Häufige Irrtümer, die Fragen, die Eltern in der Ordination stellen, und eine ehrliche Auskunft darüber, wie sicher das alles ist. Dazu die Quellen.

  • Abschnitt 198 bis 213 von 213
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

198 „Mobbing hat es doch immer gegeben"

Dieser Satz stimmt und führt trotzdem in die Irre. Mobbing als Phänomen ist nicht neu. Was sich verändert hat, lässt sich aus den österreichischen Zahlen präzise ablesen: Zwischen 2010 und 2018 ist die Betroffenheit in Österreich stark zurückgegangen, seither stagniert sie auf niedrigerem Niveau als früher. Der einzige Bereich, der tatsächlich zunimmt, ist Cybermobbing — bei Mädchen von 7 auf 9 Prozent, bei Burschen von 11 auf 14 Prozent seit 2018, europaweit betrachtet.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist nicht unbedingt das Ausmaß, sondern die Sichtbarkeit und die Sprache dafür. Vor der breiten öffentlichen Diskussion über Mobbing hatten viele Kinder kein Wort für das, was ihnen widerfuhr, und viele Erwachsene keinen Rahmen, es einzuordnen. „Es hat es immer gegeben" ist deshalb kein Grund, es hinzunehmen, sondern eher ein Hinweis darauf, dass es heute benannt, gemessen und bearbeitet werden kann — was früher seltener der Fall war.

199 Warum eine einzelne Prozentzahl fast nie das ist, was sie zu sein scheint

Dieser gesamte Ratgeber verwendet viele Prozentzahlen, und an dieser Stelle gehört eine Warnung dazu, die für den gesamten Text gilt: zahlen sind in hohem Maß definitionsabhängig und dürfen nicht unbesehen nebeneinandergestellt werden. Für dieselbe österreichische Grundgesamtheit kursieren, je nach Frageform, Zahlen von 6, 20 oder 17 Prozent. Für Italien liegen ISTAT bei 21 Prozent, die HBSC-Erhebung bei rund 15 Prozent und die ELISA-Erhebung bei 28,2 Prozent — für dasselbe Land, ähnliche Altersgruppen, unterschiedliche Erhebungsjahre und -methoden. Für Spanien reicht die Spanne von 4,4 Prozent (HBSC) über 6,5 Prozent (PISA) und 12,3 Prozent (eine NGO-Erhebung mit Zeugenmaß) bis zu 32 Prozent (eine globale UNESCO-Schätzung).

Der Grund liegt fast immer im Zeitfenster und in der Schwelle der Frage: „mindestens zwei- bis dreimal im letzten Monat" (HBSC) ist etwas anderes als „irgendwann in deinem Leben" (Lebenszeitprävalenz) oder „hast du selbst oder ein Mitschüler das erlebt" (Zeugenmaß statt Opfermaß). Wenn Sie in diesem Ratgeber oder anderswo auf eine Mobbingzahl stoßen, fragen Sie sich immer zuerst: Über welchen Zeitraum, mit welcher Schwelle, und wer wurde befragt? Erst dann lässt sich die Zahl sinnvoll einordnen.

200 „Österreich ist Mobbing-Spitzenreiter in Europa" — eine Zahl, die nicht stirbt

Diese Behauptung taucht in Medien und gelegentlich sogar in älteren amtlichen Texten immer wieder auf, meist begleitet von Zahlen wie „46 Prozent der Jugendlichen betroffen" oder „71,7 Prozent bei den 9- bis 14-Jährigen". Für diesen Ratgeber ließ sich keine dieser Zahlen an einer verlässlichen Primärquelle bestätigen; sie gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Rat-auf-Draht-Umfrage aus dem Jahr 2015 zurück und widersprechen den aktuellen Daten deutlich.

Die aktuellste belastbare Zahl stammt aus der amtlichen HBSC-Erhebung 2021/22: 7 Prozent der Mädchen und 8 Prozent der Burschen berichten Mobbing-Betroffenheit — und Österreich liegt damit unter dem internationalen Durchschnitt der Vergleichserhebung (dort 11 Prozent Opferquote bei beiden Geschlechtern gemeinsam betrachtet). Auch die auf der amtlichen Schulpsychologie-Seite selbst zu findende Angabe „35 Prozent der 13- bis 15-Jährigen zumindest einmal beteiligt, Österreich im oberen Drittel" bezieht sich nachweislich auf eine ältere, nicht datierte HBSC-Welle und ist durch die Daten von 2021/22 überholt. Wenn Ihnen die Spitzenreiter-Behauptung begegnet, dürfen Sie ihr mit begründeter Skepsis begegnen.

201 Warum der Belastungsgipfel jetzt in der 5. statt der 7. Schulstufe liegt

Im ersten Teil dieses Ratgebers haben Sie gelesen, dass sich der Mobbing-Betroffenheitsgipfel in Österreich verschoben hat: Früher lag er in der 7. Schulstufe, heute in der 5. — dem ersten Jahr nach dem Wechsel aus der Volksschule. Das ist einer der wenigen Punkte in diesem gesamten Material, zu dem die Autorinnen der amtlichen österreichischen Erhebung selbst offen zugeben, keine gesicherte Erklärung zu haben.

Als Vermutung nennen sie: „Möglicherweise bilden sich Gruppen und Rangordnungen nun früher als in der Vergangenheit, nämlich bereits zu Beginn der Sekundarstufe, was zu mehr Fällen von sozialer Ausgrenzung und Mobbing führt." Das ist ausdrücklich eine Deutung, kein belegter Mechanismus. Interessant ist, dass sich ein ähnliches Muster auch in einer australischen Studie zeigt, die den Schulübergang selbst — unabhängig vom Alter — als eigenständigen Belastungsfaktor identifiziert, mit Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die über zwei Jahre anhalten können. Das legt nahe, dass nicht ein bestimmtes Alter, sondern der Übergang selbst der entscheidende Risikofaktor sein könnte — bewiesen ist das für Österreich aber nicht.

202 Ist Übergewicht ein Hauptgrund für Mobbing?

Diese Vermutung ist weit verbreitet, und die ehrliche Antwort lautet: Keine der für diesen Ratgeber ausgewerteten Quellen enthält eine belastbare Zahl dazu. Am nächsten kommt eine spanische Motivaufschlüsselung aus bekannten Mobbingfällen, in der „das äußere Erscheinungsbild" mit 54,9 Prozent das zweithäufigste genannte Motiv war — Aussehen im Allgemeinen, nicht spezifisch Gewicht. Ansonsten taucht Übergewicht in den Quellen fast ausschließlich als Folge von Schlafmangel auf, nicht als Ursache von Mobbing.

Das bedeutet nicht, dass der Zusammenhang nicht existiert — er ist plausibel und wird im Alltag von vielen Eltern und Fachleuten beobachtet. Es bedeutet, dass eine belastbare - oder Risikoschätzung dafür in der ausgewerteten wissenschaftlichen Literatur schlicht fehlt. Diese Lücke ist selbst eine Information: Wenn ein Thema so verbreitet diskutiert wird, aber so wenig systematisch untersucht ist, sollte eine pauschale Zahl dazu mit besonderer Vorsicht behandelt werden, egal woher sie stammt.

203 „Ein Programm an der Schule reicht" — der ehrliche Rückblick

Kapitel 10 dieses Ratgebers hat diese Frage ausführlich behandelt, und die Antwort verdient hier eine letzte, kompakte Wiederholung, weil sie so oft missverstanden wird: Ein durchschnittliches, gut umgesetztes Antimobbingprogramm senkt Mobbing um rund 15 bis 19 Prozent. Vier von fünf Fällen bleiben davon unberührt. Für Cybermobbing-spezifische Programme ist die Wirksamkeit noch unsicherer belegt.

Das bedeutet: Ein Programm ist ein sinnvoller Baustein auf Klassenebene, aber niemals eine Antwort auf einen konkreten Verdacht bei Ihrem eigenen Kind. Wenn eine Schule Ihnen bei einem konkreten Fall sinngemäß sagt „wir haben doch ein Programm dagegen", ist das keine ausreichende Antwort — es ersetzt nicht die in Kapitel 9 beschriebenen konkreten Schritte des Fünf-Schritte-Modells für den Einzelfall.

204 Struktur ist nicht dasselbe wie Wirkung

Ein zweiter, verwandter Irrtum lautet: Wenn eine Schule oder ein Land viele formale Strukturen gegen Mobbing eingeführt hat — eine Ansprechperson, ein Protokoll, ein Meldesystem, ein Gesetz —, muss das Mobbing dadurch zurückgehen. Italien widerlegt das eindrücklich: Nach dem Cybermobbing-Gesetz von 2017 haben fast alle Schulen eine Ansprechperson benannt, doch nur 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler wissen, wer das überhaupt ist, und die gemessene Opferrate ist über vier Erhebungswellen gestiegen, nicht gesunken.

Frankreich liefert ein ähnliches Bild: Ein flächendeckendes, jährliches Screening und ein nationales Programm mit Gütesiegel existieren, doch eine kontrollierte Wirkungsevaluation fehlt, und der massive Anstieg registrierter Gerichtsverfahren wird von den zuständigen Ministerien selbst nicht als reale Zunahme des Problems gedeutet, sondern als Ausdruck gestiegener Wahrnehmung und Verrechtlichung. Strukturen sind notwendig und richtig — sie sind aber kein Ersatz für den Nachweis, dass sie tatsächlich wirken, und sollten von Eltern auch nicht als ein solcher Nachweis missverstanden werden.

205 Zum österreichischen Fünf-Schritte-Modell: eine offene Frage, die offen bleibt

Zu diesem Punkt gehört eine Wiederholung, weil sie so wichtig ist wie unbequem: Für das österreichische Fünf-Schritte-Modell selbst liegt in keiner der für diesen Ratgeber ausgewerteten Quellen eine Wirksamkeitsevaluation vor. Dasselbe gilt für die italienischen Leitlinien und für das französische Programm pHARe. Das ist keine österreichische Besonderheit, sondern offenbar ein europäisches Muster: verbindliche, sorgfältig ausgearbeitete Verfahren, deren Gesamtwirkung nie kontrolliert gemessen wurde.

Diese offene Frage ändert nichts an der Empfehlung dieses Ratgebers, das Modell konsequent einzufordern — die einzelnen Bestandteile sind für sich genommen plausibel und in der internationalen Forschung als sinnvoll ausgewiesen. Sie bedeutet nur, dass niemand Ihnen ehrlich versprechen kann, dass die Anwendung des Modells Ihr konkretes Kind schützt. Das ist ein Unterschied, den zu kennen sich lohnt, bevor Sie sich allein auf ein Verfahren verlassen.

206 „Strengere Strafen schrecken ab" — zwei Gegenbeispiele

Diese Intuition ist verständlich, wird von den vorliegenden Daten aber nicht gestützt. In Frankreich ist die Zahl staatsanwaltschaftlich registrierter Mobbingverfahren nach Einführung eines eigenen Straftatbestands 2022 von 530 auf 6.100 pro Jahr gestiegen — ohne dass parallele Schulklimaerhebungen auf eine reale Zunahme des Mobbings hindeuten. In Korea wiederum ist die Zahl formeller Verfahren gestiegen, seitdem Mobbing-Sanktionen in die Hochschulzulassung einfließen, während die Zahl tatsächlich verhängter Maßnahmen zurückging — Konflikte werden häufiger zu Rechtsstreitigkeiten, ohne dass mehr Fälle tatsächlich sanktioniert werden.

Beide Beispiele zeigen nicht, dass Strafen wirkungslos sind, sondern dass eine Verschärfung ohne begleitende schulische und therapeutische Bearbeitung eher das Verfahren selbst verändert als das zugrunde liegende Verhalten. Das deckt sich mit der bereits im ersten Teil dieses Ratgebers genannten Position der österreichischen Rechtslage, rechtliche Schritte bewusst am Ende der Reihenfolge zu platzieren, nicht an den Anfang.

207 „Mediation löst das doch" — noch einmal, weil es so oft empfohlen wird

Weil Mediation an österreichischen Schulen verbreitet angeboten wird, lohnt sich hier eine letzte, kompakte Erinnerung an den in Kapitel 10 beschriebenen Widerspruch: Eine portugiesische Arbeitsgruppe empfiehlt Peer-Mediation als eine der wirksamsten Präventionsformen, während eine der methodisch strengsten verfügbaren Übersichtsarbeiten fand, dass die Arbeit mit Gleichaltrigen als Vermittler mit einem Anstieg der Viktimisierung verbunden war.

Die praktische Konsequenz für Sie: Wenn eine Schule bei einem konkreten Mobbingfall Mediation vorschlägt, fragen Sie konkret nach, ob dabei tatsächlich von einem Machtungleichgewicht ausgegangen wird — dann ist Mediation im klassischen Sinn das falsche Werkzeug, weil sie zwei gleich starke Parteien voraussetzt, die es bei Mobbing per Definition nicht gibt. Handelt es sich dagegen, nach sorgfältiger Prüfung anhand der vier Mobbingkriterien aus dem ersten Teil dieses Ratgebers, eigentlich um einen Konflikt zwischen etwa gleich starken Kindern, kann Mediation sehr wohl sinnvoll sein. Der Unterschied liegt in dieser Prüfung, nicht in der Methode selbst.

208 Warum manche Zahlen in diesem Ratgeber vorsichtiger klingen als in Zeitungsartikeln

Wenn Ihnen an mancher Stelle dieses Ratgebers auffällt, dass eine Zahl mit vielen Einschränkungen versehen ist, während dieselbe Zahl in einem Zeitungsartikel klar und eindeutig klingt, hat das methodische Gründe. Mehrere Kernzahlen sind älter, als ihre Publikationsjahre vermuten lassen — sämtliche österreichischen in diesem Ratgeber beruhen auf der HBSC-Erhebung 2021/22, unabhängig davon, ob die Publikation, aus der sie stammt, 2023, 2025 oder 2026 datiert ist. Eine spanische Zahl zur Prüfungsangst geht auf eine Erhebung aus dem Jahr 1996 zurück. Eine oft zitierte UNESCO-Zahl beruht überwiegend auf Daten aus den 2010er-Jahren.

Zusätzlich haben zwei der für die zugrunde liegenden Faktenblätter ausgewerteten Berichte dokumentiert, dass die maschinelle Textextraktion aus PDF-Tabellen gelegentlich Zahlen und Beschriftungen gegeneinander verschoben hat; in solchen Fällen wurden nur eindeutige Fließtextaussagen übernommen, keine einzelnen, möglicherweise falsch zugeordneten Tabellenwerte. Diese Sorgfalt kostet Lesbarkeit, aber sie ist der Grund, warum dieser Ratgeber an manchen Stellen vorsichtiger klingt als eine Schlagzeile — nicht, weil das Problem kleiner wäre, sondern weil die Zahl dahinter genauer geprüft wurde.

209 Was in diesem Ratgeber bewusst NICHT vorkommt

Ebenso wichtig wie das, was in diesem Ratgeber steht, ist das, was bewusst nicht übernommen wurde. Dazu gehören unter anderem: die bereits in Abschnitt 201 widerlegte Spitzenreiter-Behauptung; eine angebliche OECD/TALIS-Zahl, wonach 21 Prozent der Lehrkräfte an Schulen mit mindestens wöchentlichem Mobbing arbeiten, die sich nur über Medienberichte, nicht an der Primärquelle auffinden ließ; italienische Programmzahlen einzelner Anbieter von minus 28 bis minus 45 Prozent, die ausschließlich von Programm-Websites stammen und nicht in einer begutachteten Publikation überprüfbar waren; sowie mehrere KI-generierte französische Ratgeberblogs, die unter anderem unbelegt behaupteten, ein bestimmtes Präventionsprogramm habe seine Wirksamkeit bewiesen.

Ein Sonderfall betrifft China: Zum chinesischen Hochschulzugangsverfahren 高考 (Gaokao), das international oft als Symbol für extremen schulischen Druck genannt wird, enthält keine der für diesen Ratgeber ausgewerteten Quellen belastbare Angaben — deshalb kommt es in diesem Ratgeber nicht vor, obwohl es in einer Diskussion über Leistungsdruck naheliegend erschiene. Dieser Grundsatz gilt für den gesamten Text: Was die zugrunde liegenden Faktenblätter nicht hergeben, wird hier nicht behauptet, so plausibel es klingen mag.

210 Wo internationale Vergleiche in die Irre führen — eine Warnung zum Schluss

Über dieses gesamte zweite Kapitel dieses Ratgebers verteilt sind Ihnen Zahlen aus Japan, Korea, China, Brasilien, Portugal, Frankreich, Italien und Spanien begegnet. Fast immer wurde dazu gesagt, ob sie für Österreich der Höhe nach übertragbar sind oder nicht. Diese Warnung verdient eine letzte, gebündelte Wiederholung, weil sie leicht wieder vergessen wird, sobald eine einzelne Zahl beeindruckend klingt.

Vier bis fünf Länder messen Schulvermeidung mit vier bis fünf grundverschiedenen Methoden — eine administrative Vollerhebung in Japan, ein Fragebogen-Screening in China, eine Selbstauskunft in Brasilien, eine klinische Kohorte in Portugal. Österreich, Italien und Spanien messen klassisches Mobbing mit mindestens drei unterschiedlichen Instrumenten pro Land. Wann immer eine Zahl aus einem anderen Land in diesem Ratgeber auftaucht, diente sie entweder dazu, einen Mechanismus zu illustrieren, der plausibel auch in Österreich wirkt — etwa dass Schlafmangel mit Depressivität zusammenhängt —, oder als ausdrückliches Warnbeispiel, wohin ein System kippen kann, wenn bestimmte Faktoren extrem werden — etwa das koreanische Nachhilfesystem. Keine dieser Zahlen ist als direkte österreichische Prognose gemeint.

211 Was aus der Forschung insgesamt für Sie als Eltern folgt

Über die vielen Einzelbefunde dieses Ratgebers hinweg lassen sich drei praktische Grundregeln destillieren. Erstens: Beobachten und dokumentieren Sie früh, statt abzuwarten. Sowohl bei Mobbing als auch bei Schulverweigerung gilt durchgängig, dass frühes Eingreifen die Erfolgsaussichten deutlich verbessert und langes Zuwarten die spätere Behandlung erschwert und verlängert.

Zweitens: Nutzen Sie die vorhandenen Strukturen konsequent, aber ohne blindes Vertrauen in ihre automatische Wirksamkeit. Das Fünf-Schritte-Modell, die Schulpsychologie, die Kinder- und Jugendanwaltschaft und die rechtlichen Rahmenbedingungen aus diesem Ratgeber sind reale, nutzbare Werkzeuge — aber kein Ersatz für Ihre eigene Beharrlichkeit, und keine Garantie im Sinn eines belegten Wirksamkeitsnachweises.

Drittens: Unterscheiden Sie zwischen unterstützendem und kontrollierendem Verhalten, sowohl bei Leistungsdruck als auch beim Umgang mit einem Kind, das selbst mobbt. Die Formulierung „Ich traue dir das zu, sag mir, wo du Hilfe brauchst" hängt in den vorliegenden Daten durchgehend mit besseren Ergebnissen zusammen als Kontrolle und Druck — bei der eigenen Erwartungshaltung ebenso wie bei der Reaktion auf ein Fehlverhalten des eigenen Kindes.

212 Wenn Sie nur zwei Sätze aus diesem gesamten zweiten Teil mitnehmen

Erster Satz: Schulische Programme und rechtliche Regelungen wirken, aber schwächer, als ihr Name vermuten lässt — rechnen Sie mit einer spürbaren, aber begrenzten Verbesserung auf Klassenebene, nicht mit einer Lösung für den Einzelfall, und lassen Sie sich davon nicht von den in den vorherigen Kapiteln beschriebenen konkreten Schritten abhalten.

Zweiter Satz: Bei fast jedem Thema in diesem Teil — Mobbing, Leistungsdruck, Schulangst — gilt derselbe Mechanismus: Früh und persönlich hinsehen wirkt zuverlässiger als jedes noch so gut gemeinte System, und die Formulierung „Ich traue dir das zu" wirkt in den Daten durchgehend besser als Kontrolle. Beide Sätze zusammen sind, wenn Sie sich nur an zwei Dinge aus diesem Teil des Ratgebers erinnern möchten, die zwei, die es wert sind, im Gedächtnis zu bleiben.

213 Quellen und weiterführende Literatur

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16