Nicht jede Anspannung vor einer Schularbeit ist behandlungsbedürftig. Wo die Grenze verläuft, was Prüfungsangst von Aufregung unterscheidet und was nachweislich hilft.

  • Abschnitt 162 bis 175 von 213
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

162 Die zentrale österreichische Zahl: 64 Prozent der Mädchen in der 11. Schulstufe

Mobbing ist nicht die einzige schulische Belastung, die auf die Gesundheit eines Kindes wirkt. Leistungsdruck ist ein eigenständiges Thema, mit eigenen Zahlen, eigenen Risiken und eigenen Ansatzpunkten für Eltern. Die österreichische HBSC-Erhebung 2021/22 zeigt einen steilen Anstieg über die Schulstufen: Bereits in der 7. Schulstufe fühlt sich rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler ziemlich oder sehr stark belastet, etwas mehr Mädchen als Burschen. In der 9. Schulstufe sind es bereits 46 Prozent der Mädchen und 32 Prozent der Burschen. In der 11. Schulstufe steigt der Wert auf 64 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Burschen.

Gleichzeitig sinkt, wie gern Jugendliche zur Schule gehen: Während es in der 5. Schulstufe noch mindestens der Hälfte „sehr gut" in der Schule gefällt, ist es ab der 7. Schulstufe nur noch etwa ein Viertel. Über alle Schulstufen gerechnet sagt ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler, es gefalle ihnen „nicht so gut" oder „gar nicht" in der Schule — mit den höchsten Fallzahlen in der 11. Schulstufe. Der Bericht hält außerdem fest, dass der schulische Leistungsdruck an Höheren Schulen bereits seit 2010 steigt, und dass sich Mädchen im Vergleich zu 2018 etwas stärker belastet fühlen als zuvor, während sich bei Burschen kein entsprechender Anstieg zeigt.

163 Im europäischen Vergleich: Österreich liegt im Mittelfeld, Italien fällt heraus

Auf demselben Messinstrument verglichen liegen Österreich, Deutschland, die Schweiz und Frankreich bei 15-Jährigen eng beieinander: Der Anteil, der sich durch Schularbeiten einigermaßen oder sehr gestresst fühlt, liegt bei 40 Prozent in Österreich, 41 Prozent in der Schweiz, 45 Prozent in Frankreich und 46 Prozent in Deutschland. Italien fällt mit 72 Prozent deutlich heraus. In allen fünf Ländern wird gegenüber der vorherigen Erhebungswelle ein Anstieg vermerkt.

Die italienische HBSC-Erhebung zeigt zusätzlich den Verlauf nach Alter und Geschlecht: Bei 11-Jährigen fühlen sich 45,6 Prozent der Buben und 47,7 Prozent der Mädchen belastet, bei 15-Jährigen bereits 60,2 Prozent der Buben und 78,1 Prozent der Mädchen — fast vier von fünf. Diese italienischen Werte sind für Österreich nicht direkt übertragbar, zeigen aber, dass Schulstress in vergleichbaren europäischen Bildungssystemen sehr unterschiedlich hoch ausfallen kann und Österreich sich dabei im gemäßigteren Bereich bewegt, ohne dass das den eigenen österreichischen Anstieg relativieren würde.

164 Wenn Druck von den Eltern kommt: eine Zahl, die aufhorchen lässt

Eine für Elternratgeber besonders wichtige Zahl stammt aus der portugiesischen HBSC-Erhebung 2022, die auf demselben internationalen Instrument beruht wie die österreichischen Daten. Von 4.055 befragten Jugendlichen gaben 58,4 Prozent an: „Ich fühle sehr viel Druck von meinen Eltern, gute Noten zu haben." Zum Vergleich weitere Belastungsangaben aus derselben Erhebung: 87,9 Prozent empfinden den Lernstoff als zu viel, 83,1 Prozent die Bewertung selbst als Stress.

Der portugiesische Schuldruck insgesamt hat sich zwischen 2014 und 2022 mehr als verdoppelt (von 9,3 auf 22,4 Prozent, die „viel" Druck angeben), während die Freude an der Schule leicht sank. Eine eigene österreichische Zahl zum Anteil des elterlichen Drucks am gesamten Schulstress liegt in den ausgewerteten Quellen nicht vor — das gehört hier offen benannt. Übertragbar ist die grundsätzliche Botschaft: In einem europäischen Land mit HBSC-Erhebung, ohne asiatisches Zentralprüfungssystem, nennt fast jedes zweite Kind ausdrücklich den eigenen elterlichen Notendruck als Belastungsfaktor. Das ist ein Faktor, den Eltern anders als gesellschaftliche Rahmenbedingungen direkt selbst beeinflussen können.

165 Auf die Art kommt es an, nicht auf die Menge

Eine koreanische Meta-Analyse über 124 Korrelationsstudien mit insgesamt 76.947 Teilnehmenden präzisiert, was „elterlicher Druck" eigentlich bedeutet. Wahrgenommener Leistungsdruck der Eltern hing insgesamt nur schwach mit besserer Schulleistung zusammen (), aber deutlich mit Prüfungsangst (r = 0,310) und Stress (r = 0,311). Entscheidend war jedoch, welche Art von Druck gemeint war: Kontrollierender Druck und überhöhte Erwartungen gingen konsistent mit Angst und Stress einher, während leistungsorientierte, unterstützende Erwartung sowohl mit besseren Leistungen als auch mit höherem Selbstwert verbunden war.

Diese Unterscheidung lässt sich in eine einfache, alltagstaugliche Formel übersetzen: der Unterschied zwischen „Ich traue dir das zu, sag mir, wo du Hilfe brauchst" und „Zeig mir die Note, wir kontrollieren jeden Abend". Der zweite Satz ist es, der in den Daten mit Prüfungsangst und Stress zusammenhängt, nicht der erste. Diese Zahlen stammen aus Korea, sind aber laut der zugrunde liegenden Analyse kulturunabhängig formuliert und direkt in ein österreichisches Elterngespräch übersetzbar. Sie ergänzen die portugiesische Zahl aus dem vorigen Abschnitt um die entscheidende Unterscheidung: Nicht ob Sie Erwartungen an Ihr Kind haben, sondern wie Sie diese Erwartungen formulieren, macht den Unterschied.

166 Der Zusammenhang ist durchgängig, die Kausalität nicht

Die bislang umfassendste systematische Übersicht zum Zusammenhang zwischen schulischem Leistungsdruck und psychischer Gesundheit wertete 52 Studien aus, davon 26 aus Asien und 20 aus Europa. In 48 dieser 52 Studien fand sich ein positiver Zusammenhang zwischen Leistungsdruck und mindestens einer psychischen Zielgröße wie Depression, Angst, Selbstverletzung oder Suizidalität. Die entscheidende Einschränkung: 39 der 52 Studien waren querschnittlich angelegt und können deshalb keine Ursache-Wirkungs-Richtung belegen — es bleibt offen, ob Druck krank macht, ob bereits belastete Kinder Druck stärker empfinden, oder beides zugleich zutrifft.

Eine britische studie schließt diese Lücke teilweise, weil sie längsschnittlich angelegt ist: 4.714 Jugendliche wurden vom 15. bis ins junge Erwachsenenalter begleitet. Pro zusätzlichem Punkt auf einer Schuldruck-Skala von 0 bis 9 stiegen depressive Symptome um durchschnittlich 0,43 Punkte (95-%- 0,36 bis 0,51), am stärksten mit 16 Jahren, aber noch mit 22 Jahren nachweisbar; die Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzung stieg pro Punkt um 8 Prozent. Der Zusammenhang zeigte sich unabhängig von Geschlecht und sozialer Schicht. Diese Studie stammt aus Großbritannien, ist aber europäisch und damit für Österreich grundsätzlich übertragbar.

167 Prüfungsangst ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel

Wie viele Kinder tatsächlich unter Prüfungsangst leiden, lässt sich aus dem vorliegenden Material nur mit Vorsicht beziffern. Eine oft zitierte gepoolte - von 48,43 Prozent stammt aus einer Datenbank-Zusammenfassung, deren Primärquelle nicht überprüfbar war — Zahl nicht verifiziert. Eine spanische Angabe von 15 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Sekundarstufe und Oberstufe geht auf eine Erhebung aus dem Jahr 1996 zurück, ist also rund 30 Jahre alt.

Konsistent berichtet wird über mehrere Länder hinweg jedoch: Prüfungsangst nimmt in höheren Schulstufen zu, steigt vor Schulübergängen an, und Mädchen zeigen durchgehend höhere Werte als Buben. Eine chinesische Metaanalyse nennt für westliche Länder eine Prävalenzspanne von 25 bis 40 Prozent, für China 21,8 bis 32,64 Prozent — bemerkenswerterweise nicht höher als im Westen. Eine brasilianische Untersuchung an einer einzelnen öffentlichen Schule fand bei 62,53 Prozent der befragten Oberstufenschülerinnen und -schüler auffällige Werte auf einer standardisierten Prüfungsangst-Skala, bei Mädchen mit 66,96 gegenüber 55,92 Prozent bei Jungen deutlich häufiger. Diese brasilianische Einzelzahl ist nicht auf Österreich übertragbar, unterstreicht aber die grundsätzliche Botschaft: Prüfungsangst ist häufiger die Regel als die Ausnahme, und Mädchen sollten dazu aktiv gefragt werden, nicht nur bei sichtbaren Symptomen.

168 Die gute Nachricht: Prüfungsangst ist gut behandelbar

Anders als bei vielen anderen Themen dieses Ratgebers ist die Evidenzlage zur Behandlung von Prüfungsangst ausnahmsweise klar und ermutigend. Eine chinesische des Instituts für Psychologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften wertete 40 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 5.786 Teilnehmenden aus. Der Gesamteffekt war nach den üblichen Konventionen groß: Hedges g = 0,85 (95-%- 0,68 bis 1,03).

Alle geprüften Verfahren wirkten. Am stärksten schnitten körper-geist-orientierte Verfahren wie progressive Muskelentspannung und Atemtechniken ab (g = 1,32), gefolgt von Verhaltensinterventionen (g = 0,88) und kognitiver Verhaltenstherapie (g = 0,81). Für den Einstieg zu Hause sind gerade die einfachen körperorientierten Verfahren niedrigschwellig und gut belegt; sie ersetzen bei ausgeprägter, das Kind stark einschränkender Angst keine Psychotherapie, sind aber ein sinnvoller erster Schritt, den Sie mit Ihrem Kind gemeinsam ausprobieren können.

169 Warum Angst nicht immer schadet — es kommt auf das Zutrauen an

Eine japanische Studie an Mittelschülerinnen und -schülern liefert einen wichtigen psychologischen Mechanismus, der erklärt, warum Prüfungsangst bei manchen Kindern zu mehr Lernen und bei anderen zu Aufschieben führt. Entscheidend ist die Selbstwirksamkeit — das Zutrauen eines Kindes, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. In der Gruppe mit hoher Selbstwirksamkeit ging hohe Prüfungsangst mit längerer Lernzeit vor der Prüfung einher; in der Gruppe mit niedriger Selbstwirksamkeit dagegen mit mehr Aufschiebeverhalten. Eine international zitierte fand zudem nur einen schwachen negativen Zusammenhang zwischen Prüfungsangst und tatsächlicher Leistung ().

Praktisch bedeutet das: Prüfungsangst ist nicht per se schädlich. Entscheidend ist, ob ein Kind sich zutraut, mit der Situation etwas ausrichten zu können. Wo dieses Zutrauen fehlt, kippt Angst in Vermeidung und Aufschieben, und dann verstärken sich Druck und tatsächliches Versagen gegenseitig. Für Sie als Eltern folgt daraus eine Priorität: Nicht die Angst selbst wegreden, sondern konkrete, kleine Erfolgserlebnisse ermöglichen, die das Zutrauen Ihres Kindes stärken, etwas selbst beeinflussen zu können.

170 Achtsamkeits-Apps: (noch) kein Wirksamkeitsnachweis

Achtsamkeitsbasierte Programme und Apps werden häufig gegen Prüfungsangst beworben. Die vorliegende zu diesem spezifischen Bereich zeichnet ein anderes Bild als die zuvor beschriebene, deutlich breiter angelegte Auswertung zu Prüfungsangst insgesamt. Über 18 Primärstudien mit 20 Vergleichen und 1.275 Teilnehmenden ergab sich zwar ein großer Punktschätzer (−0,716), doch das reichte von −1,383 bis 0,049 und überschritt damit die Null — statistisch ist der Effekt damit nicht abgesichert. Zusätzlich fiel ein Test auf auffällig aus (Eggers Regression ), was ein Hinweis sein kann, dass vor allem positive Ergebnisse veröffentlicht wurden.

Das bedeutet nicht, dass Achtsamkeit grundsätzlich nutzlos ist — die im vorigen Abschnitt beschriebenen körperorientierten Entspannungsverfahren zeigen im breiteren Datensatz durchaus Wirkung. Es bedeutet, dass die spezifische Behauptung, ein bestimmtes Achtsamkeitsprogramm sei gegen Prüfungsangst wissenschaftlich erwiesen wirksam, nach dieser Auswertung nicht gedeckt ist. Bevor Sie in eine kostenpflichtige App oder ein beworbenes Programm investieren, ist ein kritischer Blick, welche konkrete Evidenz dafür genannt wird, gut angelegte Zeit.

171 Japan: wenn mit fünfzehn über die weitere Schullaufbahn entschieden wird

Japan bietet ein anschauliches, wenn auch für Österreich nicht direkt übertragbares Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Bildungssystem Druck an einem einzigen frühen Zeitpunkt konzentriert. Die japanische Oberschule ist nicht Teil der allgemeinen Schulpflicht und wird über eine Aufnahmeprüfung mit 15 Jahren betreten. In der amtlichen japanischen Suizidstatistik für Schulkinder bilden Schulprobleme nach Gesundheitsproblemen die zweitgrößte Motivkategorie (251 von 538 Fällen 2025, Mehrfachnennungen möglich), und innerhalb dieser Kategorie dominieren schwache Leistungen (58 Nennungen) und Sorgen um den weiteren Bildungsweg einschließlich der Aufnahmeprüfung (55 plus 28 Nennungen) deutlich vor Mobbing (16 Nennungen).

Diese Struktur — eine schulpflichtfreie Oberschule mit Aufnahmeprüfung mit 15 Jahren — hat im österreichischen System mit Übertritten mit 10 und größerer Durchlässigkeit keine Entsprechung; die Zahlen sind entsprechend nicht übertragbar. Was sich aus Japan trotzdem lernen lässt, ist ein Mechanismus: Eine begleitende japanische Studie fand, dass Prüfungsangst nur schwach mit der Leistung selbst zusammenhängt, aber ein hohes Ausgangsniveau an Stressreaktionen bereits vor einer Prüfungsphase die Entwicklung problemlösender Bewältigungsstrategien in dieser Phase negativ beeinflusst — wer bereits belastet in eine schwierige Phase geht, entwickelt darin tendenziell weniger, nicht mehr, hilfreiche Strategien.

172 Korea: das private Nachhilfesystem als Warnung, nicht als Erklärung

Korea liefert die extremsten Werte im gesamten für diesen Ratgeber ausgewerteten Material, und der zugrunde liegende Bericht warnt selbst ausdrücklich davor, sie auf Österreich zu übertragen. Drei Viertel aller koreanischen Schülerinnen und Schüler nehmen Nachhilfe, im Durchschnitt 7,1 Stunden pro Woche zusätzlich zum regulären Unterricht — mit dem höchsten Anteil bereits in der Volksschule (84,4 Prozent) und sinkend zur Oberstufe hin. Mädchen schlafen werktags im Schnitt nur 5,9 Stunden, Buben 6,6 Stunden; nicht einmal ein Sechstel der Mädchen empfindet den eigenen Schlaf als ausreichend. Der Bericht führt das ausdrücklich auf das private Nachhilfesystem (학원) und die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (수능) zurück.

Wörtlich hält der zugrunde liegende Bericht fest: „Der Leistungsdruck ist in Korea messbar dominant; in Österreich sind die Belastungsprofile breiter gestreut (soziale Medien, familiäre Konflikte, Mobbing, Zukunftsangst). Der koreanische Fall taugt als Warnung davor, wohin ein rein leistungszentriertes System führt — nicht als Erklärungsmodell für österreichische Jugendliche." Diese Einordnung gehört ernst genommen: Die koreanischen Zahlen sind keine österreichische Prognose, sondern ein Beispiel dafür, was ein Bildungssystem, das Leistungsdruck systematisch vervielfacht, mit dem Schlaf und der psychischen Gesundheit von Kindern macht, selbst wenn die Ursachen in Österreich andere sind. Zum chinesischen Hochschulzugangsverfahren 高考 enthält das für diesen Ratgeber ausgewertete Material keine belastbare Information; es wird deshalb hier bewusst nicht behandelt.

173 Hausaufgaben: kleiner Nutzen, und niemand weiß, wie viel genug ist

Die aktuellste systematische Übersicht zum Nutzen von Hausaufgaben findet gegenüber gar keinen Hausaufgaben einen mittleren Effekt (Hedges g = 0,45, 95-%- 0,24 bis 0,66), allerdings auf einer schmalen Datenbasis von nur elf Publikationen mit Stichproben zwischen 40 und 417 Teilnehmenden. Der Effekt zeigt sich vor allem beim reinen Rechnen (g = 0,46), kaum beim Verstehen von Konzepten (g = −0,02, nicht signifikant). Die Übersichtsarbeit hält ausdrücklich fest, dass unklar bleibt, wie viel Zeit pro Tag für den besten Effekt optimal wäre.

In Österreich gibt es dazu eine Rechtsnorm, die vielen Eltern nicht bekannt ist. § 17 Abs. 2 Schulunterrichtsgesetz schreibt vor, dass Hausübungen „so vorzubereiten sind, daß sie von den Schülern ohne Hilfe anderer durchgeführt werden können" — Elternhilfe ist bei Hausübungen also gesetzlich nicht vorgesehen, weil die Aufgabe für das Kind allein lösbar sein muss. Zusätzlich ist bei der Bemessung des Ausmaßes auf die Belastbarkeit der Schülerinnen und Schüler Rücksicht zu nehmen, insbesondere auf die Stundenzahl am jeweiligen Schultag. Und: Hausübungen dürfen nicht für Samstage, Sonntage, Feiertage oder während der Weihnachts-, Semester-, Oster-, Pfingst-, Herbst- oder Hauptferien aufgetragen werden. Wenn Ihr Kind regelmäßig an Wochenenden oder in den Ferien Hausübungen erledigen soll, oder wenn es Aufgaben ohne Ihre Hilfe erkennbar nicht bewältigen kann, ist das ein sachlicher, gesetzlich begründeter Ansatzpunkt für ein Gespräch mit der Lehrkraft.

174 Schlaf: der unterschätzte Hebel gegen Leistungsdruck

Der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und schulischem Druck wirkt in beide Richtungen: Wenig Schlaf verschlechtert die Leistungsfähigkeit, was den Druck erhöht, und hoher Druck verkürzt wiederum den Schlaf. In Österreich ist der Anteil der Jugendlichen mit sehr hoher täglicher Handynutzung zwischen 2018 und 2022 von rund 23 auf 38 Prozent gestiegen (5 Stunden und mehr täglich am Handy), und der HBSC-Bericht verknüpft hohe Nutzung ausdrücklich mit häufigeren Kopfschmerzen, Schlafproblemen und Augenbeschwerden.

Zur konkreten Schlafmenge liefert ein japanischer, evidenzbasierter Leitfaden des Gesundheitsministeriums, der sich seinerseits auf die Empfehlungen der American Academy of Sleep Medicine stützt, eine international anerkannte Referenz: Volksschulkinder brauchen 9 bis 12 Stunden Schlaf, Mittel- und Oberschülerinnen und -schüler 8 bis 10 Stunden. Dieselbe Quelle beschreibt eine für die kinderärztliche Praxis relevante Kaskade: Mit Beginn der Pubertät verschiebt sich der Melatoninbeginn biologisch nach hinten, Vereinsaktivitäten, Lernen und Bildschirme verstärken das zusätzlich, während die Schule zu frühem Aufstehen zwingt — daraus kann ein chronisches Schlafdefizit entstehen, das in eine behandlungsbedürftige Schlafphasenverzögerung münden kann, häufig gemeinsam mit einer orthostatischen Dysregulation, also Kreislaufproblemen beim Aufstehen. Wenn morgendliches Aufstehen für Ihr Kind zunehmend unmöglich wird, ist das kein Willensproblem, sondern ein guter Grund für eine ärztliche Abklärung. Zur Forderung nach späterem Unterrichtsbeginn liegt zwar eine Positionierung einer US-amerikanischen Fachgesellschaft vor, deren Datengrundlage aber fast ausschließlich aus den USA stammt und deshalb nur eingeschränkt auf österreichische Schulzeiten übertragbar ist.

175 Was Eltern tatsächlich tun können

Fassen wir die praktischen Konsequenzen dieses Kapitels zusammen. Unterscheiden Sie zwischen unterstützendem Erwartungsdruck und kontrollierendem Druck — die Formulierung Ihrer Erwartungen macht laut den vorliegenden Daten einen messbaren Unterschied für Prüfungsangst, Stress und Selbstwert Ihres Kindes. Nehmen Sie Prüfungsangst als das, was sie meistens ist: kein Charakterfehler, sondern ein behandelbares, in den meisten Fällen mit einfachen körperorientierten Verfahren gut zu linderndes Phänomen. Prüfen Sie beworbene Achtsamkeits-Apps kritisch, bevor Sie investieren. Kennen Sie die österreichische Rechtsnorm zu Hausübungen — sie sind ohne Elternhilfe lösbar konzipiert und dürfen nicht in die Ferien fallen. Und schützen Sie den Schlaf Ihres Kindes aktiv, gerade in Prüfungsphasen, statt ihn als Erstes zu opfern, wenn es eng wird.

Die internationalen Vergleiche in diesem Kapitel — Japans Aufnahmeprüfung mit 15, Koreas Nachhilfesystem — sind keine Prognose für Österreich, sondern Warnbeispiele dafür, wohin ein System kippen kann, das Leistungsdruck systematisch verstärkt statt abfedert. Die österreichischen Zahlen selbst, allen voran die 64 Prozent der Mädchen in der 11. Schulstufe, sind real genug, um ernst genommen zu werden, ohne dass es dazu asiatischer Vergleichswerte bedarf.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16