Essstörungen
Die seelische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit im Jugendalter – und diejenige, bei der frühes Erkennen den größten Unterschied macht.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
106 Essstörungen beginnen früher, als die meisten Eltern erwarten
Wenn Eltern an Essstörungen denken, denken sie meist an sechzehn- oder siebzehnjährige Mädchen. Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Eine internationale aus 192 epidemiologischen Studien mit insgesamt 708.561 Personen hat für Essstörungen einen Gipfel des Ersterkrankungsalters bei 15,5 Jahren ermittelt, mit einem Median von 18 Jahren. Rund die Hälfte aller Essstörungen, genau 48,1 Prozent, beginnt vor der Volljährigkeit, 82,4 Prozent vor dem 25. Geburtstag.
Der Beginn der ersten Symptome liegt noch deutlich früher als die Diagnose. Eine Übersichtsarbeit der spanischen Kinderärztezeitschrift Anales de Pediatría aus dem Jahr 2025 nennt ein mittleres Alter bei Symptombeginn von 12,5 Jahren. Die italienische Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie beschreibt eine Vorverlagerung: Betroffen seien Mädchen vor allem zwischen elf, zwölf und fünfzehn Jahren, in einzelnen Fällen auch früher, bis hinunter zu acht oder neun Jahren.
Daneben steht eine ältere französische Angabe, die etwas anderes sagt: Das Institut Inserm beschreibt für die Magersucht einen Beginn „meist zwischen 14 und 17 Jahren" mit einem gipfel bei sechzehn. Beide Angaben stehen nebeneinander. Der Unterschied liegt teils in der Erhebungsart, teils darin, dass die französische Zahlengrundlage für Jugendliche aus einer Studie von 2008 stammt und damit deutlich älter ist als das übrige Material.
Für Eltern heißt das: Die Aufmerksamkeit gehört in die frühe Pubertät, nicht erst in die Oberstufe.
107 Zwei Zahlen, die dreihundertmal auseinanderliegen
Kaum ein Thema in diesem Ratgeber zeigt so deutlich, warum man Zahlen ohne ihre Erhebungsart nicht lesen darf.
Die Weltgesundheitsorganisation gibt für diagnostizierte Essstörungen an: 0,1 Prozent der 10- bis 14-Jährigen und 0,4 Prozent der 15- bis 19-Jährigen. Eine aus 32 Studien mit 63.181 Teilnehmenden aus 16 Ländern kommt dagegen auf 22,36 Prozent — knapp ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren. Bei Mädchen liegt der Wert bei 30,03 Prozent, bei Burschen bei 16,98 Prozent.
Beide Zahlen sind richtig, und sie messen Verschiedenes. Die WHO zählt gestellte Diagnosen. Die Metaanalyse zählt Kinder, die in einem kurzen Fragebogen mindestens zwei von fünf Fragen zum Essverhalten auffällig beantwortet haben. Das ist ein Suchverfahren, kein Befund. Der Abstand zwischen diesen beiden Größen ist der größte in der gesamten Quellenlage dieses Ratgebers.
Dazwischen liegt ein Bereich, den man das Risikoband nennen kann. Die spanische Schulstudie Emo-Child mit 5.652 Schülerinnen und Schülern von 9 bis 16 Jahren aus 108 Schulen fand bei 4 Prozent der Jugendlichen klinisch bedeutsame Essstörungssymptome — und bei 13 Prozent Werte im Vorfeld, bei Mädchen sogar bei 19 Prozent. Fast jedes fünfte Mädchen liegt also in einem Bereich, in dem sich noch nichts entschieden hat.
Die einzige diagnosebasierte nationale Erhebung aus Südkorea weist für die Gruppe der Ess- und Ausscheidungsstörungen zusammen eine Lebenszeitprävalenz von 1,7 Prozent aus, bei 6.275 untersuchten Kindern und Jugendlichen.
Für Österreich existieren keine eigenen zahlen zu Essstörungen. Der Rechnungshof hält lediglich fest, dass es „Hinweise auf einen Anstieg etwa bei Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten" gab. Mehr gibt die Datenlage für dieses Land nicht her.
108 Die Formen und was sie unterscheidet
Der Begriff Essstörung umfasst mehrere Krankheitsbilder, die unterschiedlich häufig sind und unterschiedlich aussehen.
Die Magersucht, fachlich Anorexia nervosa, ist im Jugendalter die häufigste Form. Die italienische Fachgesellschaft beziffert ihren Anteil an allen Ess- und Ernährungsstörungen in der Adoleszenz auf etwa 60 Prozent. Die europäischen Lebenszeitprävalenzen liegen laut der spanischen Übersicht bei Frauen zwischen 1 und 4 Prozent, bei Männern zwischen 0,3 und 0,7 Prozent. Das brasilianische Fortbildungsmaterial des Instituto Fernandes Figueira nennt für die Anorexie eine durchschnittliche von 0,5 Prozent in der Allgemeinbevölkerung und ein Verhältnis Frauen zu Männern von zehn zu eins.
Die Bulimie, die Ess-Brech-Sucht, liegt in Europa bei Frauen bei 1 bis 2 Prozent. Sie ist für Eltern die schwerer erkennbare Form, weil sie in aller Regel bei normalem Körpergewicht verläuft — dazu mehr im Abschnitt 113. Etwa 30 Prozent der Betroffenen haben eine Magersucht in der Vorgeschichte.
Die Binge-Eating-Störung, gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle ohne gegensteuerndes Verhalten, liegt in Europa bei 1 bis 4 Prozent.
Eine Angabe, die derzeit in Medien kursiert, gehört ausdrücklich nicht hierher: Die Zahl, wonach die vermeidend-restriktive Essstörung ARFID 5 bis 14 Prozent der Kinder betreffe, ist in den Quellen dieses Ratgebers als nicht verifiziert gekennzeichnet. Sie stammt aus einem Pressespiegel, nicht aus einem Fachdokument.
109 Kein reines Mädchenthema mehr
Die Vorstellung, Essstörungen seien eine Erkrankung von Mädchen, stimmt in den Häufigkeiten weiterhin — in der Entwicklung über die Zeit aber nicht.
Eine chinesische Auswertung der weltweiten Krankheitslastdaten für die Jahre 1990 bis 2019 hat die Entwicklung bei 10- bis 24-Jährigen getrennt nach Geschlecht berechnet. Die Neuerkrankungsrate stieg im Beobachtungszeitraum von 278,93 auf 422,27 je 100.000, die von 122,63 auf 198,80 je 100.000. Der prozentuale Anstieg fiel bei den Burschen durchgehend stärker aus als bei den Mädchen: 54,97 Prozent gegenüber 44,26 Prozent bei der Neuerkrankungsrate, 68,88 gegenüber 64,48 Prozent bei der Prävalenz. Die höchste Neuerkrankungsrate lag in der Altersgruppe 15 bis 19 Jahre. Die Autorinnen und Autoren nennen Burschen und die 15- bis 19-Jährigen ausdrücklich als vorrangige Zielgruppe der Vorbeugung.
Diese Zahlen sind chinesische Absolutraten und nicht auf Österreich übertragbar. Übertragbar ist die Richtung: Wer bei einem Burschen nicht an eine Essstörung denkt, übersieht die Gruppe, in der die Zahlen am schnellsten wachsen.
Zum Vergleich die deutsche Krankenhausstatistik: 2024 waren 92,9 Prozent der stationär wegen einer Essstörung behandelten Personen weiblich, 2004 waren es 88,5 Prozent. Der Männeranteil hat sich in zwanzig Jahren also von gut elf auf gut sieben Prozent verringert. Auch hier gilt: Krankenhausdaten messen, wer aufgenommen wurde, nicht, wer erkrankt ist. Dass Burschen seltener aufgenommen werden, ist kein Beleg dafür, dass sie seltener betroffen sind.
110 Was sich seit der Pandemie verändert hat
Zur Entwicklung seit 2020 liegen mehrere unabhängige Erhebungen vor, und sie zeigen dasselbe Muster: ein deutlicher Anstieg, ein teilweiser Rückgang, aber kein Rückkehr auf das Ausgangsniveau.
Ein norwegisches nationales Patientenregister verglich für den Zeitraum 2010 bis 2023 die tatsächliche mit der aus dem Vorpandemietrend erwarteten Neuerkrankungsrate. Insgesamt wurden 42.720 Personen mit einer Essstörung diagnostiziert, davon 3.636 männlich. Bei den 15- bis 19-jährigen Mädchen lag die Rate 2021 um 64,7 Prozent über dem Erwartungswert und 2023 nur noch um 10,9 Prozent darüber. Bei den 10- bis 14-jährigen Mädchen normalisierte sich der Wert dagegen nicht: 2021 lag er 60,2 Prozent, 2023 immer noch 30,5 Prozent über dem Erwarteten. Die jüngere Gruppe ist also die, bei der der Anstieg geblieben ist.
Aus Japan liegen Klinikerhebungen vor. An 26 teilnehmenden Einrichtungen stieg im Jahr 2020 die Zahl der ambulanten Erstvorstellungen wegen Magersucht auf etwa das 1,6-Fache, die Zahl der stationären Neuaufnahmen auf etwa das 1,4-Fache des Vorjahres. Eine Folgeerhebung an 30 Einrichtungen zeigte für 2021, dass die Zahlen bei Mädchen wie bei Burschen nicht zurückgingen, sondern auf hohem Niveau blieben.
In Deutschland hat sich die Zahl der stationären Fälle bei 10- bis 17-Jährigen binnen zwanzig Jahren verdoppelt: von gut 2.800 im Jahr 2004 auf knapp 6.000 im Jahr 2024. Der Anteil dieser Altersgruppe an allen wegen Essstörungen Behandelten stieg von 24,9 auf 48,1 Prozent. Die Gesamtfallzahl stieg im selben Zeitraum nur um 8,0 Prozent — die Erkrankung ist also nicht viel häufiger geworden, aber deutlich jünger.
Für Österreich fehlen vergleichbare Daten vollständig.
111 Wenn Essen zur Kontrolle wird
Der Übergang von einem wählerischen Kind zu einer Essstörung ist fließend, und genau darin liegt die Schwierigkeit. Zwei Fachgesellschaften haben Listen von Alltagsbeobachtungen veröffentlicht, die bewusst als Verhaltensbeobachtungen und nicht als medizinische Kriterien formuliert sind.
Die italienische Fachgesellschaft nennt: Das Kind isst heimlich oder versteckt Essen. Es verändert seine Essgewohnheiten, zerteilt das Essen in sehr kleine Stücke oder schiebt es auf dem Teller hin und her. Es lässt Mahlzeiten aus. Es beschäftigt sich auffallend intensiv mit der Zubereitung von Speisen und meidet ganze Lebensmittelgruppen. Es zieht sich nach den Mahlzeiten regelmäßig zurück. Stimmung und Schlaf schwanken. Die körperliche Aktivität nimmt zu.
Das brasilianische Fortbildungsmaterial ergänzt: auffälliges Interesse an Ästhetik und Kochen, das Zubereiten sehr schmackhafter Speisen für andere, ohne selbst zu essen, plötzliche Ablehnung früher gemochter Lebensmittel, häufiges Kontrollieren des eigenen Aussehens im Spiegel, wiederholtes Wiegen und Vermessen, Reizbarkeit und sozialer Rückzug besonders zu den Mahlzeiten.
Kein einzelnes dieser Zeichen bedeutet für sich genommen etwas. Entscheidend ist die Häufung und die Veränderung: Etwas, das vor drei Monaten noch nicht so war, ist jetzt so. Die italienische Fachgesellschaft nennt als Faustregel: plötzliche Veränderungen der Essgewohnheiten, eine deutlich gesteigerte körperliche Aktivität, eine erhebliche Gewichtsveränderung in die eine oder andere Richtung, sozialer Rückzug und eine starke Beschäftigung mit dem eigenen Körper — das seien Alarmglocken, die man nicht unterschätzen dürfe.
Bei einer Zwölfjährigen ist regelmäßiges Auslassen von Mahlzeiten mit Ausreden keine Übergangsphase, sondern ein Anlass für einen Termin.
112 Das Gewicht ist das schlechteste Warnzeichen
Der verbreitetste Irrtum bei Essstörungen ist, dass man sie am Gewicht erkennt. Das gilt für keine der Formen zuverlässig.
Die gemeinsame Leitlinie der französischen Gesundheitsbehörde und der Fachgesellschaft für Anorexie und Bulimie formuliert es unmissverständlich: Man müsse im Blick behalten, dass eine Person mit Bulimie meistens einen normalen Body-Mass-Index habe. Wer auf das Gewicht wartet, wartet bei dieser Form vergeblich.
Bei Kindern und Jugendlichen im Wachstum kommt ein zweiter Punkt hinzu, den das brasilianische Fortbildungsmaterial betont: Nicht der Gewichtsverlust ist das erste Alarmzeichen, sondern das Ausbleiben der erwarteten Zunahme. Ein Kind, das wächst, aber nicht mitwächst, fällt auf der Wachstumskurve nach unten. Diesen Perzentilenabfall sieht man nur, wenn regelmäßig gemessen und eingetragen wird — also in der Ordination, nicht am Küchentisch.
Das ist einer der wenigen Punkte in diesem Ratgeber, an dem eine Routineuntersuchung tatsächlich etwas leistet, das Eltern zu Hause nicht leisten können. Wenn Sie unsicher sind, ob sich etwas verändert hat, lassen Sie messen und eintragen. Der Kurvenverlauf über ein Jahr sagt mehr als jede Momentaufnahme.
Umgekehrt gilt: Ein unauffälliges Gewicht ist keine Entwarnung, und ein auffälliges Gewicht ist nicht die Bedingung dafür, sich Sorgen zu machen.
113 Dass das Kind kein Problem sieht, gehört zur Erkrankung
Eltern, die eine Essstörung vermuten und darauf angesprochen ein entschiedenes Nein bekommen, ziehen daraus oft den falschen Schluss.
Der japanische Praxisleitfaden zur Erstversorgung der Magersucht hält zwei Merkmale ausdrücklich fest: Das Problembewusstsein für die Abmagerung und den Mangelzustand ist gering. Und die Behandlung wird auch dann abgelehnt, wenn der körperliche Zustand bereits schwer ist. Beides ist kein Charakterzug und kein Trotz, sondern Teil des Krankheitsbildes.
Die italienische Fachgesellschaft beschreibt dasselbe: Essstörungen seien gekennzeichnet durch geringe Krankheitseinsicht, durch eine Unterschätzung der Schwere der Symptome und durch eine Ambivalenz gegenüber der Behandlung. Genau deshalb, so die Schlussfolgerung, müsse das Erkennen bei den Erwachsenen liegen und nicht beim Kind.
Das brasilianische Material nennt als zentrales Problem die verspätete Diagnose, weil Betroffene die Symptome verbergen oder ihre Erkrankung selbst nicht als solche erkennen. Unbehandelt dauert eine Magersucht im Mittel sechs Jahre.
Für Eltern folgt daraus eine unbequeme Konsequenz: Sie können in dieser Frage nicht auf die Zustimmung Ihres Kindes warten. Sie können und sollen Ihr Kind einbeziehen, ihm zuhören und ihm erklären, warum Sie einen Termin machen. Aber die Entscheidung, dass jemand hinschaut, treffen Sie.
114 Was in der Ordination auffällt
Neben dem, was Eltern sehen, gibt es körperliche Zeichen, die eine ärztliche Untersuchung feststellen kann. Sie sind hier nicht aufgeführt, damit Sie selbst untersuchen, sondern damit Sie wissen, worauf geschaut wird und warum ein Termin sinnvoll ist.
Die spanische Übersicht nennt als körperliche Hinweise unter anderem das Ausbleiben der Regelblutung und wiederholten Schwindel. Der japanische Leitfaden ergänzt eine verlangsamte Herzfrequenz und Zyklusstörungen bei Mädchen. Die französische Leitlinie führt Veränderungen an den Zähnen an, die manchmal zuerst in der Zahnarztordination auffallen, und Störungen des Mineralhaushalts, die sich nur im Blut zeigen.
Ein Punkt verdient besondere Erwähnung, weil er regelmäßig falsch gedeutet wird: Ein sehr niedriger Ruhepuls bei einem untergewichtigen Jugendlichen ist kein Zeichen guter Kondition. Der chinesische Expertenkonsens zur Magersucht, erarbeitet von sechzehn Fachleuten aus Psychiatrie, Ernährungsmedizin, Gastroenterologie, Endokrinologie und Gynäkologie, führt eine deutlich verlangsamte Herzfrequenz ausdrücklich unter den Kriterien, bei denen eine stationäre Aufnahme geprüft wird. Wenn Sie also von einem trainierten Kind hören, sein Puls sei „so niedrig wie bei einem Sportler", und das Kind hat gleichzeitig abgenommen, ist das ein Grund, noch am selben Tag anzurufen.
115 Wann es dringlich wird
Zwischen „ich mache in den nächsten Tagen einen Termin" und „ich rufe jetzt an" gibt es eine Grenze. Die Quellen dieses Ratgebers benennen sie über körperliche und über seelische Kriterien.
Auf der körperlichen Seite geht es um eine rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands, um Kreislaufzeichen wie wiederholte Ohnmachten oder anhaltend niedrigen Blutdruck und um Störungen der Herzfunktion. Die genauen Grenzwerte sind Sache der Ärztin oder des Arztes und stehen in diesem Ratgeber bewusst nicht — sie eignen sich nicht für die Selbsteinschätzung und wären in falschen Händen eher Zielvorgabe als Warnung.
Auf der seelischen Seite ist die Sache eindeutig: Suizidgedanken oder eine schwere depressive Symptomatik machen die Sache dringlich, unabhängig davon, wie ausgeprägt die Essstörung wirkt. Die spanische Übersicht führt beides ausdrücklich unter den Kriterien für eine dringliche Zuweisung.
Praktisch heißt das: Wenn Ihr Kind über Schwindel oder Ohnmachten klagt, wenn es plötzlich sehr müde und leistungsschwach wird, wenn es Sätze sagt wie „es hat alles keinen Sinn", oder wenn Sie den Eindruck haben, dass es sich innerhalb weniger Wochen deutlich verändert hat — dann ist das der Zeitpunkt, an dem Sie nicht auf einen Wunschtermin warten, sondern in der Ordination anrufen und sagen, dass es dringend ist. Rund um die Uhr erreichbar ist außerdem Rat auf Draht unter 147, ausdrücklich auch für Sie als Bezugsperson.
116 Warum frühe Behandlung die Aussichten deutlich verbessert
Dies ist der wichtigste Satz dieses Kapitels: Essstörungen sind behandelbar, und der Zeitpunkt entscheidet mit über den Verlauf.
Die spanische Übersicht nennt eine Genesungsrate von 60 bis 70 Prozent und hält ausdrücklich fest, dass die Aussichten bei Jugendlichen besser sind als bei Erwachsenen.
Das französische Institut Inserm beziffert den Verlauf der Magersucht genauer. Nach fünf Jahren seien zwei Drittel der Behandelten geheilt. Bei Behandlungsbeginn in der Adoleszenz gilt: 50 Prozent genesen, ein Drittel bessert sich, 21 Prozent entwickeln einen chronischen Verlauf. Das ist keine Erfolgsgarantie, und es ist auch keine kleine Restgruppe — jeder fünfte Jugendliche mit Magersucht bleibt langfristig krank. Aber es ist deutlich besser als der Verlauf ohne Behandlung, für den das brasilianische Material eine mittlere Dauer von sechs Jahren nennt.
Die praktische Folgerung ist unspektakulär und trotzdem entscheidend: Der Unterschied zwischen einem Termin im Oktober und einem Termin im März ist bei dieser Erkrankungsgruppe nicht kosmetisch. Wer früh beginnt, behandelt eine leichtere Erkrankung bei einem Kind, das körperlich noch stabiler und seelisch noch erreichbarer ist.
Es gibt in der gesamten Quellenlage dieses Ratgebers keine Angabe dazu, um wie viel genau die frühe Behandlung die Genesungsrate erhöht. Eine Zahl dieser Art wäre erfunden. Belegt ist die Richtung, nicht ihr Ausmaß.
117 Die Sterblichkeit, ehrlich benannt
Die Magersucht ist unter den psychischen Erkrankungen diejenige mit der höchsten Sterblichkeit. Diese Aussage findet sich in vier voneinander unabhängigen Quellen dieses Ratgebers — aus Spanien, Frankreich, Italien und Japan. Die Zahlenangaben dazu gehen allerdings auseinander, und sie sind nicht ineinander umrechenbar.
Die spanische Übersicht beziffert die Sterblichkeit bei Magersucht als „fast sechsmal höher" als in der Allgemeinbevölkerung. Das französische Inserm nennt 5 bis 6 Prozent Verstorbene. Das japanische Fachportal nennt eine Spanne von 6 bis 20 Prozent, allerdings mit einem ausdrücklichen Vorbehalt: Das Erhebungsjahr dieser Schätzung ist nicht eindeutig, sie geht teilweise auf eine Erhebung von 1998 zurück, und ihre Aktualität ist nicht verifiziert. Das brasilianische Material rechnet anders und nennt eine rohe Sterberate von 5 Prozent je Krankheitsjahrzehnt.
Diese vier Werte lassen sich nicht in eine Zahl zusammenführen. Eine Gesamtsterblichkeit in Prozent und eine Rate pro Krankheitsjahrzehnt sind verschiedene Größen.
Zum Anteil der Suizide an diesen Todesfällen liegen zwei Angaben vor, die einander widersprechen: Die spanische Übersicht schreibt, einer von fünf Verstorbenen mit Magersucht sterbe durch Suizid, also 20 Prozent. Das französische Inserm nennt 27 Prozent. Das brasilianische Material nennt eine Spanne von 20 bis 30 Prozent. Beide Einzelangaben sind an ihren Primärquellen geprüft. Sie werden hier nebeneinander genannt und nicht gemittelt.
Was in allen Quellen übereinstimmt: Der zweite große Todesursachenblock sind körperliche Komplikationen, vor allem am Herz-Kreislauf-System. Beides ist ein Argument dafür, körperliche und seelische Behandlung nicht zu trennen.
118 Eltern sind Ressource, nicht Ursache
Die wirksamste bekannte Behandlung bei Magersucht im Jugendalter ist die familienbasierte Therapie. Diese Aussage findet sich in drei voneinander unabhängigen Quellen dieses Ratgebers.
Die spanische Übersicht der Kinderärztezeitschrift formuliert es so: Familienbezogene Interventionen, einschließlich der familienbasierten Therapie, hätten sich als die wirksamste Behandlung erwiesen. Das brasilianische Fortbildungsmaterial nennt sie ausdrücklich die Psychotherapie der ersten Wahl bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexie und ergänzt: Medikamente allein sind nicht wirksam. Der chinesische Expertenkonsens nennt sie ebenfalls als erste Wahl — hier allerdings mit dem Vorbehalt, dass diese Angabe aus einer Zusammenfassung des Konsenses stammt und der Volltext nicht eingesehen werden konnte.
Das Verfahren dreht die verbreitete Vorstellung um, wonach Eltern sich aus dem Essensgeschehen heraushalten sollten. In der familienbasierten Therapie übernehmen die Eltern zunächst wieder die Verantwortung für die Ernährung ihres Kindes, angeleitet durch das Behandlungsteam, und geben sie im Verlauf schrittweise zurück. Die spanische Übersicht nennt dazu eine Mahlzeitenstruktur mit drei Hauptmahlzeiten sowie einer Vormittags- und einer Nachmittagsjause, in ruhiger Atmosphäre — und ausdrücklich ohne Gespräche über Gewicht, Körperbild oder Essen bei Tisch.
Eine Einschränkung gehört dazu, und sie ist nicht klein: In der gesamten Quellenlage dieses Ratgebers findet sich keine gepoolte zur familienbasierten Therapie. Der italienische Recherchebericht vermerkt ausdrücklich, dass ihm zur Wirksamkeit von kognitiver Verhaltenstherapie und familienbasierter Therapie nur Sekundärdarstellungen vorlagen und er darauf verzichtet hat, sie als Befund auszuweisen. „Am wirksamsten" heißt hier also: von mehreren Fachgesellschaften übereinstimmend so benannt, aber ohne Zahl, die sagt, wie stark.
119 Was in der Behandlung schadet
Nicht alles, was gut gemeint ist, hilft. Zwei Punkte werden in den Quellen ausdrücklich als schädlich gekennzeichnet.
Der erste betrifft Diätvorgaben. Das brasilianische Fortbildungsmaterial bezeichnet restriktive Ernährungsvorgaben in der Behandlung von Essstörungen als kontraindiziert und potenziell schädlich. Das gilt auch dann, wenn das Kind übergewichtig ist — und gerade dann ist die Versuchung groß. Zum Hintergrund: In Brasilien ist die Häufigkeit von Adipositas zwischen 2006 und 2023 von 12 auf über 24 Prozent gestiegen; die Sorge der Eltern um das Gewicht ist also nicht unbegründet. Die Antwort darauf ist aber nicht die Diät.
Der zweite Punkt betrifft das Gespräch bei Tisch. Die spanische Übersicht empfiehlt eine ruhige Atmosphäre bei den Mahlzeiten, ausdrücklich ohne jedes Gespräch über Gewicht, Körperbild oder Essen. Das ist für viele Familien die schwierigste Umstellung, weil genau diese Themen mit dem Krankheitsbild in den Alltag gekommen sind.
Ein dritter Punkt gehört dazu, auch wenn ihn die Quellen als Risikofaktor und nicht als Behandlungsfehler führen: Abwertende Bemerkungen über Körper — über den eigenen, über den des Kindes, über die von Dritten — sind im Elternhaus kein neutrales Thema. Wer aus Sorge um das Gewicht zur Diät rät, erhöht damit nach der brasilianischen Darstellung das Risiko einer Essstörung, ohne Übergewicht zu verhindern.
120 Ambulant ist die Regel, nicht die Ausnahme
Viele Eltern verbinden mit dem Wort Essstörung automatisch einen längeren Klinikaufenthalt. Das entspricht nicht der fachlichen Empfehlung.
Die Empfehlungen der italienischen Fachgesellschaft zur Magersucht aus dem Dezember 2024 sehen für die Mehrzahl der Patientinnen und Patienten eine ambulante Behandlung oder eine Tagesklinik vor. Eine stationäre Aufnahme ist an ein medizinisches oder ein psychisches Gefährdungsrisiko gebunden. Zusätzlich wird ein durchgehend zuständiger Dienst als Fallverantwortlicher bis zur Volljährigkeit benannt. Zu diesem Dokument ist anzumerken, dass die Übersichtsseite und ein Auszug eingesehen wurden, nicht aber der Volltext.
Der chinesische Expertenkonsens formuliert die Aufnahmekriterien in überprüfbaren Messwerten statt in Eindrücken. Diese Werte stehen in diesem Ratgeber bewusst nicht; sie gehören in die Hand derer, die untersuchen.
Für österreichische Familien ist die praktische Folgerung: Der erste Weg führt in die Kinderarztordination und von dort weiter, nicht direkt in eine Klinik. Ein ambulanter Behandlungsbeginn ist der Normalfall und kein Zeichen dafür, dass die Erkrankung nicht ernst genommen wird.
Was die Quellen dieses Ratgebers zur österreichischen Versorgungslandschaft für Essstörungen im Besonderen hergeben, ist wenig: Es gibt kein Verzeichnis spezialisierter Zentren, wie es Italien führt, und keinen eigenen Notaufnahmepfad, wie ihn Italien mit dem sogenannten lila Pfad geschaffen hat. Wo in Österreich behandelt wird, muss im Einzelfall erfragt werden — der Ausgangspunkt dafür ist die Ordination.
121 Körperbild, Vergleiche und was zu Hause gesagt wird
Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist der am besten dokumentierte Risikofaktor für Essstörungen — und sie nimmt zu.
Die brasilianische Schülergesundheitsbefragung an 118.099 Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren fand zwischen 2019 und 2024 einen Rückgang der Körperzufriedenheit von 66,5 auf 58 Prozent. Unzufrieden waren mehr als ein Drittel der Mädchen und weniger als ein Fünftel der Burschen. Diese Werte stammen aus der Berichterstattung der staatlichen Nachrichtenagentur über die Erhebung, weil die Primärseiten des Statistikinstituts nicht erreichbar waren.
Zum Zusammenhang mit Bildschirmen gibt die spanische pädiatrische Übersicht an, dass bei Kindern jede zusätzliche Stunde Bildschirm- und Social-Media-Nutzung mit einem höheren Risiko für Essstörungssymptome verbunden war und dass die Fallzahlen während der Pandemie um den Faktor 1,5 stiegen. Das sind Zusammenhänge, keine Ursachennachweise; mehr dazu in Abschnitt 180.
Was folgt daraus für den Alltag? Drei Dinge, die nichts kosten. Erstens: Bemerkungen über Körper — auch über den eigenen, auch scherzhaft — hört ein Kind mit und rechnet sie auf sich um. Zweitens: Wenn Sie sich um das Gewicht Ihres Kindes sorgen, ist die Ordination die richtige Adresse, nicht die eigene Diätempfehlung. Drittens: Die spanische Kinderärztegesellschaft empfiehlt für Kinder und Jugendliche deutlich strengere Bildschirmgrenzen als international üblich — unter einer Stunde täglich für 7- bis 12-Jährige, unter zwei Stunden für 13- bis 16-Jährige. Diese Empfehlung ist ausdrücklich strenger als die der WHO und der amerikanischen Kinderärztegesellschaft und wird hier als das gekennzeichnet, was sie ist: die Position einer nationalen Fachgesellschaft, nicht ein internationaler Standard.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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