Ein Kind, das morgens nicht aufstehen kann, ist selten faul. Die Abgrenzung von Schulangst, Schulphobie und Schwänzen entscheidet darüber, was hilft.

  • Abschnitt 176 bis 187 von 213
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

176 Drei Begriffe, die oft verwechselt werden

Im ersten Teil dieses Ratgebers ging es bereits darum, was Sie tun können, wenn Ihr Kind nicht mehr in die Schule gehen will oder kann. Dieses Kapitel liefert dazu den fachlichen Hintergrund: was genau gemeint ist, wenn von Schulangst gesprochen wird, wie zuverlässig sich das behandeln lässt, und was die österreichische Rechtslage zum Fernbleiben von der Schule tatsächlich vorsieht.

Das öffentliche Gesundheitsportal des Bundes unterscheidet drei Begriffe, die im Alltag oft durcheinandergehen. Schulangst ist der Oberbegriff für verschiedene Ängste in Bezug auf die Schule selbst — dazu zählen Mobbing-Ängste, Kritikfurcht und Prüfungsängste. Soziale Ängstlichkeit bezieht sich auf die Angst vor sozialen Situationen innerhalb der Schule, unabhängig von einem konkreten Mobbinggeschehen. Schulphobie schließlich ist ein eigener Begriff für eine Angst, bei der die Trennung von den Bezugspersonen im Vordergrund steht, oft begleitet von körperlichen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen — hier geht es also weniger um die Schule selbst als um das Getrenntsein von zu Hause. Als Risikofaktoren nennt die Quelle Überforderung, Lernschwierigkeiten, ADHS, mangelnde Prüfungsvorbereitung, hohe Erwartungen und zwischenmenschliche Konflikte. Diese Unterscheidung ist mehr als Begriffshaarspalterei: Sie bestimmt, welche Hilfe tatsächlich passt.

177 Schulschwänzen ist nicht dasselbe wie Schulverweigerung

Die deutschsprachige kinder- und jugendpsychiatrische Fachliteratur trifft eine zweite, ebenso wichtige Unterscheidung: zwischen Schulschwänzen und angstbedingter Schulverweigerung. Schulschwänzen ist ein nach außen gerichtetes (externalisierendes) Verhalten, bei dem die Eltern meist nicht wissen, dass ihr Kind nicht in der Schule ist. Angstbedingte Schulverweigerung ist dagegen ein nach innen gerichtetes (internalisierendes) Geschehen: Das Kind bleibt zu Hause, und die Eltern wissen davon — oft sind sie sogar aktiv daran beteiligt, weil sie den sichtbaren Leidensdruck ihres Kindes nicht länger mit ansehen wollen.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil beide völlig unterschiedliche Hilfe brauchen. Eine aktuelle deutsche Übersichtsarbeit fasst zusammen: „Schulabsentismus geht nicht selten mit psychischen Störungen einher und ist ein sich entwickelnder Prozess. Deshalb gilt es, eine Chronifizierung durch frühe multidisziplinäre Interventionen zu vermeiden. Ziel ist die Reintegration in die Heimatschule." Zur Häufigkeit: Bis zu 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen in Deutschland geben an, im Laufe ihrer bisherigen Schulzeit schon einmal absichtlich ferngeblieben zu sein — das umfasst allerdings jedes einzelne Fernbleiben, nicht nur chronische Fälle, und ist eine deutsche, keine österreichische Zahl.

178 Was es an Leitlinien nicht gibt

An dieser Stelle gehört eine unbequeme Ehrlichkeit hin. Für Schulabsentismus und angstbedingte Schulverweigerung existiert im deutschsprachigen Raum keine verwertbare medizinische Leitlinie. Eine Leitlinie zu Angststörungen des Kindes- und Jugendalters ist zwar im Register der Fachgesellschaften geführt, erscheint aber nicht auf der aktuellen Leitlinienliste der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und war nicht abrufbar — aus ihr werden deshalb hier keine Zahlen zitiert. Eine eigene Leitlinie speziell zu Schulabsentismus existiert nach der für diesen Ratgeber durchgeführten Recherche nicht. Auch für Frankreich gilt: Eine vergleichbare Leitlinie der zuständigen Gesundheitsbehörde zu ängstlicher Schulverweigerung wurde nicht gefunden.

Das bedeutet nicht, dass Fachleute nicht wüssten, was zu tun ist — die im Folgenden beschriebenen Behandlungsansätze zeigen durchaus Wirkung. Es bedeutet, dass es keine einheitliche, offiziell abgesegnete Behandlungsleitlinie gibt, auf die sich Eltern oder Ärztinnen berufen könnten. Diese Lücke gilt auch für Österreich; das für diesen Ratgeber ausgewertete Material nennt keine österreichische Leitlinie zu diesem Thema.

179 Wenn fast die Hälfte der Fälle mit Mobbing beginnt

Eine große französische Untersuchung zur ängstlichen Schulverweigerung verbindet dieses Thema direkt mit Mobbing. In einer Erhebung mit rund 2.000 Fragebögen erfüllten 1.328 Fälle die Definition angstbedingter Schulverweigerung, davon wurden 729 Fälle über drei Jahre mit Absentismusdaten ausgewertet. Der Häufungsgipfel lag beim Übergang in die Sekundarstufe, im Alter von 11 bis 12 Jahren — also genau an jenem Punkt, an dem laut dem ersten Teil dieses Ratgebers auch der Mobbing-Betroffenheitsgipfel liegt.

Bei nahezu der Hälfte der untersuchten Schülerinnen und Schüler gingen der Schulverweigerung Mobbing, Beleidigungen oder Drohungen voraus. Weitere genannte Auslöser waren Lernstörungen, Behinderung, Hochbegabung, Autismus-Spektrum-Störungen, Depression, Sozialphobie, Fragen der Geschlechtsidentität und Schulwechsel. Die familiären Folgen waren erheblich: 69 Prozent der Eltern passten ihren eigenen Arbeitsrhythmus an, und die Ausgaben für nicht erstattete Behandlungen lagen häufig über 200 Euro pro Monat. Diese Zahlen stammen aus einer französischen Erhebung über einen Betroffenenverband und sind in ihrer Höhe nicht direkt auf Österreich übertragbar; der Zusammenhang zwischen Mobbing und Schulverweigerung selbst ist es sehr wohl.

180 Wie gut ist Schulverweigerung behandelbar?

Eine dänische Übersichtsarbeit zu verhaltenstherapeutischen Programmen bei Schulbesuchsproblemen berichtet einen mittleren Effekt auf die Anwesenheit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (g = 0,44), aber keinen statistisch gesicherten Effekt auf Angst oder Depression selbst. Diese Zahlen sind ausdrücklich als nicht verifiziert gekennzeichnet, weil der Volltext der zugrunde liegenden Studie nicht zugänglich war — sie werden hier nur mit diesem Vorbehalt genannt.

Deutlich belastbarer ist eine kleinere französische Studie zu einem intensiven tagesklinischen Programm an der Universitätsklinik Montpellier: 28 Jugendliche im Alter von 11 bis 16 Jahren durchliefen eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie mit schrittweise begleiteter Rückführung in die Schule und Elternbegleitung. 27 von 28 Jugendlichen (96 Prozent) kehrten in die Schule zurück, bei einer mittleren Behandlungsdauer von 18,9 Wochen. Das globale Funktionsniveau stieg deutlich (von 50,7 auf 80,7 Punkte), und die Angstwerte sanken auf allen eingesetzten Skalen . Die methodische Einschränkung: nur 28 Kinder, keine Kontrollgruppe, eine einzige Klinik. Die Botschaft trotzdem klar: Intensive, strukturierte Behandlung mit begleiteter Rückführung zeigt hohe Erfolgsraten — Schulverweigerung ist kein aussichtsloser Zustand.

181 Die Tagesklinik-Perspektive: was am häufigsten zur Aufnahme führt

Eine portugiesische Untersuchung wertete alle Aufnahmen einer Jugendtagesklinik über zweieinhalb Jahre aus (95 Aufnahmen). Schulverweigerung war mit 44 Prozent der häufigste Aufnahmegrund — häufiger als Sozialisationsprobleme (25 Prozent) oder Verhaltensauffälligkeiten (17 Prozent). Bei den wegen Schulverweigerung aufgenommenen Jugendlichen hatten 45 Prozent eine diagnostizierte Stimmungsstörung und weitere 25 Prozent eine Angststörung; sie brauchten im Schnitt eine deutlich intensivere Behandlung (59,2 Sitzungen über 11,3 Monate) als andere Patientengruppen. Die Schulverweigerung selbst dauerte im Mittel bereits 6,44 Monate vor der Aufnahme, insgesamt im Mittel 12,06 Monate.

Bei einer Nachbefragung 27 bis 60 Monate später zeigte sich, wie ernst ein früher Behandlungsbeginn zu nehmen ist: 38,5 Prozent der ehemaligen Patientinnen und Patienten brauchten weiterhin psychiatrische Begleitung, rund die Hälfte zeigte weiterhin auffällige Werte in standardisierten Fragebögen. Eine unabhängige, in einer portugiesischen Fachzeitschrift veröffentlichte spanische Studie an 1.455 Jugendlichen bestätigt den Zusammenhang aus der anderen Richtung: Schulverweigerungsverhalten sagte Depression, Angst und Stress voraus. Beide Befunde zusammen sprechen dieselbe Sprache wie die Empfehlung aus dem ersten Teil dieses Ratgebers: früh handeln, nicht abwarten, ob es sich „auswächst".

182 Nicht ein Muster, sondern vier: die spanischen Profile

Schulverweigerung ist kein einheitliches Phänomen. Eine spanische Untersuchung an 1.183 Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren identifizierte auf Basis standardisierter Fragebögen vier unterschiedliche Verhaltensprofile statt einer einzigen Diagnose. 46,4 Prozent zeigten kein relevantes Schulverweigerungsverhalten. 32,9 Prozent zeigten ein moderat-hohes Profil. 18,6 Prozent zeigten ein ausdrücklich ängstliches Profil — hier steht die Angst im Vordergrund, nicht Trotz oder mangelndes Interesse. Nur 2,1 Prozent zeigten ein durchgängig hohes Profil auf allen gemessenen Motivdimensionen.

Diese Aufteilung ist wichtig, weil sie erklärt, warum ein pauschaler Umgang mit „Schulverweigerung" selten passt: Ein Kind mit ausschließlich ängstlichem Profil braucht andere Unterstützung als eines mit einem durchgängig hohen Profil über alle Dimensionen. Diese Zahlen sind Profilanteile einer spanischen Stichprobe, keine klinische und keine österreichische Zahl. Übertragbar ist die grundlegende Erkenntnis: Fragen Sie bei Ihrem eigenen Kind nicht nur „verweigert es die Schule", sondern versuchen Sie, gemeinsam mit einer Fachperson herauszufinden, welches der zugrunde liegenden Muster am ehesten zutrifft.

183 Warum die richtige Frage wichtiger ist als die richtige Zahl

Die brasilianische nationale Schulgesundheitserhebung fragt Jugendliche direkt, ob sie aus Angst vor mangelnder Sicherheit dem Schulweg oder der Schule selbst ferngeblieben sind. 12,5 Prozent der befragten Jugendlichen mieden in den vorangegangenen 30 Tagen den Schulweg aus Sicherheitsgründen, 13,7 Prozent die Schule selbst — ein Anstieg von 2,9 gegenüber 2019. Der Bericht ordnet ausdrücklich ein, dass dahinter nicht nur Kriminalität im Umfeld steckt, sondern auch Schlägereien, Mobbing, Drohungen, Belästigung und psychische Probleme: „problemas de origem psicológica podem fazer com que alguns estudantes não vejam a escola como um lugar seguro" — psychische Probleme können dazu führen, dass manche Schülerinnen und Schüler die Schule nicht als sicheren Ort erleben.

Die konkreten brasilianischen Prozentzahlen sind wegen der dort erheblichen Rolle von Kriminalität im Schulumfeld nicht auf Österreich übertragbar. Übertragbar ist dagegen die Frageform selbst, und sie deckt sich mit einer bereits im ersten Teil dieses Ratgebers genannten Empfehlung: Die richtige Frage am schwierigen Schulmorgen lautet nicht „Bist du wirklich krank", sondern „Was passiert dort, wovor du dich fürchtest". Diese Frage funktioniert unabhängig davon, ob die Angst mit Mobbing, mit Prüfungen, mit sozialer Ausgrenzung oder mit etwas völlig anderem zusammenhängt.

184 Die österreichische Rechtslage beim Fernbleiben

Anders als bei der medizinischen Leitlinie gibt es zur rechtlichen Seite in Österreich sehr wohl klare, konkrete Bestimmungen, die viele Eltern nicht kennen. Nach § 45 Schulunterrichtsgesetz ist Fernbleiben nur bei gerechtfertigter Verhinderung zulässig, insbesondere bei Krankheit, wobei die Schule „ohne Aufschub" zu benachrichtigen ist. Bei einer länger als eine Woche dauernden Erkrankung oder bei häufigerem, kürzerem krankheitsbedingtem Fernbleiben kann die Schule ein ärztliches Zeugnis verlangen.

Für schulpflichtige Kinder gelten zusätzlich die §§ 24 und 25 des Schulpflichtgesetzes 1985. § 25 verpflichtet die Schule, zu Schuljahresbeginn über die Rechtsfolgen von Schulpflichtverletzungen zu informieren und während des Schuljahres geeignete Maßnahmen zu ergreifen — von der diagnostischen Ursachenfeststellung bis zu Verwarnungen bei Fehlzeiten von bis zu drei Schultagen. Wörtlich sieht das Gesetz vor: „Erforderlichenfalls sind Schülerberater sowie der schulpsychologische Dienst oder — wo es sinnvoll ist — andere Unterstützungsleistungen wie jene der Schulsozialarbeit einzubinden." Erst wenn diese Maßnahmen nicht greifen, sieht § 24 Schulpflichtgesetz eine Verwaltungsstrafe vor: Ab mehr als drei — nicht notwendigerweise aufeinanderfolgenden — Schultagen ungerechtfertigten Fernbleibens innerhalb der neunjährigen allgemeinen Schulpflicht ist die Bezirksverwaltungsbehörde zu befassen, mit einer möglichen Geldstrafe von 150 bis 800 Euro, im Fall der Uneinbringlichkeit einer Ersatzfreiheitsstrafe bis zu zwei Wochen. Ab dem vollendeten 14. Lebensjahr treten Jugendliche hinsichtlich dieser Pflichten neben ihre Eltern.

Für Sie als Eltern ist der entscheidende Punkt: Die Geldstrafe ist die letzte Stufe, nicht die erste. Davor stehen ausdrücklich diagnostische Ursachenklärung, Schülerberatung und der schulpsychologische Dienst — also genau jene Anlaufstellen, die in Kapitel 9 und in Kapitel 15 dieses Ratgebers beschrieben werden. Eine Schule, die bei anhaltendem Fernbleiben direkt mit einer Anzeige droht, ohne diese vorgesehenen Zwischenschritte, handelt nicht im Sinn der gesetzlich vorgesehenen Reihenfolge.

185 Häuslicher Unterricht als rechtlicher Ausweg — und seine Bedingungen

Für Fälle, in denen der Schulbesuch selbst über längere Zeit nicht gelingt, kennt das österreichische Recht einen eigenen, oft unbekannten Weg: den häuslichen Unterricht nach § 11 Schulpflichtgesetz. Die allgemeine Schulpflicht kann demnach auch durch häuslichen Unterricht erfüllt werden, sofern dieser dem Unterricht an einer entsprechenden Schule „mindestens gleichwertig ist" — mit Ausnahme der Polytechnischen Schule.

Der Weg dorthin ist formell geregelt: Eine Anzeige an die Bildungsdirektion muss bis spätestens eine Woche nach Ende des vorhergehenden Unterrichtsjahres erfolgen, unter Vorlage des letzten Zeugnisses, des Lehrplans und einer Zusammenfassung des pädagogischen Konzepts. Der Erfolgsnachweis erfolgt jährlich zwischen 1. Juni und Ende des Unterrichtsjahres durch eine Prüfung an einer entsprechenden Schule, ergänzt um ein Reflexionsgespräch über den Leistungsstand spätestens zwei Wochen nach Ende der Semesterferien. Häuslicher Unterricht ist damit kein formloser Ausstieg aus der Schule, sondern ein eigener, mit Auflagen versehener rechtlicher Weg, der bei anhaltender, therapeutisch begleiteter Schulverweigerung eine mögliche, aber anspruchsvolle Option sein kann — am besten in Abstimmung mit den in Kapitel 15 genannten fachlichen Anlaufstellen, nicht als spontane Einzelentscheidung.

186 Warum Ländervergleiche hier besonders in die Irre führen

Bei kaum einem anderen Thema dieses Ratgebers ist die Warnung vor Ländervergleichen so wichtig wie bei Schulvermeidung. Vier untersuchte Länder messen das Phänomen mit vier grundverschiedenen Zugängen: Japan über eine administrative Vollerhebung mit der harten Schwelle von 30 Fehltagen im Schuljahr (353.970 Kinder, 38,6 von 1.000); China über eine Screening-Auffindungsrate im Fragebogen einer einzelnen Stadt (22,5 Prozent); Brasilien über eine anonyme Selbstauskunft zu Fehltagen aus Angst binnen 30 Tagen (13,7 beziehungsweise 12,5 Prozent); Portugal über eine klinische Kohorte einer einzelnen Tagesklinik (44 Prozent der Aufnahmen). Für Korea liegt in den ausgewerteten Quellen gar keine entsprechende Kennzahl vor.

Diese vier bis fünf Zahlen dürfen niemals nebeneinandergestellt und als Ranking gelesen werden — sie beschreiben grundverschiedene Grundgesamtheiten und Messmethoden, nicht dasselbe Phänomen mit unterschiedlicher Häufigkeit. Auch für Österreich selbst gilt Vorsicht: Zur von Schulabsentismus kursiert häufig die Angabe „ca. 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler", die sich an keiner Primärquelle bestätigen ließ und deshalb hier ausdrücklich nicht verwendet wird. Eine belastbare österreichische Prävalenzzahl zu Schulabsentismus liegt im ausgewerteten Material schlicht nicht vor — das gehört so offen benannt, statt eine unsichere Zahl weiterzutragen.

187 Was das für Ihr Kind bedeutet

Fassen wir zusammen, was dieses Kapitel für Ihren Alltag bedeutet. Unterscheiden Sie, ob Ihr Kind aus Angst zu Hause bleibt und Sie davon wissen — dann handelt es sich vermutlich um Schulverweigerung, nicht Schwänzen, und die im ersten Teil beschriebene Empfehlung gilt: Schulabsenzen möglichst vermeiden, weil sie das Vermeidungsverhalten verstärken, außer es geht um akute Gefahr. Fragen Sie nicht „Bist du krank", sondern „Was passiert dort, wovor du dich fürchtest". Wenn Mobbing im Spiel ist — was bei knapp der Hälfte der untersuchten Fälle der Ausgangspunkt war — gehören die in den Kapiteln 9 und 10 beschriebenen schulischen Schritte parallel zur therapeutischen Abklärung eingeleitet, nicht nacheinander.

Handeln Sie früh: Je länger Schulverweigerung unbehandelt andauert, desto aufwendiger und langwieriger die spätere Behandlung, wie die portugiesische Tagesklinik-Studie zeigt. Kennen Sie die rechtliche Reihenfolge — diagnostische Klärung und schulpsychologische Einbindung stehen vor jeder Verwaltungsstrafe, und häuslicher Unterricht ist ein geregelter, aber anspruchsvoller Ausweg, keine informelle Notlösung. Und misstrauen Sie jeder einzelnen Prozentzahl zur Häufigkeit von Schulverweigerung, die Ihnen ohne genaue Quellenangabe begegnet — bei diesem Thema gehen die Messmethoden weiter auseinander als bei fast jedem anderen in diesem Ratgeber.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16