Es trifft nicht die Schwachen, sondern die Auffälligen – und „auffällig" heißt in jeder Klasse etwas anderes. Was die Forschung über Risikogruppen weiß und was daran Mythos ist.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

66 Es gibt keinen Mobbing-Typ

Bevor dieses Kapitel Risikomerkmale aufzählt, gehört ein Satz vorangestellt, der alles Folgende relativiert: Es gibt kein Kind, das Mobbing verdient, und kein Merkmal, das Mobbing erklärt.

Zwei Befunde belegen das. Erstens gaben in der brasilianischen Erhebung 26,3 Prozent der Betroffenen an, es habe überhaupt keinen Grund gegeben. Auf der Täterseite sagten 27,4 Prozent, es habe keinen Grund gegeben oder sie hätten es einfach gemacht, weil sie wollten. In mehr als einem Viertel der Fälle führt die Suche nach dem Grund also ins Leere.

Zweitens gilt selbst für scheinbar schützende Merkmale nichts Verlässliches. In einer chinesischen Erhebung an 12.940 Jugendlichen war Unbeliebtheit bei den Mitschülern zwar ein Risikofaktor mit ,34. Aber auch das Innehaben eines Klassenamts war einer, mit OR = 1,30. Beliebtheit und Verantwortung schützen nicht zuverlässig. Diese Werte stammen aus einer chinesischen Erhebung von 2019 mit einem eigenen Instrument; übertragbar ist die Aussage, nicht die Effektgröße.

Die Merkmale in diesem Kapitel sind also keine Erklärungen. Sie sind Hinweise darauf, wo genauer hingeschaut werden sollte.

67 Alter und Schulstufe

Der übereinstimmendste Befund aller ausgewerteten Berichte betrifft das Alter, und er widerspricht der verbreiteten Erwartung. Der Gipfel liegt früher, nämlich am Ende der Volksschule beziehungsweise am Beginn der Sekundarstufe.

Österreich: höchste Opferquote in der 5. Schulstufe mit 12 Prozent bei Mädchen und 13 Prozent bei Burschen, nach einer Verschiebung von der 7. auf die 5. Schulstufe gegenüber früheren Wellen.

Deutschland: Grundschule 13,2 Prozent gegenüber Gymnasium 7,4 Prozent.

Italien, Statistikbehörde: 23,7 Prozent bei den 11- bis 13-Jährigen gegenüber 19,8 Prozent bei den 14- bis 19-Jährigen.

Italien, HBSC: Mobbingopfer bei den Elfjährigen 18,9 Prozent der Buben und 19,8 Prozent der Mädchen, bei den Fünfzehnjährigen 9,9 und 9,2 Prozent.

Belgien, Anteil ohne Cybermobbing-Erfahrung: 84,9 Prozent im 5. und 6. Volksschuljahr, 88,5 Prozent im ersten Sekundarabschnitt, 92,7 Prozent im zweiten und dritten.

Spanien: höchste zwischen 11 und 12 Jahren. Frankreich: Mehrfachbetroffenheit trifft besonders die Sechstklässler.

Eine Erhebung weicht ab: Das italienische Oberstufen-Monitoring findet 28,2 Prozent. Sie verwendet ein anderes Instrument mit einem Zeitfenster von zwei bis drei Monaten und der Schwelle „gelegentlich plus systematisch", untersucht nur die Sekundarstufe II und beruht auf freiwilliger Schulteilnahme.

Der Übergang in die Sekundarstufe ist auch außerhalb Europas der kritische Punkt: In Japan steigt der Anteil depressiver Kinder von 14 Prozent in der 5. Schulstufe auf 23 Prozent in der 8., in Korea verdoppelt sich die aktuelle psychischer Störungen von 4,7 auf 9,5 Prozent zwischen Kindes- und Jugendalter.

68 Geschlecht: was gesichert ist und was nicht

Hier ist Vorsicht geboten, weil das Bild uneinheitlicher ist, als es meist dargestellt wird.

Gesichert ist eine Richtung: Bei der Täterschaft mobben Buben häufiger. Das gilt über alle Erhebungen hinweg. Europäisch 8 gegenüber 5 Prozent, in Österreich 5 gegenüber 2 Prozent, in Deutschland 4,9 gegenüber 2,0 Prozent.

Nicht gesichert ist, wer häufiger Opfer wird. Für Österreich lauten die Zahlen 7 Prozent der Mädchen und 8 Prozent der Burschen; europäisch sind es jeweils 11 Prozent. Brasilien findet Mädchen deutlich häufiger betroffen, nämlich 30,1 gegenüber 24,3 Prozent. Portugal ordnet Mädchen ebenfalls häufiger als Opfer ein. China findet dagegen Buben häufiger betroffen, mit 30,1 gegenüber 26,9 Prozent für irgendeine Form und 25,6 gegenüber 21,3 Prozent für traditionelles Mobbing.

Dieser Widerspruch wird hier nicht aufgelöst. Die Richtung des Geschlechtereffekts ist über die Länder hinweg nicht stabil und darf nicht als gesicherter Befund dargestellt werden.

Stabil ist dagegen etwas anderes: Bei den psychischen Folgen berichten Mädchen in allen ausgewerteten Ländern deutlich mehr. In Österreich haben Mädchen bei jeder einzelnen erfassten Beschwerde höhere Werte als Burschen, etwa 30,0 gegenüber 12,4 Prozent bei Niedergeschlagenheit und 29,2 gegenüber 9,0 Prozent bei Angstgefühlen. In Korea liegt das Verhältnis bei depressiver Verstimmung bei 29,9 zu 21,7 Prozent, in Japan bei mittelgradiger Depressivität bei 13,7 zu 8,2 Prozent, in Brasilien bei der negativen psychischen Selbsteinschätzung bei 22,9 zu 6,8 Prozent.

Dazu gehört ein Hinweis für den Alltag: Bei Buben zeigt sich Belastung häufiger als Reizbarkeit, Aggression und Leistungsabfall als in berichteter Traurigkeit. Wer nur nach Traurigkeit fragt, übersieht sie.

69 Gender-diverse Jugendliche

Der auffälligste Gruppenunterschied im gesamten Material betrifft Jugendliche, die sich als gender-divers identifizieren.

Im deutschen HBSC-Bericht lag der Anteil der Gemobbten bei Mädchen bei 8,9 Prozent, bei Jungen bei 7,8 Prozent und bei gender-diversen Jugendlichen bei 23,5 Prozent. Von hundert gender-diversen Jugendlichen berichteten also fast vierundzwanzig, gemobbt zu werden, gegenüber acht in den beiden anderen Gruppen. Beim Cybermobbing lauten die Werte 3,1, 2,6 und 11,7 Prozent.

Auch die Doppelrolle ist hier am häufigsten: 6,9 Prozent gegenüber 1,1 Prozent bei Mädchen und 2,5 Prozent bei Jungen. Unbeteiligt waren 65,7 Prozent, gegenüber 88,0 und 84,8 Prozent.

Zwei Einschränkungen sind wichtig. Die Teilstichprobe ist mit 98 Jugendlichen klein, was die Werte unsicher macht. Und die Erhebung ist deutsch. Nach dem deutschsprachigen Recherchebericht bestätigt das österreichische HBSC-Factsheet den Befund allerdings ausdrücklich auch für Österreich.

Aus Kanada liegt ein adjustierter Schätzer vor: Transgender und nichtbinäre Jugendliche berichteten zu 47,3 Prozent Cyberviktimisierung gegenüber 24,5 Prozent, mit einem von 2,57 und einem von 1,33 bis 4,96. Das Intervall ist breit, der Befund also unsicher in der Höhe, aber eindeutig in der Richtung.

70 Sexuelle Orientierung

Homophobe Übergriffe werden nur in wenigen Erhebungen gesondert erfasst. Wo es geschieht, zeigt sich ein ungewöhnliches Muster.

Im italienischen Oberstufen-Monitoring gaben 7,9 Prozent an, homophobe Beleidigungen erlitten zu haben, davon 5,2 Prozent gelegentlich und 2,7 Prozent systematisch. Auf der Täterseite gaben 11,1 Prozent an, so gehandelt zu haben, davon 7 Prozent gelegentlich und 4,1 Prozent systematisch.

Mehr Jugendliche berichten also, es getan zu haben, als es erlitten zu haben. Bei allen anderen Formen ist es umgekehrt. Eine naheliegende Lesart ist, dass homophobe Sprache in dieser Altersgruppe so verbreitet ist, dass sie von den Sprechenden nicht als Angriff auf eine bestimmte Person erlebt wird, während sie von den Betroffenen sehr wohl als solcher erlebt wird.

Über vier Erhebungswellen zeigt sich zudem ein steigender Trend, mit einem besonders ausgeprägten Anstieg des systematischen Anteils bei ethnisch und homophob motivierten Fällen.

Aus Brasilien liegt der Befund vor, dass bei Mobbing wegen der sexuellen Orientierung die Wahrscheinlichkeit, den Sinn des Lebens infrage zu stellen, über 2 Prozent liegt, in Hauptstädten um 25 Prozent höher.

Die spanische Auswertung von Beratungsstellendaten führt LGTBI-Jugendliche als eigene Risikogruppe: Bei 9,0 Prozent dieser Gruppe traten Mobbing und schulische Schwierigkeiten als begleitende Probleme bei suizidalem Verhalten auf. Es handelt sich um Falldaten einer Beratungsstelle, nicht um eine schätzung. Für Jugendliche in dieser Situation ist Rat auf Draht unter 147 anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Für Österreich liegen zu dieser Gruppe keine eigenen Zahlen vor.

71 Herkunft: die österreichischen Zahlen

Für Österreich lässt sich die Frage nach dem Migrationshintergrund direkt beantworten, und die Unterschiede sind kleiner, als die öffentliche Debatte erwarten ließe.

Beim Mobbing, jeweils Opfer und Täter: mit Migrationshintergrund 9 und 5 Prozent, ohne 7 und 3 Prozent.

Beim Cybermobbing: mit Migrationshintergrund 13 und 13 Prozent, ohne 10 und 8 Prozent.

Kinder mit Migrationshintergrund wurden also etwas öfter Opfer und etwas öfter Täter, offline wie online. Die Differenz beträgt beim Mobbing zwei auf der Opferseite, beim Cybermobbing drei.

Bemerkenswert ist ein Nichtbefund aus derselben Erhebung: Bei den Raufereien zeigten sich in Bezug auf Migrationshintergrund und Familienwohlstand keine Unterschiede in den Beteiligungsraten.

Die Zahlen beruhen auf n = 7.099 Schülerinnen und Schülern der Schulstufen 5, 7, 9 und 11.

Was diese Zahlen nicht sagen, ist ebenso wichtig wie das, was sie sagen. Sie sagen nichts über die Ursache. Migrationshintergrund und niedriger Familienwohlstand treten häufig gemeinsam auf, und für den Familienwohlstand ist ein eigener Gradient nachweisbar.

72 Herkunft: was der internationale Vergleich zeigt

Italien hat seine Erhebung eigens so angelegt, dass die fünf größten ausländischen Gemeinschaften getrennt auswertbar sind. Das liefert ein Bild, das für die Deutung des österreichischen Befunds nützlich ist.

Wiederholte Übergriffe, also mehr als monatlich, berichteten 26,8 Prozent der Jugendlichen mit ausländischer Staatsbürgerschaft gegenüber 20,4 Prozent der gleichaltrigen Italienerinnen und Italiener.

Nach Staatsbürgerschaft aufgeschlüsselt: rumänisch 29,2 Prozent, ukrainisch 27,8 Prozent, chinesisch 25,0 Prozent, albanisch 22,6 Prozent, marokkanisch 22,3 Prozent.

Mindestens ein Online-Übergriff: 39,8 Prozent bei ausländischer gegenüber 33,3 Prozent bei italienischer Staatsbürgerschaft; ukrainisch 44,5 Prozent, chinesisch und rumänisch je 42,8 Prozent, albanisch 35,2 Prozent.

Die Spannweite zwischen einzelnen Herkunftsgruppen ist also größer als der Abstand zwischen Ausländern und Italienern insgesamt. Das spricht dagegen, die Herkunft als solche für die Ursache zu halten, und dafür, dass es um soziale Randlage geht.

Denselben Schluss legt ein chinesischer Befund nahe: In einer westchinesischen Erhebung lagen die Raten bei 20,5 Prozent für die Han-Mehrheit, 23,8 Prozent für Tibeter und 46,4 Prozent für die Yi. Diese Kategorien spiegeln chinesische Minderheitenverhältnisse und lassen sich nicht übersetzen; der Kontrast selbst ist als Hinweis auf soziale Randlage lesbar.

Ergänzend erfasst Italien ethnisch motiviertes Mobbing als eigene Form: erlitten 11,2 Prozent, ausgeübt 10,4 Prozent.

73 Familienwohlstand und soziale Lage

In Österreich sind Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien häufiger Opfer. Der Gradient ist auf der Opferseite vorhanden und auf der Täterseite nicht.

Mobbing, jeweils Opfer und Täter: Familienwohlstand niedrig 10 und 4 Prozent, mittel 7 und 3 Prozent, hoch 7 und 5 Prozent.

Cybermobbing: niedrig 14 und 11 Prozent, mittel 11 und 8 Prozent, hoch 9 und 10 Prozent.

Auf der Opferseite fällt die Betroffenheit von niedrigem zu hohem Wohlstand also von 10 auf 7 beziehungsweise von 14 auf 9 Prozent. Auf der Täterseite gibt es kein solches Muster; beim Cybermobbing liegt der Wert bei hohem Familienwohlstand sogar über dem der mittleren Gruppe.

Es wäre daher falsch, Mobbing als Problem einer bestimmten sozialen Schicht darzustellen.

Das bestätigt ein brasilianischer Befund sehr deutlich: Mobbing kam an öffentlichen Schulen zu 27,2 Prozent und an Privatschulen zu 27,5 Prozent vor, also praktisch gleich häufig. Zu diesen 27,2 Prozent gehört ein offener Widerspruch, der hier nicht aufgelöst wird: Eine ökonometrische Auswertung derselben Erhebungsreihe kommt auf fast 40 Prozent. Der Unterschied hat zwei Gründe. Die beschreibende Auswertung von 2024 zählt nur, wer zwei- oder mehrmals betroffen war, die ökonometrische Arbeit dagegen jede Mobbingerfahrung; und sie beruht auf der früheren Erhebungswelle von 2019. Beide Zahlen stehen nebeneinander. Eine teure Schule schützt nicht vor Mobbing. Beim Cybermobbing gab es dagegen einen Unterschied, mit 13,4 Prozent an öffentlichen und 9,4 Prozent an privaten Schulen.

Aus Frankreich liegt ein sozialer Gradient beim Schulabsentismus vor: In den sozial ungünstigsten Einrichtungen lag er bei 12,5 Prozent gegenüber 3,9 Prozent in den günstigsten. Diese französischen Absentismuswerte gelten für Österreich nicht; das Muster ist informativ.

74 Schulform und Bildungsgang

Für Österreich sind die HBSC-Daten nach Schulstufe aufgeschlüsselt, nicht nach Schulform. Eine direkte österreichische Antwort auf die Frage, ob eine bestimmte Schulform stärker betroffen ist, liegt daher nicht vor.

Aus den Nachbarländern gibt es Hinweise. In Deutschland waren Betroffene beim klassischen Mobbing zu 13,2 Prozent an Grundschulen, zu 10,0 Prozent an Gesamtschulen und zu 7,4 Prozent an Gymnasien zu finden. Der Bericht formuliert es so, dass Lernende an Gymnasien seltener als Lernende an den meisten anderen Schulformen angaben, direkt in schulisches Mobbing oder Cybermobbing involviert gewesen zu sein.

In Belgien stieg die Cybermobbingrate im zweiten und dritten Sekundarabschnitt vom allgemeinbildenden und technischen Übergangszweig mit 6,1 Prozent über den technischen Qualifikationszweig mit 7,8 Prozent zum berufsbildenden Zweig mit 10,4 Prozent.

In Frankreich lag der Absentismus an berufsbildenden Gymnasien bei 19 Prozent gegenüber 10 Prozent an allgemeinbildenden und technologischen Gymnasien und 4 Prozent an Collèges.

Diese Werte stammen aus Schulsystemen, die anders aufgebaut sind als das österreichische, und sind nicht übertragbar. Vorsicht ist auch bei der Deutung angebracht: Der Unterschied zwischen Schulformen ist nicht ohne Weiteres ein Unterschied der Schulen. Er kann ebenso die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft abbilden.

75 Behinderung und chronische Erkrankung

Behinderung erscheint in mehreren Berichten als Risikomerkmal, allerdings ohne österreichische Zahlen.

Im italienischen Oberstufen-Monitoring gaben 7,2 Prozent an, wegen einer Behinderung Übergriffe erlitten zu haben, davon 4,9 Prozent gelegentlich und 2,3 Prozent systematisch; ausgeübt haben es nach eigener Angabe 6,9 Prozent.

Aus Brasilien stammt der aufschlussreichste Befund. Aus Opfersicht nannten 2,6 Prozent eine Behinderung als Grund. Aus Tätersicht nannten 7,6 Prozent sie, also fast dreimal so oft. Der naheliegende Schluss lautet, dass Kinder mit Behinderung ihre Viktimisierung deutlich zu selten berichten.

In Frankreich werden als Auslöser ängstlicher Schulverweigerung neben Mobbing genannt: Lernstörungen wie Dyslexie und Dysgraphie, Behinderung, Hochbegabung, Autismus-Spektrum-Störungen, Depression, Sozialphobie, Fragen der Geschlechtsidentität und Schulwechsel.

Eine ausdrückliche Lücke gehört hier benannt: Zu chronischer Erkrankung als eigenständigem Mobbingrisiko liegt in keinem der ausgewerteten Berichte eine Zahl vor. Ebenso wenig zu Übergewicht als Mobbingrisiko, obwohl dieser Zusammenhang in Elterngesprächen regelmäßig vermutet wird. Was fehlt, wird hier nicht ergänzt.

Praktisch gilt: Wenn Ihr Kind eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung hat, fragen Sie besonders aktiv nach und rechnen Sie damit, dass es weniger von sich aus erzählt.

76 Aussehen und Körper

Das äußere Erscheinungsbild ist in beiden Erhebungen, die Motive beziffern, ganz vorn.

In Brasilien nannten Betroffene das Aussehen von Gesicht oder Haaren mit 30,2 Prozent und die Erscheinung des Körpers mit 24,7 Prozent als häufigste Gründe. Aus Tätersicht lauten die Werte 22,8 und 17,1 Prozent.

In Spanien war das äußere Erscheinungsbild mit 54,9 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, nach dem, was das Kind tut oder sagt, mit 60,1 Prozent. Diese Werte stammen aus einer Sekundärquelle und beziehen sich nur auf die bekannten Fälle.

Aus Frankreich wird als Kontextfaktor für psychische Belastung ausdrücklich der Normdruck genannt, bestehend aus Körperbild, Beliebtheit und Leistung, gemeinsam mit dem Cybermobbing.

Das ist der Punkt, an dem die digitale Umgebung eine eigene Rolle bekommt. Ein Kind, dessen Aussehen in der Klasse zum Thema wird, sieht dieselbe Frage abends erneut auf seinem Bildschirm, dort verstärkt durch bearbeitete Bilder. Und seit Kurzem kommt hinzu, dass in 14,2 Prozent der spanischen Cybermobbing-Fälle künstliche Intelligenz im Spiel war, davon in 54,8 Prozent für gefälschte Videos aus manipulierten Fotos, Videos oder Tonaufnahmen.

Wenn Ihr Kind anfängt, sich für seinen Körper zu schämen, ist die Frage nach der Klasse angebracht, nicht die Frage nach dem Gewicht.

77 Vorbestehende Angst und Einsamkeit

Ängstliche Kinder sind eine Risikogruppe, und zwar bevor irgendetwas passiert ist.

Die - zeigt, dass Angst zum ersten Messzeitpunkt spätere Viktimisierung mit und 0,16–0,26 vorhersagt. Für Cyberviktimisierung liegt der Wert bei r = 0,17 mit 95-%-KI 0,12–0,23.

Die Dachübersicht bestätigt das mit einem Median von r = 0,15 für internalisierende Probleme als Risikofaktor für Cyberviktimisierung.

Das ist ein unangenehmer, aber wichtiger Befund. Er darf auf keinen Fall als Schuldzuweisung gelesen werden. Er besagt nicht, dass ängstliche Kinder selbst schuld sind. Er besagt, dass Gruppen dazu neigen, jene anzugreifen, die sich am wenigsten wehren können, und dass Angst genau das sichtbar macht.

Für die Praxis folgt daraus etwas Ermutigendes: Wenn Sie die Angst Ihres Kindes behandeln lassen, senken Sie damit auch sein Mobbingrisiko. Angstbehandlung ist wirksam.

Ein verwandter Faktor ist die Einsamkeit. In der brasilianischen Auswertung an 159.245 Fragebögen war „keine Freunde zu haben" mit einem adjustierten verhältnis von 1,68 und 95-%-KI 1,50–1,87 einer der stärksten Begleitfaktoren von Cybermobbing. Die Aussage, niemand kümmere sich um sie, ging mit einem Verhältnis von 1,47 und 95-%-KI 1,36–1,59 einher.

In Österreich gaben 21 Prozent der 15-Jährigen an, sich in den letzten zwölf Monaten meistens oder immer einsam zu fühlen.

78 Lehrlinge: wenn der schulische Schutzrahmen wegfällt

Eine Gruppe fällt in den österreichischen Daten besonders auf, und sie taucht in der Mobbingdebatte fast nie auf.

Bei den 17- und 18-Jährigen waren als Cybermobbing-Opfer betroffen: 7 Prozent der Schülerinnen, 7 Prozent der Schüler, 10 Prozent der männlichen Lehrlinge und 18 Prozent der weiblichen Lehrlinge.

Weibliche Lehrlinge sind damit die am stärksten betroffene aller erfassten Gruppen, mit mehr als der doppelten Rate ihrer gleichaltrigen Mitschülerinnen.

Auf der Täterseite lauten die Werte: Schülerinnen 2 Prozent, Schüler 10 Prozent, weibliche Lehrlinge 7 Prozent, männliche Lehrlinge 12 Prozent.

Auch bei den Raufereien zeigt sich dasselbe Muster: 9 Prozent der Schülerinnen, aber 18 Prozent der weiblichen Lehrlinge, und 23 Prozent der Schüler, aber 40 Prozent der männlichen Lehrlinge.

Eine Erklärung liegt nahe, auch wenn sie in den Daten nicht geprüft ist: Mit dem Schulaustritt fällt der schulische Schutzrahmen weg. Es gibt keinen Klassenvorstand, keine Schulpsychologie im Haus und kein Fünf-Schritte-Modell. An dessen Stelle tritt ein Arbeitsverhältnis mit einem Machtgefälle, das kein Kind einer 5. Schulstufe kennt.

Wenn Ihr Kind eine Lehre beginnt, hört die Frage nach dem Umgangston also nicht auf. Sie verändert nur ihren Ort.

Die Daten stammen aus der österreichischen Lehrlingsgesundheitsbefragung 2021/22.

79 Das Elternhaus als Risiko- und als Schutzfaktor

Dieser Abschnitt ist der heikelste des Kapitels, und er beginnt mit einer Klarstellung: Kein Elternhaus verursacht Mobbing. Das Geschehen findet in der Klasse statt, und die Täterschaft liegt bei denen, die mobben.

Was die Daten zeigen, ist etwas anderes: Bestimmte Merkmale des Familienlebens gehen mit einer höheren oder niedrigeren Betroffenheit einher. Es handelt sich durchgehend um Querschnittsbefunde, die keine Ursache-Wirkungs-Richtung belegen.

In der Dachübersicht über 56 war ein ungünstiges Familienklima mit einem Median von der zweitstärkste Risikofaktor für Cybermobbing, nach der bestehenden Mobbingbetroffenheit in der Schule.

In der chinesischen Erhebung an 12.940 Jugendlichen lag das bei 1,50 für die Aussage, sich von den Eltern häufiger übersehen zu fühlen, und bei 1,46 für konfliktreiche Familienbeziehungen.

In der brasilianischen Auswertung an 159.245 Fragebögen war elterliche Gewalt mit einem verhältnis von 1,54 und 1,45–1,65 verbunden, elterliche Aufsicht dagegen mit 0,78 und 95-%-KI 0,73–0,83 der stärkste erfasste Schutzfaktor.

Die Richtung ist also klar, die Effekte sind moderat. Die Dachübersicht beziffert die elterliche Unterstützung als Schutzfaktor mit einem Median von nur r = −0,08, bei einer Spanne von −0,18 bis 0,01. Es wäre unehrlich, daraus zu machen, Zuwendung allein löse das Problem.

Ein chinesischer Befund verdient trotzdem eine eigene Erwähnung, weil er der größte einzelne Kontrast im gesamten Material ist. Wo Eltern nie über psychisches Befinden sprechen, lag die Screeningrate für irgendein Depressionsrisiko bei 46,2 Prozent, wo sie oft darüber sprechen, bei 6,7 Prozent. Es handelt sich um Screening-Auffindungsraten aus einer staatlichen chinesischen Erhebung ohne unabhängige Prüfung, und um einen Querschnitt, in dem auch die umgekehrte Richtung möglich ist. Übertragbar ist der Mechanismus, nicht die Effektgröße.

Zwei weitere Merkmale, die nicht in der Hand der Eltern liegen: In China ging eine Elterntrennung oder Verwitwung mit einer Komorbiditätsrate von 16,64 gegenüber 10,82 Prozent einher. In Japan lag in 28,3 Prozent von 138 untersuchten Suizidfällen eine Einelternfamilie vor, in 26,1 Prozent Isolation von den Mitschülern. Die dortige Behörde weist ausdrücklich darauf hin, dass durchschnittlich 3,1 Belastungsmerkmale je Fall vorlagen und dass kein einzelnes Merkmal die Fälle erklärt. Wenn mehrere Belastungen zusammentreffen und Sie sich sorgen, ist Rat auf Draht unter 147 rund um die Uhr erreichbar, auch für Bezugspersonen.

Genau das ist die Botschaft dieses Abschnitts: Nicht ein einzelnes Ereignis führt in die Krise, sondern das Zusammentreffen mehrerer Belastungen. Und der eine Faktor, den Eltern beeinflussen können, ist, ob ihr Kind erlebt, gesehen zu werden.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16