Verätzungen und Knopfzellen
Verätzungen folgen anderen Regeln als Vergiftungen: Der Schaden entsteht dort, wo der Stoff hinkommt. Dieses Kapitel behandelt Mund, Speiseröhre und Haut – und die Knopfzelle, die beides zugleich ist.
Wichtiger Hinweis
Bei einem Vergiftungsverdacht entscheidet nicht allein, ob ein Kind bereits Beschwerden hat. Manche gefährlichen Substanzen verursachen zunächst kaum Symptome und schädigen erst Stunden später Leber, Herz, Gehirn oder andere Organe. Deshalb nicht abwarten, sondern früh fachlichen Rat einholen.
Österreichische Vergiftungsinformationszentrale, rund um die Uhr: 01 406 43 43
Rettung: 144
Euro-Notruf: 112
Feuerwehr bei Gasen, Rauch oder chemischer Gefahrenlage: 122
Bei Bewusstlosigkeit, auffälliger Atmung, Atemstillstand, Krampfanfall, schwerer Benommenheit, Kreislaufproblemen, blauen Lippen oder einer raschen Verschlechterung sofort 144 oder 112 anrufen. Wenn das Kind ansprechbar ist und keine akute Lebensgefahr besteht, die Vergiftungsinformationszentrale anrufen und deren individuelle Anweisungen befolgen.
Niemals absichtlich Erbrechen auslösen. Keine Milch, kein Salzwasser, kein Öl, keine Säure und keine Lauge als „Gegenmittel“ geben. Aktivkohle nur nach konkreter medizinischer oder toxikologischer Anweisung verabreichen. Bei Einatmen giftiger Gase hat der Eigenschutz Vorrang: nicht ungeschützt in einen gefährlichen Raum gehen.
Dieser Artikel erklärt Grundprinzipien. Er kann die fallbezogene Beratung der Vergiftungsinformationszentrale oder eine ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.
40 Verätzungen von Mund, Speiseröhre und Magen
Nach dem Verschlucken eines ätzenden Stoffes können Lippen, Mundhöhle, Rachen, Speiseröhre und Magen verletzt sein. Das Ausmaß hängt von pH-Wert, Konzentration, Menge, Kontaktzeit, Viskosität und Aggregatzustand ab. Zähflüssige Produkte haften länger; feste Granulate können örtlich konzentriert wirken.
Warnzeichen sind Schmerzen in Mund, Hals, Brust oder Oberbauch, Speichelfluss, Schluckverweigerung, Erbrechen, Blut, Husten, Heiserkeit, pfeifende Atmung und Atemnot. Ein Kind kann aber trotz relevanter Verletzung zunächst relativ unauffällig sein. Sichtbare Mundbefunde sagen die Tiefe in der Speiseröhre nicht zuverlässig voraus.
Nicht erbrechen lassen, nicht neutralisieren, keine Aktivkohle geben und keine großen Flüssigkeitsmengen einflößen. Mundreste vorsichtig entfernen, toxikologisch beraten lassen und bei Symptomen beziehungsweise einem hoch konzentrierten Produkt sofort in eine geeignete Klinik.
41 Warum Laugen oft besonders tief schädigen
Starke Laugen, etwa konzentrierte Natron- oder Kalilauge in manchen Abfluss- und Backofenreinigern, verseifen Fette und lösen Eiweiße. Dabei entsteht eine Kolliquationsnekrose, durch die der Stoff tief in Gewebeschichten eindringen kann. Die Speiseröhre ist häufig besonders gefährdet.
Starke Säuren erzeugen eher eine Koagulationsnekrose. Der entstehende Schorf kann das weitere Eindringen teilweise begrenzen, bietet aber keinen verlässlichen Schutz. Säuren können den Magen stärker schädigen. Die vereinfachte Regel „Lauge Speiseröhre, Säure Magen“ hat Ausnahmen und darf keine Selbstbeurteilung ersetzen.
Der pH-Wert allein reicht ebenfalls nicht. Die titrierbare Säure- oder Laugenreserve beschreibt, wie viel neutralisierende Substanz nötig wäre, und beeinflusst die Gewebeschädigung. Diese Produkteigenschaften kennt die Giftinformationszentrale besser als ein Haushalts-pH-Test.
42 Atemwegsgefahr nach Verätzung
Ätzende Dämpfe oder Kontakt im Rachen können Kehlkopf und Atemwege anschwellen lassen. Heiserkeit, bellender Husten, pfeifendes Einatmen, veränderte Stimme, Speichelfluss und zunehmende Atemarbeit sind Notfallzeichen.
Das Kind wird aufrecht und ruhig gehalten; keine erzwungene Inspektion tief im Rachen und nichts zu trinken geben, wenn es nicht sicher schluckt. Sofort 144 rufen. Eine Atemwegsschwellung kann zunehmen, weshalb eine frühe Sicherung der Atemwege durch ein erfahrenes Team nötig werden kann.
43 Endoskopie nach ätzender Einnahme
Bei relevanter Exposition entscheidet ein spezialisiertes Team, ob eine Spiegelung von Speiseröhre und Magen nötig ist. Eine Endoskopie kann Ort und Schwere der Verletzung zeigen und die weitere Behandlung beeinflussen. Sie wird nicht automatisch nach jedem Kontakt durchgeführt, aber auch nicht allein wegen eines unauffälligen Mundes verworfen.
Zeitpunkt und Indikation richten sich nach Symptomen, Produkt, Konzentration, Menge, absichtlicher oder versehentlicher Einnahme und klinischem Verlauf. Bei Zeichen einer Perforation, also eines Durchbruchs, stehen Bildgebung und chirurgische Beurteilung im Vordergrund. Eine ungezielte Magensonde oder blindes Ausräumen kann verletztes Gewebe zusätzlich schädigen.
44 Frühe und späte Folgen einer inneren Verätzung
Früh drohen Blutung, Atemwegsschwellung, Kreislaufstörung, Durchbruch von Speiseröhre oder Magen, Entzündung des Mittelfellraums und Bauchfellentzündung. Solche Komplikationen sind lebensbedrohlich.
Während der Heilung kann Narbengewebe die Speiseröhre verengen. Wochen später fallen dann zunehmende Schluckbeschwerden, Würgen, langsames Essen, Erbrechen, Nahrungsverweigerung oder Gewichtsverlust auf. Diese Strikturen können wiederholte endoskopische Erweiterungen benötigen.
Nach schweren Verätzungen besteht langfristig ein erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs. Das betrifft nicht die typische kleine, folgenlose Haushaltsexposition, sondern schwere strukturelle Schäden. Betroffene benötigen eine individuelle langfristige fachärztliche Betreuung.
45 Hautverätzungen richtig einschätzen
Chemische Hautverletzungen können oberflächlich gerötet oder tief, weißlich, grau, braun oder schwarz erscheinen. Schmerzstärke und Tiefe stimmen nicht immer überein; Nervenschädigung kann tiefe Areale weniger schmerzhaft machen.
Entscheidend ist eine frühe Dekontamination. Kleidung und Schmuck entfernen, Feststoffe trocken beseitigen und in den meisten Fällen lange mit Wasser spülen. Das Wasser soll ablaufen und nicht über unverletzte Haut verteilt werden. Kind warm halten.
Große Flächen, Gesicht, Hände, Genitalregion, Gelenke, starke Schmerzen, Blasen, Durchblutungsstörungen und konzentrierte Industriechemikalien gehören dringend ärztlich beurteilt. Chemische Wunden können nach Ende des sichtbaren Kontakts tiefer werden.
46 Sonderfall Flusssäure
Flusssäure, auch Fluorwasserstoffsäure, ist ein besonderer Notfall. Sie verursacht nicht nur lokale Verätzungen. Fluorid bindet Kalzium und Magnesium und kann dadurch schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Kleine, konzentrierte Hautkontakte können gefährlich sein; Schmerzen beginnen mitunter verzögert.
Sofort ausgiebig spülen, Rettung und Giftinformationszentrale verständigen und das Produkt eindeutig als Flusssäure benennen. Die Behandlung kann Kalziumpräparate lokal, als Injektion oder intravenös sowie intensive Herzüberwachung erfordern. Diese Maßnahmen gehören in erfahrene Hände.
47 Knopfzellen: Fremdkörper und chemische Verätzung zugleich
Eine in der Speiseröhre steckende Knopfzelle erzeugt einen elektrischen Strom. An ihrem negativen Pol entstehen Hydroxidionen, die das Gewebe stark alkalisch verätzen. Schwere Schäden können innerhalb kurzer Zeit auftreten, auch wenn die Batterie nicht ausläuft.
Bei möglichem Verschlucken sofort 144 beziehungsweise eine geeignete Notfallversorgung organisieren und nicht auf Symptome warten. Das Kind kann anfangs nur husten, würgen, weniger essen oder völlig unauffällig wirken. Eine Röntgenaufnahme lokalisiert die Batterie; in der Speiseröhre muss sie notfallmäßig entfernt werden.
Honig wird in einigen internationalen Knopfzell-Protokollen für Kinder über zwölf Monate während des Weges zur Klinik empfohlen, wenn die Einnahme sehr wahrscheinlich, erst kurz zurückliegend und sicheres Schlucken möglich ist. Das darf die Fahrt niemals verzögern und wird am besten nach Anweisung der VIZ oder Leitstelle durchgeführt. Unter zwölf Monaten ist Honig wegen Botulismusgefahr verboten. Das Thema wird im eigenen Artikel „Verschlucken von Fremdkörpern“ ausführlich behandelt.
48 Magnete und andere gefährliche Fremdkörper
Mehrere starke Magnete können sich durch verschiedene Darmabschnitte anziehen und Gewebe einklemmen. Drucknekrose, Fistel, Darmverschluss und Durchbruch sind möglich. Ein Magnet zusammen mit einem Metallteil kann ähnlich wirken.
Auch wenn dies keine klassische Vergiftung ist, gehört der Verdacht in die sofortige medizinische Abklärung. Keine Nahrung oder Aktivkohle auf eigene Faust geben. Knopfzellen, Magnete und spitze Fremdkörper werden im Folgeartikel detailliert behandelt.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Sofortmaßnahmen Abschnitt 1–10 · 10
- 2. Grundlagen Abschnitt 11–16 · 6
- 3. Medikamente und Genussmittel Abschnitt 17–28 · 12
- 4. Haushaltschemikalien, Pflanzen und Gase Abschnitt 29–39 · 11
- 5. Verätzungen und Knopfzellen Abschnitt 40–48 · 9
- 6. Weitere Quellen und Sonderfälle Abschnitt 49–55 · 7
- 7. Im Krankenhaus Abschnitt 56–61 · 6
- 8. Vorbeugen Abschnitt 62–65 · 4
- 9. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 66–74 · 9
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