Belastende Kindheitserfahrungen
Trennung, Krankheit, Gewalt, Sucht in der Familie: Was solche Erfahrungen langfristig bewirken – und was Kinder davor schützt.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
122 Was dieses Kapitel nicht kann
Über belastende Kindheitserfahrungen und ihre Spätfolgen gibt es eine umfangreiche internationale Forschung. Sie ist unter dem Kürzel ACE bekannt, für adverse childhood experiences, und sie arbeitet mit einem Punktesystem: Für jede belastende Erfahrung — Gewalt, Vernachlässigung, Suchterkrankung oder psychische Erkrankung eines Elternteils, Trennung, Gefängnis — gibt es einen Punkt, und aus der Summe wird ein Risiko berechnet.
Dieser Ratgeber stützt sich auf zwei umfangreiche Faktensammlungen, die aus insgesamt neun Rechercheberichten in neun Sprachen zusammengetragen wurden. In keiner der beiden findet sich eine ACE-Studie, kein ACE-Punktwert, keine ACE-bezogene und keine Resilienzstudie mit Wirksamkeitszahlen.
Das heißt nicht, dass es diese Forschung nicht gibt. Es heißt, dass dieser Text nichts darüber behaupten kann, ohne zu erfinden. Sie werden in diesem Kapitel deshalb keine Sätze der Art finden, dass vier belastende Erfahrungen das Risiko um einen bestimmten Faktor erhöhen. Wenn Sie solche Sätze anderswo lesen, prüfen Sie, worauf sie sich stützen.
Was die Quellen dieses Ratgebers hergeben, ist etwas anderes und immer noch nützlich: Risikofaktorenlisten aus medizinischen Leitlinien, soziale Unterschiede aus Bevölkerungsdaten, einzelne Zahlen zu Vernachlässigung und familiären Konflikten sowie eine kurze Liste von Schutzfaktoren. Das steht in den folgenden elf Abschnitten. Es ist weniger, als das Thema verdient, und mehr als nichts.
123 Die Risikofaktoren, die eine Leitlinie ausdrücklich nennt
Die französische Gesundheitsbehörde hat 2021 eine Leitlinie zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Deren Empfehlung Nummer 22 listet die Risikofaktoren auf, auf die geachtet werden soll. Die Liste ist keine Prognose für ein einzelnes Kind, sondern eine Aufzählung dessen, was in Studien wiederholt mit erhöhtem Risiko verbunden war.
Genannt werden:
- frühere eigene Suizidversuche
- Suizidversuche und Suizide in der Familie
- eine psychiatrische Störung oder eine Substanzstörung, beim Kind besonders Depression, ADHS und die oppositionelle Störung beziehungsweise Störung des Sozialverhaltens
- eine psychiatrische Störung der Eltern
- eine chronische körperliche Erkrankung
- Impulsivität, Schwierigkeiten in der Steuerung von Gefühlen und eine unsichere Bindung
- selbstzugefügte Verletzungen
- Mobbing
- Misshandlung und Vernachlässigung sowie das Miterleben familiärer Gewalt
- ein erhöhtes Risiko bei Jugendlichen aus sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten, bei Migrantinnen und Migranten, bei unbegleiteten Minderjährigen und bei Kindern in der Jugendhilfe
- familiäre Konflikte und eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung
Zwei Hinweise dazu. Erstens: Diese Faktoren sind teils veränderbar und teils nicht. Ein Familienname in der Liste bedeutet nicht, dass ein Kind erkrankt. Zweitens: Fast alle diese Punkte sind auch dann relevant, wenn es nicht um Suizidalität geht — sie tauchen in den Leitlinien zu Depression und Angststörungen weitgehend gleichlautend auf.
124 Worauf britische Fachleute geschult werden sollen
Die britische Leitlinie zur Depression bei Kindern und Jugendlichen geht einen Schritt weiter als die Aufzählung: Sie schreibt vor, worauf Fachpersonen ausdrücklich geschult werden sollen, damit sie es überhaupt bemerken.
Die Liste umfasst Alter und Geschlecht, familiäre Zerwürfnisse, Mobbing, körperlichen, sexuellen und emotionalen Missbrauch, begleitende andere Störungen einschließlich des Konsums von Alkohol und Drogen sowie eine Depression in der Vorgeschichte eines Elternteils.
Bemerkenswert an dieser Liste ist der letzte Punkt. Eine depressive Erkrankung bei Vater oder Mutter gilt in dieser Leitlinie als etwas, wonach systematisch gefragt werden soll. Für Eltern, die selbst betroffen sind oder waren, ist das keine Schuldzuweisung, sondern das Gegenteil: eine Aufforderung, es der Ärztin oder dem Arzt des Kindes zu sagen. Diese Information verändert, worauf geschaut wird.
Zur Einordnung des Verifikationsstands: Diese Leitlinie wurde 2019 veröffentlicht und im April 2024 redaktionell aktualisiert; ihr Geltungsbereich sind 5- bis 18-Jährige. Für die britische Leitlinie zur Selbstverletzung aus dem Jahr 2022 gilt ein Vorbehalt: Ihr Empfehlungskapitel war zum Zeitpunkt der Recherche nicht abrufbar, die Inhalte stammen aus den Übersichtsangaben. Wörtliche Empfehlungstexte und Zahlen aus diesem Dokument konnten nicht verifiziert werden.
125 Belastungsreaktionen in Zahlen
Wie häufig sind Reaktionen auf Belastungen? Drei Datenquellen geben dazu Auskunft, jede auf ihre Weise.
Die spanische Schulstudie Emo-Child mit 5.652 Schülerinnen und Schülern führt posttraumatische Belastung als eigene Kategorie und findet sie in beiden Altersgruppen bei jeweils 4 Prozent: bei den 9- bis 12-Jährigen ebenso wie bei den 13- bis 16-Jährigen. Das liegt in derselben Größenordnung wie Angst und wie körperliche Beschwerden.
Die deutsche Krankenhausstatistik führt „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen" als zweithäufigsten Grund für eine stationäre psychiatrische Behandlung bei 10- bis 19-Jährigen: 11.700 Fälle im Jahr 2024, das sind 10,1 Prozent aller 116.300 solchen Behandlungen. Nur die Depression ist häufiger.
Für Österreich gibt es die aussagekräftigste Zahl aus dem Bundesprogramm „Gesund aus der Krise". In dessen Evaluierung durch die Universität Innsbruck war die Anpassungsstörung mit 22 Prozent die häufigste Verdachtsdiagnose. Zwei weitere Angaben aus derselben Auswertung sind für das Verständnis wichtig: Bei 89 Prozent der Behandelten waren die psychosozialen Probleme in den vorangegangenen Wochen oder Monaten neu aufgetreten, und in 98 Prozent der Fälle waren die Beeinträchtigungen leicht bis merkbar ausgeprägt. Schwere Störungen traten nur in Einzelfällen auf.
Das ist ein wichtiger Befund gegen die Erzählung, dass alles immer schwerer wird: Das größte kostenfreie Programm des Landes behandelt weit überwiegend neu aufgetretene, leichte bis mittlere Belastungen. Genau dafür ist es gemacht.
126 Der Faktor, der zu Hause liegt
Der auffälligste einzelne Befund zur Familie stammt aus dem chinesischen „Blaubuch psychische Gesundheit", einer Bevölkerungserhebung des Instituts für Psychologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften auf der Basis von über 170.000 Fragebögen, darunter über 50.000 von Schülerinnen und Schülern der Klassen vier bis zwölf.
Der Befund lautet: Bei hoher emotionaler Vernachlässigung durch die Eltern zeigten rund 40 Prozent der Jugendlichen ein Depressionsrisiko in unterschiedlichem Ausmaß. Es ist der stärkste Einzelzusammenhang, den diese Erhebung berichtet — stärker als alles, was sie zu Schule oder Bildschirmnutzung findet.
Zur Verlässlichkeit gehört gesagt: Dieser Wert ist über die Berichterstattung zugänglich, nicht über den Primärbericht. Er ist damit eine Sekundärquelle. Zusätzlich ist das Veröffentlichungsdatum des Blaubuchs in den Fundstellen widersprüchlich — eine Zusammenfassung nennt April 2024, andere Fundstellen April 2025. Mehrere weitere Zahlen aus demselben Bericht, die in Medien kursieren, sind ausdrücklich als nicht verifiziert gekennzeichnet und stehen deshalb nicht in diesem Ratgeber.
Was „emotionale Vernachlässigung" in diesem Zusammenhang bedeutet, ist nicht Gewalt und nicht Verwahrlosung. Es geht um die Frage, ob ein Kind sich zu Hause gesehen fühlt: ob jemand fragt, ob jemand zuhört, ob jemand merkt, wenn etwas nicht stimmt. Dass dies der stärkste in dieser Erhebung gemessene Zusammenhang ist, ist für Eltern die vielleicht wichtigste Information dieses Kapitels — weil sie sich auf etwas bezieht, das im eigenen Einflussbereich liegt.
127 Streit in der Familie und wer mit wem lebt
Eine chinesische systematische Übersicht mit aus 28 Studien und 159.249 Teilnehmenden, von denen 38.274 depressive Symptome aufwiesen, hat mehrere Familienfaktoren als berechnet.
Familiäre Konflikte erhöhen die Chance auf depressive Symptome um den Faktor 2,63 (OR = 2,63). Eine nicht-traditionelle Familienstruktur liegt bei OR = 1,48. Zum Vergleich in derselben Analyse: Schlafmangel liegt bei OR = 4,81, hoher Leistungsdruck bei OR = 1,83, Bildschirmzeit ab zwei Stunden täglich bei OR = 1,50. Familiärer Streit ist damit nach dem Schlafmangel der zweitstärkste dort gemessene Faktor — und deutlich stärker als der Bildschirm.
Zur Familienstruktur liegen zwei weitere Befunde vor, die vorsichtig zu lesen sind. Der französische Suizidbericht weist für 14- bis 17-Jährige, die mit nur einem Elternteil leben, eine Rate von Krankenhausaufnahmen wegen selbstzugefügter Verletzungen von 383 je 100.000 aus, gegenüber 235 je 100.000 bei Kindern im elterlichen Haushalt. Bei Kindern von 10 bis 13 Jahren, die außerhalb eines Haushalts leben, liegt der Wert bei 455 je 100.000 gegenüber 27 für alle Kinder dieses Alters.
Die japanische Untersuchung von 138 Suizidfällen an Schulen führt „Einelternfamilie" mit 28,3 Prozent als häufigstes familienbezogenes Merkmal. Die Behörde selbst weist allerdings auf eine Verzerrung hin: Weil Schulen diese Berichte verfassen, sind schulbezogene Umstände wahrscheinlich besser erfasst als familiäre.
Diese Zahlen beschreiben Gruppen, nicht Personen. Eine Alleinerzieherin liest hier keine Prognose für ihr Kind. Sie liest, dass die Belastung höher liegt und dass Entlastung ein wirksamer Ansatzpunkt ist.
128 Wenn eine Bezugsperson lange fehlt
In China wachsen Millionen Kinder bei Großeltern auf, weil beide Eltern als Wanderarbeiter in anderen Provinzen arbeiten. Diese Gruppe trägt einen eigenen Namen — man nennt sie die zurückgelassenen Kinder — und zeigt in derselben Erhebung, die im vorigen Abschnitt genannt wurde, bei knapp 30 Prozent ein Depressionsrisiko.
Dieser Befund ist für Österreich in keiner Weise übertragbar. Die Konstellation gibt es hier nicht, sie beruht auf einem Haushaltsregistrierungssystem, auf Arbeitsmigration innerhalb eines sehr großen Landes und auf einem starken Versorgungsgefälle zwischen Stadt und Land. Der chinesische Recherchebericht hält ausdrücklich fest, dass es für diese Konstellation in Österreich kein Äquivalent gibt.
Wozu steht sie dann hier? Weil sie etwas belegt, das sich in österreichischen Daten so nicht isolieren lässt: dass die längere Abwesenheit der Hauptbezugsperson ein eigenständiger, messbarer Risikofaktor ist — und nicht nur eine Begleiterscheinung von Armut. Die zurückgelassenen Kinder in China sind nicht ärmer als ihre Nachbarn; ihre Eltern verdienen im Gegenteil auswärts Geld. Was fehlt, ist die Anwesenheit.
Für österreichische Familien lässt sich daraus keine Regel ableiten, wohl aber eine Frage: Wer ist in dieser Lebensphase tatsächlich verlässlich da? Bei getrennten Eltern, bei langen Auslandseinsätzen, bei Schichtarbeit oder bei einer schweren Erkrankung in der Familie ist das keine rhetorische Frage.
129 Nicht ein Ereignis, sondern das Zusammentreffen
Die von der japanischen Kinder- und Familienbehörde beauftragte Untersuchung von 138 Suizidfällen an Schulen kommt zu einem Ergebnis, das für die Alltagsbeurteilung wichtiger ist als jede einzelne Risikofaktorenliste.
Die Untersuchung ordnete die dokumentierten Lebensumstände der verstorbenen Kinder in drei Großgruppen mit insgesamt dreißig Merkmalen. Kein einzelnes Merkmal erklärte die Fälle. Im Durchschnitt lagen 3,1 Merkmale gleichzeitig vor. Die häufigsten waren: Einelternfamilie mit 28,3 Prozent, Isolation unter Mitschülerinnen und Mitschülern mit 26,1 Prozent, Lernschwierigkeiten und schwache Leistungen mit 22,5 Prozent, eine psychische Erkrankung mit 21,7 Prozent und Laufbahnprobleme mit 20,3 Prozent.
Parallel dazu wurden 595 dokumentierte Auffälligkeiten aus denselben 138 Fällen ausgewertet — durchschnittlich 4,3 pro Fall. In 60 Fällen, also 43,5 Prozent, gab es ausdrücklich suizidbezogene Zeichen.
Die praktische Folgerung ist einfach zu formulieren und schwer umzusetzen. Ein einzelnes Problem — schlechte Note, Streit mit der besten Freundin, Trennung der Eltern — ist statistisch nicht das, was Kinder in eine Krise bringt. Was sie in eine Krise bringt, ist die Häufung. Wenn sich in einem Halbjahr zwei oder drei Belastungen übereinanderlegen, ist das der Zeitpunkt zu handeln, und nicht erst dann, wenn eine davon dramatisch wird.
130 Armut ist der stärkste einzelne Faktor
Über mehrere Länder und mehrere Erhebungsarten hinweg zeigt sich derselbe Befund: Kinder aus ärmeren Familien berichten mehr psychische Belastung.
Die eindrücklichste Einzelstudie stammt aus Katalonien. Eine Auswertung sämtlicher Primärversorgungsdaten mit 1.707.471 Personen im Alter von 10 bis 24 Jahren über 8.868.472 Personenjahre fand zwischen 2013 und 2022 einen Anstieg der dokumentierten Selbstverletzungen um den Faktor 2,67 — und als stärksten einzelnen Risikofaktor die sozioökonomische Benachteiligung. Nicht die Bildschirmzeit, nicht die Schulform: die wirtschaftliche Lage der Familie.
Für Österreich ist der internationale HBSC-Bericht der WHO-Region Europa aussagekräftig, der über 280.000 Jugendliche in 44 Ländern erfasst. Er nennt Österreich ausdrücklich als eines von fünf Ländern mit den größten Unterschieden zwischen Jugendlichen aus wohlhabenden und aus weniger wohlhabenden Familien. Der österreichische HBSC-Bericht bestätigt das für das eigene Land: Schülerinnen und Schüler aus der niedrigsten Wohlstandsgruppe haben insgesamt die höchste Rate an häufigen psychischen Beschwerden, und bei Angstgefühlen, Nervosität, Einschlafschwierigkeiten und Zukunftssorgen sind die Unterschiede besonders groß.
Dieselbe Richtung zeigen die brasilianischen mit 12.350 Teilnehmenden, die portugiesische HBSC-Erhebung mit 5.809 Jugendlichen und die koreanische Schulstudie. In der französischen Krankenhausstatistik stellen Bezieherinnen und Bezieher einer einkommensabhängigen Zusatzleistung ein Viertel der wegen selbstzugefügter Verletzungen behandelten Patientinnen und Patienten, machen aber nur 11 Prozent aller Behandelten aus.
131 Ein Widerspruch, der Eltern etwas sagt
Dem Befund des vorigen Abschnitts steht ein anderer entgegen, und der Widerspruch ist aufschlussreich.
Während ärmere Jugendliche mehr Belastung berichten, bekommen wohlhabendere häufiger eine Diagnose. Der deutsche Kassenreport zeigt es an einem Beispiel: Angststörungen werden bei jugendlichen Mädchen mit hohem sozioökonomischem Status mit 70 Fällen je 1.000 am häufigsten festgestellt; bei Mädchen mit niedrigem Status sind es 64 je 1.000.
Das ist kein Widerspruch in den Daten, sondern ein Unterschied zwischen zwei Dingen, die gemessen werden. Selbstauskünfte messen, wie es Jugendlichen geht. Abrechnungsdaten messen, wer im Versorgungssystem angekommen ist. Der deutschsprachige Recherchebericht formuliert die Schlussfolgerung so: Es handelt sich vermutlich um einen Zugangs- und nicht um einen Erkrankungsunterschied.
Für Eltern ist das die wichtigste Botschaft dieses Widerspruchs. Der Weg ins Hilfesystem ist nicht gleich verteilt. Wer Zeit hat, Termine zu vereinbaren, nachzutelefonieren, Wartelisten auszusitzen und im Zweifel privat zu bezahlen, kommt schneller an. Für Österreich ist das kein Nebengedanke: Das Sozialministerium selbst beziffert den Versorgungsbedarf mit 3 bis 5 Prozent der 0- bis 21-Jährigen, während kassenfinanzierte Psychotherapieplätze nur für rund 1,23 Prozent dieser Altersgruppe verfügbar sind. Das entspricht einem unerfüllten Bedarf von etwa 35.000 bis 74.000 Behandlungsplätzen. Mehr dazu in Kapitel 14.
132 Was schützt
Die Quellen dieses Ratgebers enthalten keine Resilienzstudie mit Wirksamkeitszahlen. Was sie enthalten, sind mehrere unabhängige Angaben dazu, was mit geringerer Belastung einhergeht.
Die französische Leitlinie nennt als Schutzfaktoren ausdrücklich: familiären Zusammenhalt, die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, das elterliche Engagement im Lernen und im schulischen Weg des Kindes sowie soziale Unterstützung. Das sind, bemerkenswerterweise, überwiegend familiäre Faktoren. Eltern sind in dieser Aufzählung nicht Zuschauer.
Die japanische Auswertung von über 31.000 Kindern der fünften und achten Schulstufe fand den stärksten erkennbaren Zusammenhang bei der Beziehungsqualität. Kinder, die sich darauf freuten, ihre Freundinnen und Freunde in der Schule zu sehen, gehörten in der fünften Schulstufe zu 9 Prozent und in der achten zu 14 Prozent der depressiven Gruppe an. Bei Kindern ohne diese Vorfreude waren es 63 beziehungsweise 75 Prozent. Für die Beziehung zur Lehrkraft zeigte sich derselbe Zusammenhang, schwächer ausgeprägt: 8 und 13 Prozent gegenüber 29 und 36 Prozent. Diese Werte sind Anteilsvergleiche und keine se.
Die brasilianische Erhebung nähert sich von der anderen Seite: 26,1 Prozent der Jugendlichen gaben an, ständig das Gefühl zu haben, dass sich niemand um sie sorge — bei Mädchen 33, bei Burschen 19 Prozent. Für die übrigen drei Viertel ist genau dieses Gefühl der Schutz.
Regelmäßige Bewegung erwies sich in einer chinesischen Erhebung an 27.004 Schülerinnen und Schülern als Schutzfaktor gegen das gemeinsame Auftreten von Angst und Depression. Und die chinesische zur Selbstverletzung nennt zwei risikosenkende Faktoren: hohe soziale Unterstützung und ein höherer Bildungsstand der Hauptbezugsperson.
133 Ein Viertel ohne Erkrankung
Zum Abschluss dieses Kapitels ein Befund, der quer zu allem bisher Gesagten steht und deshalb hierher gehört.
Der offizielle Elternleitfaden der Region Madrid räumt in seinem Mythenkapitel mit der Vorstellung auf, dass Suizidalität immer eine psychische Erkrankung voraussetzt. Der Wortlaut: 75 Prozent der Suizide ereignen sich bei Menschen mit einer psychischen Störung — die übrigen 25 Prozent nicht.
Die italienische Fachgesellschaft beschreibt dasselbe für das Jugendalter aus fachlicher Sicht. Ihr Präsident für Neuropsychiatrie formuliert, es sei in der Adoleszenz nicht selten, auf Jugendliche zu treffen, die ohne jede erkennbare psychiatrische Störung eine tiefe Krise durchlebten, aus der ein unerträglicher seelischer Schmerz entstehe. Als neurobiologische Erklärung nennt dieselbe Quelle die ungleichzeitige Hirnreifung: Die Regionen, die Gefühle erzeugen, reifen früher als jene, die sie steuern.
Für Eltern folgt daraus etwas Praktisches. Die Frage „Ist mein Kind krank?" ist nicht die Frage, an der sich entscheidet, ob Sie handeln. Ein Viertel der Betroffenen fällt durch dieses Raster. Die bessere Frage lautet: Geht es meinem Kind erkennbar schlecht, und seit wann? Wenn die Antwort auf den zweiten Teil „seit Wochen" lautet, ist das Grund genug für einen Termin — unabhängig davon, ob am Ende eine Diagnose steht.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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