Im Krankenhaus
Was nach der Aufnahme zuerst geschieht, warum manche Stoffe erst mit Verzögerung wirken, welche Gegenmittel es gibt – und warum die unterstützende Behandlung oft mehr trägt als das Antidot.
Wichtiger Hinweis
Bei einem Vergiftungsverdacht entscheidet nicht allein, ob ein Kind bereits Beschwerden hat. Manche gefährlichen Substanzen verursachen zunächst kaum Symptome und schädigen erst Stunden später Leber, Herz, Gehirn oder andere Organe. Deshalb nicht abwarten, sondern früh fachlichen Rat einholen.
Österreichische Vergiftungsinformationszentrale, rund um die Uhr: 01 406 43 43
Rettung: 144
Euro-Notruf: 112
Feuerwehr bei Gasen, Rauch oder chemischer Gefahrenlage: 122
Bei Bewusstlosigkeit, auffälliger Atmung, Atemstillstand, Krampfanfall, schwerer Benommenheit, Kreislaufproblemen, blauen Lippen oder einer raschen Verschlechterung sofort 144 oder 112 anrufen. Wenn das Kind ansprechbar ist und keine akute Lebensgefahr besteht, die Vergiftungsinformationszentrale anrufen und deren individuelle Anweisungen befolgen.
Niemals absichtlich Erbrechen auslösen. Keine Milch, kein Salzwasser, kein Öl, keine Säure und keine Lauge als „Gegenmittel“ geben. Aktivkohle nur nach konkreter medizinischer oder toxikologischer Anweisung verabreichen. Bei Einatmen giftiger Gase hat der Eigenschutz Vorrang: nicht ungeschützt in einen gefährlichen Raum gehen.
Dieser Artikel erklärt Grundprinzipien. Er kann die fallbezogene Beratung der Vergiftungsinformationszentrale oder eine ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.
56 Was im Krankenhaus zuerst geschieht
Das Behandlungsteam folgt zunächst den lebenswichtigen Funktionen: Atemweg, Atmung, Kreislauf, neurologischer Zustand und vollständige Untersuchung. Parallel werden Substanz, Dosis, Zeitpunkt und mögliche Mischaufnahme geklärt.
Je nach Gift folgen Blutzucker, Blutgase, Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte, Gerinnung, Medikamentenspiegel, EKG und Bildgebung. Ein allgemeines „Toxikologie-Screening“ erkennt nicht jedes Gift und kann falsch positive oder falsch negative Ergebnisse liefern. Die gezielte Anamnese bleibt zentral.
Nicht jedes Kind braucht alle Untersuchungen. Ein sicher ungiftiger Minikontakt wird anders behandelt als eine unbekannte Tablettenmenge mit Benommenheit.
57 Überwachung und verzögerte Symptome
Die Beobachtungsdauer hängt vom Wirkstoff ab. Retardpräparate, Medikamente mit verzögerter Aufnahme, lange wirksame Opioide und Substanzen mit stiller Organschädigung erfordern oft längere Überwachung. Ein Kind darf nicht allein deshalb entlassen werden, weil es nach einer Stunde gut aussieht.
Umgekehrt ist eine stationäre Aufnahme nicht bei jedem Kontakt nötig. Giftinformationszentren können anhand großer Falldatenbanken identifizieren, wann häusliche Beobachtung genügt. Eltern erhalten dann klare Zeichen, bei denen sie erneut anrufen oder sofort Hilfe suchen sollen.
58 Gegenmittel: Antidota
Ein Antidot ist ein spezifisches Gegenmittel. Beispiele sind:
- N-Acetylcystein bei Paracetamol
- Naloxon bei Opioiden
- Fomepizol bei Methanol oder Ethylenglykol
- Atropin und Oxime bei bestimmten Organophosphaten
- Deferoxamin bei schwerer Eisenvergiftung
- Digoxin-spezifische Antikörper bei Digitalis
- Hydroxocobalamin bei Cyanid
- Vitamin K bei bestimmten gerinnungshemmenden Rattengiften.
Antidota ersetzen nicht die Stabilisierung. Zeitpunkt, Indikation und Dosierung hängen vom konkreten Fall ab. Manche Gegenmittel haben selbst erhebliche Risiken und werden nicht „vorsichtshalber“ zu Hause gegeben.
59 Unterstützende Behandlung ist oft entscheidend
Viele Vergiftungen haben kein spezifisches Gegenmittel. Trotzdem können sie erfolgreich behandelt werden. Unterstützende Therapie bedeutet, gefährdete Körperfunktionen so lange zu sichern, bis der Stoff abgebaut oder ausgeschieden ist.
Dazu gehören Sauerstoff, Beatmung, Flüssigkeit, Kreislaufmedikamente, Behandlung von Krämpfen, Korrektur von Blutzucker und Elektrolyten, Temperaturkontrolle und kontinuierliche Herzüberwachung. In der Toxikologie ist gute Intensiv- und Notfallmedizin häufig wichtiger als ein spektakuläres Antidot.
60 Wann Blutwäsche oder extrakorporale Verfahren helfen
Hämodialyse entfernt Stoffe aus dem Blut und korrigiert gleichzeitig schwere Säure- und Elektrolytstörungen. Sie ist vor allem bei Giften sinnvoll, die klein, wasserlöslich, wenig eiweißgebunden und in einem kleinen Verteilungsraum vorhanden sind.
Internationale EXTRIP-Empfehlungen helfen bei der Entscheidung, etwa für Lithium, Salicylate, Methanol, Ethylenglykol und bestimmte andere Substanzen. Bei schwerem Herz-Kreislauf-Versagen kann in hoch spezialisierten Zentren eine extrakorporale Kreislaufunterstützung überbrücken. Solche Verfahren sind selten, zeigen aber, warum frühe Verlegung in ein geeignetes Zentrum wichtig sein kann.
61 Häusliche Beobachtung nach toxikologischer Freigabe
Wenn die VIZ nach genauer Prüfung häusliche Beobachtung empfiehlt, sollten Eltern die Anweisungen notieren. Wichtig sind Beobachtungsdauer, erlaubte Nahrung und Flüssigkeit, erwartbare leichte Beschwerden und konkrete Rückkehrzeichen.
Das Kind bleibt in dieser Zeit bei einer zuverlässigen erwachsenen Person. Es wird nicht allein schlafen gelassen, wenn ausdrücklich Bewusstseins- oder Atemkontrollen erforderlich sind. Verschlechtert sich der Zustand oder stellt sich heraus, dass mehr Substanz fehlt, wird erneut angerufen.
Die toxikologische Freigabe gilt nur für die geschilderte Situation. Neue Informationen können die Einschätzung ändern.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Sofortmaßnahmen Abschnitt 1–10 · 10
- 2. Grundlagen Abschnitt 11–16 · 6
- 3. Medikamente und Genussmittel Abschnitt 17–28 · 12
- 4. Haushaltschemikalien, Pflanzen und Gase Abschnitt 29–39 · 11
- 5. Verätzungen und Knopfzellen Abschnitt 40–48 · 9
- 6. Weitere Quellen und Sonderfälle Abschnitt 49–55 · 7
- 7. Im Krankenhaus Abschnitt 56–61 · 6
- 8. Vorbeugen Abschnitt 62–65 · 4
- 9. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 66–74 · 9
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