Medikamente sind die häufigste ernst zu nehmende Quelle im Haushalt. Dieses Kapitel geht die wichtigsten Gruppen einzeln durch und behandelt außerdem Nikotin, Alkohol und Cannabisprodukte.

Wichtiger Hinweis

Bei einem Vergiftungsverdacht entscheidet nicht allein, ob ein Kind bereits Beschwerden hat. Manche gefährlichen Substanzen verursachen zunächst kaum Symptome und schädigen erst Stunden später Leber, Herz, Gehirn oder andere Organe. Deshalb nicht abwarten, sondern früh fachlichen Rat einholen.

Österreichische Vergiftungsinformationszentrale, rund um die Uhr: 01 406 43 43

Rettung: 144

Euro-Notruf: 112

Feuerwehr bei Gasen, Rauch oder chemischer Gefahrenlage: 122

Bei Bewusstlosigkeit, auffälliger Atmung, Atemstillstand, Krampfanfall, schwerer Benommenheit, Kreislaufproblemen, blauen Lippen oder einer raschen Verschlechterung sofort 144 oder 112 anrufen. Wenn das Kind ansprechbar ist und keine akute Lebensgefahr besteht, die Vergiftungsinformationszentrale anrufen und deren individuelle Anweisungen befolgen.

Niemals absichtlich Erbrechen auslösen. Keine Milch, kein Salzwasser, kein Öl, keine Säure und keine Lauge als „Gegenmittel“ geben. Aktivkohle nur nach konkreter medizinischer oder toxikologischer Anweisung verabreichen. Bei Einatmen giftiger Gase hat der Eigenschutz Vorrang: nicht ungeschützt in einen gefährlichen Raum gehen.

Dieser Artikel erklärt Grundprinzipien. Er kann die fallbezogene Beratung der Vergiftungsinformationszentrale oder eine ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.

17 Medikamente: die häufigste ernst zu nehmende Haushaltsquelle

Medikamente sind für Kinder attraktiv, weil Tabletten bunt und Tropfen süß sein können. Kindersichere Verschlüsse reduzieren das Risiko, sind aber nicht kindersicher im absoluten Sinn. Manche Kinder öffnen sie mit Geduld oder beobachten Erwachsene.

Besonders kritisch sind Präparate, bei denen schon wenige Tabletten schwere Folgen haben können. Dazu gehören je nach Wirkstoff bestimmte Herzmedikamente, Opioide, trizyklische Antidepressiva, Sulfonylharnstoffe gegen Diabetes, Colchicin, manche Psychopharmaka und hoch dosierte Eisenpräparate.

Beim Anruf werden Wirkstoff, Stärke pro Tablette oder Milliliter, Darreichungsform und maximal fehlende Menge gebraucht. „Blutdrucktablette“ reicht nicht, weil verschiedene Wirkstoffe völlig unterschiedliche Risiken besitzen.

18 Paracetamol

Paracetamol ist bei richtiger Dosierung ein bewährtes Schmerz- und Fiebermittel. Eine Überdosierung kann jedoch die Leber schwer schädigen. Tückisch ist, dass das Kind anfangs beschwerdefrei wirken oder nur Übelkeit haben kann. Die gefährliche Leberschädigung entwickelt sich verzögert.

Fehler entstehen durch zu kurze Abstände, parallele Präparate mit demselben Wirkstoff, Verwechslung von Konzentrationen oder eine falsche Dosierung nach Alter statt Körpergewicht. Bei Verdacht auf eine zu hohe Gesamtdosis sofort toxikologisch beraten lassen und nicht auf Gelbfärbung oder Bauchschmerzen warten.

Im Krankenhaus werden Zeitpunkt und Dosis rekonstruiert, Blutwerte bestimmt und bei Indikation N-Acetylcystein gegeben. Dieses Gegenmittel füllt körpereigene Entgiftungsreserven auf und wirkt besonders gut, wenn es früh begonnen wird; auch später kann es noch lebensrettend sein.

19 Ibuprofen, andere NSAR und Aspirin

Ibuprofen gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Kleine einmalige Überschreitungen verlaufen oft mild, größere Mengen können Erbrechen, Bauchschmerzen, Benommenheit, Nierenschädigung, Krämpfe oder Übersäuerung verursachen. Austrocknung und Nierenerkrankungen erhöhen das Risiko.

Acetylsalicylsäure, bekannt als Aspirin, kann bei Überdosierung eine Salicylatvergiftung verursachen. Frühe Zeichen sind Ohrgeräusche, Übelkeit, schnelle tiefe Atmung, Schwitzen und Unruhe; später drohen schwere Säure-Basen-Störungen, Hirnödem und Kreislaufversagen. Bei Kindern wird Acetylsalicylsäure wegen des seltenen, aber schweren Reye-Syndroms ohnehin nur in besonderen ärztlichen Indikationen eingesetzt.

Die Risiken und toxischen Schwellen unterscheiden sich. Daher keine pauschale Einschätzung anhand der Tablettenzahl ohne Körpergewicht und Wirkstoffstärke.

20 Eisenpräparate

Eisen kann in Schwangerschaftsvitaminen, hoch dosierten Tabletten und Kindersäften enthalten sein. Für die Risikobewertung zählt die Menge an elementarem Eisen, nicht nur das Gesamtgewicht einer Verbindung.

Eine schwere Eisenvergiftung kann zunächst starkes Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall und Blutungen verursachen. Danach ist eine scheinbare Besserungsphase möglich, obwohl sich Schock, Übersäuerung und Leberschaden entwickeln. Diese trügerische Pause ist ein Grund, eine relevante Aufnahme nicht zu Hause zu beobachten.

Aktivkohle bindet Eisen nicht ausreichend. Im Krankenhaus kommen Laboruntersuchungen, Bildgebung und bei schwerer Vergiftung der Chelatbildner Deferoxamin infrage. Eisenpräparate gehören konsequent versperrt.

21 Herz- und Blutdruckmedikamente

Betablocker, Kalziumkanalblocker, Digitalispräparate, Antiarrhythmika und zentral wirksame Blutdruckmittel können bereits in kleinen Mengen gefährlich sein. Mögliche Folgen sind sehr langsamer oder schneller Puls, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Unterzuckerung, Benommenheit und Schock.

Retardtabletten setzen Wirkstoff über viele Stunden frei. Ein zunächst normales Kind kann später Symptome entwickeln. Die Behandlung richtet sich nach dem Wirkstoff und kann unter anderem hoch dosiertes Insulin mit Glukose, Kalzium, Glukagon, spezifische Antikörper oder Kreislaufmedikamente umfassen. Das gehört in eine überwachte Klinik.

Jede mögliche Einnahme eines Erwachsenen-Herzmedikaments durch ein Kleinkind wird umgehend toxikologisch abgeklärt.

22 Diabetesmedikamente

Sulfonylharnstoffe regen die Insulinfreisetzung an. Schon eine einzelne Tablette kann bei einem kleinen Kind eine anhaltende oder verzögert auftretende Unterzuckerung verursachen. Zeichen sind Blässe, Schwitzen, Zittern, Hunger, Verhaltensänderung, Müdigkeit, Krampf oder Bewusstlosigkeit.

Insulin kann durch versehentliche Injektion oder Dosierungsfehler ebenfalls gefährlich werden. Ein waches Kind mit vermuteter Unterzuckerung benötigt sofortige Hilfe; bei Bewusstseinsstörung darf nichts in den Mund gegeben werden. Im Krankenhaus werden Glukose und bei Sulfonylharnstoffen gegebenenfalls Octreotid eingesetzt und der Blutzucker länger überwacht.

23 Opioide und Naloxon

Opioide umfassen Morphin, Oxycodon, Fentanyl, Methadon, Buprenorphin, Codein und weitere Wirkstoffe. Sie können die Atmung unterdrücken. Besonders gefährlich sind Pflaster, hoch konzentrierte Tropfen, illegale Pulver und Medikamente aus Substitutionsprogrammen.

Warnzeichen sind ungewöhnliche Schläfrigkeit, langsame oder flache Atmung, Schnarchen bei nicht normal weckbarem Kind, kleine Pupillen, blasse oder bläuliche Haut und Bewusstlosigkeit. Sofort 144 rufen und bei fehlender normaler Atmung mit Wiederbelebung beginnen.

Naloxon verdrängt Opioide von ihren Rezeptoren und kann die Atmung rasch verbessern. Seine Wirkung kann kürzer anhalten als die des Opioids. Auch nach erfolgreicher Gabe bleibt daher ärztliche Überwachung nötig. Falls in einem Haushalt Naloxon als Notfallmedikament vorhanden ist, sollten Erwachsene in der Anwendung geschult sein.

24 Psychopharmaka und Beruhigungsmittel

Benzodiazepine verursachen häufig Müdigkeit, Gangunsicherheit und undeutliche Sprache. Allein führen sie seltener zu schwerer Atemdepression als in Kombination mit Opioiden, Alkohol oder anderen dämpfenden Stoffen. Eine Mischaufnahme kann lebensbedrohlich sein.

Trizyklische Antidepressiva können Krämpfe, Herzrhythmusstörungen und schweren Blutdruckabfall auslösen. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind oft weniger kardiotoxisch, können aber bei Überdosierung Serotoninsyndrom, Krämpfe oder Rhythmusstörungen verursachen. Antipsychotika können Bewusstseinsstörung, Bewegungsstörungen, Blutdruckabfall und verlängerte kardiale Erregungsleitung hervorrufen.

Das Gegenmittel Flumazenil wird bei unbekannter oder gemischter Einnahme nicht routinemäßig verwendet, weil es Krampfanfälle auslösen kann. Die Behandlung richtet sich nach Wirkstoff, Symptomen und EKG.

25 Vitamine, Nahrungsergänzung und „natürliche“ Produkte

Vitamin-Gummis sehen wie Süßigkeiten aus. Nicht alle Vitamine sind bei größerer Menge harmlos. Fettlösliche Vitamine wie A und D können sich im Körper anreichern. Vitamin D kann über erhöhtes Kalzium Nieren und Herz schädigen. Eisenhaltige Multivitamine sind wegen des Eisens besonders relevant.

Ätherische Öle, Kampfer, Wintergrünöl mit Methylsalicylat und konzentrierte Pflanzenextrakte können schon in kleinen Mengen Krämpfe, Bewusstseinsstörung, Atemprobleme oder Stoffwechselstörungen auslösen. „Natürlich“ beschreibt die Herkunft, nicht die Sicherheit.

Produkte immer in Originalverpackung und außerhalb der Reichweite aufbewahren. Auch Nahrungsergänzungsmittel werden bei einem Verdacht mit genauem Namen und Inhaltsstoffliste gemeldet.

26 Nikotin, E-Liquids und Nikotinbeutel

Nikotin wird über Schleimhaut, Magen-Darm-Trakt und Haut aufgenommen. E-Liquids können hoch konzentriert sein; schon eine kleine Flüssigkeitsmenge kann für ein Kleinkind gefährlich werden. Auch gebrauchte Nachfüllbehälter enthalten Reste.

Frühe Zeichen sind Übelkeit, Erbrechen, Speichelfluss, Bauchschmerz, Blässe, Schwitzen, Unruhe, schneller Puls und Schwindel. Bei schwerer Vergiftung folgen Muskelschwäche, Krämpfe, langsamer Puls, Blutdruckabfall und Atemversagen.

Bei Hautkontakt kontaminierte Kleidung entfernen und Haut mit Wasser spülen. Nach Verschlucken nicht erbrechen lassen und sofort die Vergiftungsinformationszentrale kontaktieren. E-Zigaretten, Liquids und Nikotinbeutel gehören verschlossen wie Medikamente; kindersichere Verschlüsse allein reichen nicht.

27 Alkohol, Desinfektionsmittel und Mundspülungen

Ethanol steckt nicht nur in Getränken, sondern auch in Parfüm, Mundwasser, Händedesinfektion und manchen Arzneitropfen. Kinder können bereits bei vergleichsweise kleinen Mengen stark schläfrig werden und unterzuckern. Unterkühlung, Erbrechen, Aspiration und Atemdepression sind weitere Gefahren.

Isopropanol in Reinigungs- und Desinfektionsmitteln wirkt stärker dämpfend und reizt den Magen. Methanol und Ethylenglykol sind besonders gefährlich: Ihre Abbauprodukte verursachen schwere Übersäuerung, Sehstörungen beziehungsweise Nierenschaden. Anfangs kann das Kind nur berauscht wirken.

Alkoholgeruch beweist nicht, welcher Alkohol enthalten war. Produkt und Inhaltsstoffliste sind entscheidend. Bei Verdacht unverzüglich toxikologisch abklären.

28 Cannabis und essbare Cannabisprodukte

Essbare Cannabisprodukte können wie Gummibärchen, Schokolade oder Gebäck aussehen. Die Wirkung tritt verzögert ein und hält lange an. Kleinkinder entwickeln häufiger ausgeprägte Müdigkeit, Gangunsicherheit, Erbrechen, auffällige Pupillen, niedrigen Blutdruck oder Atemprobleme. Schwere Verläufe sind möglich, besonders bei hoch konzentrierten Produkten oder Mischsubstanzen.

Eltern sollten medizinischem Personal offen sagen, wenn Cannabis möglich ist. Die Information dient der Behandlung, nicht der moralischen Beurteilung. Bei deutlicher Müdigkeit, Atemauffälligkeit oder unbekannter Menge ist eine sofortige medizinische Abklärung nötig.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Sofortmaßnahmen Abschnitt 1–10 · 10
  2. 2. Grundlagen Abschnitt 11–16 · 6
  3. 3. Medikamente und Genussmittel Abschnitt 17–28 · 12
  4. 4. Haushaltschemikalien, Pflanzen und Gase Abschnitt 29–39 · 11
  5. 5. Verätzungen und Knopfzellen Abschnitt 40–48 · 9
  6. 6. Weitere Quellen und Sonderfälle Abschnitt 49–55 · 7
  7. 7. Im Krankenhaus Abschnitt 56–61 · 6
  8. 8. Vorbeugen Abschnitt 62–65 · 4
  9. 9. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 66–74 · 9