unsicheres.
Entscheidend ist der Studientyp. Ein Querschnitt misst alles zum selben Zeitpunkt und kann nie sagen, was Ursache und was Folge ist. Eine misst zweimal und kann eine zeitliche Reihenfolge zeigen. Die fasst viele Studien zusammen.
Kein einziger Wert in diesem Kapitel sagt etwas über ein bestimmtes Kind voraus. Alle beschreiben Gruppenunterschiede.
51 Die große Folgenmetaanalyse
Die meistzitierte Zusammenfassung zu den Folgen von Mobbing im Kindes- und Jugendalter hat 317 Studien auf Eignung geprüft und 165 eingeschlossen. Sie findet durchgängig statistisch bedeutsame Zusammenhänge mit psychischen und körperlichen Problemen. Auch das österreichische HBSC-Factsheet stützt sich auf diese Arbeit.
Die Ergebnisse als s mit 95-%-:
Depression: OR = 2,21 (1,34–3,65), aus 92 Studien
Angststörung: OR = 1,77 (1,34–2,33), aus 58 Studien
Schlechte allgemeine Gesundheit: OR = 1,83 (1,45–2,31), aus 29 Studien
Suizidgedanken: OR = 1,77 (1,56–2,02), aus 105 Studien
Suizidversuche: OR = 2,13 (1,66–2,73), aus 48 Studien
Tabakkonsum: OR = 1,62 (1,31–1,99), aus 35 Studien
Illegaler Drogenkonsum: OR = 1,41 (1,10–1,81), aus 34 Studien
Die stärkste Evidenz für einen ursächlichen Zusammenhang sehen die Autorinnen und Autoren bei Depression, Angst, schlechter allgemeiner Gesundheit sowie Suizidgedanken und suizidalem Verhalten.
Wenn Ihr Kind gemobbt wird und Sie das beenden, dann tun Sie damit nicht nur etwas gegen ein unangenehmes Erlebnis. Sie tun etwas gegen einen belegten Risikofaktor für seine Gesundheit. Bei Suizidgedanken ist Rat auf Draht unter 147 rund um die Uhr erreichbar.
Was Mobbing an seelischer Gesundheit kostet
Aus einer Zusammenschau von 165 Einzelstudien. Die Zahlen geben an, um welchen Faktor die Chance auf das jeweilige Ergebnis bei gemobbten Kindern höher liegt als bei nicht gemobbten. Tippen Sie auf eine Kachel für die Erklärung.
DepressionOR = 2,21gegenüber nicht gemobbten Kindern
Das Odds Ratio vergleicht die Chance auf ein Ereignis zwischen zwei Gruppen. 1 bedeutet: kein Unterschied. 2,21 heißt: Bei gemobbten Kindern ist die Chance auf eine Depression rund doppelt so hoch.
Was diese Zahl nicht sagt: wie häufig Depression überhaupt ist. Eine Verdoppelung einer seltenen Sache bleibt selten. Deshalb steht im Text, wie viele Kinder betroffen sind – erst beides zusammen ergibt ein Bild.
Und: Der Zusammenhang beweist für sich genommen keine Ursache. Dass er in Längsschnittstudien auch dann bestehen bleibt, wenn Mobbing zeitlich vorausgeht, ist das stärkste Argument dafür, dass hier tatsächlich etwas verursacht wird.
AngststörungOR = 1,77gegenüber nicht gemobbten Kindern
1,77 bedeutet eine um rund siebenundsiebzig Prozent erhöhte Chance – nicht „77 Prozent der Kinder". Der Unterschied ist entscheidend.
Anschaulich: Wenn eine Angststörung sonst fünf von hundert Kindern betrifft, wären es unter gemobbten Kindern etwa neun von hundert. Die große Mehrheit entwickelt also keine Angststörung, und die Erhöhung ist trotzdem bedeutsam.
SuizidgedankenOR = 1,77Hilfe rund um die Uhr: 147
Auch hier gilt: 1,77 ist eine Erhöhung der Chance um rund siebenundsiebzig Prozent, keine Aussage darüber, wie viele Kinder betroffen sind. Dieser Wert stammt aus 105 Einzelstudien.
Dieselbe Zusammenschau nennt für Suizidversuche einen eigenen, höheren Wert: OR = 2,13 aus 48 Studien. Gedanken und Versuche sind also getrennt ausgewertet, und der Schritt vom einen zum anderen ist derjenige, der zählt. Wenn im Text beide Zahlen vorkommen, ist das kein Widerspruch.
Für den Alltag ist die Zahl weniger wichtig als der Umgang damit: Suizidgedanken werden angesprochen, nicht umgangen. Danach zu fragen erhöht das Risiko nicht – das ist eine der am besten belegten Aussagen dieses Bereichs.
Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142.
Am stärksten wirktAusschlussnicht der Faustschlag
Von allen Formen hat die relationale – also Ausschluss, Gerüchte, absichtliches Übersehen – die stärksten Zusammenhänge mit späteren seelischen Beschwerden. Stärker als körperliche Gewalt.
Das ist praktisch bedeutsam, weil genau diese Form von außen am schwersten zu sehen ist. Wo nichts passiert, sieht man auch nichts. Ein Kind, das in keiner Gruppe mehr vorkommt, ist deshalb kein „Einzelgänger von Natur aus", solange das nicht geprüft wurde.
Alle Werte stammen aus derselben Zusammenschau von 165 Einzelstudien, jeder aus einer eigenen Teilauswertung mit eigener Studienzahl – deshalb stehen für Suizidgedanken und Suizidversuche zwei verschiedene Werte nebeneinander. Zwei Einordnungen gehören dazu: Anhaltende Betroffenheit erhöht das Risiko zusätzlich, und frühes Beenden verringert es messbar. Aussitzen in der Hoffnung, dass es sich auswächst, ist die einzige Vorgehensweise, für die es keine Belege gibt.
52 Depression
Der Zusammenhang mit späterer Depression ist der am besten untersuchte. Er zeigt sich über sehr verschiedene Länder und Kohorten hinweg.
Eine Übersicht über 24 aus den USA, Großbritannien, Irland, Dänemark, Schweden, Südafrika, China, Rumänien, der Türkei, Finnland, Kanada und Burkina Faso hat Kinder von wenigen Monaten bis zu etwa einem Jahrzehnt nachbeobachtet.
Zwei große Geburtskohorten liefern die Eckwerte. In der britischen ALSPAC-Kohorte lag das für spätere Depression bei OR = 2,3 mit 1,8–3,0. In der amerikanischen GSMS-Kohorte lag es bei OR = 4,7 mit 95-%-KI 2,5–8,9.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Werten ist beträchtlich, und er wird hier nicht geglättet. Er zeigt, wie stark das Umfeld mitbestimmt: Zwei methodisch solide Kohorten in zwei Ländern kommen zu einem Risiko, das sich um mehr als das Doppelte unterscheidet. Das breite Konfidenzintervall der zweiten Kohorte weist zudem auf eine kleinere Fallzahl hin.
Bemerkenswert ist außerdem ein Dosis-Muster: Wiederholte oder anhaltende Betroffenheit erhöht das Risiko zusätzlich.
53 Angst, und warum sie in beide Richtungen wirkt
Bei der Angst liegt der methodisch sauberste Befund vor, weil eine ausschließlich ausgewertet und beide Wirkrichtungen getrennt berechnet hat.
Mobbing sagt spätere Angst vorher: Viktimisierung zum ersten Messzeitpunkt und Angst zum zweiten hängen mit zusammen, 0,17–0,27, .
Angst sagt spätere Mobbingerfahrung vorher: r = 0,21, 95-%-KI 0,16–0,26.
Die beiden Werte sind fast gleich groß. Das bedeutet, dass es sich um einen Kreislauf handelt und nicht um eine Einbahnstraße. Ein ängstliches Kind wird eher zur Zielscheibe, und ein Kind, das zur Zielscheibe wird, wird ängstlicher.
Für die Praxis hat das eine wichtige Folge: Die Behandlung einer bestehenden Angststörung ist zugleich Mobbingprävention. Wer die Angst behandelt, senkt auch das Risiko, weiter angegriffen zu werden.
Nach Form aufgeschlüsselt: relationale Viktimisierung und Angst r = 0,33, offene direkte Viktimisierung und Angst r = 0,25, Cyberviktimisierung und Angst r = 0,14. In der Gegenrichtung sagt Angst Cyberviktimisierung mit r = 0,17 vorher.
Grundlage sind 14 Längsschnittstudien mit 11.307 Teilnehmenden.
54 Schlaf
Schlafstörungen gehören zu den frühesten und am besten messbaren Folgen.
In Österreich haben 32,1 Prozent der Mädchen und 23,2 Prozent der Burschen mehrmals pro Woche oder täglich Einschlafschwierigkeiten, insgesamt 27,9 Prozent. Das ist nach der Gereiztheit die zweithäufigste Beschwerde. Diese Zahl gilt für alle Schulkinder, nicht nur für gemobbte.
Wie stark Mobbing hier hineinspielt, zeigt eine sehr große chinesische Erhebung mit 82.873 Teilnehmenden. In der Gesamtstichprobe lag die Rate für Schlaflosigkeit bei 28,8 Prozent. Für Jugendliche, die alle drei erfassten Mobbingformen zugleich erlebten, lag das adjustierte bei aOR 4,89 mit 4,57–5,23.
Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Es handelt sich um einen Querschnitt, der keine Ursache-Wirkungs-Richtung belegen kann. Gemessen wurden Screening-Ergebnisse aus Fragebögen, keine ärztlichen Diagnosen. Die Instrumente entsprechen nicht denen der europäischen Erhebungen. Die Richtung und der Dosis-Wirkungs-Verlauf sind übertragbar, die Größenordnung nicht.
Praktisch zählt vor allem, dass Schlafmangel und seelische Belastung sich gegenseitig verstärken. Ein Kind, das abends nicht abschalten kann, weil es an den nächsten Schultag denkt, schläft schlechter, ist tagsüber weniger belastbar und gerät leichter in weitere Konflikte.
55 Körperliche Beschwerden und die allgemeine Gesundheit
Der Zusammenhang mit körperlicher Gesundheit ist real und nicht eingebildet. In der großen Folgenmetaanalyse liegt das für schlechte allgemeine Gesundheit bei OR = 1,83 mit 1,45–2,31, berechnet über 29 Studien.
Das österreichische Factsheet nennt als körperliche Folgen ausdrücklich chronische Kopf- oder Bauchschmerzen.
Wie eng Körper und Stimmung im Schulalter zusammenhängen, zeigt die bereits genannte japanische Untersuchung an 2.268 Kindern zwischen 10 und 15 Jahren: Vier wiederkehrende Beschwerden gingen mit einem 16,4-fach höheren Risiko für depressive Symptome einher, und rund 86 Prozent der Kinder mit depressiven Symptomen berichteten mindestens ein körperliches Symptom mindestens einmal im Monat.
Aus Italien liegt eine Zahl vor, die zeigt, wie oft daraus Medikamentengebrauch wird. Dort berichteten 48 Prozent der Buben und 74 Prozent der Mädchen mindestens zwei Beschwerden mehr als einmal pro Woche, gegenüber 43 und 62 Prozent im Jahr 2018. Und 61 Prozent der Befragten gaben an, wegen mindestens eines dieser Symptome zu Medikamenten gegriffen zu haben.
Die italienischen Werte liegen deutlich über den österreichischen und sind nicht übertragbar; der Ländervergleich auf demselben Instrument weist Italien in fast allen psychoaffektiven Symptomen als Ausreißer aus. Übertragbar ist die Warnung: Ein Kind, das regelmäßig ein Schmerzmittel nimmt, um in die Schule zu kommen, braucht eine Abklärung.
56 Selbstwert und Schulleistung
Der Weg von Mobbing zu schlechteren Noten führt nicht über fehlende Zeit zum Lernen, sondern über das Selbstbild.
Die dazu findet einen Zusammenhang zwischen Mobbingbetroffenheit und Schulleistung von ,62 mit 0,49–0,79. Werte unter 1 bedeuten hier schlechtere Leistung.
Die drei geprüften Zwischenschritte, wieder als Odds Ratios: schulisches Engagement OR = 0,571 mit 95-%-KI 0,43–0,77, Motivation OR = 0,82 mit 95-%-KI 0,69–0,97, und Selbstwert OR = 0,12 mit 95-%-KI 0,07–0,20. Der Selbstwert ist mit Abstand der stärkste Vermittler.
Es geht also nicht darum, dass ein gemobbtes Kind zu erschöpft zum Lernen wäre. Es geht darum, dass es aufhört, sich etwas zuzutrauen.
Eine chinesische Großerhebung zeigt dieselbe Kette an konkretem Verhalten. Bei Kindern ohne Depressionsrisiko machten 4 Prozent die Hausaufgaben nicht oder schrieben ab, bei Kindern mit hohem Risiko 17,1 Prozent. Bei der Aussage „Lernen ist für mich sinnlos" lag der Anteil bei unter 5 Prozent gegenüber 28,9 Prozent. Diese Werte sind Screening-Auffindungsraten aus einer staatlichen chinesischen Erhebung ohne unabhängige Prüfung; übertragbar ist der Mechanismus, nicht die Höhe.
Daraus folgt eine praktische Regel: Bei einem Leistungsabfall ohne erkennbaren Grund ist mehr Nachhilfe die falsche erste Antwort.
57 Selbstverletzung
Selbstverletzung ist kein Aufmerksamkeitsheischen. Sie ist ein Zeichen dafür, dass ein Kind seelischen Schmerz anders nicht mehr bewältigt.
Der Zusammenhang zu Mobbing ist gut belegt. In der Dachübersicht über 56 war Selbstverletzung und suizidales Verhalten der stärkste Zusammenhang der gesamten Auswertung, mit einem Median von bei einer Spanne von 0,04 bis 0,40.
Aus Brasilien liegt eine sehr direkte Zahl vor. Unter den Jugendlichen, die Selbstverletzung als Hauptursache ihrer Verletzung angaben, hatten 69,2 Prozent Mobbing erlebt, ein Anstieg um 4,1 gegenüber 2019. In derselben Gruppe berichteten 73,0 Prozent, immer oder meistens traurig zu sein, und 67,6 Prozent Gereiztheit oder Nervosität. Selbstverletzung als Hauptursache gaben 4,7 Prozent aller Befragten an, gegenüber 5,2 Prozent im Jahr 2019.
Bei Selbstverletzung gehört also die Frage nach der Schule zwingend ins Gespräch.
Wichtig ist eine sprachliche Unterscheidung, die nicht verwischt werden darf. Nicht-suizidale Selbstverletzung und Suizidversuch sind zwei verschiedene Dinge. Die koreanische amtliche Statistik trennt sie ausdrücklich, und der auswertende Bericht warnt davor, beides zu vermengen. Ein Kind, das sich verletzt, will in der Regel nicht sterben. Es ist aber messbar gefährdeter als ein Kind, das das nicht tut.
Die amtliche japanische Elternaufklärung formuliert die Haltung in drei Sätzen: Selbstverletzung sei ein Beweis dafür, dass die Seele des Kindes ein Notsignal sende; man solle das Kind dafür nicht beschuldigen; und wenn es fortgesetzt geschehe, führe es nicht selten längerfristig in Suizidalität.
Wenn Sie bei Ihrem Kind Selbstverletzungen entdecken, holen Sie sich noch am selben Tag Unterstützung. Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und auch für Bezugspersonen erreichbar.
58 Suizidgedanken und Suizidversuche
Dieser Abschnitt nennt Zahlen, weil sie für die Einordnung nötig sind. Er beschreibt keine Einzelfälle und keine Methoden.
Die große Folgenmetaanalyse findet für gemobbte Kinder ein von OR = 1,77 mit 1,56–2,02 für Suizidgedanken, berechnet über 105 Studien, und OR = 2,13 mit 95-%-KI 1,66–2,73 für Suizidversuche, berechnet über 48 Studien.
Für Cybermobbing liegen adjustierte Schätzer aus der kanadischen Bundesstatistik vor: Suizidgedanken bei den 15- bis 17-Jährigen mit einem Chancenverhältnis von 3,10 und 95-%-KI 2,50–3,80, Suizidversuche mit 3,17 und 95-%-KI 2,40–4,20. Grundlage sind 13.602 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren.
Aus einer brasilianischen ökonometrischen Auswertung an 157.761 Beobachtungen stammt eine anders gerechnete Größe: Mobbing erhöht die Wahrscheinlichkeit, den Sinn des Lebens infrage zu stellen, um 6,3 Prozent. Rund 25 Prozent der Jugendlichen, die von Mobbing berichteten, gaben an, keinen Sinn im Leben zu sehen. Diese Werte stammen aus brasilianischen Daten von 2019; übertragbar ist die Richtung, nicht die Größenordnung.
Eine Zahl aus Italien wird hier ausdrücklich mit Einschränkung genannt: Die italienische Gesellschaft für Kinderheilkunde berichtet für den Zusammenhang zwischen Cybermobbing und Suizidgedanken ein Odds Ratio von 3,54. Die zugrunde liegende Primärstudie wird in dem Beitrag nicht genannt, und der Beitrag ist nicht begutachtet. Die Zahl ist deshalb als Sekundärzitat ohne benannte Primärstudie zu behandeln.
Warnzeichen, die keinen Aufschub dulden, sind: direkte oder angedeutete Äußerungen, nicht mehr leben zu wollen, übermäßige Beschäftigung mit dem Tod, Gespräche über eine Wiedervereinigung mit Verstorbenen, ausgeprägte Schuldgefühle und die Aussage, das eigene Leben sei nichts mehr wert. Das nationale psychiatrische Zentrum Koreas hebt ein besonders leicht fehlgedeutetes Zeichen hervor: die plötzliche Beruhigung nach einer Phase von Unruhe und Angst.
Sofortiger Fachkontakt ist angezeigt bei ernsthafter Suizidabsicht oder einem konkreten Plan, bei deutlicher Veränderung von Schlaf oder Gewicht, bei Schwierigkeiten in Schule und Freundeskreis und bei schwerem Elternkonflikt.
Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142.
59 Was diese Zahlen nicht bedeuten
Nach einer solchen Aufzählung ist eine Einordnung nötig, sonst richtet der Text mehr Schaden an als Nutzen.
Ein erhöhtes ist keine Vorhersage. OR = 2,13 für Suizidversuche bedeutet, dass die Chance rund doppelt so hoch ist wie in der Vergleichsgruppe. Wenn ein Ereignis selten ist, bleibt es auch bei doppelter Chance selten. Die absolute Zahl steigt entsprechend der Ausgangshäufigkeit, nicht auf einen Anteil von 100 Prozent.
Zweitens: Die meisten dieser Zusammenhänge stammen aus Beobachtungsstudien. Sie zeigen, dass zwei Dinge zusammen auftreten. Sie beweisen nicht, dass das eine das andere verursacht. Bei Angst wissen wir aus den daten sogar, dass der Zusammenhang in beide Richtungen läuft.
Drittens: Diese Zahlen sind Gruppenwerte. Die überwiegende Mehrheit der Kinder, die Mobbing erlebt haben, entwickelt keine Depression und wird nicht suizidal.
Und viertens, das ist der wichtigste Punkt: Diese Zusammenhänge sind veränderbar. Zwei unabhängige Auswertungen zeigen ein Dosis-Wirkungs-Muster, bei dem wiederholte und anhaltende Betroffenheit das Risiko zusätzlich erhöht. Was daraus folgt, ist eine gute Nachricht: Wer das Mobbing früh beendet, verkürzt die Dosis.
Wenn Sie sich beim Lesen dieses Kapitels Sorgen um Ihr Kind machen: Das ist ein Grund für ein Gespräch, nicht für Panik. Bei Suizidgedanken ist 147 rund um die Uhr erreichbar.
60 Die Folgen von Cybermobbing im Einzelnen
Für Cybermobbing liefert die Dachübersicht über 56 mit 296 den breitesten Überblick. Die Einzelstichproben reichen von 421 bis 1.136.080 Personen.
Die Ergebnisse als Median-Korrelationen:
Internalisierende Probleme, also Angst, Depression und Einsamkeit: , Spanne −0,04 bis 0,35
Selbstverletzung und suizidales Verhalten: r = 0,29, Spanne 0,04 bis 0,40
Positive Merkmale wie Empathie und Lebenszufriedenheit: r = −0,150, Spanne −0,310 bis −0,003
Der stärkste dieser Zusammenhänge betrifft also Selbstverletzung und Suizidalität. Wenn Ihr Kind online angegriffen wird, gehört die Frage danach ausdrücklich gestellt; Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und auch für Bezugspersonen erreichbar.
Der Schutzfaktor elterliche Unterstützung liegt bei r = −0,08 mit einer Spanne von −0,18 bis 0,01. Das ist ein realer, aber schwacher Effekt. Es wäre unredlich, Eltern zu erzählen, ihre Zuwendung allein löse das Problem.
Aus Kanada liegen adjustierte Schätzer vor: mittelmäßige oder schlechte psychische Gesundheit mit einem von 2,33 und 1,90–2,90, Depression oder Angststörung mit 1,78 und 95-%-KI 1,50–2,20, Symptome einer Essstörung mit 1,95 und 95-%-KI 1,70–2,20.
Eine chinesische Pfadanalyse an 5.000 Mittelschülern erklärt einen Mechanismus, den Eltern häufig falsch deuten. Mobbingerfahrung erhöht depressive Symptome mit , und diese erhöhen die problematische Internetnutzung mit β = 0,35. Der direkte Weg von Mobbing zur Internetnutzung ist mit β = 0,05 viel schwächer. Wenn ein Kind nach einer Mobbingphase „nur noch am Handy hängt", ist das häufiger ein Depressionszeichen als ein Disziplinproblem.
61 Die Dosis: wie viel und wie lange
Zwei Muster laufen durch das gesamte Material: Je mehr Formen gleichzeitig, desto schwerer die Folgen, und je länger, desto schwerer.
Zur Anzahl der Formen: Die chinesische Erhebung an 82.873 Jugendlichen verglich Kinder, die alle drei erfassten Mobbingrollen zugleich erlebten, mit Nichtbetroffenen. Die adjustierten se lagen bei 4,89 für Schlaflosigkeit mit 4,57–5,23, bei 11,42 für Angst mit 95-%-KI 10,55–12,36, bei 11,52 für Depression mit 95-%-KI 10,58–12,53 und bei 15,48 für posttraumatische Belastungssymptome mit 95-%-KI 14,17–16,92.
Diese Werte sind sehr groß und dürfen wegen des Querschnittdesigns keinesfalls als Kausalität gelesen werden. Sie beruhen auf Screening-Fragebögen und nicht auf Diagnosen, und die Instrumente entsprechen nicht denen europäischer Erhebungen. Was übertragbar ist, ist die Richtung und der stufenweise Anstieg.
Zur Dauer: Die Übersicht über 24 hält ausdrücklich ein Dosis-Wirkungs-Muster fest, bei dem wiederholte oder anhaltende Betroffenheit das Risiko zusätzlich erhöht.
Und die Dauer ist keine Kleinigkeit. In der spanischen Erhebung nehmen 28,2 Prozent der Schülerschaft wahr, dass die Mobbingsituation länger als ein Jahr andauert; beim Cybermobbing sind es 15,8 Prozent, mit einem Anstieg um 5,9 . Diese spanischen Werte stammen aus einer Sekundärquelle und einer Gelegenheitsstichprobe.
Daraus folgt der praktisch wichtigste Satz dieses Kapitels: Frühes Beenden wirkt, Aussitzen nicht.
62 Wer das höchste Risiko trägt: die Doppelrolle
Entgegen der Erwartung tragen nicht die reinen Opfer das höchste psychische Risiko, sondern die Kinder, die beides zugleich sind.
Eine westchinesische Studie mit 3.115 Teilnehmenden hat Opfer, Täter und Täter-Opfer getrennt ausgewertet, adjustiert für Alter, Klassenstufe, ethnische Zugehörigkeit, Rauchen und Alkohol. Das Depressionsrisiko lag bei Opfern bei AOR 1,98 mit 1,61–2,45, bei Tätern bei AOR 2,63 mit 95-%-KI 1,81–3,82 und bei Täter-Opfern bei AOR 3,33 mit 95-%-KI 2,44–4,54, alle mit . Das Risiko stieg zusätzlich mit der Häufigkeit des Mobbings.
Die Rangfolge ist übertragbar, die Effektgröße nicht.
Diese Gruppe ist im Schulalltag am schwersten zu erkennen, weil sie auffällt, aber falsch eingeordnet wird. Ein Kind, das andere schlägt und selbst geschlagen wird, gilt als Problemkind. Dass es zugleich das höchste Depressionsrisiko trägt, sieht niemand.
Wie groß diese Gruppe ist, weisen nur wenige Erhebungen aus. In Deutschland lag der Anteil der Kinder, die zugleich mobbten und gemobbt wurden, bei 1,9 Prozent, bei Mädchen bei 1,1, bei Jungen bei 2,5 und bei gender-diversen Jugendlichen bei 6,9 Prozent. In der portugiesischen Regierungserhebung waren 7,7 Prozent Täter, Opfer und Zeuge zugleich und 0,6 Prozent Täter und Opfer. Für Österreich wird die Doppelrollenquote nicht gesondert ausgewiesen.
Praktisch heißt das: Bei Schlafstörungen, Rückzug oder Reizbarkeit gehört die Frage nach Mobbing in beide Richtungen zur Abklärung.
63 Folgen für die Kinder, die mobben
Mobbing schadet auch denen, die es ausüben. Die österreichische Schulpsychologie hält das ausdrücklich fest.
Danach zeigen Täterinnen und Täter schlechtere Schulleistungen und ein erhöhtes Suizidrisiko, ebenso wie die Opfer. Bei den Tätern kommen später erhöhte Raten von Substanzmissbrauch und Kriminalität hinzu. Auch für ein Kind, das mobbt, gilt daher: Bei Anzeichen von Suizidalität ist Rat auf Draht unter 147 rund um die Uhr erreichbar.
Zum zeitlichen Verlauf heißt es dort weiter: Mobber behalten ihr negatives Verhalten bei, wenn Erwachsene nicht intervenieren; einmal erlernte negative Verhaltensmuster persistieren oft ins Erwachsenenalter.
Diese amtliche Aussage ist ohne bezifferte formuliert. Sie steht damit auf schwächerer Grundlage als die Zahlen der vorangehenden Abschnitte, kommt aber von der zuständigen österreichischen Fachstelle.
Der Satz, der daraus folgt, gilt in beide Richtungen: Wenn Erwachsene nicht eingreifen, hört Mobbing nicht von selbst auf. Der Leitfaden des Bildungsministeriums formuliert es aus Sicht der Schule sogar schärfer: Wenn Lehrkräfte Gewalt und Mobbing ignorieren, wird das von den Schülerinnen und Schülern als direkte Unterstützung der Gewaltausübung wahrgenommen.
Wenn Sie erfahren, dass Ihr Kind zu den Tätern gehört, ist das ein Grund einzugreifen, und zwar auch um Ihres Kindes willen. Es ist kein Grund für Beschämung.
64 Folgen für die ganze Klasse
Die österreichische Schulpsychologie stellt ausdrücklich klar, dass nicht nur Täter und Opfer betroffen sind, sondern dass ganze Klassen involviert sind, und dass Zuschauen oder Mitmachen mitverantwortlich macht.
Das ist keine moralische Belehrung, sondern eine Beschreibung des Geschehens. Die fünf Rollen im amtlichen Modell lauten: Täterinnen und Täter, Assistentinnen und Assistenten, Unterstützerinnen und Unterstützer, Verstärkerinnen und Verstärker sowie Zuseherinnen und Zuseher. Vier dieser fünf Rollen schlagen niemanden.
Für die Kinder in den hinteren Rollen hat das Konsequenzen. Sie erleben täglich, dass Unrecht geschieht und dass es funktioniert. Sie lernen, dass Wegsehen sicher ist. Und sie tragen die Angst mit sich, als Nächste dran zu sein, was auch der Grund ist, warum Kinder sich Tätergruppen anschließen.
Deshalb greifen Lösungen zu kurz, die nur zwei Kinder adressieren. Der amtliche österreichische Leitfaden sieht ein Vorgehen im Lehrkräfteteam vor, und die Interventionslogik zielt auf die Klasse.
Wenn Ihr Kind Ihnen erzählt, dass in seiner Klasse jemand anderes gemobbt wird, ist das ein wichtiger Moment. Es ist eine Meldung, kein Petzen, und Ihr Kind braucht dafür Rückendeckung.
65 Wo die Forschung dünn ist
Zum Abschluss dieses Kapitels drei Stellen, an denen häufig zitierte Zahlen keiner Prüfung standhalten. Sie werden hier genannt, damit Sie sie wiedererkennen.
Die französische Übersicht zu Langzeitfolgen
Ein französischer Übersichtsartikel zu Langzeitfolgen war nur im Abstract zugänglich. Die daraus kursierenden Angaben, nämlich 28 , ein verdoppeltes Depressionsrisiko und ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko einer psychischen Erkrankung bis zum Alter von 25 Jahren, ließen sich nicht prüfen und sind nicht verifiziert. Sie sollten so nicht übernommen werden. Als belastbarer Ersatz dienen die adjustierten se aus der kanadischen Erhebung.
Die spanischen Cybermobbing-Effektstärken
Eine spanischsprachige zu Cybermobbing und psychischen Folgen mit überprüfbaren wurde nicht gefunden. Kursierende Werte im Bereich bis 0,35 und OR über 2,15 tauchten nur in einer Suchzusammenfassung mit Verweis auf eine wenig etablierte Zeitschrift auf und konnten nicht verifiziert werden.
Die Anzahl der Studien zur Schulleistung
Die zum Zusammenhang mit der Schulleistung ist mit elf eingeschlossenen Studien klein, auch wenn insgesamt 257.247 Teilnehmende eingingen. Der Befund ist plausibel und in sich stimmig, steht aber auf schmalerer Basis als der zu Depression und Angst.
Ein letzter Punkt zur Aktualität: Es gibt hier keinen österreichischen Datensatz, der die Folgen von Mobbing bei österreichischen Kindern direkt misst. Alle in diesem Kapitel stammen aus internationalen Metaanalysen und aus Erhebungen anderer Länder.
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