Weitere Quellen und Sonderfälle
Kosmetika, Desinfektionsmittel, Quecksilber, die Garage – und die Fälle, in denen nicht das Kind selbst zugegriffen hat: Dosierungsfehler, Verwechslungen und die absichtliche Einnahme bei Jugendlichen.
Wichtiger Hinweis
Bei einem Vergiftungsverdacht entscheidet nicht allein, ob ein Kind bereits Beschwerden hat. Manche gefährlichen Substanzen verursachen zunächst kaum Symptome und schädigen erst Stunden später Leber, Herz, Gehirn oder andere Organe. Deshalb nicht abwarten, sondern früh fachlichen Rat einholen.
Österreichische Vergiftungsinformationszentrale, rund um die Uhr: 01 406 43 43
Rettung: 144
Euro-Notruf: 112
Feuerwehr bei Gasen, Rauch oder chemischer Gefahrenlage: 122
Bei Bewusstlosigkeit, auffälliger Atmung, Atemstillstand, Krampfanfall, schwerer Benommenheit, Kreislaufproblemen, blauen Lippen oder einer raschen Verschlechterung sofort 144 oder 112 anrufen. Wenn das Kind ansprechbar ist und keine akute Lebensgefahr besteht, die Vergiftungsinformationszentrale anrufen und deren individuelle Anweisungen befolgen.
Niemals absichtlich Erbrechen auslösen. Keine Milch, kein Salzwasser, kein Öl, keine Säure und keine Lauge als „Gegenmittel“ geben. Aktivkohle nur nach konkreter medizinischer oder toxikologischer Anweisung verabreichen. Bei Einatmen giftiger Gase hat der Eigenschutz Vorrang: nicht ungeschützt in einen gefährlichen Raum gehen.
Dieser Artikel erklärt Grundprinzipien. Er kann die fallbezogene Beratung der Vergiftungsinformationszentrale oder eine ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.
49 Kosmetika und Körperpflegeprodukte
Viele kleine Kostproben von Seife, Shampoo oder Creme verursachen höchstens Reizung, Übelkeit oder weichen Stuhl. Andere Produkte sind relevanter: Nagellackentferner kann Aceton oder andere Lösemittel enthalten, Haarfärbemittel und Nagelkleber können stark reizen, Mundwasser und Parfüm enthalten Alkohol.
Die Kategorie „Kosmetik“ reicht deshalb nicht für eine Risikobewertung. Produkt, Inhaltsstoffe und Menge nennen. Bei Sekundenkleber im Mund nicht gewaltsam verklebte Flächen auseinanderziehen; bei Augenbeteiligung sofort spülen und fachlich abklären. Aerosole können zusätzlich inhaliert werden.
50 Geschirrspül-, Hand- und Flächendesinfektionsmittel
Desinfektionsmittel können Alkohole, quaternäre Ammoniumverbindungen, Chlorverbindungen oder andere Wirkstoffe enthalten. Ein kleiner Hautkontakt ist etwas anderes als Trinken aus einer Nachfüllflasche. Sprühnebel kann Augen und Atemwege reizen.
Originaletikett bereithalten, betroffene Haut oder Augen spülen und bei Verschlucken VIZ anrufen. Bei Bewusstseinsveränderung, wiederholtem Erbrechen, Atemproblemen oder größerer unbekannter Menge ist eine Notfallbeurteilung erforderlich.
51 Thermometer, Quecksilber und zerbrochene Energiesparlampen
Elementares Quecksilber aus einem alten Thermometer wird aus dem Darm nur schlecht aufgenommen, verdampft aber bei Raumtemperatur. Gefährlich ist vor allem das Einatmen von Dampf, besonders wenn kleine Kügelchen in Ritzen verbleiben oder mit dem Staubsauger fein verteilt und erwärmt werden.
Kinder und Haustiere aus dem Raum bringen, lüften, nicht saugen und nicht kehren. Kügelchen nach behördlichen beziehungsweise toxikologischen Anweisungen aufnehmen und entsorgen. Bei größerer Freisetzung VIZ oder zuständige Umweltstelle kontaktieren. Moderne digitale Thermometer enthalten meist kein Quecksilber.
52 Batterien, Reinigungschemikalien und Produkte in Garage oder Werkstatt
Frostschutzmittel kann Ethylenglykol enthalten, Scheibenreiniger Methanol, Bremsflüssigkeit verschiedene Glykole und Autobatterien Schwefelsäure. Lösungsmittel, Härter, Epoxidharze, Kraftstoffe und Pflanzenschutzmittel ergänzen das Risiko.
Diese Produkte niemals in Wasser- oder Limonadenflaschen füllen. Eine klare Beschriftung allein schützt ein Kind, das nicht lesen kann, nicht. Garage und Werkstatt müssen physisch versperrt sein. Nach einer Exposition genaue Handelsbezeichnung, Sicherheitsdatenblatt und UFI-Code bereithalten.
53 Dosierungsfehler bei Kinderarzneimitteln
Nicht jede Vergiftung entsteht durch Neugier. Häufige Fehler sind:
- Milliliter und Milligramm werden verwechselt.
- Ein Küchenlöffel ersetzt die Dosierspritze.
- Zwei Erwachsene geben dieselbe Dosis.
- Präparate verschiedener Hersteller haben unterschiedliche Konzentrationen.
- Tropfen werden als Milliliter interpretiert.
- Säuglings- und Kinderkonzentrationen werden verwechselt.
- Mehrere Erkältungspräparate enthalten denselben Wirkstoff.
- Eine Dosis wird nach Erbrechen ungeprüft wiederholt.
Medikamente nach Körpergewicht und ärztlicher beziehungsweise fachlicher Anweisung dosieren. Jede Gabe dokumentieren, besonders nachts oder bei mehreren Betreuungspersonen. Für Flüssigkeiten die mitgelieferte orale Spritze verwenden.
54 Wenn die Betreuungsperson selbst einen Fehler gemacht hat
Scham verzögert Hilfe. Für die medizinische Behandlung ist wichtig, was tatsächlich gegeben wurde, nicht wer „schuld“ ist. Beim Anruf offen sagen, ob eine Dosis doppelt, das falsche Präparat oder eine Erwachsenenstärke verabreicht wurde.
Verpackung und Dosierhilfe bereithalten. Nicht versuchen, den Fehler durch Auslassen, Erbrechen oder ein anderes Medikament selbst zu korrigieren. Viele Dosierungsfehler sind nach fachlicher Berechnung harmlos; einige benötigen Blutwerte oder Beobachtung. Eine frühe ehrliche Auskunft vermeidet sowohl unnötige Angst als auch übersehene Risiken.
55 Absichtliche Einnahme bei Jugendlichen
Jede absichtliche Medikamenten- oder Chemikalieneinnahme wird medizinisch ernst genommen, unabhängig von der angegebenen Menge. Jugendliche unterschätzen Dosis, Mischwirkungen und verzögerte Organschäden. Sie können aus Angst Angaben zurückhalten oder mehrere Substanzen eingenommen haben.
Bei akuten Symptomen oder möglicher gefährlicher Einnahme 144 rufen. Die Person nicht allein lassen, weitere Medikamente und Waffen sichern, ruhig und ohne Vorwürfe sprechen. Keine Geheimhaltung versprechen. Nach der körperlichen Stabilisierung ist eine qualifizierte kinder- und jugendpsychiatrische beziehungsweise psychosoziale Beurteilung nötig.
Eine Vergiftung in suizidaler Absicht ist kein „Aufmerksamkeitssuchen“, sondern ein medizinischer und psychischer Notfall. Das Thema wird im eigenen Artikel zur Suizidalität vertieft.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Sofortmaßnahmen Abschnitt 1–10 · 10
- 2. Grundlagen Abschnitt 11–16 · 6
- 3. Medikamente und Genussmittel Abschnitt 17–28 · 12
- 4. Haushaltschemikalien, Pflanzen und Gase Abschnitt 29–39 · 11
- 5. Verätzungen und Knopfzellen Abschnitt 40–48 · 9
- 6. Weitere Quellen und Sonderfälle Abschnitt 49–55 · 7
- 7. Im Krankenhaus Abschnitt 56–61 · 6
- 8. Vorbeugen Abschnitt 62–65 · 4
- 9. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 66–74 · 9
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