Warnzeichen nach Alter
Ein Dreijähriger zeigt seelische Not anders als eine Sechzehnjährige. Was in welchem Alter auffällt – und warum Bauchweh und Kopfschmerzen so oft der erste Hinweis sind.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
26 Warum Warnzeichen vom Alter abhängen
Es gibt keine Liste von Warnzeichen, die für ein Vierjähriges und ein Siebzehnjähriges gleichermaßen gilt. Der Grund ist einfach: Ein Kind drückt seelische Not mit den Mitteln aus, die ihm entwicklungsbedingt zur Verfügung stehen. Ein Vorschulkind hat für „ich habe Angst vor morgen" noch keine Worte, wohl aber ein Verhalten. Ein Jugendlicher hat die Worte, verwendet sie aber häufig nicht — jedenfalls nicht gegenüber den Eltern.
Zwei Muster kehren dabei über alle ausgewerteten Länder hinweg wieder. Erstens: Je jünger das Kind, desto körperlicher und verhaltensbezogener der Ausdruck. Zweitens: Die Geschlechterverteilung kehrt sich im Lauf der Entwicklung um. Im Vorschulalter sind Buben deutlich häufiger auffällig, im Jugendalter berichten Mädchen fast jeden Symptomwert häufiger. Das ist kein Datenfehler, sondern ein realer Wechsel — und es erklärt, warum sich Elternratgeber je nach Altersgruppe zu widersprechen scheinen.
Für die folgenden Abschnitte gilt eine gemeinsame Regel, die die amerikanische Gesundheitsbehörde NIMH so formuliert: Entscheidend ist nicht das einzelne Zeichen, sondern ob es neu ist oder in letzter Zeit zugenommen hat. Ein Kind, das immer schon zurückhaltend war, ist nicht deshalb auffällig. Ein Kind, das seit sechs Wochen nicht mehr zurückhaltend, sondern verschwunden ist, sehr wohl.
27 Kleinkind- und Vorschulalter: Verhalten statt Traurigkeit
Für Kinder von 3 bis 6 Jahren liegt eine französische nationale Erhebung mit über 2.600 Kindern vor. Sie fand bei 8,3 Prozent mindestens eine wahrscheinliche psychische Schwierigkeit mit Auswirkung auf den Alltag. Aufgeschlüsselt: oppositionelle Schwierigkeiten 5,9 Prozent, Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsprobleme 1,9 Prozent, emotionale Schwierigkeiten 1,8 Prozent.
Die Reihenfolge ist die eigentliche Botschaft. In diesem Alter zeigt sich Belastung dreimal so oft über Trotz, Opposition und Unruhe wie über Traurigkeit oder Angst. Wer nur auf ein „stilles" Kind achtet, übersieht die häufigere Form.
Und die Geschlechterverteilung ist genau umgekehrt zu jener im Jugendalter: Buben zeigten mit 11,3 Prozent mehr als doppelt so häufig alltagsrelevante Schwierigkeiten wie Mädchen mit 5,2 Prozent.
Diese Prozentwerte sind französisch und nicht direkt auf Österreich übertragbar; die Altersabhängigkeit des Ausdrucksmusters ist es. Für Österreich gilt hier eine besondere Einschränkung: Der Rechnungshof hält ausdrücklich fest, dass es für unter Zehnjährige „kaum Daten" gibt. Wir wissen für Österreich schlicht nicht, wie häufig seelische Belastung im Vorschulalter ist.
Praktisch heißt das: Anhaltender, deutlich über das Übliche hinausgehender Trotz, ausgeprägte Unruhe, ein starker Rückschritt in der Entwicklung oder plötzlich auftretende Trennungsangst gehören beim Kinderarzttermin angesprochen — nicht als Diagnose, sondern als Beobachtung.
28 Die frühesten Auffälligkeiten betreffen die Entwicklung
Ein Punkt, der im Vorschulalter besonders oft verwechselt wird: Was in den ersten Lebensjahren auffällt, ist in aller Regel keine psychiatrische Erkrankung im engeren Sinn, sondern eine Entwicklungsstörung.
Die italienische Fachgesellschaft SINPIA benennt die Gruppen ausdrücklich: Autismus-Spektrum-Störungen, Sprach- und Lernstörungen, ADHS und Epilepsie zeigen sich früh. Störungen wie Depression oder Schizophrenie treten dagegen typischerweise erst in der Adoleszenz auf. Die italienischen Häufigkeitsangaben lauten: knapp 2 von 100 Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung, 5 von 100 mit einer Sprach- oder Lernstörung, 5 von 100 mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, 1 von 100 mit Epilepsie, 2 von 100 mit anderen neurologischen Störungen. Diese sind italienisch; die deutschsprachige Begriffsabgrenzung ist enger als die italienische, weshalb die Zahlen nicht eins zu eins übernehmbar sind.
Warum die Zuordnung wichtig ist: Sie entscheidet über den Behandlungsweg. Ein Kind mit einer Sprachentwicklungsstörung braucht Logopädie und Frühförderung, kein psychotherapeutisches Gespräch über seine Gefühle. Ein Kind mit einer beginnenden Angststörung braucht das Gegenteil. Und beides zeigt sich im Alltag zunächst ähnlich: als ein Kind, das im Kindergarten nicht mitkommt.
29 Volksschulalter: jedes achte Kind
Für Kinder von 6 bis 11 Jahren liefert dieselbe französische Studienreihe die derzeit einzige nationale europäische Zahl: 13,0 Prozent ( 12,1 bis 14,0) zeigen eine wahrscheinliche psychische Störung. Aufgeschlüsselt in drei Gruppen:
- Oppositionelle Störung: 6,6 Prozent
- Emotionale Störung, also Angst und Traurigkeit: 5,6 Prozent
- ADHS: 3,2 Prozent
Zu dieser Studie gehört ein ausdrücklicher Vorbehalt: Stichprobengröße und die eingesetzten Fragebogeninstrumente waren auf der abgerufenen Quelle nicht angegeben und ließen sich nicht verifizieren. Die Größenordnung „etwa jedes achte Volksschulkind" ist trotzdem die beste verfügbare europäische Schätzung für dieses Alter.
Die Geschlechterverteilung beginnt sich in diesem Alter zu drehen: Emotionale Störungen sind bereits häufiger bei Mädchen, Verhaltensstörungen weiterhin häufiger bei Burschen.
Für Eltern ist das entscheidende Wort in diesem Abschnitt „wahrscheinlich". Es handelt sich nicht um gestellte Diagnosen, sondern um Auffälligkeiten oberhalb einer Schwelle. Trotzdem gilt: Auffälligkeiten in diesem Alter sind ein Grund für eine Abklärung und kein Grund zum Abwarten. Anders als im Kleinkindalter, wo vieles noch Reifung ist, hat ein Volksschulkind mit anhaltenden Schwierigkeiten in Schule, Freundschaften oder Stimmung ein Problem, das sich selten von selbst löst.
30 Im Volksschulalter ist Depression bereits das häufigste innere Problem
Die spanische Emo-Child-Studie hat 5.652 Schülerinnen und Schüler von 9 bis 16 Jahren selbst befragt — nicht deren Eltern oder Lehrkräfte. Für die Altersgruppe von 9 bis 12 Jahren zeigt sie ein bemerkenswertes Bild.
Klinisch bedeutsame Werte fanden sich bei 5 Prozent für Depression und bei jeweils 4 Prozent für Angst, soziale Angst, Somatisierung und posttraumatische Belastung. Das Risikoband, also das Vorfeld unterhalb der klinischen Schwelle, lag bei 9 bis 12 Prozent.
Depression steht damit schon bei Neun- bis Zwölfjährigen an der Spitze der sogenannten internalisierenden Probleme — jener Schwierigkeiten also, die nach innen gerichtet sind und deshalb im Alltag am leichtesten übersehen werden. Ein Kind, das aufsteht, in die Schule geht, funktioniert und dabei über Wochen keine Freude mehr empfindet, fällt niemandem auf. Ein Kind, das den Unterricht stört, fällt sofort auf.
Zugleich zeigt derselbe Datensatz, dass alle nach innen gerichteten Probleme — Angst, Depression, körperliche Beschwerden ohne Befund, geringer Selbstwert — bei Mädchen häufiger sind, während Aggression, Hyperaktivität und Substanzkonsum bei Burschen häufiger sind. Die spanischen Prozentwerte sind nicht auf Österreich übertragbar; das Muster ist es.
31 Mobbing ist ein Volksschul- und Unterstufenthema
Anders als die meisten Belastungsindikatoren nimmt Mobbing mit dem Alter nicht zu, sondern ab. Die italienische HBSC-Erhebung 2022 fand Mobbing und Cybermobbing bei rund 20 Prozent der Elfjährigen, rund 15 Prozent der Dreizehnjährigen und weniger als 10 Prozent der Fünfzehn- und Siebzehnjährigen. Das Phänomen ist laut Quelle bei beiden Geschlechtern etwa gleich verbreitet.
Dazu gehört eine ausdrückliche Zahlenwarnung: In Sekundärberichten kursiert eine Aufschlüsselung von „17 Prozent Mädchen gegenüber 13 Prozent Burschen" beim Cybermobbing. Diese Aufschlüsselung steht im Widerspruch zur Formulierung der Primärquelle und ließ sich dort nicht auffinden — sie ist nicht verifiziert und wird hier nicht als Befund geführt.
Warum Mobbing hier steht und nicht in einem Kapitel über Schule: weil es ein benannter Risikofaktor für Selbstverletzung und Suizidalität ist. Die französische Leitlinie führt Mobbing ausdrücklich unter den Risikofaktoren für Suizidalität im Kindesalter. In Brasilien hatten 69,2 Prozent der Jugendlichen mit Selbstverletzungen Mobbing erlebt. Eine portugiesische Auswertung der HBSC-Daten fand, dass sowohl die Opfer- als auch die Täterrolle bei Mobbing und Cybermobbing signifikant mit Selbstverletzung zusammenhängt — bei beiden Geschlechtern. werden dort nicht angegeben, nur die statistische Absicherung.
Wichtig für Eltern: Dass die Schule „nichts weiß", bedeutet nicht, dass nichts passiert. In der japanischen Vollerhebung war ein gutes Drittel der schwersten Mobbingfälle vor der Eskalation überhaupt nicht als Mobbing registriert worden.
32 Frühe Jugend: die drei Alltagsbeschwerden
Für Kinder von etwa 11 bis 14 Jahren erhebt die französische Schulbefragung EnCLASS keine Depression, sondern drei Alltagsbeschwerden: Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und Nervosität — jeweils häufiger als einmal pro Woche und seit mindestens sechs Monaten.
Mindestens eine dieser drei Beschwerden berichteten 45,1 Prozent der Befragten (Mädchen 59,9 Prozent, Burschen 30,5 Prozent). Im Einzelnen: Nervosität 32,1 Prozent (45,6 gegenüber 20,3 Prozent), Reizbarkeit 29,4 Prozent (40,3 gegenüber 18,7 Prozent), Niedergeschlagenheit 21,2 Prozent (30,1 gegenüber 12,6 Prozent). Zum Vergleich: 2022 lag der Gesamtwert bei 48,7 Prozent, 2010 bei 33,9 Prozent.
Der aufschlussreichste Befund ist der Verlauf innerhalb der Altersgruppe. Niedergeschlagenheit steigt von 18,9 Prozent in der ersten auf 24,2 Prozent in der vierten Klasse der Unterstufe — und dieser Anstieg findet sich ausschließlich bei den Mädchen. In der vierten Unterstufenklasse berichten 37,9 Prozent der Mädchen und 10,8 Prozent der Burschen Niedergeschlagenheit. Die Geschlechterschere öffnet sich also nicht langsam, sondern genau in diesen Jahren.
Die Prozentwerte gehören zum französischen Schulsystem. Übertragbar sind die Symptomtrias und die Zeitregel: Wenn eines dieser drei Zeichen häufiger als wöchentlich auftritt und das seit einem halben Jahr, ist die Grenze zur Normvariante überschritten.
33 Frühe Jugend: Einsamkeit
Einsamkeit ist zahlenmäßig ein größeres Alltagsphänomen als Mobbing — und wird von Kindern fast nie von selbst erzählt.
Die europaweite HBSC-Erhebung fand, dass 16 Prozent der Jugendlichen sich im vergangenen Jahr meistens oder immer allein gefühlt haben. Zwischen 11 und 15 Jahren verdoppelt sich der Anteil nahezu: von 8 Prozent (Burschen) und 14 Prozent (Mädchen) auf 13 beziehungsweise 28 Prozent.
Die italienische HBSC-Erhebung, die dieselbe Frage stellt, kommt für Mädchen auf 16 Prozent mit elf, 27 Prozent mit dreizehn und 26 Prozent mit fünfzehn Jahren; für Burschen auf 8, 10 und 11 Prozent. In Frankreich sank das Einsamkeitsgefühl zuletzt sogar — von 20,6 auf 15,4 Prozent in der Unterstufe und von 26,9 auf 19,5 Prozent in der Oberstufe. Auch hier zeigt sich ein sozialer Gradient: Bei dreizehnjährigen italienischen Mädchen lag der Anteil in der niedrigsten Wohlstandsgruppe bei 30 Prozent, in der höchsten bei 22 Prozent.
Warum das zählt: Ein spanischer Bericht dokumentiert, dass bei jungen Menschen, die sich einsam fühlen, 77,8 Prozent Angst- oder Depressionsprobleme angeben — gegenüber 34,8 Prozent bei nicht einsamen. Selbstverletzende Gedanken und Handlungen sind bei ihnen zweieinhalb- bis dreimal so häufig. Diese spanischen Werte sind Sekundärzitate; die Primärarbeiten wurden nicht eingesehen. Der Zusammenhang selbst ist aber in mehreren Quellen belegt.
34 Der Sprung beim Schulwechsel
Der Übertritt von der Volksschule in die Sekundarstufe ist in mehreren Ländern der Punkt, an dem die Kurven nach oben knicken.
In Japan wurden mehr als 31.000 Kinder der 5. und der 8. Schulstufe mit demselben Instrument untersucht. In der 5. Schulstufe fielen 14 Prozent in die depressive Gruppe (Buben 13, Mädchen 14 Prozent), in der 8. Schulstufe 23 Prozent (Burschen 20, Mädchen 25 Prozent). Der Anteil hat sich also innerhalb von drei Schuljahren fast verdoppelt.
In Korea liegt die aktuelle psychischer Störungen bei Kindern von 6 bis 11 Jahren bei 4,7 Prozent und bei Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren bei 9,5 Prozent. Auch dort also eine Verdopplung, gemessen mit einem klinischen Interview.
In China steigen die Screeningwerte für depressive Symptome von 19,4 Prozent in der Volksschulzeit über 21,9 Prozent in der Mittelstufe auf 26,2 Prozent in der Oberstufe und 28,1 Prozent in der berufsbildenden Oberstufe. Hier gilt allerdings ein klarer Vorbehalt: Der chinesische Verlauf ist wesentlich durch die zentralen Aufnahmeprüfungen 中考 und 高考 geprägt, die über den weiteren Lebensweg in einer Schärfe entscheiden, die die österreichische Matura nicht hat. Prävalenzen aus chinesischen Abschlussklassen sind nicht auf Österreich übertragbar. Der Mechanismus — Belastung kulminiert an Übergängen und unter Prüfungsdruck — ist es.
Praktisch bedeutet das: Die Monate nach einem Schulwechsel und die Zeit vor wichtigen Prüfungen sind die Phasen, in denen genaueres Hinsehen sich am ehesten auszahlt.
35 Jugendalter: die häufigsten Symptome sind nicht Traurigkeit
Wenn Oberstufenschülerinnen und -schüler gefragt werden, welche Depressionssymptome sie erleben, steht Traurigkeit nicht an erster Stelle. Die französische Erhebung EnCLASS 2024 listet in dieser Reihenfolge:
- Energiemangel: 57,9 Prozent
- Konzentrationsschwierigkeiten: 44,2 Prozent
- Gefühl der Entmutigung: 42,0 Prozent
- Schlafprobleme: 38,9 Prozent
- Von Traurigkeit überwältigt sein: 35,2 Prozent
Die vier häufigsten Symptome sind also genau jene, die im Alltag am zuverlässigsten falsch gedeutet werden. Ein Jugendlicher ohne Energie gilt als faul. Ein Jugendlicher, der sich nicht konzentrieren kann, gilt als unmotiviert. Ein Jugendlicher, der spät ins Bett geht und schwer aufsteht, gilt als typisch pubertär. Genau darin liegt das Problem: Die häufigsten Zeichen einer beginnenden Depression sehen aus wie Charakterfehler.
Aus derselben Erhebung stammt eine Zahl, die man nicht überlesen sollte: Mehr als jede fünfte Oberstufenschülerin (21,4 Prozent) gab an, den Wunsch zu sterben verspürt zu haben, gegenüber 11,9 Prozent der Burschen.
Diese Werte sind französisch und beziehen sich auf ein Schulsystem mit einem Durchschnittsalter von 16,9 Jahren in der Oberstufe. Was übertragbar ist: Fragen Sie nicht nur nach Traurigkeit. Fragen Sie nach Energie, Konzentration und Schlaf.
36 Reizbarkeit ist Depression, nicht ihr Gegenteil
Die französische Leitlinie zur Jugenddepression hält einen Punkt fest, der in Elterngesprächen regelmäßig für Erleichterung sorgt: Bei Jugendlichen zeigt sich die Depression anders als bei Erwachsenen — über Verhalten und über den Körper, häufig über Reizbarkeit und Aggressivität.
Das läuft der Alltagsvorstellung zuwider. Wer eine Depression erwartet, erwartet ein stilles, weinendes, zurückgezogenes Kind. Ein Jugendlicher, der türenschlagend aus dem Zimmer stürmt, jeden Satz als Angriff auffasst und bei Kleinigkeiten explodiert, wirkt nicht depressiv, sondern schwierig. Er kann beides sein.
Genau daraus entsteht die häufigste Fehldeutung: Reizbarkeit und Aggression werden als Erziehungsproblem behandelt, nicht als mögliches Symptom. Die Leitlinie nennt das ausdrücklich als Grund, warum die Abgrenzung zur „Pubertätskrise" so schwer fällt — und sie hält fest, dass kein einzelnes Symptom beweisend ist.
Dasselbe gilt geschlechtsbezogen. Über mehrere Länderberichte hinweg zeigt sich Belastung bei Burschen häufiger als Reizbarkeit, Aggression und Leistungsabfall statt als berichtete Traurigkeit. Wenn Sie also die Statistiken lesen, in denen Mädchen bei fast jedem Symptomwert höher liegen, lesen Sie mit: Ein Teil dieses Unterschieds ist ein Unterschied im Ausdruck, nicht unbedingt im Leiden.
Die Kombination, auf die es ankommt, ist: neu aufgetretene Reizbarkeit plus Rückzug plus veränderter Schlaf plus Leistungsabfall, über Wochen. Nicht ein schlechter Tag.
37 Sozialer Rückzug — und was Eltern davon mitbekommen
Die italienische Schülerbefragung ESPAD®Italia 2024 mit 20.201 Fragebögen von 15- bis 19-Jährigen widmet dem freiwilligen sozialen Rückzug ein eigenes Kapitel. Der wichtigste Befund für Eltern betrifft nicht die Häufigkeit, sondern die elterliche Wahrnehmung.
Von den Jugendlichen, die sich zurückgezogen hatten, gaben an: 23 Prozent, dass die Eltern von der Rückzugsphase überhaupt nichts erfahren haben. 21 Prozent, dass die Eltern es hinnahmen, ohne besondere Fragen zu stellen. 10 Prozent, dass die Eltern es nicht bemerkt haben. Nur 11 Prozent berichteten, dass die Eltern besorgt waren und ärztliche Hilfe suchten.
Rechnet man zusammen, hat also mehr als die Hälfte der Eltern entweder nichts mitbekommen oder nicht nachgefragt.
Die Gründe für den Rückzug nannten die Jugendlichen selbst: 32 Prozent bevorzugen Tätigkeiten allein; 27 Prozent fühlen sich von Freunden oder Bekannten ausgeschlossen oder nicht verstanden, deutlich häufiger die Mädchen (35 gegenüber 17 Prozent); 19 Prozent haben kein Interesse am Kontakt, häufiger die Burschen (23 gegenüber 15 Prozent); 18 Prozent sagen, Kontakt mache ihnen Angst, vor allem die Mädchen (26 gegenüber 11 Prozent); 13 Prozent haben fast keine engen Freunde; 12 Prozent sagen von sich, sie seien allein.
Daraus folgt eine praktische Empfehlung: Die Frage „Wann warst du zuletzt mit jemandem verabredet?" liefert mehr Information als „Wie geht es dir?". Die erste Frage lässt sich schwer mit „passt schon" beantworten.
38 Körperliche Beschwerden als Ausdruck seelischer Not
Der zuverlässigste Alltagsindikator für seelische Belastung im Jugendalter ist nicht die Stimmung, sondern der Körper.
Die stärkste Zahl dazu stammt aus einer landesweiten japanischen Untersuchung an 2.268 zufällig ausgewählten Kindern von 10 bis 15 Jahren. Sie fand einen dosisabhängigen Zusammenhang zwischen der Anzahl wiederkehrender Körperbeschwerden — erfasst wurden unter anderem Kopfschmerz, Bauchschmerz, Rückenschmerz und Schwindel — und depressiven Symptomen. Bei vier verschiedenen Beschwerden erreichte das Risiko das 16,4-Fache gegenüber Kindern ohne solche Beschwerden. Die Quelle gibt nicht an, ob es sich um ein oder ein handelt; wir führen es deshalb schlicht als „Vielfaches". Umgekehrt gilt: Rund 86 Prozent der Kinder mit depressiven Symptomen erlebten mindestens einmal monatlich irgendein Körpersymptom.
Die italienische HBSC-Erhebung stützt das mit Bevölkerungszahlen. Sie erfasst acht Beschwerden — Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Nervosität, Einschlafstörungen, Schwindel — und zählt als belastet, wer mindestens zwei davon häufiger als einmal pro Woche berichtet. 2022 traf das auf 60 Prozent der elfjährigen, 79 Prozent der dreizehnjährigen und 85 Prozent der fünfzehnjährigen Mädchen zu; bei den Burschen auf 45, 48 und 52 Prozent. Gegenüber 2018 ist das bei den Mädchen ein Anstieg um bis zu 15 .
In Portugal stiegen im selben Zeitraum Rückenschmerzen von 8,6 auf 12,2 Prozent und Kopfschmerzen von 5,3 auf 8 Prozent — parallel zu Nervosität, Gereiztheit, Traurigkeit und Angst.
Ein wiederkehrender Bauch- oder Kopfschmerz ohne Befund ist also keine Einbildung und kein Vorwand. Er ist ein Symptom, das eine Abklärung verdient — körperlich und seelisch.
Anzeichen, die zusammen etwas bedeuten
Kein einzelnes dieser Zeichen beweist etwas – die meisten haben viele harmlose Erklärungen. Aussagekräftig wird erst die Häufung, besonders wenn sie neu ist. Haken Sie ab, was in den letzten vier Wochen aufgefallen ist.
39 Wenn ein Kind morgens nicht kann
Japan erhebt jährlich vollständig, wie viele Kinder dem Unterricht dauerhaft fernbleiben. Als 不登校 gilt, wer im Schuljahr an mindestens 30 Tagen aus anderen Gründen als Krankheit oder wirtschaftlicher Not fehlt. Im Schuljahr 2024/25 waren es an Grund- und Mittelschulen 353.970 Kinder — jedes 26. Kind.
Diese amtliche Kategorie mit gesetzlicher Definition und jährlicher Vollerhebung gibt es in Österreich nicht, und die Zahl selbst ist deshalb nicht übertragbar. Übertragbar ist, was die Schulen als Sachverhalt hinter dem Fernbleiben feststellten. Von den 353.970 Kindern gab es:
- bei 30,1 Prozent Gespräche über fehlenden Antrieb im Schulleben
- bei 25,0 Prozent Gespräche über einen gestörten Tagesrhythmus
- bei 24,3 Prozent Gespräche über Angst oder Niedergeschlagenheit
- bei 15,6 Prozent schwache Leistungen oder häufig fehlende Hausübungen
- bei 13,2 Prozent Probleme in Freundschaften außerhalb von Mobbing
- bei 12,6 Prozent Fragen der Eltern-Kind-Beziehung
- bei 1,4 Prozent Mobbing als Opfer
Ganz oben stehen also innere Zustände, nicht Konflikte. Mobbing wird nur bei 1,4 Prozent dokumentiert — was allerdings auch daran liegen kann, dass die Schulen selbst die Berichte verfassen.
Für Eltern ist der Schluss eindeutig: Wenn ein Kind morgens nicht in die Schule kann, steckt statistisch häufiger ein Angst-, Schlaf- oder Stimmungsproblem dahinter als ein Motivations- oder Disziplinproblem. Das gehört ärztlich abgeklärt, nicht diszipliniert.
Und noch eine japanische Zahl, weil sie eine verbreitete Beruhigung entkräftet: 38,3 Prozent der schulvermeidenden Kinder erhielten keinerlei fachliche Beratung, obwohl 89 Prozent von ihnen regelmäßig Kontakt zur Klassenlehrkraft hatten. Kontakt zur Klassenvorständin ersetzt keine fachliche Abklärung.
40 Schlaf: das früheste und am leichtesten prüfbare Zeichen
Von allen Warnzeichen ist der Schlaf das, das Sie ohne Fragebogen und ohne Termin überprüfen können — und das mit der stärksten Datenlage.
In einer chinesischen über 28 Studien mit 159.249 Jugendlichen war Schlafmangel der mit Abstand stärkste Einzelfaktor für depressive Symptome: 4,81. Zum Vergleich, aus derselben Analyse: familiäre Konflikte 2,63, hoher Leistungsdruck 1,83, Bildschirmzeit ab zwei Stunden täglich 1,50, weibliches Geschlecht 1,48. Ein Odds Ratio von 4,81 bedeutet: Unter Jugendlichen mit Schlafmangel sind depressive Symptome um ein Mehrfaches häufiger als unter ausreichend schlafenden. Es bedeutet nicht, dass Schlafmangel die Ursache ist — der Zusammenhang wirkt in beide Richtungen, denn eine Depression stört den Schlaf ebenso, wie Schlafmangel die Stimmung drückt.
Wie weit die Wirklichkeit von der Empfehlung entfernt sein kann, zeigen die koreanischen Zahlen: 6,6 Stunden durchschnittliche Schlafdauer werktags bei Burschen und 5,9 Stunden bei Mädchen, gegenüber einer für Jugendliche empfohlenen Spanne von acht bis zehn Stunden. Nur 28,3 Prozent der Burschen und 16,9 Prozent der Mädchen fühlten sich ausreichend ausgeschlafen. Diese extreme Kürze ist allerdings wesentlich durch das koreanische private Nachhilfesystem mit Unterricht bis in die Nacht und die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung getrieben — eine Ursache, die es in Österreich nicht gibt. Der Mechanismus Schlafmangel und Depressivität gilt trotzdem, in Österreich meist mediengetrieben.
Für Österreich liegen eigene Zahlen vor: Im Screening von 2022 erreichten 34 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Burschen die Schwelle für eine Insomnie.
Das Warnzeichen selbst ist einfach: eine deutliche, anhaltende Veränderung des Schlafmusters — deutlich weniger oder deutlich mehr Schlaf als bisher.
41 Zwei Fragen, die mehr verraten als „Wie geht es dir?"
Es gibt zwei Fragen, für die es Zahlen gibt — und beide sind unverfänglicher, als sie klingen.
Die erste lautet: „Freust du dich darauf, deine Freundinnen und Freunde in der Schule zu sehen?" In der japanischen Auswertung von mehr als 31.000 Kindern war das der auffälligste Zusammenhang der ganzen Erhebung. Von den Kindern, die sich freuten, fielen 9 Prozent (5. Schulstufe) beziehungsweise 14 Prozent (8. Schulstufe) in die depressive Gruppe. Von jenen, die sich nicht freuten, waren es 63 beziehungsweise 75 Prozent. Für die Beziehung zur Lehrkraft war der Unterschied schwächer, aber vorhanden: 8 und 13 Prozent gegenüber 29 und 36 Prozent. Es handelt sich um Anteilsvergleiche, nicht um berechnete — die Größenordnung bleibt bemerkenswert.
Die zweite Frage betrifft Verabredungen: „Wann warst du zuletzt mit jemandem verabredet?" Sie stammt aus der Auswertung der italienischen Rückzugsdaten und ist deshalb nützlich, weil sie eine konkrete Antwort verlangt.
Ein drittes, stilles Signal sollten Sie mitlesen: der Griff zu Mitteln. Die italienische HBSC-Erhebung fragt, ob im letzten Monat Medikamente gegen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Einschlafstörungen oder Nervosität eingenommen wurden. 2022 bejahten das 61, 70 und 76 Prozent der elf-, dreizehn- und fünfzehnjährigen Mädchen und rund 53 bis 56 Prozent der Burschen. Und in Portugal sank der Anteil derer, die solche Mittel mit ärztlicher Verordnung einnahmen, zwischen 2018 und 2022 von 73,8 auf 60,3 Prozent — der Anteil ohne Verordnung stieg also von 26,2 auf 39,7 Prozent.
Wenn ein Kind regelmäßig zu Schmerz- oder Schlafmitteln greift, ist das ein sichtbares Signal in einem sonst unsichtbaren Geschehen.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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