Wasch- und Reinigungsmittel, Lampenöl, ätherische Öle, Kohlenmonoxid, Pflanzen, Pilze und Pestizide: was diese Stoffe unterscheidet und warum manche Mischungen erst im Eimer gefährlich werden.

Wichtiger Hinweis

Bei einem Vergiftungsverdacht entscheidet nicht allein, ob ein Kind bereits Beschwerden hat. Manche gefährlichen Substanzen verursachen zunächst kaum Symptome und schädigen erst Stunden später Leber, Herz, Gehirn oder andere Organe. Deshalb nicht abwarten, sondern früh fachlichen Rat einholen.

Österreichische Vergiftungsinformationszentrale, rund um die Uhr: 01 406 43 43

Rettung: 144

Euro-Notruf: 112

Feuerwehr bei Gasen, Rauch oder chemischer Gefahrenlage: 122

Bei Bewusstlosigkeit, auffälliger Atmung, Atemstillstand, Krampfanfall, schwerer Benommenheit, Kreislaufproblemen, blauen Lippen oder einer raschen Verschlechterung sofort 144 oder 112 anrufen. Wenn das Kind ansprechbar ist und keine akute Lebensgefahr besteht, die Vergiftungsinformationszentrale anrufen und deren individuelle Anweisungen befolgen.

Niemals absichtlich Erbrechen auslösen. Keine Milch, kein Salzwasser, kein Öl, keine Säure und keine Lauge als „Gegenmittel“ geben. Aktivkohle nur nach konkreter medizinischer oder toxikologischer Anweisung verabreichen. Bei Einatmen giftiger Gase hat der Eigenschutz Vorrang: nicht ungeschützt in einen gefährlichen Raum gehen.

Dieser Artikel erklärt Grundprinzipien. Er kann die fallbezogene Beratung der Vergiftungsinformationszentrale oder eine ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.

29 Waschmittel und Waschmittelkapseln

Herkömmliche Waschmittel verursachen nach kleinen Mengen oft Reizung, Übelkeit, Erbrechen und Schaum. Hochkonzentrierte Flüssigwaschmittelkapseln sind problematischer: Sie platzen beim Draufbeißen, schießen Inhalt in Mund und Augen und können anhaltendes Erbrechen, Husten, Atemprobleme, Benommenheit und Augenverletzungen verursachen.

Schaumbildende Produkte dürfen nicht durch Erbrechen oder große Trinkmengen zusätzlich aufgeschäumt werden. Mund auswischen, bei Augen- oder Hautkontakt sofort spülen und Vergiftungsinformationszentrale anrufen. Bei Husten, Atemnot, starker Müdigkeit oder wiederholtem Erbrechen ist eine dringende Untersuchung nötig.

Kapseln niemals in Schalen oder transparenten Vorratsgläsern aufbewahren. Die Originalpackung nach jeder Entnahme vollständig schließen und hoch sowie versperrt lagern.

30 Spülmaschinenmittel, Backofenreiniger und Abflussreiniger

Spülmaschinenpulver und -tabs können alkalisch sein. Backofen- und Abflussreiniger enthalten teilweise stark ätzende Laugen. Flüssige Konzentrate können an unauffälligen Stellen tiefe Gewebeschäden verursachen.

Nach Verschlucken Mund vorsichtig auswischen oder ausspülen, nicht erbrechen lassen, nicht neutralisieren und sofort toxikologisch beraten lassen. Bei Speichelfluss, Schluckschmerz, Erbrechen, Heiserkeit, Husten, Atemnot oder sichtbaren Mundverätzungen 144 rufen.

Eine fehlende Verletzung im Mund schließt eine Schädigung der Speiseröhre nicht sicher aus. Umgekehrt sagt eine deutliche Lippenverätzung nicht exakt, wie tief die Speiseröhre verletzt ist. Die Endoskopieentscheidung trifft das Klinikteam anhand von Produkt, Symptomen und Verlauf.

31 WC-Reiniger, Entkalker, Säuren und Laugen

Säuren führen typischerweise zu einer Koagulationsnekrose: Eiweiß gerinnt und kann eine Art Schorf bilden. Laugen lösen Fette und Eiweiße auf und dringen oft tiefer ein; dies wird Kolliquationsnekrose genannt. Beide können schwere Verletzungen verursachen.

Entkalker und WC-Reiniger unterscheiden sich erheblich in Konzentration und Zusammensetzung. Eine geringe Menge verdünnter Zitronensäure ist nicht mit konzentrierter Salzsäure gleichzusetzen. Daher ist der exakte Produktname unerlässlich.

Weder Säure mit Lauge noch Lauge mit Säure neutralisieren. Nicht zum Erbrechen bringen. Bei Augen- oder Hautkontakt sofort ausgiebig mit Wasser spülen. Nach Verschlucken unverzüglich VIZ beziehungsweise bei Warnzeichen Rettung kontaktieren.

32 Lampenöl, Grillanzünder, Benzin und andere Kohlenwasserstoffe

Dünnflüssige Kohlenwasserstoffe gelangen beim Verschlucken oder Erbrechen leicht in die Lunge. Schon kleine aspirierte Mengen können eine chemische Pneumonitis auslösen. Typische Zeichen sind plötzliches Husten, Würgen, Atemnot, schnelle Atmung, Fieber und später auffällige Röntgenbefunde.

Kein Erbrechen auslösen und keine großen Flüssigkeitsmengen geben. Wenn das Kind direkt danach hustet, sich verschluckt oder Atembeschwerden zeigt, sofort medizinisch beurteilen lassen. Auch zunächst symptomfreie Kinder benötigen eine fallbezogene toxikologische Einschätzung.

Lampenöle mit Duft oder Farbe sind besonders attraktiv. Am sichersten ist, sie in Haushalten mit Kleinkindern nicht zu verwenden.

33 Ätherische Öle, Duftöle und Kampfer

Ätherische Öle sind konzentrierte Gemische. Eukalyptus-, Pfefferminz-, Teebaum-, Nelken- oder Wintergrünöl können je nach Menge und Zusammensetzung Erbrechen, Husten, Benommenheit, Krämpfe, Leberprobleme oder Atemstörungen verursachen. Kampfer kann rasch Krampfanfälle auslösen.

Ölige Flüssigkeiten bergen zusätzlich Aspirationsgefahr. Nicht erbrechen lassen. Fläschchen und genaue Inhaltsstoffangaben bereithalten und unverzüglich VIZ anrufen. Ein paar Tropfen in einem altersgerechten Fertigprodukt sind nicht mit dem Trinken aus einer Konzentratflasche vergleichbar.

34 Reinigungsmittel niemals mischen

Säurehaltige Reiniger und chlorhaltige Bleichmittel können Chlorgas freisetzen. Chlorreiniger und ammoniakhaltige Produkte können reizende Chloramine bilden. In einem kleinen Bad entstehen rasch gefährliche Konzentrationen.

Brennen in Augen und Hals, Husten, Engegefühl, Atemnot und pfeifende Atmung sind Warnzeichen. Raum verlassen, andere Personen fernhalten, ohne Eigengefährdung lüften und Feuerwehr beziehungsweise Rettung verständigen. Nicht zurückgehen, um Behälter zu holen, wenn die Luft belastet sein könnte.

Chemikalien immer einzeln nach Etikett verwenden. „Mehr Reiniger“ bedeutet nicht mehr Sauberkeit, sondern kann neue Giftstoffe erzeugen.

35 Kohlenmonoxid

Kohlenmonoxid, kurz CO, ist farb-, geruch- und geschmacklos. Es entsteht bei unvollständiger Verbrennung, etwa durch defekte Heizungen, Öfen, Grills, Generatoren oder laufende Motoren in schlecht belüfteten Räumen. CO bindet stark an Hämoglobin und stört zusätzlich die Sauerstoffnutzung in Geweben.

Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Verwirrtheit wirken zunächst wie ein Infekt. Verdächtig ist, wenn mehrere Personen oder auch Haustiere im selben Raum ähnliche Beschwerden haben und es draußen besser wird.

Sofort ins Freie, sofern dies sicher möglich ist, 122 und 144 alarmieren und den Raum nicht wieder betreten. Die Behandlung erfolgt mit hoch konzentriertem Sauerstoff; bei schweren Verläufen wird eine hyperbare Sauerstofftherapie erwogen. Normale Pulsoximetrie schließt CO nicht aus. Funktionierende CO-Melder sind eine wichtige Ergänzung, ersetzen aber Wartung und korrekten Betrieb von Feuerstätten nicht.

36 Pflanzen

Viele Pflanzenkontakte verursachen höchstens Reizung oder Magen-Darm-Beschwerden, andere können Herzrhythmusstörungen, Krämpfe, Leberversagen oder schwere Schleimhautreizungen auslösen. Gefährliche Beispiele sind je nach Pflanzenteil unter anderem Eisenhut, Herbstzeitlose, Eibe, Fingerhut, Oleander und Goldregen.

Pflanzen nicht allein anhand einer App bestimmen. Für die VIZ helfen scharfe Fotos von Blättern, Blüten, Früchten, Stängel und gesamter Pflanze sowie ein Pflanzenrest. Mund von sichtbaren Resten befreien, nicht erbrechen lassen und beraten lassen.

Auch scheinbar essbare Wildpflanzen können verwechselt werden. Bärlauch wird etwa mit Herbstzeitlose oder Maiglöckchen verwechselt. Kinder sollten lernen, unbekannte Beeren, Samen und Blätter nicht zu probieren.

37 Pilze

Pilzvergiftungen reichen von kurzer Magen-Darm-Reizung bis zu tödlichem Leber- oder Nierenversagen. Ein langer beschwerdefreier Zeitraum ist nicht beruhigend. Beim Grünen Knollenblätterpilz beginnen Erbrechen und Durchfall häufig erst nach mehreren Stunden; nach einer scheinbaren Besserung kann schweres Leberversagen folgen.

Nach dem Verzehr unbekannter Pilze sofort VIZ kontaktieren. Pilzreste, Putzabfälle, Fotos und gegebenenfalls Erbrochenes aufbewahren. Alle Personen nennen, die dasselbe Gericht gegessen haben, auch wenn sie noch keine Symptome haben.

Keine Bestimmungsversuche durch Kostproben. Pilz-Apps und Internetfotos ersetzen keine sachkundige Bestimmung.

38 Schädlingsbekämpfungsmittel und Pestizide

Insektizide, Schneckenkorn, Rattengift und Gartenchemikalien enthalten sehr unterschiedliche Wirkstoffe. Organophosphate und Carbamate können ein cholinerges Syndrom mit Speichelfluss, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall, engen Pupillen, Muskelschwäche und Atemproblemen auslösen. Pyrethroide verursachen häufiger Hautkribbeln, Reizung und neurologische Symptome bei hoher Dosis.

Rattengifte können gerinnungshemmende Stoffe, Vitamin-D-ähnliche Verbindungen oder andere Wirkstoffe enthalten. Die Farbe des Köders erlaubt keine sichere Zuordnung. Produktverpackung und Zulassungsnummer sind wichtig.

Bei Hautkontakt dekontaminieren, kontaminierte Kleidung ablegen und VIZ kontaktieren. Bei Sprühnebel oder Gas Eigenschutz beachten.

39 Blei und andere schleichende Vergiftungen

Nicht jede Vergiftung ist ein plötzliches Ereignis. Blei kann über alte Farben, kontaminierten Staub, Keramikglasuren, bestimmte Gewürze, traditionelle Heilmittel, Hobby- oder Berufsquellen aufgenommen werden. Kleine Kinder sind besonders empfindlich; ein sicherer schädigungsfreier Expositionswert ist nicht bekannt.

Mögliche Folgen sind Entwicklungs- und Lernprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, Blutarmut, Bauchschmerzen und bei hoher Belastung Enzephalopathie. Viele Kinder haben anfangs keine eindeutigen Symptome. Entscheidend sind Expositionsanamnese und Blutbleimessung.

Auch Quecksilber, Arsen und andere Metalle können chronisch schädigen. Bei Renovierung alter Gebäude, beruflicher Mitnahme von Staub oder ungewöhnlichen Importprodukten sollte die mögliche Quelle aktiv angesprochen werden.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Sofortmaßnahmen Abschnitt 1–10 · 10
  2. 2. Grundlagen Abschnitt 11–16 · 6
  3. 3. Medikamente und Genussmittel Abschnitt 17–28 · 12
  4. 4. Haushaltschemikalien, Pflanzen und Gase Abschnitt 29–39 · 11
  5. 5. Verätzungen und Knopfzellen Abschnitt 40–48 · 9
  6. 6. Weitere Quellen und Sonderfälle Abschnitt 49–55 · 7
  7. 7. Im Krankenhaus Abschnitt 56–61 · 6
  8. 8. Vorbeugen Abschnitt 62–65 · 4
  9. 9. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 66–74 · 9