Wie häufig seelische Erkrankungen sind
Etwa jedes fünfte bis siebte Kind ist im Lauf seiner Kindheit betroffen – und nur ein Bruchteil davon bekommt Hilfe. Was die Zahlen sagen und wo sie auseinandergehen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
12 Die österreichische Kernzahl: 23,93 Prozent
Für Österreich gibt es genau eine repräsentative Diagnosestudie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie heißt MHAT, wurde von einem Team der Medizinischen Universität Wien um Gudrun Wagner und Andreas Karwautz durchgeführt und 2017 veröffentlicht.
Die Erhebung lief von 2013 bis 2015 und war zweistufig angelegt. Befragt wurden 3.615 Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren aus 261 Schulen, dazu 137 Teilnehmende aus klinischen Einrichtungen — also auch Gruppen, die schulbasierte Befragungen typischerweise nicht erreichen. Erhoben wurde nach den Kriterien des Diagnosesystems DSM-5 in diagnostischen Interviews, nicht mit Fragebögen.
Das Ergebnis: 21,89 Prozent (± 4,5) der Schulstichprobe erfüllten zum Erhebungszeitpunkt die Kriterien mindestens einer psychischen Störung; unter Einschluss der klinischen Teilnehmenden waren es 23,93 Prozent (± 4,2). Die Lebenszeitprävalenz — also der Anteil, der irgendwann bis zum Befragungszeitpunkt eine psychische Störung hatte — lag bei 35,82 Prozent (± 4,8).
Diese Zahlen sind belastbar. Sie sind aber auch elf Jahre alt, und dass sie bis heute die aktuellste repräsentative Diagnosestudie für Österreich sind, ist selbst ein Befund. Für die Zeit nach der Pandemie existieren für Österreich nur Symptom-Screenings, keine Diagnosestudie.
Ein weiterer Punkt aus derselben Arbeit ist für Eltern wichtig: 47,5 Prozent der Betroffenen hatten Kontakt zu psychosozialen Diensten. Von den Übrigen äußerten 18,1 Prozent ausdrücklich Behandlungsinteresse — sie hätten also Hilfe gewollt und keine bekommen.
13 Was diese Zahl in Menschen bedeutet
Der Rechnungshof hat die MHAT-Ergebnisse in seinem Prüfbericht zur Kinder- und Jugendpsychiatrie vom August 2025 auf die Bevölkerung hochgerechnet. Bei einer von 23,9 Prozent hätten rund 170.000 Kinder und Jugendliche in Österreich zumindest eine Diagnose aufgewiesen; davon seien rund 107.000 akut behandlungsbedürftig gewesen.
Derselbe Bericht hält zwei Einschränkungen fest, die man mitlesen muss. Erstens: „Für unter Zehnjährige gab es in Österreich kaum Daten." Die MHAT-Studie beginnt bei zehn Jahren; was darunter passiert, ist für Österreich schlicht nicht repräsentativ erhoben. Zweitens: Laut derselben Studie waren 2014 weniger als die Hälfte der psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen in Behandlung, und 18 Prozent der nicht behandelten Betroffenen hätten sich eine Behandlung gewünscht.
Ein Hinweis zur Quellenkritik, den der Rechercheberichte ausdrücklich festhält: In einem Factsheet des österreichischen Berufsverbands für Psychotherapie wird ein Wert von „rund 24 Prozent aller Jugendlichen (10–18 Jahre)" der deutschen COPSY-Studie zugeschrieben. COPSY ist eine des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und erhebt keine österreichischen Prävalenzen; der Wert entspricht fast exakt der österreichischen MHAT-Zahl. Es handelt sich um eine Quellenverwechslung, und wir übernehmen diese Zuschreibung nicht.
14 Welche Störungen wie häufig sind
Die MHAT-Studie schlüsselt die Lebenszeitprävalenz nach Störungsgruppen auf. Die Rangfolge überrascht viele Eltern.
- Angststörungen: 15,6 Prozent
- Neuroentwicklungsbezogene Störungen: 9,3 Prozent, davon ADHS 5,2 Prozent
- Depressive Störungen: 6,2 Prozent
An erster Stelle steht also nicht die Depression, über die am meisten gesprochen wird, sondern die Angst — und mit deutlichem Abstand. Angststörungen sind auch die Gruppe mit dem größten Geschlechterunterschied: 19,53 Prozent bei Mädchen gegenüber 9,52 Prozent bei Buben, also rund das Doppelte.
Diese Rangfolge ist kein österreichisches Sonderphänomen. Auch die einzige nationale koreanische Erhebung dieser Altersgruppe (6.275 Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren, Hausbesuch-Interviews, Datenjahr 2022) findet Angststörungen mit 9,6 Prozent Lebenszeitprävalenz deutlich an der Spitze — mehr als die Hälfte der dortigen Gesamtprävalenz von 16,1 Prozent entfällt auf sie. Das WHO-Faktenblatt weist Angst ebenfalls in beiden Jugend-Altersbändern als häufigste Gruppe aus.
Warum Angst trotzdem seltener erkannt wird als Depression, hat einen einfachen Grund: Sie sieht nicht aus wie eine seelische Erkrankung. Sie sieht aus wie Bauchweh, wie Kopfweh, wie ein Kind, das morgens nicht in die Schule will, wie extreme Anhänglichkeit oder wie übertriebene Gewissenhaftigkeit.
15 Die weltweite Größenordnung: etwa jede und jeder Siebte
Das Faktenblatt der Weltgesundheitsorganisation zur psychischen Gesundheit Jugendlicher (Stand 1. September 2025) beziffert die globale Lage: Etwa eine oder einer von sieben Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren erlebt eine psychische Störung; genauer werden 14,3 Prozent genannt. Psychische Erkrankungen machen demnach 15 Prozent der weltweiten Krankheitslast in dieser Altersgruppe aus.
Die Aufschlüsselung nach Diagnosen:
- Angststörungen: 4,1 Prozent der 10- bis 14-Jährigen, 5,3 Prozent der 15- bis 19-Jährigen
- Depression: 1,3 Prozent beziehungsweise 3,4 Prozent
- ADHS: 2,7 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent
- Störungen des Sozialverhaltens: 3,3 Prozent beziehungsweise 1,8 Prozent
- Essstörungen: 0,1 Prozent beziehungsweise 0,4 Prozent
- Schizophrenie: 0,1 Prozent der 15- bis 19-Jährigen
Diese Werte liegen deutlich unter den österreichischen. Das ist kein Widerspruch: Die WHO zählt weltweit, über sehr unterschiedliche Versorgungs- und Erfassungssysteme hinweg, und sie zählt Störungen, nicht Beschwerden. Zwei Muster sind trotzdem bemerkenswert, weil sie in fast allen Erhebungen wiederkehren: Angst ist in beiden Altersbändern die häufigste Gruppe, und Depression nimmt mit dem Alter deutlich zu, während ADHS und Störungen des Sozialverhaltens abnehmen.
16 Andere Länder, andere Rangfolge — und was das heißt
Zwei diagnosebasierte nationale Erhebungen aus Asien kommen zu unvereinbaren Rangfolgen, und dieser Widerspruch ist lehrreich.
In China wurden zwischen 2012 und 2021 erstmals landesweit 73.992 Schülerinnen und Schüler im Alter von 6 bis 16 Jahren nach klinischen Diagnosekriterien untersucht. Die Gesamtprävalenz lag laut Studienteam bei 17,5 Prozent, aufgeschlüsselt: ADHS 6,4 Prozent, Angststörungen 4,7 Prozent, Störung mit oppositionellem Trotzverhalten 3,6 Prozent, Major Depression 2,0 Prozent. Diese Zahlen stammen aus offizieller Berichterstattung über die Studie; die Originalpublikation wurde nicht eingesehen, weshalb sie hier ausdrücklich als „laut Studienteam berichtet" stehen.
In Südkorea liegt die Rangfolge genau umgekehrt: Angststörungen 9,6 Prozent, Störungen des Sozialverhaltens und der Impulskontrolle 4,4 Prozent, neurologische Entwicklungsstörungen einschließlich ADHS und Tics 2,6 Prozent, Ess- und Ausscheidungsstörungen 1,7 Prozent.
Beide Erhebungen sind diagnosebasiert und national. Trotzdem steht in China ADHS mit 6,4 Prozent an erster Stelle, in Korea die gesamte Gruppe der Entwicklungsstörungen bei nur 2,6 Prozent. Ein Teil der Erklärung liegt in der Gruppenbildung: Korea fasst ADHS und Tics zusammen und weist ADHS nicht gesondert aus. Ein direkter Vergleich ist deshalb nicht zulässig.
Für Sie als Eltern heißt das: Wenn zwei Studien einander widersprechen, lohnt zuerst der Blick darauf, was jeweils gezählt wurde — nicht die Frage, welche Studie „recht hat".
17 Europa: die Beschwerden nehmen zu
Die internationale HBSC-Studie der WHO-Region Europa wertet 44 Länder und Regionen aus; die Erhebungsrunde 2021/22 umfasste über 280.000 Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren. Sie misst nicht Diagnosen, sondern mehrfache gesundheitliche Beschwerden — und zeigt eine klare Zunahme über drei Erhebungswellen.
Der Anteil Jugendlicher mit mehrfachen Beschwerden stieg von 33 Prozent (2014) über 36 Prozent (2018) auf 44 Prozent (2022). Bei den 15-Jährigen fällt der Geschlechterunterschied besonders auf: Bei den Burschen stieg der Anteil von 27 Prozent (2014) über 31 (2018) auf 36 Prozent (2022); bei den Mädchen von 50 über 52 auf 66 Prozent.
Einsamkeit ist der zweite auffällige Befund: 16 Prozent der Jugendlichen berichteten, sich im vergangenen Jahr meistens oder immer allein gefühlt zu haben. Der Anteil verdoppelt sich zwischen 11 und 15 Jahren nahezu — von 8 Prozent (Burschen) und 14 Prozent (Mädchen) auf 13 beziehungsweise 28 Prozent. Die mittlere Lebenszufriedenheit sank von 7,74 auf 7,47.
Diese Werte sind Selbstauskünfte, keine Diagnosen. Sie sagen also nicht, dass 44 Prozent der europäischen Jugendlichen krank sind. Sie sagen, dass fast die Hälfte regelmäßig mehrere Beschwerden erlebt — und dass dieser Anteil in acht Jahren um elf gestiegen ist.
18 Österreich im europäischen Vergleich: die Wohlstandskluft
Ein Befund derselben internationalen HBSC-Auswertung betrifft Österreich unmittelbar und wird selten zitiert: Österreich wird ausdrücklich als eines von fünf Ländern genannt, in denen die Unterschiede zwischen Jugendlichen aus wohlhabenden und aus weniger wohlhabenden Familien am größten sind — neben Bulgarien, Kanada, Ungarn und England.
Die österreichische HBSC-Erhebung selbst bestätigt das. Schülerinnen und Schüler aus der niedrigsten Wohlstandsgruppe haben insgesamt die höchste Rate an häufigen psychischen Beschwerden. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen der niedrigsten und der höchsten Wohlstandsgruppe bei Angstgefühlen, Nervosität, Einschlafschwierigkeiten und Zukunftssorgen.
Hier steckt allerdings ein Widerspruch, den man kennen sollte, weil er die Zahlen in zwei Richtungen verzerrt: Selbstberichtete Belastung ist bei ärmeren Jugendlichen höher, dokumentierte Diagnosen dagegen bei wohlhabenderen. Die deutschen Kassendaten der DAK zeigen das deutlich: Angststörungen werden am häufigsten bei jugendlichen Mädchen mit hohem sozioökonomischem Status festgestellt (70 Fälle je 1.000) und seltener bei Mädchen mit niedrigem Status (64 je 1.000) — obwohl Letztere mehr Beschwerden berichten.
Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Zugangs- und kein Erkrankungsunterschied. Wer Wege kennt, Wartezeiten überbrücken kann und Privatleistungen bezahlt, bekommt eher eine Diagnose. Für Eltern in belasteten Lebenslagen ist das die wichtigste Botschaft dieses Widerspruchs: Nicht jede fehlende Diagnose bedeutet ein fehlendes Problem.
19 Was Screenings in Österreich zeigen
Neben der Diagnosestudie gibt es für Österreich zwei Screening-Datenquellen. Beide messen Belastung, nicht Erkrankung — und beide liegen deshalb weit über den Diagnosewerten.
Die HBSC-Erhebung 2021/22 verwendet den WHO-5-Index. Ein Wert von 28 oder darunter gilt als Hinweis auf eine depressive Verstimmung oder Depression. Dieser Schwellenwert wird von 31 Prozent der Schülerinnen und 27 Prozent der weiblichen Lehrlinge erreicht; bei den Burschen von 17 Prozent der Schüler und 19 Prozent der männlichen Lehrlinge. Fast ein Drittel der Mädchen liegt also im Bereich, in dem genauer hingeschaut werden sollte.
Die zweite Quelle ist eine österreichische Online-Erhebung vom 26. April bis 24. Mai 2022 mit 616 Schülerinnen und Schülern von 14 bis 20 Jahren. Ihre Werte sind erheblich höher: klinisch relevante depressive Symptome bei 73 Prozent der Mädchen und 44 Prozent der Burschen, Angstsymptome bei 57 beziehungsweise 35 Prozent, Insomnie bei 34 beziehungsweise 21 Prozent, Suizidgedanken bei 24 beziehungsweise 12 Prozent, mindestens moderater Stress bei 95 beziehungsweise 81 Prozent.
Diese Zahlen sind korrekt erhoben und trotzdem keine Krankheitszahlen. Der Zugang war freiwillig und online, was eine Selbstselektion belasteter Jugendlicher wahrscheinlich macht; die Stichprobe ist klein; gemessen wurden Fragebogenschwellen. Als Belastungsanzeige sind sie aussagekräftig. Als Erkrankungshäufigkeit wären sie falsch.
20 Zwei Gradienten, die überall wiederkehren
Über alle hier ausgewerteten Länder hinweg zeigen sich zwei Muster so verlässlich, dass man sie als Faustregeln nehmen kann.
Mit dem Alter steigt die Häufigkeit
In Korea liegt die aktuelle bei Kindern von 6 bis 11 Jahren bei 4,7 Prozent und bei Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren bei 9,5 Prozent — also rund doppelt so hoch. In Japan waren in einer Auswertung von mehr als 31.000 Kindern 14 Prozent der 5. Schulstufe und 23 Prozent der 8. Schulstufe der depressiven Gruppe zuzuordnen. In China steigen die Screeningwerte von 19,4 Prozent in der Volksschulzeit über 21,9 Prozent in der Mittelstufe auf 26,2 Prozent in der Oberstufe. Der chinesische Verlauf ist allerdings stark durch die zentralen Aufnahmeprüfungen geprägt und in dieser Höhe nicht übertragbar.
Mädchen berichten mehr, Burschen zeigen anderes
In fast jedem Selbstauskunftsindikator liegen Mädchen höher: in Korea depressive Verstimmung 29,9 gegenüber 21,7 Prozent, Stress 50,3 gegenüber 32,9 Prozent; in Japan mittelgradige Depressivität 13,7 gegenüber 8,2 Prozent; in Brasilien anhaltende Traurigkeit 41 gegenüber 16,7 Prozent und Reizbarkeit 58,1 gegenüber 27,6 Prozent.
Bei Burschen zeigt sich Belastung häufiger als Reizbarkeit, Aggression und Leistungsabfall statt als berichtete Traurigkeit. Und bei ADHS kehrt sich der Gradient um: In der chinesischen über 246.866 Kinder waren Buben mit 7,6 Prozent mehr als doppelt so häufig betroffen wie Mädchen mit 3,6 Prozent. Auch im Vorschulalter ist die Verteilung umgekehrt — dazu mehr im Kapitel über Warnzeichen.
21 Deutschland und die Schweiz als Vergleichsfälle
Deutschland und die Schweiz haben ähnliche Versorgungsstrukturen wie Österreich und liefern Daten, die Österreich nicht hat.
Die amtliche deutsche Krankenhausstatistik zeigt für 2024: Psychische Erkrankungen sind bei 10- bis 19-Jährigen der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung — vor allen körperlichen Diagnosen. 116.300 von 615.300 stationären Behandlungen dieser Altersgruppe entfielen darauf, also 18,9 Prozent; gegenüber 2004 ist das ein Anstieg um 36,5 Prozent. Die häufigsten Einzeldiagnosen: Depression 33.900 Fälle (29,1 Prozent), Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen 11.700 (10,1 Prozent), alkoholbedingte Erkrankungen 9.900 (8,5 Prozent), Essstörungen 7.300 (6,3 Prozent).
Die deutsche COPSY-Studie begleitet seit Mai 2020 dieselbe Stichprobe von 2.865 Familien mit Kindern und Jugendlichen von 7 bis 22 Jahren. Ihr Verlauf widerspricht sowohl der Erzählung „alles ist wieder gut" als auch „es wird immer schlimmer": Psychische Auffälligkeiten lagen vor der Pandemie bei rund 17 Prozent, stiegen im zweiten Pandemiewinter auf 31 Prozent und liegen seit 2022 stabil bei 22 Prozent. Depressive Symptome: vorher rund 9 Prozent, Maximum 24 Prozent, zuletzt 15 Prozent. Diese Werte sind bis zur siebenten Erhebung im Oktober 2024 belegt; für eine achte Welle im Herbst 2025 kursieren Zahlen aus einer Pressemeldung, deren Volltext nicht abrufbar war — wir verwenden sie nicht.
In der Schweiz weist das Gesundheitsobservatorium für 2024 stabile Gesamtraten aus. Auffällig bleibt eine Gruppe: Die Hospitalisierungsrate von Mädchen bis 18 Jahren liegt seit 2021 rund doppelt so hoch wie die der Burschen.
22 Weitere europäische Vergleichszahlen
Frankreich hat als erstes Land Europas die psychische Gesundheit von Volksschulkindern national erhoben. Die Studie Enabee fand bei 13,0 Prozent der 6- bis 11-Jährigen eine wahrscheinliche psychische Störung: emotionale Störungen 5,6 Prozent, oppositionelle Störungen 6,6 Prozent, ADHS 3,2 Prozent. Zu dieser Studie ist ein Vorbehalt zu nennen: Stichprobengröße und eingesetzte Fragebogeninstrumente waren auf der abgerufenen Quelle nicht angegeben und konnten nicht verifiziert werden.
Für die französische Oberstufe misst die Erhebung EnCLASS 2024 mit einer Depressionsskala ein hohes Depressionsrisiko bei 18,9 Prozent — Mädchen 25,7 Prozent, Burschen 11,7 Prozent. Der Wert lag 2022 bei 15,4 Prozent; bei den Burschen stieg er von 8,0 auf 11,7 Prozent. Stichprobe: 11.398 Schülerinnen und Schüler, Teilnahmequote 80 Prozent.
Das belgische Gesundheitsinstitut Sciensano berichtet für die 15- bis 24-Jährigen, dass „fast einer von vier" an einer Angst- und/oder depressiven Störung leidet — allerdings auf Basis von Selbstangaben zu Symptomen, nicht von klinischen Diagnosen.
Für Spanien liegen Diagnosewerte von 11,8 Prozent (Angststörungen) und 3,4 Prozent (depressive Störungen) vor; diese Angaben sind Sekundärzitate aus einem Bericht, die Primärarbeiten wurden nicht eingesehen. Italien beziffert über SINPIA „1 von 5 Minderjährigen" — dieser Wert umfasst allerdings das gesamte neuropsychiatrische Spektrum inklusive Epilepsie sowie Sprach- und Lernstörungen und ist deshalb nicht mit deutschsprachigen angaben vergleichbar.
Portugal schließlich, methodisch der nächste Vergleichsfall zu Österreich, weil es wie Österreich an der HBSC-Studie teilnimmt: Der Anteil unglücklicher Jugendlicher stieg dort zwischen 2018 und 2022 von 18,3 auf 27,7 Prozent.
23 Hat die Pandemie das verursacht? Der große Widerspruch
Zu dieser Frage gibt es zwei derselben kanadischen Arbeitsgruppe, die dieselbe Frage mit unterschiedlichen Studiendesigns beantworten — und zu deutlich unterschiedlichen Größenordnungen kommen. Wir nennen beide und mitteln sie nicht.
Die erste Metaanalyse (2021) wertete 29 Querschnittsstudien mit 80.879 Kindern und Jugendlichen aus dem ersten Pandemiejahr aus. Sie fand gepoolte von 25,2 Prozent für erhöhte Depressionssymptome und 20,5 Prozent für Angstsymptome. Verglichen mit vorpandemischen Werten von 12,9 und 11,6 Prozent entspricht das etwa einer Verdopplung.
Die zweite Metaanalyse (2023) wertete ausschließlich aus — also Studien, die dieselben Kinder vor und während der Pandemie untersuchten. 53 Studien mit 40.807 Kindern aus zwölf Ländern. Ergebnis: eine standardisierte mittlere Veränderung von 0,26 für Depression und 0,10 für Angst. Die Autoren selbst bezeichnen das als „geringe bis kleine" Größenordnung. Bei Mädchen lag der Wert bei 0,32, bei Burschen bei 0,10 und war damit nicht statistisch abgesichert. Für Europa wurde ein Wert von 0,35 ausgewiesen — der höchste der ausgewerteten Regionen, aber immer noch ein kleiner Effekt.
Warum der Unterschied? Querschnittsstudien vergleichen eine Momentaufnahme mit einer historischen Schätzung; Längsschnittstudien vergleichen dieselben Kinder mit sich selbst. Letzteres ist das strengere Verfahren. Die pauschale Aussage „die psychische Belastung hat sich in der Pandemie verdoppelt" hält den strengeren Daten nicht stand.
24 Seit der Pandemie: kein einheitlicher Trend
Wer erwartet, dass sich nach der Pandemie ein klares Bild ergeben hätte, wird enttäuscht. Selbstbericht, Diagnosedaten und amtliche Statistik messen Verschiedenes und zeigen unterschiedliche Richtungen.
- Deutschland COPSY (Selbstbericht): stabiles Plateau bei rund 22 Prozent seit 2022, aber über dem Ausgangsniveau von rund 17 Prozent.
- Deutschland DAK (Kassendaten): Plateau auf erhöhtem Niveau; bei der Depression jugendlicher Mädchen sogar ein leichter Rückgang um 2 Prozent von 2023 auf 2024.
- Österreich HBSC: Werte für psychisches Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit 2022 deutlich niedriger als 2018.
- Europa HBSC: mehrfache Beschwerden von 33 Prozent (2014) über 36 (2018) auf 44 Prozent (2022) — durchgehend steigend.
- Frankreich EnCLASS: Alltagsbeschwerden 2024 mit 45,1 Prozent unter dem Wert von 2022 (48,7 Prozent), Wohlbefinden erholt — aber das Depressionsrisiko in der Oberstufe gestiegen.
- Frankreich DREES: Krankenhausaufnahmen wegen selbstzugefügter Verletzungen bis 2025 weiter steigend.
- Norwegen: Essstörungen rückläufig, aber weiterhin über dem erwarteten Niveau.
- Spanien: Suizidzahlen insgesamt sinkend, bei unter 20-Jährigen steigend.
- Japan: mindestens mittelgradige depressive Symptome 13,3 Prozent (2023), 14,7 Prozent (2024), 11,0 Prozent (2025).
Und für Österreich hält der Rechnungshof ausdrücklich fest, dass mangels vergleichbarer repräsentativer Daten formal gar nicht feststeht, ob und wie stark die während der Pandemie gestiegen ist. Anders als Deutschland erhebt Österreich seit 2003 keine regelmäßigen Vergleichsdaten. Wer Ihnen also eine klare Antwort auf die Frage „hat die Pandemie unseren Kindern geschadet?" gibt, überschätzt die Datenlage.
25 Die Versorgungslücke — und warum Kinder trotzdem nicht ankommen
Der Rechnungshof hat die Versorgungsplanung in der österreichischen Kinder- und Jugendpsychiatrie für die Jahre 2017 bis 2023 geprüft und kommt zu einem eindeutigen Urteil: Das Fach ist „in sehr hohem Maße unterversorgt".
Die Belege dafür sind konkret. 2022 lag die Bettendichte bei 0,04 je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner statt der geplanten 0,05 — bundesweit fehlten damit mindestens 103 Betten. Es fehlten außerdem 198 Tagesklinik- oder ambulante Betreuungsplätze. Im Burgenland gab es 2022 überhaupt keine stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Kapazitäten. In neun von 32 Versorgungsregionen war keine niedergelassene Vertragsärztin und kein Vertragsarzt tätig, in weiteren 13 nur eine oder einer. Die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte ist zwar gestiegen — von 97 Ende 2007 über 236 Ende 2017 auf 313 Ende 2023 —, ohne dass die Lücke geschlossen wäre. Verdeckte Testanrufe im Auftrag der Ärztekammer für Wien ergaben im Frühjahr 2024 eine durchschnittliche Wartezeit von 90 Tagen auf einen Kassentermin oder einen vollständigen Aufnahmestopp.
Bei der Psychotherapie ist die Rechnung ähnlich: Das Sozialministerium geht von einem Versorgungsbedarf bei 3 bis 5 Prozent der 0- bis 21-Jährigen aus, während kassenfinanzierte Plätze für rund 1,23 Prozent verfügbar sind — eine Lücke von etwa 35.000 bis 74.000 Behandlungsplätzen.
Eine wichtige Änderung gibt es seit 2026: Die klinisch-psychologische Behandlung ist bei der Österreichischen Gesundheitskasse nun Sachleistung, also auf Kassenkosten verfügbar, mit gleichem Zugang für Kinder und Erwachsene. Die ersten zehn Sitzungen brauchen keine Bewilligung; jährlich stehen rund 120.700 Behandlungseinheiten zu je 50 Minuten zur Verfügung. Die Servicestelle erreichen Sie unter 0800 10 02 03.
Und dann gibt es die zweite, unsichtbare Lücke. In der koreanischen Bevölkerungserhebung standen 7,1 Prozent aktueller nur 4,3 Prozent Inanspruchnahme im vergangenen Jahr gegenüber. Die Gründe waren fast durchgehend nicht struktureller, sondern einstellungsbedingter Natur: „nicht ernst genug, um Hilfe zu brauchen" rund 60 Prozent, „löst sich mit der Zeit von selbst" 43 bis 53 Prozent, Stigma 30 bis 48 Prozent, Sorge vor einem bleibenden Aktenvermerk 39 bis 41 Prozent. Diese Denkmuster sind nicht koreanisch. Sie sind der eigentliche Hebel.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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