Die Formen
Schläge sind die sichtbarste, aber nicht die häufigste Form. Ausschluss, Gerüchte und das gezielte Auslassen wirken leiser und oft länger.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.
Mobbing, Schule und Leistungsdruck
Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt
Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick
Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.
Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.
Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.
Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.
24 Die Formen im Überblick
Mobbing tritt in vier Grundformen auf, und sie kommen selten allein vor.
- Körperlich: schubsen, treten, festhalten, Sachen wegnehmen oder beschädigen.
- Verbal: beschimpfen, beleidigen, herabsetzende Spitznamen, drohen.
- Relational oder sozial: ausschließen, Gerüchte verbreiten, Freundschaften gezielt zerstören, jemanden nicht mehr ansprechen.
- Digital: dieselben Handlungen über Nachrichten, Gruppenchats, soziale Netzwerke oder Spiele.
Für Eltern ist eine Reihenfolge wichtig, die den Erwartungen widerspricht. Die sichtbarste Form ist nicht die häufigste, und die häufigste ist nicht die folgenschwerste. Blaue Flecken fallen auf. Ein Kind, das seit sechs Wochen in keiner Pausengruppe mehr steht, fällt niemandem auf.
Die italienische Statistikbehörde unterscheidet direkte Formen wie Beleidigung und körperlichen Angriff von indirekten wie Verleumdung und Ausschluss. Mindestens einmal im Jahr erlebten unter den 11- bis 19-Jährigen 55,7 Prozent Beleidigungen und Beschimpfungen, 43,0 Prozent Ausschluss und Ausgrenzung, 23,5 Prozent Verleumdung oder Lächerlichmachen und 10,8 Prozent Drohungen oder körperliche Angriffe. Diese Werte stammen aus einer italienischen Stichprobe von 39.214 Jugendlichen und sind der Höhe nach nicht auf Österreich übertragbar; die Rangfolge der Formen ist es.
25 Die körperliche Form
Die körperliche Form ist die, an die die meisten Menschen zuerst denken, und sie ist bei Buben deutlich häufiger als bei Mädchen.
Eine steirische Untersuchung liefert dazu eine seltene Zahl: wie viele Kinder von den Lehrkräften als mobbend benannt werden, getrennt nach Form. Für körperliches Mobbing waren das rund 11,1 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, davon 20,2 Prozent der Buben und 2,2 Prozent der Mädchen. Von hundert Buben wurden also zwanzig von ihrer Lehrkraft als körperlich mobbend benannt, von hundert Mädchen zwei.
Untersucht wurden 721 Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren in der 4. Schulstufe, in 48 Klassen aus 37 Schulen in der Steiermark, gemeinsam mit 46 Lehrkräften, 439 Müttern und 363 Vätern. Die Studie ist auf die Steiermark und auf eine Schulstufe begrenzt.
Auch die italienischen Zahlen zeigen dieses Muster. Drohungen oder körperliche Angriffe mindestens einmal berichteten 14,8 Prozent der Buben im Alter von 14 bis 19 Jahren, aber 5,5 Prozent der Mädchen im Alter von 11 bis 13 Jahren.
Wenn Ihr Kind Verletzungen hat, ist das kein Fall für Abwarten. Körperliche Gewalt mit Verletzungen gehört noch am selben Tag abgeklärt und dokumentiert.
26 Die verbale Form ist die häufigste
Über alle Erhebungen hinweg sind Beschimpfungen, Beleidigungen und herabsetzende Spitznamen die häufigste Form.
In der italienischen Erhebung berichteten 55,7 Prozent der 11- bis 19-Jährigen mindestens einmal im Jahr von Beleidigungen; mehrmals im Monat waren es 14,2 Prozent. Wiederholte Beleidigungen trafen Buben etwas häufiger als Mädchen, 16,0 gegenüber 12,3 Prozent.
Die französische Auswertung schwerer Vorfälle zeigt, wodurch sich Mobbing von sonstiger Schulgewalt unterscheidet. Verbale Gewalt macht 61 Prozent der Mobbingvorfälle aus, aber nur 41 Prozent der Vorfälle außerhalb eines Mobbinggeschehens. Umgekehrt macht körperliche Gewalt 22 Prozent der Mobbingvorfälle aus, aber 31 Prozent der übrigen. Mobbing ist also überwiegend verbal, sonstige Schulgewalt eher körperlich.
Diese französischen Werte stammen aus einer eigenen Meldesystematik und sind der Höhe nach nicht auf Österreich übertragbar; das Strukturmuster ist es.
In der großen französischen Schulklima-Befragung waren die häufigsten Übergriffe der Diebstahl von Schulsachen mit 54 Prozent, unangenehme Spitznamen mit 44 Prozent, Beleidigungen mit 43 Prozent und das Ausgeschlossenwerden mit ebenfalls 43 Prozent.
27 Die relationale Form: der stille Ausschluss
Die relationale Form besteht darin, ein Kind aus der Gruppe zu drängen. Sie hinterlässt keine Spuren, die man fotografieren kann.
In der italienischen Erhebung berichteten 43,0 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal im Jahr von Ausschluss oder Ausgrenzung; mehrmals im Monat waren es 10,3 Prozent. Anders als bei den Beleidigungen kehrt sich hier das Geschlechterverhältnis um: Wiederholten Ausschluss berichteten 12,2 Prozent der Mädchen gegenüber 8,5 Prozent der Buben.
Die steirische Untersuchung findet dasselbe Muster. Für relationales Mobbing benannten die Lehrkräfte 8,7 Prozent aller Kinder, davon 6,4 Prozent der Buben und 11 Prozent der Mädchen. Bei der körperlichen Form war das Verhältnis 20,2 zu 2,2 Prozent, hier ist es umgekehrt.
Buben erleben also eher lautes, sichtbares Mobbing, Mädchen eher stilles Ausgrenzen. Beide Formen sind Mobbing.
Die japanische Ursachenanalyse zu Kindersuiziden führt „Isolation von den Mitschülern" als eigenständigen dokumentierten Umstand; in 26,1 Prozent von 138 untersuchten Fällen lag dieser Umstand vor. Der Ausschluss ist damit eine eigene Form und wird in Statistiken oft nicht als solche erfasst. Wenn Sie sich um ein zurückgezogenes Kind sorgen, ist Rat auf Draht unter 147 rund um die Uhr erreichbar, auch für Bezugspersonen.
28 Warum gerade der Ausschluss die schwersten Angstfolgen hat
Eine , die ausschließlich längsschnittliche Studien ausgewertet hat, kommt zu einem Ergebnis, das die übliche Rangfolge umkehrt. Den mit Abstand stärksten Zusammenhang mit späterer Angst hat nicht der Faustschlag, sondern die relationale Form.
Die Zahlen: relationale Viktimisierung und spätere Angst , 0,29–0,35. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen das als mittleren Effekt nach Cohen und als den größten aller berechneten. Offene, direkte Viktimisierung und spätere Angst: r = 0,25, 95-%-KI 0,18–0,31. Cyberviktimisierung und spätere Angst: r = 0,14, 95-%-KI 0,10–0,18.
Der schwächste Einzelzusammenhang in dieser Auswertung ist also ausgerechnet das Cybermobbing. Das heißt nicht, dass Cybermobbing harmlos wäre; es heißt, dass es in dieser Auswertung, die nur Angst als Zielgröße betrachtet, schwächer abschneidet als der Ausschluss aus der Gruppe.
Ausgewertet wurden 14 mit insgesamt 11.307 Teilnehmenden, das Durchschnittsalter der Stichproben lag zwischen 12,2 und 16,0 Jahren. Die Heterogenität zwischen den Studien ist hoch, was bedeutet, dass die einzelnen Studien unterschiedliche Ergebnisse liefern und der Mittelwert entsprechend vorsichtig zu lesen ist.
Für die Praxis heißt das: „Er wird ja nicht geschlagen" ist keine Entwarnung.
29 Cybermobbing: was alles dazugehört
Die Formen von Online-Übergriffen sind vielfältiger als gemeine Nachrichten. Die österreichische Repräsentativbefragung unter 400 Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren nennt fünf Kategorien mit ihren Anteilen.
- Beschimpfungen und Beleidigungen: 48 Prozent
- Ghosting, also das plötzliche vollständige Ignorieren: 46 Prozent
- Lügen oder Gerüchte über die eigene Person: 41 Prozent
- Identitätsdiebstahl durch Fake-Profile: 37 Prozent
- Einschüchterungsversuche: 33 Prozent
Zwei dieser Formen werden von Erwachsenen häufig unterschätzt. Ghosting hinterlässt keine Nachricht, die man zeigen könnte, und ist trotzdem eine relationale Attacke. Ein Fake-Profil unter dem Namen des Kindes richtet Schaden an, den das Kind selbst nicht kontrollieren kann.
Der Grund, warum online eine einzige Attacke schwerer wiegt als offline, steht im österreichischen Factsheet: Online wirkt eine einzige Attacke durch Vervielfältigung dauerhaft weiter. Ein Foto, das einmal in einem Gruppenchat war, ist nicht mehr einzusammeln. Deshalb wird Cybermobbing im Factsheet zusätzlich als „Cybergewalt" bezeichnet.
30 Cybermobbing und Schulmobbing sind ein einziges Geschehen
Rein digitales Mobbing ist die Ausnahme. Die große Mehrheit der online Attackierten wird auch in der Schule attackiert.
Die italienische Erhebung beziffert das genau. 30,1 Prozent der 11- bis 19-Jährigen erlebten Übergriffe sowohl offline als auch online. Ausschließlich online betroffen waren 3,8 Prozent. Nur offline waren es 34,6 Prozent, gar nicht betroffen 31,5 Prozent.
Von allen online Attackierten sind also nur rund ein Zehntel ausschließlich online betroffen. Wer online angegriffen wird, wird in aller Regel auch im Schulhaus angegriffen.
Das bestätigt eine breite internationale Auswertung. Eine Dachübersicht über 56 vorhandene mit 296 und Einzelstichproben zwischen 421 und 1.136.080 Personen fand als stärksten einzelnen Risikofaktor für Cybermobbing nicht das Internetverhalten, sondern die bereits bestehende Mobbingbetroffenheit im Schulalltag, mit einem Median von bei einer Spanne von 0,09 bis 0,49.
Zum Vergleich die weiteren Risikofaktoren derselben Auswertung: ungünstiges Familienklima r = 0,20, riskante Internetnutzung r = 0,19, internalisierende Probleme r = 0,15.
Praktisch bedeutet das: Das Handy wegzunehmen beendet das Mobbing nicht. Es nimmt dem Kind nur die Möglichkeit, es zu belegen.
31 Wie oft Buben und Mädchen online betroffen sind: ein offener Widerspruch
Beim Geschlechterverhältnis im Cybermobbing widersprechen sich die Quellen. Das wird hier nicht geglättet, weil es zeigt, wie stark die Frageformulierung wirkt.
Mädchen häufiger betroffen finden: die europäische WHO- und HBSC-Auswertung mit 16 gegenüber 15 Prozent; das österreichische Factsheet mit 12 gegenüber 10 Prozent; die belgische Erhebung mit 11,7 gegenüber 8,5 Prozent; die deutsche HBSC-Erhebung mit 3,1 gegenüber 2,6 Prozent; die italienische HBSC-Erhebung mit 21,1 gegenüber 17,2 Prozent bei den Elfjährigen, 18,4 gegenüber 12,9 Prozent bei den Dreizehnjährigen und 11,4 gegenüber 9,2 Prozent bei den Fünfzehnjährigen; die spanische HBSC-Erhebung mit 1,9 gegenüber 1,8 Prozent; und die kanadische Erhebung mit 25,4 gegenüber 23,9 Prozent, dort ausdrücklich nicht signifikant.
Buben häufiger betroffen findet dagegen die italienische Statistikbehörde bei wiederholten Online-Übergriffen, mit 8,9 Prozent der Buben gegenüber 6,6 Prozent der Mädchen.
Der italienische Bericht benennt die Ursache selbst: die abweichende Frageformulierung. Dieselben Jugendlichen desselben Landes antworten unterschiedlich, je nachdem wonach genau gefragt wird.
Für Österreich gilt die österreichische HBSC-Zahl: Mädchen 12 Prozent, Burschen 10 Prozent.
Bei der Täterschaft ist die Richtung dagegen über alle Erhebungen hinweg gleich. Buben mobben häufiger. Europäisch 8 gegenüber 5 Prozent im Schulmobbing und 14 gegenüber 9 Prozent im Cybermobbing; in Österreich 5 gegenüber 2 Prozent und 12 gegenüber 6 Prozent; in Deutschland 4,9 gegenüber 2,0 Prozent. In Frankreich werden 61 Prozent der schweren Mobbingvorfälle von einem Buben oder einer Bubengruppe begangen, 26 Prozent von einem Mädchen oder einer Mädchengruppe und 10 Prozent von einer gemischten Gruppe.
32 Künstliche Intelligenz als neues Werkzeug
Eine spanische Erhebung hat erstmals erfasst, in wie vielen Cybermobbing-Fällen künstliche Intelligenz eingesetzt wird und wie.
Danach ist KI in 14,2 Prozent der Cybermobbing-Fälle im Spiel. Davon entfallen 54,8 Prozent auf gefälschte Videos, die aus manipulierten Fotos, Videos oder Tonaufnahmen erzeugt wurden, und 32,2 Prozent auf Identitätsdiebstahl.
Der gesamte Anstieg der Gesamtquote gegenüber dem Vorjahr, von 9,4 auf 12,3 Prozent, geht nach dieser Erhebung auf Cybermobbing zurück. Die Quote für Präsenzmobbing blieb mit 6,5 Prozent unverändert.
Diese Angaben stammen aus einer Sekundärquelle. Ausgewertet wurde die Pressemitteilung zum Vollbericht, nicht der Vollbericht selbst. Die zugrunde liegende Stichprobe ist eine spanische Gelegenheitsstichprobe aus Schulen, die die Präventionsangebote der beteiligten Stiftungen selbst angefordert hatten. Die Prozentwerte sind deshalb für Österreich nicht verwendbar.
Was übertragbar ist, ist die Kategorie selbst. Ein gefälschtes Video eines Kindes ist von einem echten für Mitschüler nicht zu unterscheiden. Wenn Ihr Kind sagt, es kursiere ein Video von ihm, das es so nie gegeben hat, ist das ernst zu nehmen und nicht als Ausrede zu behandeln.
33 Vorurteilsbezogenes Mobbing als eigene Form
Ein italienisches Monitoring erfasst gesondert Mobbing, das sich gegen die Herkunft, die sexuelle Orientierung oder eine Behinderung richtet. Alle drei Formen zeigen über vier Erhebungswellen einen steigenden Trend, besonders im systematischen Anteil.
Erlitten haben, jeweils insgesamt und aufgeteilt in gelegentlich und systematisch: Übergriffe wegen des ethnischen Hintergrunds 11,2 Prozent, davon 7,6 gelegentlich und 3,6 systematisch; homophobe Beleidigungen 7,9 Prozent, davon 5,2 und 2,7; Übergriffe wegen einer Behinderung 7,2 Prozent, davon 4,9 und 2,3.
Ausgeübt haben nach eigener Angabe: ethnisch motivierte Übergriffe 10,4 Prozent, homophobe 11,1 Prozent und behinderungsbezogene 6,9 Prozent.
Bei den homophoben Übergriffen berichten also mehr Jugendliche, selbst so gehandelt zu haben, als angeben, Opfer geworden zu sein. Das ist ungewöhnlich; in den meisten Erhebungen liegt die Opferquote über der Täterquote.
Die Stichprobe umfasst 191.996 Schülerinnen und Schüler der italienischen Sekundarstufe II an 828 Schulen. Die Schulteilnahme war freiwillig, was die Zahlen nach oben verzerren kann. Für Österreich sind die Werte deshalb nicht direkt verwendbar; erfasst wird hier eine ältere Altersgruppe unter anderen Bedingungen.
34 Woran sich Mobbing festmacht
Zwei Erhebungen beziffern, woran die Übergriffe anknüpfen.
Die brasilianische Schulgesundheitsbefragung fragte 13- bis 17-Jährige nach dem Grund. Genannt wurden: das Aussehen von Gesicht oder Haaren mit 30,2 Prozent, die Erscheinung des Körpers mit 24,7 Prozent, Hautfarbe oder Herkunftsgruppe mit 10,6 Prozent, Kleidung, Schuhe oder Rucksack mit 10,1 Prozent, Akzent oder Sprechweise mit 8,9 Prozent, Religion mit 7,1 Prozent, Geschlecht oder sexuelle Orientierung mit 6,4 Prozent und eine Behinderung mit 2,6 Prozent. 26,3 Prozent gaben an, es habe keinen Grund gegeben.
Die spanische Erhebung nennt für die ihr bekannten Fälle: das, was das Kind tut oder sagt, mit 60,1 Prozent, das äußere Erscheinungsbild mit 54,9 Prozent, und persönliche Probleme, Behinderung oder Sprache mit 27,1 Prozent. Diese Angaben stammen aus einer Sekundärquelle und beziehen sich ausdrücklich nur auf die bekannten Fälle, nicht auf alle Schülerinnen und Schüler.
Die brasilianischen Anteile sind auf Österreich nicht übertragbar, weil die Kategorie Hautfarbe die brasilianische Bevölkerungsstruktur spiegelt. Übertragbar ist die Rangfolge: Aussehen und Körper stehen ganz vorn.
Ein Viertel der Betroffenen kann überhaupt keinen Grund benennen. Die Frage „Warum gerade du" hat oft keine Antwort. Das ist keine Auskunftsverweigerung, sondern ein Befund.
35 Täter nennen andere Gründe, als Opfer wahrnehmen
Dieselbe brasilianische Erhebung hat auch die Täterseite nach ihren Motiven gefragt. Die Antworten decken sich nicht.
Aus Tätersicht: Gesicht oder Haare 22,8 Prozent, Körper 17,1 Prozent, Hautfarbe 17,1 Prozent, Geschlecht oder sexuelle Orientierung 12,1 Prozent, Kleidung 11,8 Prozent, Akzent 11,7 Prozent, Religion 9,3 Prozent, Behinderung 7,6 Prozent. 27,4 Prozent gaben an, es habe keinen Grund gegeben oder sie hätten es einfach so gemacht.
Zwei Gegenüberstellungen sind auffällig. Behinderung nennen die Täter mit 7,6 Prozent fast dreimal so häufig, wie die Opfer sie wahrnehmen, nämlich 2,6 Prozent. Geschlecht oder sexuelle Orientierung nennen sie mit 12,1 Prozent fast doppelt so häufig wie die Opfer mit 6,4 Prozent.
Der naheliegende Schluss lautet, dass Kinder mit Behinderung ihre Viktimisierung zu selten berichten. Ein Kind, das ohnehin schon anders ist als die anderen, meldet ungern noch einen weiteren Grund, anders zu sein.
Die Anteile sind brasilianisch und nicht übertragbar. Die Differenz zwischen Täter- und Opferangabe ist dagegen ein methodisch bemerkenswerter Befund, der nicht von der Kultur abhängt.
36 Wie lange es dauert
Mobbing ist in der Mehrzahl der bekannten Fälle kein kurzer Konflikt, sondern ein Dauerzustand.
Nach der spanischen Erhebung nehmen 28,2 Prozent der Schülerschaft wahr, dass die Situation des Präsenzmobbings länger als ein Jahr dauert, ein Anstieg um 1,6 gegenüber dem Vorjahr. Beim Cybermobbing geben 15,8 Prozent an, dass die ihnen bekannten Situationen seit mehr als einem Jahr andauern, ein Anstieg um 5,9 Prozentpunkte.
Auch bei den Formen zeigt diese Erhebung Bewegung: Beschimpfungen, Spitznamen und Spott stehen mit 84,8 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Isolation mit 44,8 Prozent. Schläge und Tritte stiegen um 8,7 Prozentpunkte auf 30,9 Prozent der Fälle.
Als Kanäle beim Cybermobbing werden WhatsApp mit 66,4 Prozent, Instagram mit 50,5 Prozent und TikTok mit 49,5 Prozent genannt; in der Grundschule stehen Videospiele mit 56,6 Prozent an erster Stelle.
Alle diese Werte stammen aus einer Sekundärquelle und aus einer nicht repräsentativen spanischen Gelegenheitsstichprobe. Sie beziehen sich zudem auf die bekannten Fälle, nicht auf alle Kinder. Sie sind der Größenordnung nach informativ und für Österreich nicht als verwendbar.
Der übertragbare Kern ist die Dauer. Wer eine Mobbingsituation entdeckt, entdeckt sie in der Regel nicht am ersten Tag.
37 Wenn Sie nur eine Sache über die Formen merken
Aus diesem Kapitel lässt sich ein Merksatz ableiten, und er lautet nicht, worauf zu achten ist, sondern wie zu fragen ist.
Weil traditionelles Mobbing und Cybermobbing stark überlappen, aber unterschiedlich berichtet werden, ist getrennt zu fragen: einmal nach Vorfällen in der Schule, einmal nach Vorfällen im Netz. Die chinesische Großerhebung mit 82.873 Teilnehmenden zeigt, warum: Traditionelle Opfer machten 23,2 Prozent aus, Cyber-Opfer 17,7 Prozent, irgendeine Form aber nur 28,3 Prozent. Die Summe der Einzelformen übersteigt die Gesamtquote deutlich, und genau das belegt die Überlappung.
Diese chinesischen Werte beruhen auf einer Sechs-Item-Skala aus der PISA-Erhebung und einem eigenen Cybermobbing-Fragebogen mit einem Jahreszeitfenster. Sie sind mit österreichischen HBSC-Werten ausdrücklich nicht vergleichbar; der auswertende Bericht formuliert dieses Vergleichsverbot selbst.
Wie stark schon das Instrument entscheidet, zeigt ein offener Widerspruch innerhalb Chinas: Dieselbe Frage nach Cybermobbing ergab in der Erhebung mit 82.873 Teilnehmenden 17,7 Prozent Betroffene, in einer zweiten Erhebung mit 12.940 Teilnehmenden in der Stadt Yixing dagegen 12,3 Prozent. Der Unterschied um den Faktor 1,4 geht auf unterschiedliche Fragebögen und Erhebungsjahre zurück, 2019 gegenüber 2022 und 2023. Beide Zahlen bleiben hier nebeneinander stehen.
Und weil die relationale Form die stärksten Angstfolgen hat, gehört sie ausdrücklich in die Frage. Nicht nur „Hat dich jemand geschubst", sondern auch „Sitzt du in der Pause allein" und „Bist du in dem Klassenchat noch drin".
Vier Fragen decken das Feld ab: Wer tut es, wie oft, seit wann, und wo passiert es, in der Schule oder am Handy.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
- 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
- 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
- 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
- 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
- 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
- 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
- 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
- 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
- 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
- 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
- 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
- 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
- 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
- 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16
Hinweis zur Entstehung dieses Beitrags
Dieser Beitrag wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und überarbeitet.
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