Häufige Irrtümer, die Fragen aus der Sprechstunde und eine ehrliche Auskunft darüber, wie sicher dieses Wissen ist. Dazu die Quellen.

  • Abschnitt 208 bis 223 von 223
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.

208 Woher die Zahlen dieses Ratgebers stammen

Dieser Ratgeber stützt sich, wie bereits in Abschnitt 123 erwähnt, auf zwei umfangreiche Faktensammlungen, zusammengetragen aus insgesamt neun Rechercheberichten in neun Sprachen: Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Portugiesisch. Jeder dieser Berichte wertet amtliche Statistiken, Leitliniendokumente, wissenschaftliche Studien und teils Presseberichte des jeweiligen Sprachraums aus und kennzeichnet dabei durchgehend, wie sicher eine Angabe ist: verifiziert an der Primärquelle, aus einer Sekundärquelle übernommen, oder ausdrücklich nicht verifiziert.

Das bedeutet für die Lesart dieses Ratgebers: Eine Zahl aus Südkorea oder Brasilien ist nicht deshalb weniger wert als eine aus Deutschland oder Frankreich, weil sie aus einem anderen Sprachraum stammt — aber sie ist auch nicht automatisch auf Österreich übertragbar, nur weil sie in diesem Text steht. Wo eine Angabe für Österreich gilt, ist es an der jeweiligen Stelle vermerkt. Wo eine Angabe „lehrreicher Kontrast" oder „nicht übertragbar" genannt wird, wie mehrfach in Kapitel 13, ist das keine Abwertung der Quelle, sondern eine Aussage darüber, wofür die Zahl taugt und wofür nicht.

209 Zwei Messverfahren, ein Missverständnis: Screening gegen Diagnose

Wie in Abschnitt 139 zu Essstörungen im Detail erklärt, ist der methodische Bruch zwischen Fragebogen-Screening und diagnostischem Interview die häufigste Ursache für scheinbar widersprüchliche Zahlen in diesem Ratgeber — und er zieht sich durch alle Kapitel, nicht nur durch das zu Essstörungen.

Zur Erinnerung an vier Beispiele aus verschiedenen Kapiteln: In Österreich stehen 23,93 Prozent aus einer diagnostischen Interviewstudie neben 73 Prozent klinisch relevanter depressiver Symptome bei Mädchen aus einem freiwilligen Online-Screening. Bei Essstörungen stehen 0,1 bis 0,4 Prozent Diagnosen der WHO neben 22,36 Prozent auffälligen Screeningwerten aus einer . In Spanien stehen 11,8 Prozent diagnostizierte Angststörungen neben 41 Prozent mindestens mäßiger Angstsymptomatik bei Mädchen im Fragebogen. Keines dieser Zahlenpaare widerspricht sich der Sache nach — sie messen Verschiedenes, wie schon in Abschnitt 139 festgehalten.

Diese Regel gilt es im Kopf zu behalten, bevor man in den folgenden Abschnitten auf tatsächliche Widersprüche stößt — solche, bei denen zwei Quellen dieselbe Größe unterschiedlich beziffern, nicht nur zwei unterschiedliche Größen messen.

210 Der Irrtum: „Es wird einfach immer schlimmer"

Ein verbreiteter Eindruck lautet, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verschlechtere sich seit Jahren ununterbrochen. Die Quellenbasis dieses Ratgebers stützt diesen pauschalen Eindruck nicht.

Die deutsche COPSY-Studie fand ein stabiles Plateau bei rund 22 Prozent seit 2022, mit keinem weiteren Anstieg. Die deutsche DAK-Auswertung von Abrechnungsdaten fand ebenfalls ein Plateau auf erhöhtem Niveau, bei einzelnen Diagnosen sogar leichte Rückgänge zwischen 2023 und 2024. Der österreichische HBSC-Bericht fand 2022 Werte, die deutlich niedriger lagen als 2018. Der Rechnungshof selbst hielt fest, dass formal nicht feststand, ob und wie stark die Belastung in Österreich tatsächlich gestiegen ist. Gleichzeitig fand die internationale HBSC-Erhebung einen Anstieg mehrfacher Beschwerden von 33 Prozent im Jahr 2014 über 36 Prozent 2018 auf 44 Prozent 2022, und die französische Erhebung DREES verzeichnete bis 2025 einen weiter steigenden Trend bei Selbstverletzungs-Hospitalisierungen.

Diese Befunde widersprechen einander nicht der Sache nach — sie messen unterschiedliche Dinge zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlichen Verfahren, wie in Abschnitt 210 erklärt. Was sich daraus ziehen lässt, ist eine Warnung vor der einheitlichen Trendaussage selbst: Wer behauptet, die Lage verschlechtere sich Jahr für Jahr gleichmäßig weiter, geht über das hinaus, was diese Quellenbasis hergibt.

211 Der Irrtum: „Die Pandemie hat die Zahlen verdoppelt"

Eine vielzitierte von Racine und Kolleginnen und Kollegen aus 29 Querschnittsstudien mit 80.879 Kindern fand während der Pandemie eine Depressionsprävalenz von 25,2 Prozent und eine Angstprävalenz von 20,5 Prozent, gegenüber vorpandemischen Werten von 12,9 beziehungsweise 11,6 Prozent — tatsächlich fast eine Verdopplung.

Eine methodisch strengere Folgestudie von Madigan und Kolleginnen und Kollegen aus derselben Arbeitsgruppe, die 2023 gezielt 53 mit 87 Schätzern und 40.807 Kindern aus 12 Ländern auswertete — also Kinder, die vor und während der Pandemie wiederholt befragt wurden, statt unterschiedliche Kinder zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu vergleichen —, fand einen deutlich kleineren Effekt: eine Veränderung von 0,26 bei Depression und 0,10 bei Angst, in der Studie selbst als „geringfügig bis klein" eingestuft. Bei Burschen war der Effekt mit 0,10 statistisch nicht einmal signifikant von null verschieden.

Die pauschale Aussage „die Pandemie hat die psychische Gesundheit von Kindern verdoppelt schlecht gemacht" hält demnach der strengeren Studienlage nicht stand. Querschnittsstudien — verschiedene Kinder zu verschiedenen Zeitpunkten — überschätzen den Effekt tendenziell gegenüber Längsschnittstudien, die dieselben Kinder über die Zeit begleiten. Beide Studien stammen von denselben Autorinnen und Autoren und widersprechen sich nicht durch einen Fehler, sondern durch ein strengeres Design in der zweiten Arbeit.

212 Rangfolgen von Todesursachen darf man nicht vergleichen

Fünf Quellen dieses Ratgebers treffen fünf unterschiedliche Aussagen darüber, den wievielten Rang Suizid unter den Todesursachen junger Menschen einnimmt — und alle fünf sind für sich genommen korrekt, weil sie sich auf unterschiedliche Altersgruppen, Länder und Definitionen beziehen.

Die WHO nennt Suizid weltweit die dritthäufigste Todesursache bei 15- bis 29-Jährigen. Die amerikanische USPSTF nennt ihn für 10- bis 19-Jährige in den USA die zweithäufigste. Für Europa wird er bei 15- bis 29-Jährigen als häufigste Todesursache überhaupt genannt, für Italien speziell als zweithäufigste nach Verkehrsunfällen. Der Madrider Elternleitfaden nennt Suizid bei 15- bis 29-Jährigen die häufigste nicht-natürliche Todesursache — eine andere Kategorie als „alle Todesursachen". Für Österreich schließlich gilt laut dem Suizidbericht 2025 des Sozialministeriums: Bei 15- bis 34-Jährigen ist Suizid insgesamt die zweithäufigste Todesursache.

Für Österreich ist ausschließlich die letztgenannte Angabe zu verwenden. Die anderen vier sind real und korrekt für ihren jeweiligen Bezugsraum, aber sie dürfen nicht mit der österreichischen Zahl vermischt oder als deren Bestätigung gelesen werden — unterschiedliche Altersgruppen und unterschiedliche Bezugsräume ergeben unterschiedliche Rangfolgen, ohne dass eine der Zahlen falsch wäre.

213 Wie viele Jugendliche verletzen sich selbst? Eine Spanne, keine Zahl

Zur Häufigkeit nicht-suizidaler Selbstverletzung liegen in dieser Quellenbasis Werte vor, die zwischen 17,2 und 36 Prozent liegen — eine Spanne, die eine einzelne griffige Zahl unmöglich macht.

Eine internationale fand eine Lebenszeitprävalenz von 22,0 Prozent und eine Zwölfmonatsprävalenz von 23,2 Prozent. Eine deutsche Übersichtsarbeit nennt 25 bis 35 Prozent Lebenszeitprävalenz. Eine Madrider Erhebung an 1.526 Jugendlichen im Mittel 13,8 Jahre alt fand 36 Prozent im letzten Jahr. Eine italienische Fachgesellschaft spricht von rund einem Fünftel der Jugendlichen in Europa. Ein Wert von 17,2 Prozent bei 10- bis 19-Jährigen, der in verschiedenen Zusammenhängen zitiert wird, ist in dieser Quellenbasis ausdrücklich als nicht verifiziert gekennzeichnet und wurde deshalb hier nicht als eigenständiger Befund verwendet.

Die Unterschiede erklären sich teils durch unterschiedliche Altersgruppen, teils durch unterschiedliche Erhebungsmethoden — eine schriftliche, anonyme Befragung liefert andere Werte als ein persönliches Interview, wie in Abschnitt 210 grundsätzlich erklärt. Für Eltern folgt daraus: Wenn irgendwo „die" von Selbstverletzung genannt wird, als handle es sich um eine feststehende Zahl, lohnt sich die Nachfrage, wie sie erhoben wurde.

214 Suizide und Suizidversuche folgen nicht derselben Kurve

Ein wiederkehrender Fehler in der öffentlichen Diskussion ist die Annahme, dass Suizide und Suizidversuche sich parallel entwickeln — wenn die Zahl der Versuche steigt, müsse auch die Zahl der vollendeten Suizide steigen, und umgekehrt. Die Quellenbasis dieses Ratgebers widerlegt diese Annahme mehrfach.

In Österreich blieb die Suizidrate 2024 gegenüber 2023 stabil, nachdem sie nach einem Anstieg 2022 in fast allen Altersgruppen wieder gesunken war. In der Schweiz blieb die Suizidrate bei 0- bis 18-Jährigen über den gesamten Beobachtungszeitraum stabil, während die Rate der Suizidversuch-Hospitalisierungen bei Mädchen seit 2021 auf vergleichsweise hohem Niveau blieb. In Frankreich sanken Suizidgedanken zwischen 2022 und 2024 von 24,2 auf 19,8 Prozent, während im Leben berichtete Suizidversuche im selben Zeitraum von 12,9 auf 15,1 Prozent stiegen. In Spanien sank die Gesamtzahl der Suizide, während sie bei unter 20-Jährigen von 76 auf 90 stieg.

Diese vier Länder zeigen unabhängig voneinander dasselbe Muster: Suizidgedanken, Suizidversuche und vollendete Suizide sind drei unterschiedliche Größen, die sich zeitlich auseinanderentwickeln können. Eine sinkende Zahl in der einen Kategorie ist keine Entwarnung für die andere.

215 Warum sich die Geschlechterverteilung zwischen Kindheit und Jugend umkehrt

Wer in diesem Ratgeber liest, dass im Vorschulalter Burschen häufiger auffallen und im Jugendalter Mädchen, könnte das für einen Datenfehler halten. Es ist keiner — es ist ein realer Wechsel im Entwicklungsverlauf, der in mehreren Quellen unabhängig dokumentiert ist.

Eine französische Erhebung bei 3- bis 6-Jährigen fand Auffälligkeiten bei 11,3 Prozent der Buben gegenüber 5,2 Prozent der Mädchen. Bei 6- bis 11-Jährigen zeigten sich in derselben Erhebung emotionale Störungen bereits häufiger bei Mädchen, Verhaltensstörungen weiterhin häufiger bei Burschen. Im Jugendalter schließlich sind laut der spanischen Schulstudie Emo-Child alle internalisierenden Probleme — also nach innen gerichtete Symptome wie Angst oder Niedergeschlagenheit — bei Mädchen häufiger; die italienische HBSC-Erhebung spricht von einer Geschlechterlücke von 15 bis 30 Prozent, und eine römische Kinderklinik berichtet, dass 90 Prozent ihrer Notfälle wegen Suizidalität Mädchen betreffen — mit dem Zusatz, dass Burschen zwar seltener in die Notaufnahme kommen, aber häufiger tatsächlich durch Suizid versterben.

Die Erklärung, die sich aus diesem Muster ergibt, ist keine kulturelle, sondern eine entwicklungsbezogene: Verhaltensbezogene und äußerlich sichtbare Auffälligkeiten dominieren früh und betreffen häufiger Buben, nach innen gerichtete und schwerer erkennbare Symptome dominieren später und betreffen häufiger Mädchen. Diese Verschiebung muss beim Lesen von Altersvergleichen mitgedacht werden, sonst wirkt sie wie ein Widerspruch, wo keiner ist.

216 Beginnt die Hälfte der psychischen Erkrankungen wirklich vor 14?

Eine der am häufigsten wiederholten Zahlen zur psychischen Gesundheit lautet, die Hälfte aller psychischen Erkrankungen beginne vor dem 14. Lebensjahr. Diese Quellenbasis enthält dazu zwei unterschiedliche Angaben, und der Unterschied ist erheblich genug, um ihn festzuhalten.

Die umfangreichste verfügbare Primärstudie, eine von Solmi und Kolleginnen und Kollegen aus 192 Studien mit 708.561 untersuchten Personen, kommt auf einen Anteil von 34,6 Prozent vor dem 14. Lebensjahr, 48,4 Prozent vor dem 18. und 62,5 Prozent vor dem 25. Lebensjahr. Eine italienische Fachgesellschaft zitiert dagegen unter Berufung auf die WHO die Formulierung, über 50 Prozent aller psychiatrischen Erkrankungen begännen vor dem 14. Lebensjahr und 80 Prozent vor dem 19.

34,6 Prozent und „über 50 Prozent" sind keine kleine Abweichung. Die Solmi-Metaanalyse ist die Primärquelle mit der größten zugrunde liegenden Stichprobe und gilt deshalb als die belastbarere der beiden Angaben; die zweite Angabe ist ein Sekundärzitat der WHO über eine Fachgesellschaft. Beide werden hier genannt, weil beide in der Fachöffentlichkeit kursieren — aber wer eine belastbare Einzelzahl braucht, sollte sich an 34,6 Prozent vor 14 und 48,4 Prozent vor 18 Jahren halten.

217 Selbstselektierte Umfragen und Abrechnungsdaten messen nicht dasselbe wie Erkrankung

Zwei methodische Fallen ziehen sich durch die gesamte Quellenbasis dieses Ratgebers, und beide sind wichtig genug, um sie hier gesondert festzuhalten.

Die erste betrifft freiwillige Online-Erhebungen. Eine italienische Konsultation der Kinder- und Jugendanwaltschaft AGIA mit rund 7.500 Teilnehmenden weist selbst darauf hin, dass es sich um eine selbstselektierte Online-Konsultation und keine repräsentative Stichprobe handelt — ihre Werte liegen deshalb systematisch höher als in repräsentativen Erhebungen wie HBSC oder ESPAD und sind mit diesen nicht direkt vergleichbar. Eine österreichische Erhebung mit freiwilligem Online-Zugang macht laut ihren Autorinnen und Autoren aus demselben Grund eine Selbstselektion belasteter Jugendlicher wahrscheinlich.

Die zweite betrifft Abrechnungs- und Krankenhausdaten. Sie messen, wie ein deutscher Report selbst festhält, nicht Erkrankungshäufigkeit, sondern dokumentierte Diagnosen — wer nie in Behandlung kommt, taucht dort nicht auf, unabhängig vom tatsächlichen Zustand. Die österreichischen Suizidberichtsdaten weisen auf ein verwandtes Problem hin: Stationäre Zusatzdiagnosen vermischen Suizidversuche mit selbstverletzendem Verhalten ohne suizidale Absicht und sind deshalb kein sauberer Indikator für Suizidversuche allein.

Für Eltern bedeutet das: Eine sehr hohe Zahl aus einer Online-Umfrage ist kein Grund zur Entwarnung im Vergleich zu einer niedrigeren amtlichen Zahl — beide messen etwas anderes, und keine der beiden ist automatisch die „richtigere".

218 Was diese beiden Faktenblätter nicht wissen

Ein Ratgeber, der ehrlich mit seiner Quellenlage umgeht, muss auch sagen, was in ihr fehlt. Zur Forschung über belastende Kindheitserfahrungen — dem ACE-Konzept — enthält die Quellenbasis, wie bereits in Abschnitt 123 festgehalten, keine einzige Studie, keinen Punktwert und keine . Zur Resilienzforschung mit tatsächlichen Wirksamkeitsschätzern liegt ebenfalls nichts vor — was in Abschnitt 133 zu Schutzfaktoren steht, sind Einzelbefunde, keine Resilienzstudie.

Zu Elternprogrammen mit belegter Wirkung gibt es, wie in Abschnitt 186 ausgeführt, kein einziges benanntes, wirksamkeitsgeprüftes Training. Zu schulischen Präventionsprogrammen mit gemessener Effektstärke gibt es, wie in Abschnitt 198 ausgeführt, ebenfalls nichts. Zu digitalen Therapieangeboten mit Wirksamkeitsnachweis fehlt, wie in Abschnitt 167 ausgeführt, jede . Zur medikamentösen Behandlung von ADHS, zu Elterntraining oder Diagnostik bei ADHS und zur differentialdiagnostischen Abgrenzung von Autismus enthält die Quellenbasis ebenfalls nichts — beide Themen wurden im ersten Teil dieses Ratgebers behandelt, aber die Behandlungsseite bleibt in beiden Fällen unbelegt.

Diese Liste ist kein Vorwurf an die Recherche, sondern eine Landkarte dessen, was als Nächstes untersucht werden müsste, bevor ein Ratgeber dazu mehr sagen kann, als er heute weiß.

219 Was in diesem Ratgeber bewusst nicht steht

Manche Angaben aus der Quellenbasis wurden absichtlich nicht in diesen Ratgeber aufgenommen, obwohl sie dort stehen. Der wichtigste Grund dafür ist die Regel des sicheren Berichtens über Suizid und Selbstverletzung: Methodenbeschreibungen — welches Mittel wie häufig verwendet wird, welche Vorgehensweise besonders gefährlich ist — gehören nicht in einen Elternratgeber, weil ihre Verbreitung nachweislich Nachahmung begünstigen kann. Wo diese Quellenbasis solche Aufschlüsselungen enthielt, wurde daraus ausschließlich die daraus ableitbare Schutzmaßnahme übernommen, wie in Abschnitt 173 zur Sicherung von Medikamenten im Haushalt — als Handlungsempfehlung, nicht als Beschreibung.

Ebenso bewusst ausgelassen sind konkrete Dosierungsangaben zu Medikamenten. Wo eine Quelle eine Anfangsdosis oder ein Kontrollintervall nennt, wurde in diesem Ratgeber nur die allgemeine Tatsache übernommen — dass eine engmaschige Kontrolle stattfinden muss —, nicht die Zahl selbst. Diese Angaben gehören in die fachärztliche Behandlung, nicht in einen Text, den Eltern ohne medizinische Vorbildung lesen. Und schließlich enthält dieser Ratgeber bewusst keine Checkliste, mit der Eltern selbst eine Diagnose stellen könnten — jede Auflistung von Warnzeichen in den vorangegangenen Kapiteln ist als Anlass für ein Gespräch gedacht, nicht als Diagnoseinstrument.

220 Was die Behandlungskapitel wirklich über Wirksamkeit sagen — eine ehrliche Bilanz

Wie bereits in Abschnitt 168 im Detail ausgeführt, enthält die gesamte Quellenbasis dieses Ratgebers genau zwei gepoolte Wirksamkeitszahlen zu Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen — beide aus derselben Übersichtsarbeit der amerikanischen USPSTF von 2022. Psychotherapie bei Jugenddepression erreichte eine standardisierte mittlere Differenz von −0,58, eine mittelstarke bis starke Wirkung. Kognitive Verhaltenstherapie bei Angststörungen erreichte ein von 2,68 für Remission — Medikamente lagen bei Angststörungen mit einem relativen Risiko von 2,11 in ähnlicher Größenordnung. Bei Depression liegt zusätzlich eine Zahl zu Medikamenten vor, gemessen an einer anderen Skala als die Psychotherapiezahl, weshalb sich beide nicht direkt vergleichen lassen.

Über diese zwei hinaus besteht das gesamte übrige Behandlungskapitel aus Leitlinienempfehlungen, Strukturangaben und Einzelbeobachtungen. Bemerkenswert einheitlich ist dabei die Reihenfolge, auf die sich die ausgewerteten Leitlinien aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Spanien und mit Einschränkung Deutschland einigen: Psychotherapie zuerst, ein Medikament allenfalls zusätzlich nach mehreren Wochen ohne ausreichende Besserung, nie als alleiniger erster Schritt. Bei Essstörungen gilt die familienbasierte Therapie in drei unabhängigen Quellen als wirksamste Behandlung, allerdings ohne dass eine einzige davon eine Effektstärke dazu liefert.

Diese Quellenbasis erlaubt deshalb keine Aussage der Art „Psychotherapie wirkt doppelt so gut wie Medikamente" oder umgekehrt. Sie erlaubt die Aussage, dass beide Ansätze bei Jugenddepression und bei Angststörungen nachweislich wirken, dass die fachliche Praxis über mehrere Länder hinweg der Psychotherapie den Vortritt gibt, und dass die eigentliche Datenlage zur Wirksamkeit — verglichen mit dem, was öffentlich über dieses Thema diskutiert wird — überraschend dünn ist.

221 Was für österreichische Familien noch fehlt

Mehrere der ausgewerteten Rechercheberichte benennen ausdrücklich, welche österreichischen Daten ergänzt werden müssten, bevor ein Ratgeber wie dieser vollständig wäre. Genannt werden: aktuelle, nach Altersgruppen einzeln aufgeschlüsselte Suizidzahlen für 10- bis 19-Jährige bei Statistik Austria, eine eigene österreichische diagnostische studie für die Zeit nach der Pandemie — bisher liegen dafür nur Symptom-Screenings vor, keine diagnostischen Interviews —, sowie eine bundeslandweise, methodisch einheitliche Wartezeiterhebung, die über die in Abschnitt 201 genannte Wiener Testerhebung hinausgeht.

Auch zu Kindern unter zehn Jahren hält der Rechnungshof selbst fest, dass für diese Gruppe in Österreich kaum Daten vorlagen. Zu verlässlichen Zahlen der tatsächlichen Suizidversuche in Österreich — im Unterschied zu den in Abschnitt 218 beschriebenen, methodisch unsauberen Krankenhausdiagnosen — liegt nach dieser Quellenbasis ebenfalls nichts Belastbares vor.

Diese Lücken sind kein Grund, den vorliegenden Zahlen zu misstrauen, wo sie ausdrücklich als verifiziert gekennzeichnet sind. Sie sind ein Hinweis darauf, in welche Richtung künftige Auflagen dieses Ratgebers erweitert werden müssten, sobald entsprechende österreichische Erhebungen vorliegen.

222 Zum Schluss: was dieser Ratgeber leisten kann und was nicht

Dieser Ratgeber wollte von Anfang an, wie im ersten Teil beschrieben, weder Alarm schlagen noch verharmlosen, und er wollte weder eine Diagnose noch eine Dosierung ersetzen. Am Ende von 224 Abschnitten über zwei Teile hinweg lässt sich zusammenfassen, was tatsächlich geleistet wurde: eine möglichst ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was neun Rechercheberichte in neun Sprachen über die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen tatsächlich hergeben — mit allen Widersprüchen, Lücken und methodischen Brüchen, die diese Quellenlage enthält, statt sie zu einer glatten Erzählung zu verrechnen.

Was dieser Ratgeber nicht leisten kann, ist eine Einschätzung des einzelnen Kindes. Kein Abschnitt dieses Textes ersetzt das Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Fachperson, die Ihr Kind tatsächlich kennt. Die wiederkehrende Botschaft dieses Ratgebers — dass Nachfragen nicht schadet, dass Sie sich nicht sicher sein müssen, bevor Sie einen Termin machen, dass Schweigen häufiger ist als Übertreibung — gilt unabhängig von jeder einzelnen Zahl in diesem Text. Wenn Sie am Ende dieses Ratgebers unsicherer sind als am Anfang, ob bei Ihrem Kind etwas ernst genommen werden sollte: Das ist kein Zeichen dafür, dass dieser Text versagt hat. Es ist der Grund, in der Kinderarztordination anzurufen.

223 Quellen und weiterführende Literatur

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
  3. 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
  4. 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
  5. 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
  6. 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
  7. 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
  8. 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
  9. 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
  10. 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
  11. 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
  12. 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
  13. 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
  14. 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
  15. 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16