Kinder sind traurig, wütend und ängstlich – das gehört dazu. Wo die Grenze zwischen einer schwierigen Phase und einer behandlungsbedürftigen Erkrankung verläuft, ist die erste und schwierigste Frage.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.

1 Was dieser Ratgeber leisten kann und was nicht

Dieser Text ist für Eltern geschrieben, die sich Sorgen machen. Er soll Ihnen helfen, zwei Dinge auseinanderzuhalten: was zur normalen Entwicklung gehört und was eine Abklärung braucht. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Behandlung. Er nennt keine Dosierungen und empfiehlt kein Medikament.

Alle Zahlen in diesem Ratgeber stammen aus benannten Studien, amtlichen Statistiken und Leitlinien. Wo eine Zahl in der Öffentlichkeit kursiert, sich aber nicht bis zur Primärquelle zurückverfolgen ließ, sagen wir das dazu, statt sie stillschweigend wegzulassen oder stillschweigend zu übernehmen. Wo zwei seriöse Erhebungen zu verschiedenen Ergebnissen kommen, nennen wir beide und erklären, warum sie auseinandergehen. Aus 4,3 und 4,5 wird hier nie „rund 4,4".

Wo es österreichische Daten gibt, stehen sie voran. Das ist häufiger ein Problem, als man meinen würde: Die aktuellste repräsentative Diagnosestudie für Österreich stammt aus den Jahren 2013 bis 2015, und für Kinder unter zehn Jahren gibt es, wie der Rechnungshof festhält, „kaum Daten". Deshalb greifen wir auf Befunde aus anderen Ländern zurück. Dabei gilt eine strenge Regel: Wir sagen dazu, was am fremden System anders ist. Das koreanische Pflicht-Screening an vier Schulstufen und die japanische amtliche Kategorie 不登校 (Schulvermeidung mit gesetzlicher Definition) sind in der Lehre übertragbar, im Verfahren nicht. Zahlen aus einem Land mit anderem Schulsystem, anderer Erhebungsmethode oder anderem Versorgungszugang sind Einordnung, nicht Aussage über Ihr Kind.

2 Seelische Gesundheit ist keine Frage von Ja oder Nein

Die verbreitetste Fehlvorstellung über seelische Gesundheit ist die Vorstellung eines Schalters: entweder gesund oder krank. Tatsächlich liegt zwischen beidem ein breites Band, in dem sich Symptome entwickeln, halten oder wieder verschwinden können — und dieses Band ist deutlich größer als der klinische Bereich.

Die erste große spanische Schulstudie mit Selbstauskunft der Kinder selbst (5.652 Schülerinnen und Schüler von 9 bis 16 Jahren, 108 Schulen, alle 17 Autonomen Gemeinschaften) hat das messbar gemacht. Sie unterscheidet zwei Bänder: klinisch bedeutsame Werte und ein Vorfeld. Im Kindesalter zwischen 9 und 12 Jahren lagen die klinisch bedeutsamen Werte bei rund 4 bis 5 Prozent je Bereich — Depression 5 Prozent, Angst, soziale Angst, Somatisierung und posttraumatische Belastung je 4 Prozent —, das Risikoband dagegen bei 9 bis 12 Prozent. Im Jugendalter zwischen 13 und 16 Jahren blieb der klinische Bereich bei 3 bis 5 Prozent, das Risikoband wuchs auf 11 bis 16 Prozent. Der höchste Risikowert im Jugendalter betraf die Angst mit 16 Prozent.

Für Eltern ist das Vorfeld der eigentlich wichtige Bereich. Dort ist ein Kind nicht krank, aber auch nicht unbelastet — und dort wirken Beobachtung, Gespräch und niederschwellige Unterstützung noch ohne Facharzttermin. Die Prozentwerte selbst sind spanisch und nicht direkt auf Österreich übertragbar. Das methodische Prinzip — klinischer Bereich und Risikoband sind zwei verschiedene Dinge — ist es sehr wohl.

3 Wann seelische Erkrankungen beginnen

Die genaueste Antwort auf diese Frage stammt aus einer von 192 epidemiologischen Studien mit insgesamt 708.561 Personen. Über alle Diagnosen hinweg liegt der Gipfel des Ersterkrankungsalters bei 14,5 Jahren, der Median bei 18 Jahren. Vor dem 14. Lebensjahr beginnen 34,6 Prozent aller Erkrankungen, vor dem 18. 48,4 Prozent, vor dem 25. 62,5 Prozent.

Die Streuung zwischen den Diagnosegruppen ist allerdings so groß, dass ein pauschales „Ersterkrankungsalter" in die Irre führt. Angst- und furchtbezogene Störungen setzen im Mittel am frühesten ein: Gipfel 5,5 Jahre, Median 17 Jahre, 38,1 Prozent vor dem 14. Geburtstag. Depressive Störungen beginnen deutlich später: Gipfel 19,5 Jahre, Median 30 Jahre, und nur 3,1 Prozent vor dem 14. Geburtstag. Essstörungen liegen dazwischen mit einem Gipfel bei 15,5 Jahren und 48,1 Prozent vor der Volljährigkeit, Zwangsstörungen bei 14,5 Jahren.

Hier liegt ein Widerspruch, den wir nicht glätten. Die italienische Fachgesellschaft SINPIA fasst dieselbe Frage nach WHO-Daten anders zusammen: „über 50 Prozent" der psychiatrischen Erkrankungen begännen vor dem 14. Lebensjahr und 80 Prozent vor dem 19. Das ist deutlich mehr als die 34,6 Prozent der Metaanalyse. Die Metaanalyse ist die belastbarere Angabe, weil sie eine geprüfte Primärquelle mit ausgewiesener Datenbasis ist; die SINPIA-Angabe ist ein Zitat der WHO in einer Pressemitteilung. Beide Zahlen stehen nebeneinander.

Für Eltern folgt daraus nur eines: Der Satz „das wächst sich schon aus" ist statistisch die schlechtere Wette. Er kann im Einzelfall stimmen. Als Regel taugt er nicht.

4 Warum gerade die Pubertät ein Brennpunkt ist

Dass sich psychische Krisen in der Adoleszenz häufen, hat eine entwicklungsbiologische Erklärung. Die italienische Fachgesellschaft SINPIA nennt die asynchrone Hirnreifung: Das limbische System — grob gesagt der Teil des Gehirns, der für Gefühle, Antrieb und Belohnung zuständig ist — reift früher als die präfrontalen Regionen, die Impulse bremsen, Folgen abschätzen und Entscheidungen abwägen. Für einige Jahre ist der Gefühlsapparat also stärker ausgebaut als die Steuerung.

Daraus folgt kein Freibrief für „das ist eben die Pubertät". Es erklärt aber, warum in diesem Alter Gefühle heftiger ausfallen, Entscheidungen impulsiver getroffen werden und eine Kränkung, die aus Erwachsenensicht klein wirkt, für ein Kind existenziell sein kann.

SINPIA hebt in diesem Zusammenhang einen Punkt ausdrücklich hervor, der für Eltern wichtig ist: Suizidalität kann in der Adoleszenz auch ohne erkennbare psychiatrische Störung auftreten — als Ausdruck einer Entwicklungskrise. Der SINPIA-Präsident für die Lombardei, Renato Borgatti, formuliert es so: Es sei in der Adoleszenz nicht selten, auf Jugendliche zu treffen, die ohne jede sichtbare psychiatrische Störung eine tiefe Krise durchleben, die einen „unerträglichen seelischen Schmerz" erzeugt.

Dazu passt eine Zahl aus dem amtlichen Elternleitfaden der Region Madrid: 75 Prozent der Suizide betreffen Menschen mit einer psychischen Erkrankung — die übrigen 25 Prozent nicht. Ein Kind, das keine Diagnose hat, ist deshalb nicht automatisch außer Gefahr.

5 Kinder sind keine Erwachsenen im Miniaturformat

Elisa Fazzi, die Präsidentin der italienischen Fachgesellschaft für Kinderneuropsychiatrie, formuliert es scharf: Kinder und Jugendliche wie „Erwachsene im Miniaturformat" zu behandeln, sei ein schwerer Fehler. Gemeint ist zweierlei.

Erstens zeigen sich dieselben Erkrankungen bei Kindern anders. Eine Depression im Jugendalter äußert sich häufig nicht als Traurigkeit, sondern über Verhalten und Körper — über Reizbarkeit, Aggressivität, Rückzug, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen. Genau das erschwert die Abgrenzung zur Pubertätskrise, und genau deshalb ist kein einzelnes Symptom beweisend.

Zweitens muss man zwei Gruppen sauber trennen, die im Alltag oft in einen Topf geworfen werden. Auf der einen Seite stehen Entwicklungsstörungen: Autismus-Spektrum-Störungen, Sprach- und Lernstörungen, ADHS, Epilepsie. Sie zeigen sich früh, oft schon in den ersten Lebensjahren, und werden anders abgeklärt und anders behandelt. Auf der anderen Seite stehen psychiatrische Störungen im engeren Sinn — etwa Depression oder Schizophrenie —, die typischerweise erst in der Adoleszenz auftreten.

Wie stark die beiden Gruppen zahlenmäßig auseinandergehen, zeigen die italienischen Angaben: knapp 2 von 100 Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung, 5 von 100 mit einer Sprach- oder Lernstörung, 5 von 100 mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, 1 von 100 mit Epilepsie und 2 von 100 mit anderen neurologischen Störungen; in der Vorpubertät und Adoleszenz kommen bis zu 13 von 100 Jugendlichen mit psychiatrischen Störungen hinzu. Diese sind italienisch und nicht ohne Weiteres übertragbar. Die Unterscheidung ist es.

6 Was mit dem Alter normalerweise passiert

Es gibt eine Entwicklung, die kein Warnzeichen ist, weil sie fast alle betrifft — und die trotzdem beunruhigt, wenn man sie zum ersten Mal in Zahlen sieht: Das seelische Wohlbefinden sinkt über die Schulstufen hinweg deutlich ab, und bei Mädchen stärker als bei Burschen.

Die österreichische HBSC-Studie (schulbasierte Repräsentativbefragung im Schuljahr 2021/22, Schulstufen 5, 7, 9 und 11 sowie Lehrlinge) misst Wohlbefinden mit dem WHO-5-Index auf einer Skala von 0 bis 100. In der 5. Schulstufe liegen die Durchschnittswerte bei 66 für Mädchen und 70 für Burschen. In der 11. Schulstufe sind es 41 für Schülerinnen und 52 für Schüler. Die Lebenszufriedenheit auf der Skala von 0 bis 10 liegt in der 5. Schulstufe im Mittel über 8, ab der 7. Schulstufe zwischen 6,8 und 7,5.

Dasselbe Muster zeigt sich in Italien mit derselben Methodik: Gutes Wohlbefinden hatten 2022 noch 67 Prozent der elfjährigen Mädchen, aber nur 43 Prozent der Dreizehnjährigen und 32 Prozent der Fünfzehnjährigen; bei den Burschen 82, 73 und 64 Prozent.

Frankreich zeigt allerdings, dass dieser Verlauf nicht in Stein gemeißelt ist. Die Erhebung EnCLASS 2024 fand gegenüber 2022 eine Erholung: gutes Wohlbefinden bei 70,1 Prozent in der Unterstufe und 63,2 Prozent in der Oberstufe gegenüber 58,7 und 51,0 Prozent zwei Jahre zuvor; bei Oberstufenmädchen stieg der Wert von 40,0 auf 54,1 Prozent.

Der Knick ist also real und weit verbreitet. Er kommt aber nicht zwangsläufig von selbst zurück, und er ist kein Beweis dafür, dass zu Hause etwas falsch gelaufen ist.

7 Wann Traurigkeit mehr ist als eine Phase

Die Frage, die Eltern am häufigsten stellen, lautet: Ab wann ist es zu viel? Es gibt zwei brauchbare Faustregeln, beide aus geprüften Quellen.

Die erste ist eine Zeitschwelle. Die französische Leitlinie zur Jugenddepression nennt als diagnostisches Kriterium eine über mindestens 15 Tage anhaltende Symptomatik mit einer Stimmungsveränderung oder einem Interessenverlust und einer relevanten Beeinträchtigung des Alltags. Beide Teile zählen: die Dauer und die Beeinträchtigung. Ein Jugendlicher, der drei Tage lang schlecht drauf ist, aber weiter in die Schule geht, sich mit Freunden trifft und isst, ist nicht depressiv. Ein Jugendlicher, der seit drei Wochen nichts mehr freut, nicht mehr aufsteht und den Kontakt zu allen abbricht, ist es möglicherweise.

Die zweite Faustregel stammt aus der französischen Schulerhebung EnCLASS und betrifft die Alltagsbeschwerden jüngerer Kinder. Als auffällig gilt dort, wer Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Nervosität häufiger als einmal pro Woche und das seit mindestens sechs Monaten erlebt. Auch hier zählen zwei Größen: Häufigkeit und Dauer.

Beide Regeln sind Anhaltspunkte, keine Diagnosen. Und beide haben eine wichtige Ausnahme: Wenn Selbstverletzung, Suizidgedanken oder Suizidäußerungen im Spiel sind, gilt keine Wartezeit. Die spanische Leitlinie formuliert das ausdrücklich — Kinder mit Selbstverletzung oder Suizidgedanken sollen auch dann sofort weitergeleitet werden, wenn die depressive Symptomatik selbst leicht ist.

8 Warum ein Fragebogen keine Diagnose ist

Der größte Teil der scheinbaren Widersprüche in diesem Bereich hat eine einzige Ursache: Fragebogen-Screenings und diagnostische Interviews messen verschiedene Dinge. Wer das nicht weiß, hält jede zweite Meldung für alarmierend.

Ein diagnostisches Interview wird von geschulten Fachleuten geführt, orientiert sich an festen Kriterien und fragt nach Dauer, Ausmaß und Beeinträchtigung. Ein Screening ist ein Fragebogen mit einem Schwellenwert. Wer über der Schwelle liegt, gilt als auffällig — das bedeutet: genauer hinschauen, nicht: krank.

Der Abstand ist gewaltig. In Österreich stehen 23,93 Prozent aus diagnostischen Interviews (MHAT, 2013 bis 2015) neben 73 Prozent klinisch relevanter depressiver Symptome bei Mädchen aus einem freiwilligen Online-Screening im Frühjahr 2022 (616 Schülerinnen und Schüler, 14 bis 20 Jahre). In China stehen 2,0 Prozent Major Depression nach klinischen Kriterien neben rund 23 bis 24 Prozent depressiver Symptome im Screening. Bei den Essstörungen ist der Abstand am größten: Die WHO nennt 0,1 Prozent diagnostizierte Essstörungen bei den 10- bis 14-Jährigen und 0,4 Prozent bei den 15- bis 19-Jährigen; ein internationales Screening mit einem etablierten Kurzfragebogen kam über 32 Studien und 63.181 Teilnehmende auf 22,36 Prozent auffälligen Essverhaltens.

Keine dieser Zahlen ist falsch. Sie beantworten verschiedene Fragen. Wenn Sie also eine Schlagzeile lesen, in der ein großer Anteil junger Menschen „psychisch krank" ist, lohnt die Rückfrage: Wurde diagnostiziert oder wurde angekreuzt?

9 Warum die Zahlen so weit auseinandergehen

Neben dem Unterschied zwischen Screening und Diagnose gibt es vier weitere Gründe, warum Sie zum selben Thema völlig verschiedene Zahlen finden.

Wer gefragt wird, und wie

Anonyme Schulbefragungen liefern durchgehend höhere Werte als persönliche Interviews. In Südkorea ergab eine anonyme Schulbefragung eine Zwölfmonatsprävalenz selbstverletzenden Verhaltens von 8,8 Prozent, während die nationale Erhebung mit Hausbesuch-Interview für Jugendliche eine Lebenszeitprävalenz von 2,2 Prozent fand. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis: Jugendliche berichten nur, wenn sie sich sicher fühlen.

Freiwillige Teilnahme verzerrt nach oben

Wo Jugendliche selbst entscheiden, ob sie an einer Online-Befragung teilnehmen, melden sich belastete Jugendliche eher. Die österreichische Erhebung von 2022 und eine italienische Online-Konsultation mit rund 7.500 Teilnehmenden sind ausdrücklich so gekennzeichnet: Ihre Werte liegen systematisch höher als die repräsentativer Studien und sind mit diesen nicht vergleichbar.

Routinedaten messen Dokumentation, nicht Erkrankung

Abrechnungs- und Krankenhausdaten zeigen, was aufgeschrieben wurde. Steigt die Zahl der dokumentierten Diagnosen, kann das mehr Erkrankungen bedeuten — oder mehr Menschen, die Hilfe suchen, und weniger Scham.

Die Schwelle Bestimmt die Zahl mit

Zwei Fragebögen zur Depression mit unterschiedlichen Grenzwerten liefern unterschiedliche Prozentsätze bei denselben Kindern. Deshalb nennen seriöse Berichte immer das Instrument und den Schwellenwert dazu.

10 Was Prozentzahlen, Odds Ratios und Vielfache bedeuten

In diesem Ratgeber kommen einige statistische Ausdrücke vor. Sie sind einfacher, als sie aussehen, und ohne sie ließe sich nicht ehrlich schreiben.

Ein (abgekürzt OR) ist ein Chancenverhältnis. Es sagt, um welchen Faktor die Chance auf ein Ereignis in einer Gruppe gegenüber einer Vergleichsgruppe erhöht ist. Ein OR von 1,0 bedeutet keinen Unterschied. Ein OR von 1,5 ist ein kleiner Effekt, ein OR von 5,0 ein starker. Wichtig: Ein Odds Ratio ist kein Risiko in Prozent. Wenn Schlafmangel ein OR von 4,81 für depressive Symptome hat, heißt das nicht, dass 481 Prozent der schlecht schlafenden Kinder depressiv werden — es heißt, dass depressive Symptome in dieser Gruppe deutlich häufiger auftreten. Und es heißt auch nicht, dass Schlafmangel die Ursache ist; der Zusammenhang gilt in beide Richtungen.

Ein Korrelationskoeffizient r misst, wie eng zwei Größen zusammenhängen, auf einer Skala von 0 bis 1. Werte um 0,2 gelten als schwacher Zusammenhang.

Eine wie , Hedges' g oder eine standardisierte mittlere Differenz beschreibt, wie groß ein Unterschied ist. Werte um 0,2 sind klein, um 0,5 mittel, ab 0,8 groß.

Ein Vielfaches ist die schwächste dieser Angaben. Manche Quellen berichten „das 16,4-Fache", ohne zu sagen, ob sie ein Odds Ratio, ein oder einen schlichten Anteilsvergleich meinen. Wir schreiben dann „Vielfaches" und nichts anderes.

Und ein (95 % CI) gibt an, in welchem Bereich der wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Ein breites Intervall bedeutet: Die Zahl ist unsicher.

11 Was Kinder seelisch stark macht

Über Risiken wird mehr geschrieben als über Schutz. Dabei sind die Schutzfaktoren in den Leitlinien präzise benannt — und sie liegen überwiegend dort, wo Eltern tatsächlich etwas tun können.

Die französische Leitlinie zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen führt als Schutzfaktoren ausdrücklich auf: den Zusammenhalt in der Familie, die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, die elterliche Anteilnahme am Lernen und am schulischen Weg des Kindes sowie soziale Unterstützung. Das ist bemerkenswert, weil es die Familie nicht als Ursache, sondern als Ressource beschreibt.

Der zweitstärkste erkennbare Schutzfaktor sind Beziehungen zu Gleichaltrigen. In einer japanischen Auswertung von mehr als 31.000 Kindern der 5. und der 8. Schulstufe war der Unterschied dramatisch: Von den Kindern, die sich darauf freuten, ihre Freundinnen und Freunde in der Schule zu sehen, fielen 9 Prozent (5. Schulstufe) beziehungsweise 14 Prozent (8. Schulstufe) in die depressive Gruppe. Von jenen, die sich nicht darauf freuten, waren es 63 beziehungsweise 75 Prozent. Für die Beziehung zur Lehrkraft zeigte sich derselbe Zusammenhang schwächer (8 und 13 Prozent gegenüber 29 und 36 Prozent). Es handelt sich um Anteilsvergleiche, nicht um berechnete — die Größenordnung ist dennoch beeindruckend.

Als weitere Schutzfaktoren nennen die Quellen regelmäßige Bewegung sowie hohe soziale Unterstützung. Die deutsche S3-Leitlinie zur Depression nennt als einzige konkrete Dosierungsangabe der gesamten Quellenlage: dreimal wöchentlich 45 bis 60 Minuten über mindestens sechs Wochen. Diese Angabe stammt aus der begleitenden Fachpublikation, weil der Leitlinien-Volltext nicht abrufbar war; eine Effektstärke dazu liegt nicht vor.

Und schließlich, aus der brasilianischen Schülergesundheitsbefragung mit 118.099 Jugendlichen abgeleitet: 26,1 Prozent gaben an, ständig das Gefühl zu haben, dass sich niemand um sie sorgt (Mädchen 33 Prozent, Burschen 19 Prozent). Für die übrigen drei Viertel ist genau dieses Gefühl der Schutz.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
  3. 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
  4. 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
  5. 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
  6. 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
  7. 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
  8. 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
  9. 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
  10. 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
  11. 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
  12. 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
  13. 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
  14. 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
  15. 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16