Die meisten Kinder erzählen es nicht von selbst. Was stattdessen auffällt, sind Bauchweh am Sonntagabend, verschwundene Sachen und ein Kind, das plötzlich keine Namen mehr nennt.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

38 Eltern sehen weniger, als die Kinder erleben

Dieses Kapitel beginnt mit einem Befund, der keine Schuldzuweisung ist, sondern eine Messgröße.

Eine steirische Untersuchung hat zu denselben Kindern vier Gruppen befragt: die Kinder selbst, ihre Lehrkräfte, ihre Mütter und ihre Väter. Für die Opferrolle ergaben sich folgende Mittelwerte: Kinder selbst M = 1,52 mit einer von 0,64, Mütter M = 1,29 mit SD 0,52, Väter M = 1,29 mit SD 0,47, Lehrkräfte M = 1,24 mit SD 0,38.

Die Kinder gaben also klar häufiger an, Opfer zu sein, als die Erwachsenen es wahrnahmen. Eltern und Lehrkräfte lagen am unteren Rand aller vier Einschätzungen. Die zugrunde liegende Skala ist in der abgerufenen Fassung nicht angegeben, weshalb sich der Abstand nicht in übersetzen lässt; die Rangfolge ist eindeutig.

Für die Täterrolle kehrt sich das Bild teilweise um: Lehrkräfte M = 1,37, Kinder M = 1,33, Väter M = 1,17, Mütter M = 1,16. Lehrkräfte schätzten die Täterschaft also höher ein als die Eltern.

Untersucht wurden 721 Kinder, 46 Lehrkräfte, 439 Mütter und 363 Väter; die Kinder waren 9 bis 11 Jahre alt und besuchten die 4. Schulstufe in 48 Klassen an 37 steirischen Schulen.

Dass Sie nichts bemerkt haben, ist der Normalfall und nicht Ihr Versäumnis. Es ist der Grund, warum aktives Fragen nötig ist.

39 Lehrkräfte sehen nur die Spitze

Auch die Schule sieht weniger, als geschieht, und der Abstand ist beziffert.

Ein italienisches Monitoring befragte Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte derselben Schulstufe getrennt. Die Lehrkräfte schätzten, dass rund 6 Prozent der Schülerschaft in die Phänomene verwickelt sei: 6,1 Prozent Viktimisierung, 6,2 Prozent ausgeübtes Mobbing, 5,6 Prozent Cyberviktimisierung, 5,5 Prozent ausgeübtes Cybermobbing. Die Schülerinnen und Schüler berichteten dagegen 28,2, 18,2, 8,3 und 7,6 Prozent.

Die Lehrkräfte schätzen die Betroffenheit also auf etwa ein Fünftel des von den Schülern berichteten Werts. Die Autoren schließen daraus, dass nur ein Teil der Vorfälle, wahrscheinlich die schwersten und systematischsten, tatsächlich zur Kenntnis der Lehrkräfte gelangt, während ein erheblicher Anteil unbemerkt bleibt.

Dazu passt die Wahrnehmung des Schulklimas. Über 90 Prozent der Lehrkräfte halten ihre Schule für einen sicheren Ort. Rund 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler erklärten, ihre Schule sei nicht sicher, und rund 28 Prozent berichteten von unklaren Regeln.

Auch aus Spanien liegt eine Zahl vor: 15 Prozent der befragten Lehrkräfte kannten einen konkreten Fall, 5,9 weniger als im Vorjahr. Sie stammt aus einer Sekundärquelle und aus einer Gelegenheitsstichprobe von 355 Lehrkräften.

Die italienischen und spanischen Werte gelten der Höhe nach nicht für Österreich. Das Wahrnehmungsgefälle deckt sich aber mit dem österreichischen Befund aus der Steiermark.

40 „Die Schule hätte es gemeldet" ist kein Argument

Es gibt eine Zahl, die dieses Argument zuverlässig entkräftet, und sie kommt aus einem Land mit einem außergewöhnlich dichten Meldesystem.

Japan führt neben der allgemeinen Fallzählung eine gesonderte Kategorie für schwerwiegende Mobbingfälle. Im Schuljahr 2024/25 waren es 1.404 solcher Fälle, gegenüber 1.306 im Jahr davor. Von diesen schwerwiegenden Fällen waren 490, also 34,9 Prozent, vor der Eskalation überhaupt nicht als Mobbing registriert. Im Vorjahr waren es ebenfalls 490 Fälle, damals 37,5 Prozent.

Ein gutes Drittel der schwersten Fälle war der Schule also vorher unbekannt, und das trotz Vollerhebung aller Schulen, gesetzlicher Meldewege und täglicher digitaler Befindlichkeitsabfragen auf Schul-Tablets.

Japan zählt Fälle, nicht Kinder, und diese Zahlen sind keine . Für die hier interessierende Aussage spielt das keine Rolle: Es geht um den Anteil der schweren Fälle, die vorher nicht bekannt waren.

Wenn die Schule sagt, es sei nichts gemeldet worden, ist das eine zutreffende Auskunft über den Meldestand. Es ist keine Auskunft darüber, ob etwas passiert.

41 Körperliche Beschwerden als Frühwarnsystem

Der praktisch wertvollste Befund für die Sprechstunde betrifft den Zusammenhang zwischen wiederkehrenden Körperbeschwerden und der seelischen Verfassung.

Eine landesweite japanische Untersuchung befragte 2.268 zufällig ausgewählte Kinder im Alter von 10 bis 15 Jahren. Erfasst wurden unter anderem Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen und Schwindel. Das Ergebnis ist dosisabhängig: Kinder mit vier solchen Beschwerden mindestens einmal monatlich hatten ein 16,4-fach höheres Risiko für depressive Symptome als beschwerdefreie Kinder.

Die Gegenrichtung ist ebenso aufschlussreich. Rund 86 Prozent der Kinder mit depressiven Symptomen berichteten mindestens ein körperliches Symptom mindestens einmal im Monat.

Verwendet wurde ein anerkanntes Depressionsscreening für Jugendliche; die Originalarbeit erschien 2025 in einer begutachteten kinderärztlichen Fachzeitschrift.

Für Sie heißt das: Wiederkehrende Beschwerden ohne körperlichen Befund sind kein Grund, das Kind für empfindlich zu halten. Sie sind ein Grund, nach der Schule zu fragen. Und sie sind ein Grund, mit dem Kind in die Ordination zu kommen, auch wenn schon zweimal nichts gefunden wurde.

Umgekehrt gilt genauso: Nicht jedes Bauchweh ist Mobbing. Die körperliche Abklärung bleibt der erste Schritt.

Anzeichen, die zusammen etwas bedeuten

Kein einzelnes dieser Zeichen beweist etwas – jedes davon hat viele harmlose Erklärungen. Aussagekräftig wird erst die Häufung, besonders wenn sie neu ist. Haken Sie ab, was in den letzten vier Wochen aufgefallen ist.

Diese Liste ersetzt kein Gespräch und keine Untersuchung. Sie ist als Vorbereitung gedacht: Was hier angekreuzt ist, sind genau die Beobachtungen, die in der Ordination und in der Schule gefragt werden. Die Zahl der Häkchen ist kein Messwert, sondern ein Anlass.

42 Welche Beschwerden österreichische Schulkinder tatsächlich haben

Damit Sie die Beschwerden Ihres Kindes einordnen können, hier die österreichischen Häufigkeiten. Erfasst wurden Beschwerden, die mehrmals pro Woche oder täglich auftreten. Die Werte lauten jeweils Mädchen, Burschen, gesamt.

  • Gereiztheit und schlechte Laune: 44,0, 24,7 und 34,8 Prozent
  • Schwierigkeiten beim Einschlafen: 32,1, 23,2 und 27,9 Prozent
  • Nervosität: 35,4, 17,6 und 27,0 Prozent
  • Zukunftssorgen: 29,2, 16,5 und 23,2 Prozent
  • Niedergeschlagenheit: 30,0, 12,4 und 21,6 Prozent
  • Angstgefühle: 29,2, 9,0 und 19,6 Prozent
  • Kopfschmerzen: 27,4, 10,0 und 19,1 Prozent
  • Magen- und Bauchschmerzen: 16,5, 6,2 und 11,6 Prozent

Insgesamt treten diese häufigen Beschwerden mit einer von 12 bis 35 Prozent auf. Bei Mädchen sind alle Beschwerden deutlich häufiger als bei Burschen.

Ergänzend: 31 Prozent der Mädchen und 19 Prozent der Burschen sind mit ihrem Leben gegenwärtig nicht sehr zufrieden.

Die Items „Zukunftsängste" und „Angstgefühle" wurden pandemiebedingt neu und nur in Österreich abgefragt.

Diese Zahlen beruhen auf der HBSC-Erhebung 2021/22 mit n = 7.099 Schülerinnen und Schülern. Sie sagen nichts über die Ursache aus. Sie sagen, dass ein einzelnes Symptom für sich genommen nichts beweist. Aussagekräftig ist die Veränderung: Was ist neu, seit wann, und was fällt zeitlich damit zusammen.

43 Der Leistungsabfall

Ein plötzlicher Leistungsabfall ist ein ernstzunehmender Hinweis, und der Mechanismus dahinter ist untersucht.

Eine hat nicht nur geprüft, ob Mobbing die Schulleistung senkt, sondern wodurch. Betroffene Kinder schneiden schlechter ab: der Zusammenhang zwischen Mobbingbetroffenheit und Schulleistung liegt bei ,62 mit einem von 0,49 bis 0,79 und einem p-Wert unter 0,001, berechnet über 14 Effektschätzungen.

Der Weg dorthin führt messbar über drei Zwischenschritte: nachlassendes schulisches Engagement mit OR = 0,571 und 95-%-KI 0,43–0,77, sinkende Motivation mit OR = 0,82 und 95-%-KI 0,69–0,97, und beschädigter Selbstwert mit OR = 0,12 und 95-%-KI 0,07–0,20. Der gesamte Vermittlungseffekt liegt bei OR = 0,74 mit 95-%-KI 0,72–0,77.

Der Selbstwert ist dabei der weitaus stärkste der drei Wege. Das Kind lernt nicht deshalb schlechter, weil es traurig ist, sondern weil es aufgehört hat, sich zuzutrauen, dass Lernen bei ihm etwas bringt.

Die Studienzahl ist mit elf eingeschlossenen Arbeiten klein, auch wenn insgesamt 257.247 Teilnehmende eingingen. Das schränkt die Belastbarkeit ein.

Die praktische Folgerung ist trotzdem klar: Ein Notensturz ohne erkennbare Ursache verdient eine Frage nach der Klasse, nicht zuerst mehr Nachhilfe.

44 Fehlzeiten und der Weg zur Schule

Beginnende Fehlzeiten sind das früheste Signal, das nicht von der Wahrnehmung der Eltern abhängt, weil die Schule die Fehlstundenübersicht ohnehin führt.

Frankreich erhebt Schulabsentismus systematisch. Im Schuljahr 2024/25 waren dort im Monatsdurchschnitt 7 Prozent der Schülerinnen und Schüler an vier Halbtagen oder mehr unentschuldigt abwesend. Der Verlauf über das Schuljahr ist steil: 4 Prozent im September, 14 Prozent im Mai. Nach Schultyp: berufsbildende Gymnasien 19 Prozent, Collèges 4 Prozent, allgemeinbildende und technologische Gymnasien 10 Prozent. Je ungünstiger die soziale Herkunft, desto höher der Absentismus; in den sozial am ungünstigsten gestellten Einrichtungen lag er bei 12,5 Prozent gegenüber 3,9 Prozent in den günstigsten.

Diese Zahlen stammen aus dem französischen Schulsystem mit seiner eigenen Erfassung und gelten für Österreich nicht. Übertragbar ist das Prinzip: Fehlzeiten sind ein Frühindikator, sie steigen im Jahresverlauf, und sie hängen mit der sozialen Lage zusammen.

Ein verwandter Befund aus Brasilien beziffert den Grund. Dort blieben 13,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den letzten 30 Tagen der Schule fern, weil sie sich dort nicht sicher fühlten, ein Anstieg um 2,9 gegenüber 2019; 12,5 Prozent blieben wegen fehlender Sicherheit auf dem Schulweg fern. Das brasilianische Niveau ist nicht übertragbar, die Kategorie ist es.

Fragen Sie deshalb nicht nur nach der Schule, sondern auch nach dem Weg dorthin. Der Bus und die Umkleide sind Orte ohne Aufsicht.

45 Wenn Übermüdung wie Verhaltensauffälligkeit aussieht

Ein Hinweis, der in der Praxis regelmäßig zu Fehldeutungen führt: Übermüdete Kinder werden tagsüber nicht müde, sondern gereizt.

Die italienische Fachgesellschaft für Atemwegserkrankungen im Kindesalter formuliert das ausdrücklich. Übermüdete Kinder wirken reizbar und hyperaktiv und werden häufig für Kinder mit Verhaltensproblemen gehalten.

Als Folgen von Schlafmangel nennt dieselbe Quelle: Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Abfall der schulischen Leistungen, Übergewichtsrisiko und langfristig Herz-Kreislauf- und Stoffwechselprobleme.

Es handelt sich um die Pressemitteilung einer Fachgesellschaft, also um eine Sekundärquelle ohne eigene Zahlen zur Häufigkeit. Als klinischer Differenzialhinweis ist die Aussage gleichwohl brauchbar und deckt sich mit dem Alltag in der Ordination.

Der Zusammenhang zum Thema dieses Ratgebers ist doppelt. Erstens gehören Einschlafschwierigkeiten zu den häufigsten Beschwerden österreichischer Schulkinder: 32,1 Prozent der Mädchen und 23,2 Prozent der Burschen haben sie mehrmals pro Woche oder täglich. Zweitens liegt der Kreislauf nahe: Wer abends im Kopf noch in der Klasse ist, schläft schlecht, ist tagsüber gereizt, gerät dadurch häufiger in Konflikte und wird als schwierig eingeordnet.

Bevor ein Kind als verhaltensauffällig gilt, gehört sein Schlaf angesehen.

46 Eine einzige Frage als Frühindikator

Aus einer japanischen Auswertung von mehr als 31.000 Kindern stammt eine Frage, die sich wörtlich ins Deutsche übernehmen lässt: „Freust du dich auf deine Freundinnen und Freunde in der Schule."

In dieser Auswertung waren 14 Prozent der Fünftklässler und 23 Prozent der Achtklässler der Gruppe mit erhöhten Depressionswerten zugeordnet. Bei den Fünftklässlern waren es 13 Prozent der Buben und 14 Prozent der Mädchen, bei den Achtklässlern 20 und 25 Prozent.

Der entscheidende Kontrast liegt in der Antwort auf die genannte Frage. Kinder, die sich auf ihre Schulfreunde freuten, lagen in der Fünften bei 9 Prozent und in der Achten bei 14 Prozent. Kinder, die sich nicht auf ihre Schulfreunde freuten, lagen bei 63 beziehungsweise 75 Prozent.

Zum Vergleich dieselbe Frage bezogen auf die Lehrkraft: mit Vorfreude 8 und 13 Prozent, ohne Vorfreude 29 und 36 Prozent. Der Zusammenhang ist also vorhanden, aber deutlich schwächer als bei den Gleichaltrigen.

Ausgewertet wurden 16.350 Kinder der 5. Schulstufe und 14.927 der 8. Schulstufe mit einem standardisierten Selbstbeurteilungsbogen für Depressivität im Kindesalter.

Es handelt sich um einen Querschnitt. Die Frage beweist nichts, aber sie trennt gut. Wenn ein Kind auf diese Frage lange nichts sagt, ist das eine Antwort.

47 Was die amtliche österreichische Darstellung als Anzeichen nennt

Das österreichische HBSC-Factsheet fasst die Folgen von Mobbing in einer Formulierung zusammen, die sich für Eltern als Anzeichenliste lesen lässt.

Mobbing kann demnach führen zu geringem Selbstwertgefühl, sozialem Rückzug, einer Verschlechterung der schulischen Leistungen, körperlichen Symptomen wie chronischen Kopf- oder Bauchschmerzen und psychischen Problemen wie Angstzuständen, Depressionen oder Suizidgedanken.

Die österreichische Schulpsychologie nennt dieselben Symptome: Kopfweh, Magenschmerzen, Angst, depressive Verstimmungen, ein erhöhtes Suizidrisiko und schlechtere Schulleistungen, und zwar ausdrücklich bei Opfern und bei Tätern.

Der deutsche HBSC-Bericht ergänzt Schulvermeidung als eigene Folge und damit als Erkennungsmerkmal. Dort heißt es, mit Mobbingerfahrungen gehe ein höheres Maß an Schulvermeidung einher, aber auch höhere Risiken für Depressivität, Ängstlichkeit, psychosomatische Beschwerden, selbstverletzende Verhaltensweisen und Suizidalität. Einige dieser Risiken seien durch Mobbingerfahrungen mehr als dreifach erhöht. Diese Angaben stammen aus einer deutschen Stichprobe von 6.475 Kindern; das Erhebungsinstrument ist dasselbe wie in Österreich.

Wenn Ihr Kind Suizidgedanken äußert oder sich selbst verletzt, warten Sie nicht bis zum nächsten regulären Termin. Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr und kostenlos erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson.

48 Warum Kinder schweigen

Ein Kind, das nichts sagt, hat dafür in der Regel gute Gründe, und sie sind untersucht.

Die Angst, dass es danach schlimmer wird

In einer chinesischen Erhebung an 3.108 minderjährigen Schülerinnen und Schülern meldeten 20,3 Prozent erst, wenn dasselbe ein zweites Mal passiert war, und 1,9 Prozent meldeten nie. Die im Bericht zitierten Fachleute nennen als Gründe die Angst vor Eskalation und die Sorge, dass Lehrer und Eltern nicht auf ihrer Seite stehen. Es handelt sich um eine staatliche chinesische Erhebung ohne unabhängige Prüfung des Designs; die genannten Schweigegründe sind allerdings nicht kulturgebunden.

Die Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden

Das österreichische Factsheet hält fest, dass sich Kinder Tätergruppen anschließen, weil sie fürchten, sonst selbst angegriffen zu werden. Dieselbe Angst wirkt gegen das Erzählen. Da Täterinnen und Täter zu mindestens 50 Prozent in Gruppen auftreten, richtet sich diese Angst gegen mehrere Personen gleichzeitig.

Die Erfahrung, dass es nichts bringt

In der französischen Klimabefragung hatten drei von zehn Kindern, die eine Gewalterfahrung gemacht hatten, mit jemandem darüber gesprochen. Das heißt: Sieben von zehn sprachen mit niemandem. Und wenn sie sprachen, dann vor allem mit Freunden und Eltern, und nur in geringerem Maß mit einer erwachsenen Person aus der Schule.

Beim Cybermobbing liegt die Quote noch niedriger. Die italienische Gesellschaft für Kinderheilkunde beziffert sie mit einem von zehn betroffenen Minderjährigen, die offen über das Vorgefallene sprechen. Diese Angabe stammt aus einem nicht begutachteten Fachgesellschaftsbeitrag.

Der fehlende Weg

Im italienischen Monitoring gaben nur 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler an zu wissen, wer die gesetzlich vorgeschriebene Ansprechperson an ihrer Schule ist, obwohl 82,6 bis 91 Prozent der Schulen laut Lehrkräften eine solche Person benannt hatten. 77 Prozent wussten nicht, ob es ein anonymes Meldesystem gibt, oder gingen davon aus, dass es keines gibt; von diesen wünschten sich 76,8 Prozent eines. Die italienische Struktur gilt für Österreich nicht. Die Frage, ob Ihr Kind einen Meldeweg kennt, gilt sehr wohl.

49 Wann die Frage nach Selbstverletzung gestellt werden muss

Bei digitalen Angriffen und bei lange andauerndem Mobbing gehört aktiv nach Selbstverletzung und nach Suizidgedanken gefragt. Drei unabhängige Quellen kommen zu diesem Schluss.

Erstens: Die Dachübersicht über 56 fand für Cybermobbing den stärksten Zusammenhang der gesamten Auswertung nicht bei Angst oder Depression, sondern bei Selbstverletzung und suizidalem Verhalten, mit einem Median von bei einer Spanne von 0,04 bis 0,40.

Zweitens: Die kanadische Bundesstatistik berichtet für cyberviktimisierte Jugendliche adjustierte se von 3,10 mit einem von 2,50 bis 3,80 für Suizidgedanken und 3,17 mit 95-%-KI 2,40 bis 4,20 für Suizidversuche, jeweils bei den 15- bis 17-Jährigen. Grundlage sind 13.602 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, davon 6.857 in der Altersgruppe 15 bis 17.

Drittens: Der spanische Bericht einer Kinderschutzstiftung bezeichnet Mobbing als ein mit suizidalem Verhalten verbundenes Problem und als Risikofaktor, ausgelöst insbesondere durch die Verletzlichkeit gegenüber der Misshandlung durch Gleichaltrige.

Zwei Dinge gehören dazu gesagt. Die Frage nach Suizidgedanken erhöht das Risiko nicht. Und es gibt keinen Grund, sie besonders vorsichtig zu umschreiben; direkt gestellte Fragen sind besser als angedeutete.

Wenn Ihr Kind bejaht, dass es an Suizid denkt, oder wenn Sie Verletzungen finden, die es sich selbst zugefügt hat, holen Sie noch am selben Tag Hilfe: über Ihre Kinderärztin, über eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder über eine Notfallambulanz. Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und auch für Bezugspersonen erreichbar; die Telefonseelsorge unter 142.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16