Der erste Impuls – zum Telefon greifen und die Eltern des anderen Kindes anrufen – ist fast immer der falsche. Was stattdessen hilft, und in welcher Reihenfolge.

  • Abschnitt 90 bis 107 von 213
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt Mobbing, Leistungsdruck und Schulvermeidung allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Beratung im Einzelfall – weder durch die Schulpsychologie noch durch Ihre Kinderärztin noch durch eine Rechtsberatung. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder plötzlich nicht mehr in die Schule geht, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320.

Mobbing, Schule und Leistungsdruck

Erkennen, richtig reagieren und wissen, wo es Hilfe gibt

Elternverständlicher, wissenschaftlich fundierter Überblick

Dieser Ratgeber erklärt, was Mobbing im schulischen Umfeld ist, wie häufig es in Österreich vorkommt, woran Eltern es erkennen, was es anrichtet und was Sie selbst tun können. Er stützt sich auf amtliche österreichische Erhebungen, internationale und die Veröffentlichungen von Fachgesellschaften. Wo eine Zahl unsicher ist, steht das ausdrücklich dabei. Wo eine Zahl aus einem anderen Land stammt, ist das Land genannt.

Dieser Text ersetzt kein persönliches Gespräch. Er kann Ihnen keine Diagnose liefern und keine Entscheidung abnehmen. Was ein einzelnes Kind braucht, hängt von seiner Geschichte, seiner Klasse, seiner Familie und seiner gesundheitlichen Verfassung ab. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist das ein ausreichender Grund für einen Termin in der Ordination. Sie müssen sich nicht sicher sein, bevor Sie fragen.

Der Ratgeber beschreibt außerdem einen Forschungsstand, der an vielen Stellen dünner ist, als es in Medienberichten wirkt. Für Österreich liegen die letzten belastbaren Mobbingzahlen aus einer Erhebung von 2021/22 vor. Mehrere weit verbreitete österreichische Angaben ließen sich an keiner Primärquelle bestätigen. Der Text sagt das jeweils dazu, statt die Lücken zu glätten.

Bei bestimmten Anzeichen dürfen Sie nicht abwarten. Holen Sie sich sofort Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, also bei plötzlicher Schulverweigerung, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat. In diesen Fällen wenden Sie sich noch am selben Tag an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz. Rund um die Uhr, kostenlos und auch für Sie als Bezugsperson erreichbar ist Rat auf Draht unter der Nummer 147. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums ist unter 0800 211 320 an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, ebenfalls für Erziehungsberechtigte.

90 Der Grundsatz: nicht warten und nicht allein lösen

Dieses Kapitel ist der praktische Teil. Es beginnt mit zwei Sätzen, die alles Weitere tragen.

Erstens: Mobbing hört nicht von selbst auf. Die österreichische Schulpsychologie führt diesen Irrtum ausdrücklich unter den verbreiteten Mythen. Mobber behalten ihr negatives Verhalten bei, wenn Erwachsene nicht intervenieren, und einmal erlernte negative Verhaltensmuster halten sich oft bis ins Erwachsenenalter. Dazu passt der Dosis-Befund aus der Folgenforschung: Je länger die Betroffenheit anhält, desto höher das Risiko.

Zweitens: Sie können und sollen das nicht allein lösen. Mobbing findet in einer Klasse statt, in mindestens der Hälfte der Fälle in einer Gruppe, und die vier hinteren Rollen sitzen jeden Tag in demselben Raum. Ein Elternteil hat auf dieses Gefüge keinen Zugriff. Der amtliche Handlungsrahmen sieht deshalb ein Vorgehen im Lehrkräfteteam vor.

Daraus folgt eine Arbeitsteilung. Ihre Aufgaben sind: bemerken, fragen, dokumentieren, melden, dranbleiben, und Ihr Kind stützen. Die Aufgabe der Schule ist, die Situation in der Klasse zu bearbeiten. Die Aufgabe der Kinderärztin ist, die gesundheitlichen Folgen abzuklären und zu behandeln.

Wenn Sie das Gefühl haben, überall gleichzeitig zuständig zu sein, dann liegt das nicht an Ihnen. Es liegt daran, dass Sie derzeit die einzige Person sind, die Bescheid weiß.

91 Wie Sie fragen

Die Frageform entscheidet darüber, ob Sie eine brauchbare Antwort bekommen. Das ist keine Vermutung, sondern ein Befund aus mehreren Erhebungen.

Fragen Sie nicht „Wirst du gemobbt". Zwei Gründe sprechen dagegen. Erstens erkennen viele Kinder das Wort für ihre eigene Erfahrung nicht: In der portugiesischen Regierungserhebung bezeichneten sich 5,9 Prozent als Opfer, aber 12,4 Prozent hatten Mobbing beobachtet. Zweitens verlangt das Wort vom Kind ein Urteil, das es nicht fällen kann und nicht fällen sollte.

Fragen Sie stattdessen nach konkreten, zeitlich eingegrenzten Vorfällen. Der chinesische Bericht schlägt diese Form vor: „Hat dich in den letzten vier Wochen jemand absichtlich ausgeschlossen, beschimpft oder geschubst." Die Begründung ist eindrücklich: Je nach Frageform schwankten die berichteten Raten in den chinesischen Studien zwischen 26 und 53 Prozent.

Vier Bausteine machen eine gute Frage aus.

  1. Ein Zeitraum. „In den letzten vier Wochen" statt „manchmal".
  2. Eine Handlung. Ausschließen, beschimpfen, schubsen, Sachen wegnehmen, auslachen, Gerüchte verbreiten.
  3. Ein Ort. Klasse, Pause, Umkleide, Schulweg, Bus, Gruppenchat.
  4. Eine Person oder Gruppe. „Wer war dabei" statt „wer war es".

Fragen Sie auch nach Situationen, in denen nichts passiert: „Mit wem warst du heute in der Pause." Ein Kind, das darauf sechs Wochen lang niemanden nennen kann, sagt Ihnen etwas Wichtiges, ohne ein einziges Mal von Mobbing zu sprechen.

Und stellen Sie eine Frage, die sich wörtlich aus der japanischen Untersuchung übernehmen lässt: „Freust du dich auf deine Freundinnen und Freunde in der Schule."

92 Was Sie vorher sagen sollten

Der häufigste Grund, warum Kinder schweigen, ist die Angst, dass es danach schlimmer wird. In der chinesischen Erhebung an 3.108 Schülerinnen und Schülern meldeten 20,3 Prozent erst beim zweiten Vorfall und 1,9 Prozent nie. Als Gründe nennen die dort zitierten Fachleute die Angst vor Eskalation und die Sorge, dass Lehrer und Eltern nicht auf ihrer Seite stehen.

Diese Sorge lässt sich vorwegnehmen. Sagen Sie Ihrem Kind, bevor etwas passiert ist, zwei Dinge:

Ich werde nicht schimpfen. Weder mit dir noch über dich. Egal was du getan hast oder was dir passiert ist.

Ich werde nichts tun, ohne vorher mit dir zu reden. Ich gehe nicht hinter deinem Rücken in die Schule und rufe niemanden an, ohne es dir zu sagen.

Der zweite Satz ist der schwierigere, weil er eine echte Zusage ist. Halten Sie ihn. Ein Kind, dessen Eltern einmal ohne Absprache in der Schule angerufen haben, erzählt beim nächsten Mal nichts mehr.

Das bedeutet nicht, dass Sie untätig bleiben, wenn Ihr Kind nicht will. Es bedeutet, dass Sie es ihm vorher sagen und begründen. Bei Gefahr für Leib und Leben gilt diese Zusage ohnehin nicht, und auch das sollte das Kind vorab wissen.

Ein dritter Satz gehört dazu: Du hast nichts falsch gemacht. Ein Viertel der Betroffenen kann keinen Grund für die Angriffe benennen, weil es keinen gibt.

93 Getrennt fragen: Schule und Netz

Fragen Sie zweimal, einmal nach der Schule und einmal nach dem Handy. Kinder berichten diese beiden Bereiche unterschiedlich, obwohl sie meist zusammenhängen.

Wie stark sie zusammenhängen, zeigt die chinesische Großerhebung mit 82.873 Teilnehmenden. Dort waren 23,2 Prozent traditionelle Opfer und 17,7 Prozent Cyber-Opfer, aber nur 28,3 Prozent von irgendeiner Form betroffen. Die Summe der Einzelformen liegt weit über der Gesamtquote, und genau das belegt die Überlappung. Diese Werte sind mit österreichischen HBSC-Werten ausdrücklich nicht vergleichbar.

Die italienische Erhebung beziffert die Überlappung direkter: 30,1 Prozent der Jugendlichen erlebten Übergriffe offline und online, aber nur 3,8 Prozent ausschließlich online.

Praktisch heißt das: Wenn Ihr Kind online angegriffen wird, gehen Sie davon aus, dass es in der Schule ebenfalls Angriffe gibt, auch wenn es davon nichts erzählt.

Beim Netz lohnen konkrete Fragen nach den Formen, die Erwachsene selten mitbedenken. In der österreichischen Befragung nannten Jugendliche Beschimpfungen mit 48 Prozent, Ghosting mit 46 Prozent, Lügen oder Gerüchte mit 41 Prozent, Fake-Profile mit 37 Prozent und Einschüchterungsversuche mit 33 Prozent.

Fragen Sie also auch: Bist du aus einer Gruppe rausgeflogen. Redet gerade jemand nicht mehr mit dir. Gibt es ein Profil mit deinem Namen, das nicht deines ist. Kursiert ein Bild oder ein Video von dir, das so nie stattgefunden hat.

Die letzte Frage ist neu und ernst zu nehmen. In der spanischen Erhebung war bei 14,2 Prozent der Cybermobbing-Fälle künstliche Intelligenz im Spiel, davon in 54,8 Prozent für gefälschte Videos.

94 Zuhören, ohne zu bewerten

Die brasilianische Schulgesundheitsbefragung stellte eine einfache Frage: Haben deine Eltern in den letzten 30 Tagen deine Probleme und Sorgen verstanden.

63,4 Prozent antworteten mit Ja, gegenüber 66,6 Prozent im Jahr 2019. Im Umkehrschluss sagen also 36,6 Prozent der Jugendlichen, dass ihre Eltern sie nicht verstanden haben. Der Anteil ist in allen Landesteilen gesunken, am stärksten im Norden mit einem Rückgang um 7,4 .

Im selben Datensatz ist elterliche Aufsicht der stärkste erfasste Schutzfaktor gegen Cybermobbing, mit einem adjustierten verhältnis von 0,78 und 0,73–0,83. Die brasilianischen Werte sind der Höhe nach nicht übertragbar, die Richtung ist es.

Daraus leitet sich eine einfache Empfehlung ab: regelmäßige, ruhige Gesprächszeit ohne Bewertung.

Das ist weniger banal, als es klingt. Gemeint ist nicht ein Gespräch über die Schule, sondern eine wiederkehrende Zeit, in der Ihr Kind reden kann, ohne dass am Ende ein Ratschlag, eine Korrektur oder eine Note steht. Autofahrten, gemeinsames Kochen und der Weg zum Training eignen sich dafür besser als ein Termin am Küchentisch, weil dabei niemand jemandem in die Augen sehen muss.

Ein chinesischer Befund zeigt, wie niederschwellig der Einstieg sein kann: 22,5 Prozent der Viertklässler und 21,2 Prozent der Achtklässler sagten, ihre Eltern fragten nie oder fast nie, was in der Schule vorgefallen ist; 15,4 beziehungsweise 9,9 Prozent sagten, die Eltern hörten sie nie ausreden. Die Daten stammen aus den Jahren 2015 bis 2017 und aus einem amtlichen chinesischen Monitoring ohne unabhängige Prüfung. Die Größenordnung ist für Österreich nicht aussagekräftig, die Erkenntnis schon: Die einfachste Maßnahme ist, zu fragen und ausreden zu lassen.

95 Über psychisches Befinden sprechen

Der größte einzelne Kontrast im gesamten ausgewerteten Material betrifft nicht ein Programm und keine Therapie, sondern ein Gespräch.

In einer landesweiten chinesischen Erhebung mit über 50.000 Schülerinnen und Schülern der Klassen 4 bis 12 lag die Screeningrate für irgendein Depressionsrisiko bei 46,2 Prozent, wenn die Eltern nie über psychisches Befinden sprachen, und bei 6,7 Prozent, wenn sie oft darüber sprachen. Das hohe Risiko lag bei rund 18 gegenüber 1,3 Prozent, das Angstrisiko bei knapp einem Drittel gegenüber 5,0 Prozent.

Dieser Kontrast ist so groß, dass er misstrauisch machen sollte, und genau das ist hier auch angebracht. Es handelt sich um einen Querschnitt. Es ist ebenso denkbar, dass Eltern von Kindern, denen es gut geht, leichter über Gefühle sprechen, wie umgekehrt. Es sind Screening-Auffindungsraten aus Fragebögen, keine Diagnosen. Und es ist eine staatliche chinesische Erhebung ohne unabhängige Prüfung. Übertragbar ist der Mechanismus, nicht die Effektgröße.

Dieselbe Erhebung weist emotionale Vernachlässigung getrennt für Mutter und Vater aus, mit ähnlichen Werten: bei hoher Vernachlässigung durch die Mutter 40,1 Prozent Depressions- und 23,1 Prozent Angstrisiko, bei niedriger 8,2 und 5,8 Prozent. Für den Vater ergaben sich ähnliche Werte.

Was das konkret heißt: Sprechen Sie über Gefühle, bevor es einen Anlass gibt. Erzählen Sie von eigenen schlechten Tagen. Benennen Sie Stimmungen, statt sie zu bewerten. Ein Kind, das gelernt hat, dass es zu Hause „mir geht es schlecht" sagen darf, sagt es auch dann, wenn es darauf ankommt.

96 Zwei Ratschläge, die schaden

Zwei Sätze werden in bester Absicht gesagt und richten Schaden an. Beide sind in der amtlichen österreichischen Fachinformation ausdrücklich als Irrtümer benannt.

„Wehr dich doch"

Die Ermutigung zum Gegenangriff verschlimmert die Situation. Kinder, die sich aggressiv wehren, werden typischerweise noch stärker gemobbt.

Der Grund liegt in der Struktur. Mobbing ist definiert durch ein Machtungleichgewicht, und in mindestens der Hälfte der Fälle steht eine Gruppe dahinter. In Frankreich betrafen 34 Prozent der gemeldeten Mobbingvorfälle Schülergruppen. Ein einzelnes Kind gegen eine Gruppe verliert. Und wenn es sich wehrt, wird aus einem Mobbingfall in der Wahrnehmung der Erwachsenen ein Streit, an dem beide beteiligt sind.

Der Satz überträgt außerdem die Verantwortung auf das Kind, das ohnehin schon hilflos ist. Hilflosigkeit ist eines der vier Definitionskriterien.

„Das gibt sich von selbst"

Das ist der zweite Irrtum. Ohne Eingreifen von Erwachsenen hört es nicht auf. Der amtliche Leitfaden formuliert es aus Sicht der Schule sogar schärfer: Wenn Lehrkräfte Gewalt und Mobbing ignorieren, wird das von den Schülerinnen und Schülern als direkte Unterstützung der Gewaltausübung wahrgenommen.

Dasselbe gilt zu Hause. Ein Kind, das erzählt hat und danach nichts geschieht, hat gelernt, dass Erzählen nichts bringt.

97 Dokumentieren

Der erste konkrete Schritt ist unspektakulär und entscheidend: aufschreiben.

Die österreichische Schulpsychologie empfiehlt Betroffenen ausdrücklich das Führen eines Mobbingtagebuchs. Auf Schulseite sieht der amtliche Leitfaden ein Mobbingprotokoll zur systematischen Dokumentation vor sowie das Online-Selbstevaluationsinstrument AVEO.

Ein brauchbarer Eintrag enthält fünf Angaben:

  1. Datum und Uhrzeit
  2. Ort, also Klasse, Pause, Umkleide, Schulweg, Chat
  3. Was genau geschehen ist, in wörtlicher Wiedergabe wenn möglich
  4. Wer beteiligt war und wer zugesehen hat
  5. Wer davon Kenntnis hatte, etwa eine Aufsicht

Bei Cybermobbing kommt hinzu: Screenshots sichern, bevor die Nachricht gelöscht wird. Fotografieren Sie den ganzen Bildschirm mit sichtbarem Datum, Absender und Verlauf, nicht nur die eine Nachricht.

Warum das zählt, hat zwei Gründe. Der erste ist inhaltlich: Die vier Mobbingkriterien lassen sich ohne Dokumentation nicht prüfen. Wiederholung und Dauer sind Datumsfragen. Ohne Aufzeichnung steht am Ende Aussage gegen Aussage, und ein Kind, das drei Vorfälle erzählt, wirkt weniger glaubwürdig als eine Liste mit sechzehn.

Der zweite ist psychologisch: Aufschreiben verwandelt ein diffuses Gefühl in etwas Belegbares. Für Ihr Kind ändert das mehr, als man erwarten würde.

Lassen Sie Ihr Kind mitschreiben, wenn es alt genug ist, aber machen Sie es nicht zu seiner Aufgabe. Die Dokumentation ist Ihre.

98 Schriftlich melden statt an den guten Willen appellieren

Melden Sie schriftlich. Eine E-Mail an den Klassenvorstand mit Kopie an die Schulleitung ist der richtige Weg, kein Gespräch zwischen Tür und Angel.

Der Grund ist nicht Misstrauen gegenüber der Schule, sondern die Datenlage. Das Nichtwissen der Schule ist der statistische Normalfall. Im italienischen Monitoring schätzten die Lehrkräfte die Betroffenheit auf 6,1 Prozent, während die Schülerinnen und Schüler 28,2 Prozent berichteten. Nur ein Teil der Vorfälle, wahrscheinlich die schwersten und systematischsten, gelangt überhaupt zur Kenntnis der Lehrkräfte.

Hinzu kommt, dass die Hindernisse auf Schulseite überwiegend strukturell sind und nicht in fehlender Bereitschaft liegen. Spanische Lehrkräfte nannten als Barrieren fehlende Ressourcen mit 88,9 Prozent, bürokratische Probleme mit 65,2 Prozent und fehlende Fortbildung mit 51,8 Prozent. Diese Werte stammen aus einer Sekundärquelle und einer Gelegenheitsstichprobe.

Was in eine solche Meldung gehört:

  • Eine sachliche Schilderung der Vorfälle mit Datum, ohne Wertung und ohne Anklage
  • Die ausdrückliche Bitte, den Verdacht nach dem Fünf-Schritte-Modell des Bildungsministeriums zu prüfen
  • Die Frage, wer die Fallkoordination übernimmt
  • Ein konkreter Terminvorschlag für ein Gespräch
  • Die Ankündigung, dass Sie in zwei Wochen nach dem Stand fragen werden

Der letzte Punkt ist wichtig. Setzen Sie sich selbst eine Erinnerung und fragen Sie nach. Die Nachbetreuung in den folgenden Monaten wird auch im französischen Inspektionsbericht als Bedingung für Wirksamkeit genannt.

Schreiben Sie sachlich. Eine E-Mail, die Vorwürfe erhebt, erzeugt Verteidigung und verzögert genau das, was Sie erreichen wollen.

99 Die praktische Reihenfolge in Österreich

Aus den amtlichen österreichischen Quellen lässt sich eine Reihenfolge ableiten. Sie ist als Stufenfolge gedacht: Was auf einer Stufe gelöst wird, macht die nächste überflüssig.

  1. Dokumentieren. Mobbingtagebuch beziehungsweise Mobbingprotokoll führen; bei Cybermobbing Screenshots sichern.
  2. Klassenvorstand ansprechen und um ein Vorgehen nach dem Fünf-Schritte-Modell des Bildungsministeriums ersuchen.
  3. Schulleitung einbeziehen. Spätestens ab bestätigtem Verdacht ist das ohnehin vorgesehen.
  4. Schulpsychologie der zuständigen Bildungsdirektion. Direkt kontaktierbar, kostenlos, vertraulich, ohne Umweg über die Schule; oder die Hotline 0800 211 320 rund um die Uhr.
  5. Bildungsdirektion als zuständige Schulbehörde. Sie entscheidet über einen Ausschluss nach § 49 des Schulunterrichtsgesetzes.
  6. Kinder- und Jugendanwaltschaft des Bundeslandes. Weisungsfrei, kostenlos, auf Wunsch anonym, auch für Erwachsene.
  7. 147 Rat auf Draht für das Kind selbst, anonym und rund um die Uhr.
  8. Rechtliche Schritte. Anzeige beziehungsweise zivilrechtlicher Unterlassungsauftrag beim Bezirksgericht; die Strafmündigkeit beginnt mit 14 Jahren.
  9. Kinderärztliche Abklärung bei anhaltenden Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Schulvermeidung.

Zwei Hinweise zur Nutzung dieser Liste. Die Reihenfolge ist aus den genannten amtlichen Quellen abgeleitet und nicht selbst amtlich vorgegeben; die einzelnen Bestandteile sind es. Und Punkt 9 ist keine letzte Stufe. Die kinderärztliche Abklärung kann und soll jederzeit parallel laufen, sobald Beschwerden bestehen.

Was die Schule betrifft, benennt der Leitfaden sieben Funktionen, die zuständig oder unterstützend tätig werden: Klassenvorstand, Schulleitung, Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Schulärztinnen und Schulärzte, Beratungs- und Betreuungslehrkräfte samt Psychagoginnen und Psychagogen, Schulsozialarbeit und Supervision für Lehrkräfteteams über die Pädagogischen Hochschulen.

100 Die Schulpsychologie

Die Schulpsychologie ist die am meisten unterschätzte Anlaufstelle in Österreich, vor allem weil viele Eltern nicht wissen, dass sie sie direkt kontaktieren dürfen.

Sie ist eine Einrichtung des Bundes. In allen Bildungsdirektionen sind regional mehrere schulpsychologische Beratungsstellen eingerichtet.

Drei Merkmale sind entscheidend: Die Inanspruchnahme ist freiwillig, kostenlos und vertraulich.

Zugangsberechtigt sind Schülerinnen und Schüler, Eltern und Erziehungsberechtigte, Lehrkräfte und Leitungspersonen. Die Kontaktaufnahme für eine Terminvereinbarung kann von Erziehungsberechtigten per E-Mail oder Telefon erfolgen oder über Vermittlung der Schule. Sie brauchen also weder das Einverständnis noch die Vermittlung der Schule.

Die zentrale Stelle ist das Bundesministerium für Bildung, Abteilung Schulpsychologie, Freyung 1, 1010 Wien.

Zusätzlich gibt es eine Hotline: 0800 211 320, erreichbar rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche, ebenfalls freiwillig, kostenlos und vertraulich. Sie richtet sich ausdrücklich an Schülerinnen und Schüler, Lehrende, Erziehungsberechtigte und Leitungspersonen im österreichischen Schulwesen und wird in Kooperation mit Rat auf Draht betrieben.

Wann lohnt der Anruf? Wenn Sie unsicher sind, ob das, was Ihr Kind erzählt, Mobbing ist. Wenn Sie nicht wissen, wie Sie die Schule ansprechen sollen. Wenn die Schule nicht reagiert. Oder wenn Sie einfach mit jemandem sprechen wollen, der das öfter gesehen hat als Sie.

101 Rat auf Draht unter 147

147 Rat auf Draht ist nach eigener Darstellung die einzige Notrufnummer für Kinder und Jugendliche in Österreich. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Wie stark sie genutzt wird, zeigen die Zahlen für 2025: 45.317 Anfragen insgesamt, davon 39.569 Kontakte über den Notruf 147, daraus 34.575 telefonische Beratungen und 4.894 Chat-Beratungen. Dazu kamen 713 Beratungen auf der Schulpsychologie-Hotline und 1.750.201 Aufrufe der Website. Das sind rund 110 Beratungen pro Tag.

Mobbing gehört zu den häufigsten Themen. „Mobbing beziehungsweise psychische Gewalt in der Schule" lag 2025 mit 661 Beratungen auf Platz 8 der Top-30-Themen der Telefonberatung und mit 120 Beratungen auf Platz 9 der Chatberatung. Hinzu kamen 289 Telefon- und 74 Chatberatungen zu „Problemen mit Schulkolleginnen und Schulkollegen", 75 Chatberatungen zu Überforderung und 36 zu schlechten Noten.

Als dominierende Themen nennt der Bericht insgesamt: psychische Belastungen wie Depressionen oder Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität, Mobbing, psychische und physische Gewalt, Leistungsdruck, Zukunftsängste und Überforderung.

Wichtig für Sie: Die Nummer ist nicht nur für Kinder. „Eltern und Erwachsene" war 2025 mit 1.070 Telefon- und 253 Chatberatungen das zweithäufigste Thema überhaupt. Sie dürfen dort anrufen, auch wenn nichts Dramatisches passiert ist.

Ein Hinweis zum Zugangsweg, der aus dem koreanischen Material stammt und übertragbar ist: Viele Jugendliche ziehen Textkommunikation dem Telefonieren vor. Wenn Ihr Kind nicht anrufen will, ist der Chat kein schlechterer Weg, sondern für viele der einzig gangbare.

102 Die Kinder- und Jugendanwaltschaft und rechtliche Schritte

Wenn Sie an der Schule und in der Bildungsdirektion nicht durchdringen, gibt es einen Weg, der außerhalb der Schulverwaltung liegt.

In jedem Bundesland Österreichs besteht eine weisungsfreie Kinder- und Jugendanwaltschaft. Sie bietet Beratung und Unterstützung in schwierigen Situationen, kostenlos und auf Wunsch anonym, und zwar für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Der entscheidende Punkt ist die Weisungsfreiheit. Diese Stellen sind nicht Teil der Schulverwaltung und können deshalb auch dann eingeschaltet werden, wenn Sie den Eindruck haben, dass die Schulaufsicht die Sache nicht weiterträgt.

Die Kontakte nach Bundesländern:

  • Burgenland: +43 57 600-2188
  • Kärnten: +43 800 22 17 08
  • Niederösterreich: +43 274 290 811
  • Oberösterreich: +43 732 7720 14001
  • Salzburg: +43 5 7599 729
  • Steiermark: +43 676 8666-0609
  • Tirol: +43 512 508 37 92
  • Vorarlberg: +43 5522 849 00
  • Wien: +43 1 70 770 00

Zu den rechtlichen Schritten: Möglich sind eine Anzeige beziehungsweise ein zivilrechtlicher Unterlassungsauftrag beim Bezirksgericht. Die Strafmündigkeit beginnt in Österreich mit 14 Jahren. Für Cyber-Mobbing besteht mit § 107c des Strafgesetzbuchs eine eigene Strafbestimmung; einen allgemeinen Mobbing-Straftatbestand gibt es in Österreich nicht.

Rechtliche Schritte stehen in der abgeleiteten Reihenfolge bewusst weit hinten. Sie beenden das Geschehen in der Klasse nicht, sie dauern, und sie belasten das betroffene Kind zusätzlich. Sie sind ein Werkzeug für den Fall, dass alles andere versagt hat, und für schwerwiegende Einzelhandlungen.

103 Klassenwechsel und Schulwechsel

Die naheliegendste Lösung ist selten die beste, und sie steht außerdem nicht in Ihrer Entscheidung.

Nach § 47 Abs. 2 des Schulunterrichtsgesetzes kann die Schulleitung einen Schüler in eine Parallelklasse versetzen, wenn es aus erzieherischen Gründen oder zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig erscheint. Die Entscheidung liegt also bei der Schulleitung. Eltern können sie anregen, aber nicht durchsetzen.

Dieselbe Bestimmung enthält weitere Punkte, die für Eltern wissenswert sind. Erziehungsmittel sind insbesondere Anerkennung, Aufforderung oder Zurechtweisung; sie können auch vom Klassenvorstand und von der Schulleitung ausgesprochen werden, in besonderen Fällen von der zuständigen Schulbehörde. Körperliche Züchtigung, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen sind verboten. Verhalten außerhalb der Schule darf berücksichtigt werden, es dürfen daran aber nur die vorgesehenen Maßnahmen geknüpft werden.

Zum Schulwechsel liegt eine Warnung aus Kanada vor. Dort waren 27 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Mobbingopfer, davon 24 Prozent im schulischen Kontext, 11 Prozent im Wohnumfeld und 8 Prozent im Arbeitskontext. Neun von zehn Mobbingerfahrungen finden also im Schulkontext statt, was den Schulwechsel zunächst plausibel erscheinen lässt. Der Haken ist, dass die soziale Ausgangslage mitwandert: Ein Kind, das aus einer Klasse herausgemobbt wurde, kommt mit erschüttertem Selbstwert und ohne Freundschaften an der neuen Schule an. Ohne begleitende Arbeit an dieser Ausgangslage verschiebt der Wechsel das Problem.

Das heißt nicht, dass ein Wechsel falsch wäre. Es heißt, dass er allein nicht genügt und dass er nicht der erste Schritt sein sollte.

104 Wenn das Kind nicht mehr in die Schule geht

Hier gilt eine Empfehlung, die vielen Eltern gegen das Gefühl geht, und sie kommt vom öffentlichen Gesundheitsportal des Bundes.

Bei angstbedingtem Schulvermeiden sind Schulabsenzen zu vermeiden, weil sie das Vermeidungsverhalten verstärken. Wörtlich lautet die Empfehlung an Eltern: Trost und Zuneigung spenden, Lob und Geduld, gemeinsame Erfolgserlebnisse schaffen, und Schulabsenzen vermeiden, da diese Vermeidungsverhalten verstärken.

Der Satz „bleib heute daheim" ist also gut gemeint und bei angstbedingtem Schulvermeiden die falsche Entscheidung. Jeder Tag zu Hause macht den nächsten Schultag schwerer.

Damit das nicht missverstanden wird: Das gilt für Angst, nicht für Gefahr. Wenn ein Kind in der Schule körperlich angegriffen wird, ist der Schutz vorrangig; der amtliche Leitfaden nennt als ersten Schritt ausdrücklich, die Gewaltsituation abzubrechen und das Opfer zu schützen, weil Schülerinnen und Schüler ein Recht darauf haben, sich in der Schule sicher zu fühlen.

Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen Schulverweigerung und Schwänzen. Bei der Schulverweigerung bleibt das Kind aus emotionalen Gründen zu Hause, und die Eltern wissen davon. Beim Schwänzen trifft beides nicht zu. Die beiden Dinge brauchen unterschiedliche Hilfen.

Die richtige Frage am Schulmorgen lautet nicht „Bist du wirklich krank", sondern „Was passiert dort, wovor du dich fürchtest".

Als Anlaufstellen nennt das Gesundheitsportal: Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Schulärztinnen und Schulärzte, Kinderärztinnen und Kinderärzte, klinische Psychologinnen und Psychologen mit Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit entsprechender Spezialisierung sowie Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Wie ernst ein früher Beginn ist, zeigt eine portugiesische Verlaufsstudie: Von den Jugendlichen mit Schulverweigerung, die nach 27 bis 60 Monaten nachbefragt wurden, brauchten 38,5 Prozent weiterhin psychiatrische Begleitung und rund die Hälfte hatte weiterhin auffällige Werte. Frühe Vorstellung zahlt sich messbar aus.

105 Cybermobbing: was konkret hilft

Beim Cybermobbing ist der erste Impuls fast immer derselbe, und er ist fast immer falsch.

Das Handy wegzunehmen beendet das Mobbing nicht. Zwei Befunde belegen, warum. Erstens ist der stärkste Risikofaktor für Cyberviktimisierung nicht das Internetverhalten, sondern die bereits bestehende Mobbingbetroffenheit im Schulalltag, mit einem Median von gegenüber r = 0,19 für riskante Internetnutzung. Zweitens erleben 30,1 Prozent der Jugendlichen Übergriffe offline und online, aber nur 3,8 Prozent ausschließlich online. Bei rund neun von zehn betroffenen Kindern liegt der Ursprung in der realen Klassengemeinschaft.

Wer Cybermobbing beenden will, muss zuerst die Klassensituation klären. Das Handy wegzunehmen nimmt dem Kind nur die Möglichkeit, Beweise zu sichern, und dazu seinen Kontakt zu den Freundinnen und Freunden, die laut der Schutzfaktorenforschung sein wichtigster Halt sind. Es fühlt sich zudem wie eine Strafe an, obwohl das Kind nichts getan hat.

Was stattdessen zu tun ist:

  1. Screenshots sichern, bevor etwas gelöscht wird, mit sichtbarem Datum und Absender.
  2. Nicht antworten. Eine Reaktion ist genau das, worauf die Angriffe zielen.
  3. Melden und blockieren auf der jeweiligen Plattform, aber erst nach der Sicherung.
  4. Der Schule melden, auch wenn es außerhalb der Schulzeit passiert ist. Der Ursprung liegt in aller Regel in der Klasse.
  5. Fake-Profile melden, wenn jemand unter dem Namen Ihres Kindes auftritt.

Zur Medienkompetenz ein Befund, der Eltern eine Rolle zuweist, die sie oft nicht wahrnehmen. In der amtlichen chinesischen Erhebung brachten sich 63,4 Prozent der Kinder Internetkompetenz selbst bei, 36,1 Prozent lernten von Mitschülern, 25,6 Prozent im Unterricht und nur 22,7 Prozent von den Eltern. Die Werte sind chinesisch und für Österreich nicht als Anteil verwendbar; das Muster ist es. Der Hebel im Elternhaus ist groß und weitgehend ungenutzt.

Und ein Hinweis zur Bildschirmzeit: Eine japanische an 3.171 Jugendlichen verfolgte Kinder vom zehnten bis zum sechzehnten Lebensjahr. Wer mit zwölf eine problematische Internetnutzung zeigte, hatte mit sechzehn ein 1,65-fach erhöhtes Risiko für psychosenahe Symptome und ein 1,61-fach erhöhtes Risiko für Depression. Definiert war die problematische Nutzung über Gereiztheit, Beeinträchtigung von Schule, Familie, Freundschaften und Schlaf, zu viel Zeitverbrauch und die Unfähigkeit aufzuhören. Nicht die Bildschirmzeit an sich ist der Marker, sondern der Kontrollverlust.

106 Schlaf, Bewegung, freie Zeit

Drei Dinge lassen sich zu Hause tatsächlich steuern, und sie hängen in den Daten deutlich mit dem Befinden zusammen.

In einer chinesischen Erhebung an 11.440 Schülerinnen und Schülern lag die Screeningrate für ein Depressionsrisiko bei 16,0 Prozent bei jenen, die weniger Hausaufgaben hatten als im Vorjahr, und bei 33,5 Prozent bei jenen, die mehr hatten. Bei mehr Sportzeit lag sie bei 18,4 Prozent gegenüber 38,9 Prozent bei weniger. Bei mehr Zeit für Hobbys bei 15,5 Prozent gegenüber 39,4 Prozent.

Das sind Assoziationsbefunde aus einem Querschnitt, keine Kausalnachweise, und es sind Screening-Auffindungsraten aus einer staatlichen chinesischen Erhebung. Übertragbar ist der Mechanismus, nicht der staatliche Eingriff, der ihn erzeugt hat, und nicht die Höhe der Werte.

Zur Bewegung liefert eine zweite chinesische Erhebung an 27.004 Jugendlichen eine Abstufung: Bei null Sporttagen pro Woche lag die Komorbiditätsrate von Angst und Depression bei 15,51 Prozent, bei ein bis zwei Tagen bei 11,17 Prozent und ab drei Tagen bei 10,27 Prozent.

Zum Schlaf gibt es eine Hausregel, die aus einer chinesischen Verwaltungsvorschrift stammt und die sich als einzige daraus direkt übernehmen lässt: Wer trotz Bemühen bis zur Schlafenszeit nicht fertig wird, geht schlafen; die Lehrkraft analysiert die Ursache und passt gegebenenfalls Inhalt und Umfang der Aufgaben an.

Übersetzt in eine Familienregel: Um eine festgelegte Uhrzeit wird das Heft zugeklappt, auch wenn nicht alles fertig ist, und die Lehrkraft bekommt dazu eine kurze Notiz. Das entlastet nicht nur das Kind. Es gibt der Lehrkraft eine Rückmeldung darüber, wie lange die Aufgaben tatsächlich dauern.

Zwei Einschränkungen: Die chinesischen Schlafsollwerte stammen aus einem Regierungsdokument von 2007 und werden hier nicht als Empfehlung übernommen; für die Frage, wie viel Schlaf ein Kind in einem bestimmten Alter braucht, ist die Kinderärztin die richtige Adresse. Und die Regel gilt für ein Kind, das sich bemüht hat, nicht als Ausstieg aus dem Bemühen.

Warum das in einen Mobbingratgeber gehört: Ein ausgeschlafenes, bewegtes Kind mit Zeit für etwas, das es kann, ist belastbarer. Der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Depressivität ist zudem wechselseitig, was heißt, dass beides sich gegenseitig verstärkt und dass an beiden Enden angesetzt werden kann.

107 Wann Sie nicht warten dürfen

Zum Abschluss dieses Teils der Punkt, an dem alle vorangegangenen Abstufungen entfallen.

Holen Sie sich noch am selben Tag Hilfe, wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, wenn es Suizidgedanken äußert oder andeutet, nicht mehr leben zu wollen, wenn es plötzlich und anhaltend nicht mehr in die Schule geht, oder wenn es körperliche Gewalt mit Verletzungen erlebt hat.

Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar, ausdrücklich auch für Sie als Bezugsperson. Die Telefonseelsorge erreichen Sie unter 142. Die schulpsychologische Hotline unter 0800 211 320 ist ebenfalls rund um die Uhr besetzt. Für die medizinische Abklärung wenden Sie sich an Ihre Kinderärztin, an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an eine Notfallambulanz.

Die Frage zu Stellen ist sicher

Viele Eltern zögern, weil sie fürchten, mit dem Nachfragen etwas auszulösen. Das ist nicht der Fall. Die Frage nach Suizidgedanken erhöht das Risiko nicht. Fragen Sie direkt und ohne Umschreibung.

Eine Maßnahme, die nichts kostet

Aus einer koreanischen Notaufnahmeerhebung stammt die konkreteste Einzelempfehlung des gesamten Materials. Selbstverletzendes und suizidales Handeln geschieht bei Jugendlichen überwiegend zu Hause, in 84,1 Prozent der Fälle, und überwiegend impulsiv mit dem, was gerade greifbar ist. Als Anlass wurde in 45,6 Prozent ein psychiatrisches Problem wie eine Depression genannt.

Daraus folgt eine Maßnahme, die nichts kostet und deren Wirksamkeit belegt ist: Bewahren Sie Medikamente im Haushalt verschlossen und außerhalb der Reichweite auf. Das gilt für verschreibungspflichtige ebenso wie für frei verkäufliche. Diese Maßnahme heißt in der Fachsprache Zugangsbeschränkung, und sie wirkt, weil sie Zeit verschafft.

Was bei Selbstverletzung zu tun und zu Unterlassen ist

Der koreanische amtliche Elternleitfaden versteht Selbstverletzung als krankhaften Bewältigungsmechanismus zur Linderung emotionalen Schmerzes, nicht als Manipulation. Daraus folgt: Lassen Sie das Kind benennen, welche Gefühle unmittelbar davor da waren. Zeigen Sie Verständnis dafür. Suchen Sie gemeinsam nach gesunden Wegen, Spannung zu lösen. Beschuldigen Sie nicht und werden Sie nicht wütend.

Die beiden ausdrücklich benannten Fehler sind, das Verhalten als bloße Aufmerksamkeitssuche abzutun und es aus Verlegenheit gar nicht anzusprechen.

Das japanische Gesundheitsministerium formuliert dieselbe Haltung in drei Sätzen: Selbstverletzung sei der Beweis, dass die Seele des Kindes ein Notsignal sende. Man solle das Kind dafür nicht beschuldigen. Und wenn es fortgesetzt geschehe, führe es nicht selten längerfristig in Suizidalität.

Warum Familien trotzdem nicht kommen

Ein koreanischer Befund benennt die Hürden, und sie sind fast durchgehend Einstellungssachen und keine Versorgungslücken. Als Gründe für die Nichtinanspruchnahme von Hilfe wurden genannt: „nicht ernst genug, um Hilfe zu brauchen" von rund 60 Prozent, „löst sich mit der Zeit von selbst" von 43 bis 53 Prozent, Stigma oder negative Wahrnehmung von 30 bis 48 Prozent und die Sorge, dass ein Aktenvermerk bleibt, von 39 bis 41 Prozent.

Auffällig ist dabei, dass Jugendliche seltener Hilfe nutzten als Kinder, obwohl ihre Erkrankungsrate doppelt so hoch lag.

Diese Hürden gelten auch hier. Wenn Sie sich beim Lesen dabei ertappt haben, dass Sie denken, so schlimm sei es nicht, oder das gebe sich schon: Genau das sind die beiden häufigsten Gründe, aus denen Kinder keine Hilfe bekommen.

Ein letzter Hinweis zum Zeitpunkt. In der japanischen Statistik fällt der Jahresverlauf mit einem deutlichen Ausschlag unmittelbar nach dem Ende der langen Ferien auf. Das japanische Schuljahr beginnt im April, weshalb sich der dortige Monat nicht auf Österreich übertragen lässt. Das Muster schon: Nach langen Ferien lohnt es besonders, aktiv nachzufragen.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Mobbing ist und was nicht Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig Mobbing wirklich ist Abschnitt 12–23 · 12
  3. 3. Die Formen Abschnitt 24–37 · 14
  4. 4. Woran Eltern es erkennen Abschnitt 38–49 · 12
  5. 5. Was Mobbing anrichtet Abschnitt 50–65 · 16
  6. 6. Wer betroffen ist und warum Abschnitt 66–79 · 14
  7. 7. Die Rolle der Klasse Abschnitt 80–89 · 10
  8. 8. Was Eltern tun können Abschnitt 90–107 · 18
  9. 9. Der Weg über die Schule in Österreich Abschnitt 108–121 · 14
  10. 10. Was Schulen wirksam tun können Abschnitt 122–137 · 16
  11. 11. Wenn das eigene Kind mobbt Abschnitt 138–147 · 10
  12. 12. Cybermobbing im Besonderen Abschnitt 148–161 · 14
  13. 13. Leistungsdruck und Prüfungsangst Abschnitt 162–175 · 14
  14. 14. Schulangst und Schulvermeidung Abschnitt 176–187 · 12
  15. 15. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 188–197 · 10
  16. 16. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 198–213 · 16