Antimobbing-Programme gibt es viele, und sie wirken – aber weniger stark, als die Prospekte nahelegen, und nicht in jedem Alter gleich. Was die tatsächlich zeigen.

  • Abschnitt 122 bis 137 von 213
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale Metaanalysen und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

122 Die zentrale Frage: Wie gut wirken Antimobbingprogramme?

Viele Schulen haben ein Programm gegen Mobbing. Viele Eltern hören davon und fühlen sich beruhigt. Dieses Kapitel beantwortet die Frage, die dahintersteht, so ehrlich wie es die vorliegende Forschung erlaubt: Wie stark wirken diese Programme wirklich?

Die kurze Antwort vorweg, weil sie den ganzen Rest dieses Kapitels trägt: Programme wirken, im Mittel spürbar, aber nicht annähernd so stark, wie es der Name „Antimobbingprogramm" vermuten lässt. Die beste verfügbare Zusammenschau kommt auf eine Reduktion von rund 15 bis 19 Prozent. Vier von fünf Fällen bleiben von einem durchschnittlichen Programm unberührt. Das ist keine Randnotiz, sondern die wichtigste Zahl in diesem gesamten Ratgeber, wenn es um schulische Prävention geht, und sie gehört an den Anfang, nicht klein gedruckt ans Ende.

Das bedeutet nicht, dass Programme nutzlos sind. Ein Sechstel bis ein Fünftel weniger Mobbing ist, auf eine ganze Schule gerechnet, eine reale Zahl an Kindern, denen es dadurch besser geht. Es bedeutet, dass ein Programm eine sinnvolle Ergänzung ist, aber niemals der Grund sein darf, bei einem konkreten Verdacht abzuwarten, „weil die Schule doch ohnehin etwas gegen Mobbing tut". Die folgenden Abschnitte zeigen, woher diese Zahl stammt, wo sie widersprüchlich berichtet wird, was tatsächlich hilft und was nicht, und eine besondere Warnung zu einer in Österreich verbreiteten Methode: der Mediation zwischen den Beteiligten.

123 Der Referenzbefund: 100 Studien, ein Sechstel bis ein Fünftel weniger

Die umfassendste vorliegende Zusammenschau schulischer Antimobbing-Programme stammt von Hannah Gaffney, Maria Ttofi und David Farrington von der Universität Cambridge und wertet 100 Programmevaluationen mit 103 unabhängigen aus — 45 , 44 quasi-experimentelle Designs und 14 Age-Cohort-Designs, überwiegend aus den USA, ergänzt um Studien aus Kanada und Europa.

Das Ergebnis: Für Mobbing-Täterschaft ein (Odds Ratio) von 1,309 (95-%- 1,24 bis 1,38), das einer Reduktion von rund 18 bis 19 Prozent entspricht. Für Mobbing-Betroffenheit ein Chancenverhältnis von 1,244 (1,19 bis 1,31), rund 15 bis 16 Prozent. Beide Werte sind statistisch hoch abgesichert. Zur Einordnung: Ein Chancenverhältnis über 1 spricht hier zugunsten der Programmgruppe.

Diese Studie wird von mehreren unabhängigen Auswertungen als der zentrale Beleg zur Programmwirksamkeit herangezogen, und ihr Ergebnis ist eindeutig: Programme wirken, aber schwach. Wichtig ist eine methodische Einschränkung: Programme, die ausschließlich Cybermobbing behandeln, wurden aus dieser Untersuchung ausdrücklich ausgeschlossen. Für den Online-Bereich brauchen Sie eine andere Evidenzgrundlage, die weiter unten in diesem Kapitel folgt — und die deutlich unsicherer ausfällt.

124 Individualdaten bestätigen: kleine Effekte, am besten bei Jüngeren

Eine zweite, methodisch andersartige Auswertung stützt dieses Bild und schärft es. Statt Studienergebnisse zu mitteln, griffen die Autorinnen und Autoren auf die Rohdaten einzelner Kinder aus zehn Programmstudien zurück — insgesamt 39.793 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 20 Jahren aus neun verschiedenen Programmen. Weil hier mit Einzeldaten statt mit Studienmittelwerten gearbeitet wurde, lassen sich Untergruppen vergleichen, was eine normale nicht kann.

Das Ergebnis bestätigt die Größenordnung von rund 15 Prozent: Betroffenheit sank um , Täterschaft um d = −0,07 — nach den üblichen Konventionen kleine Effekte. Interessant ist die Verteilung: Programme wirkten deutlich besser bei Kindern unter zwölf Jahren als bei älteren, und am stärksten bei jenen Kindern, die zu Beginn bereits am stärksten von Mobbing betroffen waren. Wer also glaubt, ein Programm in der Oberstufe könne noch viel bewirken, sollte diese Erwartung nach unten korrigieren; wer ein Programm für die Volksschule oder den Beginn der Sekundarstufe bewertet, darf realistischerweise mit etwas mehr rechnen.

125 Der große Praxistest: KiVa in Großbritannien

Das mit Abstand am besten untersuchte einzelne Programm heißt KiVa und stammt ursprünglich aus Finnland. Der methodisch stärkste verfügbare Test ist eine cluster- an 118 britischen Volksschulen (59 mit KiVa, 59 als Kontrolle), mit 11.111 Kindern zu Beginn und 9.981 in der Hauptauswertung, Schulstufen mit einem Durchschnittsalter von 8,7 Jahren.

Nach einem Jahr war die Betroffenheit in den KiVa-Schulen von 20,3 auf 17,7 Prozent gesunken, in den Kontrollschulen nur von 21,6 auf 20,7 Prozent — ein adjustiertes von 0,87 (95-%- 0,78 bis 0,97), umgerechnet rund 13 Prozent weniger Betroffenheit. Auf die Täterschaft hatte das Programm dagegen keinen statistisch gesicherten Effekt (). Positiv wirkte es auf die Empathie gegenüber Opfern und auf Probleme mit Gleichaltrigen laut Lehrkrafteinschätzung.

Ein Nebenergebnis verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es einer verbreiteten Intuition widerspricht: Die Selbstwirksamkeit beim Verteidigen anderer Kinder war in den KiVa-Schulen niedriger, nicht höher (Chancenverhältnis 0,76, ungünstig, ). Ein Programm, das Mobbing senkt, hat also nicht automatisch mehr Zivilcourage in der Klasse zur Folge — im Gegenteil, hier war es umgekehrt. Die Kosten waren mit knapp 21 Pfund pro Schulkind im ersten Jahr gering.

126 Widerspruch: Wie stark wirkt KiVa wirklich?

Für dasselbe Programm nennen unterschiedliche Länder unterschiedliche Zahlen, und der Unterschied ist zu groß, um ihn zu übergehen. In Großbritannien, wie eben beschrieben, rund 13 Prozent weniger Betroffenheit aus einer . In Finnland, referiert in einer belgischen Übersichtsarbeit, rund 15 Prozent weniger Mobbing und Viktimisierung aus der landesweiten Programmimplementierung an rund 900 Schulen — allerdings mit einem entscheidenden Zusatz: Der Effekt steigt zunächst, erreicht seinen Höhepunkt im vierten Jahr, und ist nach der sechsten Schulstufe „inexistants" — wörtlich nicht mehr vorhanden. In Italien schließlich berichtet eine Auswertung ohne gleichwertiges Kontrollgruppendesign Rückgänge von rund 51 Prozent in der Primarstufe und 42 Prozent in der Sekundarstufe I.

Diese drei Zahlen dürfen nicht nebeneinander als „die Wirkung von KiVa" zitiert werden, denn sie stammen aus grundverschiedenen Studiendesigns. Die belastbarste ist die britische, weil sie aus der einzigen randomisierten kontrollierten Studie stammt. Die finnische stammt aus einer echten Programmimplementierung mit Kontrollschulen, ist aber älter und zeigt das Verfliegen der Wirkung. Die italienische Zahl hat kein vergleichbares Kontrollgruppendesign und ist damit die unsicherste der drei — genau deshalb gehört sie hier nur mit diesem Vorbehalt genannt, nicht als eigenständiger Beleg für eine besonders hohe Wirksamkeit.

127 Programme, die nichts oder wenig bringen

Eine gezielte belgische Literaturübersicht hat fünf großflächig eingesetzte Programme mit Kontrollgruppendesign geprüft: Friendly Schools, KiVa, Second Step, ViSC und Zero. Nicht alle schnitten gut ab.

Friendly Schools zeigte in der Mehrzahl der Vergleiche — 25 von 30 — keine Wirkung. Second Step wirkte nach einem Jahr nur bei einer von neun gemessenen Gewaltformen, und dieser einzige Effekt war nach zwei Jahren nicht mehr nachweisbar; das Fazit der Übersichtsarbeit lautet wörtlich, es gebe „wenig Belege für Wirksamkeit, trotz methodisch sorgfältiger Evaluationsstudien". Beim Programm Zero ging Mobbing zwar zurück, aber in gleichem Ausmaß auch in den Kontrollschulen ohne Programm — daraus lässt sich kein Programmeffekt ableiten, weil derselbe Rückgang offenbar auch ohne das Programm eingetreten wäre.

Das Gesamturteil dieser Übersichtsarbeit ist deutlich: „Bon nombre de programmes de prévention du harcèlement n'ont pas d'effets détectables" — viele Präventionsprogramme haben keine nachweisbare Wirkung. Und ein Satz, der in jedem Elterngespräch mit der Schule mitschwingen sollte: Selbst die beste Prävention entbindet nicht davon, konkrete Mobbingfälle einzeln zu bearbeiten.

128 Was tatsächlich funktioniert: Gruppendynamik statt allgemeines Klima

Von den fünf geprüften Programmen zeigten zwei überzeugende Wirksamkeitshinweise: KiVa, bereits ausführlich beschrieben, und ViSC, das speziell für den Beginn der Sekundarstufe entwickelt wurde. Bei ViSC zeigte sich kein Effekt auf das Täterverhalten selbst, aber ein signifikanter Rückgang der Betroffenheit. Die Übersichtsarbeit zieht daraus eine Schlussfolgerung, die sich auf andere Programme übertragen lässt: „Die beiden Programme, für die es die überzeugendsten Wirksamkeitshinweise gibt, sind jene, die sich am spezifischsten und ausdrücklichsten auf die Gruppendynamik des Mobbings zwischen Schülerinnen und Schülern konzentrieren."

Das ist eine nützliche Faustregel, wenn Sie beurteilen wollen, was eine Schule Ihnen als „unser Programm" vorstellt: Ein Programm, das direkt an Rollen, Gruppendruck und Mitschülerverhalten ansetzt, hat bessere Erfolgsaussichten als ein allgemeines Wertevermittlungs- oder Klimaprogramm. Das bestätigt auch eine Auswertung sogenannter Whole-School-Ansätze, die Unterricht, Pausenaufsicht, Schulklima und Elternarbeit gemeinsam einbeziehen: Sie zeigten klare Effekte auf Cybermobbing (25 Prozent weniger) und Cyberaggression (37 Prozent weniger), aber keinen belegbaren Effekt auf Angst, Depression oder Alkoholkonsum. Ein Programm kann also beim einen Ziel wirken und beim anderen nicht — Pauschalversprechen sind hier fehl am Platz.

129 Cybermobbing-Programme: die unsicherste Evidenz von allen

Für Programme, die speziell gegen Cybermobbing entwickelt wurden, ist die Datenlage besonders unklar, und drei seriöse Auswertungen kommen zu drei verschiedenen Antworten. Eine mit Schwerpunkt Asien-Pazifik fand bei nur vier auswertbaren Studien keinen belegbaren Effekt: Hedges g = −0,04 für Täterschaft (95-%- −0,10 bis 0,03, statistisch nicht signifikant) und g = −0,12 für Betroffenheit (−0,34 bis 0,10, ebenfalls nicht signifikant). Eine große Dachübersicht über 56 Metaanalysen fand dagegen einen sehr kleinen, aber vorhandenen Effekt (Median ). Eine dritte, italienisch referierte Auswertung nennt 10 bis 15 Prozent Reduktion für Täterverhalten und rund 14 Prozent für Betroffenheit, allerdings aus einer Sekundärquelle ohne eigene Primärquellenprüfung.

Zur Erinnerung: Die oben beschriebene Referenzmetaanalyse mit 100 Programmen hat reine Cybermobbing-Programme von vornherein ausgeschlossen. Für den Online-Bereich existiert also kein vergleichbar solider Referenzwert wie für klassisches Mobbing — nur diese drei widersprüchlichen, insgesamt eher enttäuschenden Auswertungen. Wenn eine Schule ein spezielles Cybermobbing-Programm bewirbt, ist gesunde Zurückhaltung angebracht: Die ehrlichste verfügbare Aussage lautet, dass die Wirksamkeit solcher Programme derzeit nicht gesichert ist.

130 Warum Umsetzung ein wirkungsloses Programm nicht wirksam macht

Eine naheliegende Reaktion auf schwache Programmeffekte lautet: Dann muss die Schule das Programm nur besser umsetzen. Die belgische Übersichtsarbeit widerspricht dem ausdrücklich und mit einer wichtigen Präzisierung: „Es ist wichtig zu betonen, dass kein Programm allen anderen überlegen ist. Es scheint daher nicht sinnvoll, allen Schulen dasselbe Programm vorzuschreiben." Und weiter, zur Rolle der Umsetzungsqualität: „Nur Programme, die ein Wirksamkeitspotenzial gezeigt haben, sehen ihre Effekte mit der Qualität ihrer Umsetzung steigen."

Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Gute Umsetzung verstärkt einen vorhandenen Effekt — sie erzeugt keinen Effekt aus dem Nichts. Ein Programm ohne nachgewiesene Wirksamkeit wird durch engagierte Lehrkräfte nicht plötzlich wirksam, so sehr das Engagement zu würdigen ist. Für Eltern folgt daraus eine nützliche Frage an die Schule: nicht nur „setzen Sie das Programm gut um", sondern „welche Evidenz gibt es für dieses konkrete Programm überhaupt". Größere, aufwendigere Programme sind zudem laut derselben Übersichtsarbeit schwerer sauber umzusetzen als kleinere — Umfang ist kein Gütesiegel.

131 Peer-Mediation: eine gängige Empfehlung mit einem ernsten Vorbehalt

An dieser Stelle steht ein Befund, der eine in Österreich verbreitete schulische Praxis direkt betrifft: die Mediation zwischen dem betroffenen und dem mobbenden Kind, oft „Streitschlichtung" oder Peer-Mediation genannt. Österreichische Schulen bieten Mediation häufig an, auch bei Mobbingfällen. Die Forschungslage dazu ist gespalten, und beide Seiten gehören nebeneinander in diesen Ratgeber.

Eine portugiesische Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Schulmobbing empfiehlt ausdrücklich „emotionale Bildung und soziale Kompetenzen ab den ersten Schuljahren sowie Peer-Mediation" als eine der wirksamsten Präventionsformen — allerdings als Expertenmeinung ohne eigene Wirksamkeitsmessung. Dem steht die Campbell-Übersichtsarbeit von David Farrington und Maria Ttofi aus dem Jahr 2009 gegenüber, eine der methodisch strengsten verfügbaren Auswertungen zu Schulprogrammen (622 gesichtete Berichte, 89 eingeschlossen, 44 mit berechenbarer ): Sie fand, dass die Arbeit mit Gleichaltrigen als Vermittler oder Unterstützer mit einem Anstieg der Viktimisierung verbunden war — nicht mit einem Rückgang.

Warum kann Mediation bei Mobbing anders wirken als bei einem gewöhnlichen Streit? Der Grund liegt in der Definition selbst. Mediation setzt voraus, dass zwei ungefähr gleich starke Parteien einen Konflikt gemeinsam lösen können. Mobbing ist per Definition das Gegenteil: ein Machtungleichgewicht, bei dem eine Seite sich nicht wehren kann. Ein Kind, das gegenüber der Klasse oder einer Gruppe strukturell unterlegen ist, in einen „gleichberechtigten" Vermittlungsprozess mit der Person zu setzen, die es mobbt, kann die Machtstruktur bestätigen statt sie aufzulösen. Beide Positionen — die portugiesische Empfehlung und die englische Warnung — stammen aus seriösen Quellen. Der Widerspruch wird hier bewusst nicht aufgelöst. Für Sie als Eltern folgt daraus eine konkrete, sachliche Frage an die Schule, wenn Mediation vorgeschlagen wird: ob tatsächlich ein Machtungleichgewicht vorliegt — dann ist die klassische Streitschlichtung nicht das richtige Werkzeug — oder ob es sich, richtig eingeschätzt, um einen Konflikt zwischen etwa gleich starken Kindern handelt, für den Mediation durchaus geeignet sein kann.

132 Warum Schulverbundenheit trotzdem zählt

Neben eigentlichen Mobbingprogrammen gibt es einen zweiten Hebel, der sich in der Forschung als vielversprechend, wenn auch noch nicht vollständig gesichert zeigt: das Gefühl von Schulkindern, an ihrer Schule dazuzugehören. Eine systematische Übersicht über 36 Arbeiten, davon 34 , fand bei 19 von ihnen eine schützende Beziehung zwischen höherer Schulverbundenheit und geringeren depressiven beziehungsweise Angstsymptomen, mit Nachbeobachtungszeiträumen von einem halben bis zu fünf Jahren.

Die Einschränkung: Nur zwei Studien haben tatsächlich geprüft, ob sich Schulverbundenheit gezielt fördern lässt und ob das etwas bringt — beide zeigten einen Schutzeffekt auf Depression rund eineinhalb Jahre nach Ende der Maßnahme, aber das ist eine schmale Grundlage. Ergänzend zeigt die italienische HBSC-Erhebung, wie stark dieser Schutzfaktor mit dem Alter wegbricht: Der Anteil der Jugendlichen, die sich von Lehrkräften akzeptiert fühlen, sinkt zwischen 11 und 15 Jahren von 85,7 auf 61,8 Prozent, das Vertrauen zu Lehrkräften von 73,0 auf 36,3 Prozent. In Österreich fällt die Beziehung zu Mitschülerinnen und Mitschülern laut HBSC-Bericht in der 7. Schulstufe am schlechtesten aus. Schulverbundenheit ist damit kein Ersatz für ein Mobbingprogramm, aber ein Faktor, den eine Schule mit vertretbarem Aufwand aktiv pflegen kann und der sich in der Forschung konsistent in die richtige Richtung zeigt.

133 Aufsicht in den Pausen: die banalste wirksame Maßnahme

Manche der wirksamsten Bausteine sind unspektakulär. Die Campbell-Übersichtsarbeit von 2009 identifiziert unter den wirksamsten Programmelementen ausdrücklich verstärkte Pausenhofaufsicht — neben Elterngesprächen, konsequenten disziplinären Maßnahmen sowie Dauer und Intensität der Programme für Kinder wie für Lehrkräfte. Nur 19 von 53 geprüften Programmen zeigten überhaupt signifikante Effekte, und bemerkenswerterweise dokumentierten nur 2 von 44 Studien, in welchem Umfang die Programmelemente tatsächlich umgesetzt wurden.

Eine koreanische Vollerhebung untermauert, warum ausgerechnet Aufsicht so wichtig ist: Regional (Provinz Gyeonggi, nicht landesweit repräsentativ, aber als Muster aufschlussreich) fanden 68,5 Prozent der Vorfälle innerhalb des Schulgebäudes statt und 65,7 Prozent innerhalb der offiziellen Unterrichtszeit — davon allein 29,6 Prozent in den Pausen und 21,5 Prozent in der Mittagspause, gegenüber nur 10,4 Prozent während des eigentlichen Unterrichts. Der Bericht bezeichnet Aufsicht in diesen unstrukturierten Zeiten ausdrücklich als „eine überall gültige Stellschraube". Das deckt sich mit dem, was in Kapitel 9 zur Aufsichtspflicht der Lehrkräfte beschrieben wurde: Die gesetzliche Aufsichtspflicht in Österreich beginnt bereits 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn und gilt für alle Pausen — genau die Zeiten, in denen laut dieser Datenlage am meisten passiert.

134 Der österreichische Zehnjahrestrend: Prävention wirkte — bis 2018

Österreich selbst liefert einen aufschlussreichen natürlichen Verlauf. Zwischen 2010 und 2018 sank die Opferquote bei Mädchen von 12 auf 7 Prozent, bei Burschen von 21 auf 9 Prozent; die Täterquote bei Mädchen von 11 auf 2 Prozent, bei Burschen von 28 auf 7 Prozent — ein sehr starker Rückgang über acht Jahre. Die österreichischen Autorinnen des HBSC-Berichts führen das auf gestiegenes Problembewusstsein und verstärkte Präventionsarbeit zurück.

Zwischen 2018 und 2022 stagnierte der Trend jedoch fast vollständig: Die Opferquote blieb bei 7 (Mädchen) und sank nur leicht auf 8 Prozent (Burschen), die Täterquote bei Mädchen blieb bei 2 Prozent nahezu unverändert, bei Burschen sank sie weiter von 7 auf 5 Prozent. Wichtig für die Einordnung: Diese Ursachenzuschreibung — dass Prävention den Rückgang bewirkt hat — ist eine Deutung der Autorinnen, kein direkter Wirkungsnachweis im Sinn einer kontrollierten Studie. Sie passt aber zur internationalen Programmforschung, die zeigt, dass Effekte in den ersten Jahren am stärksten sind und danach abflachen oder, wie bei KiVa in Finnland nach der sechsten Schulstufe, ganz verschwinden. Der plausibelste Schluss: Prävention kann in einer frühen Aufbauphase viel bewirken, erreicht aber irgendwann eine Grenze, ab der zusätzliche Kampagnen allein nichts mehr verändern.

135 Was internationale Vergleichswerte zusätzlich zeigen

Auch außerhalb Europas bestätigt sich das Muster moderater, aber vorhandener Programmeffekte. Die japanische Übersetzung der ursprünglichen Campbell-Studie von Farrington und Ttofi (2009, methodisch eng verwandt mit der 2021 aktualisierten Fassung, aus der die Kernzahl dieses Kapitels stammt, aber keine davon unabhängige zweite Bestätigung) findet über 44 auswertbare Studien einen Rückgang der Täterschaft um 20 bis 23 Prozent und der Betroffenheit um 17 bis 20 Prozent — in derselben Größenordnung wie die 2021er-Zahl.

Zwei koreanische Meta-Analysen zu schulischen Gewaltpräventionsprogrammen finden im Mittel deutlich positivere Effekte, liegen aber außerhalb des bevorzugten Recherchezeitraums und melden ihre teils nicht in überprüfbarer Form; belastbar ist das übereinstimmende Muster: direkte, erfahrungsbezogene Formate wirken besser als indirekte psychologische Ansätze, Kleingruppen besser als Großgruppen, und mehr Einheiten über mehr Jahre besser als einzelne Kurzinterventionen. Bemerkenswert ist ein koreanischer Kontrastfall: Das dortige staatliche Standardprogramm 어울림 wird landesweit eingesetzt, ist aber bislang nur mit Vorher-Nachher-Vergleichen ausgewertet, ohne veröffentlichte Effektstärken. Der Satz „unser Land hat ein wirksames Programm" ist laut der zugrunde liegenden Analyse in diesem Fall schlicht nicht belegbar — ein lehrreicher Kontrast zur österreichischen Situation, in der für das Fünf-Schritte-Modell dasselbe gilt.

136 Warum Struktur allein die Betroffenheit nicht senkt

Italien liefert das deutlichste Beispiel dafür, dass gesetzlich verankerte Strukturen und tatsächliche Wirkung zwei verschiedene Dinge sind. Nach dem Cybermobbing-Gesetz von 2017 haben italienische Schulen fast flächendeckend eine Ansprechperson benannt — an Grundschulen 82,6 Prozent, an Sekundarschulen über 90 Prozent. Trotzdem wissen nur 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler, wer diese Person überhaupt ist, und 77 Prozent wissen nicht, ob ein anonymes Meldesystem existiert, oder gehen davon aus, dass es keines gibt. Parallel dazu ist die gemessene Opferrate über vier Erhebungswellen gestiegen, nicht gesunken.

Frankreich liefert eine ähnlich ehrliche Bilanz zu seinem landesweiten Programm pHARe: Fachkräfte schätzen es überwiegend als hilfreich ein, ein jährliches Screening liefert erstmals nationale Vergleichswerte, aber eine kontrollierte Wirkungsevaluation existiert nicht. Die verantwortlichen Ministerien selbst schreiben zum parallel enorm gestiegenen Fallaufkommen bei der Justiz (von 530 Verfahren 2022 auf 6.100 im Jahr 2024), dieser Anstieg spiegele verstärkte Wahrnehmung und Verrechtlichung wider, „une réelle augmentation du phänomène" — eine reale Zunahme des Phänomens — sei damit nicht belegt. Die Lehre für Österreich: Eine Ansprechperson zu benennen, ein Protokoll zu haben oder ein Screening durchzuführen sind sinnvolle, notwendige Schritte. Sie sind aber für sich genommen kein Nachweis, dass weniger Kinder gemobbt werden, und sollten von Eltern auch nicht als solcher missverstanden werden.

137 Was Sie realistisch von einem Schulprogramm erwarten können

Fassen wir die Zahlen dieses Kapitels zusammen. Die belastbarsten Schätzungen liegen eng beieinander: rund 15 bis 19 Prozent weniger Mobbing durch ein durchschnittliches, gut umgesetztes Programm, mit kleinen statistischen über nahezu alle Studien hinweg. Cybermobbing-spezifische Programme sind in ihrer Wirkung deutlich unsicherer belegt als klassische Programme. Peer-Mediation kann je nach Situation helfen oder schaden, abhängig davon, ob tatsächlich ein Machtungleichgewicht vorliegt. Und für das österreichische Fünf-Schritte-Modell selbst liegt keine eigene Wirksamkeitsprüfung vor.

Was folgt daraus praktisch? Erwarten Sie von einem Schulprogramm eine spürbare, aber begrenzte Verbesserung auf Klassenebene — keine Lösung für den Einzelfall Ihres Kindes. Ein Programm ersetzt nicht die in Kapitel 9 beschriebenen konkreten Schritte bei einem konkreten Verdacht. Fragen Sie nach der Art des Programms: Setzt es direkt an der Gruppendynamik an, wie KiVa oder ViSC, oder ist es ein allgemeines Wertevermittlungsprogramm mit schwächerer Evidenz? Und akzeptieren Sie nicht, dass das Vorhandensein eines Programms allein als Antwort auf einen konkreten Mobbingfall genügt. Das ist keine Kritik an den Schulen — die internationale Forschung zeigt, dass selbst die bestuntersuchten Programme der Welt an dieser Grenze stehen. Es ist eine Einladung, die eigenen Erwartungen an das anzupassen, was die Wissenschaft tatsächlich hergibt, statt an das, was ein Programmname verspricht.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16